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Dieter Anschlag Was schau ich - und wenn nein, wieso nicht.

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Autor: Anschlag, Dieter.
Titel: Was schaue ich - und wenn nein, wieso nicht.
Quelle: Adolf-Grimme-Institut (Hrsg.): Jahrbuch Fernsehen 2009. Berlin/ Köln 2009.
Verlag: Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, Berlin/ Köln, S. 52-78.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Dieter Anschlag
Was schau ich - und wenn nein, wieso nicht.
Dieter Anschlag, Chefredakteur der „Funkkorrespondenz“, im Gespräch mit Richard David
Precht, veröffentlicht im „Jahrbuch Fernsehen 2009“
Frage: Herr Precht, Sie wuchsen, wie man aus Ihrem 2008 auch verfilmten Buch „Lenin kam nur
bis Lüdenscheid“ weiß, in einem sehr linken Haushalt auf. In dieser Sphäre begegnete man dem
Medium Fernsehen damals, in den 60er/70er Jahren, in der Regel mit demonstrativer
Nichtbeachtung, wenn man das Fernsehen nicht ohnehin als Verdummungsmaschine verdammte.
Wie kam der junge Richard in Kontakt mit dem Fernsehen?
Precht: Wir bekamen in unserer Familie im Jahr 1972 den ersten Fernseher, also relativ spät,
denn da war ich schon acht Jahre alt. Das heißt, ich habe in meiner frühen Kindheit Fernsehen
gar nicht gekannt. Und dann kam 1972, zu einer Zeit, als es mit dem Farbfernsehen losging, bei
uns ein Schwarzweiß-Fernseher ins Haus. Ich erinnere mich, dass meine Mutter morgens
Schulfunk guckte, etwa Sendungen, um Englisch zu lernen. Der Fernseher wurde bei uns vor
allem als Erziehungsmedium benutzt, als Bildungsinstrument. Was meine Eltern sich abends
angeschaut haben, weiß ich allerdings nicht. Wir Kinder durften am frühen Abend „Dick und Doof“
sehen, und „Väter der Klamotte“. Und sonst gar nichts. Eine Begründung dafür war, dass das
Kinderprogramm - und es gab damals nur die öffentlich-rechtlichen Sender - fast ausschließlich
amerikanisch war oder zumindest stark amerikanisch inspiriert. All diese Kinderserien von „Lassie“
über „Flipper“, „Fury“ und „Skippy“ bis „Daktari“, dieser ganze Streichelzoo, das waren
Sendungen, die meine Eltern schlimm fanden, schon allein wegen der Vorstellung, dass dieselbe
Nation, die in Vietnam die Kinder umbrachte, zu Hause mit Lassies und Flippers die eigenen
Kinder versorgte. Außerdem hatten meine Eltern ein tiefes Unbehagen gegenüber dem
Fernsehen, weil ihnen der Kitsch missfiel, der darin verborgen war. Und deshalb durften wir Kinder
das nicht sehen. Ich habe manchmal heimlich bei meinem Opa geguckt und dann Sendungen
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sehen können, die wir zu Hause nicht sehen durften. Ich wusste daher, wie Lassie aussieht, ich
wusste, dass das es ein Collie war. Aber regelmäßig sehen konnte ich das nicht. Dazu waren wir
nicht oft genug bei meinem Opa. […]
Frage: Wie hat sich Ihre Fernsehbiografie dann weiter entwickelt? Wann hat das Fernsehen Sie
stärker in den Griff bekommen, wann hat es für Sie möglicherweise so etwas wie prägende
Wirkung entfaltet?
Precht: Das Fernsehen wurde für mich erst wichtig, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war.
Es gab natürlich in meiner Jugend nicht mehr solch ein strenges Fernsehverbot wie während
meiner Kindheit. Trotzdem musste ich warten, bis ich 14 oder 15 Jahre alt war, bis ich den
Fernseher selbst einschalten durfte, selbst wenn meine Eltern nicht zu Hause waren. Als ich dann
nach dem Abitur zu Hause auszog, legte ich mir ein altes Schwarzweiß-Gerät zu. Damit habe ich
dann Fernsehen geguckt, und zwar ziemlich viel. Das Nachholbedürfnis war groß. Und das fällt
nun in die Zeit, als in Deutschland gerade die privaten Sender anfingen. Mitte der 80er Jahre
beginnt also meine eigentliche Fernsehbiografie. Das war die Zeit, als man langsam RTL plus
wahrnahm. Da gab es dann eine Talksendung wie „Dall-As“ mit Karl Dall, die ich ausgesprochen
gerne geschaut habe. Daran kann ich mich gut erinnern. „Dall-As“ war lange Zeit aber die einzige
Sendung der Privaten, die ich geschätzt habe. Ich fand dieses Format damals unglaublich lustig,
auch subversiv und anarchistisch. Das war etwas, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
niemals möglich gewesen wäre, jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt. Heute würde man’s
langweilig finden, aber damals war „Dall-As“ einfach eine Spur härter als das, was man sonst
kannte. […]
Frage: Spielte die Systemfrage eine Rolle, also: privat oder öffentlich-rechtlich?
Precht: Meine Präferenz war sehr weitgehend öffentlich-rechtlich. Aber es war keine
grundsätzliche Grenze. Ich habe ja schon „Dall-As“ aus dem privaten Programm gelobt. Eine
weitere Sendung der Privaten, die mir gefallen hat, war „Alles Nichts Oder?!“ mit Hella von Sinnen
und Hugo Egon Balder, eine geradezu richtungweisend gute Comedy- und Spiel-Show. Die hätte
durchaus einen Grimme-Preis verdient gehabt, finde ich, denn sie war besser als fast alles, was
danach im Privatfernsehen kam.
Frage: Spaß und Unterhaltung einerseits, Information und Aufklärung andererseits - zwei Pole,
zwei Funktionen des Fernsehens: Wie hat sich für Sie die Rolle dieses Mediums entwickelt? Auch
damit ist ja oft die Systemfrage verbunden. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich vorwerfen
lassen, ihren Bildungsauftrag zu vernachlässigen, während das Programm der Privaten den
Verdummungsvorwurf wiederbelebt. Gibt es überhaupt eine gesellschaftliche Funktion des
Fernsehens?
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Precht: Ich für meinen Teil muss sagen, dass ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meines
Weltwissens dem Fernsehen verdanke. Dass ich eine Vorstellung davon habe, wie es im Sudan
aussieht, dass ich mir New Orleans vorstellen kann, ohne jemals dort gewesen zu sein - all dies
verdanke ich dem Fernsehen, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Das Fernsehen hat uns,
wenn auch in einem oberflächlichen Sinn, aber immerhin, in einem Maß über die Welt informiert,
wie keine Generation vor uns über die Welt informiert war. Unsere Großeltern - was wussten die
schon von der Welt? Die hatten nicht die leiseste Vorstellung davon, wie es in Tunesien aussieht.
Theoretisch weiß ein normaler Mittelschichtler von heute unglaublich gut über die Welt Bescheid,
und das ist die eine Leistung. Natürlich liefert das Fernsehen nicht die großen Reflexionen, aber
eine Topografie des menschlichen Seins, das zu liefern, ist es ein vorzügliches Medium. Sexualität
zum Beispiel wurde Anfang der 90er Jahre in allen Sendern zum Thema, erst bei den privaten und
dann bei den öffentlich-rechtlichen. Es geht jetzt nicht um so etwas wie „Tuttifrutti“ bei RTL,
sondern ich meine damit, dass etwa bei Biolek im Ersten über Sexualität diskutiert wurde. Es war
auch die Zeit, als Rosa von Praunheim seine Outing-Kampagne zur Homosexualität fuhr unabhängig was man da jetzt von halten mag. Aber gerade in dieser Zeit hat das Fernsehen
wesentlich zur Aufklärung beigetragen. Andererseits zugleich auch zur Ermüdung, also dazu, dass
man das Thema Sex irgendwann langweilig fand, weil es so durchgenudelt war, dass man jede
Spielart kannte. Das ist ein Effekt, der sich heutzutage durch die Digitalisierung und das Internet
massiv verstärkt hat, weil wirklich jede Sparte bedient wird und dadurch jeder 14- oder 15-jährige
Schüler schon alles gesehen hat, was es überhaupt gibt. Allein Neugier genügt: Wenn er nur
lange genug herumklickt und surft, hat er alles mitbekommen, was es in Sachen Sex gibt. Er
kennt alles, ohne es selbst erlebt zu haben. Das ist dann schon eine Form von neuronaler
Umweltverschmutzung, diese Offenheit hat bekanntlich nicht nur Positives. Ich glaube aber, dass
das Fernsehen ganz im positiven Sinn zur sexuellen Liberalisierung beigetragen hat. Denn wenn
ein guter Onkel wie Alfred Biolek über Sadomasochismus kichert, dann trägt das dazu bei, dass
man irgendwann sagt, das meiste Menschliche ist einem nicht fremd. Das Fernsehen trägt also
sicherlich dazu bei, dass die Gesellschaft toleranter wird. Man wird zugleich aber auch
unengagierter: Je besser man informiert ist, umso handlungsunfähiger wird man nämlich. Das ist
ein sehr frappierendes Phänomen.
