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20 Jahre in4mation: Was wurde eigentlich aus...?

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20 Jahre
in4mation:
Was wurde
eigentlich aus...?
Filmtipps
Interview: Gentleman
Auf Tuchfühlung
mit den Stars
Ophüls-Preis 2011:
Starker Urschrei
100 Jahre Frauentag
Ausbildung 2011
Neukölln unlimited
Das Heft im Heft:
Wissen, was Sache ist
Interview:
Hassan Akkouch
Speerwerfer De Zordo
AK-Fotowettbewerb
Netzwerk Campact
Musicals:
Frank Nimsgern
Fotografie von Oliver Mark
Cartoons: ©Tom
Operation Übernahme
Polizisten im Einsatz
Netzwerk Demokratie
Karikaturen:
F.K. Waechter
April 2011
1
www.in-4mation.de
Das Jugendmagazin der Arbeitskammer des Saarlandes
Joel & Ethan Coen sind Meister ihres
Fachs – mit jedem neuen Film
überraschen sie auf stilistisch und
inszenatorisch eigenwillige Weise. Nach
dem preisgekrönten „No Country for
Old Men“ verbeugen sie sich mit „True
Grit“ erneut vor dem Western-Genre.
Packend, kraftvoll und visuell
überwältigend interpretieren sie den
Klassiker „Der Marshall“ neu. Mit Jeff
Bridges in der legendären John-WayneRolle als verschrobener Haudegen
Rooster Cogburn, einer starken Hailee
Steinfeld in ihrer ersten Filmrolle als
taffe Farmerstochter sowie Matt Damon
als selbstgefälliger Texas Ranger und
Josh Brolin als feiger Mörder, gelang
Joel & Ethan Coen ein wahrer
Besetzungscoup.
Paris 1942: Joseph (Hugo Leverdez) ist
elf Jahre alt, ein aufgeweckter, blonder
Bengel, der sich auf die Sommerferien
freut – auch wenn an diesem
Junimorgen vieles anders ist.
Verwundert registriert der kleine
Jo, dass er von einem Tag auf den
anderen keinen Zutritt mehr zu Kinos,
Jahrmärkten und öffentlichen Parks hat.
Dennoch genießen er, seine Familie und
Freunde die bescheidene Idylle auf dem
Hügel von Montmartre. Hier sind sie zu
Hause, führen ein ganz alltägliches
Leben und wähnen sich trotz deutscher
Besatzung in Sicherheit – bis zum
Morgen des 16. Juli 1942, als ihr
fragiles Glück zerbricht.
„Wer oder was bin ich eigentlich –
Deutscher oder Türke?“ Diese Frage
stellt sich der sechsjährige Cenk Yilmaz
(Rafael Koussouris), als ihn beim Fußball
weder seine türkischen noch seine
deutschen Mitschüler in ihre Mannschaft
wählen. Um Cenk ein wenig zu trösten,
erzählt ihm seine 22-jährige Cousine
Canan (Aylin Tezel) die Geschichte ihres
Großvaters Hüseyin (Fahri Yardim/Vedat
Erincin), der Ende der 60er Jahre als
türkischer Gastarbeiter nach
Deutschland kam und später Frau und
Kinder nach „Almanya“ nachholte.
Seither ist viel Zeit vergangen und
Deutschland ist längst zur Heimat der
Familie geworden.
Trotz seiner unbestrittenen Talente ist
Chamäleon Rango weit davon entfernt,
der Held zu sein, der er so gern wäre:
cool, unberechenbar, selbstbewusst,
geheimnisvoll. Der Alltag im Terrarium
ist öde, und das geht ihm völlig gegen
den Kamm. Eine Sinnkrise jagt die
nächste. Als er eher zufällig aus seiner
Behausung entkommt, sieht er seine
Chance gekommen. Rango begibt sich
auf eine abenteuerliche Suche nach
seiner wahren Identität. Als er dabei
plötzlich in einer mysteriösen Stadt im
Wilden Westen strandet, die skrupellose
Banditen an sich gerissen haben, wird
Rango kurzerhand zum Sheriff ernannt.
Ist das die lang ersehnte Gelegenheit,
endlich ein Held zu werden?
Filmtipps
Interview: Gentleman
Schüler-Jury
Ophüls: Starker Urschrei
100 Jahre Frauentag
Ausbildung 2011
Neukölln unlimited
Hassan Akkouch
Speerwerfer De Zordo
AK-Fotowettbewerb
Netzwerk Campact
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Wissen,
was Sache ist
Azubi-Lexikon
Impressum:
Verleger: Arbeitskammer des Saarlandes,
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit,
Fritz-Dobisch-Straße 6-8, 66111 Saarbrücken,
Tel. 0681/4005-406, Fax 4005-401
Chefredakteur: Peter Riede
Redaktion: Peter Jacob, Gabi Hartmann,
Jürgen Matheis
presse@arbeitskammer.de
www.arbeitskammer.de
www.in-4mation.de
Autoren dieser Ausgabe: Kai Florian Becker,
Silvia Buss, Sabine Graf, Gabi Hartmann, Peter
Jacob, Stefan Kerber-Clasen, Carolin Lehberger,
Jürgen Matheis, Nicolas Oswald, Peter Riede
Titelfoto: R
obert Stadlober fotografiert von
Oliver Mark, Berlin
Cartoons: ©TOM, ©F.K. Waechter
Fotos: Pasquale D´Angiolillo, dpa/picture
alliance, Filmverlage, Oliver Mark, Museum Haus
Ludwig, Musikverlag, Reiner Oettinger, Nicolas
Oswald, Privat, Peter Riede,
Layout: Kurt Heinemann
Mac-Operator: Andrea König
Lithos: HR Medienservice, Saarlouis
Druck: Kern Druck, Bexbach
Gedruckt auf Umweltschutzpapier
Die Story: Die 14-jährige Mattie Ross
(Hailee Steinfeld) ist fest entschlossen,
den kaltblütigen Mord an ihrem Vater
nicht ungesühnt zu lassen. Da die
Behörden ihr nicht helfen, will sie den
feigen Mörder Tom Chaney (Josh
Brolin) mit eigenen Mitteln seiner
gerechten Strafe zuführen. Für 100
Dollar engagiert sie den trunksüchtigen
und raubeinigen U.S. Marshall Rooster
Cogburn (Jeff Bridges), der es mit dem
Gesetz alles andere als genau nimmt.
Widerwillig lässt er sich von Mattie
überreden, sie auf die Jagd nach
Chaney mitzunehmen – quer durch die
gesetzlosen Weiten der Prärie. Doch sie
sind nicht allein, denn auch Texas
Ranger LaBoeuf (Matt Damon) will den
Flüchtigen stellen, um eine Kopfprämie
zu kassieren. Unfreiwillig ziehen sie zu
dritt weiter – und schon bald kommt
Mattie dem Mörder ihres Vaters
gefährlich nah.
Mit großer Anteilnahme und in
bewegenden Bildern schildert Rose
Bosch in „Die Kinder von Paris“ das
authentische Schicksal von Joseph
Weismann. An der Spitze eines
wunderbaren Ensembles agiert Weltstar
Jean Reno („22 Bullets“, „Im Rausch der
Tiefe“) in einer ungewöhnlich sanften
Rolle, während „Inglourious Basterds“Entdeckung Mélanie Laurent als
couragierte Rotkreuzschwester erneut
fasziniert. Allein in Frankreich lockte der
Film drei Millionen Zuschauer in die
Kinos und stieß einen gesellschaftlichen
Diskurs an, der Rose Bosch in ihrer
Überzeugung bestätigte, dass diese
Geschichte endlich erzählt werden
musste.
Eines schönen Abends überrumpelt
Hüseyin bei einem großen
Familientreffen seine Lieben mit der
Nachricht, er habe in der Türkei ein
Haus gekauft und wolle nun mit ihnen
zusammen in ihre alte Heimat fahren.
Da stellt sich allerdings für den einen
oder anderen die Frage, wo eigentlich
seine Heimat ist. Doch Widerworte
werden nicht geduldet, und so bricht
die ganze Familie in die Türkei auf. Es
beginnt eine Reise voller Erinnerungen,
Streitereien und Versöhnungen – bis der
Familienausflug eine unerwartete
Wendung nimmt.
Der sehr persönliche Film der
Schwestern Yasemin und Nesrin
Samdereli beruht zum Teil auf eigenen
Erlebnissen, die den Zuschauer auf
unterhaltsame Weise teilhaben lassen
an einer Welt zwischen Orient und
Okzident, an einer großen kultur- und
generationenübergreifenden
Familiengeschichte.
Das Dreamteam aus „Fluch der Karibik“
(Regisseur Gore Verbinski und
Schauspieler Johnny Depp) hat in der
Wüste fruchtbaren Boden für sein
nächstes gemeinsames Kino-Abenteuer
gefunden. In dem staubtrockenen,
humorgeladenen „Rango“ fliegen Gags,
Bohnen und Blei um die Ohren der
deutschen Kinozuschauer, wenn ein
durchgeknalltes Chamäleon dem Traum
seines Lebens hinterher rennt. In der
Originalfassung wird das putzige Wesen
übrigens von Johnny Depp gesprochen.
Texte: Gabi Hartmann
Fotos: Concorde Filmverleih, Constantin Film,
Paramount
Text: Sabine Graf
Redaktion: Samia Wenzl
Cartoons: TOM
Stand: März 2011
20 Jahre in4mation: Was
wurde eigentlich aus...? 29
Musicals: Frank Nimsgern 35
Fotografie: Oliver Mark 36
Cartoons: ©TOM
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Operation Übernahme 42
Polizisten im Einsatz
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Netzwerk Demokratie
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Karikaturen: F.K. Waechter47
Gentleman
innehalten“
„Ich muss auch mal
Text: Kai Florian Becker
Fotos: Musikverlag/
Olaf Hein
Gentleman ist das deutsche
Reggae-Aushängeschild
schlechthin. Der 1974 geborene
Musiker ist nicht nur
hierzulande ein begehrter
Reggae-Jünger, im Ausland
kommen seine Songs und die
im jamaikanischen Patois
gesungenen Texte ebenso gut
an. Gerade hat er seine Tournee
mit dem aktuellen Album
„Diversity“ gestartet. Über das
Leben auf Tour und im
heimischen Köln hat er Kai
Florian Becker erzählt.
in4mation: Bist du lieber auf Tour oder
bevorzugst du es, in deinem Kölner
Tonstudio an Songideen zu arbeiten?
Gentleman: Ich bin mittlerweile sehr
gern zuhause – hauptsächlich wegen
meiner Kinder. Mein leiblicher Sohn ist
zehn Jahre alt, die Tochter meiner
Lebensgefährtin ist 20. Nach einer
gewissen Zeit zuhause reizt es mich
dann wieder, auf Achse zu gehen. Ich
liebe das, was ich mache, nach wie vor.
Zumal es eine ganz andere Qualität
bekommen hat. Je länger man dabei ist,
desto mehr lernt man, gewisse Dinge zu
schätzen. Ich brauche letztlich beides,
um glücklich und zufrieden zu sein.
in4mation: Wie machst du es, wenn du
drei bis vier Wochen unterwegs bist?
Triffst du deine Familie zwischendurch?
Begleiten Sie dich vielleicht?
Gentleman: Es gibt immer zwei Seiten
einer Medaille. Letztlich geht es darum,
wegen der Unregelmäßigkeiten durch
das Touren, die wenige Zeit, die man für
die Kinder hat, gut einzuteilen. Dadurch
dass man wenig Zeit hat, hat das
Beisammensein eine ganz andere
Qualität: Es ist intensiver. Es ist wichtig,
dass man das weiß. Das gilt für meinen
Sohn wie auch für mich. Einfach ist es
sicherlich nicht. Aber da ich mein
eigener Boss bin, kann ich mir
aussuchen, wie oft und wie lang ich
toure. Drei oder sechs Monate am Stück
unterwegs zu sein, macht für mich
keinen Sinn.
4
in4mation: Plagt dich deinem Sohn
gegenüber ein schlechtes Gewissen?
Gentleman: Nein, überhaupt nicht. Weil
ich mir auch die Zeit für ihn nehme. Ich
mach den Job ja schon seit 20 Jahren.
Ich lerne immer mehr dazu und habe
erkannt, dass Zeit ein Luxus geworden
ist. Wir freuen uns, wenn wir uns sehen
und kosten die gemeinsame Zeit voll
aus.
in4mation: Wenn du weder auf Tour
bist, noch im Studio arbeitest oder
Interviews gibst, wie verbringst du dann
den Tag?
Gentleman: In dem Fall kann ich
wochenlang nichts machen und
reflektieren. Das ist ebenso wichtig.
Diese Auszeiten nehme ich mir ganz
bewusst. Ich bin jemand, der auch mal
innehält und dabei fünf Stunden aus
dem Fenster in den Wald schauen kann.
Man sollte ab und an die Gedanken
kreisen lassen. Ansonsten verbringe ich
den Tag mit meinen Kindern.
in4mation: Wie sähe der perfekte freie
Tag aus?
Gentleman: Das wäre ein Tag, an dem
ich nichts planen muss – also wenn ich
um elf Uhr noch nicht weiß, was ich um
zwölf machen werde.
in4mation: Auf Tour zu sein, heißt
bekanntlich auch, viel Zeit tot zu
schlagen. Wie sieht das bei dir aus?
Fieberst du dem Auftritt entgegen, weil
der Rest des Tages voller Langeweile ist?
Oder bist du mit Presseterminen zu?
Gentleman: Auf Tournee mache ich
ungern Promotion, da ich immer recht
angespannt bin – zumindest bis das
Konzert anfängt. Ich bin immer wieder
überrascht, wie schnell doch der Tag
vorüber geht. Es ist schön, mit so vielen
netten Menschen in meiner Crew
unterwegs zu sein, weil es dadurch viele
nette Gespräche gibt. Ansonsten schlafe
ich, treibe Sport oder lese. Es gibt Tage,
an denen ziehe ich mich gerne mal
zurück und schlafe fast nur. Ich bin
ruhiger geworden.
in4mation: Hast du nach all den Jahren
noch Lampenfieber?
Gentleman: Klar. Kaum dass ein Album
fertig ist, fängt man ja wieder bei Null
an. Wir spielen auf der Tournee zu
einem neuen Album immer viele neue
Songs. Das ist schon aufregend. Wir
wollen ja nicht wie die Rolling Stones
immer die gleichen Lieder präsentieren.
