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Hanns Lilje Forum 2003 Was für Eltern braucht das Land - IHS

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Hanns Lilje Forum 2003
Was für Eltern braucht das Land?
Keine einfache Frage in einer komplexen
Welt
Vorwort
Welche Eltern braucht das Land
Welche Eltern hat das Land – eine Bestandsaufnahme zwischen alten Leitbildern
und neuen Lebensformen
3. 1 Der Strukturwandel bringt eine Veränderung der Frauen –und Männerrollen
3. 2. Partnerschaftliches Zusammenleben – ein Rollenspagat
3. 3. Erziehen ist nicht mehr Teil der Traditionsbildung, sondern ein reflexiver Prozess,
eingebettet in das soziale und kulturelle Kapital einer Familie- Wandel vom
Befehlshaushalt zum Verhandlungshaushalt
3.4 Öffnung der Kleinfamilie – die Bildung kleinräumiger Solidarnetze ermöglicht jungen
den jungen Eltern, mit diesen neuen Anforderungen zurecht zu kommen
4. Welche Eltern brauchen Kinder – was zeichnet kompetente Eltern aus Sicht der
Kinder aus
5. Welches Land brauchen die Eltern – Ein Land, in dem das Aufwachsen der Kinder in
Gemeinsamer Verantwortung gestaltet ist
1.
2.
3.
Annemarie Gerzer-Sass Deutsches Jugendinstitut München e.V.
1. Vorwort
Die Beantwortung der Fragestellung hängt auch von der Philosophie ab, die in einem
demokratischen Staat um das Recht und die Pflicht der Eltern zur Erziehung konkurriert. Ist
man eher Anhänger der Philosophie, die sich auf die Tradition von Alexis de Tocqueville,
bzw. Piaget, Kohlberg, Habermas bezieht ist zentral, den Kindern die ihnen zustehenden
staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten möglichst bald selbständig wahrnehmen zu lassen.
Hierin sind die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten des einzelnen Kindes der Maßstab
erzieherischen Handelns und es geht vordringlich um Selbständigkeit,
Eigenverantwortlichkeit , die Fähigkeit, andere zu achten wie sich selbst. Ober aber ist man
eher Anhänger der Philosophie, die sich auf die Tradition von Emile Durkheim bezieht die
besagt, dass die Eltern die Aufgabe haben, ihre Kinder zum Nutzen der gesellschaftlichen
Entwicklung und damit im Auftrag des Staates zu erziehen geht es stärker um eine
Anpassung. In diesem Fall lässt sich immer wieder das Versagen der Eltern ableiten, die
Kinder nicht angemessen z. B. auf die schulischen und beruflichen Aufgaben vorzubereiten
und von Seiten des Staates kompensatorische Maßnahmen legitimieren.
1
Da in unserer demokratischen Gesellschaft verschiedene Philosophien im Wettbewerb
stehen, ist die Frage, welche Eltern das Land braucht, nicht so einfach zu beantworten.
Deshalb soll die Frage auf verschiedenen Ebenen betrachtet werden: Einmal, welche Eltern
das Land aus der familiensoziologischen Perspektive hat, welche Eltern Kinder aus ihrem
Blickwinkel heraus brauchen und welches Land Eltern aus ihrer Sicht brauchen.
2. Welche Eltern braucht das Land?
Interessengruppen, die unsere Gesellschaft bilden, stellen zunehmend heterogene
Anforderungen an Erziehung und Bildung. So z.B. fordert die Wirtschaft sowohl von Eltern
als auch von Institutionen wie Vorschule und Schule, Kinder mit der Fähigkeit auszustatten,
zukünftig mit unvorhersehbaren Lebensbedingungen fertig zu werden. Der technische und
organisatorische Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und
Kommunikationsgesellschaft führt zu immer schnellerem Veraltern herkömmlich technischfachlicher Qualifikationen. Die Veränderung der Arbeitskultur, weg von der Weisungskultur
hin zu flacheren Hierarchien mit team- und gruppenorientierten Arbeitsstrukturen verstärkt
diesen Trend. Damit gewinnen überfachliche Qualifikationen, insbesondere sozialkommunikative, methodische und Selbstkompetenzen immer mehr an Bedeutung, deren
Grundlage vor allem in der Familie gelegt wird.
Die jüngst durchgeführte PISA- Studie misst der Familie gerade unter der Bildung von
„sozialem Kapital“ große Bedeutung bei. Darunter versteht man nicht nur die materiellen
Ressourcen in Bezug auf Bildungserfolg, sondern vor allem die Beziehungen zwischen
Eltern und Kindern (Colemann 1995). Das soziale Kapital ist sozusagen die Menge der
Ressourcen, die in Familienbeziehungen enthalten sind und die kognitive und soziale
Entwicklung eines Kindes fördern. In Bezug auf Entwicklung von Basiskompetenzen misst
der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen dem Umgang der Eltern mit den Kindern im
Alltag zentrale Bedeutung bei und folgert aus der PISA – Studie: “dass das in der Familie
vermittelte und angeeignete Humanvermögen die wichtigste Voraussetzung und wirksamste
Grundlage der lebenslangen Bildungsprozesse darstellt“ ( EAF Sept./Okt. 2002). Auch gibt
es einen klaren gesellschaftlichen Konsens, dass die nachwachsende Generation das
wichtigste Humanvermögen darstellt, wie der 5. Familienbericht der Bundesregierung
betonte und dies in seinem Titel: „Zukunft des Humanvermögens“ auch zum Ausdruck
brachte (5. Familienbericht 1994). Interessant dabei ist, dass schon der 3. Familienbericht
der Bundesregierung von 1979 auf den Zusammenhang von Familie und sozialer Placierung
im Bildungssystem hingewiesen hat und wirtschaftliche und soziale Disparitäten von
Familien als zentrale Ursachen für die unterschiedliche Placierung der Kinder im
Bildungssystem benannt hat. Ebenso hat er auf die strukturellen Überforderungen von Eltern
hingewiesen, insbesondere von Frauen als Mütter, wenn sie am öffentlichen Leben
partizipieren wollen.
Die strukturelle Überforderung des Eltern- Seins heute hat aber seit dem 3. Familienbericht
1979 eher noch zu- als abgenommen. Einerseits gibt es den Wandel der Geschlechtsrollen,
insbesondere bei den jüngeren Frauen hin zu einer klaren Berufsidentität, aber auch
verbunden mit dem Wunsch nach einer Familie ( Nauck, 1993; Sass, Jaeckel, 1996;
Seidenspinner u.a. 1996), andererseits eine deutliche Zuspitzung der Anforderungen an die
„Mutter- Kind- Dyade. Das bedeutet für die heutige jüngere Frauengeneration, wenn sie
Mütter werden, immer noch mit der Problematik konfrontiert zu sein, dass die Frage der
Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Frauenfrage behandelt wird und nicht als eine Frage
von Müttern und Vätern. Denn kulturell und aus wirtschaftlicher Sicht wird zwar den Frauen
als Mütter die Vereinbarkeit zugestanden, nicht aber den Männern als Väter. Dazu kommt,
dass die Zeit zwischen dem 25. und 40 Lebensjahr, also die Zeit der Familiengründung und
2
des Familienaufbaus gleichzeitig auch die Zeit ist, in der aus betrieblicher Sicht von dieser
Altergruppe besonders hohe Flexibilität, Mobilität und ein verstärktes berufliches
Engagement gefordert wird. Im Moment produziert diese Zerreißprobe entweder
partnerschaftliche Konflikte, die mehrheitlich dadurch gelöst werden, dass Frauen die
Verbindungsfrage „individualistisch“, mit hohen Belastungen zu bewältigen versuchen oder
eben ganz auf Kinder verzichten. Wenn aber Frauen und Männer sich für Kinder
entscheiden, und das ist nicht mehr selbstverständlich, wie jüngste Erhebungen zeigen, wird
dies von den Medien immer noch sehr „einäugig“ begleitet. So werden Schlagworte
produziert wie „fürsorgliche Belagerung“ wenn Mütter für eine Zeit aus dem Beruf
ausgeschieden sind oder „Wohlstandsvernachlässigung“, wenn Mütter arbeiten. Interessant
dabei ist, dass Buchtitel wie „Erziehungskatastrophe“ (Gaschke 2001) oder
„Erziehungsnotstand“ ( Gerster u. Nürnberger 2001) zu Sachbuchbestsellern werden
konnten. Dass es aber mehr in unserer Gesellschaft bedarf als eine publizistische
Aufmerksamkeit für das Thema Erziehung, zeigt der 10. Kinder- und Jugendbericht der
Bundesregierung, der eine „Kultur des Aufwachsens“ für Kinder einfordert und der 11. Kinder
– und Jugendbericht der Bundesregierung, der ein: “Aufwachsen in öffentlicher
Verantwortung“ anmahnt.
