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10-01-10-Was von der DDR übrig blieb.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Was von der DDR übrig blieb
Die Identität der Ost-Deutschen heute
Autor:
Matthias Baxmann
Redaktion:
Rudolf Linßen
Sendung:
Freitag, 01.10.10 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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1
MANUSKRIPT
Musik: City „Weil die Erde eine Kugel ist“ aus der CD „Silberstreif am Horizont“
Mann 1:
Ich habe zwar damals immer Probleme gehabt, wenn ich im Ausland war, zu sagen,
ich bin DDR-Bürger und habe mich auch nie als DDR-Bürger gefühlt. Diese DDRIdentität ist eigentlich erst in Abgrenzung nach der Wende praktisch bei mir
entstanden.
Frau 1:
DDR-Mentalität – ich denke, das existiert für mich, weil ich lange schon in Berlin
wohne, und die Seiten sich da auch nach der Wende vermischen und dennoch habe
ich da Unterschiede festgestellt und kann die aber schlecht in Worte fassen.
Mann 1:
Das ist eher auch so eine Gefühlsebene, wenn man es nicht in so eine Karikatur
bringen will, dass er sich die Mauer wieder wünscht, sein VEB - gerade, wenn man
jemand ist, der sich ehrlich und riesig gefreut hat, dass die Mauer gefallen ist, der an
der DDR, an dem System, weiß Gott, nicht gehangen hat.
Mann 2:
Was für mich wichtig ist, doch bewusst beide Systeme wahrgenommen zu haben, die
Fähigkeit, doch besser dazwischen zu schauen. Den Sozialismus oder den
Kapitalismus mit seinen Grundprinzipien zu verstehen. Die Möglichkeit, zu erkennen,
dass dieser Weg, den ich jetzt hier durchschreite, eben auch nicht der richtige Weg
sein kann, also, dieser Endzeitkapitalismus.
Jugendlicher 1:
Wenn man sich mit unserer Elterngeneration unterhält, die, glaube ich, Vorurteile
haben. So sagen: „Äh, das merkt man ja sofort, der kommt aus dem Westen oder
merkt man ja sofort, der kommt aus dem Osten.“ - Also bei uns Kindern sozusagen
mischt sich das vielmehr.
Musik: City „Weil die Erde eine Kugel ist“ aus der CD „Silberstreif am Horizont“
Prof. Peter Mühlberg:
Ich bin Dietrich Mühlberg, war über viele Jahre Professor für Kulturgeschichte an der
Berliner Humboldtuniversität. - Auf dem Dorf, da sagen die Leute: „In unserer Zeit
war das so.“ Und damit meinen sie die Zeit der DDR. Dann wurde alles anders, sie
mussten sich umgewöhnen, anpassen, aber: „Zu unserer Zeit war das eben so heute ist das so und zu unserer Zeit war das so.“ - Und fremd fühlen sich die Leute ja
nur, weil für sie dieses Neue keinen Hintergrund in der eigenen Gesellschaft und in
ihrer Geschichte hat. Unter Gesellschaft meine ich jetzt nicht das politische System,
sondern in ihren Zusammenhängen, in denen sie lange gelebt haben. Ob sie die gut
fanden oder sich unterdrückt fühlten, ist da völlig gleichgültig. Sie alle haben aber
eine gemeinsame Geschichte.
2
Dass eine ganze Population von 16 Millionen von einem Tag auf den anderen in eine
andere Gesellschaft versetzt wird, schneidet ihr - das ist dann auch noch politische
Programmatik gewesen - diese Vergangenheit zu deckeln und mitzuteilen, kann es
denn überhaupt ein „wahres Leben im Falschen“ geben? - Das impliziert ja schon,
wahrscheinlich habt ihr alle falsch gelebt! Das führt ja auch dazu, dass etliche
Überangepasste in der neuen Gesellschaft ganz stolz sagen: „Es merkt gar keiner
mehr, dass ich aus dem Osten bin“, und damit zeigen, dass sie doch tatsächlich
Ossis sind, die nicht ganz akzeptiert werden oder ständig auf der Hut sind
gewissermaßen, dass man sie nicht erkennt als solche.