Und nach jeder längeren Tourpause ist
die Aufregung natürlich groß, wieder
auf die Bühne zu gehen.
in4mation: Neue Tournee, neues Album
– das heißt auch, ältere Songs müssen
aus dem Programm gestrichen werden,
um den neuen Platz zu machen. Das
stelle ich mir schwierig vor.
Gentleman: Oh, da sprichst du etwas an.
Das wird immer kniffliger. Ganz hart ist
es, wenn wir auf einem Festival
auftreten und nur eine eng bemessene
Zeit eingeräumt bekommen. Nach
solchen Auftritten fragen uns oft Fans,
warum wir nicht diesen oder jenen Song
gespielt haben. Mir ist es wichtig, neue
und alte Songs im Programm zu haben.
Mitunter helfen wir uns damit, ein
Medley mit mehreren Songs zu
präsentieren.
in4mation: Hast du dir je Gedanken
darüber gemacht, was du nach deiner
Karriere als Musiker machen möchtest?
Oder kannst du dir vorstellen, noch mit
60 auf der Bühne zu stehen?
Gentleman: Ich sehe das gar nicht als
Karriere. Musik zu machen, ist ein Teil
eines Ganzen. Es ist ein wunderschönes
Mittel, dem, was man empfindet und
denkt, Ausdruck zu verleihen. Es ist
etwas Natürliches. Ich kann mir
durchaus vorstellen, mal etwas anderes
zu machen, aber parallel dazu immer
auch Musik.
in4mation: Hast du bereits eine
Vorstellung, wie das nächste Album
klingen wird?
Gentleman: Noch bin ich viel mit dem
alten Album „Diversity“unterwegs. Aber
die Abstände, an denen ich an das
nächste denke, werden immer kürzer.
An manchen Tagen will ich mit der Band
in ein Tonstudio gehen und die Songs
mit wenigen Tonspuren analog
aufnehmen, damit der Song nur von der
Idee lebt. An anderen Tagen will ich am
liebsten „bouncen“ und im Club
stattfinden. Aber letztlich finde ich den
Analog-Gedanken am reizvollsten.
Abwarten.
Gentleman...
... ist am 7. April um 19 Uhr in der
„Garage“ im Rahmen der
„Internationalen Wochen gegen
Rassismus 2011“ in Saarbrücken zu
hören. Karten und Infos unter:
www.saarevent.com
... gibt es im Internet:
www.gentleman-music.com;
www.myspace.com/gentleman;
www.facebook.com/gentleman
… hat sechs Alben herausgebracht:
„Trodin On” (1999), „Journey To Jah“
(2002), „Gentleman & The Far East Band
Live” (2003), „Confidence” (2004),
„Another Intensity“ (2007), „Diversity”
(2010)
... hat einige Preise erhalten:
Echo 2003: Hip-Hop/R&B Künstler/in
oder Gruppe National,
Eins Live Krone 2004: Bester Künstler,
Echo 2005: Künstler National, Comet
2005: Künstler National, Eins Live Krone
2005: Bester Künstler
5
Filmfestival
Max Ophüls Preis 2011
Auf Tuchfühlung mit den
Stars
Sechs Mitglieder hat die SchülerJury beim Ophüls-Festival, drei
kommen aus Lothringen, drei
aus dem Saarland. Seit 2003
vergeben sie bei dem
Wettbewerb um den besten
deutschsprachigen
Nachwuchsfilm in Saarbrücken
einen eigenen Preis.
Den ganzen Tag in dunklen Sälen
verbringen, nachts kaum mehr als vier
Stunden schlafen. Und dann noch
nacharbeiten, was man eine Woche lang
in der Schule versäumt hat. Wer tut sich
so was an? Und würden sie es wieder
tun? „Auf jeden Fall“, sagt Mato Glatt
wie aus der Pistole geschossen. „Wir
können nur jedem raten mitzumachen
und sich zu bewerben, es lohnt sich, es
war einfach eine tolle Sache“. Hinter
ihm sieht man fünf Köpfe heftig nicken:
Dominic Deuber, Sylvain Picard, Anna
Lena Finger-Verbücheln, Alix Jolivet und
Julia Limmer. Aus Saarbrücken,
Saarlouis, Folschviller und Saargemünd
kommen sie, sind zwischen 16 und 17
Jahre alt und waren bis gerade die
deutsch-französische Schülerjury beim
Filmfestival Max Ophüls Preis 2011.
6
2003 hat der Saarbrücker Wettbewerb
um den besten deutschsprachigen
Nachwuchsfilm eine zusätzliche Jury
eingeführt, die nur mit Schülerinnen
und Schülern aus Lothringen und dem
Saarland besetzt ist. Schließlich treten
im Festival Jungfilmer mit- und
gegeneinander an, da ist es doch nur
logisch, auch junge Leute mit
abstimmen zu lassen, war damals die
Überlegung. Auch einen Preis dürfen sie
vergeben, gestiftet von der
Landeszentrale für politische Bildung
und mit 2.500 Euro ausgestattet.
Worauf sie sich da einlassen, können die
Teilnehmer vorher nur ahnen.
„Bekannte hatten mir schon vom
Festival vorgeschwärmt“, erzählt
Dominic Deuber. Als Filmfan sieht er sich
zwar gern und oft Filme an, aber beim
Festival war der Saarbrücker – genau
wie die anderen Schülerjuroren – bisher
noch nie.
Alix Jolivet aus Folschviller (bei St.
Avold) spricht zwar perfekt Deutsch.
„Aber am liebsten“, so sagt sie zu
Festivalbeginn, „sehe ich französische
Filme“. Ob sie im Laufe der Woche auch
deutschsprachige Filme in ihr Herz
schließen wird? Aber nicht nur Gefühl
und Geschmack, auch Kriterien sollte
man als Juror haben, um die
Wettbewerbsfilme zu beurteilen.
Wie jedes Jahr hat deshalb Filmexperte
Gerhard Rouget von der
Volkshochschule des Regionalverbands
Saarbrücken den Schülerinnen und
Schülern vor dem Festival an zwei
Terminen eine Einführung in die
Filmanalyse gegeben.
Als Mitglied der Schülerjury genießt
man einige Privilegien: Mit dem
Festivalpass stehen einem theoretisch
alle 158 Filme offen. So viele bot das
Festival diesmal insgesamt mit allen
Nebenreihen. Verpflichtet ist man nur,
sich die 16 langen Wettbewerbsfilme
anzusehen, auf reservierten Plätzen.
Doch wie viele Filme kann man
eigentlich verkraften? Das fragte sich
nicht nur Julia Limmer. „Das längste,
was ich bisher am Stück gesehen hatte,
war eine lange Kinonacht im Cinestar
mit dem Herrn der Ringe.“ Jetzt aber
hieß es, jeden Tag mindestens drei bis
vier Wettbewerbsfilme anzusehen und
vor Langfilmen immer noch einen
Kurzfilm. „Das ist schon heftig“, meint
Dominic Deuber nach dem ersten Tag.
Und die Filme? „Das war richtig
schlimm“, seufzt Alix. „Es gab so viele
gute Filme, die uns gefallen haben.“ In
der letzten Diskussion hatten sie noch
vier Favoriten, doch nur einer durfte
bleiben. Samstagabend dann die
Preisverleihung, der große Moment:
Gemeinsam klettern die Schüler auf
die Bühne, hatten sich extra in Schale
geworfen, die Congresshalle ist
rappelvoll. Mato tritt ziemlich cool ans
Micro: „Der Preis der Schülerjury geht
an Michael Schaerer für
Stationspiraten.“ Sein Film erzählt von
sechs Jungs auf einer Krebsstation. Der
Saal jubelt, der Regisseur ist verblüfft:
„Ich habe immer wieder gehört, dass
junge Leute sich nicht gern mit
Gleichaltrigen in existenziellen
Situationen auseinandersetzen.“ Ja,
die Jugend! So kann man sich irren.
Wie gut, dass man sich in den Pausen
in die Lounge zurückziehen durfte,
wo auch die großen „Kollegen“ von
der Haupt- und der Interfilmjury tagten.
„Der Heiko von Stetten, der hat sich
da mal zu uns gesetzt und mit uns
gesprochen“, erzählt Mato Glatt. „Der
war sehr nett, und auch der Benedict
Erlenwein“. Der Regisseur, der im
Vorjahr den Ophüls-Preis gewann. So
hautnah wie die Schülerjuroren kommt
beim Festival kaum jemand an die
Schauspieler und Regisseure ran.
Manche seien auch von sich aus auf sie
zugekommen, erzählen die Sechs. Zum
Beispiel nachts, in Lolas Bistro. Vor drei
Uhr früh seien sie selten nach Hause
gekommen.
Text: Silvia Buss
Fotos: Peter Riede
7
8
Wotan Wilke Möhring
„Der Albaner“ wurde von der Jury
wegen seiner „eindringlichen,
konsequenten und filmisch besonderen
Art und Weise“ gelobt. Johannes Naber
will auch auf die Situation von
geschätzt einer Million Illegaler in
Deutschland aufmerksam machen: „Der
Staat ignoriert ihre Situation so weit er
kann. Selbst zu den fundamentalsten
Menschenrechten haben sie keinen
Zugang. Der Ausbeutung dieser
Menschen ist damit Tür und Tor
geöffnet.“
Text und
Schwarz-Weiß-Fotos:
Peter Riede
Farbfoto:
Pasquale D´Angiolillo
Gottfried John
Der Regisseur und Jury-Mitglied Dani
Levy sah das Festival 2011 als sehr guten
Jahrgang: „Den Filmemachern brennen
Themen und Geschichten unter den
Nägeln, die wollen sie erzählen. Sie
wollen teilnehmen an der Welt, in der
wir leben, und wollen sie auch mittels
Filmen ein stückweit verändern. Ich
glaube, es ist im Moment
Die prominent und hochkarätig
besetzte Jury hatte dieses Jahr große
Mühe, sich auf die Preisträger zu
einigen. Einer der Gründe sei die hohe
Qualität fast aller Wettbewerbsfilme
gewesen und, wie Starschauspieler
Gottfried John es ausdrückte, gebe es
keine festen Kriterien, keine festen
Regeln, nach denen Filme zu beurteilen
seien. 32 Filme in nur vier Tagen sehen
und darüber intensiv zu diskutieren, ist
wohl die härtere Variante des
Dschungelcamps. Dass Cosma Shiva
Hagen dies als einzige Frau unter den
sechs Juroren durchgehalten hat, ist
aller Ehren wert.
ein starker Urschrei
im jüngeren deutschen Film.“
Weitere Infos über die Filme, Preise etc.
unter: www.max-ophuels-preis.de
Robert Stadlober
Cosma Shiva Hagen
Als Ergebnis der hohen Qualität vieler
Wettbewerbsfilme beschritt die
Hauptjury dann eigene Wege. Es gab
neben dem Hauptpreis noch einen
vielbejubelten Spezialpreis der Jury für
den Film „Inside America“ von Barbara
Eder, sowie zwei zusätzliche lobende
Erwähnungen für „180°“ von Cihan
Inan und für „Tage, die bleiben“ von Pia
Strietmann. Der Filmpreis des
Saarländischen Ministerpräsidenten ging
an „Fliegende Fische müssen ins Meer“
von Güzin Kar, der Dokumentarfilmpreis
wurde an „The other chelsea“ von
Jacob Preuss vergeben. Der
Drehbuchpreis von SR und ZDF wurde
geteilt und ging an „Abgebrannt“ von
Verena S. Freytag, eine Geschichte über
die Ambivalenz unseres Sozialsystems
sowie an „Der Mann, der über Autos
sprang“, bei dem es um den „Glauben
an die Wunder, denen wir jeden Tag in
unserem Leben begegnen“ geht
(Regisseur Nick Baker Monteys). „Halbe
Portionen“ von Martin Busker gewann
in der Reihe der mittellangen Filme,
„Stationspiraten“ wurde von der
Schülerjury ausgezeichnet. Der
Publikumspreis ging an den Schweizer
Peter Luisi für seinen Film „Der
Sandmann“.
Urschrei
Mark Waschke
Lavinia Wilson
Das Max-Ophüls-Festival ist für
Jungfilmer und junge
Nachwuchsschauspieler eine
große Karriere-Chance,
Filmemacher wie der OscarPreisträger Stefan Ruzowitzky
oder Schauspieler wie Til
Schweiger, Anna Thalbach,
Christiane Paul und Lavinia
Wilson begannen hier ihre
erfolgreiche Laufbahn. Im 32.
Festival-Jahr ging der
Hauptpreis an den Regisseur
Johannes Naber für seinen Film
„Der Albaner“.
Martin Feifel
Starker
9
100 Jahre
Internationaler Frauentag
Rollen
Am 8. März setzen sich
weltweit Frauen für ihre Rechte
ein – und das seit genau 100
Jahren. Solange gibt es nämlich
den „Internationalen
Frauentag“. Was als Kampf für
mehr Lohn und bessere
Arbeitsbedingungen begann,
hat sich zu einem Katalog von
Forderungen entwickelt. Viele
von ihnen sind immer noch
nicht erfüllt.
In Deutschland wird gerade darüber
diskutiert, ob eine gesetzliche Quote
eingeführt werden soll, um mehr Frauen
in die Vorstände und Aufsichtsräte von
Unternehmen zu bringen. Manch einer
hält so was für komplett überflüssig,
schließlich regle sich das von allein und
Qualität setze sich halt durch, so ein
gängiges Argument. Doch langsam
schwant den meisten, dass irgendwas
seit Jahren mächtig schief läuft.
Schließlich überholen die Mädchen
längst die Jungs, wenn es um
Schulnoten und gute Abschlüsse, um
Ausbildung und Qualifikation geht.
Und trotzdem sind Frauen in den
obersten Etagen der Wirtschaft immer
noch die absolute Ausnahme. Es sei
denn, man schätzt es so sarkastisch ein
wie Harald Schmidt in seiner Late-NightShow im Ersten: „Ich sehe viele Frauen
in Chefetagen. Sie tragen Kopftuch und
Putzeimer.“
Um die Chefetagen ging es den Frauen
vor 100 Jahren noch nicht. Sondern um
den Kampf gegen doppelte
Ausbeutung: als Frauen und
Fabrikarbeiterinnen, die unter
menschenunwürdigen Bedingungen
schuften mussten. Sie wollten höhere
Löhne, Mutterschutz, kürzere
Arbeitszeiten – und dafür nicht nur
demonstrieren, sondern auch die Politik
mitbestimmen, nämlich wählen dürfen.
Millionen Frauen gingen dafür am
ersten Internationalen Frauentag 1911
auf die Straße: in Deutschland,
Dänemark, Österreich, der Schweiz
und den USA. Und es wurden in den
folgenden Jahren immer mehr Frauen
in immer mehr Ländern, die im Frühling
jedes Jahres ihre Forderungen auf die
Straße trugen. 1921 schließlich wurde
der Frauentag auf den 8. März
festgelegt.
