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(Fast alles) Was das Herz begehrt SPIRIT-Berlinale-Rückblick 2004

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(Fast alles) Was das Herz begehrt
SPIRIT-Berlinale-Rückblick 2004
Von Marc Hairapetian
Was nützt die Berlinale in Gedanken? Wohl wenig. Man sollte sie schon miterleben – und
dies am besten nicht vor der Mattscheibe. Die Sendungen, die sich hierzulande mit den
Internationalen Filmfestspielen Berlin beschäftigen, sind ohnehin rar gesät, egal ob es sich um
die öffentlich-rechtlichen oder privaten Programme handelt. (Eine löbliche Ausnahme bilden
de ungeschnittenen Ausstrahlungen der Pressekonferenzen im Nachtprogramm von RBB
Berlin und RBB Brandenburg; allerdings werden diese jenseits der östlichen Bundesrepublik
von Cineasten kaum empfangen.) Die 54. Berlinale gehört, obwohl das
Wettbewerbsprogramm schwach wie nie war, zu den gelungensten Jahrgängen und konnte
mühelos an die bisherigen Höhepunkten 1993 (Ehrenbären für Gregory Peck und Billy
Wilder), 1996 (Ehrenbär für Elia Kazan) und 2001 („Kubrick-Festspiele“) anknüpfen.
Das lag zum Großteil an dem Aufgebot wirklicher Stars wie Jack Nicholson („Something`s
Gotta Give – Was das Herz begehrt“) und Robin Williams („The Final Cut“), die sich von
ihrer allürenlosesten Seite zeigten. Die historischen Reihen „New Hollywood“ und „Selling
Democracy – Welcome, Mr. Marshall“ boten großes und kleines Kino bester Qualität. Der
Look des us-amerikanischen Films aus den 1960er und -70er Jahren ist bis heute oft kopiert,
doch nie mehr erreicht worden. Und die vom Marshall-Plan finanzierten Dokumentationen,
die die Arbeitsmoral auf undidaktische Weise im durch den Zweiten Weltkrieg zerbombten
Europa stärken sollten, bestachen durch feinen Humor und ästhetische Raffinesse.
Außerdem waren die Empfänge und Parties in diesem Jahr stilvoll wie nie, allen voran die
Eröffnungsveranstaltung im Berlinale-Palast vom 5. auf den 6. Februar, bei der der ruhelose
SPIRIT-Herausgeber und MB-TEAM-Mitstreiter in Personalunion in seinen 36. Geburtstag
hineinfeierte. Erster Gratulant war um Punkt 0.00 Uhr Armin Mueller-Stahl. Dazu gesellten
sich der ungeachtet seiner 87 Jahre vor Vitalität berstende Wiener Regisseur Georg Tressler
(„Die Halbstarken“, „FMD – Psychogramm eines Spielers“, „Hansl und die 200.000 Küken“)
mit Gattin, Schauspielerin Franziska Petri mit Agentin Wiebke Reed (erste Frau des
unvergessenen Dean Reed), der Grazer Drehbuchautor und Family-Five-Gitarrist Xao
Seffcheque sowie die phänomenal aufspielende Tanzcombo 17 Hippies. Zu den persönlichen
Berlinale-Höhepunkten des SPIRIT gehörte am 6. Februar die Befragung von Jack Nicholson,
der das Geheimnis seines Grinsens lüftete, sich in freundschaftlicher Bewunderung an
„Shining“-Regisseur Stanley Kubrick erinnerte und zu seinen eigenen Schauspielervorbildern
neben Margaret O`Brien und Wallace Beery an vorderster Stelle Oskar Werner nannte.
Darüber freute sich auch Felix Florian Werner. Der am 6. 6. 1966 in Kalifornien geborene
Sohn des „Unbestechlichen“, der über 300 lukrative Filmangebote aus „Verrat am
künstlerischen Geschmack“ ablehnte, nahm zusammen mit seiner Frau Kathrin am „talent
campus“ teil. Die eigene, seit kurzem in der Schweiz ansässige Produktionsfirma WERNER
FILM ist gut aus den Startlöchern gekommen. So konnte man Tom Waits für den Soundtrack
der atmosphärisch dichten Landstreicher-Dokumentation „Hobos“, die auf den Spuren von
Jack Londons „Abenteurer des Schienenstrangs“ wandelt, gewinnen. Beim Treffen am 9.
Februar in Tony`s Roma am Potsdamer Platz stellte der SPIRIT sein Mama Madel Felix
Werner vor. Diese befand begeistert: „Ganz der Papa“.