Frau 1:
Geld war für mich nie ein Thema, weil diese Art Kapitalismus und Geldverdienenwollen und -müssen, war eher was Böses für mich. Eher hieß es, lieber sozial sein
und Teilen, diese ideellen Sachen sind wichtiger als materielle Dinge. Dass es nicht
darum ging, alles gegen Geld aufzurechnen. Das hatte ich so in meinem Leben
mitbekommen. Und jetzt mache ich eben die Erfahrung erstmal so richtig, dass ich
nach so vielen Jahren merke, vieles lässt sich einfach in Geld ausdrücken. Mir fällt es
schwer, das zu akzeptieren. Ich muss es aber akzeptieren, im Sinne von meiner
beruflichen Laufbahn, meine Kinder mit Ausbildung und Wohnung und ich merke
einfach dass so vieles, was ich am Tag zu erledigen habe, einfach mit Geld zu tun
hat.
Jungendliche 2:
Wenn ich weg war habe ich immer hauptsächlich Leute getroffen, die waren aus dem
Westen. Und da ging es auch schon um so Sachen wie Geld, dieses Sparen, wo
man kann. Die jungen Leute, die ich kennen gelernt habe, die so in Bonn gewohnt
haben, die waren da nicht so hinterher. Die hatten halt alle mehr Geld. Das ist so
das, was mir wirklich einfällt, große Häuser und so, aber vielleicht war es auch, weil
das katholische Familien waren - ich habe keine Ahnung.
Mann 3:
Bei einigen Sachen finde ich es ja ganz gut, dass ich nicht auf jeden Pfennig gucke.
Das ist ja so belastend, wenn man sich und seine Umgebung immer kontrollieren
muss, wie sind die Flüsse, sowohl Geld als auch Arbeit, die ich für andere aufwende
oder Sympathien: wo fließt das hin, wo kommt das zurück? Wird das so erwidert wie
ich das hingegeben hab, diese Kontrolle und so? Das will ich ja gar nicht so genau
kontrollieren Aber wenn es dann manchmal auf den Punkt deutlich wird, dass man
zubuttert in den ganzen Sachen, dann ist man auch wieder ein bisschen - man denkt:
Mensch, musst du doch mal irgendwann lernen!
Mann 2:
Wo ich wahnsinnige Probleme habe und gerade als Geschäftsführer einer kleinen
Firma, dass ich eben immer noch nicht dieses Thema - Finanzen, Geld, ist mir sehr
unangenehm, also Preise zu gestalten. Klar, ich könnte ganz nüchtern sagen, die
Arbeitsstunde so und so berechnet sich aus den und den Punkten, aber es ist eben
in mir drin, dass dieses Thema Geld für mich früher überhaupt keine Rolle gespielt
hat. Wenn dann irgendwie mal Westbesuch war und dieses Thema dann auf Geld das war mir unangenehm, und ich konnte es überhaupt nicht nachvollziehen, dass
das so thematisiert wurde im privaten Rahmen. Und da habe ich eben immer noch
nach 20 Jahren meine Probleme damit.
3
Mann 3:
Das fällt mir auch an mir selber auf: Dienstleistungssachen, die ich abfragen könnte,
wozu ich das gute Recht hab oder so, da tritt man lieber einen Schritt zurück und
andere, die ihre Rechte kennen - und das ist nun wirklich ein deutlicher Unterschied
zu den alten Bewohnern des Deutschlands - die treten rein, wissen, was los ist und
lassen auch nicht locker.
Mann 1:
Diese extreme Effizienzdenken: „das rechnet sich nicht“ oder „das muss sich
rechnen“, was sich nicht auf irgendwelche Produktionsabläufe beschränkt, sondern
weit in soziale Beziehungen rein reicht, das mir fremd war und immer noch ist.
Mann 4:
Na, das könnte die andere Seite jetzt dieser Unbeschwertheit sein, dass man eben
früher versorgt wurde und jetzt doch sich weitestgehend selbst versorgen muss und
auch kann! Also, diese Freiheit, die darin steckt, sich selbst versorgen zu können, die
muss ja auch erstmal entdeckt werden. Also, da habe ich auch eine Weile zu
gebraucht, das zu entdecken und das auch - fast könnte man sagen - genießen zu
lernen.
Frau 2:
Mit meinen Erfahrungen im finanziellen Bereich, dass manche Freundinnen teilweise
Sachen nicht machen würden, die ich mache. Wenn es nicht alles von vornherein
komplett bis ins letzte i-Tüpfelchen abgesteckt ist, würden manche es aus ihrem
Sicherheitsdenken nicht tun, weil sie vielleicht auch die Konsequenzen sehen durch
ihre Herkunft aus dem Westen, die man vielleicht als Ossi noch nicht so überblickt.
