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Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit Denn alles, was Gott

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Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit
Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut,
und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird;
denn es wird geheiligt durch Gottes Wort und Gebet. 1. Tim. 4,4f
Predigt zum Erntedankfest 7.10.12
Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut – was für ein positives,
lebensbejahendes Wort. Es passt so richtig zum Erntedankfest, wo wir
uns an den guten Gaben freuen wollen, die Gott für uns geschaffen hat.
Als wir im Bibelkreis über diesen Text sprachen, sagte eine Teilnehmerin
spontan, dass sie dieses Wort toll finde, es sei eine Einladung, das
Leben in vollen Zügen zu genießen.
Vor einigen Jahren stand der Roman von Anna Gavalda „Zusammen
ist man weniger allein“ viele Wochen auf der Spiegel Bestsellerliste. In
dem Roman wird humorvoll das Zusammenleben einer
Wohngemeinschaft in Paris erzählt. Darin kommt eine Szene, wo
beschrieben wird, wie eine junge Frau eine Suppe genießt. Ihr
Nachbar Franck – er ist Koch – hat sie für sie gekocht, nachdem sie
lange krank war und wenig gegessen hatte.
„Der Geruch, vielmehr das Aroma dieser Brühe, hielt sie von weiteren
Grübeleien ab.. Mmm, duftete das herrlich, und sie war fast versucht,
sich die Serviette über den Kopf zu legen, um damit zu inhalieren. Was
war da nur drin? Es roch ganz eigen. Heiß, nach Fett, goldbraun wie
Cadmium. Mit den durchsichtigen Perlennudeln und den
smaragdfarbenen Spitzen der Kräuterbeigaben war es wunderschön
anzuschauen. Sie saß einige Sekunden regungslos, ehrerbietig da, hielt
den Löffel vor sich und nahm dann ganz vorsichtig einen ersten Schluck,
es war ziemlich heiß. ... Sie leerte andächtig ihren Teller, die Augen
zwischen jedem Löffel geschlossen. ... Sie stand auf, um
nachzuschauen, ob noch ein Rest im Topf war. Leider nein. Sie leckte
ihren Teller leer, damit ihr kein Tropfen entging, schnalzte mit der Zunge
und spülte ihr Geschirr. Sie schrieb: Top! auf Francks Zettel, dann ging
sie wieder ins Bett, und fuhr sich mit der Hand über den straffen Bauch.
Dank sei dir, lieber Jesus!“ (Gavalda, S. 137)
Anna Gavalda beschreibt den Genuss, den die Frau erlebt, so intensiv,
dass einem selber das Wasser im Mund zusammenläuft. Und aus dem
Genuss, aus der Freude kommt der Dank, als ob es gar nicht
anders sein könnte: Dank sei dir lieber Jesu. Dieses Dankgebet hat
mich eigentlich überrascht in einem profanen Buch. Aus der
bewussten Wahrnehmung des Geschenkten fließt der Dank. Alles, was
Gott geschaffen hat, ist gut, wenn es mit Dank genossen wird – heißt es
bei Timotheus. Der Dank drückt aus, dass die Gabe als Gottes Gabe
wahrgenommen wird, nicht einfach Essen, nicht einfach Nahrung, die
man herunter schlingt, sondern ein Geschenk!
Wir sind ja noch dabei, uns hier in Villingen-Schwenningen neu zu
orientieren. Und da hat vor allem meine Frau auch schon ein paar gute
Lebensmittelquellen entdeckt. Gleich um die Ecke ist der Norma, da ist
jedoch alles relativ lieblos aufgestapelt und es macht eigentlich keine
große Freude, dort einkaufen zu gehen. Es gibt aber auch dort einige
Bioprodukte und entschädigt wird man durch die in der Regel sehr
freundliche Bedienung. Aber eine Straßenecke weiter hat sie dann den
Naturata entdeckt, einen Naturkostladen, und dort ist nicht nur eine
aufmerksame Bedienung, dort bekommt man auch durchweg natürlich
angebaute Lebensmittel, und man kann Brot von gestern zum
verbilligten Preis kaufen und auch schon etwas welkes Gemüse wird
noch etwas günstiger angeboten und nicht gleich weggeworfen.