Die Nazi-Herrschaft und der 2. Weltkrieg
brachten eine Zäsur. Bereits 1933
wurden in Deutschland alle
Frauenorganisationen verboten, statt
des Kampftages für Frauenrechte wurde
der Muttertag zum Feiertag ausgerufen,
Frauen auf ihre Rolle als Mutter und
Ehefrau reduziert. In der sowjetischen
Besatzungszone wurde der Frauentag
bereits 1946 wieder gefeiert, als Tag
der gesellschaftlichen Befreiung der
Frau. In Westdeutschland hielt sich das
alte Rollenmodell erheblich länger, erst
in den siebziger Jahren rüttelten Frauen
wieder daran. Und mit der neu
erstarkenden Frauenbewegung lebte
auch der Frauentag wieder auf,
erweitert um zusätzliche Forderungen
und getragen von Frauen aus allen
Schichten.
100 Jahre Frauentag, da stellt sich schon
die Frage, was eigentlich erreicht
worden ist. Die Bilanz sieht eher
durchwachsen aus. Das Frauenwahlrecht
kam in Deutschland relativ schnell,
nämlich 1918 – während die
Schweizerinnen darauf bis 1971 warten
mussten. Gleicher Lohn für gleiche
Arbeit ist immer noch ein schöner Traum
– rund 23 Prozent verdienen Frauen im
Schnitt weniger. Und auch manch
anderes dauerte endlos lange. So
brauchten Frauen in der Bundesrepublik
bis Ende der 50er Jahre die Erlaubnis
ihres Ehemannes, wenn sie eine
Arbeitsstelle antreten, ein Bankkonto
eröffnen oder den Führerschein
machen wollten. Bis 1976 wurde bei
Eheschließungen automatisch der Name
des Mannes zum Familiennamen. Das
(und vieles mehr) hat sich zwar
geändert, doch die Liste der unerfüllten
Forderungen ist noch lang.
wechsel
Text: Gabi Hartmann
Fotos: dpa/picture alliance
10
11
Ausbildung 2011
Facharbeiter
n
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l
fal
nicht
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Himm
el
Obwohl in den nächsten Jahren
Fachkräfte gesucht werden, weil
die geburtenstarken Jahrgänge
in Rente gehen, tun sich die
Unternehmen schwer damit,
genügend junge Menschen
auszubilden. Vor allem für
Hauptschulabsolventen wird die
Lehrstellensuche immer
schwieriger. Die Gewerkschaften
fordern ein Gegensteuern.
Die Arbeitgeber warnen vor einem
Gespenst, das in Deutschland umgeht:
Der von ihnen formulierte
Fachkräftemangel. Auf diesen
Fachkräftebedarf weisen die
Gewerkschaften und die Arbeitskammer
seit Jahren hin: Einerseits kommen die
geburtenschwachen Jahrgänge ins
Ausbildungsalter, andererseits erreichen
die geburtenstarken Jahrgänge
früherer Jahre nach und nach das
Rentenalter.
12
Gewerkschaften und Arbeitskammer
fordern seit langem die Einführung
einer „Umlagefinanzierung“. Dies
bedeutet: Wer nicht oder in zu
geringem Maß ausbildet, muss zahlen!
Und das sind immerhin mehr als zwei
Drittel der Betriebe. Dieses Geld soll
anderen Unternehmen zur Finanzierung
zusätzlicher Ausbildungsplätze zur
Verfügung gestellt werden. Wer also
gut ausgebildete Fachkräfte haben
möchte, muss seinen Beitrag zur
Ausbildung leisten!
So kann die Situation
eintreten, dass durch diese Lücke gut
ausgebildete Fachkräfte zukünftig
fehlen werden. Dieser Missstand ist
nicht kurzfristig zu beheben. Das kann
man sich leicht klarmachen: Wenn man
weiß, dass ein heute eingestellter Azubi
frühestens in dreieinhalb Jahren als
Fachkraft zur Verfügung steht und dann
noch eine Weiterqualifizierung,
beispielsweise zum Techniker oder
Meister hinzukommt, sind wir schon bei
fünf und mehr Jahren. Folglich ist es zu
spät, Maßnahmen erst dann
einzuleiten, wenn Stellen nicht mehr
besetzt werden können. Andersherum
ausgedrückt: Wenn ich heute zehn
Stellen zu besetzen habe, hätte ich
spätestens im Jahr 2007 beginnen
müssen, zusätzliche Azubis einzustellen.
Leider ist in den vergangenen Jahren
in dieser Richtung zu wenig passiert.
Stattdessen führen Betriebs- und
Personalräte gemeinsam mit den
Jugendvertretungen und
Gewerkschaften einen stetigen
Abwehrkampf, damit die
Ausbildungszahlen annähernd auf dem
aktuellen Niveau gehalten werden
können. Widersprüchlich ist hier die
Meldung, die Ausbildungsplatzbilanz
sei positiv. Denn gleichzeitig verirren
sich immer mehr Jugendliche in dem
komplexen und unübersichtlichen
Dschungel an Maßnahmen zur
„Berufsvorbereitung“ – eben weil sie
keinen Ausbildungsplatz finden. „Für
ein auswahlfähiges Angebot fehlten im
letzten Ausbildungsjahr im Saarland
über 1.700 Ausbildungsplätze“, fasst
Arbeitskammer-Fachmann Wolfgang
Dincher die Situation zusammen.
Bei der Auswahl der Azubis hat sich
zudem eine Praxis eingebürgert, die
Sorgen bereitet: Immer weniger
Hauptschulabsolventen finden einen
Ausbildungsplatz, weil immer mehr
Unternehmen für eine Ausbildung einen
Realschulabschluss oder das Abitur
verlangen. Vor Jahren hat für eine
handwerkliche Ausbildung noch ein
ordentlicher Hauptschulabschluss
gereicht. Und was passiert mit den
jungen Menschen, die diese höheren
Schulabschlüsse nicht vorweisen
können? Die Hälfte der Jugendlichen
mit Hauptschulabschluss und mehr als
drei Viertel derjenigen ohne
Hauptschulabschluss erreichen kein voll
qualifizierendes Ausbildungsverhältnis.
Sie bleiben in den genannten
Warteschleifen, für sie gibt es einen
weiteren Schulbesuch oder
„berufsvorbereitende Maßnahmen“, die
aber keine richtige Ausbildung ersetzen.
Die IG Metall Völklingen hat schon 2009
eine Resolution verabschiedet, in der sie
verlangt, das bei der Auswahl der
Azubis eine Quotierung festgeschrieben
werden soll. „Darin ist vorgesehen, dass
sich die Zahl der Azubis jeweils zu
einem Drittel aus Schulabgängerinnen
und Schulabgängern mit
Hauptschulabschluss, Realschulabschluss
und Abitur zusammensetzt“, sagt
Gewerkschaftssekretär Lars Desgranges,
„wir wollten damit ein Zeichen setzen
gegen eine elitäre Bewerberauswahl,
die sich leider vor allem in den
Großbetrieben abzeichnet.“ Die
Unternehmen seien in der Pflicht, die
Ausbildung so zu gestalten, dass auch
lernschwächere Jugendliche optimal auf
ihren Berufsabschluss vorbereitet
werden, ob mit zusätzlichem
Werksunterricht oder individueller
Nachhilfe.
Text: Carolin Lehberger
Foto: dpa/Julian Stratenschulte
„Auch nach der Ausbildung müssen
jungen Menschen Perspektiven im
Berufsleben geboten werden“, lautet
eine weitere Forderung der
Gewerkschaften. Die Übernahme in ein
unbefristetes Normalarbeitsverhältnis
nach bestandener Abschlussprüfung ist
längst nicht mehr die Regel. Die jungen
Kolleginnen und Kollegen müssen sich
unter Umständen nach dem Abschluss
von einer Befristung zur nächsten
hangeln. Oder sie sind gezwungen, eine
Beschäftigung bei
Leiharbeitsunternehmen oder im
Niedriglohnbereich anzunehmen. Fast
40 Prozent der 18- bis 27-Jährigen sind
von Arbeitslosigkeit oder prekärer
Beschäftigung betroffen (siehe hierzu
auch den Artikel von Stefan
Kerber-Clasen auf Seite 42).
In einer sozial-verantwortlichen
Gesellschaft muss es möglich sein, jeden
Jugendlichen durch eine qualifizierte
Berufsausbildung in das Arbeitsleben
zu integrieren. Das Saarland leistet sich
zu viele Jugendliche, die von der Schule
in Perspektiv- und Arbeitslosigkeit
entlassen werden. Dabei gibt es
durchaus Unternehmen, die in der
Ausbildung mehr leisten könnten:
Betriebe mit großen
Ausbildungswerkstätten und
Abteilungen für Personalentwicklung
hätten oft genug die finanziellen
Ressourcen und das Know-how, mehr
Jugendliche auszubilden.
13
Doku über Migration
Ganz eigener
Rhythmus
Bei den AK-Filmtagen im letzten
September war ein
Dokumentarfilm der Renner bei
den Jugendlichen: „Neukölln
Unlimited“. Er zeigt den Alltag
der libanesischen Familie
Akkouch, die seit gut 20 Jahren
nur mit wechselnden
Aufenthaltsberechtigungen in
Berlin lebt.
Über zwei Jahre lang haben die
Regisseure Dietmar Ratsch und Agostino
Imondi die siebenköpfige Familie im
Berliner Bezirk Neukölln begleitet, an
gut 50 Tagen gedreht. Ein düsterer
Problemfilm sollte es bewusst nicht
werden, erzählte Ratsch bei der
Vorführung in Saarbrücken, davon gebe
es bereits genug, sondern ein Film, mit
dem Jugendliche sich identifizieren
können und der positive Beispiele für
Migration zeigt. Deshalb stehen drei der
Geschwister im Mittelpunkt: Hassan, Lial
und Maradona, die von Breakdance bis
zu Hip Hop über vielfältige musikalische
und tänzerische Talente verfügen.
14
Herausgekommen ist ein ungewöhnlich
frischer Film, der teilhaben lässt am
Alltag der Familie. Am Streit um den
Abwasch, an Schulproblemen, dem
ständigen Ärger mit den diversen
Ämtern, den Ängsten vor einer
möglichen Abschiebung, aber auch –
und das macht den Film so besonders –
am Spaß mit den Freunden, dem
liebevollen Witzeln und Necken unter
den Geschwistern, ihrer Freude am
Leben, ihrer Kraft und schließlich ihren
Begabungen. Denn schließlich tragen
die zwei ältesten, Hassan und Lial,
heute 22 und 23 Jahre alt, entscheidend
zum Familieneinkommen bei. Hassan
durch die Auftritte mit seiner
sechsköpfigen Gruppe „FanatiX“, die
Breakdance und Hip Hop Nustyle macht,
Lial durch ihre Ausbildung bei einem
Boxpromoter und Tanz- und
Gesangsauftritte. Maradona, damals
gerade in der Pubertät und nicht
einfach zu ertragen für die Familie,
macht ebenfalls Breakdance. Die
Tanzauftritte der Geschwister bei
Wettbewerben und die eigens für den
Film komponierte Musik geben dem
Film einen ganz eigenen Rhythmus,
eingestreute Animationsszenen, in
denen wie im Comic die Vergangenheit
erzählt wird, tragen zu dem
ungewöhnlichen Stil bei.
Von der Kritik wurde der Film gefeiert,
zahlreiche Festivals luden ihn ein. Auf
der letzten Berlinale gewann er den
„Gläsernen Bären“ der Generation 14+,
weitere Auszeichnungen folgten. In
Saarbrücken war „Neukölln Unlimited“
der beliebteste Film der AK-Filmtage.
Filmtage 2011
Die nächsten Arbeitskammer-Filmtage
„Mit kritischem Blick“ finden vom 19.
bis 23. September im Kino achteinhalb
in Saarbrücken statt.
Interview
Einen Tag war Hassan Akkouch
im September in Saarbrücken
bei den AK-Filmtagen und
diskutierte mit den Schulklassen
und Jugendgruppen über den
Film, der einen Teil seines
Lebens zeigt. Für die in4mation
sprach Gabi Hartmann mit ihm.
in4mation: Wie hat dir dein Tag als
Star bei den AK-Filmtagen gefallen?
Hassan: Mir hat es super gefallen, vor
allen Dingen, weil die Menschen, die ich
kennengelernt habe, super freundlich
zu mir waren. Insgesamt hat die AK
alles super organisiert!
in4mation: Wie fandest du Saarbrücken,
zumindest das, was du davon gesehen
hast?
Hassan: Saarbrücken hat mir gut
gefallen, vor allem weil es viel Grünes
dort gibt. Aber es ist mir irgendwie zu
klein, man könnte in sehr kurzer Zeit
ganz Saarbrücken durchlaufen, was mir
persönlich zu wenig wäre und zu
langweilig. Ich habe mich leider schon
in Großstädte verliebt!
„Ich habe mich
in Großstädte
verliebt“
in4mation: Was hat sich seitdem in
deinem Leben und dem deiner Familie
getan?
Hassan: Meine Familie bekommt sehr
viel Aufmerksamkeit von den Medien,
was natürlich positiv, aber auch negativ
sein kann. Außerdem wird uns in den
Behörden mehr zugehört und wir
werden seitdem besser behandelt. Ich
selbst habe nach einem Casting in Wien
das Angebot bekommen, in André
Hellers neuem Stück „Magnifico“
mitzumachen – und zugesagt. Jetzt sind
wir ein Jahr auf Tournee.
in4mation: Du trittst zusammen mit
deiner Gruppe „Fanatix“ auf. Kannst du
eure Stilrichtung beschreiben?
Hassan: Die FanatiX sind eine MixstyleCrew, das heißt wir mischen viele
verschiedene Arten von Tanzstilen, wie
z.B. B-Boying, Poping und Hip Hop
Nustyle. Das letzte ist unser
Haupttanzstil.
in4mation: Durch den Film und
deine Auftritte bist du ganz schön
rumgekommen in der Welt. Welche
Stadt hat dich am meisten beeindruckt?
Hassan: Von den ganzen Städten die ich
gesehen habe, hat mich am meisten
Sydney in Australien beeindruckt. Die
Kombination aus einer modernen Stadt
und einer exotischen Natur war einfach
wunderschön.
in4mation: Wenn du ganz frei wählen
könntest, wo würdest du gerne leben?