Mann 3:
Ich empfinde einige Sachen als überhaupt nicht so bedrängend oder so
einschneidend und bin in vielen Punkten recht ruhig und weiß, dass es noch mit viel
weniger Dingen trotzdem viele Möglichkeiten im Leben gab. Das ist einfach die
Erfahrung aus der Zeit.
Frau 2:
Also, ich denke, dass ich, wenn man das jetzt auf den Wessi bezieht, dass sich
manche auch nicht vorstellen können, unter komplett anderen Lebensbedingungen
auch gut leben zu können oder sich seine Nischen zu schaffen.
Jugendliche 2:
Ich kriege nur immer die Geschichten von meiner Mama erzählt und denke dann
auch, ja, das war mehr: Aus Wenig Viel machen. Was jetzt nicht mehr ist.
Frau 2:
Also, auch mit Provisorien zu leben und dann Auswege zu finden - darin glücklich zu
sein.
Mann 4:
Ich erlebe mich eigentlich als so ein bisschen sorgloser, ein bisschen unbeschwerter
eigentlich im Leben und glaube, dass das schon auch eine Prägung aus der DDR ist,
weil da spielten ja Existenzsorgen so gut wie keine Rolle.
4
Prof. Peter Mühlberg:
Die ostdeutsche Gesellschaft war eine sehr egalitäre Gesellschaft. Die Unterschiede
in den Wertvorstellungen, in den Handlungsmöglichkeiten, in den familiären
Strategien waren sehr gering. Also, hier haben die Professoren neben den
Schichtarbeitern im selben Neubau gewohnt. Das ist ungewöhnlich für die
westdeutsche Gesellschaft, und das schlägt sich dann auch nieder in ein paar
Eigenheiten. Die Ostdeutschen haben andere Vorstellungen von sozialer
Gerechtigkeit, bis in die Gegenwart, auch bei den Jüngeren ist das so.
Also, was stärkere Differenzen als 1 zu 3, 1 zu 4 sind, halten sie für völlig unmöglich.
Also, es sind mentale Eigenheiten. Am Gravierendsten vielleicht im Verhältnis zum
Lieben Gott. Da sind sie entschieden irdischer, pragmatischer und deutlich
Transzendenten irgendwie misstrauisch gegenüber. Insofern ist da durchaus eine
andere Mentalität da. Am Wichtigsten wahrscheinlich im Verhältnis der Geschlechter
zueinander. Da sind die Ostdeutschen eigentlich alle so geschult, dass Frauen und
Männer gleichberechtigt nebeneinander arbeiten.
Zwei Studentinnen von uns, die haben einmal eine Untersuchung gemacht, eine
Langzeituntersuchung in Ost-West-Partnerschaften, ein Mann aus dem Westen, Frau
aus dem Osten. Fünfzehn haben sie bis zum Ende gebracht und als sie fertig waren,
waren zwölf davon auseinander gegangen und alle an einem Punkte. Als die Frau
Mutter wurde und jetzt die Frage auftauchte: Was wird aus ihr? Es war nämlich
selbstverständlich, dass sie ja weiter arbeiten geht, was in der DDR normal war und
auch abgestützt war. Da haben einige sogar verheimlicht, dass die Frau wieder
arbeitet, vor den Familien der Männer. Das hat die alle eigentlich auseinandergetrieben. Das heißt, solche gelernten Sachen, die spielen im weiteren
Lebensverlauf durchaus eine Rolle und prägen die Vorstellungen von der Männerund von der Frauenrolle.
Frau 2:
Freundschaften zu den Wessis, weiß ich nicht, gibt es nicht so wahnsinnig viele. Ein
bisschen sehe ich es schon, dass da mehr auf Sicherheit geachtet wird. In der
Beziehung, dass man heiratet, damit man abgesichert ist. Dass man das Haus auf
den Mann überträgt, also das kenne ich von einigen Freundinnen, dass die sich sehr
absichern in finanzieller Hinsicht.
Frau 3:
Also, bei mir war es häufig so, dass sich neue Kontakte lange nach der Wendezeit,
häufig unter Ostdeutschen gebildet haben.
Frau 1:
Wo ich mich mehr öffne, fast ausschließlich mit Ostleuten. Obwohl ich Ausbildungen
mache und da sind viele aus dem Westen dabei und meistens weniger aus dem
Osten, aber ich lande dann doch immer in der Kommunikation oder Befreundung
sozusagen immer mit Ossis.