Frage: Das müssen Sie genauer erklären.
Precht: Ich meine: Je mehr man weiß, umso schwieriger ist es, das Richtige herauszufinden und
sich noch für etwas zu engagieren. Um eine flammende Überzeugung zu haben, ist es immer
besser, man ist ein bisschen dumm. Mit gesundem Halbwissen kann man sich für das Gute, für
Allah oder für was auch immer viel besser ins Zeug legen, als wenn man breit und satt informiert
ist. Insofern hat das Fernsehen zwar einerseits zur Bewusstwerdung beigetragen, welche
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Probleme es überall auf der Welt gibt - noch nie waren die Menschen darüber so gut informiert wie
heute, und zwar durch das Fernsehen, nicht durch die Lektüre von Büchern oder Tageszeitungen
-; aber gleichzeitig war es Ihnen, letztlich, auch noch nie so egal. Beispiel: Als meine Eltern damals zunächst noch nicht im Fernsehen, später aber gab es Bilder davon auch im Fernsehen die ersten Bilder aus Vietnam sahen, Fotos im „Spiegel“ und im „Stern“, da gab’s ein wahnsinniges
Entsetzen und man sagte: „Wie kann man das zulassen? Da geschieht etwas ganz, ganz
Fürchterliches!“ Wie aufrüttelnd diese Bilder damals waren! Und als sie dann - anfangs massiv
zensiert - ins deutsche Fernsehen kamen, was das auslöste! Proteste gegen den Vietnam-Krieg,
mit all den umwälzenden Folgen. Und heute? Wir sehen tagtäglich so viel Elend und Grauen in
aller Welt, dass viele angesichts dessen nur noch denken: „Tja, schlimm, aber so ist es halt.“ So
sehr haben wir uns daran gewöhnt. Wir haben heutzutage auch schon in jedem normalen Film ein
derartig hohes Gewalt-Level, dass uns die reale Gewalt nicht mehr beeindruckt.
Frage: Der Medienpädagoge würde hier nun zur Grundsatzkritik ansetzen. Zugleich gibt es zur
Medienwirkung inzwischen 1000 Studien mit 1000 verschiedenen Ergebnissen.
Precht: Ich sehe diese Doppelwirkung. Erstens: Noch nie waren wir so gut informiert. Aber
zweitens: Natürlich waren wir auch noch nie so abgestumpft. Man kann jetzt aber dem Fernsehen
keinen Vorwurf daraus machen, dass es etwas Gutes fördert und zugleich etwas Schlechtes. Ich
würde das wertneutral beschreiben. Es ist wie so oft: Eine Medaille mit nur einer Seite ist nicht zu
haben.
Frage: Sie würden, was die dunkle Seite angeht, nicht fordern, dass man hier gegensteuern
muss?
Precht: Ich glaube, mit Jugendmedienschutz oder wie das heute heißt reitet man ein völlig
verspätetes Pferd. Jeder, der es will, kann doch in der heutigen Mediengesellschaft de facto alles
sehen und bekommen. Das gleiche Problem bei Computerspielen. Deshalb ist der
Kulturkonservatismus, der hier noch die Schere ansetzen will, im Grunde genommen wirkungslos,
ja, zum Teil sogar kontraproduktiv. Denn wer laut nach Verboten schreit, macht die entsprechende
Sache doch erst recht wieder spannend.
Frage: Also im Zweifelsfall lieber zu viel Liberalität als zu wenig, lieber mehr Transparenz als
weniger?
Precht: Ich würde sagen: ja. Denn das ist toleranzfördernd. Und wenn Fernsehen dies macht, ist
das nützlich für die Zivilisation. Es gibt noch eine weitere ganz wichtige Leistung des Fernsehens:
Es hat zum sozialen Frieden beigetragen. Wenn ich zum Beispiel diesen Satz höre, man müsse
die Arbeitslosen von der Straße wegholen, dann denke ich an die Weimarer Republik und an die
Suppenküche. Da waren die Arbeitslosen auf der Straße, weil sie Arbeit suchten - oder weil sie
sich öffentlich verköstigen ließen. Ein Arbeitsloser ist heute nicht mehr auf der Straße, sondern der
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guckt Fernsehen. Der surft im Internet, vielleicht auch auf Porno-Plattformen. Oder der guckt
Fernsehen, der zappt sich durchs Fernsehprogramm. Diese elementare Form der Befriedigung,
der Müdemachung durch visuelle Reize, durch Kicks und ähnliches, das trägt zum Frieden bei uns
bei. Wenn es keine Unterhaltungselektronik dieser Art gäbe, wäre die Unzufriedenheit unter den
Unterprivilegierten, dem Prekariat in unserem Land viel größer. Das klingt zwar zynisch, ist aber
wahr.
Frage: Mann könnte es auch die moderne Form des alten Brot-und-Spiele-Prinzips nennen.
Precht: Ein Staat wie die USA funktioniert, weil die Grundbedürfnisse der Menschen nach billigem,
fettigen Essen und nach billiger Unterhaltungselektronik immer befriedigt werden. Ob das jetzt gut
oder schlecht ist, will ich nicht sagen. Aber es ist zumindest ein wichtiger Effekt. Meine Formel
dafür ist: Befriedung durch Befriedigung.
Frage: In ihrer persönlichen TV-Biografie ging es dann so weiter, dass Sie sich auch sehr stark
beruflich mit dem Fernsehen beschäftigt haben. Sie schrieben als Journalist über das Fernsehen.
Wie konnte das passieren?
Precht: Durch einen Zufall. Es war die Zeit, als an der Universität meine Assistentenstelle nicht
verlängert wurde und damit meine Karriere dort quasi zu Ende war. Ich hatte also auf einmal viel
Zeit zum Fernsehen und hatte auch noch mit Freunden zu tun, die viel Fernsehen guckten.
Damals schrieb ich - für Privatzwecke, nicht für eine Zeitung - einen Essay über den Wandel des
Fernsehhumors im Zeitalter von Helge Schneider und Harald Schmidt. Der Zufall war: Ein Freund
von mir hat diesen Text einfach an „Die Zeit“ geschickt.
Frage: Ohne Ihr Wissen?
Precht: Ja, völlig ohne mein Wissen. Ich schrieb diesen Text, weil ich durch den Umstand, dass
ich mir auch noch den Fuß gebrochen hatte - noch so ein Zufall -, umso mehr Zeit hatte. Ich saß
also hier in Köln zu Hause, konnte nicht an unseren täglichen Besuchen in der Mensa um die
Ecke teilnehmen, wo wir immer die Probleme der Welt - Frauen, Fußball, Fernsehen besprachen, und ich verfasste diesen Text, denn ich konnte aufgrund dieses physischen
Handicaps nicht viel anderes tun. Mein Freund sagte mir dann nachher, was er da getan hatte.
Aber er hatte mich nicht vorher gefragt. Und dann bekam ich plötzlich diesen Anruf von einem
Ressortleiter der „Zeit“. Ich wusste in dem Moment gar nicht, was los war, und musste erst einmal
fünfzig Mal schalten, um zu verstehen, was das jetzt zu bedeuten hatte, denn ich dachte zunächst,
hier handle es sich um ein Missverständnis. Der Ressortleiter informierte mich, sie hätten meinen
Text in voller Länge in der „Zeit“ abgedruckt, es sei fast eine ganze Seite.
