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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Kindheit

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Kindheit in Kolumbien
Was einen deutschen Architekten und ein Mädchen aus Cali verbindet
Autoren:
Catherine Beckmann und Tobias Jost
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Dienstag, 16.03.10 um 10.05 Uhr in SWR2
Wiederholung:
Mittwoch, 09.11.11 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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SWR2 Leben können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2
Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
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1
MANUSKRIPT
Atmo:
Kinderlied
Andres:
Als ich in der Vorschule war, gab es einen Schrank. Und in diesen Schrank wurde
man eingesperrt, sobald man die Hausaugaben nicht gemacht hatte. Und in dem
Schrank hatte man eine Puppe rein gehängt und diese Puppe hatte man mit
verschiedenen Strapsen und Seilen zum Bewegen gebracht, sodass es etwas
Unheimliches war, das man dauernd berührt hat. Und vorher hat man gesagt, das ist
der Schrank des Teufels. El marvo del diavolo. Die Angst davor, überhaupt
reinzukommen war die größere, als die drin zu sein. Ja das ist eine der intensivsten
Kindheitserinnerungen, die ich habe und für mich stellt sich das heute als sehr
grausam dar, den Teufel als Erziehungsmittel zu verwenden...
Erzählerin:
Andres B., neunundvierzig Jahre alt, ist Architekt aus Frankfurt und Halbkolumbianer.
Er verbrachte seine Kindheit in Cali. Sein deutscher Vater verließ die Familie, als
Andres ein Jahr alt war. Doch 1965 kehrte Herbert B. zurück, um seinen kleinen
Sohn nach Deutschland zu holen - gegen den Willen der Mutter.
Atmo: Cali
Erzählerin:
Cali eine der größten Städte Kolumbiens mit heute drei Millionen Einwohnern.
Lärmige Metropole im Südwesten, pulsierende Hauptstadt des Salsa und Hochburg
der Bandenkriminalität. Es ist keine Seltenheit, wenn an einem einzigen
Wochenende bis zu 25 Menschen in dieser Stadt ermordet werden. In den Hügeln
liegt der Vorort Montebello, mit etwa 30.000 Einwohnern. Die meisten Menschen
leben hier inoffiziell in bescheidensten und schwierigen Verhältnissen. So wie die
elfjährige Dahiana. Ihre Mutter hat die Familie verlassen.
Dahiana (overvoice):
Ich lebe nur mit meinem Vater und meiner Schwester. Meine Mutter lebt woanders.
Ich habe auch noch andere Geschwister. Aber wir haben nichts miteinander zu tun.
Und mit meiner Mama spreche ich kaum, weil sie irgendwie nicht viel Zeit für mich
hat.
Erzählerin:
Dahianas Vater Victor ist vor der Guerilla nach Montebello geflüchtet, weil die "Farc"
und andere Gruppierungen hier nicht aktiv sind.
Victor (overvoice):
Ich war mit einer Frau zusammen. Wir haben zehn Jahre zusammen gelebt, in der
Zeit wurden Dahiana und Camila geboren. Aber wir konnten kein gemeinsames
Leben führen. Wir haben uns getrennt.
2
Erzählerin:
Dahiana hat trotzdem Glück. Sie kann zur Schule gehen, was in Montebello keine
Selbstverständlichkeit ist. Und das ist das, was sie mit Andres B. heute verbindet,
denn er hat ihr und vielen anderen Kindern diese Möglichkeit eröffnet. Das alles
begann, als er vor vierzig Jahren eine dramatische Flucht erlebte.
Andres:
Ich bin mit meiner Mutter nach Santander del Norte gegangen, weil sie mit mir
geflohen ist, damit ich nicht nach Deutschland komme. Als wir dort unterwegs waren,
hatte ich Tuberkulose und ich kann mich dran erinnern, dass ich in einem
Bollerwagen von meiner Mutter hinterher gezogen worden bin und wir sind von Ort
zu Ort, von Haus zu Haus, von kleinen Fincas zu Fincas gegangen und ich habe
viele Schafe in der Zeit gesehen und diese Schafe waren für mich immer eine
Bedrohung, weil die so ähnlich aussehen, wie der Teufel.
