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Blick zurück nach vorn – Was Kinder und Jugendliche brauchen

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ABSCHIED
Blick zurück nach vorn – Was Kinder
und Jugendliche brauchen
Hamburger Abschiedsrede von Dr. Wolfgang Hammer
am 27. März 2013 in der Patriotischen Gesellschaft
Vorbemerkung
Nach meiner Abschiedsrede von der aktiven Berufszeit am
27. März 2013 in der Patriotischen Gesellschaft bin ich von
vielen Kolleginnen und Kollegen aus Hamburg und im Bund
gebeten worden, meine Rede zu veröffentlichen. Dem
Wunsch des FORUMs nach Veröffentlichung komme ich aus
zwei Gründen gern nach.
Zum einen ist für mich das FORUM und seine Geschichte ein
Teil meiner beruflichen Biografie, der ich mich
sehr verbunden fühle. Wie alle guten Fachzeitschriften hat das Forum – früher
unter dem Namen Verbandskurier
– aktuelle Themen aufgegriffen
und dabei auch kritische Autorinnen und Autoren zu
Wort kommen lassen. Das
war für die Kolleginnen
und Kollegen in der
Fachbehörde und für
diejenigen, die politische
Verantwortung in Senat
und Bürgerschaft zu tragen hatten, nicht immer
leicht. Ein Merkmal der
journalistischen Fairness war
dabei stets, der Fachbehörde und
der Politik Gelegenheit zur Stellungnahme zu bieten. Ich habe diese Gelegenheit jedes Mal genutzt und mich auch an
Diskursen beteiligt, die über den Tellerrand aktueller
Fachlichkeit und Fachpolitik hinausragten. Deshalb habe ich
die Bedeutung des FORUMs immer hoch eingeschätzt und gegen Zugriffe verteidigt, Einfluss auf die journalistische Freiheit
zu nehmen.
Diese besondere Beziehung zum FORUM ist für sich allein
schon Grund genug, dem Wunsch nach Veröffentlichung zu
folgen.
Zum zweiten gibt mir die Veröffentlichung die Möglichkeit,
meine wesentlichen Anliegen zu dem, was Kinder und Jugendliche und letztlich wir alle brauchen, um mit Würde in einer humanen Gesellschaft leben zu können, einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Denn bei aller Zurückhaltung gegenüber
der Hamburger Alltagspolitik, zu der ich mich zukünftig verpflichtet fühle – meine Beiträge zum öffentlichen Diskurs über
die Weiterentwicklung des Sozialstaates vor allem im Hinblick
auf die Rechte und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen
werden mit dieser Veröffentlichung nicht enden. Deshalb überschreibe ich meine Rede auch mit dem Titel, den
ich ihr – abweichend vom offiziellen Programm des heutigen Tages – von Anfang an gegeben habe: Blick zurück nach vorn: Was Kinder
und Jugendliche brauchen.
Den besonderen Dank und
die Überraschungsfreude
dieses Tages, den ich in
meine frei gehaltene
Rede habe einfließen lassen, kann ich deshalb nur
in dieser Vorbemerkung
wiederholen. Die Tatsache,
dass so viele Menschen aus
der Politik, der öffentlichen
Jugendhilfe, von freien Trägern
Foto: I. Breiholz
sowie aus Forschung und Lehre
persönlich Danke gesagt haben und
dass von meinen Kolleginnen und Kollegen
und anderen so viel Zeit aufgebracht wurde, um mir
ein paar nette Worte der Würdigung mit auf den Weg zu geben,
ist nicht nur für mich und meine Familie ein wunderbares und
nachhaltiges Geschenk, sondern auch Ausdruck der Tatsache,
wie tief verwurzelt das Bedürfnis und die Fähigkeit zu einer
Kultur der Anerkennung in vielen Menschen schlummern und
nur geweckt werden wollen. Diese Kultur der Anerkennung ist
zugleich die große Kraftquelle für alle gesellschaftlichen Weiterentwicklungen und umso ergiebiger je mehr wie sie nutzen.
Was Kinder und Jugendliche brauchen
Diese Kultur der Anerkennung ist die große
Kraftquelle für alle gesellschaftlichen
Weiterentwicklungen.
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FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
Was Kinder und Jugendliche und letztlich alle Menschen
brauchen, lässt sich im Kern auf drei wesentliche Begriffe
konzentrieren – nämlich Liebe, Freiheit und Macht.
Blick zurück nach vorn – Was Kinder und Jugendliche brauchen
Liebe
Wenn die Liebe fehlt oder nicht stark genug ist, muss die Jugendhilfe eintreten – so könnte vereinfacht der gesellschaftliche Auftrag lauten, der uns alle verbindet und der für mich
schon als Jugendlicher einen Lebensweg vorgezeichnet hat,
der heute eine wichtige Zäsur erfährt, aber noch lange nicht
abgeschlossen ist.
Dieser Lebensweg hatte als private Stationen die ehrenamtliche offene Jugendarbeit in meiner Evangelischen Kirchengemeinde in Essen ab dem 16. Lebensjahr, die ehrenamtliche
Mitarbeit als Student in Hamburg und Köln beim Verein
„Student für Europa / Student für Berlin“ mit der Leitung von
Ferienfreizeiten für Kinder aus sozialen Brennpunkten während der Semesterferien, bei der ich auch meine Frau kennengelernt habe, der Gründung unseres gemeinsamen
Kinderhausprojektes in Bensberg und der
Weiterentwicklung dieses Projektes
zum Verein „Kinderhaus- und Familienpädagogik e.V.“, der in
Foto: M. Essberger
diesem Jahr sein 40-jähriges
Bestehen feiert.
Vor diesem Hintergrund
bin ich noch stärker als
früher ein überzeugter
Erziehungsoptimist und
weiß um die Kraft, die
in Kindern und Jugendlichen freigesetzt wird,
wenn sie Anerkennung,
Ermutigung, Lebensfreude
und Verlässlichkeit erfahren.