Frage: Jedenfalls hatte der Ressortleiter Ihre private Telefonnummer.
Precht: Die hatte mein Freund ihm in seinem Anschreiben natürlich mitgeteilt. Ich verdanke
diesem Freund sehr viel. Er hat mich dann auch aufgefordert, häufiger zu schreiben. Und da
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Fernsehen etwas war, von dem ich erstens insofern etwas verstand, als ich ganz viel gesehen
hatte, und es zweitens damals schwierig war für die „Zeit“, gute Autoren für das neu gegründete
Medienressort zu finden, weil es ja hierzulande gar nicht so viele gute Autoren zu diesem
Themenbereich gibt - der ja schon ein sehr spezielle Sparte ist -, war ich auf einmal quasi fest an
die „Zeit“ gebunden. Damit hatte ich über das Thema Fernsehen beziehungsweise Medien den
Einstieg in den Journalismus geschafft. Und ich habe das - aber nicht nur das allein - dann knapp
fünf Jahre schwerpunktmäßig gemacht.
Frage: Und dazu, so viel fernzusehen, dass sie sich mit dem Medium auskannten, sind Sie
gekommen…
Precht: …weil ich arbeitslos war, genau. […] Ich hatte schlicht und einfach nichts zu tun. Außer
mich zu bewerben, hatte ich zu der Zeit nichts zu tun. […] Das war, als das Privatfernsehen
Formate hervorgebracht hatte wie „RTL Samstag Nacht“, das mich in der Anfangszeit begeistert
hat. Mir gefiel etwa Wigald Boning sehr gut. Auch das eine Figur, die öffentlich-rechtlich nicht
möglich gewesen wäre. Ich kann mich erinnern, dass Boning Umfragen auf der Straße machte
und den Leuten Fragen stellte wie: „Gibt es in Ihrer Familie Fälle von Heterosexualität?“ Und die
Leute antworteten: „Mit solchen Schweinereien haben wir nix zu tun.“ So etwas zu machen, das
war so frech für die damalige Zeit, das fand ich große Klasse. „Die Russen haben ihre Rolltreppen
abgerüstet. Meinen Sie, der Westen sollte nachziehen?“ - „Ja, wenn die Russen damit anfangen,
dann sollten wir das auch machen.“ Wigald Boning hat auch später weiterhin tolle Sachen
gemacht, zum Beispiel „Die „WiB-Schaukel“ im ZDF, man höre und staune. Dafür hat er den
Grimme-Preis erhalten. Bei „RTL Samstag Nacht“ liegt ja auch der Ursprung des mehrfachen
Grimme-Preisträgers Olli Dittrich. Ich erinnere nur an die Rubrik „Zwei Stühle - eine Meinung“, in
der er zusammen mit Wigald Boning brillierte. Das war Comedy-Show vom Feinsten - und dafür
gab’s ebenfalls den Adolf-Grimme-Preis.
Frage: Man konnte in dieser Zeit schon zu Recht von einer revolutionären Sprengkraft des
Privatfernsehens sprechen, nicht wahr?
Precht: Auf jeden Fall. Und dieser revolutionären Sprengkraft war ich mir voll bewusst. Wir reden
hier von der Frühphase des Privatfernsehens. Nicht von den ganzen Nachäffungsformaten und
der später folgenden Zeit des Mainstreams. Ich habe das Privatfernsehen am Anfang sehr
gemocht, ich hatte ein positives Verhältnis zu dieser Art von Innovation. Die Nachrichten übrigens
waren ja in dieser Phase unterirdisch schlecht. Hier haben die Privaten lange gebraucht, bis
endlich einmal etwas Vorzeigbares dabei herauskam. Nämlich Peter Kloeppel bei RTL. Und viel
mehr ist seither auch nicht gekommen. Was ich nicht geschätzt habe am Privatfernsehen, war
diese sogenannte Talkshow-Offensive am Nachmittag, die es eine Zeit lang gab, mit Figuren wie
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Bärbel Schäfer oder Ilona Christen. Das war nicht meine Welt, das war einfach armseliger Trash
mit Blick auf die Quote.
Frage: Unter Strich aber war für sie das Privatfernsehen ein fälliger Fortschritt?
Precht: Ja, die machten damals etwas, was sich die öffentlich-rechtlichen nie getraut hätten. Das
war ein echter Fortschritt für die Entwicklung der deutschen Fernsehlandschaft. ARD und ZDF
mussten endlich mal aufgeschreckt werden in ihrer Selbstzufriedenheit. Und das Ärgerliche, was
dann geschah, ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen in ihrem Verhältnis zum Privatfernsehen nie
revolutionär geworden sind, sich stattdessen aber sehr viele Sachen abgeguckt haben, die ich am
Privatfernsehen gerade nicht mochte. Das fängt schon mit den Trailern an. Ich würde im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wenn ich dort etwas zu sagen hätte, die Trailer sofort wieder
abschaffen. Ich finde die reißerische Art und Weise der Trailer zwischen Öffentlich-Rechtlichen
und Privaten ununterscheidbar. Und ich finde dieses Einpeitschen durch Trailer, diese
Vorbereitung auf irgendeine nachdenkliche Informationssendung mit Stakkato, Trommelwirbel und
reißerischer Stimme nach wie vor vollkommen daneben.
Frage: Gerade das wieder abschaffen zu wollen, erscheint aber angesichts moderner
Programmplanung und mit Blick auf den berühmten Audience-flow ein einigermaßen irrealistischer
Wunsch zu sein. Zumindest, was die Hautprogramme von ARD und ZDF angeht.
Precht: Möglicherweise. Aber vielleicht könnte man sich für Audience-flow ja mal etwas Anderes
ausdenken, ohne dass ich jetzt zu sagen wüsste, was das sein könnte. Das Problem der
Öffentlich-Rechtlichen ist und bleibt, dass sie zu viel imitieren. Zuerst haben sie die Privatsender
verachtet, und dann haben sie sie nachgemacht. Und wir alle wissen, dass die
Kreativitätspotenziale der Öffentlich-Rechtlichen nach wie vor sehr überschaubar sind. Bei der
ARD ist das besonders schlimm, und das hängt mit der föderalen Struktur zusammen. Ich bin in
vielen Punkten, grundsätzlich, ein großer Föderalismuskritiker. Und gerade den Föderalismus der
ARD halte ich für hochproblematisch. Auch der Föderalismus in unserem Bildungssystem ist ein
Riesenproblem. Wir werden es nie schaffen, unser Bildungssystem in Deutschland zum Besseren
zu verändern, solange dies Ländersache bleibt. […]
Frage: Welche Probleme erzeugt die föderale Struktur der ARD Ihrer Meinung nach?
Precht: Die Entwicklung neuer Formate läuft viel zu kompliziert ab. Allein schon, wenn es um eine
Frage geht wie: Wer soll das neue Format präsentieren? Dann wird nach Proporzgesichtspunkten
überlegt: Welcher Sender hat welchen Moderator? Und die diversen Landesrundfunkanstalten
bringen möglichst ihren Hausmoderator ins Spiel. Und das Ergebnis ist dann, dass man sich nicht
einigen kann - und am Ende macht’s Pilawa. Das ist eine föderale Struktur, die sich selber
mattsetzt. Hinzu kommt, dass die großen Sender die kleinen dominieren. Das heißt, wenn bei
einem solchen System ein kleiner Sender mal einen guten Mann hat, oder eine gute Frau, dann
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hat er gegen die ganzen Granden, die im Wege stehen, so gut wie keine Chance, sich damit
durchzusetzen. So gesehen ist das ZDF innovativer und auch im Setzen von Personen besser als
die ARD.
Frage: Herr Precht, ist das deutsche Fernsehprogramm so, wie es ist, ihrer Meinung nach
grundsätzlich okay - falls man dieses Wort als Lob nehmen könnte - oder ginge es auch besser?
Kann Fernsehen vielleicht gar nicht wesentlich besser sein, weil es genuin auf ein
Massenpublikum ausgerichtet ist, das primär unterhalten werden will und sich der anspruchsvollen
Kost verweigert?