Erzählerin:
Andres Mutter Leonor ist Indianerin und im Urwald aufgewachsen. Ihre Emotionen
sind groß, wenn sie von den Vorfällen von vor über vierzig Jahren spricht. Andres
Vater hatte ihr geschrieben, dass er auf Geschäftsreise in Kolumbien sei und seinen
Sohn nach Deutschland mitnehmen will.
Leonor (overvoice):
Das erste, was ich gedacht habe, war zu fliehen, in den Urwald. Ich habe den
Jungen genommen und bin mit einer Freundin in den Urwald gegangen. Als ich im
Dschungel ankam sagte ich mir: Hier werde ich mit meinem Sohn verschwinden,
damit uns niemand niemals findet.
Andres:
Und dann sind wir teilweise unglaublich schnell mit diesem Bollerwagen gefahren
und sie immer vorne weg. Und eines Tages sind wir an eine Militärbasis gekommen,
und da hab ich eigentlich eine sehr beeindruckende Erinnerung, weil es unheimlich
viele Männer gab dort, in dunkelgrünen Uniformen mit bösen Gesichtern und die
hatten alle solche Schießgewehre. Und von der Zeit hat ich immer einen großen
Respekt vor allen möglichen Uniformen, egal ob das nachher Polizisten waren,
Politessen oder Militärs oder sogar auch nur wenn es im Kellnerbereich war.
Leonor (overvoice):
Die Freundin hatte Rinder, hatte Hühner und sie sagte, dass ich mit ihr gehen soll.
Und ich sagte: Na gut, ich gehe mit. Aber als wir bei ihrem Haus im Urwald ankamen,
hat die Guerilla ihren Mann umgebracht. Sie haben ihn einfach umgebracht.
Erzählerin:
Es herrscht Bürgerkrieg in Kolumbien, damals wie heute. Guerilla, Paramilitärs,
bewaffnete Banden und das Militär stehen sich gegenüber. Es geht vor allem um
Drogen und Palmöl. Täglich werden Menschen ermordet und aus ihrer Heimat
vertrieben, weil das Land für den Anbau von Coca oder Palmölplantagen genutzt
werden soll. Es herrscht ein Klima der Gewalt, das allgegenwärtig ist, vor allem in
den traumatisierten Flüchtlingsfamilien.
3
Andres Vater Herbert B. hatte inzwischen eine deutsche Frau geheiratet. Und er war
wild entschlossen, seinem Sohn eine bessere Zukunft zu verschaffen - in
Deutschland.
Andres:
Mein Vater war mit "Hoechst" in Südamerika und hat mich auf der Rückreise von
Argentinien abgeholt. Und kurz davor war meine Mutter mit mir in Santander del
Norte, damit mein Vater mich nicht mitnimmt. Als wir dort unterwegs waren, ist ihr
dann aufgefallen, dass es so nicht sein kann, dass sie nicht ihr Leben lang auf der
Flucht sein kann…und das Kind geht vielleicht noch an Tuberkulose zu Grunde.
Erzählerin:
Die verzweifelte Mutter kehrte aus dem Dschungel zurück und hatte vielleicht
insgeheim die Hoffnung, dass Andres Vater sich doch entscheiden könnte, bei ihnen
in Kolumbien zu bleiben.
Leonor (overvoice):
Und da erzählte er mir, dass er geheiratet hat. Das war so ein schrecklicher Moment
für mich. Als wir wieder zu Hause waren, sagte er, er will mit Andres noch ein
Geschenk kaufen. Ich hätte nie daran gedacht, dass er ihn einfach mitnehmen
würde, dass er mit meinem Sohn wegfahren würde, ohne sich zu verabschieden,
ohne irgendwas. Ich sagte: "Na gut, ist gut, aber beeilt Euch." Und dann ist er mit
dem Kind weg - für immer. Und ich warte und warte und warte und warte und …
nichts.
