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Geist & Seele
Geist & Seele
Wege, die eine Wirklichkeit zu erschließen. Beide gehören zusammen.« Wobei der Begriff »Komplementarität« bedeute, dass eine
und dieselbe Wirklichkeit angemessen nur auf zweierlei Weise
beschrieben werden kann; auch wenn diese Beschreibungen einander ausschließen sollten.
Beklagenswert ist für Walach allerdings, dass in der westlichen
Kultur auf dem Feld der spirituellen Erfahrung der Wirklichkeit
keine wissenschaftlichen Verfahren und Methoden entwickelt
worden sind. Zwar habe sich eine komplexe Wissenschaft entwickelt, um das sinnliche Gewahren der Welt kontinuierlich zu
verfeinern und die sinnliche Wahrnehmung in veri zierbare Erkenntnis zu transformieren. Eine entsprechende methodologische Verfeinerung des spirituellen Zugangs zur Wirklichkeit habe
es aber nicht gegeben. »Wir haben keine ausgearbeitete Methodologie spiritueller Welterschließung«, sagt er und fordert, das
müsse sich ändern.
Die Vorstellung komplementärer Zugänge zur Wirklichkeit ist auch
ein zentrales Motiv in der Philosophie Ken Wilbers. Er votiert für
einen »Integralen Methodologischen Pluralismus«, der acht komplementäre – gleichberechtigte – Wege der Beschreibung eines
und desselben Phänomens unterscheidet. Alle diese Wege haben
recht, erklärt Student in ihrem Buch, »aber jeweils nur teilweise.
Sie beleuchten jeweils einen wesentlichen Teilaspekt einer manifesten Wirklichkeit. Was wir jedoch brauchen, ist ein umfassenderes Verständnis der ganzen Wirklichkeit. Wir können es uns nicht
leisten, auf einen dieser Aspekte zu verzichten.«
Ich sehe was,
was du nicht
siehst
Spiritualität und Wissenschaft ergänzen
einander. Beide öffnen auf ihre Art Einsichten in die Welt. Sie können einander
widersprechen und doch kann keine die
andere ersetzen, meinen Sonja Student
und Harald Walach. Bei einer vom WirMagazin organisierten Veranstaltung in
Berlin haben sich die Aktivistin der Integralen Bewegung und der Universitätsprofessor getroffen und kontrovers darüber
diskutiert, wie Spiritualität und Wissenschaft sich zueinander stellen sollten.
A
Text: Christoph Quarch
Illustration: Florian Geppert
ls die europäische Aufklärung im 18. Jahrhundert ihre senschaft an die Seite zu treten. Spirituelle Erfahrungen, so das
höchsten Höhen erklomm, machte unter ihren Protagonisten Leitmotiv, stehen den empirischen Erfahrungen der Wissenschaft
das Projekt des Deismus die Runde – ein Schlagwort, hinter dem nicht nach. Sie erschließen ebenfalls Einsichten in die Beschaffensich das Vorhaben verbarg, die Religion des Christentums in die heit der Welt. Und deshalb sollten spirituelle Erfahrungen als reSprache der Vernunft zu übersetzen. Alles Religiöse, was den levante Erkenntnisse über die Welt ernst genommen werden.
Maßstäben einer wissenschaftlich bestätigten Deutung der Welt
zuwiderlief, sollte eliminiert werden, um eine Essenz zu destillie- Aufgeklärte Spiritualität Besonders die von dem US-amerikaren, die vor dem Richtstuhl der Vernunft Bestand haben würde. nischen Philosophen Ken Wilber inspirierte Integrale Bewegung
Religion und Wissenschaft wurden zu Feinden – und sie führten hat diese Annäherung von Wissenschaft und Spiritualität auf
einen erbitterten Krieg.
ihre Fahnen geschrieben. Frei nach Kant lässt sich ihr Projekt als
Wie oft bei erbitterten Kriegen einigten sie sich irgendwann auf eine »Spiritualität innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«
einen unausgesprochenen Kompromiss: Die Religion verzichtete beschreiben – als »aufgeklärte Spiritualität«, wie der Untertitel
auf den Anspruch, die Welt erklären zu können und beschränkte eines Buches von zwei führenden Exponenten dieser Richtung, Misich darauf, moralische Weisungen vorzutragen. Und die Wissen- chael Habecker und Sonja Student, zu erkennen gibt.
schaft ließ sie gewähren, solange kein Theologe auf die Idee kam, Doch auch außerhalb der Integralen Bewegung ist dieses Anliegen
sich in ihre Diskurse einzumischen.
lebendig. »Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen« lautet
Dieser Kompromiss ist ins Wanken geraten. Nicht, dass die etab- der Untertitel des Buches »Spiritualität« von Professor Harald Walierten Religionen einen neuen Wettstreit mit den Wissenschaften lach, mit dem er seiner Überzeugung Nachdruck verleiht, dass die
suchten; nein, der Kompromiss ist ins Wanken geraten, weil sich Aufklärung ohne eine re ektierte Spiritualität unvollständig bleibt.
eine avancierte zeitgenössische Spiritualität anschickt, der Wis- Was aber hei t das? Wie lässt sich eine aufgeklärte, re ektierte
Wir – Menschen im Wandel 05 | 2012
Spiritualität umreißen? Wie kann eine zeitgemäße Verhältnisbestimmung von Spiritualität und Wissenschaft vorgenommen
werden? Diese Fragen erscheinen in der Tat dringlich. Deshalb haben die Initiatoren des Wir-Magazins vor einigen Wochen Sonja
Student und Harald Walach zu einem Gespräch gebeten, bei dem
recht unterschiedliche Antworten zutage traten.
