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Du isst, was Du bist, und Du beißt oft nur, was Du kannst

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DENTAL TRIBUNE
8 Medicine
German Edition · Nr. 23+24/2004 · 3. Dezember 2004
13. Deutscher Kongress für Präventive Zahnheilkunde: „Den ganzen Menschen sehen“
Du isst, was Du bist,
und Du beißt oft nur, was Du kannst
Wenn Leib und Seele krank sind, leiden auch Zähne und Zahnfleisch
von Marion Güntzel
DÜSSELDORF – Wir wissen es
längst: An jedem Zahn hängt ein
Mensch. Aber dass jeder Mensch
auch ein ganz individuelles Risiko mit sich bringt, seine Zähne
und damit eben auch seine allgemeine Gesundheit zu schädigen, verges-sen wir oft. Dabei
sind die Wechselwirkungen von
Zahn- und Allgemeinmedizin
heute ein gängiges Forschungsthema. Und so stand der 13.
Deutsche Kongress für Präventive Zahnheilkunde, veran-staltet von der blend-a-med Forschung, unter dem Fokus
„Mundgesundheit und Allgemeinerkrankungen – den ganzen Menschen sehen“.
Mehr als 650 Teilnehmer informierten sich Anfang NovemNicht nur für Ihre Patienten:
Link- und Lesetipps
Zum Anklicken
und Nachschlagen …
Ernährungstipps
www.5amTag.de – Broschüren, Faltblätter und Poster zur
gesunden Ernährung (z.B. fürs
Wartezimmer) von der Gesundheitskampagne
www.zahnmaennchen.de –
hier gibt es „süße“ Informationen, Merkblätter und Broschüren zum Thema „Gesundheit, die schmeckt“ von
der Aktion zahnfreundliches
Deutschland e.V.
www.fke-do.de – aktuelle Ernährungsempfehlungen, Rezepte und Broschüren vom
Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund
www.dge.de – bei der Dt. Gesellschaft für Ernährung e.V.
sind u.a. alle 4 Jahre Ernährungsberichte sowie das Ernährungskreis-Poster und
das monatlich erscheinende
„DGE-Info“ erhältlich
www.bzga.de – kostenfreie
Schriften zur Ernährungs- und
Verbraucheraufklärung der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
www.jodmangel.de – der Arbeitskreis Jodmangel informiert u.a. auch über fluoridiertes Jodsalz
Kauprobleme
Inge Uffelmann: Gut essen bei
Kauproblemen. Tipps und leckere Rezepte. Urania-Verlag
Berlin, 64 Seiten, ISBN
3332011235, EUR 8,90
N. Salenbach, V. Klink, V. Kriegel: Al dente. Kulinarische Genüsse trotz Zahnbehandlung.
edition q im Quintessenz-Verlag,
120
Seiten,
ISBN
3861243547, EUR 11,40
ber auf der zweitägigen Fachtagung in Düsseldorf über den
neuesten Forschungsstand und
diskutierten mit den Referenten
und Wissenschaftlern über eine
Neuorientierung der Zahnmedizin innerhalb der Medizin – speziell unter präventiven Gesichtspunkten. Bereits in den einleitenden Worten von Priv.-Doz. Dr.
Stefan Zimmer, stellvertretender Leiter der Düsseldorfer Poliklinik für Zahnerhaltung und
Präventive Zahnheilkunde, und
von Prof. Dr. Johannes Einwag,
Zahnmedizinisches
Fortbildungszentrum Stuttgart, wurde
ein zentraler Sachverhalt klar:
Die bisherige Entwicklung der
Zahnmedizin weg von bzw. parallel zur Allgemeinmedizin
stößt heute offensichtlich an
ihre Grenzen.
Dr. Zimmer: „Auch wenn die
epidemiologischen Daten heute,
rein statistisch gesehen, häufig
keinen Zusammenhang zwischen Ernährung – respektive Zuckerkonsum – und Karies entstehung mehr zeigen, bleiben Zucker und die Kombination
Zucker/Stärke doch als kariesätiologische Faktoren bedeutsam.“ So gebe es beispielsweise
immer noch sozialschwache Bevölkerungsgruppen, in denen ungesunde Ernährungsweisen sehr
stark mit dem Karieszuwachs korrelieren, wie z.B. die Early Childhood Caries (ECC).