Precht: Die Frage stellt man sich natürlich oft. Ich registriere, wenn ich als Juror des GrimmePreises arbeite - was zu tun ich einige Male die Ehre hatte -, dass die Zahl der herausragenden
Fernsehproduktionen insgesamt gesehen eher steigt als sinkt. Im Bereich Fiktion, das kann man
ganz klar sagen, war das deutsche Fernsehen noch nie so gut wie jetzt. Es ist wirklich erstaunlich
wie viel aufwändige, hochwertige, kinofähige, tolle Spielfilme fürs deutsche Fernsehen gemacht
werden. Und das immer noch zu 90 Prozent von den öffentlich-rechtlichen Sendern, das muss
man ganz stark loben. Insgesamt haben die vergangenen beiden Jahrgänge geradezu eine
Rekordzahl an Top-Produktionen hervorgebracht. Auch im Dokumentationsbereich ist das
deutsche Fernsehen auf keinen Fall schlechter, als es früher gewesen ist. Wenn man heute
einmal rückblickend überprüft, welche Shows vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren mit Preisen
ausgezeichnet wurden, dann wird man nicht sagen können, das Fernsehen sei schlechter
geworden, überhaupt nicht.
Frage: Also: Das Fernsehen - eine ordentliche Sache?
Precht: Es ist natürlich nicht so, dass es nichts zu kritisieren gäbe. Das Fernsehen ist zum Beispiel
in den vergangenen zehn Jahren in der Breite viel trivialer geworden. Ich habe ein Problem, wenn
man gezielt das jüngere Publikum ansprechen will und dabei zum Beispiel
Wissenschaftsmagazine für diese Zielgruppe herauskommen, die im Grunde Verblödung sind.
Das gilt überwiegend für die Privaten, aber in den öffentlich-rechtlichen Programmen lässt sich
inzwischen auch schon mal solch ein Mist finden. Ich erinnere ans Imitieren. Und ich frage mich
ernsthaft, ob die Öffentlich-Rechtlichen so etwas nötig haben. Es gibt herausragende
Wissenssendungen, Ranga Yogeshwar vom WDR macht das zum Beispiel seit Jahrzehnten ganz
toll. Aber es gibt in zunehmendem Maß auch großen Schrott, so à la „Galileo Mystery“ von Pro
Sieben. An den Öffentlich-Rechtlichen stört mich außerdem, dass sie von den Privaten auch die
Boulevardmagazine kopiert haben. Die Sendezeit, die dafür zur Verfügung steht, könnte man
wirklich besser füllen. Statt gegen diesen Populismus anzustinken, hätte man sich bei ARD und
ZDF vielleicht einmal fragen können: Was gibt es eigentlich noch, was die Leute interessiert?
Insofern kann man sagen: Oben, in der Spitze, war das Fernsehen noch nie so gut wie zur Zeit.
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Aber in der Breite ist es schlechter geworden, das heißt, mit den vielen Nachäffungsprodukten in
den Programmen hat sich auch das stark erhöht, was einen ärgert.
Frage: Ein ambivalentes Urteil.
Precht: Ja, wie so oft ist es einfach ein Sowohl-als-Auch. Wenn jemand wie Reich-Ranicki, der
eigentlich gar kein Fernsehen guckt, zu einer pauschalen Fernsehschelte ausholt, ist das natürlich
Nonsens. Das ist die uralte intellektuelle Arroganz gegenüber diesem Medium, wie ich sie schon
von meinen Eltern kenne, Stichwort Verdummungsmaschine. Reich-Ranicki mag sich ärgern über
die Art, wie der Deutsche Fernsehpreis seine Gala veranstaltet, das kann ich verstehen. Aber in
der Form, wie er sie vorgetragen hat, war seine Kritik vollkommen überzogen. Ein bisschen sollte
man doch auch über die Fähigkeit zur Differenzierung verfügen. Viele Kritiker machen auch den
Fehler, dass sie sich selbst mit der Funktion des Fernsehens verwechseln. […] Die Sender
produzieren eine Menge Qualität, da kann sich eigentlich keiner, der genau hinguckt, beschweren.
Aber ich nutzte die Gelegenheit dieses Gesprächs, um mich hier noch einmal über etwas zu
beschweren: Was mir nicht besonders gefällt, sind die Kulturmagazine.
Frage: Da sind Sie möglicherweise nicht der Einzige. Was sind Ihre Gründe dafür?
Precht: Das Fernsehen tut sich mit seinen Sendungen, auf denen das Etikett Kultur steht, immer
schon unglaublich schwer. Das hängt nach meinem Eindruck damit zusammen, dass es sich bei
vielen der Macher um Leute handelt, die zwar beim oder fürs Fernsehen arbeiten, die vom
Fernsehen aber in ihrem Inneren nicht so viel halten, weil sie ja eigentlich denken, das Fernsehen
sei eine Verblödungsmaschine. Deshalb müssen sie sich, so meinen sie, davon abheben und
müssen das Wort „Kultur“ wie weiland Gabriele Krone-Schmalz &. Co. mit spitzem Mund, mit
dünkelhaftem Gesichtsausdruck und in einer Designerkulisse formulieren. Das empfinde ich als
Veralberung von Kultur. Es ist unglaublich kleinbürgerlich, eine solche Designerattitüde an den
Tag zu legen, wenn es um die Präsentation von Kultur geht.
Frage: Was wäre mit Blick auf Besserung zu ändern?
Precht: Die Kulturmagazine sollten menschlicher werden. Und damit meine ich nicht human touch,
sondern einfach, Kultur selbstverständlicher zu behandeln. Netter damit umgehen. Nicht netter im
Sinne von unkritischer, aber im Sinne von selbstverständlicher. Und nicht so, dass man Kultur von
sich gibt, als würde man gerade einen Wein für 100 Euro trinken. Auch diese ewig ironischsüffisante Haltung in den Kulturmagazinen finde ich fürchterlich. Und es gibt außerdem ganz
wenig gute Reportagen über moderne zeitgenössische Kunst, es gibt fast nur Schrott. Immer wird
versucht, das Ganze aufzupeppen, indem man tolle Kamerafahrten macht, und man versucht ein
bisschen frech zu sein - und nachher hat man nichts begriffen. Ich erinnere mich aber auch an ein
beispielhaft gutes Projekt, das ich wiederum bei Grimme gesehen habe: „Art Safari“, eine
sechsteilige Reihe von Ben Lewis über zeitgenössische Kunst, ausgestrahlt bei Arte - das war das
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Maß aller Dinge in puncto Kulturjournalismus im Fernsehen. Wenn Kultur öfter so vermittelt
werden würde, das wäre toll, das wäre ein echter Fortschritt. Ben Lewis hat Kultur wie ein
Detektivspiel aufgezogen, der hat gesagt: „Ich versteht das nicht, ich geh jetzt zu dem Künstler
und will von dem jetzt wissen, was das bedeuten soll.“ Er hat bewusst solche ganz naiven Fragen
gestellt, die jeder nachvollziehen konnte. Und das Ergebnis war ganz wunderbar. Es war
unheimlich spannend und extrem gut gemacht. „Art Safari“ ist denn auch völlig zu Recht beim
Grimme-Wettbewerb mit dem Kultursonderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet
worden.
Frage: Nach diesem positiven Beispiel noch einmal gefragt: Was gibt es ferner, worüber Sie sich
beschweren würden?