Andres:
An dem Tag als er kam, kam er mit einem großen, großen weißen Wagen mit roten
Sitzen, und ich stolz in meinem Anzug mit Krawatte, bin reingestiegen. Und wir
wollten eine Spazierfahrt machen und von dieser Spazierfahrt bin ich dann nicht
wieder zurückgekommen. Ich hab' dann noch mitbekommen, dass mein Vater mit
meiner Mutter ein Telefonat geführt hat, aber dann sind die Dinge in Lauf gekommen
und auf mich hat plötzlich eine unheimlich glitzernde Welt gewartet. Ich war im
Flieger. Im Flieger habe ich einen großen LKW aus Plastik bekommen, habe ein
Teddybär bekommen und ich war in einem anderen Land, wo alle Häuser ganz toll
gestrichen waren und der Rasen war gemäht, das hab' ich vorher alles in meinem
Leben nicht gesehen. Ich habe keinen einzigen Tag in dem Moment meine Mutter
vermisst, über Jahre hinweg, weil jeden Tag gab’s was Neues.
Leonor (overvoice):
Ich habe in einem Polizeirevier Anzeige erstattet, dass man mir mein Kind geraubt
hatte. Als der Polizist kam, um die Anzeige aufzunehmen, rebellierte mein Herz und
eine Stimme sagte zu mir: "Tu es nicht, es ist zu seinem und deinem Guten." Also,
als der Herr zu mir sagte: "Reden Sie", sagte ich: "Sein Papa hat ihn mitgenommen."
Also sagte dieser Polizist "Aha, der Papa! Das sind Ehegeschichten." Und sie haben
keine Schritte unternommen.
4
Erzählerin:
In Deutschland angekommen, war es für Andres, der damals fünf Jahre alt war,
zunächst alles andere als leicht.
Andres:
Es gab kein einziges Kind, was Spanisch konnte. Alle haben nur Deutsch
gesprochen. Ich hab sehr gute Erinnerung, dass ich am Anfang immer Neger
genannt worden bin und teilweise auch wie ein Aussätziger behandelt worden bin,
oder vielleicht kam es mir auch nur so vor, ich hab das so in Erinnerung. Bloß mit
dem Sport und mit dem großen Trick zum ersten Mal eine Theateraufführung zu
machen, ich war einer von drei der sieben Zwerge, hab ich mich dann in die
Schulklasse mit integriert.
Erzählerin:
In Kolumbien gibt es heute eine Schulpflicht. Doch das Schulsystem funktioniert
vielerorts nicht. Es gibt viel zuwenig Schulplätze, der Unterricht an den staatlichen
Schulen ist autoritär und fällt häufig ganz aus, da die Lehrer kein Gehalt ausbezahlt
bekommen, vor allem in den Flüchtlingsvierteln. Dahiana hat diese Verhältnisse zu
spüren bekommen.
Dahiana (overvoice):
Ich bin nicht in die Schule gegangen. Ich war kurz in einer, aber das war schrecklich.
Und dann haben sie mich da wieder rausgenommen, weil ich zu klein war. Und dann
bin ich einige Jahre gar nicht in die Schule.
Erzählerin:
Andres dagegen ging auf eine deutsche Schule. Die Lehrer halfen ihm, sich zu
integrieren. Er lernte Deutsch, fand Freunde und viele Jahre vermisste er seine
Mutter nicht.