Mann 2:
Vielleicht auch dieses miteinander Umgehen, diese Verbindlichkeit, die heutzutage
ich sehr vermisse. Dass alles so ein bisschen oberflächlicher geworden ist.
5
Frau 1:
Ich habe immer das Gefühl, dass wir uns mehr öffnen, ehrlicher sind, aber ich kann
es nicht so pauschal sagen. Es ist immer meine Erfahrung, dass ich merke, dass es
so Grenzen gibt. Aber ich habe ja eine liebe Freundin im Westen und die ist
eigentlich wie ein Ossi.
Jugendlicher 1:
Bei uns in der Klasse sind auch Leute, die Ost-Eltern haben und West-Eltern. Und
die, die sozusagen aus dem Osten kommen, da merkt man, dass die irgendwie mehr
gemeinsam miteinander was machen und ich finde, man merkt das teilweise an der
Art und Weise, wie die Leute miteinander umgehen, für Andere da sind und auch mal
sich selbst zurücknehmen. Bei den Westkindern wäre es eher so, dass nicht ganz so
viel von sich preisgeben, so vielleicht aus Angst, was kann der Andere mit den
Informationen anfangen. Ich habe so das Gefühl, es ist ein bisschen sozialer von der
Erziehung, dass es nicht ganz so egoistisch ist.
Mann 1:
Es gibt wenige Menschen die ich kennen gelernt habe, wo der Gedanke gar nicht da
war: Ist der aus dem Osten oder aus dem Westen? - sondern wo der Typ einfach als
Typ so interessant war, dass ich nur mich gefreut habe, den kennen zu lernen. Das
sind aber ganz wenige Ausnahmen. Weil ich vielleicht doch sonst nicht frei von
Vorurteilen bin bei der Einschätzung.
Frau 3:
Ich denke mir, dass Leute, die ostdeutsch geprägt sind, haben die Scheu nicht, über
das zu sprechen, was sie bewegt, ohne Maske, ohne Imagepflege, sage ich jetzt
mal.
Mann 4:
Weniger Worte machen, dafür aber das, was man sagt, auch so meinen, also,
weniger Höflichkeiten, weniger formelle Aussagen.
Frau 3:
Und dadurch gibt es unter Umständen engere Verbindungen untereinander.
Mann 4:
Und dann empfinde ich als eine Eigenschaft, die schon zu DDR-Zeiten geprägt
wurde, dass man direkt ist, direkt sein kann, nicht immer muss mehr. Das habe ich
auch gelernt, dass man das nicht immer mehr sein sollte, aber wenn es passt, knöpf’
damit auch den einen oder anderen Westler damit auf, der vielleicht sonst ein
bisschen förmlicher wäre.
Frau 3:
Es war ja schon, jedenfalls was breite Bevölkerungsschichten betraf - die
Ungleichheit war in engeren Grenzen. Und das ist die Prägung, die, denke ich,
geblieben ist, weil, es ist dann nicht mehr so wichtig, sich zu unterscheiden, auf diese
Äußerlichkeiten hin bezogen.
6
Frau 4:
Wenn man seine Heimat loslassen musste, ein Teil seines Lebens, dadurch dass
keiner mehr darüber reden wollte, dass jetzt ist alles West irgendwie, alles BRD,
dann ist ja auch ein Bedürfnis danach da, immer mal wieder darüber zu reden,
solche Momente zu nutzen: man begegnet jemand anderes, der die gleiche
Vergangenheit hat oder eine ähnliche Vergangenheit.
Mann 1:
Sicherlich gibt es auch die Ossis, die bewusst in der Vergangenheit leben, die dieses
Ostige vordergründig raushängen lassen mit deutlichen Vorbehalten gegen jeglichen,
der aus dem Westen kommt, auftreten. Das finde ich nicht gut.
Frau 2:
Prinzipiell muss ich mal sagen, dass ich mich nicht mit der DDR identifiziere. Ich
identifiziere mich höchsten mit dem Leben, das ich geführt habe vor Mauerfall, mit
dem Freundeskreis, in dem man war. Muss ich sagen, dass hätte ich manchmal gern
wieder.
Jugendliche 2:
Das war irgendwie familiärer. Ich weiß auch nicht, man hat sich ausgeholfen und
jetzt, na ja, jetzt ist es schwierig, Kontakte zu halten, weil wir halt einfach
überschüttet werden mit Möglichkeiten und jeder irgendwie was anderes machen will.