Gerade dieser Erziehungsoptimismus
hat mir und meiner Frau die Kraft gegeben, von den Fachleuten abgeschriebenen Kindern einen neuen Lebensort zu geben, wo sie etwas über ihren
Wert erfahren haben. Dieses Spannungsverhältnis zu einer
längst noch nicht überwundenen professionellen Selbstüberschätzung und einem technokratischen bzw. bürokratischen
Berufsverständnis, wie ich es beruflich gerade im letzten Jahr
wieder in der Haltung von einigen Jugendamtsvertretern gegenüber Pflegeeltern und Pflegekindern erfahren habe, wird
mich auch in meinem neuen Lebensabschnitt herausfordern.
Unter Liebe verstehe ich die menschliche Kraft, über sich
selbst hinaus zu fühlen, zu denken und zu handeln.
Für jeden erwachsenen Menschen ist diese Form der Liebe lebenswichtig, denn sie verschafft uns Anerkennung, Gebor-
Was Kinder und Jugendliche und
letztlich alle Menschen brauchen, sind
Liebe, Freiheit und Macht.
Unter Liebe verstehe ich die menschliche
Kraft, über sich selbst hinaus zu fühlen,
zu denken und zu handeln.
genheit, Sicherheit, Lebensfreude und Sinngebung. In unseren Paar- und Freundschaftsbeziehungen ist sie unverzichtbar, in beruflicher und gesellschaftlicher Hinsicht ist sie erforderlich. Wenn sie fehlt, werden wir krank an Körper, Geist
und Seele, aber wir können zumindest für einen gewissen
Zeitraum überleben.
Für Kinder und Jugendliche ist sie existenzielle Voraussetzung. Wenn Eltern diese Liebe nicht oder nicht in ausreichendem Umfang geben können, brauchen sie Hilfe. Der
Mangel an Liebesfähigkeit ist nur zu einem kleinen
Teil Ausdruck unzureichenden Wissens,
sondern entstand meist aus unzureichender Unterstützung und Wertschätzung in der eigenen Biografie. Diese Vorbelastung
wird noch erheblich verstärkt, wenn Armut
herrscht und der Mangel
an Unterstützung im
privaten Umfeld mit einer unzureichenden sozialen Unterstützung in
der Infrastruktur einhergeht.
Die elementaren Erkenntnisse der Bindungsforschung zeigen auf weitere Handlungsbedarfe, denn die überhöhte Rechtsstellung
von Eltern und die unzureichende Rechtsstellung von Kindern führen in Deutschland immer noch dazu, dass Kindern viel zu oft in überforderten Familien zu spät geholfen wird und dass neue Lebensorte für
Kinder immer wieder unter der Perspektivunsicherheit leiden
und Kinder wie ein Besitzgut trotz enger gewachsener Bindungen aus ihrer neuen Lebensorten mit Zwang herausgeholt
werden oder Besuche von schlagenden und missbrauchenden
Eltern ertragen müssen.
Das Pflegekindermanifest 2011 zeigt diese Handlungsbedarfe für das Pflegekinderwesen auf, die jeweiligen Fachtagungen der Internationalen Gesellschaft für Erzieherische Hilfen
(IGFH) sind voll von solchen tragischen Beispielen und die
wenigen Kinderanwälte berichten stolz über ihre Erfolge,
wenn sie gegen Jugendämter und Familiengerichte den
Kindern zu ihrem Recht verholfen haben.
Dies ist letztlich auch einer der Gründe, warum geeignete
Pflegeeltern häufig davor zurückschrecken, ein Kind aufzunehmen, und warum die zunehmende Zahl der Kinder, die in
Obhut genommen werden, in Kinderschutzhäusern immer
FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
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ABSCHIED
Nur eine Sozial- und Jugendhilfepolitik,
die auf Seiten der Schwachen steht,
ist eine Politik der Liebe.
länger warten und dann in Heimen landen oder wieder in ihre
überforderten Herkunftsfamilien zurückkehren müssen.
Wir brauchen in der Jugendhilfe eine konsequente Ausrichtung unseres Denkens und Handelns an der Sicht der Kinder,
und wo Fachkonzepte, Strukturen und Rechtsgrundlagen dem
entgegenstehen, müssen wir sie ändern.
Denn wer, wenn nicht wir, weiß um die Bedeutung einer Ermutigungskultur für Kinder und Jugendliche, aber auch für
Eltern. Nur wenn uns diese Ausrichtung gelingt, ist unsere
Professionalität von nachhaltigem Wert. Dies gilt sowohl für
die Betreuungsqualität von Krippenkindern als auch für die
Weiterentwicklung der Hilfen zur Erziehung. Wenn wir zu
Recht feststellen, dass das Geld und die Zahl der Lehrer allein
noch keine gute Schulbildung sichern und dass die Ausgaben
für Operationen und Medikamente kein Ausdruck einer guten
Gesundheitspolitik sind, dann müssen wir die gleichen kritischen Maßstäbe auch an unsere eigenen Leistungen,
Fachkonzepte und Strukturen anlegen.
Wenn die Jugendhilfe zum einen den exorbitanten Anstieg
von Diagnosen beklagt, die immer mehr Kindern den Stempel der psychischen Erkrankung aufdrücken, und die Vergabe
von Ritalin für immer mehr Kinder eine Wesensveränderung
auslöst, dann dürfen wir nicht unkritisch ausblenden, dass bei
einer Zahl von nahezu einer Million jungen Menschen, deren
Eltern Hilfe zur Erziehung erhalten, in Hilfeplänen nach den
individuellen Ursachen gesucht und therapeutische individuelle Lösungen gesucht werden, obwohl längst belegt ist, dass
soziale Verursachungsfaktoren (Armut, Isolierung, Alleinerziehenden-Status) und Institutionen der sozialen Kontrolle
darüber entscheiden, wer zum Hilfefall wird.