Andres:
Als ich dann fertig war mit der Schule und ich doch viele kleine Dinge nicht
verstanden habe, wieso ich mich so verhalte oder warum ich so denke und ich mit
meinen Freunden viele Diskussionen hatte, kam der Wunsch, einfach meine Wurzeln
kennen zu lernen. Und dann bin ich mit 20 Jahren, 1981, alleine nach Kolumbien
geflogen, für vier Monate, um meine Familie kennen zu lernen.
Erzählerin:
Es war eine Reise ins Ungewisse. Andres sprach inzwischen kein Wort Spanisch
mehr, die Busfahrt von der Hauptstadt Bogota nach Cali dauerte zwölf Stunden und
er hatte keine Ahnung, wer dort auf ihn warten würde.
Andres:
Und als ich aus dem Taxi gestiegen bin, standen vor mir zwischen
35 bis 38 Personen, und die haben alle auf mich gewartet. Und haben dann gejubelt
und geklatscht und ich bin auf eine Frau zugegangen, von der ich Hundertprozent
wusste, dass es meine Mama ist.
5
Leonor (overvoice):
Als ich ihn wiedersah, war ich völlig aufgewühlt. Aber es war sehr hart, weil ich mit
ihm sprach und er mich nicht verstand und er mit mir sprach und ich ihn auch nicht
verstand. Ich umarmte ihn nur. Sonst nichts. Aber es war sehr hart für mich. Ich war
froh, ja. Ich war sehr, sehr glücklich, ihn wieder zu sehen. Und ich dankte Gott, dass
ich ihn wiedersehen konnte.
Andres:
Meine Mutter lebte in Montebello oben, unterhalb der Tres Cruces in Cali, das ist ein
Verwaltungsbezirk von Cali, mehr im ländlichen Bereich und zu der Zeit gab es
vielleicht 1.000 bis 1.500 Einwohner. Und meine Mutter hatte sich dort
niedergelassen und ein Stück Land besetzt und darauf eine kleine Hütte gebaut, die
eine Größe von drei Metern auf vier Meter zwanzig hatte und die Wände waren
gemacht aus Stroh mit Lehmbatzen. In diesen Wänden haben sehr viele Ameisen
gelebt. Die tragenden Ständer waren Bambusstäbe, die nicht imprägniert waren und
sich teilweise aufgelöst haben. Und das Dach war mit Holzpfosten bedeckt und
obendrauf eine Lage Dachpappe.
Erzählerin:
Noch heute leben Menschen in Montebello teilweise unter solchen Umständen. Die
Arbeitslosenquote liegt bei über achtzig Prozent. Die meisten halten sich als
Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter über Wasser. So auch Dahianas Vater.
Victor (Victor):
Hier in Kolumbien gibt es sehr wenig Arbeit. Es gibt zwar Hilfen, aber es ist so
schwierig. Man muss sie erkämpfen und einklagen. Deshalb gibt es hier in
Kolumbien so viele illegale Gruppierungen, weil man sich hier viele Dinge mit Gewalt
holen muss, weil man sie im Guten nicht bekommt.
Erzählerin:
Als Andres zurück in Deutschland war, schickte er seiner Mutter regelmäßig Geld,
ermöglichte seinem Halbbruder Carlos eine Ausbildung als Lehrer und reiste immer
wieder nach Kolumbien. Nachdem er in Deutschland geheiratet, und eine kleine
Tochter bekommen hatte, flog er mit seiner Familie nach Montebello.
Andres:
Ich habe mit meiner kleinen Tochter hier ihren dreijährigen Geburtstag gefeiert und
es war ein sehr, sehr schönes Ereignis. Da haben wir bei meiner Mutter alle Kinder
des Ortes eingeladen, und dann haben wir Spiele unternommen. Und unter diesen
Kindern gab’s ein Mädchen - Paula - die hat so ganz brillante Augen gehabt und von
der wusste ich, die macht ihren Weg. Die war fünf Jahre alt und ich war begeistert,
weil sie immer jedes Spiel vorher hinterfragt hatte und dann auch gewonnen hat. Und
wenn’s Eierlaufen war oder Topfschlagen, sie war diejenige, die eigentlich jedes
Spiel gewonnen hat.