Zwei Tage zuvor wurde der Geburtstag des SPIRIT mit dem vierjährigen Töchterchen
Ribana-Siranoush nachgefeiert, die dank ausgiebigen Trainings im Kindergarten beim
Berlinale-Tischfußball-Turnier ihren perplexen Vater eindrucksvoll mit 3:2 und 5:3 besiegte.
(Wer wird gegen Sie bestehen können, wenn sie erst erwachsen ist? Tietzel für Armenien!)
Am Samstag, den 14. Februar kürte sie beim gemeinsamen Kurzfilm-Sehen im Zoopalast
ihren Favouriten: „Little Far“ („Kleiner Papa“) vom dänischen Regisseur Michael W.
Horsten. Die Geschichte eines kleinen Mädchens, das allerhand Tricks anwenden muss, um
die Aufmerksamkeit des ständig von anderen Erwachsenen abgelenkten Wochenend-Vaters
auf sich zu lenken. Wunderbar auch Michèle Lemieuxs „Nuit D`Orage“ („Gewitternacht“),
die allegorische Zeichentrickadaption des gleichnamigen philosophischen
Kinderbuchklassikers.
Während das Kinderfilmfestival insgesamt ein hohes Niveau hatte, war das Gefälle in den
Erwachsenen-Abteilungen recht stark: Im Wettbewerb gefiel die charmante „Before Sunrise“Fortsetzung „Before Sunset“ von Richard Linklater. Zehn Jahre nach ihrem 24-stündigenRendezvous in Wien, treffen sich Ethan Hawke und seine ehemalige Zufallszugbekanntschaft
Julie Delpy in der anderen großen europäischen Stadt der Liebe, Paris, erstmals wieder und
erforschen, was jeweils aus dem Leben des anderen geworden ist. Dagegen enttäuschten die
beiden deutschen Beiträge „Die Nacht singt ihre Lieder“ (Regie: Romuald Karmakar) und
„Gegen die Wand“, auch wenn dies im letzteren Fall die Festival-Jury anders sah und erstmals
seit 18 Jahren einen Goldenen Bären wieder an eine hiesige Produktion verlieh. Nach der
allgemeinen Jubelfeier um Fatih Akins Film war einen Tag später der von der „BILD“Zeitung gemachte „Skandal“ um die „sündige Filmdiva“ Sibel Kekilli perfekt. Die
selbsternannten Moralapostel deckten ihre Pornovergangenheit auf, was nicht nur dazu führte,
dass die Nachwuchsdarstellerin von ihren türkischen Eltern verstoßen wurde, sondern dem
mediokren Film flugs zu noch mehr Publizität verhalf. Formal und inhaltlich hält „Gegen die
Wand“ den Vergleich mit Akins grandiosem Erstlingswerk „Kurz und schmerzlos“
keineswegs stand.
Das „Panorama“ hätte in diesem Jahr auch getrost in „Pornorama“ umgetauft werden können,
was sich allerdings in erster Linie auf schwul-lesbische Freizügigkeiten bezog. Heterosexuelle
Erotik scheint in dieser von Wieland Speck geleiteten Sektion eher verpönt... Im „Panorama
Special“ geriet das im Vorfeld mit Spannung erwartete Melodram „Was nützt die Liebe in
Gedanken“ um die „Steglitzer-Selbstmordträgödie“ aus den 20er Jahren trotz leidlich
bemühter Jungstars wie Daniel Brühl und August Diehl zum absoluten Langweiler voller
falscher Gefühle. Ein differenziertes Meisterwerk gelangte hingegen in der Reihe der
„Panorama Dokumente“ mit James Millers „Death in Gaza“ über den israelischpalästinensischen Konflikt zur Aufführung.
Der wunderschön ausgerichtete Vorab-Empfang am 9. Februar in der Hessischen
Landesvertretung zur monumentalen Stanley-Kubrick-Ausstellung in Frankfurt/Main, die
vom 31. März bis 4. Juli 2004 im Deutschen Filmmuseum und Deutschen Architekturmuseum
zu bewundern sein wird, war von offizieller Warte kein Bestandteil der Berlinale, wies aber
bereits auf die 55. Internationalen Filmfestspielen Berlin hin. Mit Dias aus dem KubrickNachlass und der Vorführung von „Day of the Fight“ (1951), dem ersten Kurzstreifen des
späteren Regiegenies, wurde einem erneut wehmütig bewusst, wie sehr der leidenschaftliche
Perfektionist der heutigen Filmwelt fehlt. Unter den Gästen war Jan Harlan, Kubricks
langjähriger Executive Producer, der verkündete, dass die Ausstellung während der Berlinale
2005 auch an der Spree zu sehen sein wird.
Marc Hairapetian
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Seele and Geist
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