Hassan: Dann würde ich mir kein
bestimmtes Land aussuchen, sondern
eher einfach nur ein Stück Land, wo es
immer warm ist, nicht weit vom Meer, in
der Nähe von einem Wald, wo ich mein
eigenes Gemüse anpflanzen könnte und
mein eigenes Haus hätte.
in4mation: Du hast in Saarbrücken
erzählt, dass du gerne Schauspiel
studieren möchtest. Wer sind deine
Vorbilder?
Hassan: Ich habe nicht viele Vorbilder,
und wenn mich jemand danach fragt,
muss ich auch erstmal überlegen. Aber
wer mir immer einfällt, ist Will Smith.
in4mation: Gibt es einen Lieblingsfilm
und/oder Regisseur für dich?
Hassan: Ich habe viele Filme, die mir
sehr gut gefallen, wie zum Beispiel
„Drunken Master“ mit Jackie Chan oder
„Bad Boys“ mit Will Smith, aber ich bin
auch sehr an Science Fiction interessiert,
und da gibt es bei mir nur einen Film:
„Avatar“.
in4mation: Welches Buch hat dich in
letzter Zeit am meisten bewegt?
Hassan: „Drachenläufer“ von Khaled
Hosseini.
Text: Gabi Hartmann
Fotos: Nicolas Oswald
15
Speerwerfer Matthias de Zordo
Mit 22 Jahren wurde Matthias
de Zordo Vize-Europameister im
Speerwerfen. Der Saar-Sportler
des Jahres 2010 trainiert am
Olympiastützpunkt Saarbrücken
bei Boris Henry und sieht 2011
als Übergangsjahr zu den
Olympischen Spielen in London
2012.
Matthias de Zordo ist ein „Anklatscher“.
„Das ist so ein positives Gefühl, das ist
berauschend, wenn man das Publikum
auf seiner Seite hat...!“ Wenn er von
dem mit 63.000 Zuschauern gefüllten
Berliner Olympiastadion berichtet, wird
schnell klar, dass es diese Momente sind,
die das zuweilen harte Training des
Speerwerfers vergessen lassen. Dieses
„Die-Arme-über-dem Kopf-klatschenRitual“ hat den heute 23-Jährigen
zuletzt medienwirksam am 31. Juli 2010
gepusht: Mit persönlicher Bestleistung
von 87,81 Meter holte er in Barcelona
die Silbermedaille bei den
Leichtathletik-Europameisterschaften.
Ein Millionenpublikum sah seinen
Trainer und ehemaligen Spitzenwerfer
Boris Henry vor der Kamera um Fassung
ringen.
Mit dem Dreikampf in der Grundschule
hat Matthias de Zordo (der Opa ist
Italiener) in seinem Heimatort in der
Nähe von Bad Kreuznach seine Karriere
begonnen. „Ich hatte eine leichte
Begabung beim Ballwurf“, blickt er in
der Cafeteria am Olympiastützpunkt,
wo er heute trainiert, auf die Anfänge
zurück. Danach ging es dann mit
Kugelstoßen, Diskus- und Speerwerfen
weiter, so ganz nebenbei spielte er noch
auf hohem Niveau Handball.
Die Entscheidung fiel dann für das
Speerwerfen, nicht zuletzt weil ihm die
Trainer ein gutes Wurfgefühl
bescheinigten. Und das sei nun einmal
entscheidend, sagt de Zordo, „der Speer
hat seinen eigenen Willen, er verkantet,
es ist schwer sich reinzufinden...“
Anklatscher
Gefragt seien heute nicht mehr die
Kraftprotze, vielmehr „steht die Technik
im Vordergrund.“ Mit seinen 1,90 Meter
Größe und 95 kg Gewicht ist er
offensichtlich wohl proportioniert, denn
schließlich hat er sich in der Weltspitze
etabliert. „Die besten Speerwerfer
kommen aus Europa, deswegen weiß
ich, was mein Titel wert ist“, gibt sich
der gut gelaunte Matthias de Zordo
optimistisch.
Bevor es zur Saisonvorbereitung ins
Trainingslager nach Portugal geht,
absolviert der junge Speerwerfer
abwechselnd Technik- und natürlich
auch Krafttraining; wovon seine beiden
Ein-Euro-Stück großen Blasen an den
Händen zeugen. Gemeinsam mit seiner
Trainingsgruppe (darunter Alexander
Vieweg und Ester Eisenlauer) hat er die
Weltmeisterschaften im August in
Südkorea im Fokus, sieht 2011 für sich
aber eher als „Lehr- oder
Übergangsjahr“ zu den Olympischen
Spielen in London 2012.
Damit die Speerwerfer trotz Eis und
Schnee auch in der Halle trainieren
können, wurden spezielle Fangnetze
aufgehängt, die die mit Tennisbällen
versehenen Speere aufhalten. Zudem
ließ Trainer Boris Henry ein „KraftTrainings-Gerät“ konstruieren, an dem
Abwurfwinkel und Gewichte verstellt
werden können: Damit werden Würfe
simuliert.
Matthias de Zordo, der im letzten Jahr
zum Saar-Sportler des Jahres gewählt
wurde, hat sich nach dem
Realschulabschluss ganz dem Speerwurf
verschrieben, sagt mit etwas Abstand
aber, „ich hätte vielleicht eine
Ausbildung machen sollen“. Er spielt mit
dem Gedanken, noch sein Fachabitur zu
machen. Als Mitglied der
Sportfördergruppe der Bundeswehr
muss de Zordo sich finanziell aber
derzeit keine Sorgen machen und kann
sich voll und ganz auf seinen Sport
konzentrieren. Träume und Wünsche?
Ja, die hat der 23-Jährige. Er möchte
Olympiasieger werden. Und irgendwann
mal Weltrekord werfen. Dafür muss er
das 800 Gramm schwere und rund 2,70
Meter lange Stück Aluminium auf
aktuell 98,49 Meter werfen. Zuzutrauen
ist es ihm.
Text: Peter Jacob
Fotos: D’Angiolillo,
picture alliance: Laci Perenyi (1),
Annegret Hilse (2)
16
17
AK-Fotowettbewerb „Arbeitswelten“
Frauen
Angst
?
vor dem Chef
im Fokus
Die Arbeitskammer-Zeitschriften
„arbeitnehmer“ und
„in4mation“ schreiben zum
zweiten Mal den Fotopreis
„Arbeitswelten“ aus. Diesmal
geht es um die Arbeitswelten
von Frauen. Es winken
Preisgelder in Höhe von
1.000 Euro.
Zufall oder nicht? Beim ersten Fotopreis
im letzten Jahr richteten sich die
Objektive vornehmlich auf Männer
und ihre Arbeitsplätze. Zwar nicht
ausschließlich, doch unter den gut
600 eingereichten Fotos fanden sich
erstaunlich wenige, die weibliche
Arbeitswelten abbildeten. Das soll in
diesem Jahr anders werden, zumal 2011
das Jahr ist, in dem zum 100. Mal der
Internationale Frauentag begangen
wurde, an dem Frauen für ihre Rechte,
bessere Arbeitsbedingungen und
gleichen Lohn kämpfen.
Gleichzeitig leisten Frauen immer noch
den größten Teil der gesellschaftlich
wichtigen, jedoch unbezahlten Arbeit:
im Haushalt, bei der Kindererziehung,
durch die Pflege alter und kranker
Familienangehöriger. Auch diese
Bereiche zählen zu den Arbeitswelten –
denn Arbeit ist Arbeit, auch wenn es
keinen Lohn dafür gibt. Deshalb sollen
die Bilder für den Fotopreis
„Arbeitswelten 2011“ Frauen bei der
Arbeit zeigen, gleich ob im privaten
oder im beruflichen Umfeld.
Und so geht es:
Bis zum 15. Mai 2011 kann jeder, gleich
ob Profi oder Amateur, maximal drei
Fotos einreichen: Sie können entweder
über die AK-Homepage unter
www.arbeitskammer.de/fotopreis2011
hochgeladen oder auf CD, DVD oder
Papierabzug per Post eingesandt
werden: Arbeitskammer des Saarlandes,
Stichwort „Fotopreis“,
Fritz-Dobisch-Straße 6-8, 66111
Saarbrücken. Beigelegt werden muss
das ausgefüllte Teilnahmeformular,
es steht ebenso wie die genauen
Teilnahmebedingungen im Internet
unter: www.arbeitskammer.de/
fotopreis2011
18
Die Preise werden für die künstlerisch
und inhaltlich beeindruckendsten Fotos
vergeben. Digital verfremdete Bilder
oder Collagen sind nicht zugelassen.
Aus allen Einsendungen ermittelt eine
Fachjury die 30 besten. Diese Fotos
werden dann ins Internet gestellt, um
den „Publikumspreis“ zu ermitteln. Die
Abstimmung für diese Auszeichnung
erfolgt direkt online. Das Preisgeld
beträgt 500 Euro.
In einer zweiten Abstimmung bestimmt
eine Experten-Jury den „Fachpreis“. Die
Mitglieder dieser Jury kommen aus den
Bereichen Werbung und Fotografie. Der
Fachpreis ist ebenfalls mit 500 Euro
dotiert.
Im Anschluss an den Wettbewerb
werden die 30 besten Bilder in einer
Ausstellung der Öffentlichkeit
präsentiert.
Text: Gabi Hartmann
Fotos: picture alliance/Abir Abdullah (1)
Nicolas Oswald (2)
Wir beraten! Tel. (0681) 4005-111
Arbeitslosengeld I, Arbeitslosengeld II, Arbeitsrecht,
Arbeitsschutz, BAföG/Schülerförderung, Behindertenrecht, Betriebs- und Personalräte, Frauen- und Gleichstellungspolitik, Grenzgänger, Lohnsteuer, Mutterschutz/
Elterngeld/Elternzeit, Erwerbsminderung, Sozialrecht,
Reha, Weiterbildung, Wohngeld.
Zu diesen Themen beraten wir unsere Mitglieder* gerne.
Und das kostenlos!
*Mitglieder der Arbeitskammer sind alle im Saarland beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Arbeitskammer des Saarlandes
Haus der Beratung | Trierer Straße 22 | 66111 Saarbrücken
Broschürentelefon: (0681) 4005 - 444
E-Mail: beratung@arbeitskammer.de | Internet: www.arbeitskammer.de
20
Jahre
in4mation
Mit seinen Online-Petitionen zu
politisch umstrittenen Themen
kann Campact in kurzer Zeit
Hunderttausende Menschen
mobilisieren. Auch die
etablierte Politik zeigt sich
beeindruckt.
Campaign & Action. Der Begriff, an
dem sich die Internetaktivisten bei ihrer
Namensgebung orientiert haben,
erinnert an moderne amerikanische
Wahlkämpfe. Campact organisiert
Kampagnen, bei denen sich Menschen
per Internet in aktuelle politische
Entscheidungen einmischen können.
„Wir greifen Themen auf, die auf der
Kippe stehen“, sagt CampactÖffentlichkeitsarbeiter Carsten Direske,
und davon gibt es eine ganze Menge.
Der Streit um die Atomkraft, die
Gentechnik, der neue Bahnhof
Stuttgart 21, die Unterstützung für
Wikileaks ..., die Liste ist riesenlang.
Oft arbeitet Campact mit Partnern
zusammen, die das inhaltliche
Know-how liefern. „Bei uns sitzt
kein Stab von Referenten, die sich
mit Details von Gesetzesvorhaben
beschäftigen. Wir sind dazu da,
Meinungen in die Öffentlichkeit zu
bringen“, berichtet Direske. Deshalb
bedient man sich des Fachwissens von
über 30 verbündeten Organisationen,
etwa der Deutschen Umwelthilfe,
NABU oder Attac. Bei der Aktion
„Kopfpauschale stoppen“ gab es auch
eine Kooperation mit der Gewerkschaft
ver.di und der Diakonie der
Evangelischen Kirche.
20
Was wurde denn
eigentlich aus…?
Das Internet-Aktionsnetzwerk
Campact
kompakt
Beeindruckend hoch ist die Zahl der
Unterstützer, rund 343.000 haben den
Campact-Newsletter abonniert. „Das
sind mehr Menschen, als die kleinen
Parteien in Deutschland Mitglieder
haben“, freut sich Direske. Bei den
Internetaktionen, in denen die User ihr
Votum abgeben, kann man zuschauen,
wie die Zahl der Klicks oft regelrecht
nach oben rast. Bei der Masse der
Unterstützer ist es kein Wunder, dass
auch die etablierte Politik reagiert.
Aktuelle Kampagnen, zum Beispiel
gegen Genmais oder für bessere
Futterkontrollen in der Landwirtschaft,
haben Wirkung gezeigt.
Aber auch Kritik ist zu hören. Campact
spitze Themen zu und lasse Alternativen
nicht gelten. Ein Einwand, den
wiederum Direske nicht gelten lässt.
„Oft stecken hinter Gegenargumenten
wirtschaftliche Interessen“, sagt er; den
Befürwortern von Gentechnik etwa
gehe es in Wahrheit um die Kontrolle
von Saatgut und um
Marktbeherrschung.
Auch den Einwand, Campact befördere
das Delegieren von politischem
Engagement und reduziere sich auf
Klicks im Internet, weist er zurück.
„Wir mobilisieren mit unseren
Bündnispartnern für regionale
Veranstaltungen und aktivieren ein
breites Altersspektrum. Das geht von
Schülerinnen und Schülern, die zum
ersten Mal bei einer Großdemo dabei
sind, bis zu 82-Jährigen, die weiterhin
am politischen Leben teilnehmen
wollen.“
Campact ist als gemeinnützig anerkannt
und finanziert sich überwiegend aus
Spenden und regelmäßigen Beiträgen
von Förderern. „Wir haben ein großes
Eigeninteresse daran, dass die Menschen
erfahren, was aus ihren Spenden wird.
Deshalb ist Transparenz für uns oberstes
Gebot“, unterstreicht Direske und
verweist auf die detaillierte Darstellung
der Finanzen im Internet.
Info unter www.campact.de
Text: Jürgen Matheis
Foto: picture alliance/Uli Deck
Vor zwanzig Jahren startete
die Arbeitskammer mit ihrer
Jugendzeitschrift unter dem
Titel „in!“. Wichtig war das
Ausrufezeichen, denn natürlich
gab es weltweit auch schon
andere Presseprodukte mit dem
Titel „in“. Saarländischen
Schülern und Auszubildenden
sollten interessante Themen aus
Politik, Kultur und Sport, aber
auch aus Ausbildung und Beruf
nahegebracht werden. 1996
änderte sich das Format, das
Logo wurde bunter und
variabler. 2001 dann ein
Quantensprung: Das größere
Format bekam ein neues
Layout, einen neuen Titel und
heißt seitdem „in4mation“.