Eine Wirklichkeit, viele Perspektiven Wobei sich beide an
einigen Punkten ganz einig sind. Beide gehen davon aus, dass
es nur eine Wirklichkeit gibt, über die auf unterschiedliche Weise Erkenntnis gewonnen werden kann. »Wir können«, erklärt
Walach, »die Welt vermittelt durch unsere Sinne und die empirische Forschung erschließen«, was man als »äußere Erfahrung«
bezeichnen könne. »Wir können uns derselben Wirklichkeit aber
auch durch eine innere Erfahrung annähern. Es ist dieselbe eine
Wirklichkeit, die sich in der empirischen Forschung und in der Meditation erschließt.«
Dass diese beiden Zugangswege nicht gegeneinander ausgespielt
werden können – das anzuerkennen, ist Walach wichtig. »Spiritualität und Wissenschaft«, betont er, »sind zwei komplementäre
Über die relative Welt hinaus Doch beschränkt sich der integrale Ansatz, wie Student weiter ausführt, nicht auf diesen Multiperspektivismus in der »relativen Welt«. Als integrale Spiritualität skizziere er zudem einen Weg über die relative Welt hinaus:
einen Weg der fortschreitenden Evolution des Bewusstseins, der
in eine nonduale Erfahrung der einen Wirklichkeit münde, worin
eine fundamentale Einheit »hinter« der Mannigfaltigkeit der methodischen Perspektiven zu Bewusstsein komme – »eine Erfahrung, die sowohl die Zeitlosigkeit als auch die Manifestation in
der Zeit umfasst«.
»Beides ist wahr«, sagt Student, »die Relativität der Perspektiven ebenso wie die Absolutheit der nondualen Einheitserfahrung, in der sie aufgehoben ist«. Allein mit dem Verstand sei das
schlecht zu erfassen. Vielmehr bedürfe es dafür spiritueller Erfahrung. Denn nur sie öffne die Dimension der Ungetrenntheit, in
der Subjekt und Objekt gar nicht unterschieden werden können
und mithin auch keine Vielzahl von Perspektiven vorausgesetzt
werden kann.
An diesem Punkt besteht eine Differenz zwischen Walachs Sicht
und der integralen Theorie. Für Walach sind die Gewahrensweisen von Wissenschaft und Spiritualität nicht auf höherer Ebene
ineinander au ösbar. Sie stehen auf einer Ebene nebeneinander,
ohne dass die eine die andere überbieten oder in sich aufnehmen
könnte. In der integralen Sichtweise Students hingegen gibt es
als eine evolutionär fortgeschrittene Spiritualität, die ein umfassenderes, tieferes oder ganzheitlicheres Erfahren der Wirklich-
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keit öffnet. Spiritualität entweiche dabei aber nicht in irrationale,
unaufgeklärte oder unwissenschaftliche Sphären. Als integrale
Spiritualität gerät sie vielmehr zu einer Art Fortsetzung der Wissenschaft mit anderen Mitteln – weil sie einerseits ebenso wie
die Wissenschaft Wahrheit über die eine Wirklichkeit generiert,
dabei andererseits aber nicht mehr im dualen Bewusstsein von
Forscher und Erforschtem gefangen ist.
Annäherung an die Unendlichkeit Mit dieser Behauptung
der Wissenschaftlichkeit einer aufgeklärten, evolutionär fortgeschrittenen Spiritualität geht Student noch über Walachs These
hinaus, eine aufgeklärte Wissenschaftskultur im 21. Jahrhundert
müsse auch die Erkenntnisansprüche spiritueller Erfahrungen anerkennen bzw. die
wissenschaftliche
»Der Unterschied
Systematisierung
zwischen Spiritualität
und
Methodisie- und Wissenschaft ist
rung derselben uneigentlich nicht groß.«
terstützen. Folglich
scheiden sich beider Geister auch an der Frage, wie eine spirituelle
Wissenschaft oder eine wissenschaftliche Spiritualität der Zukunft auszusehen hätte.
»Der Unterschied zwischen Spiritualität und Wissenschaft ist
eigentlich nicht groß«, sagt Student, denn die spirituelle Praxis
ebne genau wie die wissenschaftliche Praxis »durch Festlegung
und Befolgung einer Methode den Weg zu Erkenntnissen über die
Wirklichkeit«. Spiritualität sei so gesehen »eine Praxis, bei der
ich mich forschend der Unendlichkeit nähern kann«. So wie man
mit hoher Wahrscheinlichkeit durch methodische Beobachtung
der Jupitermonde zu einer Einsicht über deren Umlaufbahnen
gelange, so könne man mit hoher Wahrscheinlichkeit durch methodische Übungspraxis eine Einsicht in die nonduale Einheit der
Wirklichkeit gewinnen.