Doch hat es noch nie auf einer breiteren Ebene eine so qualifizierte Elternschaft gegeben.
Seit der Bildungsreform in den 60er Jahren haben insbesondere junge Frauen Zugang zu
höheren Bildungsabschlüssen erreicht und im Moment machen 51% junge Frauen eines
Schuljahrganges ihr Abitur und sind mit steigender Zahl an den Universitäten zu finden. Das
bedeutet, das Grundniveau der Bildung ist gestiegen. Es gibt auch ein ständig wachsendes
pädagogisches Wissen, aber andererseits eine wachsende Unsicherheit in
Erziehungsfragen. Damit ist die generelle Frage verbunden, wie man von einem
Erziehungswissen zur Erziehungskompetenz kommt.
Was das Land demnach braucht, sind Eltern, die kompetent in ihrer Erziehung sind. Da aber
bei der Erziehung das generelle Problem besteht, dass nicht ein gezielter erzieherischer
Input einem berechenbaren Output produziert, sondern dieser Vorgang von einer Vielfalt von
Faktoren abhängt, ist die Frage nach den Erziehungskompetenzen der Eltern nicht nur eine
Frage nach den individuellen Kompetenzen der Eltern, sondern auch eine Frage nach den
strukturellen Komponenten, auf hier weiter eingegangen wird.
3. Welche Eltern hat das Land – eine Bestandsaufnahme zwischen alten Leitbildern
und neuen Lebensformen
3. 1. Der Strukturwandel bringt eine Veränderung der Frauen –und Männerrollen
Der viel zitierte Ausspruch: „Familie in der Krise“, beschreibt eine Entwicklung, die in der
Soziologie als allgemeiner tief greifender Strukturwandel beschrieben wird, von dem auch
die Familie als System nicht ausgeschlossen ist und eng mit der ökonomischen Entwicklung
verbunden ist. Der schon seit einiger Zeit ablaufende Übergang von der Industrie- zur
Kommunikations- und Dienstleistungsgesellschaft verändert nicht nur die Art und Weise, wie
produziert wird, sondern auch die Struktur der Familie sowie die Arbeitsaufteilung innerhalb
der Familie.
Aus Sicht der Familienforschung lässt sich der Wandel, bezogen auf das System von Familie
anhand von drei Thesen beschreiben : Einmal die These der „Deinstitutionalisierung“, d.h.
der Verlust der Verbindlichkeit in Bezug auf die Institution Ehe hin zu einer Vielfalt relativ
instabiler Lebensformen (Hoffmann-Nowotny 1995). Zum anderen die These der
institutionellen Anpassung der Familie aufgrund ihres Bedeutungs- und Funktionswandels
3
hin zu einer „kinderorientierten Ehegründung“ und damit verbunden einer Aufwertung dieser
Institution (Nave-Herz 1996). Und schließlich die These einer „begrenzten
Deinstitutionalisierung“: D.h. die Erhöhung der Wahlmöglichkeiten führt nicht zu einer
Auflösung bzw. einem Verfall der Familie, sondern zu einer polarisierenden
Biographieoption, die lautet: „Kinderlos bleiben oder sich für eine Familie mit Kindern
entscheiden“ – zumeist sogar mit zwei oder drei Kindern, wie der Rückgang des Anteils der
Ein-Kind-Familien zugunsten der Zwei- und Drei-Kind-Familien zeigt ((Bien 1995, Tölke
1991, Sommer 1998). Damit ist auch eine Ausdifferenzierung von Familienformen
verbunden, wo neben den „traditionellen Familien“, die Ein-Eltern- Familien, die Stieffamilien,
die Pflegefamilien, die Familien, die an unterschiedlichen Orten wohnen verheiratet oder
auch nicht, vorzufinden sind.
Bei aller Ausdifferenzierung, ist der Aufbau von Bindungsfähigkeit der Kinder zu ihren Eltern
weiterhin der Schlüssel für eine gelungene Sozialisation. Da aus der Bindungsforschung
bekannt ist, dass die Rollenzufriedenheit der Mütter und Väter ganz entscheidend für die
Bindungsfähigkeit ihrer Kinder ist, ist insbesondere die Rollenzufriedenheit der Mütter
wesentlich (Studie Tagesmütter). Deshalb ist die Frage der Veränderung der Rollen
innerhalb der Familie zentral, denn bisher haben Industriegesellschaften das
Spannungsverhältnis von Familie und Arbeitswelt durch eine funktionale Arbeitsteilung
zwischen Männern und Frauen gelöst, die sich auf allen Ebenen der Gesellschaft
beobachten lässt. Der darauf aufbauende Geschlechtervertrag zwischen Männern und
Frauen brachte große Instabilitäten mit sich, da er eine Ungleichwertigkeit der Vertragspartner, ökonomische Abhängigkeiten und die Unsichtbarkeit und gesellschaftliche
Randständigkeit des weiblichen Teils der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zur Folge
hatte. Der amerikanische Anthropologe James Scott nennt dieses Prinzip die funktionale
Transparenz. Dieses Prinzip wurde gerade im privaten Bereich dadurch durchgesetzt, dass
damit bestimmte Wertvorstellungen verbunden wurden. So z.B. die zentrale Wertvorstellung,
dass die mütterliche Erziehung gegenüber allen anderen Erziehungsformen als überlegen
gilt.
Die strukturellen Wandlungstendenzen in der Volkswirtschaft bauten aber in nur einer
Generation die Industriearbeitsplätze von 50 auf 33 Prozent ab und ermöglichten eine
Ausweitung des Dienstleistungssektors sowie die Entwicklung des so genannten High-TechArbeitsmarktes (Bertram 1997). Diese neuen Bereiche folgen nur noch begrenzt dem Prinzip
der funktionalen Transparenz , das sich durch starre Zeitschemata, lebenslange
Beschäftigungsmöglichkeiten bei einem Arbeitgeber und der klaren Rollenteilung zwischen
Männern und Frauen auszeichnete. Kennzeichen dieses Wandels sind nicht nur flexiblere
Arbeitszeiten, kurzfristigere Beschäftigungen und Patch- Work- Biografien, sondern auch ein
größeres Interesse an höher qualifizierten Frauen und auch das Interesse der Frauen an
einer eigenständigen Berufsbiographie.