Precht: Die chronische Kurzatmigkeit des heutigen Fernsehens. Häufig würde man sich mehr Mut
von den Fernsehmachern wünschen, dass sie sagen: „Wir machen das jetzt, es hat zwar am
Anfang eine schlechte Quote, aber nach einer gewissen Zeit zappen immer mehr Leute rein und
irgendwann bleiben sie regelmäßig dabei hängen.“ Es wird neuen Projekten keine Zeit mehr
gegeben. Wenn etwas nicht gleich eine gute Quote hat, ist es sofort wieder weg aus dem
Programm. Ich ärgere mich darüber, dass die Öffentlich-Rechtlichen das Diktat der Quote zu ernst
nehmen. Das Krasse ist doch, dass viele Fernsehmacher und Redakteure, bevor sie urteilen, ob
eine Sendung gut oder schlecht war, erst einmal den nächsten Morgen abwarten, um sich die
Quote anzusehen. Und wenn die Quote gut ist, dann war auch die Sendung gut. So müssten es
gerade die Öffentlich-Rechtlichen aber nicht machen. Sie tun es aber trotzdem, selbst bei
Nischenprogrammen, also auch bei Kultur. Damit machen sie sich auf völlig unnötige Weise
quotenabhängig. Diese Angst vor der Quote geht mir zu weit. Natürlich finde auch ich - und dieses
Thema ist mir wichtig -, dass man alle Kultursendungen so machen sollte, dass man ein möglichst
großes Publikum gewinnt, ja! Dafür muss man aber nicht jede Form und auch noch die
Erfolgsparameter kopieren, die die von Werbung abhängigen Privatsender vorgeben. Sondern
man muss sich selber gute neue Sendungen ausdenken. Es ist doch das gleiche Prinzip wie beim
Schreiben. Ein gutes philosophisches Buch zu schreiben, heißt doch nicht, das Niveau bis ins
Gnadenlose zu senken, sondern die Leser aufgrund von stilistischen Eigenheiten oder von der
Dramaturgie her gekonnt ins Buch reinzuziehen. Und so, meine ich, sollte man auch mit Kultur
umgehen. Genau das war bei „Art Safari“ meisterhaft gelungen.
Frage: Welche Formate fehlen im Fernsehen von heute? Wo könnte das Fernsehen hierzulande
noch etwas Originelleres leisten als das, was derzeit existiert?
Precht: Auf dem Sektor Orientierungshilfe zum Beispiel. Im Fernsehen laufen so unheimlich viele
Ratgebersendungen nach dem Motto „Was mach ich, wenn meine Tapete schimmelt?“. Aber was
die großen Fragen der Menschheit anbelangt, da bietet es als Orientierungsmedium wenig an,
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also früher „Das Wort zum Sonntag“ - das es bekanntlich immer noch gibt -, aber keinen
adäquaten Nachfolger für die heutige Zeit.
Frage: Womit man wieder beim Thema Fernsehen und Bildung wäre.
Precht: Eine Bildungsfunktion hat das Fernsehen weiterhin auf jeden Fall. Das muss auch so sein.
Das gehört unabdingbar zur Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Natürlich muss es
heutzutage auch unterhaltsam sein, um die Bildungsfunktion erfüllen zu können. Aber wenn das
öffentlich-rechtliche Fernsehen keinen Bildungsauftrag mehr erfüllen sollte, muss man darüber
nachdenken, warum man dann noch seine Rundfunkgebühren bezahlt.
Frage: Was speziell kann das Fernsehen leisten, was andere Medien - Zeitung, Buch, Radio,
Internet - nicht leisten können?
Precht: Neugier wecken. Was Bücher angeht, sagen viele Leute einfach: „Ich lese eigentlich
nicht.“ Oder: „Ich lese nur unterhaltsame Bücher.“ Beim Fernsehen kann es durch das Zappen
passieren, dass ich in eine Sendung hineingerate, die mich an sich nicht interessiert, die aber so
gut gemacht ist, dass ich hängen bleibe. Auf diese Weise Neugier schüren, das kann das
Fernsehen wie kein anderes Medium. Eine weitere besondere Leistung ist - ich hab’s vorhin schon
erwähnt -, dass Fernsehen zur Grundorientierung über die Vorgänge in der Welt geeigneter ist als
alles andere. Mit der Zeitung etwa ist es doch so: Ich zum Beispiel fange mit dem Sportteil an das machen ja sehr viele Leute -, und anschließend blättere ich in den Politikteil. Und dann
mittlerweile wieder in den Wirtschaftsteil, den ich zuvor aber zwanzig Jahre lang überhaupt nicht
gelesen habe. Das heißt, auf viele Dinge, die mich eigentlich interessieren würden, komme ich in
der Zeitung aufgrund des selektiven Lesens nicht. Wenn ich den Wirtschaftsteil nicht aufblättere,
lese ich den gar nicht groß. Im Fernsehen zappe ich, und dann kommt ein Wirtschaftsthema, das
so gut aufbereitet ist, dass ich hängen bleibe. Damit sind wir wieder beim Neugiereffekt. Die Leute
schauen plötzlich gerne Sendungen zu Themen, die sie vorher gar nicht interessiert haben. Das
Fernsehen mit seinen Bildern zieht besser rein. Ich würde über schimmelige Tapeten in einer
Zeitung nichts lesen. Aber wenn ich im Fernsehen etwas über dieses Thema sehe und es kommt
zum Beispiel ein Experte, der erklärt, was Schimmel eigentlich ist, und das Ganze ist auch noch
gut veranschaulicht, dann bleibe ich dran.
Frage: Hat das Fernsehen etwas, das Sie veranlassen könnte zu sagen: Ich möchte das
Fernsehen niemals missen?
Precht: Ich glaube, dass die Zerstreuungsfunktion des Fernsehens ganz real eine Riesenrolle
spielt. Ich gucke am meisten Fernsehen in Hotelzimmern. Selbst wenn ich in der Grimme-Jury
sitze und dort den ganzen Tag bis in den Abend hinein einen Film nach dem anderen anschaue,
passiert es mir, dass ich am späten Abend im Hotel in Marl noch den Fernseher anschalte. Nicht
weil ich Bilder sehen will, sondern weil ich mich zerstreuen will, nachdem ich mich zuvor so lange
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konzentriert habe. Oder ich habe eine Lesung in einer fremden Stadt und ich habe abends nicht
mehr die Energie rauszugehen, was mache ich dann? Ich zerstreue mich und schaue fern! Diese
wesentliche Funktion möchte ich nicht missen. Es gibt immer wieder Situationen, da liest man kein
Buch mehr, da liest man keine Zeitung mehr, da will man auch nicht ins Internet gehen - sondern
das einzige, was man noch machen kann, ist fernsehen. Wobei ich mich dann nicht an Spielshows
zerstreue, sondern an so etwas wie zum Beispiel History. Das finde ich als Intellektueller eigentlich
unter aller Kanone, aber abends um zwölf die 100. Reportage über Hitlers Helfer gucke ich mir an
- und die bringt mich zum Schlafen, so seltsam oder zynisch sich das jetzt anhören mag.
Frage: Nachdem Sie früher über das Fernsehen geschrieben haben, haben Sie heute selbst
praktische Erfahrungen mit dem Medium. Der Grund dafür dürfte in der Antwort auf die folgende,
ziemlich rhetorische Frage liegen: Hat das Fernsehen Sie zum Bestsellerautor gemacht?
Precht: Die Antwort ist: Ja. Das ist natürlich auch ein Grund, weshalb ich das Fernsehen nicht
missen möchte [lacht]. Aber es gab ja auch schon Bestseller, bevor es Fernsehen gab. Was mein
Buch „Wer bin ich - und wenn ja wie viele?“ angeht, glaube ich jedenfalls, dass es nicht so
erfolgreich gewesen wäre, wenn es kein Fernsehen gäbe.
Frage: Wenn es also Elke Heidenreichs ZDF-Sendung „Lesen!“ und die dortige Empfehlung Ihres
Buchs nicht gegeben hätte.
Precht: Ja, zum einen das. Und dann auch, im Gefolge dessen: Wenn ich klein und dick und
hässlich wäre und lispeln würde, wäre das für den Erfolg im Zeitalter des Fernsehens auch nicht
zuträglich gewesen. Das spielt eine Rolle. Nicht die alleinige, aber eine große Rolle. Man mag das
nicht gut finden, aber so ist es. […]
Frage: Sie wurden dann ein gern gesehener Gast in Talkshows. Welche Erfahrungen haben Sie
selber mit dem Fernsehen gemacht, als von Kerner bis Illner, vom „Kölner Treff“ bis zum
„Nachtcafé“ die große Nachfrage kam?