Mann 1:
In Abgrenzung zu dem jetzt erscheinen mir da bestimmte Erscheinungsformen des
DDR-Leben durchaus angenehm und positiv: sich Zeit lassen, Sachen gründlich
angucken, Geduld haben, auf Zwischentöne achten, vielleicht nicht alles abrechnen
müssen, ob Aufwand und Nutzen in einem effektiven Verhältnis standen.
Frau 2:
Man war nicht ständig auf der Suche nach Geld, man musste sich die Zeit ausfüllen
und wenn man jetzt das Gefühl hatte, einem war langweilig, musste man sich
Projekte suchen und hat immer sehr schnell Leute getroffen, denen es ähnlich ging,
die noch ein bisschen mehr machen wollten in der DDR als nur heiraten, Wohnung
kriegen und einen Job ausführen, sondern die vielleicht auch teilweise gegen das
Land was gemacht haben oder politisch aktiv waren. Und da hat man natürlich einen
anderen Zusammenhalt, als wenn man jetzt nur guckt, sage ich mal, wie man mit den
Steuern gut fährt oder wie man... Es hatte einen anderen Inhalt, meiner Meinung
nach. Entweder war es der Inhalt, politisch gegen die DDR aktiv zu sein oder sich
persönlich in der DDR Freiräume zu schaffen. Das verbindet. Das verbindet natürlich
viel mehr, als wenn man jemand aus Hamburg kennen lernt, der das überhaupt nicht
nachvollziehen kann, wenn die Stasi vor der Tür steht oder wenn ein Freund im
Knast ist.
Frau 4:
Das fällt vielleicht irgendwann im Gespräch: „Wo kommst du denn her? - Ach ja,
schön“, und so. Die jungen Leute, meine Generation fragt nicht nach. Ich kann mir
das vielleicht so erklären, dass die ältere Generation nachfragt, um zu gucken, bist
du auf meiner Seite oder auf der anderen? Kann ich dir vertrauen? Haben wir
denselben Ursprung? Denken wir ähnlich? Haben wir dasselbe erlebt? Müssen wir
bestimmte Fragen gar nicht mehr klären untereinander?
7
Ich kenne das auch, ja, doch, dass gefragt wird: „Wo kommst du denn her?“ – Und
das ist auch die Mauer, die noch im Kopf ist. Das ist das, warum so viele sagen, Ost
und West ist tatsächlich noch nicht zusammengewachsen. Auch nach zwanzig
Jahren noch nicht.
Musik: City „Bummiland“ aus der CD „Silberstreif am Horizont“
Prof. Peter Mühlberg:
Das ist der Grund, warum Heimat vielleicht nur das Vergangene sein kann und das
Gegenwärtige nicht, weil die Erinnerung daran erst mit den Generationen, die jetzt in
die Schule gehen, kommen kann, die schon durch die anderen Verhältnisse geprägt
sind - wenn sie stabil bleiben. Wenn sie sich auch ändern, passiert da auch noch
einiges.
Frau 2:
Für mich ist es immer ein Phänomen, wenn man sagt: „Ich gehe dann jetzt mal ein
halbes Jahr nach England und dann gehe ich ein halbes Jahr noch dort hin.“ - Das ist
wiederum für mich zwar vorstellbar, aber fremd die Erfahrung. Und das habe ich also
auch an Wessis oft bewundert, dass sie einfach sich das da finanzieren und da an
einem Projekt teilnehmen, also, viele.
Mann 1:
Sicherlich eine gewisse Zögerlichkeit, wie man forsch in die Welt geht, das ist mir
immer noch sehr fremd.
Frau 2:
Wohingegen ich, außer Urlauben in Südamerika, jetzt nicht so bereit bin, für ein Jahr
nach England zu gehen und da zu arbeiten oder nach Frankreich und von heute auf
morgen noch eine neue Sprache kennen zu lernen und neue Leute kennen zu
lernen. Das finde ich einen ziemlich großen Unterschied zwischen Ossis und Wessis.
Mann 1:
Das ist durchaus etwas, auf was ich nicht stolz bin, sondern wo ich gerne mehr diese
Offenheit hätte.