Dabei haben die gestiegenen Bildungsaspirationen der Mädchen ganz wesentlich zu einem
veränderten Rollenbild der Frauen beigetragen. So besaßen z. B. 1930 ca. 30 % der Frauen
einen qualifizierten Schulabschluss, im Jahr 1980 waren es dagegen bereits 80 %. Mit der
höheren Ausbildung hat sich auch das Heiratsalter der Frauen verändert. Waren noch in den
60er Jahren 50% der 22 - 25jährigen Frauen verheiratet, so sind es in den 80er Jahren nur
noch 25% dieser Altersgruppe (Tölke,1990) und man kann sagen, je höher die schulische
Bildung, desto später die Heirat. Auch hat sich sowohl das Alter bei den Erstgeburten mit
höherer Schulbildung von 24 auf 28 Jahre angehoben als auch die Kinderlosigkeit. Im
Moment haben 40% der Frauen mit Hochschulabschluss im Alter bis 38 keine Kinder.
Bildung erweist sich somit als strukturierendes Element für den Lebensverlauf von Frauen.
4
Diese Struktureffekte wirken sich natürlich auf das Rollenverständnis von Paaren aus und
die Aushandlungsprozesse müssen dann sehr mühevoll individuell vonstatten gehen und sie
gelingen zunehmend weniger, wie die Scheidungszahlen zeigen. So gibt es den ersten
großen sog. Scheidungsberg, wenn die Kinder ca. 4 Jahre alt sind, der zweite
Scheidungsberg ist nach der Pubertät der Kinder im Alter von ca. 18 Jahren. Auch zeigt sich
an der größeren Unabhängigkeit, die mit der höheren Bildung einhergeht, dass Frauen
Beziehungen, die für sie untragbar geworden sind, eher aufkündigen. Dazu kommt, dass
Familien mit Kindern, ob sie in Erstehe, Zweitehe oder unverheiratet zusammenleben,
generell abnehmen und diejenigen, die Alleine ohne Kinder leben aber zunehmen.
Dennoch werden ca. 90% der Kinder in Ehen geboren, auch wenn diese nur noch zu 80%
bestehen, wenn die Kinder zehn Jahre alt sind, wie folgende Tabelle zeigt. Trotz vielfältigen
Scheiterns bleibt die Sehnsucht nach dieser Form des Zusammenlebens mit Kindern
erhalten, denn die Wiederverheiratungsquote ist sehr hoch. Das heißt, man könnte sagen,
der Ehe wird die Treue gehalten, aber nicht unbedingt immer mit dem gleichen Partner. Die
Institution Ehe hat gerade durch die hohe Wiederverheiratungsquote keinen Niedergang
erfahren, in Bezug auf Kinder wird sie immer wieder gewählt.
Graphik 1: Kindschaftsverhältnisse in den Alten Bundesländern nach Altersgruppen der
Kinder (1994). Quelle: DJI Familiensurvey Alt/Weidacher
100%
90%
80%
70%
60%
50%
40%
30%
20%
10%
0%
unter
2 J.
2 bis
3 J.
4 bis
5 J.
6 bis
7 J.
8 bis
9 J.
10 bis 12 bis 14 bis 16 bis Gesamt
11 J. 13 J. 15 J. 17 J.
Eltern verheiratet zusammenlebend
ehelich geboren
nichteheliche
Partnerschaft
vorehelich geboren
Stiefkinde
alleinerziehend
Sonstige
5
3.2 Partnerschaftliche Modelle des Zusammenlebens erfordern einen Rollenspagat
Untersuchungen haben gezeigt, dass die meisten jungen Paare ein sehr ausgeglichenes
Partnerschaftsmodell leben, sowohl in Bezug auf die Teilung von Hausarbeit als auch auf die
Art und Häufigkeit der Freundschaftskontakte. Den Bruch dieses Partnerschaftsmodells
erfahren die Paare dann allerdings mit der Entscheidung für ein Kind (Erler et al.. 1988).
Die Entscheidung für ein Kind betrifft zwar Männer und Frauen gleichermaßen, doch 80%
der Männer fühlen sich in keiner Weise für ihren weiteren beruflichen Leben eingeschränkt.
Für die große Mehrheit der Frauen dagegen (80%) bedeutet die Entscheidung für das Kind
den Ausstieg aus dem Beruf. Sie wollen zunächst einmal bei ihrem Kind bleiben, im
Unterschied zu früheren Frauengenerationen aber nur vorübergehend und nicht als
lebenslange Perspektive und abhängig vom Bildungsgrad. (Erler et al., 1988, 1994
Seidenspinner et al. 1996).
Der Ausstieg aus dem Beruf bedeutet gleichzeitig aber eine Aufgabe des an
Gleichberechtigung und Chancengleichheit orientierten Partnerschaftsmodells. Macht und
Abhängigkeit kommen in ein Ungleichgewicht, und zwar meist zu Lasten der Frauen. Ihre
Lebenssituation und nicht die der Männer verändert sich teilweise dramatisch: Aufgabe eines
vielleicht interessanten und befriedigenden Berufs, kein eigener Verdienst mehr, Verlust der
Kontakt- und Freundschaftsbezüge aus dem bisherigen Arbeitsfeld, teilweise Neuintegration
in ein anderes soziales Umfeld aufgrund von Umzug, Erlernen der Mutterrolle und in vielen
Fällen soziale Isolierung.
Für die Mehrheit der Männer bedeutet die neue alleinige Haupternährerrolle sowohl eine
große Belastung als auch eine positive Herausforderung in ihrem Beruf. Sie wollen oder
müssen sich nun im Beruf besonders engagieren, da sie die alleinigen Verdiener sind und da
sie am Anfang einer Familiengründung stehen. Das Dramatische dabei ist, dass die
jeweiligen berechtigten Erwartungshaltungen kaum eingelöst werden können: die der Frauen
nach mehr Engagement ihrer Partner in der Familienarbeit und die der Männer nach
verständnisvoller Unterstützung in ihrem jeweiligen beruflichen Engagement.
Das Auseinanderdividieren des vorher sehr partnerschaftlich angelegten kleinen Kosmos
scheint somit unvermeidlich. Ebenso scheint unvermeidlich, dass dieser strukturell angelegte
Konflikt als individuelles bzw. "eigenes Versagen" empfunden wird. Das vor allen Dingen
auch deshalb, weil ein an das männliche Leben orientierter "Wertehimmel" das Leben von
Männern wie Frauen überspannt: Auf die Frage, ob Männer oder Frauen es im Leben besser
haben, meinten 80% der Männer und fast ebenso viele Frauen, dass es die Männer besser
hätten
6
Wer hat es heutzutage besser?
90
77
80
70
61
Prozent
60
50
35
40
30
19
20
10
0
Antworten der Männer
die Frauen
Antworten der Frauen
die Männer
Quelle:
Brigitte Studie 88
Untermauert wird diese Wertepriorisierung noch dadurch, dass Männer und Frauen
mehrheitlich der Ansicht sind, Leute ohne Kinder hätten es besser im Leben als Leute mit
Kindern. Den Sinn des Lebens erblicken dagegen beide in Kindern und weniger im Beruf
(Erler et al., 1988). Studien von 1996 bestätigen nochmals diese Einschätzung.
Dieses Wertedilemma betrifft die Frauen, die sich für den Beruf entschieden haben,
besonders stark. Nicht zufällig wird von vielen Familientherapeuten gerade die
Wer hat es heutzutage besser?