Precht: Ich habe als erstes die Erfahrung gemacht, dass das Fernsehen nicht unbedingt Bücher
liest, sondern vom Fernsehen abguckt. Das heißt: Wenn man in einer Talkshow war und sich dort
gut geschlagen hat, dann kann man davon ausgehen, dass die Redakteure von anderen
Talkformaten diese Talkshow gesehen haben und einen ebenfalls einladen. Sie laden einen also
nicht ein, weil sie das Buch gelesen haben, sondern sie laden einen ein, weil sie ihn in einer
Talkshow gesehen haben und mit seinem Auftritt zufrieden waren. Nicht immer ist es so, aber
meistens. Manche gucken dann vielleicht trotzdem auch noch ins Buch. Aber die Redakteure und
Moderatoren müssen das ja auch nicht alles im Detail kennen, das ist ja nicht ihr Job, sie sind ja
keine Literaturkritiker. Das Fernsehen ist jedenfalls ein in sich relativ geschlossenes System: Wer
im Fernsehen ist, wird vom Fernsehen weitergetragen. Man denke zum Beispiel an eine Person
wie Michel Friedman. Michel Friedman war kein wichtiger Mensch, bevor er das erste Mal im
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Fernsehen war. Und irgendwann war er quasi eine reine Talkshow-Figur, bis er selber sogar
eigene Sendungen bekam. Aber bevor er welche bekam, war er jedes Jahr in dreißig Talkshows,
als Experte für alles. Friedman wurde ja regelrecht zu allem eingeladen, denn er konnte gut reden,
er polarisierte, er brachte mit seiner offensiven Art Schwung in die Bude. Und das sind Kriterien,
die fürs Fernsehen wichtig sind. Er war eine reine Fernsehfigur, das heißt, in dieser Rolle war
Friedman viel präsenter als in seinen Funktionen in Politik und Gesellschaft. Am Ende gerät man
in solch einer Rolle in den Verdacht, ein Allroundexperte zu sein, und wird zu Themen eingeladen,
für die man überhaupt kein Fachmann ist oder über die man in einer Talkshow gar nicht reden will,
auch wenn man mal einen Artikel über das Thema geschrieben hat. Wenn man all diese
Einladungen annimmt, kommt man am Ende in die Gefahr, dummes Zeug zu reden. Mich wollte
man einmal für eine Sendung haben, in der über Atomenergie geredet werden sollte. Es war für
mich klar, dass ich da nicht hingehen konnte. Für die Redakteure dieser Sendung scheint das
nicht ganz so klar gewesen zu sein.
Frage: Wie fühlen Sie sich als Bestsellerautor vom Fernsehen behandelt?
Precht: Die allermeisten Talkshows, zu denen man eingeladen wird, sind von Anfang an
wohlwollend, ich zum Beispiel kann mich da nicht beschweren. Anders ist es nur, wenn man zu
Sendungen eingeladen wird, in denen Themen explizit kontrovers diskutiert werden sollen. Da
gibt’s dann einen Riesenunterschied. Die allermeisten Talkshows sind jedoch PersonalitySendungen, da stellt man den Gästen keine bösen Fragen, sondern da können sie sich
produzieren. Die Aufgabe ist: Man soll unterhaltsam und witzig sein. Und man freut sich, wenn das
Publikum mitgeht. Dann gibt es politische Talksendungen wie etwa „Maybrit Illner“ im ZDF. Die
sind von einem ganz anderen Zuschnitt, und die sind dann auch spannender. Das spricht nicht
gegen die anderen, aber da weiß man nicht, wie’s ausgeht.
Frage: Als sie selbst früher über das Fernsehen schrieben, haben sie in einem Ihrer Texte die
Oberflächlichkeit von Talkshows beklagt. Fühlen Sie sich nun eher bestätigt, nachdem Sie selbst
erfahrener Talkshow-Gast sind?
Precht: Meine Kritik in diesem Text bezog sich vor allem auf „Sabine Christiansen“, weil diese
Sendung eine andere Funktion hatte als zum Beispiel „Johannes B. Kerner“. Kerner konnte sich,
als ich bei ihm zu Gast war, übrigens daran erinnern, dass ich das geschrieben hatte. Oder er hat
zumindest noch einmal nachgegoogelt. Bei Kerner hat mich damals dieses Rumruckeln gestört,
dieser Aktionismus, der übrigens kurz darauf eingestellt wurde. Ganz am Anfang hat Kerner
ständig Faxen gemacht, sportliche Übungen und ähnliches im Studio. Dass sie dann mit dem
Blödsinn aufgehört haben, hat der Sendung gut getan. Was nun Christiansen angeht - das war für
mich die Simulation von politischem Talk. Über Sabine Christiansen ist viel gesagt und
geschrieben worden. Das Problem für sie wurde: Wenn man irgendwann mit den führenden
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Menschen dieser Republik befreundet ist, dann tut man ihnen auch nichts mehr. Und dann lädt
man auch stets dieselben ein. Hans-Olaf Henkel war da am Ende genauso überrepräsentiert wie
Guido Westerwelle.
Frage: Wie sähe Ihr Alternativmodell für eine Talkshow aus?
Precht: Ich habe mir immer gewünscht, man würde in Talkshows Leute einladen, die
hochkompetent sind, die jedoch keiner kennt, die aber unglaublich spannende Sachen zu erzählen
haben. Es fehlt im deutschen Fernsehen eine Talkshow, in die tolle Professoren und andere
Experten eingeladen werden, die irrsinnige Dinge zu erzählen haben, Dinge, die bisher nirgendwo
auftauchen, wirklich in keiner Sendung. Unverdorbene Leute, sozusagen, und: wirkliche
Fachleute. Das generelle Problem ist, dass es im Fernsehen für alles Experten gibt, dass aber die
wahren Experten relativ selten zu sehen sind. Die Gründe sind bekannt: Man hat Angst, sie
verkaufen sich nicht so gut, sie verzetteln sich, sie sind nicht telegen. Aber man könnte sie ja
coachen. Der Supposé-Hörbuchverlag bringt eine Reihe heraus, in der Fachleute etwas erzählen.
Da gibt es zum Beispiel einen Riechforscher namens Hanns Hatt. Der erzählt auf einer CD über
rund 150 Minuten auf atemberaubende Weise, wie unsere Nase funktioniert. Da ist so enorm
spannend, das glaubt man kaum. Da eröffnen sich ganz neue Dimensionen des Verstehens: Was
wir riechen können, was wir nicht riechen können und woran das liegt. Und wie das unser
Verhalten konditioniert. Das hört man sich an und denkt: Mensch, wo gibt’s denn das noch, jetzt
hab ich in zweieinhalb Stunden mehr gelernt als im letzten halben Jahr zusammen. So etwas im
Fernsehen! Eine Talkshow, in die Hanns Hatt eingeladen wird. In die Leute eingeladen werden
aus einer Welt, zu der man ansonsten keinen Zugang hat - das ist ein echtes Desiderat. Dieses
Format fehlt. Eine Talkshow, in der Leute von Dingen erzählen können, von denen ein
Normalsterblicher keine Ahnung hat.
Frage: Früher haben Sie über Talkshows geschrieben, heute gehen sie selbst hin. Ihre kritische
Haltung gegenüber dem Genre scheint noch nicht ganz verschwunden?
Precht: Ich habe ja nie darüber gemeckert, dass Leute in Talkshows gehen. Ich habe mich nicht
intellektuell darüber erhoben und gesagt: Da darf man nicht hingehen. Was mich stört, lässt sich
an folgendem Beispiel zeigen: Derzeit gibt es Hunderte Talkshows zur Finanzkrise. Aber es gibt
nur zwanzig Leute, die darüber reden. Es sind immer dieselben, die ziehen von Talkshow zu
Talkshow. Es ist stets nur der Saft dieser zwanzig Leute, aus denen diese Sendungen bestehen.
