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Kommunikative Verkettung von Events oder was können wir - TUHH

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Kommunikative Verkettung von Events oder was können wir aus einer Blickverschiebung bei der
bimodalen Analyse lernen?
Christian Stegbauer, Goethe-Universität Frankfurt
Das klassische Beispiel für bimodale Netzwerke stammt aus der Untersuchung von Davis et al (1941) und
betrachtet die Teilnahme von 18 Frauen bei 14 Anlässen in „Old City“. In der bimodalen Netzwerkanalyse geht
es meist nicht wirklich um beide Modi (Personen und Anlässe). Meist werden aus der gemeinsamen Teilnahme
an Events Personennetzwerke konstruiert. Es wird dann analysiert, wer mit wem in Verbindung steht und zu
welchen Konsequenzen dies führt. Was hinter einer solchen Beziehungskonstruktion steht, ist oft lediglich die
Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, bzw. die Bedingung der Möglichkeit in Kontakt zu kommen (hätten nicht
Teilnehmer x und Teilnehmer y gleichzeitig das Event besucht, hätte die Möglichkeit des Kontakts nicht
bestanden). Insbesondere das Vorhandensein von Mitgliedschaftslisten und die immer zahlreicher werdenden
Daten im Internet legen solche Analysen nahe.
Im Beitrag nun soll die Frage gestellt werden, was wir lernen können, wenn wir einen Blick auf die Verbindung
der Events werfen. Ähnlich wie Albrecht (2008) eine Verschiebung der Knoten von den Personen zu den
Kommunikationssequenzen vornimmt, soll hier die Verknüpfung der Events im Blickpunkt stehen. Je
nachdem, was man betrachtet, den Zusammenhang von Events oder den von Personen so ist die Darstellung
der Beziehung durch eine einfache Matrix-Rechenoperationen möglich (Multiplikation mit der transponierten
Matrix) (Breiger 1974). Das, was hinsichtlich der Analyse trivial ist, soll hier stärker von der Bedeutung her
erfasst werden.
Wie kann man den Zusammenhang zwischen zwei Events (unter Berücksichtigung des Tagungsthemas)
interpretieren? Es geht nicht nur darum, dass die Events über die gleichen Teilnehmer in Beziehung stehen.
Man kann ein Event auch als ein Aggregat von Kommunikationen ansehen. Allerdings geht es hierbei nicht in
erster Linie um den Zusammenhang zwischen denjenigen Personen, die kommunizieren, sondern um die
Kommunikation vergangener Events. Dabei wird Kommunikation in dem Sinne verstanden, dass auch die
verschiedenen Praxen und Traditionen und das Aufnehmen und Weitergeben davon darunter fällt. Vergangene
Events stehen nämlich mit zukünftigen in Verbindung. Das heißt, dass Events eine historische Verkettung
aufweisen. Vergangene Anlässe wirken dadurch auch dann noch weiter, wenn bereits wieder ein Decoupling
der beteiligten Personen stattgefunden hat. Hierfür lassen sich unterschiedliche Verbindungsmodi ausmachen,
wie argumentiert werden soll.
Solche Verbindungen sind Übertragungen von Verhaltensweisen, wie Kieserling (1999) in Bezug auf
Interaktionssysteme für Partys argumentierte. Man könnte sein Beispiel der Übertragung vom Verhalten auf
Partys von ähnlichen Partys, die irgendwann schon einmal besucht wurden, als einen geschichtlichen
Zusammenhang zwischen Partys bezeichnen. Jede nachfolgende Party steht durch die Übertragung von
Verhaltensweisen ihrer Besucher mit denjenigen, die diese vorher besucht haben, in Verbindung. Partys ähneln
sich auf diese Weise, weil jede Party durch Übertragung etwas mit einer Reihe von vorhergehenden zu tun hat.
Auf diese Weise finden (hinter dem Rücken der Akteure) Aushandlungen darüber statt, was unter Partys zu
verstehen ist. Diejenigen, die eine Party veranstalten, planen im Rahmen des Erlebten oder explizit unter
Absetzung vom Erlebten (analog dem Bezug auf die Mode bei Modemuffeln – Simmel 1919) etc.
Neben der Wirkung des selbst Erlebten, weiß man sich auf solchen Events auch als Neuling allein deswegen
schon zu benehmen, weil es die Möglichkeit gibt, sich im Verhalten an den anderen zu orientieren. Wenn es
sich also um eine ungewohnte Situation handelt, dann steht diese mit den Situationen, welche die anderen
bereits erlebt haben, insofern in Verbindung, als dass das von diesen übertragene Verhalten abgeschaut wird.
Auch hier findet sich eine kommunikative Verbindung zwischen den Events, die in diesem Fall nicht mal selbst
erlebt wurden. Es handelt sich also um eine indirekte Übertragung von vergangenen Veranstaltungen durch
Abschauen.
Ein weiterer Modus der Übertragung findet über Geschichten statt. Diese sind von besonderer Bedeutung, da
hierüber Informationen auch über das eigene Erleben und das Abschauen über Events und deren Austragung
weitergegeben werden (White 1992). Die Geschichten können natürlich auch über Medien weitergegeben
werden. Dort dienen sie vor allem als Vorbilder für Verhaltensweisen, die mit typischen Positionierungen
einhergehen.
Mit der Verschiebung des Fokus von den Akteuren hin zu den Events könnte man argumentieren, dass spätere
Events mit denjenigen, die zuvor stattfanden, kommunikativ vernetzt sind. Die Netzwerkforschung könnte
also, über einen einfachen Wechsel der Fokussierung ihr Analysegebiet über den Zusammenhang zwischen
Personen auf die Herausbildung von Formen unter einem dynamischen Aspekt ausweiten. Für die Variabilität
der Sichtweisen im Kontext der Kommunikation soll der Beitrag werben.
Literatur
Albrecht, Steffen (2008): Netzwerke und Kommunikation. Zum Verhältnis zweier sozialwissenschaftlicher
Paradigmen. In: Stegbauer, Christian (Hg.): Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in
den Sozialwissenschaften. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 165–178.
Breiger, Ronald L., 1974, The Duality of Persons and Groups. Social Forces 53, 2: 181-190.
Davis, Allison; Gardner, Burleigh B.; Gardner, Mary R.; Warner, W. Lloyd (1941): Deep South. A social
anthropological study of caste and class. Chicago Ill.: The University of Chicago press.
Kieserling, André (1999): Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme. 1. Aufl.
Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Rausch, Alexander, 2010, Bimodale Netzwerke, in: Stegbauer, Christian; Häußling, Roger (Hg.) (2010):
Handbuch Netzwerkforschung. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Simmel, Georg (1919): Philosophische Kultur. Gesammelte Essays. 2., um einige Zusätze verm. Aufl. Leipzig:
Kröner.
White, Harrison C. (1992): Identity and control. A structural theory of social action. Princeton, NJ: Princeton
Univ. Press.
Kontakt:
Christian Stegbauer
stegbauer@soz.uni-frankfurt.de
Tel. 069 798 23543
Goethe- Universität
Fachbereich 3, Institut 1
Robert-Mayer-Str. 5
60054 Frankfurt
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