Die Informationen für
Auszubildende wurden fortan
von A bis Z systematisiert und
unter „Wissen, was Sache ist“
mit Illustrationen von ©TOM
als Beilage angeboten. Nach
zwanzig Jahren wagen wir
einen kleinen ausgewählten
Rückblick auf Berichte aus
früheren Heften und fragen:
Was wurde denn
eigentlich aus…?
29
Foto: Privat
Als wir den Weitspringer 1993 mit 18
Jahren vorstellten, war er bereits ein
Großer. 7,78 war er da schon
gesprungen und die beachtliche
Karriere mit vielen nationalen und
internationalen Erfolgen war die
logische Folge. Nur mit Olympia wollte
es nicht klappen. Die Hoffnung auf
einen Start in Athen 2004 verhinderte
das Verletzungspech. „Leistungssport zu
betreiben, heißt auch, bis an die
Grenzen zu gehen, und da kann es
immer passieren, dass sich der Körper
irgendwann wehrt“, sagt er.
Jörg Caspar
30
In der allerersten Ausgabe der
„in4mation“ vor 20 Jahren hatten wir
ihn gefragt „Was macht denn so ein
Jugendsekretär?“. Da war Jörg Caspar
gerade mal ein halbes Jahr im Amt.
Angetreten hatte der gelernte
Industriekaufmann die Stelle beim DGBLandesbezirk Saar am 1. April 1990, an
einem Sonntag, wie er sich heute noch
erinnert. Denn da musste er gleich zum
Bundeskongress der JUNGEN GRUPPE
der Gewerkschaft der Polizei.
Sie waren beide groß im Bild auf
unserer Titelseite der ersten Ausgabe im
Oktober 1990: Marika Schnubel (heute
Molitor) und Thomas Fischer. Als
Jugend- und Auszubildendenvertreter
setzten sie sich gemeinsam für die
Interessen der jungen Beschäftigten bei
Ford Saarlouis ein. Fischer hat seinem
Arbeitgeber die Treue gehalten, ist
heute 2. stellvertretender Vorsitzender
des Betriebsrats, betreut die
Jugendvertreter des Unternehmens.
Seiner Gewerkschaft IG Metall ist
Fischer weiter sehr verbunden,
engagiert sich in der Bildungsarbeit und
ist seit letztem Jahr Mitglied des
Ortvorstandes der Verwaltungsstelle
Völklingen. Wie sich die Ausbildung in
den letzten 20 Jahren verändert hat,
will die in4mation wissen: „Die jungen
Kolleginnen und Kollegen sind nach der
Ausbildung sehr zielstrebig, wollen
direkt die nächsten Karriereschritte
angehen...“
Heute ist der 1967 in Saarlouis
geborene Caspar 1. Bevollmächtigter
der IG Metall Neunkirchen – „und 20
Kilo schwerer“, wie er scherzt. Nach
neun Jahren beim DGB war er 1990 als
Gewerkschaftssekretär zur IG-MetallVerwaltungsstelle nach Neunkirchen
gegangen, wurde dann 2. und
schließlich 1. Bevollmächtigter. Was hat
sich für ihn geändert? Er könne Bücher
schreiben über all das, was er in seiner
Zeit als Gewerkschafter erlebt hat,
antwortet Caspar, in Kurzfassung gehe
das nicht. Aber trotz aller Hektik und
trotz des großen Termindruckes mache
ihm der Job immer noch viel Spaß, sagt
er mit Überzeugung.
GH
Bei Marika Molitor lief das ganz anders.
Nach ihrer Ausbildung zur Elektrikerin
bekam sie 1994 eine Tochter, nahm drei
Jahre Erziehungszeit. Danach blieb sie
noch drei Monate in der
Elektrikwerkstatt: „Ich hatte zwar eine
halbe Stelle, musste aber immer eine
Woche voll arbeiten und dann eine
Woche zuhause bleiben.“ Halbtags zu
arbeiten, sei organisatorisch nicht
möglich, hieß es damals. Sie zog die
Konsequenzen und stieg Ende 2007
bei Ford aus, weil sie mit der Situation
nicht zufrieden war. Molitor schulte
zur Kauffrau für Bürokommunikation
um, hat heute eine Halbtagsstelle.
Im Nachhinein hätte sie sich mehr
Flexibilität vom Arbeitgeber gewünscht,
zumal sie „als Frau in einem
Männerberuf immer 150 Prozent geben
musste...“ Ein bisschen von Ford ist ihr
aber noch geblieben: Ihr Mann arbeitet
dort als Meister. PJ
Foto: D’Angiolillo
Foto: D’Angiolillo
Thomas Fischer und
Marika Molitor, geb. Schnubel
Das relativ frühe Aufhören als
Spitzensportler im Alter von erst 29
Jahren ist ihm durchaus schwer
gefallen. „Aber inzwischen vermisse ich
nichts“, sagt Michael Hessek, „die Zeit,
die ich in der Leichtathletik hatte, war
unheimlich prägend und schön und hat
mich auch menschlich weiter gebracht“.
Heute ist der Groß- und
Einzelhandelskaufmann und
Betriebswirt erfolgreich im PharmaAußendienst tätig und hält sich mit
Fußball in der Bezirksliga fit. Seine
Sportskameraden von damals sieht er
nur noch zufällig. „Die haben alle
Familie und einen anderen
Lebensmittelpunkt“, weiß er, und das
gilt natürlich auch für ihn selbst. Wie es
sich für einen guten Saarländer gehört,
hat er gebaut und wohnt jetzt im
St. Wendeler Stadtteil Hoof. Auch
Nachwuchs hat sich schon eingestellt,
der 16-monatige Sohn hält ihn „schwer
auf Trab“. Seine Bestweite von 7,82
Metern ist übrigens immer noch
offizieller Saarlandrekord.
JM
Michael Jordan
Er war der Superstar. Air Jordan. His
Airness. Auch in Deutschland gab es
damals jede Menge Fans, die sich die
Nächte um die Ohren schlugen, um bei
den Staub zu schicken. So war es nur
logisch, dass er auch in der „in4mation“
seinen gebührenden Auftritt bekam.
1996 war das, und geehrt wurde er mit
Attributen, wie sie nur auf ihn passten.
„Heute leuchtet sein Stern eine ganze
Galaxis aus. Eine Art Captain Kirk der
Hoop-Kultur. Diese Mischung aus
Artistik und Athletik, Intelligenz und
Inspiration ... ist einmalig“, war über
ihn zu lesen. Dazu passten die
sensationellen Rekorde, die er bis zum
Ende seiner Karriere noch einmal
toppte. Sechsmal wurde er mit den
Bulls Meister, zweimal Olympiasieger.
den Live-Übertragungen der NBABasketballliga im TV dabei zu sein,
wenn er mit seinen Chicago Bulls
antrat, um etwa die New York Knicks in
Foto: picture alliance
Foto: Oettinger
Foto: Privat
Michael Hessek
1993, 1999 und 2001 kündigte er seinen
Rücktritt an, kam aber jeweils wieder
zurück. 2003 war dann endgültig Schluss
und eine respektable Karriere als
Manager und Geschäftsmann folgte. In
vielen Bereichen war er dabei, aber vom
Basketball kam er nie wirklich los. 2006
wurde Jordan Miteigentümer der
„Charlotte Bobcats“, einem Team
aus North-Carolina. 2010 dann der
Paukenschlag: Für schlappe 275
Millionen Dollar übernahm er das Team
komplett. Noch allerdings hat es nicht
den sensationellen Lauf, den die Bulls
damals hatten, was wohl auch damit
zusammenhängt, dass „His Airness“
mittlerweile neben dem Spielfeld steht
und nicht darauf. Wie auch immer:
Um seine persönliche Zukunft braucht
sich der „Basketballspieler des
Jahrhunderts“ keine Sorgen zu machen.
Seine Werbeverträge bringen ihm auch
heute noch jährlich 30 Millionen Dollar
ein. JM
31
Foto: picture alliance
Cannes 1995: „Hass“ von Mathieu
Kassovitz erhält bei den Filmfestspielen
in Cannes den Preis für die beste Regie.
Die „in4mation“ hat den Film damals
vorgestellt und Jugendliche nach dem
Kinobesuch nach ihren Eindrücken
gefragt. „Bedrückend“ fanden die das
kompromisslos harte Schwarz-WeißWerk um drei Jugendliche in einem
Vorstadtghetto von Paris.
Marusha
Techno-Queen Marusha legte im Mai
1997 in der Neufang Kulturfabrik in
Saarbrücken auf und nahm sich vorher
Zeit für ein Interview mit der
in4mation. Damals haben wir sie nach
der Mayday gefragt, nach den DJs Sven
Väth und Westbam. Und damals war
Marusha schon „im Club der Dreißiger
angelangt“, wie sie selber sagte.
14 Jahre später legt Marusha immer
noch auf: Am 30. April bei der 20.
Mayday in der Dortmunder
Westfalenhalle. Wieder mit Sven Väth
und Westbam. Der Technosound hat sich
vielleicht verändert, aber: Es gibt ihn
immer noch! 1994 gelang der
Berlinerin, die 17 Jahre ihre eigene
Radiosendung hatte, mit dem Titel
„Somewhere over the Rainbow“ der
Durchbruch. Sie reiste zum Auflegen
rund um die Welt. Heute ist es etwas
ruhiger um Marusha geworden, mit
ihrem 13. Auftritt bei der Mayday ist sie
dort aber Rekordhalterin. PJ
Fredericke Winkler
Fatih Akin
1997 haben wir zwölf saarländische
Jugendliche gefragt, was sie mit einem
freien Wunsch anstellen und was sie in
zehn Jahren gerne machen würden.
Fredericke Winkler hat sich damals
gewünscht, „einfach glücklich zu sein“.
Und ihren freien Wunsch? Mit dem
hätte Sie gerne einen Tag in
Entenhausen verbracht.
Nach ihrem Abitur 1999 studierte sie
Mode in Paris und Berlin. 2002
machte Sie ihren Abschluss an der
ESMOD in Berlin, an der sie ab 2003
auch unterrichtete. Nachdem sie
zwischenzeitlich unter anderem bei
Strenesse gearbeitet hatte, eröffnete sie
2004 ihren eigenen KonzeptModeladen, den Belleville-Store in
Berlin. Zusätzlich zu allen anderen
Beschäftigungen fing sie 2006 an,
Jungdesigner zu coachen – und wurde
Mutter.
Nein, es wäre übertrieben zu
behaupten, wir hätten Fatih Akin
entdeckt. Aber immerhin: Bereits 1998
war er mit einem Interview in der
„in4mation“ vertreten. Damals hatte er,
mit 24 Jahren, mit „Kurz und
schmerzlos“ gerade seinen ersten
abendfüllenden Spielfilm abgeliefert.
Ein hochgelobtes Werk, in dem es um
die Freundschaft einer türkischgriechisch-serbischen Gang in HamburgAltona ging, um Liebe, Sex und Hiphop,
Tod und Gewalt. Es war der Beginn
einer großen Karriere als Regisseur,
Drehbuchschreiber und Produzent.
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Titelfoto: Riede
Foto: Oswald
Foto: picture alliance/Gutzman
Foto: Oswald
Cannes 2010: „Johnny Mad Dog“, ein
kompromisslos harter Film über
Kindersoldaten in Afrika, erhält den
„Prize of Hope“. Der Produzent heißt:
Mathieu Kassovitz. Der 1967 in Paris
Geborene ist offenbar äußerst vielseitig.
Bereits mit zwölf stand er zum ersten
Mal vor der Kamera, mit 25 drehte er
seinen Debütfilm „Métisse – Lola liebt’s
schwarzweiß“. Nach dem Erfolg von
„Hass“ landete er 2000 mit dem
düsteren Thriller „Die purpurnen
Flüsse“ einen Kassenhit. Und hatte in
vielen Rollen als Schauspieler ein
Millionenpublikum: So etwa 2001, als er
an der Seite von Audrey Tautou in „Die
fabelhafte Welt der Amélie“ spielte.
2002 war er auf der Berlinale an der
Seite von Ulrich Tukur und Ulrich Mühe
zu sehen, bei der Weltpremiere von
„Der Stellvertreter“ unter der Regie von
Costa-Gavras. Und 2005 stand er unter
der Regie von Steven Spielberg in
„München“ vor der Kamera, einer
filmischen Spekulation über die
Reaktion Israels auf die Geiselnahme
von München (1972), bei der ein
Kommando des Schwarzen Septembers
elf Mitglieder der israelischen
Olympiamannschaft tötete. Für dieses
Jahr sind bereits zwei Filme
angekündigt, bei denen Kassovitz
wieder hinter der Kamera agiert:
„Rebellion“ und „Dust motion“. GH
Und hier fing die Prophezeiung an, sich
selbst zu verwirklichen. Nicht nur, dass
nach eigener Aussage 2007 das mit
Abstand erfolgreichste Jahr mit ihrem
eigenen Laden wurde, sie das erste Mal
seit Beginn ihrer Ausbildung wieder
echten Urlaub gemacht hat und auch
sonst alles hervorragend verlief, wurde
2007 ihr erster Sohn ein Jahr alt. Und
genau in diesem Alter fing er an,
sowohl für sich als auch auf’s Neue für
seine Mutter, das EntenhausenUniversum zu entdecken. Und ohne
darauf hingearbeitet zu haben, hat sie
seit dieser Zeit wohl so einige Tage in
Entenhausen verbringen dürfen –
wahrscheinlich mehr als sie selbst je
gedacht hätte.