Wenn wir gleichzeitig wissen, wie erfolgreich frühe Hilfen, Kinderund Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und sozialräumliche Angebote sind, die die
Menschen stärken und ihrer Isolierung und Handlungsunsicherheit entgegenwirken, und dass
diese Angebote aufgrund ihres rechtlichen
Charakters als infrastrukturelle Gewährleistungsverpflichtungen in
ihrer bedarfsgerechten und
nachhaltigen Finanzierung gefährdet sind, dann dürfen wir nicht
die Augen davor verschließen, dass
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FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
nicht nur die Einheit der Jugendhilfe dadurch gefährdet wird,
sondern auch ihr Charakter immer mehr zum Interventionssystem verändert wird. Dies ist bedrohlich für immer mehr
Kinder und Jugendliche und zugleich eine Bedrohung für
eine humane Sozialpolitik.
Ich möchte keine sozialpolitischen Verhältnisse, in denen der
Staat und die Städte sich immer mehr aus einer infrastrukturellen Gestaltungs- und Finanzierungsverpflichtung zurückziehen
und dabei ganze Stadtteile und Städte und deren Bevölkerung
den Armenküchen der Kirchen und Wohlfahrtsorganisationen
überlassen werden und wo die Vergabe individueller ökonomischer und pädagogischer Leistungen immer mehr mit dem
Stempel des persönlichen Versagens verbunden ist, ständig
überprüft und mit Sanktionen bestraft wird.
Ich bin froh, dass dieses zentrale Thema über die Jahre parteiübergreifend in Hamburg mit dem Ausbau von frühen Hilfen
und sozialräumlichen Angeboten vorbildhaft aufgenommen
wurde und deshalb Hamburg auf Bundesebene zu Recht das
Thema Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung aufgemacht hat. Alle Kommunen haben das Problem
erkannt, die kommunalen Spitzenverbände und der Deutsche
Verein sehen gemeinsam mit Hamburg Handlungsbedarfe,
aber ein Großteil der Flächenländer hatte vor wenigen Wochen in Kiel nicht einmal die Bereitschaft, wenigstens gemeinsame Prüfaufträge zu beschließen, die auch die vorhandenen Rechtsgrundlagen, die keine ausreichende Rechtssicherheit für präventive und sozialräumliche Finanzierungen
bieten, mit einzubeziehen.
Was hat das alles nun mit Liebe zu tun?
Nur eine Sozial- und Jugendhilfepolitik, die auf Seiten der
Schwachen steht und ihre Leistungen da und in der Form anbietet, wo und wie sie benötigt werden, eine Politik, die Menschen stärkt und Orte schafft, wo sie etwas über ihren Wert erfahren und nicht ihr pädagogisches Versagen beschreiben müssen, um Hilfen zur ErzieFoto: M. Essberger
hung zu bekommen, ist eine Politik
der Liebe.
Von dieser Politik der Liebe
brauchen wir mehr und
nicht weniger in dieser
Stadt und diesem Land.
Macht
Von der Liebe zur Macht
zu gelangen, scheint ein
weiter Weg zu sein – aber
er muss gegangen werden,
denn was immer in menschlichen Beziehungen und an gesellschaftlichen und staatlichen Regeln
Blick zurück nach vorn – Was Kinder und Jugendliche brauchen
und Rahmenbedingungen gestaltbar ist, gelingt oder scheitert
an der Machtfrage. Deshalb ist einer der dümmsten Sprüche,
den ich je zu dieser Frage gehört habe, die Forderung „Keine
Macht für niemand“.
brechen darin bestand, schon mit 15 Jahren einen Freund zu
haben, loswerden wollten, Jugendämter, die Kinder ohne
fachliche und rechtliche Grundlage in Heime verbracht haben, kirchliche und staatliche Einrichtungen, die Kinder
schlagen, erniedrigen, missbrauchen und wirtschaftlich ausBei der Auseinandersetzung mit der Macht in einem demobeuten ließen und ihnen Bildung vorenthalten haben, Bekratischen Staat gilt es die Ebenen genauer zu betrachten, die
schäftigte in Einrichtungen, die ihre erzieherischen, religiöfür das Verhältnis der Kinder und Jugendlichen
sen und sexuellen Machtgelüste auf Kosten der
zur Erwachsenengeneration maßgeblich
Kinder ausgelebt haben, Kolleginnen und
sind.
Kollegen, die das gewusst, aber geschwiegen haben, HeimaufsichDa ist zunächst die politische
ten, die nicht auf aufgezeigte
Ebene der Exekutive, die
Missstände reagiert haben,
durch Rechtsgrundlagen
Vormünder, die ihre Münund durch die Zurverfüdel verwaltet und nicht
gungstellung von Resgeschützt haben, Gerichsourcen den Leistungste, die auf Seiten der Täumfang und die Regeln,
ter und nicht auf Seiten
nach denen Leistungen
der Opfer standen, und
erbracht werden, festder Deutsche Bundeslegt. Die Vorbereitung
tag, der erst 1990 mit
solcher Entscheidungen
dem Kinder- und Jugendund deren Umsetzung liehilfegesetz eine am Kingen bei der Exekutive. Zu
deswohl orientierte Rechtsdieser Exekutive gehören nicht
grundlage geschaffen hat. Hinnur die Ministerinnen und Senatozu kam die Ignoranz auf allen Eberen, sondern auch jede Fachkraft, die
nen, sich den Erkenntnissen der BinFoto: M. Hippler
z.B. in einem Jugendamt den Schutzauftrag
dungsforschung zu stellen, mit der
für ein Kind innehat, und auch diejenigen, die ErzieAuswirkung, dass Säuglingsheime entstanden und
hungsmacht über Kinder in ambulanten Familienhilfen und
Kinder wie persönliches Besitztum der Eltern ständig in
Heimen direkt oder indirekt ausüben.
neuen Bindungssituationen bedroht wurden und werden.
Welche Folgen der unverantwortliche Gebrauch von Macht
für Kinder und Jugendliche auf allen Ebenen haben kann, ist
in Deutschland z.B. an der viel zu spät erfolgten Aufarbeitung
der Geschichte der Heimerziehung und der sexuellen Gewalt
in Einrichtungen und Familien sichtbar geworden. Schuldig
wurden alle Ebenen: Eltern, die z.B. ihre Töchter, deren Ver-
Nach 42 Jahren hauptamtlicher Tätigkeit in der Jugendhilfe
komme ich zu dem Ergebnis, dass sich Rechtsgrundlagen,
Hilfesysteme und deren Kontrolle und die damit in Zusammenhang stehenden Haltungen deutlich verbessert haben,
aber längst noch nicht so ausgestaltet sind, dass ich mich in
den Ruhestand begeben könnte.