90
77
80
73
70
Prozent
60
50
40
30
24
21
20
10
0
Antworten der Männer
Leute mit Kindern
Antworten der Frauen
Leute ohne Kinder
Quelle:
Brigitte Studie 88
Anfangsphase mit dem Kind als "sensible Phase" bzw. als "kritische Phase" bezeichnet. Viel
Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit, sich wechselseitig nicht erklären können münden oft in
7
massive, stark individualisierte Partnerschaftskonflikte und es ist mit ein Erklärungsansatz,
dass der erste Scheidungsberg mit dem Alter des Kindes von ca. 4 Jahren zusammenfällt.
Diesem nicht persönlichen, sondern auf struktureller Ebene liegenden Konflikt liegt ein
Wertedilemma zugrunde: auf der einen Seite die von der Arbeitswelt und Arbeitslogik
bestimmten Werte, auf der anderen Seite die Werte, die das Leben in der Familie bestimmen
und mit dem Begriff von Fürsorge zu umschreiben sind, wobei letztere kaum öffentliche
Anerkennung finden. Dieser Fürsorgeanspruch bezieht sich nicht nur auf Kinder, sondern
auch auf ältere Menschen, auf menschliche Zuwendung generell. Dafür ist Zeit notwendig
und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Es gibt - außer ideologischen Appellen
- hierfür keine positive Bewertung in unserer Gesellschaft. Die minder bezahlten Berufe, die
Fürsorge als Grundlage ihres Berufsbildes haben, sprechen eine deutliche Sprache. Die
Nichtberücksichtigung z. B. der Sorge- und Erziehungsaufgaben für die Kinder und auch
älteren Menschen und die gesellschaftspolitische Ausrichtung am Individualprinzip – mit all
seinen Folgen und Belastungen für die Familie – bezeichnet der 5. Familienbericht zu Recht
als „strukturelle Rücksichtslosigkeit“ gegenüber Familien (5. Familienbericht der
Bundesregierung 1994).
Betrachtet man dagegen einen typisch männlichen Beruf, dann gibt es dort sehr viele
Unterstützungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, vor allem gibt es aber dort im Vergleich zu
den meisten sozialen Berufen eine höhere Bezahlung. Für den Familienbereich gibt es keine
Entsprechung. Gerade die Aussage "Ich bin nur Hausfrau" verdeutlicht sehr eindrucksvoll die
Eigenabwertung vieler Mütter. Werden Männer gefragt, unter welchen Bedingungen sie
bereit wären, z. B. den Erziehungsurlaub zu nehmen, fordern sie den gleichen Verdienst wie
bisher und eine höhere gesellschaftliche Anerkennung dieser Familientätigkeiten, um keine
Nachteile im Beruf hinnehmen zu müssen (Bertram et al., 1995).
Junge Frauen wie Männer bewerten heute die Berufswelt positiver als die Familienarbeit.
Der Zwangscharakter, den Erwerbsarbeit zur Zeit ihrer Einführung besaß, scheint kulturell in
Vergessenheit geraten zu sein.
8
Einschätzung der Begriffe „Hausfrau“ und „Berufstätigkeit“
anhand von Gegensatzpaaren
- Frauen (Mittelwerte einer Skala von 1 bis 6)
1
1,5
2
2,5
3
3,5
4
4,5
5
5,5
6
macht selbstbewußt
macht unsicher
Macht
Ohnmacht
Freude
Ärger
entspricht nicht meinen
Neigungen
entspricht meinen Neigungen
eng
weit
anspruchsvoll
nicht anspruchsvoll
sinnlos
sinnvoll
Entlastung für den Partner
Last für den Partner
hohes Ansehen
niedriges Ansehen
Chancen
Sackgasse
Ruhe
Hetze
verantwortungsvoll
nicht anspruchsvoll
Langeweile
Lebendigkeit
unzufrieden
zufrieden
wenig Kontakte
viel Kontakte
gibt viel
gibt wenig
bunt
grau
gebunden
frei
1
1,5
2
2,5
3
3,5
4
4,5
5
5,5
66
Hausfrau
Quelle: Brigitte Studie 88
Berufstätigkeit
Betrachtet man folgende Tabelle, werden selbst bei den Dimensionen "Sinnvoll" oder
"Verantwortung" dem Beruf im Allgemeinen höhere Werte zugeschrieben als der Familie.
9
Dass das Berufsleben für die meisten Menschen mit strikter Zeitkontrolle und begrenzter
Entscheidungsautonomie ausgestattet ist und dass der Beruf heute stärker mit "Freiheit"
verbunden wird als Familienarbeit, aber auch dass die Dimension "Sinnvoll" ebenfalls stärker
dem Beruf zugeordnet wird, zeigt die tiefe Werteverschiebung, wenn man an die Zeit denkt,
als die Nichterwerbstätigkeit der Ehefrau noch einen positiven Statuswert für Frauen und
Männer hatte. Offensichtlich wirken die Vorteile des Berufslebens (viele Kontakte, neue
Erlebnisse, Prestige und Anerkennung, andere Formen der Ich-Bestätigung, nicht zuletzt
auch Geld und damit Unabhängigkeit) so positiv, dass sie die teilweise starken Nachteile
überschatten. Die Interpretation der Wirklichkeit, dessen, was "frei" oder "sinnvoll" bedeutet,
hat sich inhaltlich gewandelt. Persönliche Abhängigkeit wird negativer erlebt als die
"objektive" Abhängigkeit etwa vom Arbeitgeber oder technologisch bestimmten
Arbeitsabläufen.
Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der jungen Mütter nach einer
Berufspause wieder zurück in den Beruf möchten, denn die Einschätzung des Status
Hausfrau wird deutlich negativer gewichtet als im Vergleich zur Berufstätigkeit. Neueste
Studien zeigen, dass mit steigender Bildung der Wille zur Fortsetzung des Berufs bzw.
Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit deutlich ansteigt - immerhin ist er heute bei den
Abiturientinnen in Westdeutschland doppelt so hoch ausgeprägt wie bei Hauptschülerinnen
der Müttergeneration (Bertram et al., 1995). Die Erwerbsstruktur der Mütter sieht heute aus:
In der Regel wird vor der Geburt in der Partnerschaft besprochen, wie die Arbeitsaufteilung
dahingehend, dass diejenigen Väter, die den Wunsch nach Teilzeit oder Erziehungszeit
äußern, als „unmännlich“, nicht genug für den Arbeitsplatz engagiert, gesehen werden. Hier
sind die individuellen Krisenaspekte in der Partnerbeziehung festzumachen, die weniger auf
Erwerbsstruktur der Mütter in Ost- und Westdeutschland nach Alter der Kinder
5,4
100,0
90,0
26,7
80,0
70,0
27,8
28,7
48,0
48,6
65,3
60,0
4,2
5,0
60,0
13,9
29,1
46,7
50,0
66,7
10,2
40,0
30,0
20,0
10,0
8,0
26,7
26,7
West
Ost
41,7
45,9
West
Ost
57,4
35,0
43,0
29,2
0,0
0-2 Jahre
DJI Familiensurvey 2000
3-5 Jahre
Teilzeit
Vollzeit
West
Ost
6-14 Jahre
West
Ost
15-17 Jahre
nicht erwerbstätig
individuellen als auf strukturellen Effekten beruhen und je nach intellektuellen, sozialen und
materiellen Ressourcen besser oder schlechter bewältigt werden. Deshalb sieht das Muster
der Erwerbsstruktur bei Frauen und Männern immer noch sehr unterschiedlich aus und es
dominiert das Ernährermodell.