Mittlerweile hat sich Fredericke mit zwei
Geschäftspartnern und ihrer
eigenen Agentur für Mode und
Nachhaltigkeit in Berlin
(beyondberlin.com) selbstständig
gemacht und ihren zweiten Sohn zur
Welt gebracht. Somit sind weitere Tage
in Entenhausen erst mal gesichert. Und
für die nächsten zehn Jahre wünscht sie
sich, jetzt endlich mit den Dingen, die
ihr Spaß machen, auch mal richtig Geld
zu verdienen. Fredericke lebt mit ihrem
Partner und ihren zwei Kindern sehr
glücklich in Entenhausen
(Entschuldigung, in Berlin
selbstverständlich). NO
Foto: picture alliance
Mathieu Kassovitz
Im Laufe der Jahre hat er viele gute
Filme herausgebracht, für die es die
höchsten Auszeichnungen gab, zum
Beispiel „Gegen die Wand“ (2004,
Goldener Bär Berlinale Berlin), Kebab
Connection (2005), Takva – Gottesfurcht
(2006) und das vielfach prämierte „Auf
der anderen Seite“ (2007). Auch die
Komödie „Soul Kitchen“ (2009,
Silberner Löwe Filmfestspiele Venedig)
passt nahtlos in diese Reihe und gehört
zu den Highlights, die über das
Tagesgeschehen hinaus Spuren
hinterlassen haben. Für seine
unverwechselbare Handschrift gab es
großes Lob vom französischen
Großmeister der Regiekunst, dem
legendären Claude Chabrol, der sich
diebisch darüber freute, „dass ein Türke
den deutschen Film verkörpert.“ Was
nur bedingt richtig ist. Denn Fatih Akim
wurde 1973 als Sohn türkischer
Einwanderer in Hamburg geboren, wo
er auch heute noch lebt. Seit 1994 hat
er die deutsche Staatsbürgerschaft, „ein
Akt der Vernunft“, wie er sagte. Als
Dank für den Einfluss auf das
Selbstverständnis der deutschen
Gesellschaft und sein Engagement als
Brückenbauer zwischen Deutschland
und der Türkei wurde er 2011 mit dem
Ehrenpreis des Festivals
Türkei/Deutschland geehrt. JM
33
Mit ihrer Freundin, der Weitspringerin
Bianca Kappler, machte sich Shanta
Ghosh als Gesundheitsberaterin
selbstständig, die Wirtschaftskrise ließ
die Geschäftsidee aber schnell platzen.
Seit 2010 arbeitet sie als Referentin
beim Landesinstitut für Präventives
Handel in St. Ingbert in den Bereichen
Gesundheitsberatung und
wissenschaftliche Begleitung und
Evaluation. Dabei geht es zum Beispiel
darum, „Multiplikatoren zu schulen,
Bestehendes zu vernetzen“. Gerade
arbeitet sie an einer Evaluation zum
EU-Schulobstprogramm in den
Grundschulen, geht der Frage nach,
wie sinnhaft und nachhaltig solche
Projekte sind.
Gesund leben, um erfolgreich zu sein.
Das war für die Sportlerin Shanta Ghosh
immer selbstverständlich. Mit dem
Thema „Gesundheit“ verdient sie heute
ihr Geld beim Landesinstitut für
Präventives Handeln. Doch der Reihe
nach: 1999 stellten wir die 100-MeterSprinterin in der in4mation vor. Im
Juniorenbereich hatte sie schon
einige Titel eingeheimst, einem
Millionenpublikum bekannt wurde sie
dann 2001: Auf die 400-Meter-Strecke
umgestiegen, holte sie bei der
Weltmeisterschaft in Edmonton mit der
Staffel Silber. Das sollte ihr größter
Erfolg bleiben, denn später warfen sie
Verletzungen immer wieder zurück,
2004 musste Shanta gar ihre zweite
Olympiateilnahme abhaken. Ein Jahr
später hängte sie die Spikes an den
Nagel, fand so die Zeit, um 2006 ihr
Psychologie-Studium abzuschließen.
Gegen Ende ihrer Sportlerinnenkarriere
wurde die ehemalige Leichtathletin
politisch aktiv: 2004 und 2009
kandidierte sie auf der CDU-Liste für
den saarländischen Landtag, 2004 fuhr
sie als Wahlfrau für das Saarland mit
nach Berlin, um Bundespräsident Horst
Köhler zu wählen. Heute sitzt sie noch
im Landesvorstand der CDU Saar.
„Ich hatte sehr gute
Trainingsbedingungen im Saarland, ein
Ortswechsel hätte mich nicht
weitergebracht, schade war nur, dass ich
meine Karriere aus gesundheitlichen
Gründen beenden musste“, sagt
Shanta Ghosh rückblickend. Eine
„Alternativsportart“, die sie so fasziniert
wie der Sprint, hat sie noch nicht
gefunden. Doch sieht man sie
regelmäßig beim Joggen. Ein Abo
im Fitnessstudio hat sich auch. Sie lebt
halt gesund. PJ
Foto: picture alliance
Christian Weber
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„Fünf Einsätze, ein Treffer. Gute
Kritiken.“ So stand es in der in4mation.
Im August 2001 hatte der damals
17-jährige Christian Weber seinen
Einstand als Profifußballer beim
Zweitligisten 1. FC Saarbrücken
gegeben. Weber, der aus dem
Großrosseler Ortsteil Emmersweiler
kommt, hat mittlerweile 217 Partien in
der zweithöchsten deutschen
Spielklasse absolviert, trug in der Saison
2007/2008 sogar elfmal das
Erstligatrikot des MSV Duisburg. Nach
zwei Spielzeiten beim FCS war er aber
vor seinem Abstecher in Liga 1 vier
Spielzeiten beim Zweitligisten
Spielvereinigung Greuther Fürth im
Einsatz.
Nach dem Bundesligaabstieg ging
Weber eine Saison nach Zypern, um für
AE Larissa in der griechischen Super
League zu verteidigen. Seit 2009 trägt
er das Trikot von Fortuna Düsseldorf,
schrammte mit seinem Team 2010
knapp am Relegationsplatz um den
Erstligaaufstieg vorbei. Eine Verletzung
hat ihn Ende 2010 etwas
zurückgeworfen. Fazit: Aus dem Bub
vom SV Emmersweiler ist ein solider
Zweitligaspieler geworden.
PJ
Phantasmatisch
Titelfoto: Riede
Foto: Privat
Shanta Ghosh
Frank Nimsgern
Als 2000 im Saarländischen
Staatstheater das Musical „SnoWhite“
für ein ständig ausverkauftes Haus
sorgte, war das der „in4mation“ zwei
Seiten wert. Da war der Komponist und
Musiker Frank Nimsgern international
schon lange kein Unbekannter mehr.
In Salzburg hatte der Sohn des
Opernsängers Siegmund Nimsgern
Komposition und Arrangement studiert,
bei John Abercrombie und Mike Stern
in Berkeley Unterricht als Jazzgitarrist
genommen. Mit seiner 1988
gegründeten „Frank Nimsgern Group“
war er durch vier Kontinente getourt
und hatte über 900 Konzerte gegeben,
als Sessionmusiker über 35 Alben
eingespielt. 1997 schrieb er für die
Märchenrevue „Hänsel und Gretel“
am Friedrichstadtpalast Berlin die
Musik, arrangierte und orchestrierte
sie. Bereits ein Jahr später folgte am
Saarländischen Staatstheater das
Musical „Paradise of Pain“, 1999,
wieder in Berlin, das Musical
„Elements“. Für seine drei Musicals
erhielt der vielseitig Begabte dann
2000 den ARD-Fernsehpreis „Goldene
Europa“ (und spielte ein Jahr später
zum 50. Geburtstag der Arbeitskammer
in der Völklinger Gebläsehalle auf).
Lässt sich das alles noch toppen?
Selbstverständlich, wenn man Frank
Nimsgern heißt. Für zehn Tatort-Folgen
hat er seither die Filmmusik
geschrieben. Und sich natürlich weiter
Musicals ausgedacht. 2004 war hierbei
ein wahrlich produktives Jahr: Zuerst
brachte er in Saarbrücken „Arena“
heraus, dann folgte in Berlin „Hexen“.
Und schließlich wieder in Saarbrücken
„Poe“, zu dem Heinz Rudolf Kunze die
Texte beisteuerte. Alles andere, Musik,
Komposition, Arrangement, Konzeption
und musikalische Leitung: Frank
Nimsgern. Zwischendurch arbeitete der
Tausendsassa an der internationalen
Tour-Version des Frank-Farian-Musicals
„Daddy Cool“ in London mit, bevor er
2007 an der Oper Bonn „Der Ring“ auf
die Bühne brachte, eine Musical-Version
von Richard Wagners Opern-Trilogie. Im
gleichen Jahr komponierte er zum 50.
Geburtstag des Saarlandes die
Orchestersuite „Wasser der Saar“. Dann
rief wieder Berlin, wo er 2008 „Qi –
eine Palast-Phantasie“ auf die Bühne
zauberte, eines der erfolgreichsten
Stücke des Friedrichstadtpalastes bisher,
mit der längsten Spieldauer und der
höchsten Zuschauerzahl. Für TUI-Cruises
schrieb er 2009 die Orchestersuite
„Aqua“, deren Titelsong „Ocean of
Love“ die berühmte Opern-Diva Anna
Netrebko sang. Eine Premiere für sie,
denn damit interpretierte sie zum ersten
Mal das Werk eines zeitgenössischen
Komponisten. Im gleichen Jahr feierte
das Musical „Phantasma“ Erfolge im
Saarbrücker Theater, eine aufregende
musikalische Zeitreise durch das 20.
Jahrhundert, ein Crossover aus Klassik,
Pop, Rock, R&B und Jazz – von der Kritik
gefeiert, vom Publikum gestürmt. Der
Hochgelobte ist sich aber auch für
andere Projekte nicht zu schade, zum
Beispiel eines der Landeszentrale für
politische Bildung. Gerade hat er mit
saarländischen Schülern des Projekts
„Schulen ohne Rassismus“ den Song
„Farbenspiel“ aufgenommen, von dem
bis zu 10.000 CDs produziert werden
sollen. Vorgestellt wird es beim zweiten
landesweiten Treffen am 14. April in
Kirkel. Und am 4. Juli präsentiert er im
Zeltpalast Merzig mit internationalen
Showstars Ausschnitte aus eigenen und
amerikanischen Musicals – im Rahmen
der Musikfestspiele Saar.
Text: Gabi Hartmann
Fotos: Peter Riede
35
1999 zeigte die Arbeitskammer als
erste eine große Einzelausstellung
von Oliver Mark. 2001 fotografierte
er für uns das Titelbild der
in4mation. 2002 war er schon im
„Musée de la Photographie André
Villers“ in Mougins an der Côte
d’Azur zu sehen. Als Senkrechtstarter
ist er binnen zehn Jahren in Berlin zu
einem der gefragtesten Fotografen
aufgestiegen, seine Auftraggeber
kann er sich aussuchen. 2010
erschien im renommierten Verlag
Hatje Cantz sein Bildband „portraits“.
Bei all seinen großen Erfolgen ist er
der kleinen, aber feinen „in4mation“
in der saarländischen Provinz bis
heute treu geblieben.
Sie buchen ihn fast alle: Architectural Digest,
Cosmopolitan, Elle, GQ, Playboy, Stern, TIME
Magazine, Vanity Fair, Vogue, Zeit Magazin,
um nur die wichtigsten Publikationen zu
nennen. Seine Portraitliste mit Künstlern,
Fotografen, Architekten, TV-Stars,
Schauspielern und Regisseuren, Designern,
Schriftstellern, Musikern, Sportlern, Politikern
und Royals liest sich wie ein „who is who“ der
internationalen Stars. Wie er es immer wieder
schafft, bei Shootings auf Augenhöhe mit den
Abgelichteten zu kommen, darüber wird rege
spekuliert: „Ich glaube, es liegt an seinem
ruhigen Wesen, an seinem milden Lächeln,
das er auflegen kann“, schreibt der
Redaktionsleiter des ZEIT-Magazins und fügt
hinzu: „Manchmal denke ich, dass Oliver Mark
in seiner Kindheit einen kleinen Buddha
verschluckt hat. Aber ich kann mich
täuschen.“ Seine Kollegin Silke Müller,
Kunsthistorikerin und Leiterin des
Kulturressorts des Stern, sieht es
grundsätzlich: „Ein gutes Portrait entsteht im
Geiste gegenseitigen Respekts. Es ist ein
subtiler Austausch von Zeit und
Aufmerksamkeit, Sehnsucht und Projektion,
ein Balanceakt zwischen Regie und
Kontrollverlust.“
Wenn der Hollywood-Promi für zehn Minuten
seine Hotelsuite im Berliner Adlon für das
Shooting verlässt, muss der erste Eindruck
stimmen. Mit „Hi, I am Tom, and I am
famous“ begrüßte Tom Hanks Oliver Mark.
„Hi, I’m Oli and I’m working on it“, kam die
prompte Antwort. Diese Art von
Understatement kommt gut bei den Amis und
schafft die benötigte lockere Atmosphäre.
Oliver Mark
Kleinen
Buddha
verschluckt
Infos unter: www.oliver-mark.com
Text: Peter Riede
© Fotos von Tokyo Hotel, Marie Bäumer,
Sebastian Koch by Oliver Mark
© Fotos von Oliver Mark by Nicolas Oswald
36
37
Foto: picture alliance/Jensen
Titelfoto: Riede
Als wir ihn 2005 zum ersten Mal
portraitierten, war er Vorsitzender der
Jugend- und Auszubildendenvertretung
der Industriewerke Saar im
nordsaarländischen FreisenSchwarzerden. Dort hatte er auch seine
Berufsausbildung zum
Industriemechaniker/Fachrichtung
Betriebstechnik absolviert. Von Anfang
an war es ihm wichtig, über den
eigenen Tellerrand zu schauen und sich
für andere zu engagieren. So war es
folgerichtig, dass Thorsten Schmidt
gleich in die Gewerkschaft eintrat. Als
Vorsitzender des Ortsjugendausschusses
der IG Metall Neunkirchen hatte er
schon damals mit
gewerkschaftspolitischen Forderungen
zu tun.
2001 war die deutsch-niederländische
Pop-Gruppe Passion Fruit beim SRHalberg-Open-Air. Peter Riede
fotografierte zwei der drei
Sängerinnen, Maria Serrano Serrano
und Nathaly van het Ende, für unser
Titelbild August 2001. Nur drei Monate
später, am 24. November 2001, starben
beide beim Absturz von Crossair-Flug
3597 von Berlin nach Zürich bei
Bassersdorf in der Schweiz. Die
Maschine verunglückte im
Schneetreiben beim Landeanflug, an
Bord waren 33 Passagiere. Unter den
insgesamt 24 Opfern war auch die USamerikanische Popsängerin Melanie
Thornton. Das dritte Bandmitglied von
Passion Fruit, Deborah St. Marteen,
überlebte das Unglück mit schweren
Verletzungen und lebt heute in ihrer
Heimat bei Rotterdam. Erst fünf Jahre
nach dem Unglück stand sie wieder in
einem Plattenstudio. Sie engagiert sich
u.a. für den Verein CICATRIX e.V., der
sich für Brandverletzte einsetzt. PR
Als 2005 die Titelgeschichte der
„in4mation“ über sie geschrieben
wurde, war die Weitspringerin auf dem
vorläufigen Höhepunkt ihrer
sportlichen Laufbahn, hatte gerade die
Bronze-Medaille bei den europäischen
Hallenmeisterschaften in Madrid
gewonnen und träumte von einem
Karriere-Ende nach Olympia 2012 in
London. Viel Verletzungspech folgte,
doch Bianca Kappler gab nicht auf. Für
die Olympischen Spiele 2012 in London
führt sie der Olympiastützpunkt in
Saarbrücken, wo sie seit sieben Jahren
trainiert, derzeit im B-Kader.