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FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
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ABSCHIED
Was in menschlichen Beziehungen und an
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
gestaltbar ist, gelingt oder scheitert
an der Machtfrage.
vorhält, die nicht jährlich von Sparzwängen bedroht wird,
muss sich für die von Hamburg eingebrachten Initiativen auf
Bundesebene einsetzen und muss sich mit den ängstlichen
Zauderern und den Lordsiegelbewahrern auseinandersetzen, die keine Veränderung wollen, weil sie die Realität
leugnen und von Kinderschützern zu Systemschützern geworden sind.
Der Missbrauch von Macht ist allgegenwärtig, die RechtsIch werde diesen Kampf auch weiterhin führen, damit die Justellung von Kindern ist weder vom Gesetz noch gar in der
gendhilfe stärker als bisher ihren Einmischungsauftrag zuPraxis gesichert und die gesellschaftliche Förderung von
gunsten von Kindern und Jugendlichen erfüllen kann und
Kindern ist für die, die auf diese Förderung außerhalb ihrer
Kinder und Jugendliche vor Ausgrenzung und BildungsFamilie besonders angewiesen sind, weder individubenachteiligung besser schützen kann. Es geht
ell noch strukturell ausreichend gesichert.
Foto: ASP Wegenkamp
darum, diesen Geist des Kinder- und JuPolitische und fachliche Gestaltungsgendhilfegesetzes endlich zu leben,
macht und nachhaltige Finanzieanstatt die Marktideologie von
rungsvoraussetzungen
sind
Teilen dieses Gesetzes zu verdeshalb weiter unabdingbar.
teidigen, in denen der
Wir können und dürfen
Marktzugang von Anbieuns angesichts der grundtern eine höhere Priorität
gesetzlich verankerten
erhält als fachliche ZuSchuldenbremse auch
gangsvoraussetzungen
keine vom Geld losgeund das Kindeswohl.
löste fachliche SelbstAuch
die Subjektstelbeweihräucherung
lung
von
Kindern und
mehr erlauben in der die
Jugendlichen
muss geFrage, wie die richtigen
stärkt
werden.
Leistungen auf Dauer bedarfsgerecht finanziert werEs ist für mich nicht akzeptaden können, ausgeklammert
bel,
dass nur seelisch behinderte
wird. Es besteht für mich kein
Kinder
und
Jugendliche einen eigenZweifel, dass viel Geld in der Juständigen
Rechtsanspruch
auf Hilfe hagendhilfe an den falschen Stellen und mit
ben
–
den
brauchen
alle
Kinder
und
Jugendlinegativen Auswirkungen ausgeben wird, das wir
chen!
Es
ist
für
mich
nicht
akzeptabel,
dass
Kinder
und Juzum weiteren Ausbau der Kindertagesbetreuung, der frühen
gendliche
keinen
umfassenden
eigenen
Rechtsanspruch
auf
Hilfen, der Familienförderung, der Jugendarbeit und der JuBeratung
haben,
sondern
nur
einen
auf
den
Kinderschutz
begendsozialarbeit dringend brauchen.
schränkten, für den ich mit anderen MitstreiterInnen in den
vorbereitenden Runden zur Erstellung des neuen BunAus der Kindertagesbetreuung hätten wir lernen können,
des-Kinderschutzgesetzes lange kämpfen musste. Es ist für
dass ein individueller Rechtsanspruch in sinnvoller Weise
mich nicht akzeptabel, dass Kinder, die sich in einer Pflegefadurch ein Angebot in der Infrastruktur – nämlich den Platz in
milie seit Jahren positiv entwickeln, eine Rückführung in ihre
einer Kita oder in Tagespflege – eingelöst werden kann. Die
Herkunftsfamilie als Risiko ertragen müssen. Es ist für mich
individuellen Hilfen der Jugendhilfe bedürfen zwingend der
nicht akzeptabel, dass Kinder jahrelang in ihrer HerkunftsfaEinbettung und Verknüpfung mit den infrastrukturellen Anmilie verbleiben müssen, obwohl ihnen dort die notwendige
geboten nicht nur der Jugendhilfe, sondern insbesondere mit
Förderung versagt wird und erst dann gegen den Willen der
denen des Schulwesens, des Gesundheitswesen und der BeEltern und im Interesse des Kindes gehandelt wird, wenn Leib
rufsausbildung. Hamburg hat hierzu wichtige Entwicklunund Leben bedroht sind.
gen eingeleitet – aber auch Hamburg hat nicht verhindern
können, dass trotz erheblicher Steigerungen der für die JuDies alles ist nicht die zentrale Botschaft des Paragraphen 1
gendhilfe eingesetzten Mittel in den infrastrukturellen Leides Kinder- und Jugendhilfegesetzes, demzufolge die Justungsbereichen der Familienförderung und der Offenen
gendhilfe junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen
Kinder- und Jugendarbeit, der durch Zuwendungen finanziert wird, schmerzhafte Kürzungen vorgenommen wurden.
Wer das in Hamburg und überall in Deutschland, wo dies
zur Zeit flächendeckend geschieht, in Zukunft verhindern
will, wer auch zukünftig auf einen Mut machenden Sozialstaat setzt, der gerade für belastete Eltern, Kinder und Jugendliche eine leistungsfähige kommunale Infrastruktur
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FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
Man muss sich mit den ängstlichen
Zauderern und den Lordsiegelbewahrern
auseinandersetzen, die keine
Veränderung wollen.
Blick zurück nach vorn – Was Kinder und Jugendliche brauchen
Freiheit war mich schon im Alter von
fünf Jahren ein bestimmender Faktor
auf meinem Lebensweg.
Entwicklung fördern und dazu beitragen soll, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen. Es ist an der Zeit, das
dort formulierte Recht jedes Kindes und jedes Jugendlichen
auf Förderung seiner Entwicklung und Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zur zentralen Leitorientierung der Jugendhilfe in Theorie
und Praxis zu machen.