Erzählerin:
Als Andres Paula nach sechzehn Jahren zufällig in Montebello wieder trifft, bedeutet
dies einen Wendpunkt in seinem Leben, was er zu der Zeit jedoch gar nicht
wahrhaben will.
6
Andres:
Es hat mich eine Frau angesprochen auf der Straße: "Hola Andres, kennst Du mich
noch?" und ich hab gesagt, "Nein, tut mir leid, ich kenne Dich nicht. Wer bist Du?"
Und dann hat sie zu mir gesagt: "Ich bin Paula. Erinnerst Du Dich nicht, damals an
das Geburtstagsfest Deiner Tochter? Da hab ich die Spiele alle gewonnen." Da hab
ich gesagt "Natürlich. Aber Du hast Dich sehr verändert". Und sie hatte keine Zähne
vorne, die Schneidezähne waren weg. Sie war neunzehn. Sie hatte ein Kind an der
linken Hand, was ziemlich schwarz war, sie selbst hat 'nen indianischen Einschlag
gehabt. Dann hatte sie auf der rechten Hand ein sehr blondes Kind, mit blauen
Augen, vor sich ein Mädchen in den Armen und einen dicken Bauch. Das heißt, sie
ist neunzehn, dreifache Mama und schwanger, ich hab mal geschätzt, im siebten
Monat. Das hat mich sehr, sehr erschüttert.
Erzählerin:
Kurz nach dieser Begegnung bittet sein Halbbruder Carlos ihn um Hilfe für den
Aufbau einer Schule.
Andres:
Eine ganz kleine Schule für 20 oder 30 Kinder in Montebello, weil es einfach keine
Schulen in dem Ort gab und ich hab zu der Zeit gesagt, das interessiert mich nicht.
Bloß Paula hat mich wachgerüttelt und es war ein Moment, wo ich dachte: Okay, also
vielleicht müsste ich das mal überdenken.
Erzählerin:
Ein weiteres Ereignis führt dazu, dass Andres B. diese Gedanken nicht mehr los
lassen.
Andres:
Kein halbes Jahr später, hat mein anderer Bruder Onassis, der ein Adoptivsohn
meiner Mutter ist, ein Mädchen geschwängert, was zwölf Jahre alt war und die dann
Mutter mit dreizehn wurde. Patricia hat heute zwei Kinder von ihm, ist aber nicht
mehr seine Frau, weil Onassis in der Zeit, wo sie dann schwanger war mit dem
zweiten Kind, die Frau gewechselt hat und ein anderes Mädchen, was auch dreizehn
war auch wieder geschwängert hat. Sodass er mittlerweile sechs Kinder hat. Und ich
hab festgestellt, hier fehlt was, hier fehlt Aufklärung, hier fehlt eine gewisse
Sensibilisierung, und ich hab einfach gesagt: Okay, ich muss handeln. Paula und
Onassis und seine Töchter, das kann ich irgendwie nicht immer ansehen und ich
fahre jedes Mal wieder zurück nach Deutschland, in den dicken Flieger, komme nach
Frankfurt, wo die Hochhäuser aus dem Boden sprießen, jede Familie hat zwei bis
drei Autos - für mich war einfach die Relation in dieser Welt nicht gegeben und nicht
mehr ertragbar.
Erzählerin:
Die Lebensgeschichten von Paula und Onassis sind in Montebello immer noch die
Regel. Da es zu wenige Schulen gibt, die Eltern der Kinder selbst nie zur Schule
gegangen sind und das deshalb oft auch nicht für nötig halten, gibt es kaum
Aufklärung. Die jungen Mädchen entwickeln kein Selbstbewusstsein und werden
Opfer der Männer. Auch Missbrauch innerhalb der Familien ist keine Seltenheit.