Es braucht aber mehr Gäste mit einer nicht konventionalisierten Herangehensweise, mit ein
bisschen mehr Angriffslust auch. Und nicht immer wieder irgendwelche Parteienforscher, die unter
dem scheinbaren Siegel der Wissenschaft nur das sagen, was ohnehin jeder weiß. Oder: Ich will
nicht die Meinung von Schauspielern hören. Nur weil sie gerade in einem Film mitgespielt haben,
der mit dem Thema der Talkshow zu tun hat. Das läuft alles wieder nur auf Simulation raus,
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Simulation von Kompetenz. Normalerweise ist es doch so: Eine Talkshow über Bildung besteht
daraus, dass fünf oder sechs Leute sagen: „Wir müssen mehr für die Bildung tun.“ Klar, dafür sind
wir alle. Aber da gibt es dann überhaupt keinen Konfliktpunkt. Da sagt auch die Ministerin: „Ja, wir
müssen mehr für die Bildung tun.“ In solch einem Fall muss man eigentlich sagen: „Hören Sie, ich
hab keine Lust mehr, mir anzuhören, dass die Ministerin sagt, ’wir müssen mehr für die Bildung
tun’.“ Dann soll man der Ministerin doch mal sagen: „Sie müssen es tun, es ist Ihr Beruf!“ Nur
dann erzielt man den Effekt, dass die Leute aus der Routine gerissen werden und plötzlich
aufhorchen, weil sie merken, hey, hier passiert was, das läuft jetzt ganz anders. Das mögen die
Zuschauer. Und ich glaube, auch die Macher. Denn das belebt jede Diskussion, da brausen die
Temperamente auf, da bekommen die Gäste vor Aufregung rote Flecken im Gesicht. Es müssen
dazu nur die richtigen Gäste eingeladen werden, Leute mit Thesen, Leute, die konkret mit den
Themen zu tun haben. Und professionelle Talkshow-Redaktionen sollten doch eigentlich in der
Lage sein, zu wissen, welche Leute das sind. Jedenfalls nicht die üblichen Verdächtigen, die sich
gegenseitig auf die Schultern klopfen. Aber ich habe manchmal den Eindruck, die Macher wissen
wirklich nicht, welche Leute das sind. Die kennen die streitbaren, interessanten und rhetorisch
guten Geister dieser Republik nicht. Die Talkshow-Redaktionen sollten einmal bessere GästeScouts beschäftigen, Mitarbeiter, die Leute entdecken, die etwas zu sagen haben, auch wenn sie
noch keinen Bestseller geschrieben haben. Die Redaktionen brauchen Leute, deren Job darin
besteht, quer durch die gesamte Gesellschaft Talente zu sichten, wie Headhunter. Ich glaube, das
hat das Fernsehen nicht. Oder zumindest viel zu wenig.
Frage: Man würde sich bei der Komposition von Talkshow-Runden öfter größeren Mut zum
kreativen Risiko wünschen.
Precht: Ja, warum denn nicht? Sicher, es kann passieren, dass ein Gast, wenn er noch nicht so
fernseherfahren ist, nicht den gewünschten Auftritt hinlegt. Dieses Risiko besteht. Wenn meine
Frau, die beim luxemburgischen Fernsehen als Talkshow-Moderatorin arbeitet, jetzt bei diesem
Gespräch dabei wäre, würde sie sagen: „Ich hab schon die größten Revolutionäre erlebt, und
dann ging die Kamera an, und sie waren zahm wie Lämmer.“ Trotzdem darf man sich davon nicht
abschrecken lassen. Es spricht auch nicht gegen jemanden, wenn er schon öfter im Fernsehen
war. Solche Leute braucht man natürlich auch. Aber ich finde wirklich, die Überpräsenz zum
Beispiel von Schauspielern und Sportlern in Talkshows ist ein echtes Problem. Das geschieht
natürlich wegen der Quote. Ich bin aber sicher, es würde auch ohne solche Promis funktionieren.
[…]
Frage: Verfolgen Sie neben dem Fernsehprogramm auch noch die Rundfunkpolitik? Zuletzt war
beim die Personalie Nikolaus Brender, dessen Vertragsverlängerung als ZDF-Chefredakteur
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Hessens Ministerpräsident Roland Koch zu verhindern versucht, ein heftig diskutiertes Beispiel für
den schädlichen Einfluss von Politik auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Precht: Da muss ich jetzt etwas weiter ausholen. Wenn’s nach mir ginge, könnten wir unser
Parteiensystem in der jetzigen Form abschaffen. Wenn man sich überlegt, welche überflüssigen
Energien wir hier im politischen Prozess aufwenden angesichts von Parteien, die weltanschaulich
so eng beieinander liegen. Jürgen Rüttgers könnte locker ein SPD-Mann sein, Peer Steinbrück
passte wunderbar in die CDU. Dass da noch nach Parteibüchern politische Jobs und
Verwaltungsratsposten verteilt werden, das ist bananrepublikanisch. Es geht ja gar nicht mehr um
Weltanschauungen, es geht ja nur noch um Seilschaften und Kindergarten: Du hast mein
Förmchen weggenommen, jetzt nehm’ ich dein Förmchen weg. Das finde ich alles erschreckend.
Ich glaube, dass unsere Politik dadurch total gelähmt wird. In der Weimarer Republik gab es
dreißig Parteien, die alle völlig unterschiedliche Weltanschauungen vertreten haben. Heute gibt’s
fünf oder sechs Parteien, die sich in der praktischen Politik kaum noch unterscheiden. Selbst die
Linkspartei, wenn sie regiert, ist relativ nahe bei den anderen. Dass wir uns unter diesen
Umständen dieses ganze Polittheater noch leisten mit Ränke und Ranküne, angesichts der
unglaublichen Probleme die wir haben, sei es die Finanzkrise oder sei es die Klimakatastrophe, ist
einfach nicht mehr zeitgemäß. Und die Spitze dieses politischen Kasperle-Theater ist die
proporzmäßige Besetzung von Positionen bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
Fürchterlich.
Frage: Welches andere Parteiensystem fiele Ihnen denn ein?
Precht: Mir fiele da sofort eins ein, das auch völlig demokratisch ist: Ich würde das Schweizer
Modell nehmen. Die Schweiz hat immer davon profitiert, dass sie Parteien hatte, die
weltanschaulich nahe beieinander lagen. Deswegen haben sie eine andere Strategie gefahren
und gesagt: Nach den Prozenten, die die Parteien bei den Wahlen bekommen, sind sie alle in der
Regierung vertreten. Das heißt, es gibt keine Opposition wie im hiesigen Sinn. Das bedeutet,
wenn die Grünen acht Prozent erhalten, sind sie mit diesem Anteil auch an der Regierung
beteiligt. Alle müssen also immer zusammenarbeiten, alle haben gemeinsam die Verantwortung
und können sich nicht davonstehlen. Da kann man nun einwenden: Das ist aber langweilig und
spießig und sehr schweizerisch. Ja, vielleicht. Aber bei uns haben wir dafür eine Scheinkonkurrenz
der Parteien, die eine unheimliche Verschwendung von Energien bedeutet, die besser in die
praktische politische Arbeit investiert würden. Es ist doch unsäglich, wenn wie jetzt bei der Großen
Koalition die konstruktive Regierungsarbeit Monate vor dem Ende der Legislaturperiode de facto
eingestellt wird, wenn über die Medien Keile zwischen die kooperierenden Partner getrieben
werden, nur weil der nächste Wahlkampf so früh wie möglich begonnen werden muss. Ich finde,
wir sind nicht mehr in dem Alter, in dem wir uns das leisten können. Und die Auswirkungen der
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Rundfunkpolitik sind noch einmal eine Karikatur dieses Verhaltens. Genau so ist es auch mit der
Personalie Brender: Diese Debatte um ihn ist lächerlich und sehr billig. Nikolaus Brender ist weder
ein Linker noch ein Rechter. Und das ist ein gutes Image für einen politischen Journalisten.
Frage: In welcher Rolle sehen Sie die Medienkritik heutzutage?
Precht: Die Relevanz der Medienkritik hat schon seit längerer Zeit abgenommen. Dass hängt
damit zusammen, dass es den Lagerfeuereffekt so gut wie gar nicht mehr gibt. Wenn die
Zuschauer nicht mehr alle dasselbe sehen - so wie zu der Zeit, als es nur zwei oder drei
Programme gab -, dann hat das auch Folgen für die Wirkung von Medienkritik - beziehungsweise
Ihre Nichtwirkung. Medienkritik ist etwas für ein kleines Publikum geworden. Aber das ist die
moderne Kunstkritik auch, nur dass hier die Märkte bedeutender sind. Ich glaube, das letzte
Ereignis, dass in den vergangenen zehn Jahren alle Menschen im Fernsehen gesehen haben,
egal bei welchem Sender, das war der Zusammenbruch der Twin Towers in New York. Früher, als
es nur die wenigen Fernsehprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gab, konnten
Sendungen ein Politikum sein, allein deswegen, weil sie auch von allen gesehen wurden. Das ist
lange vorbei. Entsprechend unwichtig ist die Medienkritik geworden. Sich war noch wichtig, als es
um Fragen ging wie: Darf man sich in einer Talkshow nackt ausziehen? Daraus konnten sich
große gesellschaftliche Debatten entwickeln. Das ist ebenfalls vorbei.