Damit komme ich zu einer weiteren Ebene der Macht. Das ist
die Ebene der leitenden Führungskräfte der Jugendhilfe in
Ministerien von Bund und Ländern und in kommunalen Jugenddezernaten, aber auch in den Spitzenämtern der freien
Wohlfahrtspflege. Wir haben die Verantwortung, eingebunden in die jeweils demokratisch legitimierten Entscheidungsprozesse und in offensiver Loyalität zu den politischen Entscheidungsträgern zu politischen Entscheidungen
und zu ihrer optimalen Umsetzung wesentlich beizutragen. Unsere Parteilichkeitsverpflichtung besteht in dem
Beratungs- und Gestaltungsauftrag, der sich am Wohl
der jungen Menschen
orientiert – er ist enorm
politisch, aber eben nicht
partei- und verbandspolitisch, er ist den Kindern und Jugendlichen
verpflichtet und nicht
den Institutionen, den
Strukturen und Organisations- und Finanzierungsformen.
Wenn wir erkennen, dass etablierte Strukturen und Organisationsformen nicht mehr dem Kindeswohl entsprechen, müssen wir an der Speerspitze von Veränderungsprozessen stehen und nicht an der Speerspitze derer, die alles beim Alten lassen wollen. Mit diesem Verständnis habe ich mich vor gut 40 Jahren entschieden, Leitungsfunktionen der öffentlichen Jugendhilfe anzustreben,
um die Rahmenbedingungen des Auswachsens in öffentlicher Verantwortung durch einen starken und klugen Sozialstaat nachhaltig beeinflussen zu können. Dieser Sozialstaat
bedarf gerade heute der Weiterentwicklung und muss im
Zusammenhang eines elementaren Wertediskurses stehen,
der sich der Menschenwürde und der Chancengerechtigkeit
aller Kinder und Jugendlichen verpflichtet fühlt.
Ich danke am heutigen Tage ausdrücklich meinen beiden letzten Senatoren, Detlev Scheele und Dietrich Wersich, die sich
beide persönlich und politisch für eine Reform der Jugendhil-
fe in diesem Sinne in Hamburg und auf Bundesebene eingesetzt haben und mir die Möglichkeit gegeben haben, mit großem Vertrauen und großem Freiheitsspielraum meinen Weg
zu gehen.
Freiheit
Freiheit war für mich schon im Alter von fünf Jahren ein
bestimmender Faktor auf meinem Lebensweg. Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 war für meinen Vater das auslösende Ereignis, mit mir und meiner Mutter aus Halle an der
Saale in den Westen zu flüchten. Ich weiß, dass er diesen
Schritt nahezu im Alleingang gegen alle Freunde und Verwandten durchgesetzt hat und dass er dies vor allem damit
begründet hat, seinen Sohn nicht in Unfreiheit aufwachsen
lassen zu wollen. Dieses besondere Verhältnis zur Freiheit
hat mich 1989 wieder eingeholt, als ich von der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden und
vom Bundesjugendministerium gebeten wurde, in der
Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der deutschen Einheit
als Vertreter der elf alten Länder mitzuwirken.
Seit dieser Zeit sind ich und meine
Familie insbesondere mit unserer
Foto: ASP Wegenkamp
Partnerstadt Dresden freundschaftlich und familiär eng
verbunden. Zuletzt habe im
Januar 2011 nach über 20
Jahren jährlicher Besuche in allen Regionen
Tunesiens auf Djerba
mit meinen dortigen
tunesischen Freunden
und Verwandten um
dem Ausgang des arabischen Frühlings gezittert
und seit dieser Zeit den
schwierigen Freiheitskampf
gemeinsam mit meiner Frau
begleitet. Zurzeit arbeite ich an
einer kleinen Geschichte mit dem Titel „Tunesische Impressionen“, die ich bei
jedem Besuch fortschreibe.
Das Faszinierende und zugleich Erschreckende an dem
Umgang von Menschen mit der Freiheit war für mich zu erfahren, welchen Wert die Freiheit für Menschen hat, die in
Unfreiheit leben und alle Sicherheiten aufgeben und ihr
Leben riskieren, wie dies die Demonstrierenden bei den
Montagsprotesten in Leipzig und später überall in der DDR
getan haben, und im Jahr 2011 beginnend in Tunesien die
Demonstrierenden, und welch geringen Wert diese Freiheit
oftmals für Menschen hat, die in Freiheit leben. Deshalb
möchte ich meine letzten Ausführungen der Freiheit widmen, die auch und gerade in einer Demokratie im Alltag
gegen Verplanung, Bürokratien und Machtmissbrauch täglich neu erstritten werden muss.
FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
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ABSCHIED
Deshalb wird mich das Spannungsverhältnis zwischen den menschlichen
Grundbedürfnissen nach Sicherheit und Freiheit auch weiter
beschäftigen, denn dieses
Verhältnis
entscheidet
über die Qualität unserer
menschlichen Beziehungen genauso wie es unerlässlich ist für die Zukunft einer nachhaltigen
Sozial- und Jugendpolitik.
Foto: M. Hippler
unsere Gesellschaft braucht diese Freiheit, um unsere Alltagsdemokratie
weiterzuentwickeln, und Berufswelt und Volkswirtschaft
brauchen diese Freiheit, damit auch zukünftig in
Deutschland Neues und
scheinbar
Unrealistisches gedacht und irgendwann auch gemacht werden kann.
Schlussworte
Für Kinder und Jugendliche und deren Aufwachsen
ist die Freiheit ein unverzichtbares Element der Persönlichkeitsentwicklung. Diese Freiheit ist für Kinder
und Jugendliche in Deutschland gefährdet.
Diese Gefährdung resultiert primär nicht aus einer undemokratischen Grundhaltung von Gesellschaft und Politik,
sondern aus einer in Deutschland besonders ausgeprägten
Form des Irrglaubens, als würde Erziehung dann besonders
erfolgreich sein, wenn die Zeit, die Kindern zur Verfügung
Für Kinder und Jugendliche und deren
Aufwachsen ist die Freiheit ein
unverzichtbares Element der
Persönlichkeitsentwicklung.
steht, möglichst bis zur letzten Minute pädagogisch didaktisch durchgeplant ist.