7
Andres:
Sie werden immer Opfer von irgendwelchen Cousins oder Onkels oder auch den
Jeepfahrern, die die Mädchen wenn sie acht sind schon anfangen anzubaggern und
haben dann irgendwann Erfolg damit. Die überleben einfach nur, wenn sie sich
anderen Männern wieder anbieten. Und davon gibt es Massen. Nicht nur in
Montebello.
Erzählerin:
Und die männlichen Jugendlichen, die die meiste Zeit auf der Straße verbringen, sind
leichte Beute für die Guerilla, die Paramilitärs oder andere Banden, die so ihren
Nachwuchs rekrutieren. Und die Korruption hat das Land fest im Griff. Oft macht die
Regierung gemeinsame Sache mit profitgierigen Unternehmen, vor allem aus den
USA. Ob Palmölplantagen oder Coca-Anbau - immer sind die Menschen, die
Einwohner im Weg. Kolumbien gehört zu den Ländern mit den Weltweit meisten
Binnenflüchtlingen.
Andres:
Das sind Bauern, das sind Tagelöhner, die von verschiedenen Gruppierungen, wie
der Guerilla, Paramilitärs, auch teilweise das Militär, Banditen vertrieben werden, der
Mafia, der Drogenmafia, die versuchen, Länder zu kontrollieren um Drogenanbau zu
machen oder anderen Anbau, wo dann jede Bevölkerung hinderlich ist. Da wird ein
gewisser Druck ausgeübt auf die Bevölkerung, teilweise mit sehr viel Gewalt, und die
packen ihre sieben Sachen und ziehen in die Städte, wo’s viele Menschen gibt, wo
ihnen nicht so viel passieren kann, weil sie alleine sind. Um was zu ändern, wusste
ich, es muss was geschehen. Ich wusste bloß nicht, was. Das war eine sehr
schwierig und in dieser Zeit hab ich meiner Frau immer vorgejammert, dass
irgendwas geschehen muss, das ich nicht so weiter machen kann in Deutschland.
Dass ich verkümmere in Deutschland, dass ich eine Aufgabe habe und dass ich nicht
weiß wie.
Erzählerin:
Andres Frau setzt eine E-Mail auf an Freunde und Geschäftspartner. Sie bittet um
Mithilfe, um ein Schulprojekt in Montebello zu realisieren. Sie setzt ihrem Mann ein
Ultimatum: entweder er stimmt ihrem Schreiben zu oder er spricht nie wieder über
das Thema. Und das …
Andres:
... hat mich dann dazu bewogen, in einem mürrischen Ton zu sagen: "Na gut, dann
schick's halt weg." Und während ich aufgestanden bin, um meine Arbeit zu machen,
hat sie genüsslich auf "Enter" gedrückt und damit war dieses Mail weggeschickt. Und
zwei Tage später hatten wir die ersten dreihundert Euro und keinen Monat später
hatten wir die ersten zweitausend Euro und wir wussten gar nicht, wie wir damit
umgehen sollten. Und ich habe meine Freunde angerufen und wir haben den Verein
"Schule fürs Leben" gegründet. Noch im gleichen Jahr, als wir in Deutschland die
Organisation gegründet haben, bin ich nach Cali gefahren und wir haben die ersten
Schritte eingeleitet. Wir haben ein Grundstück gesucht und haben am ersten
September ne Schule eröffnen können und diese Schule hat mit 17 Kindern
angefangen. Im Oktober waren’s 36 Kinder und Ende des Jahres waren’s 96 Kinder.
8
Erzählerin:
Unter den ersten Schülerinnen ist auch Dahiana.
Dahiana(overvoice):
Und dann kam mein Bruder mit der Nachricht nach Hause, dass es eine neue Schule
gibt. Und da ging mein Papa hin, um mit der Direktorin und den Lehrern zu sprechen,
und sie schickten mich dahin.