10
Wochenarbeitszeit und Zahl der Kinder nach Männer/Frauen und Ost- und
Westdeutschland
Westdeutschland
Ostdeutschland
100,0
90,0
33,5
80,0
24,6
27,4
28,2
26,0
70,0
60,0
85,2
50,0
87,1
83,1
68,2
93,0
30,8
93,5
62,7
59,6
96,6
40,0
28,3
30,0
20,0
10,0
0,0
26,5
22,7
12,3
0,7
1 Kind
12,2
0,5
2 Kinder
Männer
DJI Familiensurvey 2000
16,0
0,9
3 u.m.
Kinder
13,1
1 Kind
24,5
18,9
20,0
5,6
0,8
6,0
1,0
2 Kinder
3 u.m.
Kinder
1 Kind
2 Kinder
Frauen
bis 15 Std.
3,4
3 u.m.
Kinder
Männer
16-20 Std.
21-37 Std.
29,4
4,5
2,7
4,6
3,3
1 Kind
2 Kinder
26,9
7,7
5,8
3 u.m.
Kinder
Frauen
38 u.m. Std.
Studien belegen auch, dass ein zunehmender Anteil junger Vätern bereit ist, mehr Zeit in die
Kinder zu investieren (Fhtenakis, 2000). Bei genauerer Betrachtung, wie z. B. durch
Zeitstudien zeigt sich, dass die Zeit für Kinder von dem partnerschaftlichen Zeitvolumen,
was man miteinander hat, abgezogen wird und nicht etwa durch verkürzte Arbeitszeit. Das
heißt, das auch junge Väter unter Druck stehen: Auf der einen Seite sind sie durch den
Ausstieg ihrer Frauen in die Elternzeit – wie lange auch immer - für das Familieneinkommen
verantwortlich, aber sie wollen auch mehr Vater sein. Noch reagiert die Arbeitswelt mit
Stereotypen dahingehend, dass Maßnahmen zur Verbindung von Familie und Beruf sich
bisher auf Frauen bzw. Mütter bezogen. Die betriebspolitische Bedeutung von
familienfreundlichen Angeboten speziell für Väter wurde bislang noch nicht oder kaum
erkannt bzw. thematisiert (Busch 1997). Zwar wird in wissenschaftlichen Studien immer
wieder auf die Bedeutung und die Verantwortlichkeit von Vätern in der Familie hingewiesen
(Fthenakis u. Griebel 1993, Seehausen 1995) und eine Familienpolitik gefordert, die Mütter
und Väter gleichermaßen einschließt (Wingen 1991) . Der Wunsch nach „mehr Vater sein zu
können“ zeigt sich in allen neueren Studien. Allerdings stößt seine Realisierung schnell an
seine Grenzen: Neben finanziellen Gründen wird vor allem die Nichtakzeptanz der
Arbeitgeber genannt, z.B. einen Teil des Erziehungsurlaubs zu nehmen (Vaskovics u. Rost
1999). Gerade aber die beidseitige Rollenzufriedenheit hat entscheidenden Einfluss auf das
Familienklima und damit verbunden auf die positive Entwicklung der Kinder.
Forschungen aus den USA zeigen, dass bei erwerbstätigen Paaren eine
familienfreundlichere Arbeitskultur auch eine zufriedenere Partnerschaft ermöglicht, deutlich
Stress reduziert und damit zu einem positiven Familienklima beiträgt (Fuligini et al. 1995).
Damit konnte empirisch nachgewiesen werden, dass die Zufriedenheit mit der Arbeitssituation mehr Einfluss auf die Beziehungen in der Familie hat, insbesondere auf den
Umgang mit den Kindern, als bisher angenommen. Aber auch umgekehrt, dass ein positives
Familienklima die Arbeitsmotivation und das Arbeitsklima in den Betrieben fördert.
(Crockenberg u. Litmann 1991, Paulson u. Koman 1990, Fuligini et al. 1995).
11
Somit darf das Thema der Verbindung von Beruf und Familie kein frauenpolitisches Thema
bleiben und kann nur dann erfolgreich sein, wenn eine gerechtere Aufteilung der Familienarbeit zwischen Männern und Frauen in den entscheidenden Familienphasen möglich wird.
Um die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gerechter zu verteilen, bedarf es eines
genaueren Blickes auf das, was „Familienarbeit“ bedeutet. Produziert Familienarbeit nur das
berühmte „schwarze Loch“, das viele Arbeitgeber oft als „Fehlzeiten“ bezeichnen - was
gerade noch bei Frauen kulturell akzeptiert wird - oder eröffnet eine Möglichkeit, die bisher
getrennten Bereiche von Familie und Arbeitswelt stärker aufeinander zu beziehen.
Inzwischen werden aber weitergehende Fragen gestellt, z.B. wie der Kompetenzzuwachs
durch Familienarbeit in der Arbeitswelt genutzt werden kann und was eine sog.
familienfreundliche Unternehmenspolitik über Frauenförderung hinaus berücksichtigen muss.
Familienerfahrung und Familientätigkeit als wesentlicher außerbetrieblicher
Lebensmittelpunkt wird jedoch erst in Ansätzen als Lernort für betrieblich nutzbare
Kompetenzen erfasst. Bisher wurde dieser Lebensbereich eher als Ursache für
Leistungsdefizite und Kompetenzverlust angesehen. Dabei vermittelt Familienarbeit
durchaus arbeitsplatzrelevante Kompetenzen, und zwar unabhängig davon, ob sie
gleichzeitig neben der Erwerbsarbeit oder während einer Familienphase gewonnen werden.
Träger dieser Kompetenzen sind vor allem Frauen/Mütter, deshalb wurde der Transfer der
durch Familienarbeit erworbenen Qualifikationen bisher auf klassische weibliche, d.h.
hauswirtschaftliche, erzieherische und soziale Berufsfelder begrenzt. Träger von
Familienkompetenzen sind aber auch partnerschaftsorientierte Väter, die sich im
Familienalltag und in der Kindererziehung engagieren. Deshalb darf bei der
Transfermöglichkeit von Familienkompetenzen in die Arbeitswelt der Blick nicht nur auf
Mütter gerichtet sein, sondern muss auch Väter einschließen. Vor allem auch deshalb, weil
die klassische Rollenteilung zwischen Männern und Frauen im Wandel begriffen ist – auch
und gerade als Folge des Wandels in der Arbeitswelt (Gerzer-Sass, Sass, 2002).
Abb. 3: Fähigkeiten aus Familienarbeit
Die wichtigsten Fähigkeiten, die durch Familienarbeit erworben wurden
offene Antworten
Organisationsfähigkeit
38%
Flexibilität
15%
Belastbarkeit, Stressbewältigung
15%
Zeit einteilen, mit Zeit verantwortlich
umgehen
11%
Verantwortungs-bewußtsein
21%
.
3.3. Erziehen ist nicht mehr Teil der Traditionsbildung, sondern ein reflexiver Prozess
und eingebettet in das soziale und kulturelle Kapital einer Familie – vom
Befehlshaushalt zum Verhandlungshaushalt.
12
Der erzieherische Bereich wird in der Regel auf den Ausschnitt Eltern/Kind reduziert, er
umfasst allerdings mehrere Generationen. Heute wird der Blick auf Großeltern relevant, da
im ausgehenden 20. Jahrhundert die Lebenserwartungen sich so erhöht haben, dass die
Enkelkinder über eine längere Zeit ihre Großeltern erleben dürfen. Die heutige Reduzierung
der Dreigenerationenhaushalte auf Zweigenerationenhaushalte ist aber nicht mit der
Annahme gleichzusetzen, dass nur zwei Generationen in Kontakt zueinander stehen und
Kinder ausschließlich von ihren Eltern erzogen werden. Die Großeltern wohnen in der Regel
in der Nähe der Enkelkinder und haben nach Studien zur Netzwerkforschung ( Bien,
Marbach 1991) einen relativ hohen Bezug untereinander und sind nach den Eltern die
zweitwichtigste Betreuungsquelle ( Sass, Jaeckel 1996).