Mitwirkende an dieser Freiheitseinschränkung sind ehrgeizige Eltern, Bildungsplaner, Stadtplaner, Bildungspolitiker und
Bildungsforscher, Schulpädagogen, aber auch die Jugendhilfe ist nicht frei von Gefahren: Mancher Fachdiskurs zur
Kita-Pädagogik und zu den Bildungsempfehlungen verläuft
schon viel zu lehrplanähnlich und mancher Diskurs zur angeblich schwindenden Bedeutung offener Angebote und
Räume für Kinder und Jugendliche zeigt das Nichtwissen auf,
wenn die Bedeutung informeller und nonformaler Bildung
unterschätzt wird. Sich dieser Verplanung zu widersetzen, die
enorme und unverzichtbare Kraft der Freiheit besser für die
Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder zu schützen, Freiräume für unsere Kinder und Jugendliche zu erschließen, anstatt sie durch innerstädtische Verdichtung immer mehr einzuengen, Kinderlärm in Freispiel in Wohngebieten zuzulassen, Ganztagsunterricht in Schulen mit Freiräumen zu öffnen,
Abenteuerspielplätze und Jugendhäuser zu erhalten – das sind
die Gebote der Freiheit.
Diese Freiheit brauchen nicht nur unsere Kinder und Jugendlichen, um ihre Kindheit und ihre Jugend ausleben zu können,
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FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
Das Verhältnis von Liebe,
Macht und Freiheit stellt für
mich auch nach meinem Ausscheiden zukünftig ein Thema dar, dem ich
mich intensiv widmen werde. Ich werde
mich dieses Verhältnisses in den nächsten Monaten insbesondere unter der Fragestellung annehmen, was kann bzw.
muss der spezifische Beitrag von uns Männern sein, um unser Zusammenleben auf dieser immer kleiner und voller
werdenden Welt gerechter, freier und nachhaltiger zu gestalten.
Die amerikanische Soziologin Hanna Rosin, deren Buch
„Das Ende der Männer“ im Januar in Deutschland erschienen ist, hat uns Männer bereits abgeschrieben. Ich glaube
diese kluge Frau verdient eine Antwort. Deshalb schreibe
ich zurzeit an meinem Buch „Die Wiederauferstehung der
Männer“, denn ich gehe davon aus, dass eine Reihe von
Männlichkeitsausprägungen schleunigst auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass wir Männer einen wesentlichen und unverzichtbaren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit leisten können, denn
unsere Wiederauferstehung hat schon begonnen. Auf Ihren
Wunsch möchte ich deshalb mit einem Auszug aus dem
Vorwort meines Buches einen vorläufigen Schlusspunkt für
den heutigen Tag setzen.
Dr. Wolfgang Hammer
leitete bis Anfang 2013 die
Abteilung Kinder- und Jugendhilfe
im Amt für Familie der Behörde
für Arbeit, Soziales, Familie und
Integration (BASFI) in Hamburg.
Die Wiederauferstehung der Männer
Die Wiederauferstehung der Männer
von Wolfgang Hammer
Vorrede
Das Ende, Männer, ist uns schon mehrfach prophezeit worden – zuletzt von der amerikanischen Soziologin Hanna Rosin, deren gleichnamiges Buch im Januar 2013 in Deutschland veröffentlicht wurde. Anfang der 1980er Jahre hat Ina
Deter mit ihrem Lied „Neue Männer braucht das Land“ noch
einen hoffnungsvolleren Akzent für uns Männer gesetzt. Es
ist an der Zeit, aus männlicher und soziologischer Sicht zur
Zukunft der Männer Position zu beziehen.
Der soziologischen Analyse von Hanna Rosin kann „Mann“
aus meiner Sicht weitgehend folgen, nicht aber ihrer wesentlichen Schlussfolgerung, dass Männer zunehmend an Bedeutung verlieren und damit als Männer quasi überflüssig werFoto: T. Bruns
licher, politischer, ökonomischer Macht und Privilegien. Der
Gewinn, der sich daraus auch für die Männer ergibt, ist der
Zugewinn an Lebensqualität, auf den allerdings weder ein
Großteil der Männer noch ihr soziales Umfeld eingestellt
sind.
Deshalb liegt es in der Logik der Entwicklung, dass die, die
weltweit Macht und Status verlieren, also die Männer, länger
brauchen, sich darauf einzustellen, als die Frauen, die an
Macht, Status und an Freiheit gewinnen. Dieser Rückstand
der Männer in der Fähigkeit, sich veränderten Lebensumständen anzupassen oder sich vorsorglich darauf einzustellen, und
die durchschnittlich geringere soziale und emotionale Intelligenz stellen jedoch eine Momentaufnahme dar.
Abschied von klassischen Männerberufen
Genauso wie Frauen dabei sind, alle vermeintlichen und tatsächlichen Rückstände gegenüber Männern aufzuholen –
auch in den männlich dominierten Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik –, können Männer ihre
Qualifikationsprofile erweitern und sich auf veränderte Arbeitsmarktbedingungen einstellen. So müssen viele Männer
zum Beispiel mit Respekt Abschied nehmen von nahezu ausschließlich durch Männer ausgeübten Berufen, denen wir in
allen industriell geprägten Ländern in unserer jüngeren Vergangenheit Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu verdanken gehabt haben. Dies betrifft insbesondere den Bergbau, die
Stahlherstellung und -verarbeitung, die Werften und z.T.
auch die Automobilherstellung.
den. Da es sich aber um ein gutes Buch einer klugen Frau handelt, nehme ich den Titel „Das Ende der Männer“ als Aufforderung, mit diesem Buch aufzuzeigen, warum es ein Ende der
Männer nicht geben wird.