Atmo: Schulkinder
Erzählerin:
Die Gründung des "Colegio de las aguas" war für Dahiana, ihre Schwester und ihren
Vater ein großes Glück.
Overvoice Victor:
Natürlich wäre es anders gelaufen, wenn es diese Schule nicht gegeben hätte, dann
hätte ich nicht so eine Unterstützung gehabt. Ich wusste, wenn ich zur Arbeit gehe,
bekommt Dahiana Frühstück und Mittagessen. Meine Töchter waren gut aufgehoben
und ich konnte arbeiten. Die Schule war sozusagen ein Ersatz für die Mama von
Dahiana. Ich habe dort auch Leute gefunden, die mich unterstützt und die mir
geholfen haben. Also sind die Schule und ich so etwas wie Dahianas Familie
geworden.
Andres:
Ich erlebe bloß zerrüttete Familien. Wenn wir jetzt nur einfach nach Montebello
gucken, dann ist es so, dass es kaum eine Familie gibt, wo Vater und Mutter Kinder
betreuen. Sondern es ist immer nur der Vater oder nur die Mutter, was viel häufiger
ist, weil die Väter tot sind oder unterwegs oder bei irgendwelchen militanten
Gruppen, oder vielleicht auch wirklich arbeiten oder bei Großmüttern oder
Großvätern, Onkeln Tanten und Cousinen. Die Familienstruktur ist eigentlich gar
nicht vorhanden so wie’s in Deutschland üblich ist. Und die Kinder, die halt ohne
Mama aufwachsen, haben hier einfach keinen direkten Bezug. Es ist sehr schwierig
mit diesen Kindern umzugehen.
Erzählerin:
Auch Dahiana war früher ein schwieriges Kind. Das sagt sie sogar von sich selbst.
Dahiana (overvoice):
Ich war sehr aufsässig, vulgär und aggressiv. Und jetzt, wo ich auf die Schule gehe,
habe ich mich sehr geändert. Ich habe gelernt, was Respekt ist und hab sogar Preise
für mein Verhalten bekommen. Und ich bin eine der besten Schülerinnen hier.
Erzählerin:
Das kleine Schulgebäude mit vier Klassenräumen, das früher eine Halle war, in der
Tanzveranstaltungen stattfanden, platzt bald aus allen Nähten. Ein neues
Grundstück wird gekauft und mit Hilfe des BMZ, des Bundesministeriums für
Zusammenarbeit und Entwicklung, kann die Schule erweitert werden.
9
Andres:
Das erste Schulgebäude haben wir versucht so zu errichten, dass die Bevölkerung
sich gut damit identifizieren kann. Zum Beispiel haben wir keine große Firma aus Cali
geholt, sondern wir haben die Bevölkerung befragt: "Habt Ihr Lust, selbst Hand
anzulegen und die Bodenplatte zu erstellen und die Erdarbeiten zu machen? Und wir
bezahlen Euch natürlich, aber es ist eine harte Arbeit". Und die Bevölkerung hat "Ja"
gesagt. Es gab fast dreißig Männer, die dann die Erdarbeiten hier angestellt haben
und damit waren die ersten Schritte zu "Wir bauen unsere Schule" gelegt. Zugleich
hab ich dann versucht, Materialien zu finden, die auch 'ne kolumbianische Identität
haben, aber auch preiswert waren und ich habe dann den Bambus gefunden, den
Guadua. Und unsere Schulgebäude werden alle in Guadua gebaut, aus diesen
beiden Gründen: preiswert und Identifikation Kolumbien. Wir versuchen, schöne
Räume mit wenig Mitteln herzustellen.
Erzählerin:
Die Kinder bekommen in der Schule ein Frühstück und ein Mittagessen. Das sind oft
ihre einzigen Mahlzeiten am Tag. Dafür wurde aus Guadua, dem Bambus, der als
Baumaterial so hart ist wie Stahl, eine große Mensa errichtet. Andres, der in
Deutschland ja als Architekt gearbeitet hatte, hat sie selbst entworfen.