Und ich denke, das ist auch eine wichtige Erkenntnis aus unserem
Predigttext: Dankbarkeit hilft uns, den Wert der Gaben Gottes neu zu
entdecken und dann auch achtsam und nicht verwerflich damit
umzugehen. Vor etwa einem Jahr kam ein aufrüttelnder Film in die
Kinos: Taste the waste, ein Dokumentarfilm, der auf die maßlose
Vernichtung von Lebensmitteln in Europa hinweist. 15 Millionen Tonnen
Lebensmittel werden jedes Jahr in Europa vernichtet. Die Hälfte davon
würde schon ausreichen, um alle Hungernden der Erde zu ein Jahr lang
zu ernähren. Lebensmittel werden zur Ware, zum Wegwerfartikel, oder,
was nicht weniger schlimm ist, zum Spekulationsobjekt für die Börse.
Auch unsere berühmte Deutsche Bank in Frankfurt ist daran intensiv
beteiligt, und deswegen steigen die Preise für Mais, Weizen und Reis
weltweit, so dass sich die Armen die Grundnahungsmittel immer weniger
leisten können.
Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich,
wenn es mit Danksagung empfangen wird – unser Predigttext ist gerade
auch hier eine Mahnung und eine Herausforderung, Lebensmittel
wieder neu zu sehen und zu behandeln als das, was sie wirklich sind:
Gottes gute Gaben, die er uns schenkt, damit wirklich alle davon leben
können.
Das Wort, das im Griechischen für danken verwendet wird,
erinnert an das Tischgebet. Es ist schade, dass diese Tradition immer
mehr auszusterben scheint. Sicher, ich finde es auch nicht gut, wenn das
Tischgebet zu einem formelhaften, gedankenlosen Ritual erstarrt. Und
obwohl in dieser Tradition aufgewachsen, unterlasse ich es manchmal,
mit den vertrauten Worte zu beten, weil ich nicht möchte, dass es ein
leeres Ritual wird. Aber ich habe mir angewöhnt, beim Beginn des
Essens nicht gleich loszulegen, sondern innezuhalten und mir die
Mahlzeit bewusst eine ganze Zeit intensiv anzuschauen, die Farben, den
Duft, die Form. Dann kommt es eigentlich wie von selbst dazu, dass in
mir ein Dank entsteht. So wie bei der jungen Frau in meinem
Anfangsbeispiel, die so intensiv ihre Suppe genoss. Das Tischgebet ist
sozusagen das kleine Erntedankfest des Alltags.
Es ist interessant, zu fragen, weshalb im Timotheusbrief überhaupt
so betont wird, dass alles gut ist, was Gott geschaffen hat. Dass
man damals Nahrung weggeworfen hat, glaube ich eher nicht. Die
Timotheusbriefe sind etwa um das Jahr 100 n.Chr. entstanden. In dieser
Zeit gab es eine geistige Strömung, die wir heute die Gnosis nennen.
Man spürte, wie der Glaube an den guten Gott immer wieder an den
tatsächlichen Verhältnissen scheiterte. Deshalb versuchten die Gnostiker
das Problem dadurch zu lösen, indem sie zwischen einem guten Gott
und einer bösen Welt unterschieden. Diese Trennung sollte Gott
entlasten, und die Welt konnte so bleiben, wie sie ist. Durch Gesetz und
Enthaltsamkeit distanzieren sie sich von der Schöpfung. Gegen diese
Lösung wendet sich der Timotheusbrief. Im Vers 3 heißt es: "Sie (die
Gnostiker) gebieten, nicht zu heiraten und Speisen zu meiden, die Gott
geschaffen hat, dass sie mit Danksagung empfangen werden von den
Gläubigen."
Vielleicht stehen wir Christen auch heute noch manchmal in der
Gefahr, uns von der angeblich bösen Welt zurückzuziehen in eine
fromme Sonderwelt. Nein, wir sollen und dürfen weltzugewandt leben,
Man hat in dem Zusammenhang von der Weltlust Gottes gesprochen.
Die ganze Welt ist seine Schöpfung, an der Gott seine Freude hat. Und
deshalb sind wir Christen eingeladen, positiv und optimistisch in dieser
Welt zu leben, sie ist seine Schöpfung, sein geliebter Weinberg, wie es
in der Bibel manchmal heißt, es muss doch schön sein und Freude
machen, darin zu leben und zu arbeiten und auch dafür zu sorgen, dass
es anderen darin gut geht.