Der Wandel der Geschlechterrollen
Die enorme Dynamik der weltweiten Veränderung der Frauenrolle durch Bildung und den Wandel von Machtverhältnissen und schwindende Abhängigkeiten setzt Männer, deren
Rollenwandel sich deutlich langsamer vollzieht, unter Identitäts- und Handlungsdruck. Dieser Wandel vollzieht sich allerdings in der Welt in unterschiedlicher Weise.
Für die Frauen gibt es überall in der Welt, wenn auch in unterschiedlichem Umfang, einen Zuwachs an Rechten und Freiheiten insbesondere durch den Zugang zu Bildung. Für die
Männer dieser Welt geht es um die Abgabe von gesellschaft-
Als Junge, der im Alter von fünf Jahren als Flüchtlingskind
aus Ostdeutschland im Ruhrgebiet eine neue Heimat fand,
weiß ich um die Leistung der Kumpel im Bergbau und der
Stahlwerker im Ruhrgebiet. Sie haben unter Einsatz ihrer
Körperkraft, ihres Mutes, ihres Könnens und ihrer Gesundheit das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland möglich gemacht. Aus dem Ertrag ihrer Arbeit haben wir den
Wiederaufbau unserer zerstörten Infrastruktur und den Wiederaufbau unserer Schulen und Universitäten finanzieren
können und waren sogar noch in der Lage, die notleidenden
Bayern im Rahmen des Länderfinanzausgleichs über viele
Jahrzehnte zu unterstützen.
Die enorme Dynamik der weltweiten
Veränderung der Frauenrolle setzt Männer unter
Identitäts- und Handlungsdruck.
FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
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ABSCHIED
Diese Männer verdienen unsere Anerkennung und unseren
Dank gerade in einer Zeit, in der viele Stahlwerke und alle
Zechen stillgelegt worden oder, wie die Zeche Zollverein
in Essen, zum Kulturdenkmal der Menschheit geworden
sind.
Hanna Rosin beschreibt diese Entwicklung mit ihren verheerenden Auswirkungen in den USA am Beispiel der Stadt
Alexander City zutreffend. Sie lässt dabei aber außer Acht,
dass es in den USA im Unterschied zu Deutschland keine
vorausschauende und ausgleichende Wirtschaftspolitik gegeben hat, die diesen Strukturwandel durch Schaffung neuer
Arbeitsplätze im Handwerk, in der Feinmechanik, im
Dienstleistungsbereich Soziales und Bildung und in der Gesundheitswirtschaft in seinen Auswirkungen abgefedert hat.
schaft darstellt, wirkt entsolidarisierend und wird in Deutschland – wenn auch viel zu spät – zu einer Korrektur der schweren Fehler führen, die mit der Verabschiedung der Agenda
2010 die Finanzmärkte völlig der politischen Kontrolle entzogen hat und zugleich die Bildung eines Billiglohnsektors ermöglicht hat.
Dieser ökonomische und politische Unterschied ist schon
zwischen den USA und Deutschland relevant und gilt erst
recht für Länder, in denen Frauen durch Politik, Kultur, Religion und deren Ausprägung weitgehend rechtlos sind und nur
eingeschränkten Zugang zu Bildung haben. In diesen Ländern stehen Männer kaum unter Handlungsdruck, sich zu verändern oder Macht abzugeben.
In Gesprächen, die ich mit tunesischen Frauen seit Beginn des
arabischen Frühlings im Januar 2011 in Südtunesien geführt
habe, ist mir gerade in der aktuellen Regierungskrise im Januar 2013 die große Angst vor einem frauenfeindlichen Islamismus von Teilen der Regierungspartei (Ennahda) entgegengeschlagen, wo viele Frauen um den Verlust ihrer Rechte fürchten, so wie dies in Ägypten bereits durch die Muslimbrüder
eingetreten ist. In Indien bedurfte es erst des spektakulären
Todes einer vergewaltigten Studentin, damit die alltägliche
Gewalt gegen Frauen öffentlich kritisiert wird, und nach wie
vor werden dort täglich Mädchen nach der Geburt getötet,
weil sie nichts wert seien.
Foto: T. Bruns
So sieht Hanna Rosin nur die arbeitslosen Männer, die sich
auf die neue Situation nicht einstellen können, und stellt keinen Zusammenhang mit der Verantwortung von Politik und
Unternehmen und ihrem Versagen her. Kein Wunder, dass
die Männer in Alexander City bei der Suche nach einem
Schuldigen den recherchierenden Spiegel-Reportern mitteilten, dass sie von Hanna Rosin eine Entschuldigung erwarten. Nur ist Hanna Rosin der falsche Adressat für diese
Beschwerde.
Die Situation in Deutschland
Aber auch in Deutschland ist für Frauen und Mädchen noch
nicht das Paradies ausgebrochen, in dem Männer nur noch
schmückendes Beiwerk sind. Nach wie vor leiden Mädchen
mit einfachem und mittlerem Bildungsabschluss unter ihrem
eingeschränkten Berufswahlverhalten, sodass sie viele chancenreiche Ausbildungsberufe nicht ergreifen und als Friseurinnen und Verkäuferinnen in perspektivlosen und schlecht
bezahlten beruflichen Sackgassen enden. Deshalb findet in
Deutschland auch weiterhin jährlich ein Girls Day statt, um
Mädchen zu einem breitgefächerten Berufswahlverhalten zu
ermutigen.
Länderspezifische Unterschiede
Im Gegensatz zu den USA hat es in Deutschland an den meisten von Strukturwandel betroffenen Industriestandorten und
Hafenstädten eine wenn auch nicht immer ausreichende kompensatorische Infrastrukturpolitik gegeben, die von Bund,
Ländern, Kommunen und Unternehmen getragen wurde.