Jenseits der Einflussnahme der Großeltern auf das alltägliche Erziehungsgeschehen ist aber
generell wichtig, den „Drei-Generationen-Blick“ einzunehmen, denn jede Generation hat ihre
eigene Erziehungserfahrung, eingebunden in das jeweilige vorherrschende kulturelle Setting.
Veränderungen im Erziehungsverhalten können zwar von der nachfolgenden Generation
eingeleitet werden, „Switchen“ sozusagen in neue Erziehungsformen, aber erst bei der
dritten Generation wirken diese sich als selbstverständlich aus.
Waren bei der älteren Generation, zwischen 1918 und 1930 geboren, Erziehungswerte wie
Gehorsam, Unterordnung, Pflichterfüllung, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Gerechtigkeit und
Religiosität vorherrschend für das Klima des „autoritären Befehlshaushalts“ (Ecarius 2002),
so versuchte die mittlere Generation, zwischen 1945 und 1960 geboren, den Kindern mehr
Freiräume zur Selbstverwirklichung einzuräumen. Damit verbunden waren auch
Forderungen nach mehr Toleranz, Rücksichtnahme, situativem Eingehen und situativer
Anleitung, Erziehung wurde nicht mehr als selbstverständlicher Bestandteil familialer
Interaktion betrachtet, sondern bedurfte eines reflexiven Prozesses (Ecarius 2002). Da
dieser reflexive Prozess nicht alleine gestaltet werden kann, brachte diese Zeit eine
Bewegung von Initiativen rund um die familiale Erziehung hervor, die bis heute ihren Bestand
haben ( Materialien zur Familienpolitik 2001). Die junge Generation, nach 1970 geboren,
erlebte zwar noch die Verunsicherungen ihrer Eltern in der Alltagspraxis eines
"Verhandlungshaushalt“, hat aber selbst den Wandel vollzogen. Dieser Wandel brachte auch
eine Veränderung in den Schwerpunkten der Erziehungsziele mit sich. So waren zwischen
1951 bis 1967 für 25% Gehorsam und Unterordnung die wichtigsten Erziehungsziele, 1992
war dies nur noch für 9% wichtig. Dagegen war in der Zeit von 1951-1967 für 28%
Selbständigkeit das wichtigste Erziehungsziel, 1990 waren dies 62% (Ingelhart 1990). Die
Verschiebung hin zu postmaterialistischen Werten (Ingelhart) wurde dahingehend
interpretiert, dass die Erziehungsziele sich zu einem „kooperativen Individualismus“
weiterentwickelt haben (Bertram 1991). Dies bedeutet in einem Verhandlungshaushalt zwar
auch Ordnung und Ehrlichkeit, aber vor allem Selbständigkeit, Selbstentfaltung,
Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.
Für diejenigen, die im heutigen familiären Erziehungsprozess stehen, bedeutet dieser
Wandel eine große Herausforderung in bezug auf Dialogfähigkeit und Kommunikation und
dem Herstellen von Regeln als interaktives Miteinander. Dass dabei Verunsicherungen
entstehen, da diese Erziehungsmuster weder Teil der Traditionsbildung noch
selbstverständlicher Bestandteil familialer Interaktion sein können, liegt auf der Hand. Da
gerade Dialogfähigkeit und Kommunikation auch schichtabhängig sind, d.h. je nach
Ausprägung des sozialen, kulturellen Kapitals von den Ressourcen der Eltern abhängig sind,
bedürfen diese Erziehungsaufgaben besonderer Aufmerksamkeit.
Insbesondere deswegen, da die Entwicklung vom Erziehungswissen zur
Erziehungskompetenz kein naturwüchsiger Prozess ist, sondern abhängig von
Reflexionsprozessen ist, die es Eltern ermöglicht, sich über ihre Verhaltenweisen klar zu
13
werden. Außerdem fordert es die Persönlichkeit, da für diese Prozesse Zuwendung,
Verantwortung, Ich-Stärke, Wertebewusstsein und Lebenswissen notwendig sind
(Schneewind 2002). Damit ist eine größere persönliche Herausforderung beschrieben und in
der Regel pendeln Eltern zwischen der Nachgiebigkeit, wobei zwar auf die kindlichen
Bedürfnisse eingegangen wird, aber wenig gefordert wird, der elterlichen Unengagiertheit,
wo keine klare Erwartung noch Forderung besteht und dem autoritativen Stil, wo ein
liebevolles unterstützendes Verhalten, aber gekoppelt mit Erwartungen und Forderungen
stattfindet. Schneewind spricht von der Notwendigkeit der: „Freiheit in Grenzen“, die Eltern
praktizieren sollten, was eher dem autoritativen Stil entspricht, aber nur von ca. 10% auch
wirklich praktiziert wird (Schneewind 2002). Die Ergebnisse der Shell-Studie 2000 weisen
aber darauf hin, dass da, wo von Jugendlichen eine elterliche Zuwendung gespürt wird,
somit eine soziale und emotionale Unterstützung stattfindet, eine klarere Lebensplanung und
Zukunftsorientierung bei den Jugendlichen vorhanden ist. Die Bindungsforschung (Schütze
1995) zeigt auf, dass bei emotionalen Vernachlässigungen auch kognitive Defizite erzeugt
werden können und die neuere Hirnforschung weist auf die Wichtigkeit einer intensiven
dialogischen Kommunikation bereits mit dem Säugling hin (Eliot 2001).
Dazu kommt, dass spezielle Kompetenzen erforderlich ist, wenn man der Prämisse folgt,
dass Kinder selbständige Handelnde sind, die Forschung spricht von den „Kindern als
Akteuren“ (Liegle, Krappmann). Das bedeutet, sich auch zurücknehmen können, sich seiner
eigenen Dominanz bewusst zu sein, bzw. zu werden. Es bedeutet aber auch, Selbständigkeit
zulassen können, auch Entwicklungsphasen deuten können, bzw. um Entwicklungsphasen
zu wissen und es bedeutet vor allen Dingen eine Reflexion über die eigenen Projektionen auf
das Kind. Damit ist auch ein Wandel hin zu einer eher symetrischen Machtbalance mit mehr
Partizipationsmöglichkeiten der Kinder verbunden. Dies vollzieht sich parallel mit den
rechtlichen Veränderungen, die Kinder als Subjekte verstehen, wie z. B. die UNKinderrechtskonvention, die Kindschaftsrechtsreform und das Gesetz zur gewaltfreien
Erziehung. Dass diese heutigen Erziehungsanforderungen noch stärker als früher bei
geschlosseneren Milieus, wo Erziehung Teil der Traditionsbildung war, abhängig von den
individuellen Ressourcen sind, die Eltern zur Verfügung haben, liegt auf der Hand. Auch die
PISA -Studie zeigt einen direkten Zusammenhang von Sozialschichtzugehörigkeit und
erworbenen Kompetenzen und weist auf den Zusammenhang von schichtspezifisch
ausgeprägten Problemlösungskompetenzen hin (EAF 2002). Dazu kommt, dass aufgrund
des rasanten ökonomischem, aber auch kulturellen Wandels die heutigen Eltern nicht mehr
ihre Kindheit mit der ihrer Kinder vergleichen können. So ist es nicht zufällig, dass
Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstverantwortung, Selbstmotivation die wichtigen
Erziehungsziele in Zeiten von Individualisierung und Pluralisierung sind. Diese
Erziehungsziele werden von allen sozialen Schichten als wesentlich angegeben, auch und
gerade von Familien mit geringeren sozialen und materiellen Ressourcen (Gravenhorst,
Tüllmann, Wahl, 1980). Die Frage, was es an Unterstützung braucht, diese Erziehungsziele
im Erziehungsalltag umzusetzen, ist nicht nur eine Frage von Hilfeangeboten für
benachteiligte Familien, sondern ist auch eine Frage der strukturellen Bedingungen, die für
alle Eltern zutrifft. So ist insbesondere die Ausdünnung des sozialen Nahraums hier von
Bedeutung, der zur Ausdünnung der sozialen Verflechtungen aufgrund der immer stärkeren
Entmischung geführt hat.
