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Aussiedlung der Familien Groß / Meis Was die Familien, welche in

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Aussiedlung der Familien Groß / Meis
Was die Familien, welche in der ehemaligen DDR zwangsausgesiedelt wurden, erleben und ertragen
mussten, ist für uns Jugendliche, die in einer demokratischen Gesellschaft aufgewachsen sind, kaum
vorstellbar und unbegreiflich. Zwar werden die Geschichte und die Ereignisse um die Aussiedlung in
Büchern wiedergegeben, doch kann man die Tragweite der Vertreibungen erst erkennen, wenn man sich
mit den persönlichen Schicksalen der betroffenen Familien auseinandersetzt.
Auch in Vacha wurden viele Menschen Opfer der Umsiedlungsaktionen der SED, so auch Familie Meis und
Familie Mosebach. Innerhalb weniger Stunden verloren sie ihr Zu- hause, ihre Heimat, ihren Beruf und ihre
Freunde.
Die Zwangsaussiedlung der Familie Groß (Interview v. 30.12.2006)
Der Morgen des 22. 10. 1973 begann für die Bewohner des Hofes Groß in Vacha wie jeder andere. Manfred Meis
machte sich auf den Weg zur Arbeit im VEB KWO, sein Schwiegervater Werner Groß ging zum Arzt und die
Frauen im Haus kümmerten sich um den Haushalt. Plötzlich standen einige Männer vor der Tür. Als Gisela Meis
ihnen öffnete, wurde ihr mitgeteilt, dass der Hof aufgrund der derzeitig politisch angespannten Lage sofort geräumt
werden müsste. Frau Meis verstand nur: „Raus, packen!“
1861 baute der Baumeister Christian auf einem Grundstück zwischen der Öchsemündung und der Werrabrücke
ein Baugeschäft, ein Dampfsägewerk und ein großes Wohnhaus, welches seine Familie über ein Jahrhundert
bewohnte. 1973 lebte seine Urenkelin Gisela Meis mit ihrem Mann Manfred, Tochter Antje, ihren Eltern Werner
und Elsa Groß und ihrer Tante Gertrud in dem Gebäude.
Als Kind erlebten Gisela Meis und ihr 5 Jahre älterer Bruder Gerhard die Werra noch ohne Grenzzaun. Sie spielten
an dem Fluss und die Werrabrücke war frei für den öffentlichen Verkehr. Doch dann begann systematisch der
Grenzaufbau in unmittelbarer Nähe des Hofes. Grenzzäune wurden errichtet und die Brücke wurde abgeriegelt.
Die Familie Groß verlor ihren Garten, der sich direkt an der Werra befand. Soldaten holzten die Bäume und
Sträucher ab und alle Türen und Fenster der ersten Etage des Wohnhauses in Richtung Westen wurden
zugemauert.
Wenn es an der Grenze Schießereien gab, durchsuchte man das Gelände der Familie. „Nachts brauchten wir kein
Licht, da die Scheinwerfer der Grenzsicherung unsere Zimmer erhellten“, erzählt Gisela Meis. Außerdem wurden
sowohl die Bewohner des Hofes Groß als auch Besucher kontrolliert und nur nach dem Vorzeigen von
Passierscheinen zum Haus gelassen. Manfred Meis beschreibt heute die damalige Wohnsituation als untragbar
und unmenschlich.
Als die Familie von Höfen hörte, die aufgrund der Nähe zur Grenze geschleift wurden, dachten sie noch nicht
daran, dass sie ebenfalls einmal von der Aussiedlung betroffen sein könnten. Dennoch erkundigte sich Werner
Groß im Rathaus Vacha, ob sein Hof gefährdet sei. Dies stritt man jedoch vehement ab und auch ansonsten wurde
die Aussiedlung der Familien Groß und Meis in keinster Weise angekündigt.
Am 22. 10. 1973 war es dann jedoch soweit: Kampftruppen rückten aus, um den Hof Groß zu räumen. Die Männer
klingelten an der Tür und erklärten Gisela Meis, ihrer Mutter Elsa und ihrer Tante Gertrud, dass man die Sicherheit
der Familie aufgrund der angespannten politischen Lage nicht mehr gewährleisten könnte und die Familie
demzufolge umgesiedelt würde. Die schockierten Frauen wurden aufgefordert, ihre Habseligkeiten
zusammenzupacken. Wie in Trance suchten Elsa Groß und Gisela Meis Geschirr und Porzellan zusammen,
während die Männer der Kampftruppe systematisch das ganze Haus ausräumten und LKWs mit dem Hab und Gut
der Familie belud.
Zur selben Zeit wurden Werner Groß und Manfred Meis vom Arzt bzw. von der Arbeit geholt und von der Räumung
ihres Hauses in Kenntnis gesetzt.