Dem widerspricht Walach entschieden. Im Bereich der Spiritualität fehle gerade ein anerkannter methodischer Rahmen, vermöge
dessen zustimmungsfähige Aussagen über die Verfasstheit des
menschlichen Innenraums formuliert werden könnten. Eine Tücke, die noch dadurch kompliziert werde, dass bei einer spirituellen Erfahrung kein gemeinsamer Referenzpunkt vorausgesetzt
werden kann. Anders als in den empirischen Wissenschaften
könne man sich eben nicht auf einen jedermann zugänglichen
Forschungsgegenstand beziehen – etwa einen Jupitermond, eine
Amöbe oder ein Wassermolekül –, denn ein spirituelles Ereignis
ist nur demjenigen verfügbar, der es für sich beansprucht.
Walachs Einwand gibt zu erkennen, wo das zentrale Projekt eines jeden Versuches der Verwissenschaftlichung von Spiritualität
schlummert: im Methodenverständnis. Denn tatsächlich lassen
sich spirituelle Erfahrungen nicht in der gleichen Weise methodisch erschließen wie die Objekte empirischer Forschung. Daher
ist es nur konsequent, wenn Student sich darauf zurückzieht, als
Referenzmodell einer wissenschaftlichen Spiritualität die Praxis
der Geisteswissenschaft anzuführen; denn so wie die Literaturwissenschaft sich anschickt, Methoden zur Erschließung von
Texten zu entwickeln und anzuwenden, so könnte man sich auch
eine Spiritualitätswissenschaft vorstellen, die Methoden zur
Erschließung spiritueller Erfahrung formuliert und ausübt. Das
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wäre dann in der Tat eine wissenschaftlich elaborierte Praxis von
Spiritualität, die mit dem Anspruch verfeinerter Methodologie
aufwarten könnte.
Wahrheit und Methode Eine solche Analogie von Spiritualität
und Geisteswissenschaft gibt aber auch zu erkennen, wo die Grenzen einer möglichen wissenschaftlichen Spiritualität liegen. Wenn
man sie analog zu den Geisteswissenschaften entwickelt, wird
man auch deren spezi sche Hermeneutik bernehmen m ssen.
Denn der Anspruch der empirischen Wissenschaften, via Methode
verlässliches Wissen zu eruieren, passt, wie der Philosoph HansGeorg Gadamer gezeigt hat, für die Geisteswissenschaften in keiner Weise. Die interpretierende Arbeit der Geisteswissenschaft ist
nicht darauf angelegt, theoretisches Wissen über die Wirklichkeit
zu ermitteln, sondern Artikulationen des menschlichen Geistes auf
deren Sinn zu befragen und zu verstehen – wobei gerade nicht die
Eindeutigkeit und Gewissheit empirisch-methodischer Forschung
als erstrebenswertes Ziel gilt, sondern das Einverständnis geteilter Sinnerfahrung im dialogischen Austausch der Interpreten.
Hier zeigt sich die Fragw rdigkeit des Unterfangens der Verwissenschaftlichung von Spiritualität, die Maß nimmt am Selbstverständnis der empirischen Wissenschaften der Neuzeit. Eine Fortführung
des Projektes Aufklärung auf dem Feld der Spiritualität scheint
aussichtsreicher dort, wo im Wisssen um die Komplementarität
empirischer Forschung und spiritueller Praxis nach einer genuinen
Hermeneutik spiritueller Erfahrung Ausschau gehalten wird einer Hermeneutik, die nicht der Versuchung anheimfällt, sich dem
Methoden-Ideal der empirischen Wissenschaft auszuliefern.
Das Mysterium wahren Eine solche Hermeneutik spiritueller
Erfahrung könnte anknüpfen an die Erkenntnisse der klügsten
unter den aufgeklärten Kritikern der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wie Lessing oder Schleiermacher. Sie ahnten, dass
Kants Projekt einer »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
Vernunft« auf deren Eliminierung hinauslaufen würde. Ebenso
muss damit gerechnet werden, dass das Projekt einer »Spiritualität innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« zum Scheitern
verurteilt ist, weil spirituelle Erfahrung sich der methodischen
Beherrschung ebenso entzieht wie der Übersetzung in die wissenschaftliche Sprache einer zweiwertigen Logik von richtig und
falsch oder veri zierbar und falsi zierbar.
Nicht die Verwissenschaftlichung von Spiritualität ist das Gebot einer Fortführung der Aufklärung, sondern eine Sichtweise,
die das unau ösliche Mysterium des Spirituellen ernst nimmt
und bewusst darauf verzichtet, es den Machenschaften wissenschaftlicher Methoden zu unterwerfen. //
Lese-Tipp
Michael Habecker und Sonja Student: Wissen, Weisheit, Wirklichkeit. Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität,
Kamphausen Verlag, 208 Seiten, € 17,95
Harald Walach: Spiritualität. Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen, Drachen Verlag, 272 Seiten, € 29,80
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