3.4. Wie gestalten junge Eltern ihren Erziehungsalltag, um diesen Herausforderungen
gewachsen zu sein - Öffnung der Kleinfamilie – Familien vernetzen sich untereinander
Wenn Familien genug an materiellen sozialen und kulturellen Ressourcen haben, versuchen
sie durch Netzwerkbildungen sich Unterstützung für ihren Alltag mit Kinder zu geben, wie z.
B. in Elterninitiativen, Mütter- und Familienzentren, Mutter-Kind-Gruppen usw. Dabei wird die
Kleinfamilie aufgebrochen und Solidarnetze hergestellt. Im Rahmen einer Studie zu
14
Familienselbsthilfeinitiativen wurden Familien, die sich in Elterninitiativen, Mütterzentren,
Stiefelterngruppen usw. engagieren gefragt, was die Gründe der Beteiligung und des
Engagements sind. Dabei formulieren die Eltern der Elterninitiativen und die Mütter der
Mütterzentren vor allem die Möglichkeit, am Aufwachsen der Kinder aktiv mitbeteiligt zu sein
und die eigenen Erziehungsvorstellungen einbringen zu können. Aber auch Unterstützung
durch andere Familien zu bekommen, Freundschaften mit anderen Familien zu schließen
sind wichtige Motive und bestätigen die Strategien, sich mit anderen Eltern zu vernetzen, um
den Familienalltag besser bewältigen zu können.
Darin liegt ein hohes Potential an Bereitschaft von Engagement und nicht nur bei denjenigen
mit höherer Bildung. Gerade die Mütterzentren haben durch ihr Laien- für Laien- Prinzip
einen breiten Zugang auch von Frauen, die nicht eine höhere Ausbildung genießen konnten.
Auch in deren Motive des Engagements wird ganz deutlich, den Kontakt zu anderen Eltern
zu suchen und heraus aus dem Familienalltag zu kommen. Darin zeigt sich, dass Familien
Treffpunktmöglichkeiten brauchen, um informeller mehr zusammen kommen zu können. Mit
diesen Bedürfnissen müssen sich alle Institutionen, die mit Familie arbeiten, stärker
auseinandersetzen und trotz oder gerade wegen der eigenen Professionalität
berücksichtigen, dass ein zentrales Element von Familien leben heute ist, sich untereinander
zu stützen. Somit gibt es neben dem Klientel der Familienhilfe eine breitere Bewegung von
Eltern, die sich nicht in eine Klientelisierung im Rahmen von professionellen Diensten
begeben, sondern durch das Engagement in einer Gruppe ihre Situation zu stärken
versuchen. Dies zeichnet auch die Empowermentstrukturen dieser Initiativen aus, auch und
gerade in schwierigeren Lebensphasen mit anderen zusammen Stärken entdecken und
weiterzuentwickeln.
Mit dem Engagement ist auch verbunden, Kompetenzen dazuzugewinnen und für die
Familie nutzen können. Somit ist entscheidend, dass ganz im Sinne des Kinder- und
Jugendhilfegesetzes dabei Erziehungskompetenzen gestärkt werden. Dass das Lernen in
Initiativen auch Väter betrifft, zeigt sich in den Elterninitiativen, wo sich auch Väter
engagieren. Es hat sich gezeigt, dass diese dann am meisten für die Familie lernen, wenn
sie eine Offenheit zu anderen Familien zeigen und in der Lage sind, aus ihrem Familienalltag
heraus Netze zu bilden und diese auch zu nutzen.
G r ü n d e fü r d ie B e te ilig u n g a n d e r I n itia tiv e
94
100
Prozent
80
60
79
58 61
87
77
53 51
50
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59
84
76
61
52
39
40
22
21
20
M ü tte r z e n tr e n
unternehmen
m.and.
Erwachs. was
heraus aus
Familienalltag
beteiligt
am
Aufwachsen
Eltern
durch andere
Unterstützung
Kontakt zu
anderen Eltern
eig. Erz.vorst.
verwirklichen
offener Betrieb
flexiblere
Öffnungszeiten
Initiative
günstig gelegen
0
E lte r n in itia tiv e n
So haben 64% der befragten Väter durch ihre Mitarbeit Freundschaften gefunden und fühlen
sich zu 70% in ihrem Alltag entlastet. Insgesamt ist die Bilanz des Engagements der Väter in
Bezug auf ihren Lerngewinn für die Familie sehr positiv. Dass, wie die Graphik zeigt, Mütter
sehr viel mehr für die Familie lernen liegt darin, dass diese sich zeitlich mehr engagieren und
15
proportional zu dem Zeitaufwand, d.h. doppelt so viel wie die Väter, auch an Kompetenzen
dazugewinnen (Materialien zur Familienpolitik Nr. 15, 2001).
Betrachtet man die Anforderungen an die Eltern, wie Krappmann und Liegle dies
formulierten, nämlich sich zurücknehmen können, sich seiner eigenen Dominanz bewusst zu
sein, Selbständigkeit zulassen können, so stellen diese Initiativen ideale Orte dar,
Erziehungskompetenzen weiterzuentwickeln zu können. Sie sind ein Ort des Lernens mit
anderen Eltern zusammen, wo Reflexion über das eigene Erziehungsverhalten gerade auch
im Verhältnis zu anderen Eltern ermöglicht wird, auch der Ort, wo Entlastung, Unterstützung
gegeben ist. Diese Räume können eine Antwort darauf sein, wie aus einem
Erziehungswissen Erziehungskompetenz werden kann.
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Prozent
Nutzen der einzelnen Kompetenzgewinne für die Familie
Mütter u. Väter der Elterninitiativen München
Mütter
Väter
5. Welche Eltern brauchen Kinder- was zeichnet kompetente Eltern aus Sicht der
Kinder aus
Die Forschung in Deutschland beginnt jetzt erst, Kinder im Sinne der Subjetkforschung zu
Themen zu befragen, die die Sicht der Kinder zeigt – so z. B. ein Kinderpanel des Deutschen
Jugendinstituts, das seine ersten Ergebnisse Ende diesen Jahres veröffentlichen wird. Die
zentrale Frage in diesen Wandlungsprozessen lautet: Wie sehen, beurteilen Kinder das
veränderte Rollenverhalten ihrer Mütter und Väter, wie geht es ihnen damit. Die
professionelle Frage lautet:: Wo bleibt im Rahmen dieser Wandlungsprozesse das Wohl des
Kindes und wer definiert das Wohl des Kindes. Da die USA in der Subjektforschung des
Kindes mehr Tradition besitzt und hier auch Ergebnisse vorliegen, werden anhand von 1023
befragten Kindern im Altern von acht Jahren bis 18 Jahren über ihre Sicht zur
Erwerbstätigkeit ihrer Eltern befragt (Gallinsky 2002). Zentral für die Beziehung ist heute Zeit,
Zeit als die zentrale Ressource, die knapp zu werden scheint. So erwarteten 56% der Eltern,
deren Kinder unabhängig davon ebenfalls befragt wurden, dass ihre Kinder sagen würden,
sie wünschten sich mehr Zeit miteinander. Aber die Kinder antworteten mehrheitlich auf die
Frage, wenn sie einen Wunsch haben würden, was sie gerne ändern würden, nur zu 2%,
dass sie mehr Zeit mit den Eltern haben möchten, aber sich mehrheitlich wünschen würden,
dass die Eltern weniger gestresst und weniger müde wären. Diese Antworten mögen auch
16
damit zu tun haben, dass hier Kinder in einem Alter befragt wurden, die in die Vor- bzw.