Frage: Es gibt Formate wie „Big Brother“, Bohlens „Superstar“-Show, das Dschungelcamp oder
„Germany’s Next Topmodel“, die - zumindest am Anfang - für viel Aufregung sorgten. Alles
Sendungen des Privatfernsehens.
Precht: „Big Brother“ fand ich persönlich von Anfang an todlangweilig. Mich hat eher die Kritik
daran genervt als die Sendung. „Big Brother“ ist eine dieser Shows, in der Proleten, die als doof
betrachtet werden, Helden sein können, die von der ganzen Welt erkannt und über Werbeverträge
vielleicht auch noch Millionäre werden. Das aber akzeptiert der normale intellektuelle
Fernsehkritiker nicht. Insofern war „Big Brother“ eine Provokation für Intellektuelle. Mit demselben
Argument hat man sich einst auch über Meiser, Christen, Schäfer aufgeregt. Das ist nichts
anderes als die Angst des Intellektuellen vor der Diktatur des Proletariats. Das kann ich nicht
teilen. Es gibt für den Nicht-Intellektuellen das gleich Anrecht darauf, für zehn Minuten ein Held im
Fernsehen zu sein, wie für jeden Intellektuellen.
Frage: Wie ist es mit dem Dschungelcamp, also „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“, wie die
Show eigentlich heißt. Haben Sie damit ein Problem oder nicht?
Precht: Die einzige Frage, die mich beim Dschungelcamp interessiert, ist, ob man die Leute nicht
vor sich selbst schützen muss. Diese Frage stellt sich durchaus auch bei anderen Formaten. Nicht
wenige Leute ruinieren sich durchs Fernsehen. Eine der größten „Ruinierungen“ gab es nicht im
Dschungelcamp, sondern die geschah im Fall Eva Herman, die bekanntlich nie im
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Dschungelcamp war. Wenn Eva Herman gut beraten worden wäre, hätte ihr jemand gesagt, dass
sie einfach rechtzeitig den Mund hätte halten sollen. Im Dschungelcamp ist es ja ähnlich. Was
nicht ausschließt, dass manchem die Teilnahme am Dschungelcamp sogar nützt. Sie kommen
dadurch wieder ins Gespräch. Oder können Schulden bezahlen. Aber es ist eigentlich eine sehr
armselige Angelegenheit. Ich finde es nicht eklig, ob die Leute dort im australischen Dschungel
Würmer und Maden essen oder nicht. Die Tatsache allerdings, dass diese abgehalfterten Stars
keine andere Alternative sehen, als sich für ihre Zwecke dieser Situation zu stellen, ist
psychologisch gesehen ein unglaublich trauriger Umstand. Ich würde jedoch nicht so weit gehen
und sagen, die Dschungelshow darf man nicht ausstrahlen.
Frage: Und was halten Sie von „Germany’s Next Topmodel“?
Precht: Das ist wirklich die obszönste Sendung, die ich kenne. Dagegen ist „Deutschland sucht
den Superstar“ völlig harmlos und als Show sogar ganz unterhaltsam ist - lassen wir Dieter
Bohlens so präpotente wie wohlkalkulierte Ausrutscher jetzt mal außen vor. Aber „Germany’s Next
Topmodel“ halte ich sogar für gefährlich. Nicht nur dieses topideologische Einschwören darauf,
dass es das Traumziel eines jeden Mädels sein soll, als Kleiderständer über den Laufsteg zu
laufen, sondern auch diese ganzen Marotten mit künstlichem Lächeln, Küsschen-Küsschen und
diese ganze Attitüden, diese Kir-Royal- und Chichi-Kultur, die da gepflegt wird und dann von
Hunderttausenden von Mädchen in der westlichen Welt imitiert wird, das alles hinterlässt einen
regelrechten Schaden in den Köpfen. Denn wir alle wissen, die allerwenigsten werden Models,
sondern die meisten werden Kassiererinnen oder Verwaltungsangestellte. Dieses verführerische
Nähren eines falschen Traumes in dieser Show finde ich hochgradig verantwortungslos. Von allen
Sendungen des deutschen Fernsehens ist „Germany’s Next Topmodel“ die einzige, die ich
sittenwidrig finde und von der ich meine, dass sie einen negativen gesellschaftlichen Einfluss hat.
Das ist meine feste Überzeug.
Frage: Haben Sie sich angesichts der modernen technischen Möglichkeiten auch schon vom - wie
es heute so schön heißt - linearen Fernsehgucken mehr und mehr abgewandt? Das heißt:
Schauen Sie Filme überwiegend auf DVD oder nutzen Sie die Internet-Mediatheken der Sender?
Precht: Das Internet spielt hier für mich persönlich noch keine so große Rolle. Aber was die DVD
angeht, ja, das nutze ich ganz stark, weil ich dadurch der Werbung im Fernsehen entgehen kann.
Dafür ist die Erfindung der DVD ein Segen. Denn ich bin von meinen Sehgewohnheiten her so
konservativ ist, dass ich mit der Werbung nie meinen Frieden machen konnte. Ich kann sie nicht
ertragen. Die Autowerbung in der Halbzeitpause macht mich fertig. Spielfilme durch Werbung zu
unterbrechen, ist für mich bis heute eine Katastrophe. Als ich, noch als Kind, zum ersten Mal
mitbekam, dass in den USA Filme durch Werbung unterbrochen wurden - was es in Deutschland
damals noch nicht gab -, da dachte ich: Wie bekloppt müssen die Amerikaner sein, dass die sich
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das gefallen lassen, das ist ja unvorstellbar, die lassen sich einen Film durch Werbung
kaputtmachen! So denke ich bis heute. Dass die Sender dann auch noch bei den Werbespots den
Ton lauter aufdrehen, empfinde ich fast schon als Terror. Die Kinder und Jugendlichen von heute
wachsen fast organisch mit diesem Werbefernsehen auf. Aber ich werde mich nie daran
gewöhnen. Ich lasse auch meinen Sohn, der bald sechs wird, Filme nur auf DVD gucken. Weil ich
nicht will, dass er schon so früh, in einer sehr prägenden Phase, von der Werbung indoktriniert
wird, von diesen „Kauf-mich-kauf-mich!“-Anreizen. Das halte ich auch für schädlich. Und ich finde
es auch schlimm, wie sehr die öffentlich-rechtlichen Sender inzwischen durch Werbung,
Sponsoring, Trailer und Gewinnspiele verseucht sind.
Frage: Klingt, als hätte ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk ohne Werbung Ihre größte Sympathie.
Precht: Oh ja. Man soll lieber die Rundfunkgebühren um ein paar Cent erhöhen, wenn das
ermöglicht, dass in den Programmen von ARD und ZDF künftig keine Werbung mehr enthalten ist.
Das muss man manchen, ich bin mit flammender Begeisterung dafür. Da hat Medienpolitik noch
eine echte, eine sinnvolle Aufgabe. Wenn die öffentlich-rechtlichen Sender werbefrei wären,
würde mich das mit vielem Flachsinn, den sie auch veranstalten, versöhnen. Der Tag wird
kommen, an dem selbst die jugendlichen Zuschauer sagen werden: „Ich find die Sender cool, wo
keine Werbung läuft.“
Frage: Ist das Fernsehen bald von gestern und das Internet von heute?
Precht: Nein. Fernsehen wird genauso wenig aussterben wie die Malerei im Zeitalter der
Fotografie. Fernsehen bleibt ein sehr kraftvolles, vitales Medium. Das sehe ich beispielsweise an
meinen Stiefkindern. Die würden, wenn sie dürften, gerne viel mehr Fernsehen gucken. Und die
sehen mehr fern als sie sich im Internet aufhalten. Und wenn das klassische Fernsehen sich
stärker darauf besinnen würde, seine guten Stücke auch zur besten Sendezeit und nicht erst zur
Geisterstunde auszustrahlen, werden die Zuschauer ihm auch treu bleiben. Es ist doch mehr als
schade, dass man heute sagen muss: Je später der Abend, desto besser das Fernsehen.
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