In Deutschland und in anderen EU-Ländern zeige sich bedauerlicherweise, dass das seit
führt bei einigen Menschen zu
Adipositas. Und hier spielen Allgemein- und Zahnmedizin zusammen!“ So habe zum Beispiel eine
wissenschaftliche Studie ergeben, dass der DF-T-Index bei Kindern mit Übergewicht höher ist als
der bei Normalgewichtigen.
mitreißenden Vortrag „Okklusion
und Allgemeingesundheit“, dass
dysfunktionsbedingte Erkrankungen des Kauorgans auch zu
Erkrankungen oder Störungen im
muskulo-skelettalen Halteapparat führen können – und umgekehrt!
Parodontopathien würden vor
allem auf dem Boden mangelnder
Hygiene und eines Alkohol- bzw.
Nikotinabusus entstehen. Ein
zentrales Problem sei vor allem
das Ernährungsverhalten von Senioren, denn gerade hier habe der
mangelnde Zahnstatus wiederum auch Einfluss auf den Allgemeinzustand: „Ausgelöst durch
einen ungenügenden Gebissstatus und Inappetenz kommt es zu
„Schieben Sie den Unterkiefer
ganz nach vorne – und jetzt halten
– spüren Sie, wo es zieht? Und jetzt
drücken Sie Ihre Zunge ganz fest
gegen die Zähne …“ Der Marburger Referent forderte die Kongressteilnehmer immer wieder
zum Nachmachen und Nachfühlen diverser muskulärer Fehlfunktionen auf. Sein Publikum
knirschte, presste, schob und züngelte und war vor allem erstaunt
über die Auswirkungen dieser Parafunktionen auf die unterschiedlichsten Muskeln.
So sehen es die Experten:
Allein durch den demographischen Wandel kommen immer
mehr ältere Menschen in die
Zahnarztpraxis, die möglicherweise nicht nur an einer einzigen
Beschwerde leiden. Viele oralund allgemeinmedizinische Erkrankungen stehen in einer direkten Wechselbeziehung: Ob Diabetes mellitus, psychische oder
Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
Ess-Störungen oder gar eine mangelhafte Ernährung: all dies hat
Einfluss auf den gesamten Körper
– und damit aber auch auf Zähne
und Zahnfleisch. Umgekehrt ergeben sich anscheinend auch aus
rein zahnmedizinischen Beschwerden, wie z.B. Okklusionsstörungen, weitreichende Folgen
für das gesamte muskulo-skelettale System.
Doch nun zu den
einzelnen Vorträgen
Priv.-Doz. Dr. Stefan Zimmer
vermittelte im ersten Referat die
wissenschaftlichen Grundlagen
für eine optimierte Kariesprophylaxe durch gezielte Ernährungslenkung. „Der Zuckerkonsum hat sicherlich den größten
Einfluss auf die Zähne; wissenschaftliche Studien haben aber
auch gezeigt, dass hauptsächlich
seine Verweildauer und eine
kontinuierliche Zufuhr für das
Ausmaß der Karies verantwortlich sind.“ So könne der mit Säuren angereicherte Speichel unter
einem dauerhaften pH-Wert von
5,7 nicht mehr remineralisieren –
und viele Patienten wüssten dies
nicht! Die zusätzliche Aufnahme
von kariesprotektiven Nahrungsbestandteilen wie Proteine,
Fett, Kalzium, Phosphat oder
Fluorid wirke sich hingegen positiv aus. Auch die chemisch-physikalischen Eigenschaften (Aggregatzustand, Retentivität, Pufferkapazität oder silagoge Fähigkeiten etc.) würden die Kariogenität
des Zuckers beeinflussen.
Mit freundlicher Empfehlung
an Ihre Patienten!