Pubertät sind, doch es wirft auch einen Blick darauf, was für die Kinder zentral ist. So z. B.
- Kinder wollen ihre Eltern respektieren und stolz auf sie sein – die Frage ist, was bedeutet
das für Kinder, deren Eltern in relativer Armut leben.
- Kinder wollen geliebt und geführt werden – die Frage ist, was bedeutet das für Kinder,
deren Eltern nicht in der Lage sind, diese Führung auch praktizieren zu können
- Kinder akzeptieren die Arbeit der Eltern, wollen aber das Gefühl haben, dass sie in ihrer
Entwicklung aktiv unterstützt werden und dabei ist wichtig, „Zeit einfach nur so zu
haben“- die Frage ist, wie können heute famiienfreudliche Zeiten hergestellt werden, das
eine Zusammenarbeit von vielen Akteuren bedeutet, die die Zeit vorgeben.
- Kinder erwarten von ihren Eltern, dass ihnen die Familie wichtiger ist als der Beruf und
diese Erwartung richtet sich auch insbesondere an Väter - die Frage ist, wie können
heute Vaterschaftskonzepte gelebt werden, die diesem Wunsch der Kinder entsprechen.
- Kinder erwarten, dass sich die Eltern für ihr Leben interessieren und darin engagiert sinddie Frage ist, wie können z.B. Institutionen wie die Schule gestaltet sein, dass Kinder
wahrnehmen können, dass die Eltern aktiv an diesen Entwicklungsprozessen beteiligt
sind und dies ist mehr als die Hausaufgabenüberwachung.
Da es in Deutschland noch keine vergleichbaren Untersuchungen gibt, soll eine
Untersuchung von Piaget aus dem Jahre 1934 diese Aussagen ergänzen. Er sieht als
zentral die Zuneigung der Eltern zu ihren Kindern, aber auch die Liebe der Kinder zu den
Eltern. Das bedeutet, die Bedingungen des Zusammenlebens müssen so gestaltet sein,
dass sich die wechselseitige Liebe entfalten und entwickeln kann. Daneben ist der Respekt,
den Kinder für die Eltern haben, aber auch der Respekt der Eltern für die Kinder wichtig,
ebenso die wechselseitige Fürsorge füreinander. Neuere psychologische Forschungen
bestätigen diese Erkenntnis: Liebe, Achtung, Kooperation, Sturktur und Förderung sind die
in einem Forschungsprojekt ermittelten Säulen einer guten Erziehung (Tschöpe-Scheffler,
2003).
Untersuchungen aus den USA zeigen auf, das die Zeiten der Eltern mit ihren Kindern nicht
weniger geworden ist, sondern die gemeinsame Zeit sogar angestiegen ist – zumindest in
einer Familie mit beiden Elternteilen. Die Partizipation der Mütter am Arbeitsmarkt nimmt
zwar Zeit, diese wird aber Vätern dahingehend kompensiert, dass sie mehr Zeit mit ihren
Kindern verbringen. Das Familienleben verlagert sich mehr auf das Wochenende und es wird
mehr Zeit mit den Kindern auch bei der Hausarbeit verbracht. Dazu kommt, dass ein Drittel
der Familien mit Kindern im Vorschulalter zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten, um die
Betreuung der Kinder zu sichern. Es wurde auch eine Zunahmen der Aufmerksamkeit für die
kindliche Entwicklung festgestellt, ebenso eine Intensivierung der Interaktion mit den
Kindern, wie Tagebuchaufzeichnungen, die in der Zeit von 1981 und1997 gemacht wurden,
verdeutlichen (Sandberg, Hoffert, 2001). Dies deckt sich auch mit Zeitbudgetstudien in
Deutschland. Auch diese zeigen eine Zunahme der Interaktion mit den Kindern,
insbesondere durch die Väter. Diese Zeit, die den Kindern gewidmet wird, geht von den
Zeiten für partnerschaftliche Kontakte sowie von der Freizeit ab. Doch es bleibt die Frage,
wie in einer Gesellschaft mit immer knapper werdenden Ressourcen – und Zeit ist für den
Beziehungsaufbau und die Beziehungspflege nicht nur der Eltern mit ihren Kindern sondern
auch der Eltern untereinander eine zentrale Ressource – umgegangen wird. Verändert sich
dies dahingehend, wie Arli Hochschild in einer Untersuchung heraus gearbeitet hat und ihre
zentrale These darauf aufgebaut hat, dass die Arbeit immer mehr zum Zuhause wird und die
Familie und das Privatleben dagegen zum Ort von Stress und Arbeit wird (Hochschild, 2002).
17
5: Welches Land brauchen die Eltern – Ein Land, in dem das Aufwachsen der Kinder in
gemeinsamer Verantwortung gestaltet ist
Die Bedingungen des Aufwachsens in dieser Gesellschaft verlangen ein verändertes
Ineinandergreifen von privater und öffentlicher Verantwortung ( 11. Kinder –und
Jugendbericht). Das bedeutet, es muss zu eine neuen Verständnis der Aufgaben kommen,
die Eltern und Kinder, die Staat und Gesellschaft heute wahrzunehmen haben. Dies vor
allem auch vor dem Hintergrund, dass durch veränderte Bedingungen des Aufwachsen die
als privat definierte Verantwortung der Eltern für ihr Kinder heute zur strukturellen
Überforderung geführt hat. Das bedeutet nicht nur ein mehr an Bereitstellung von öffentlicher
Kinderbetreuung, ein Mehr an Hilfestellung beim Übergang von der Paarbeziehung zur
Familie, ein Mehr an Treffpunktmöglichkeiten für Eltern, eine Anpassung von Vorschule und
Schule an veränderte Familienstrukturen. Es zeigt sich eine Neuverhandlung von Care im
Betreuungsbereich zwischen privat und öffentlich, im Sinne eines Wohlfahrtpluralismus. Das
beinhaltet nicht nur einen Mix aus Angeboten, sondern auch eine Kooperation mit
verschiedenen Anbietern, wobei außerinstitutionelle, private Anbieter, auch Eltern selbst
mehr Gewicht erhalten. Es bedeutet auch, neue Bündnispartner zu finden, die sich am
Aufwachsen der Kinder aktiv beteiligen – so z. B. auch die Wirtschaft. Da gerade die
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ganz wesentlich zu einer kinder- und
familienunfreundlichen Gesellschaft bisher beigetragen haben, müssen alle
gesellschaftlichen Kräfte an dem Wandel hin zu einem gemeinsamen Verantwortung
beitragen. Aufwachsen in gemeinsamer Verantwortung betrifft auch jeden Einzelnen von
uns, es braucht eine lebendige Nachbarschaft, ein anregendes Umfeld, ein verantwortliches
Miteinander.
18
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