Frau 2:
Na, die grundsätzlich Art von Selbstbewusstsein. Also, was man in jedem
Bewerbungsgespräch lernt: was man nicht sagt, was man sagt, wie man auftritt. Da
könnte man die Wessis schon auch bewundern. Obwohl ich auch oft Situationen
hatte, wo man mich nicht in den Osten angesiedelt hatte, wenn ich jetzt irgendwo
neu war und mich beworben hatte.
Frau 3:
Es ist ja durchaus eine Fähigkeit auch, sich positiv darstellen zu können und wie weit
man jemanden in sich reingucken lässt. Man ist vielleicht zu offen, zu ehrlich und
dadurch auch verletzlicher.
Frau 2:
Aber dieses Selbstverständnis, nur für sich zu entscheiden, nicht zu gucken, was das
persönlich mit sich selbst und dem Anderen macht, finde ich einerseits
bewundernswert und andererseits abschreckend.
8
Mann 4:
Es gibt so Sachen, die ich lernen musste und auch lernen wollte. Also, ein bisschen
mehr mich mitzuteilen, auch mich ein bisschen mehr präsentieren, ja, das ist
wahrscheinlich ein wesentlicher Unterschied, dass man sich in der westlichen Kultur
doch sehr viel mehr verkaufen soll und muss, und das in der DDR nicht erforderlich
war. Das musste ich lernen, wollte ich auch zum Teil lernen ohne es zu übertreiben.
Mehr von sich zu reden, ein bisschen zu übertreiben, sind Sachen, die waren einfach
nicht notwendig in der DDR. Im Gegenteil, es hatte dann eher so ein Ruch von
Angeber oder Egozentriker.
Frau 2:
Dann da aufzutreten und das wahrscheinlich auch zu splitten komplett von seinem
persönlichen Empfinden, eine Meinung kund zu tun, die nicht mal unbedingt der
Wahrheit entsprechen muss. Und da frage ich mich auch, ob das richtig ist, was ich
sage und was das bei den anderen vielleicht anrichtet, wenn ich das sage oder
ausspreche. Meine Erfahrung mit den Wessis ist so, dass sie in ihrer Form der
Selbstdarstellung das Gegenüber oft vergessen.
Mann 4:
In beruflicher Hinsicht war dieses Sich-selbst-nicht-so-richtig-darstellen-können oder
-nicht -wollen schon ein Hindernis.
Musik: City „Meine Gegend“ aus der CD „Silberstreif am Horizont“
Frau 4:
Es gibt ja so ein latentes Trauma, sage ich jetzt mal, bei vielen Ostdeutschen, die
eben die Wende schon so erlebt haben, dass sie so ein bisschen kolonialisiert
wurden. Das ist ja wirklich die Kurzfassung, um es sehr deutlich zu zeichnen, was ich
meine. Und dann ist natürlich so ein Symbol, was wegfällt, wie der Palast der
Republik, noch mal ein Schlag ins Genick. Unsere ganze Identität ist futsch und
unser ganzes Land ist sozusagen umgestülpt worden, meistens durch das, was von
außen kam, verändert worden, sondern dann sind diese identitätsstiftenden Symbole
auch noch weg. Denn nicht jeder hat den Palast der Republik als ein Symbol der
Unterdrückung wahrgenommen.
Prof. Peter Mühlberg:
Die Identität hängt ja doch davon ab, dass ich mich auch in der Fremde bestätigt
sehe, denn das eigene Land ist doch zur Fremde geworden in vielen Bereichen und
die westdeutsche Majorität hat auch vieles daran gesetzt, Dinge zu tilgen, die zu den
Erinnerungstücken der Ostdeutschen gehören. Also, es soll möglichst wenig an die
DDR erinnern. Der Streit um denn Palast, das sind solche Auseinandersetzungen,
die völlig berechtigt sind. Aber der Streit darüber ist ein kulturelles Ereignis, denn die
kulturellen Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen sind
unübersehbar und die sind für die deutsche Gesellschaft ganz prima. Je
differenzierter die Gesellschaften sind, desto günstiger, weil das sie dynamisch
macht.
9
Musik: City „Meine Gegend“ aus der CD „Silberstreif am Horizont“
Frau 4:
Ich bin Kosmopolit, Hälfte Ost, Hälfte West und deswegen habe ich mir auch nie bis
jetzt darüber Gedanken gemacht, bin ich Ost oder bin ich West? Oder verstehe auch
diese Diskussionen ganz oft nicht. Wir müssen zusammenwachsen, weil ich bin in
mir zusammengewachsen.
10
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