Priv.-Doz. Dr. Stefan Zimmer:
„Ob Ernährungswissenschaftler, Haus- oder
Zahnarzt – in Bezug auf die Ernährung sollten alle
dem Patienten das Gleiche raten. Also: kein Zuckertag mehr und lieber „Five a day“ als 3 Mahlzeiten täglich, dazu gering kariogene Snacks wie
festes Obst und Gemüse oder zahnfreundliche
Produkte und mindestens 3-mal täglich ein Zahnpflegekaugummi oder -bonbon.“
Prof. Dr. Christian Barth:
„Wenn jedes Seniorenheim endlich seinen eigenen Zahnarztstuhl hätte, wäre schon viel gewonnen! Denn die Mundhygiene hat gerade in Bezug
auf die allgemeine Gesundheit bei den Älteren
eine immens große Bedeutung.“
Prof. Dr. Uwe Lotzmann:
„Der Patient sollte nur zur Kieferrelationsbestimmung in die Praxis kommen, wenn er keine Kopfschmerzen oder Probleme mit der Halswirbelsäule hat. Sonst gibt es auf Grund der Tonuserhöhung später nur Komplikationen. Und: Beurteilen
Sie seine Kopfhaltung unbedingt auch von vorne!“
Jahren bei Kindern und Jugendlichen sinkende Kariesniveau einen Stillstand erreicht hat. Für Dr.
Zimmer sind weitere Erfolge deshalb nur dann realistisch, wenn
zu den bereits angewandten Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen weitere mit neuer Zielrichtung hinzukommen. Seine
Empfehlung: „Mehr zahnfreundliche Produkte und vor allem weniger Nuckelflaschen mit zuckerhaltigen Getränken für die Kleinkinder!“
Der nächste Referent widmete
sich ebenfalls dem Thema „Essen
hält Leib und Seele zusammen,
aber …“ und sprach speziell über
„Ernährung und Allgemeingesundheit“. Prof. Dr. Christian
Barth, Potsdam: „In unserer Wohlstandsgesellschaft essen viele
grundsätzlich zu viel Fett und haben zu wenig Bewegung. Das
einer Fett- und Mangelernährung, die wiederum zu einem ungewollten Gewichtsverlust und
später zu Morbidität und Mortalität führen kann – ein circulus vitiosus!“ Prof. Barth fordert daher
für die Zukunft eine intensive
fachliche und institutionelle Zusammenarbeit von Zahnärzten
und Geriatern – für mehr Biss im
Alter.
Malokklusionen können
Muskeln krank machen
„Stellen Sie sich vor, Sie hätten
im oberen rechten 7er oder 8er
eine Kavität. Versuchen Sie nun
mal, mit der Zunge die Kauflächen zu ertasten. Merken Sie, was
das in Ihrem Mund bewirkt? Der
Kiefer ist leicht versetzt und der
Mund geöffnet. Wenn Sie das über
eine längere Zeitdauer hinweg
machen, hat das Folgen!“ Prof. Dr.
Ulrich Lotzmann zeigte in seinem
Prof. Lotzmann informierte
auch über Diagnose und Therapie
dysfunktionsbedingter Erkrankungen des Kauorgans, in der zunehmend die Abhängigkeit zwischen Kopf- und Körperhaltung
berücksichtigt werden sollte. Er
plädierte vor allem für eine sorgfältige Diagnostik und dafür,
nicht alle okklusalen Fehlstellungen gleich prothetisch zu
versorgen oder einzuschleifen:
„Denn wenn Sie zufällige Störkontakte, die nicht mit Abrasionen, Schlifffacetten oder okklusalen Störfaktoren korrelieren,
mit einem Diamantbohrer beheben, wecken Sie womöglich
schlafende Hunde!“ Auch fehlende Molaren müssten nicht
zwangsläufig immer prothetisch
ersetzt werden – es sei denn, der
Patient sei okklusionsaktiv. Sein
Appell zum Abschluss seines Vortrags: „Wir sollten uns stärker trainieren, exakt auf den Funktionsflächen zu lesen. Anhand der
Oberflächenstruktur bzw. der Abrasionsstärke lässt sich häufig erkennen, welche Parafunktionen
oder Malokklusionen der Patient
schon über längere Zeit ausübt.“
Wenden wir uns
der Psyche zu …
Dass außer dem körperlichen
auch psychosozialer Stress negative Folgen für den gesamten Organismus hat, ist wohl hinlänglich
bekannt; besonders die Bakterienabwehr des Immunsystems
wird hierbei geschwächt. Und da
wir es in der Mundhöhle ebenfalls
mit Bakterieninfektionen zu tun
haben, liegt es nahe, einen direkten Zusammenhang zwischen extremen Belastungssituationen
und der Entstehung von Parodontitis zu suchen. Doch dazu mehr in
der nächsten Folge der Kongressberichterstattung … DT
(wird fortgesetzt)
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Seele and Geist
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