Andres:
Dieser Esssaal, das ist 'ne multifunktionelle Halle und da werden heute 240 Kinder
verköstigt. Letztes Jahr haben wir begonnen mit dem dritten BMZ-Projekt. Und zwar
sind das Werkstätten. Die werden zurzeit errichtet. Mit der ersten Werkstatt sind wir
schon ein halbes Jahr am Machen. Das sind nämlich Jugendliche aus Montebello,
die nichts zu tun hatten, als auf der Straße rum zu gammeln. Die lernen: Wie baue
ich mit Guadua. Und es folgt eine Schreinerei und es folgt dann auch noch eine
Werkstatt, um Dachziegel zu produzieren. Und eine Werkstatt für sechs Mädchen,
die in der Schulküche zu Köchinnen ausgebildet werden.
Erzählerin:
Das Projekt in Montebello wächst immer weiter. Und Dahiana weiß, was es bedeutet
hätte, wenn es das "Colegio de las aguas" nicht gegeben hätte.
Dahiana (overvoice):
Ich hätte nie etwas gelernt. Ich wäre ganz anders als ich heute bin, ich würde mich
schlagen, ich würde viel Schlechtes tun. Aber jetzt, wo ich zur Schule gehe bin ich
nicht mehr wie früher. Ich glaube, ich habe eine Zukunft. Ich habe viele Dinge gelernt
und werde noch viel mehr lernen und das Gute nehme ich mir für mein Leben und
das Schlechte, was ich erlebt habe, nicht. Ich will Krankenschwester werden und ich
weiß nicht, ob ich weiter hier in Cali leben werde. Vielleicht muss ich auch fortgehen.
Aber vielleicht bleibe ich auch hier in Cali.
Erzählerin:
Andres B. lebt inzwischen hauptsächlich in Kolumbien. Er hat mit dem Projekt
"Schule fürs Leben” seine Lebensaufgabe gefunden. Er hat die beiden Welten, in
denen er aufgewachsen ist, zusammengeführt.
10
Andres:
Es ist auch für mich immer ein Traum gewesen, schon in meiner Jugend, Brücke zu
sein zwischen Deutschland und Kolumbien.
Atmo: Kinderlied
Erzählerin:
Im "Colegio de las aguas" gibt es keinen Teufelsschrank, in den die Kinder
eingesperrt werden. Der Unterricht ist nicht autoritär und die Kinder erfahren hier
oftmals mehr Zuneigung als in ihren Familien. Andres B. hat Dahiana und vielen
anderen Kindern mit seiner Idee eine Perspektive geschenkt. Er hat mit seinen
Freunden und dem Verein "Schule fürs Leben" die Welt in Montebello ein wenig
besser gemacht. Und seine Mutter Leonor ist glücklich.
Leonor (overvoice):
Ach, es ist so wunderbar, so schön. Weil er für mich sorgt und ich ihm auch helfe,
soweit ich kann. Ich bin sehr glücklich, sehr glücklich jetzt. Ich habe verstanden,
früher mal habe ich an wenig geglaubt, aber mit der Zeit habe ich verstanden, dass
wenn man einen Menschen entrissen bekommt und man den Mut hat,
weiterzumachen, gibt es einen Gott, der alles richtet, alles. Und man alles um ein
Vielfaches zurückbekommt. Gott gibt einem alles um ein Vielfaches zurück.
Hinweis:
Schule fürs Leben e.v
Schwarzburgstr. 10
60318 Frankfurt
Tel. 069-95 50 98 36
FAX: 069-95 50 98 37
www.schulefuersleben.de
info@schulefuerslebend.de
Vereinskonto Schule fürs Leben e. V.
Postbank Frankfurt (BLZ 500 100 60)
Konto: 07 531 236 08
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