Genau dies ist aber ein zentraler Verursachungszusammenhang: Die USA leiden stärker als andere Nationen unter einer
männlich geprägten Wirtschaftsideologie der Deregulierung,
die es letztlich einem nicht mehr funktionierenden Markt
überlässt, wer überlebt, ohne Rücksicht und Vorsorge auf die
Auswirkungen für die Menschen. Dieses Steinzeit-Modell einer Wirtschaftsideologie, das dem Recht des Stärkeren Tor
und Tür öffnet und das Gegenteil von sozialer Marktwirt-
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FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
Aber auch Deutschlands Akademikerinnen müssen, wenn sie
Kinder haben, überproportional viel Erziehungs- und Hausarbeit erledigen, nehmen öfter keine beruflichen Abend- und
Wochenendtermine wahr und schmälern dadurch ihre Aufstiegschancen. In den Aufsichtsräten der DAX-notierten
Konzerne sind sie fast gar nicht vertreten – nur in den Parteien
und Parlamenten haben sie ihren Anteil an der politischen
Macht vergrößern können.
Wir, die totgesagten Männer,
sind dabei, diese Welt durch neue Formen
der Männlichkeit zu verändern.
Die Wiederauferstehung der Männer
Auf Wiedersehen ihr Cäsaren, Berlusconis,
Ackermanns, Lehmann Brothers, Strauss-Kahns
und Tom Cruises – wir brauchen euch nicht!
Es besteht für mich kein Zweifel, dass wir Männer auch in demokratisch verfassten Ländern in nahezu allen Bereichen
Veränderungen herbeiführen müssen. Insbesondere im Umgang mit Macht, im Erlernen neuer Berufsqualifikationen, in
der Gestaltung unserer Paar-Beziehungen und Väterrollen
und in der Ausfüllung von Berufsrollen im Verhältnis zu unserem Privatleben müssen wir umlernen und sind in vielen
Ländern schon voll damit beschäftigt, neue Ausprägungen
von Männlichkeit zu entwickeln.
bei helfen, eine positive Ausfüllung ihrer männlichen Identität zu finden, in der Bildung und soziale Kompetenz einen
zentralen Stellenwert haben. Wir werden dadurch glücklicher
und gesünder leben und irgendwann den Vorsprung der Frauen in der Lebenserwartung einholen. Dieses Ziel werden wir
nicht ohne eigenes Zutun und nicht ohne Widerstände von
Männern und zum Teil auch von Frauen erreichen.
Es ist an der Zeit, die historisch überholten und zukunftsbelastenden Ausprägungen von Männlichkeit zu identifizieren
und deren noch agierende Verkörperungen aufs Altenteil zu
schicken. Dabei geht es nicht nur um Potentaten und Diktatoren und ihre Nachahmer im Westentaschenformat. Es geht
vor allem um die kleinen versteckten Machtrituale in Amtsstuben, Vereinen, Kirchengemeinden und nicht zuletzt in den
Parteien und Parlamenten und um die letzten Refugien
männlichen Machtmissbrauchs in Beziehungen.
Neue Formen der Männlichkeit
Wir werden aber auch zukünftig eine Reihe von uns Männern
bisher zugeschriebenen Eigenschaften und Qualifikationen
brauchen. Diese sind: Mut, Kampfbereitschaft, Risikobereitschaft, Gestaltungswille und Verantwortungsbereitschaft –
allerdings in anderer Weise und in anderen Anwendungsbereichen als bisher. Wir werden keine Länder mehr erobern
oder Macht um der Macht willen anstreben und unsinnige
Mutproben ablegen. Wir werden Verantwortung übernehmen, ohne zu entmündigen.
Als letztes Bollwerk muss das Recht auf Dummheit aufs Korn
genommen werden, das nicht nur etliche Männer, sondern leider auch viele Jungen den Traum träumen lässt, dass Männer
nichts lernen brauchen.
Foto: T. Bruns
Wir, die totgesagten Männer, sind dabei, diese Welt durch
neue Formen der Männlichkeit zu verändern, und können dabei durchaus an historische und zeitgenössische Vorbilder
anknüpfen.
Wir werden Macht abgeben und dabei an Gestaltungskraft
gewinnen. Wir werden Verantwortung teilen und dadurch an
Lebensqualität gewinnen, und wir werden Frauen davor bewahren, überholte männliche Verhaltensmuster zu übernehmen, nur um beruflich und gesellschaftlich erfolgreich zu
sein. Wir werden dabei an männliche Tugenden anknüpfen,
die für die Geschichte der Menschheit und für ihre
Entwicklung in der Zukunft unverzichtbar sind.
Wir werden Neues entdecken und erforschen, ohne zu erobern, Neues schaffen, ohne Altes zu zerstören, für die Freiheit kämpfen, nicht um die alten Machthaber durch neue zu
ersetzen, sondern um die persönliche Freiheit nach innen und
außen zu stärken.
Wir werden den Mut haben, in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft Entscheidungen zu treffen, die unbequem und unpopulär, aber zukunftssichernd sind. Wir werden persönliche Risiken eingehen und handeln, wenn es notwendig ist, und wir
werden Verantwortung übernehmen, auch wenn wir nicht
zuständig sind.
Wir werden unsere Beziehungen im Spannungsverhältnis
von Freiheit und Sicherheit gestalten und unseren Söhnen da-
Jetzt kommt die Zeit der Brückenbauer und resonanzfähigen
Entscheider – die Zeit der Mauer- und Burgenbauer, Machtbesessenen, Prinzipienreiter, Oberlehrer und Arroganz-Gorillas ist vorbei. Auf Wiedersehen ihr Cäsaren, Berlusconis,
Ackermanns, Lehmann Brothers, Strauss-Kahns und Tom
Cruises – wir brauchen euch nicht! Unsere Vorbilder sind
Alexander von Humboldt, Mark Twain, Johann Heinrich Pestalozzi, Leonardo da Vinci, Mahatma Gandhi, Erich Kästner,
Richard von Weizäcker und Helmut Schmidt.
Wir werden neue Wertebestimmungen vornehmen, bei denen
Wachstum begrenzt, Machtmissbrauch bestraft und unverantwortlicher Umgang mit Steuern und Kapital geächtet werden
und wo Verantwortungsbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit und nachhaltiges Handeln zu zentralen Schlüsselqualifikationen werden.
Dies können die Frauen dieser Welt nicht ohne uns schaffen.
Schon deshalb wird es das Ende der Männer nicht geben – unsere Wiederauferstehung hat schon begonnen!
FORUM für Kinder und Jugendarbeit 2/2013
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