Foto: picture alliance/Gouliamaki
Im Dezember-Heft 2004 berichteten
wir über Stefan Strobel, den
Silbermedaillen-Gewinner im
paralympischen Rollstuhlmarathon
von Athen. Damals kündigte der
Saarbrücker, der heute als Mathematikund Informatiklehrer („ein richtig
schöner Beruf“) am RotenbühlGymnasium arbeitet, einen neuen
Weltrekord an. Der ist ihm auf der
Marathonstrecke zwar nicht geglückt,
dafür hält er jeweils die Weltrekorde
über 10.000 Meter in der Halle und
auf der Straße.
Jetzt feilt die Profi-Leichtathletin auch
an ihrer beruflichen Karriere: Seit
Anfang des Jahres bekleidet die 33Jährige das Amt der Protokollchefin in
der Saarbrücker Staatskanzlei. Studiert
hat sie Französisch und Germanistik für
Lehramt, letztes Jahr kurz in der
Pressestelle des Ministeriums für Arbeit,
Familie, Prävention, Soziales und Sport
volontiert. Als erfolgreiche
Leichtathletin kenne sie sich auf
internationalem Parkett bestens aus,
begründete der Chef der Staatskanzlei,
Karl Rauber (CDU), ihre Wahl.
Außerdem spreche sie mehrere
Fremdsprachen und könne sich so gut
mit ausländischen Gästen unterhalten.
Die Opposition hingegen sprach ihr
jede Verwaltungserfahrung ab und warf
der CDU Versorgungsmentalität vor.
Habe sich doch Bianca Kappler bei
der letzten Landtagswahl an der
Unterstützungskampagne für
Ministerpräsident Peter Müller beteiligt.
GH
Foto: picture alliance
Bianca Kappler
Stefan Strobel
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Foto: D’Angiolillo
Passion Fruit
Weil seine Schadensklasse T51 aus dem
Programm der Paralympics gestrichen
wurde, konnte er 2008 in Peking keinen
Angriff mehr auf den Titel starten.
Für Strobel „ein bitterer Moment.“
„Heute nehme ich nicht mehr an
internationalen Meisterschaften teil“,
sagt der 34-Jährige, er trainiert aber
immer noch viermal in der Woche,
jeweils zwei bis drei Stunden. Wenn
die Rollstuhlkids üben, ist er oft als
Motivator dabei. Die nächsten
Olympischen Spiele in London hat
der Vollblutsportler dennoch im Visier:
„Ich will als Zuschauer dorthin, es ist
ja nicht so weit…“ PJ
Thorsten Schmidt
Seinen Weg ist Thorsten Schmidt
konsequent weitergegangen. Seit 2009
ist er hauptamtlicher Gewerkschafter,
Vorsitzender der DGB-Jugend Saar.
Konnten wir unsere erste Story damals
noch mit dem optimistischen Satz „Noch
klappt es mit der Übernahme“
übertiteln, so ist nunmehr festzustellen:
Die Zeiten haben sich geändert. Die
Arbeitsverhältnisse sind unsicherer
geworden, die Übernahme in eine feste
Anstellung nach der Ausbildung ist
heute eher die Ausnahme als die Regel.
Auch junge Menschen wissen
inzwischen, was prekäre Beschäftigung
bedeutet – nämlich befristete
Arbeitsverträge und Leiharbeit, die oft
genug auch noch schlechter bezahlt
wird. Dagegen kämpft Thorsten
Schmidt. Und ein weiteres Problem
liegt ihm im Magen: Für Haupt- und
Realschüler wird es immer schwieriger,
eine Ausbildungsstelle zu bekommen.
Die Firmen betreiben inzwischen eine
ziemlich rigide Auslese und bevorzugen
allzuoft Abiturienten. Deshalb ist sich
Thorsten Schmidt mit seinen Kollegen
von der IG Metall einig: Eine
Quotierung muss her, damit alle eine
faire Chance bekommen. JM
39
TOM hat ein großes Problem:
Die Ideen dürfen ihm nie
ausgehen. So ist das bei den
Kreativen, dafür ist
Comiczeichner aber ein Traumjob. TOM, das ist Tom Körner,
in Säckingen in Baden geboren,
in Berlin als „WitzbildchenZeichner“ (TOM über TOM) tätig
und vielen bekannt von der
linksalternativen „die
tageszeitung“ (kurz TAZ), für
die er sechs Mal die Woche
sein „Touché“-Streifencomic
produzieren muss. Aber auch
für den „Uni-Spiegel“, die
„Finanztest“, den „arbeitnehmer“ und unsere
„in4mation“ muss er regelmäßig
ran, die Themen der Redakteure
in hintersinnige Cartoons
umsetzen. Harte Arbeit eben.
Für uns war dieser © TOM ein Zu- und
Glücksfall. Vor gefühlt langen Jahren
traf ich ihn auf der Buchmesse in
Frankfurt am Stand der TAZ, wo er
signierte und seinen Fans bis zur
Blutblasenschwelle kleine Teufel,
Postbeamte oder Bademeister auf alles,
was sie ihm so unterschoben, malte.
Nebenbei hatte man noch die Chance,
Mitglied im „Wahrheitsklub“ der TAZ zu
werden, einer Satireseite besagter
Zeitung. So schaffte ich es noch in den
exklusiven Klub der ersten Einhundert.
Jetzt ist Satire nicht immer beliebt, auch
Cartoons mögen die eingefleischten
Inhalteprediger nicht, nehmen sie doch
Platz weg, wo man besser über die
neuesten Erkenntnisse der
Stubenfliegen-Population mit TEXT
berichten könnte. So geschehen auch in
den Jugendjahren der TAZ (hoppla, fast
hätte ich nach der Copytaste, Modell
FvGtt, gegriffen, muss angesichts der
aktuellen Lage aber einen Herrn
Wegmann zitieren, den eh keiner kennt,
der aber anno 2001 geschrieben hat):
Nackte
„Als wir uns am 1. April 1993 (...) den
kleinen Scherz erlaubten, © TOM (...)
angeblich verabschieden zu wollen,
brach ein Sturm des Protests los.
Chefredakteure wurden am Telefon
von © Tom-Fans unflätig beschimpft,
die Aboabteilung musste
Kündigungsdrohungen abwehren,
Faxgeräte liefen heiß, und über hundert
empörte Leserbriefe gingen ein – mehr
als jemals zuvor auf einen einzigen
Beitrag hin.“
Chef-Cartoonist © TOM
Nackte
Hühner
Jahre später ist die „Finanztest“ mit der
absurden Idee, keine TOM-Cartoons
mehr zu bringen, ebenfalls kläglich
gescheitert, die Leser haben es
gerichtet. Der bereits erwähnte Herr
Wegmann brachte es dann vor genau
zehn Jahren auf den Punkt: „© Tom
blieb selbstverständlich und wurde
ein Star.“
Hühner
Und jetzt, zehn Jahre später; wo
Arabien seine Potentaten verjagt und
Europa neue gelfrisierte züchtet?
Herr Körner ist immer noch ein Star,
ruhiger und gelassener geworden
und vom Wunsche beseelt, mehr
Autobiografisches in seine Cartoons
aufzunehmen. So sehen wir heute öfters
die „Hypochonder-Selbsthilfegruppe“
tagen, der „Bademeister“ orientiert
sich an der eigenen Revuefigur und die
Friseurgeschichten sind Erinnerungen
an die Zeit, als sein möglicherweise
kurzfristig vorhandener Haarschopf
noch nach Gehör geschnitten wurde.
Und, ein gewisser Herr Sotscheck
behauptet(e) auf der Basis einer
eidesstattlichen Versicherung eines
Herrn Droste: „Der saubere Herr Körner
liebt es, in seiner Freizeit nackte tote
Hühner zu kaufen, sie mit Walnüssen,
gewürfeltem Speck und Weintrauben
zu füllen, sie mit fanatischem
Gesichtsausdruck und großem
Vergnügen zu vernähen, sie in die
Backröhre zu schieben, dort garen zu
lassen und im Verein mit zwielichtigen
Subjekten zu verzehren, und dies
habituell und ohne Reue.“ Was für ein
Zitat, die Uni Dublin prüft gerade, ob
Herr Sotscheck dies eventuell bei Herrn
Sotscheck abgeschrieben hat, der
damals als junger Familienvater wirklich
auch noch anderes zu tun hatte, als
solch ein Zeug zu schreiben!
Text: Peter Riede
Fotos: Nicolas Oswald
Nackte
Hühner
40
41
Operation
Übernahme
Niedriglöhne, unbezahlte
Praktika und immer mehr
befristete Übernahmen nach der
Ausbildung – nicht zu vergessen
schulische Warteschleifen,
fehlende Ausbildungsplätze
und Hartz IV. Soziale
Marktwirtschaft 2011 in
Deutschland heißt für viele
junge Menschen Dauerkrise.
Und dann?
Junge Menschen, die heute oder
morgen das Schulsystem verlassen,
haben’s nicht einfach: Die einen
machen sich auf die Suche nach einem
Ausbildungsplatz, in einem Beruf, der
ihnen gefällt und in dem sie vielleicht
bis zur Rente mit 67 arbeiten können,
den es aber nicht für alle gibt. Deshalb
suchen viele gleich nur dort, wo sie
sich Chancen ausrechnen, egal was sie
eigentlich gerne machen würden.
Andere stürzen sich ins Studium und
erleben dort den Konkurrenzkampf
um zukünftige Arbeitsplätze und die
Devise: Jeder ist selbst seines Glückes
Schmied. Manche Schulabgänger landen
direkt in der Arbeitslosigkeit.
Julia Pranke ist ehrenamtliche
Vorsitzende der ver.di-Jugend Saar.
Sie kennt die Verschlechterung der
Situation der Jugendlichen in der
Arbeitswelt, die es zweifellos auch im
Saarland gibt. Kritisch stellt sie fest: „Es
gibt immer mehr überbetriebliche und
schulische oder verkürzte Ausbildungen,
die es den Unternehmen ermöglichen,
schnell und kostengünstig Arbeitskräfte
zur Verfügung zu haben. Diese
Maßnahmen dienen auch dazu, die
Arbeitslosenstatistik aufzuhübschen.“
Die meisten der gewerkschaftlich
Aktiven, die sich in den Betrieben, in
gewerkschaftlichen Gremien oder bei
Aktionen für die Interessen der
Jugendlichen in der Arbeitswelt
einsetzen, sind aus Prankes Erfahrung
einigermaßen „gut untergebracht“ –
kein Wunder, schließlich können
Gewerkschaften oft erst dann junge
Menschen ansprechen, wenn sie im
Berufsleben Fuß gefasst haben.
Eine Einschätzung, die auch Mark
Seeger teilt, der als
Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall
Homburg für die Jugend zuständig ist.
Er fordert und versucht, sich stärker
auch um diejenigen zu kümmern, die
aktuell auf dem Arbeitsmarkt an den
Rand gedrängt werden. Ziel aller
Anstrengungen müsse es sein, für sie
den Weg in ein Unternehmen zu finden.
„Deshalb versuchen wir, Einstiege in
Ausbildung zu organisieren. Außerdem
diskutieren wir mit den Betriebsräten,
wie die Ausbildungsqualität auf hohem
Niveau gesichert werden kann. Eine
Möglichkeit wäre das Angebot von
zusätzlichem Werksunterricht, dabei
werden die Jugendlichen im schulischen
Bereich kontinuierlich unterstützt“, so
der Metaller.
Mark Seeger sieht es weiterhin kritisch,
wie die Angst vor Arbeitslosigkeit und
Armut um sich greift: „Weiterbildung
passiert leider selten noch aus
Überzeugung. Es geht oft darum, wie
die eigene Position auf dem
Arbeitsmarkt ständig verbessert werden
kann. Eine Meister- oder
Technikerausbildung oder ein Studium
im Anschluss an die Berufsausbildung
spielt für immer mehr eine wichtige
Rolle, um Sicherheit zu finden.
Studierende gehen oft sogar noch einen
Schritt weiter und setzen auf die These,
dass jede/jeder es selbst in der Hand hat,
erfolgreich zu werden – eine
Seifenblase, die oft platzt.“
Auch deshalb ist für Julia Pranke
Aufklärungsarbeit besonders wichtig:
„Die jungen Kolleginnen und Kollegen
müssen vor Augen bekommen, was in
Gesellschaft und Arbeitswelt passiert,
um ihre Situation einschätzen zu
können.“ Die Erfahrungen bei der IG
Metall zeigen, dass viele bereit sind, sich
mit ihren Arbeitsbedingungen zu
beschäftigen und für ihre Interessen,
Bedürfnisse und Rechte zu kämpfen –
etwa in der „Operation Übernahme“ im
vergangenen Jahr. Bildungsangebote
spielen ebenfalls eine wichtige Rolle,
betont Julia Pranke: „In unseren
Seminaren geht es immer darum, eine
kritische Perspektive einzunehmen.
Wichtig ist auch, zu überlegen, was
gute Arbeit und ein gutes Leben
ausmachen. Wir machen dazu eine
‚Utopie-Phase’, in der die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer
diskutieren, wie eine andere Welt
aussehen könnte.“
Eine andere Welt, die auf
unbefriedigende und nichtexistenzsichernde Dauerpraktika
verzichten könnte. Jennifer Chrost hat
darauf verzichtet, denn sie kann es sich
nicht leisten, nach ihrem Studium ein
halbes Jahr für 500 Euro im Monat zu
arbeiten. Die 27-Jährige hat
Kunstgeschichte, BWL und Französisch
studiert – Kunstgeschichte aus Interesse,
die anderen beiden Fächer auch
deshalb, um ihre Chancen auf dem
Arbeitsmarkt zu verbessern. Im August
hatte sie den Abschluss in der Tasche.
Die ersten Bewerbungen liefen nicht
besonders gut: Das interessanteste
Angebot kam von einer Galerie in
Düsseldorf, aber vor einer Anstellung
sollte sie besagtes Praktikum
absolvieren: sechs Monate in Vollzeit für
500 Euro brutto, mit der vagen Aussicht,
eventuell übernommen zu werden. „Das
war unmöglich, es hätte gerade für die
Miete gereicht“, sagt Chrost. Jetzt
bereitet sie ihre Doktorarbeit vor, um
nach einigen Jahren bessere Chancen in
Museen und Galerien zu haben. Wie sie
diese Zeit finanziell überbrückt, weiß sie
noch nicht – im Moment hat sie einen
Minijob, sortiert Zeitschriften; und
wohnt bei ihren Eltern.