Wobei die Gnostiker ja insofern nicht Unrecht hatten, dass die Welt in
der Tat nicht immer eine so heile Welt ist, wie sie scheint, wenn wir nur
den Erntedankaltar sehen. Wir haben am vergangenen Montag HansJoachim Voigt aus der Villinger Gemeinde zu Grabe getragen. Er
war beim Wandern im Sommer schwer gestürzt, aber schien sich wieder
erholt zu haben. Nun ist seine Witwe auf sich gestellt, und in ihrem Haus
wohnen noch behinderte Personen, für die Herr Voigt bisher gesorgt
hatte. Was ist mit den schweren Dingen in unserem Leben, sollen
und können wir sie auch mit Danksagung aus Gottes Hand
empfangen? Beim zweiten Jesaja heißt es ausdrücklich: "Gott schafft
Licht und Finsternis, Heil und Unheil." (Jes 45,7) Die Dunkelheit ist nicht
schlecht, sie ist doch der Durchgang und Zugang zum Licht. Wir haben
es ja heute morgen mit den Äpfeln. Da müsste man sagen: Von Gott
stammen nicht nur die süßen Äpfel, die manche Leute anscheinend ihr
Leben lang zu essen bekommen. Andere dagegen müssen seit
Jahrzehnten ständig in saure Äpfel beißen, weil sich in ihrem Leben Leid
und Missgeschick häuft. Das ist belastend und unverständlich. Aber hier
soll man gerade nicht trennen und sagen: Die süßen Äpfel kommen
von Gott, aber die sauren hat der Teufel verdorben. Genau das ist
das Denken der Gnostiker, gegen das sich der Timotheusbrief
richtet. Nein, beide Sorten verdanken wir dem, der Licht und
Finsternis geschaffen hat.
Es gibt immer wieder Situationen, Menschen, Dinge, bei denen ich am
liebsten sagen möchte: Weg damit! Dagegen zielt unser Bibeltext:
"Nichts ist verwerflich", und das heißt: nicht wegwerfen, nicht das
vermeintlich Negative wegschieben, verdrängen.
Mir ist dafür der Pfarrer und Theologe Ulrich Bach ein Beispiel und
Vorbild. Ulrich Bach erkrankte mit 22 Jahren an Kinderlähmung und sitzt
seitdem im Rollstuhl. Er schreibt, dass er es als eine freundliche Fügung
verstanden habe, dass ihm in den allerersten Tagen seiner Erkrankung
das Wort des Propheten Amos begegnet sei: "Ist auch ein Unglück in der
Stadt, das der Herr nicht tut?" (Amos 3,6) Die Ärzte sagen Polio, die
Statistiker sagen: Einer von Tausenden in dieser Epidemie, aber der
Prophet Amos sagt: Auch hier ist Gott am Werk. Ulrich Bach schreibt
weiter, dass er zwar nicht Gott für seine Krankheit danken könne.
Aber dieses Wissen, von Gott diesen Weg geführt zu sein, helfe
ihm, seine Krankheit anzunehmen. Ulrich Bach arbeitet seit vielen
Jahren als Klinikseelsorger in einer Anstalt für behinderte Menschen
(Volmarsteiner Anstalten).
Wenn wir versuchen, das Schwere und Belastende anzunehmen,
erfahren wir die verwandelnde Kraft der Dankbarkeit. "Alles was Gott
schafft und tut und wirkt, ist gut, denn es ist nichts verwerflich, was mit
Danksagung empfangen wird." Durch die Dankbarkeit wird das, was
an uns und mit uns geschieht, wieder in Beziehung zu seinem
Ursprung, zu Gott gebracht. Und dann geschieht eine Verwandlung.
Wir können es mit neuen Augen sehen. "Gott umarmt uns durch die
Wirklichkeit" schrieb Pater Alfred Delp kurz vor seinem Märtyrertod.
"Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit." - was für ein Wort! Das heißt
doch, in allem, was uns widerfährt, haben wir es letztlich mit Gott zu tun.
Das zu begreifen, ist eine Tür zu innerer Weite und Freiheit und kann
auch in schweren Zeiten ein großer Trost und eine Ermutigung sein.
Amen
Hans-Ulrich Hofmann
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Seele and Geist
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