Während der gesamten Zeit der Aussiedlungsaktion erfuhren weder die Männer noch die Frauen, wo sich jeweils
die anderen Familienmitglieder befanden. „Auf Fragen, die wir stellten, antworteten die Männer der Kampftruppen
einfach nicht“, erzählt Manfred Meis. Erst in der neuen Wohnung in Stadtlengsfeld, die wir zugeteilt bekamen,
trafen wir uns wieder.
„Wir konnten die Ereignisse an diesem Tag gar nicht richtig realisieren“, so Gisela Meis. Ihre Mutter erlitt einen
Nervenzusammenbruch und musste ärztlich behandelt werden. Auch Gertrud Groß war völlig geschockt und
„kopflos“. Die Passierscheine aller Familienmitglieder für Vacha wurden am gleichen Tag für ungültig erklärt, Gisela
und Manfred Meis verloren ihre Arbeitsstellen in Vacha.
In Stadtlengsfeld wurden der sechsköpfigen Familie eine Zweieinhalbzimmerwohnung und eine
Zweizimmerwohnung zugeteilt. Doch diese neuen Wohnungen erwiesen sich als viel zu klein.
© 2006 grenzspuren.de
Die erste Nacht verbrachten alle Familienmitglieder in Dorndorf bei Verwandten. Nur Manfred Meis wurde von den
Verantwortlichen, welche die Aussiedlung leiteten, aufgefordert, in Stadtlengsfeld zu schlafen. „ Einige Männer sind
die ganze Nacht geblieben, um mich zu bewachen“, schildert Herr Meis: „Man hat versucht, mich zu reizen. Die
haben doch nur darauf gewartet dass ich ausraste, damit sie etwas gegen mich in der Hand haben. Doch ich habe
ihnen den Gefallen nicht getan!“
Zunächst mieden die Stadtlengsfelder die Familien Meis und Groß, weil vermutet wurde, sie seien „rote Socken“,
da sie die begehrten Wohnungen freigehalten bekamen und ihre Möbel sogar von Kampftruppen in das Haus
getragen wurden. Da die Ausgesiedelten nicht erzählen durften, was sie erlebt hatten, redeten die anderen
Hausbewohner kaum ein Wort mit der Familie, bis ein Mann aus Vacha, der in Stadtlengsfeld zu Besuch war,
aufdeckte, woher die Familie kam und was mit ihrem Anwesen passiert war.
Einige Monate nach der Zwangsaussiedlung der Familien Meis und Groß, am 26. 7.1974, wurden Manfred Meis
und Werner Groß zum Verhör beim MfS nach Suhl bestellt. Der Vorwurf lautete „Schleusung von Personen in den
Westen“ und „Einbau von Sendeanlagen in das Haus“, welches im Oktober zuvor geräumt worden war. „Das war
gerade zu einer Zeit, in der wir langsam zur Ruhe kamen“, erzählt Gisela Meis: „Wir begannen allmählich, die
Ereignisse des 22.10.1973 zu verarbeiten und dann das!“
Manfred Meis und sein über 70jähriger Schwiegervater Werner wurden einen Tag lang verhört, bis man sie
schließlich mangels an Beweisen wieder freiließ. Herr Meis beschreibt, dass die Befragung eine unbeschreibliche
psychische Belastung war, denn „man sitzt in einem hell erleuchteten Raum und 24 Stunden lang stellen dir diese
Männer immer wieder dieselben Fragen.“ Es ist ihm bis heute unklar, wie sein Schwiegervater dies überstanden
hat.
Die Ereignisse rund um die Zwangsaussiedlung und die Behandlung, welche die Bewohner des Hofes Groß nach
der Vertreibung erfuhren, prägten das Verhältnis der Familie zum Staat DDR. Manfred Meis trat beispielsweise
nicht der DSF bei, als er eine neue Arbeitstelle in Dietlas fand, seine Kinder wurden keine Mitglieder der FDJ.
Euphorisch erlebte die Familie die Wiedervereinigung, an die sie fast nicht mehr geglaubt hatten. Und der fast
90jährige Werner Groß konnte sich seinen Traum erfüllen – und zu Fuß über die Werrabrücke nach Philippsthal
gehen!
Recherchiert und aufgeschrieben von Kathrin Züchner, Januar 2006
Quellen: Interview mit Gisela und Manfred Meis am 30. 12. 2005
Annerose Kirchner: „Traumzeit auf der Gebar“ Wartburgverlag
Broschüre „Der Gedächtnisweg – Ein Wanderweg an der innerdeutschen Grenze“
© 2006 grenzspuren.de
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Seele and Geist
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