Die Angst, arbeitslos zu werden, und
die unsichere Zukunft sind prägende
Erfahrungen für die heutige junge
Generation, die sich in den nächsten
Jahren vermutlich fortschreiben werden.
„Unsicher und ungesund“, so haben
Forscher den Erwerbseinstieg junger
Erwachsener charakterisiert. Wer auf
dem Praktikantenarbeitsmarkt, in
berufsfördernden Maßnahmen oder in
schlecht bezahlten, befristeten Jobs
steckt, hat gelitten. Im wahrsten Sinne
des Wortes, denn viele werden krank:
Die Zunahme psychischer Erkrankungen,
Schlafstörungen und Arbeit trotz
Krankheit sind einige der negativen
Entwicklungstrends der letzten Jahre.
Text: Stefan Kerber-Clasen
Fotos: Pasquale D´Angiolillo
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André Hofmann und Janette
Richter machen die zunehmende
Gewalt gegen Polizeibeamte an
fehlenden Lebensperspektiven
junger Menschen fest. Die
beiden Gewerkschafter sehen in
Ausbildung und Arbeitsplätzen
wichtige Bausteine bei der
Lösung des Problems.
„Das kann in alltäglichen Situationen
passieren, aus dem Nichts.“ André
Hofmann muss in jeder Sekunde
aufmerksam, auf alles vorbereitet sein.
Im Wach- und Wechseldienst kommt der
26-jährige Polizeikommissar immer
wieder in gefährliche Situationen, in
denen er sich gewaltbereiten Menschen
gegenüber sieht. Hofmann, seines
Zeichens stellvertretender
Landesvorsitzender der „JUNGEN
GRUPPE“ in der Gewerkschaft der
Polizei (GdP), sieht in der Gesellschaft
„einen zunehmenden Werteverfall“.
Gemeinsam mit seiner Kollegin Janette
Richter, die auf derselben Wache in
Homburg arbeitet, sieht er sich immer
häufiger gewaltbereiten Jugendlichen
gegenüber – Alkohol und Drogen
spielen dabei ein große Rolle, wie beide
betonen.
Janette Richter ist Polizistin geworden,
weil sie sich einen abwechslungsreichen
Beruf gewünscht hat. „Ich wollte mit
Menschen umgehen, ihnen auch helfen.
Ich wollte viele verschiedene
Lebensperspektiven kennenlernen“,
sagt Richter. Die Lage junger Menschen
sei nicht selten „perspektivlos“, so die
26-jährige Polizeikommissarin, „viele
haben keine Ausbildung, nicht mal
einen Abschluss. In deren Cliquen heißt
es ‚Wer lernt, ist ein Streber’.“ Und dann
kämen Alkohol und Drogen ins Spiel,
die jungen Leute wollten cool sein.
Das Ergebnis ist dann auch Gewalt
gegen Polizisten. Nach einer Studie
wurden in den letzten Jahren immer
mehr Polizeibeamte Opfer von
gewalttätigen Angriffen. Fünf Prozent
waren für sieben und mehr Tage
dienstunfähig, wobei das Risiko für
Frauen niedriger ist. „Ich bin bisher
noch nicht angegriffen worden, die
Gewalt richtet sich gegen meine
männlichen Kollegen“, lautet die
Erfahrung von Janette Richter.
Auf
Streife
lauert die Gewalt
Polizisten im Einsatz
44
Nach André Hofmanns Einschätzung
wird die Gewalt in den nächsten Jahren
eher noch zunehmen. „Die jungen
Menschen brauchen etwas zu tun, sie
brauchen Ausbildungsplätze und
Arbeit.“ Wer am Morgen zur Arbeit
gehe, sei am Abend ausgelastet und
komme nicht auf dumme Gedanken.
„Gewalt ist das Highlight im Leben“ der
jungen Menschen ohne Perspektiven
„und nicht der Erfolg im Beruf“, findet
die junge Polizistin. Die beiden
Polizeibeamten wollen zudem, dass die
Verfügbarkeit von Alkohol überprüft
wird.
Die GdP fordert, Angriffe auf Polizisten
härter und umfassender unter Strafe zu
stellen. Und das aus gutem Grund:
Bisher, erläutert Hofmann, wird in
Paragraf 113 Strafgesetzbuch nur eine
Strafe angedroht, wenn sich Personen,
zum Beispiel bei einer Festnahme,
wehren (Widerstandshandlung).
Andere, unvermittelte Angriffe aus dem
Nichts auf Polizeibeamte sind durch
diesen Paragrafen nicht gedeckt.
Jeden Tag auf Streife, immer mehr
Kollegen werden verletzt. Für die
beiden Polizisten ist das kein Grund, am
Beruf zu zweifeln. Sie würden ihn
jederzeit wieder ergreifen. „Wir haben
jeden Tag die Chance, es ein bisschen
besser zu machen, den Leuten zu
helfen“, lautet Hofmanns Lebensmotto.
Text: Peter Jacob
Foto: Pasquale D’Angiolillo
Netzwerk Demokratie
und Courage
Sie gehen in Schulen und
Berufsschulen, in
Jugendeinrichtungen und
Vereine. Seit über zehn Jahren
engagieren sich junge
Menschen beim Netzwerk für
Demokratie und Courage im
Kampf gegen Rassismus und
Diskriminierung, bundesweit
und auch im Saarland.
„Wir betreiben Präventionsarbeit und
versuchen, möglichst früh aufzuklären“,
erläutert Mike Kirsch seine Motivation
und die seiner Mitstreiterinnen und
Mitstreiter. Denn Diskriminierung
beginnt bereits im Alltag, mit
Vorurteilen, mit falschen Schablonen,
die man von anderen im Kopf hat, weiß
der saarländische NetzwerkVorsitzende. Eine Schärfung des
Bewusstseins kann helfen, falsches
Schubladendenken aufzubrechen und
das eigene Verhalten zu ändern. Genau
mit diesem Ziel führt das Netzwerk –
schwerpunktmäßig in
allgemeinbildenden Schulen – immer
wieder besondere Projekttage durch. 50
bis 60 sind es jedes Jahr. Und die sind
gefragt und anerkannt. „Die
Zusammenarbeit mit den Schulen ist
Falsche Schablonen
im Kopf
sehr gut“, berichtet Mike Kirsch,
„insbesondere bei denen, die uns
kennen.“ Dabei findet ein völliges
Kontrastprogramm zum normalen
Unterricht statt. Keine
„Frontalberieselung“, stattdessen
Gruppenarbeit und eine spielerische,
argumentative, emanzipative
Herangehensweise. Auch dass die
Projekttage ohne Lehrer stattfinden, hat
sich als Vorteil herausgestellt, so können
die Schülerinnen und Schüler leichter
aus sich herausgehen. Dabei gilt das
Prinzip „Jugend für Jugend“, die NDCTeamer sind selbst junge Leute, die noch
zur Schule gehen oder
studieren, Auszubildende,
Gewerkschafter/innen. Wer sich
ehrenamtlich engagieren will, muss
mindestens 16 Jahre alt sein und wird
vor seinem Einsatz intensiv geschult.
Für junge Aktive und ihre Trainer in
Sportvereinen hat das Netzwerk das
Modul „Team Courage – Courage
zeigen ... Auch im Verein“ entwickelt,
um auch dort für Demokratie und
Toleranz zu sensibilisieren. „Im Saarland
haben schon mehr als 500 Jugendliche
teilgenommen“, informiert Mike Kirsch.
Mit dem Handballverband gibt es eine
enge Zusammenarbeit, das Projekt wird
dort gerne in Anspruch genommen.
Immer wieder findet die Arbeit des
Netzwerks Anerkennung, auch über die
Grenzen des Saarlandes hinaus. Für
„Team Courage“ gab es einen Preis im
bundesweiten Wettbewerb „Aktiv für
Demokratie und Toleranz 2010“. „Der
Preis hat für uns einen sehr hohen
Stellenwert“, freute sich Mike Kirsch
nicht nur über die Auszeichnung an sich,
sondern auch über die mit ihr
verbundenen 3.000 Euro. „Das ist für
ein kleines Netzwerk sehr viel Geld.“
Seit dem vergangenen Jahr hat das
Netzwerk einen neuen, prominenten
Unterstützer: Oku, Sänger der
saarländischen Band „Oku and the
Reggaerockers“, hat die
Schirmherrschaft übernommen. „In
Zeiten, in denen der Gedanke an
Demokratie, Courage und Gemeinschaft
verloren geht, habe ich mich gerne
engagiert und hoffe, auch andere zum
Mitmachen zu bewegen“, beschreibt
der Sänger die Gründe für sein
Engagement.
Text: Jürgen Matheis
Foto: Pasquale d´Angiolillo
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Jetzt will ich’s wissen!
F.K.Waechter
Absurde Komik, hintersinniger
Humor. Die Ausstellung mit
Arbeiten des Zeichners und
Grafikers F.K. Waechter im
Museum Haus Ludwig in
Saarlouis bietet spannende
Einblicke in die Welt der Satire
und Karikatur.
Wollen Sie’s jetzt wissen?
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Dort hängt an der Wand, was in dem
von ihm mitbegründeten Satiremagazin
„Titanic“ groß und breit als das „Stille
Blatt“ eine Seite füllte, doch im Original
oft nur ein Blättchen war. Miniformat
hat auch der Zettel mit der Gans, die in
einem Schuh Kopfstand macht und den
legendären Satz sagt: „Wahrscheinlich
guckt wieder kein Schwein.“ Das war
1971. Prompt folgte 1978 die Reaktion
der Gans, als sie sah, dass nicht nur ein,
sondern ein Meer von Schweinen ihr
zugeschaut hatte: „O Gott.“ Den hat
Waechter auch gezeigt, wenn ihm seine
Flusspferde, Schweine, Hühner, Hunde
und Wölfe dazu Zeit ließen, weil sich
diese Viecher partout für keine absurde
Aktion zu schade waren.
Beziehungsweise sie wurde absurd, weil
sich Tiere sehr menschlich verhielten.
Sagt etwa die Mutter zum Sohn: „Bei
siebenundreißigzwei schreib ich dir
keinen Entschuldigungszettel“, klingt
das nicht lustig, aber wenn man’s sieht:
Ziemlich lustig, weil der Schüler ein Bär
mit Thermometer im Hintern ist und die
Mutter ein Huhn. Da sieht die Sache
gleich anders aus. Oder wenn der Jäger
auf dem Hirschen zur Jagd reitet.
„Das war es, was ihm die anderen Böcke
nie verziehen“, kommentierte Waechter
das Blatt.
Wort und Bild gehören bei ihm
zusammen, ob in den Bilderbüchern,
wie das vom „Roten Wolf“, für das er
den „Deutschen Jugendbuchpreis“
erhielt oder auf den „Stillen Blättern“,
in denen es meist laut herging. Tierisch,
menschlich und göttlich, so kam es zu
den „Knisternden Situationen“, wenn
ein Knabe an der Kanzel sägt, auf der
gerade der Pfarrer predigt oder Gott
sich im Blatt „Gottesdienst“ seine Finger
küssen lässt. Der Pfarrer und dessen
Chef, der Papst, hatten es Friedrich Karl
Waechter angetan. Gern hat er deren
Autorität mit seinem Zeichenstift
angekratzt und verspottet. Damit stand
er mit seiner Zeichenkunst in der
Tradition der Satire, aber auch als Autor
des „ANTI-Struwwelpeter“ und als
Theaterautor der „Schule mit Clowns“
in eigener anti-autoritärer Sache. Alles
das ist nun endlich mal im Original zu
sehen. Ob Schweine zugucken, darüber
liegen bislang keine Meldungen vor.
Aber gucken, was die Schweine
Waechters so treiben, das geht ganz
hervorragend in Saarlouis. Und wie
kommentierte eines davon den
Kopfstand der Gans: „Toll“. Dem ist
nichts hinzuzufügen.
Ausstellung bis zum 5. Juni im Museum
Haus Ludwig Saarlouis. Öffnungszeiten
von Montag bis Freitag von 10 bis 13
und von 14 bis 17 Uhr. Samstag,
Sonntag, Feiertag (außer Karfreitag,
Osterdienstag, 1. Mai) von 14 bis 17 Uhr.
Der Eintritt ist frei.
Text: Sabine Graf
Fotos: Museum Haus Ludwig
© F.K.Waechter
Der Mann war brandgefährlich, wenn
er auf der Bühne war. Eben noch las er
eine Geschichte von zwei Liebenden,
und alles schien bestens. Da knallten
schon zwei Minischnapspullen
aufeinander. Riesensauerei auf dem
Tisch, denn das Liebespaar in seiner
Geschichte waren zwei hochprozentige
Kurze. Waechter kannte sich mit
Schweinereien aus und hat sich ihnen
als Schüler in Kritzeleien auf
Hefträndern gewidmet. Später nach
einer Grafikerausbildung zum Beruf
gemacht. Schweine suhlten sich damals
noch friedlich im Matsch, als Waechter
in dem Satiremagazin „pardon“ den
Teufel die Melone zum Gruß heben ließ.
Von ihm stammt das Markenzeichen der
legendären Zeitschrift, das als Aufkleber
viele Jahre auf Autos durch die Gegend
fuhr. Mittlerweile landeten die Kisten
wegen Altersschwäche in der
Schrottpresse. Nur Waechters Teufel
lebt unverwüstlich weiter als „pardon“Maskottchen.
In Ihnen steckt weitaus mehr, als Sie vielleicht vermuten.
Wir helfen Ihnen, sich beruflich und persönlich weiter zu
entwickeln. Informieren Sie sich auf unserer Internetseite
über unser vielfältiges Seminarprogramm.
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Und ein solches Ding ist nicht einfach
da, sondern steht am Ende von vielen
Stricheleien, wie ein Skizzenblatt in der
Ausstellung im Museum Haus Ludwig
Saarlouis zeigt. Dort sind 150 Blätter aus
dem Nachlass hingeweht, nachdem
Waechter 2005 mit 68 Jahren von der
Bildfläche verschwand. 4.000 Blätter
blieben zurück und gingen an das
„Deutsche Museum für Karikatur und
Zeichenkunst – Wilhelm Busch“ in
Hannover unter der Maßgabe, damit
etwas zu machen. Ausstellungen zum
Beispiel, wie die in Saarlouis.
der Arbeitskammer des Saarlandes
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Seele and Geist
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