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Das was man will, kriegt man doch sowieso nie

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Dissidenz, Hoffnung und Transformation
Gespräche mit Akteuren der DDR-Opposition
Das was man will, kriegt man doch sowieso nie
Klaus Kuhn, geboren 1953, KfZ-Sachverständiger, 2 Kinder, geschieden
Wo waren Sie am 9. November 1989, am Tag der Maueröffnung?
Ich war an diesem Tag ganz normal tagsüber arbeiten und als es dann abends passierte, habe ich es gar
nicht mitbekommen. Ich habe jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit Deutschlandfunk gehört, auf
Mittelwelle und plötzlich war das Thema in den Nachrichten.
Was ging Ihnen dabei zuerst durch den Kopf?
Das war schon euphorisierend. Der erste Gedanke war: So schnell und jetzt ist alles offen - wie wird das
weiter gehen? Was wird man tun? Aber es war nicht so, dass ich gesagt hätte, jetzt setze ich mich sofort ins
Auto und fahre nach Berlin. Das habe ich später gemacht. Ich glaube, Anfang Dezember bin ich mit meinen
Kindern das erste Mal nach Westberlin gefahren, an einem Sonnabend, denn da war schulfrei.
Hatten Sie damit gerechnet?
Generell schon. Das war eine Situation von der ich schon lange dachte, dass sie irgendwann passieren muss.
Dass es so schnell geht und so unspektakulär, das war schon überraschend für mich, aber der Fakt an sich
nicht – wir haben es zu dieser Zeit erwartet.
Durften Sie vor dem 9. November 1989 schon reisen?
Ja, ich hatte Verwandte im Westen. Ich durfte sogar 1987 für 5 Wochen nach Kanada, weil mein Onkel dort
lebt und war auch 1989 im Sommer für 10 Tage in der Bundesrepublik. Deshalb gab es auch für mich nicht
den absoluten Kick, als die Mauer offen war. Ich war durch Freunde sehr gut über die Bundesrepublik
informiert und kannte so auch die Schattenseiten. Insofern war mir klar, dass es für mich nicht so
erstrebenswert war, dort zu leben oder seinen Lebensmittelpunkt dorthin zu verlegen. Meine Wurzeln sind
einfach viel zu stark. Dresden ist meine Heimatstadt, ich bin hier geboren, alle meine Freunde wohnen hier.
Das bindet. Mein Freundeskreis war auch sehr stabil. Es gab nur zwei Freunde, die während der
Ausreisewelle in den Westen gegangen sind, die meisten sind hiergeblieben.
War Kanada damals der goldene Westen?
Natürlich war man beeindruckt von der Vielfalt und von dem Warenangebot, das kann man nicht leugnen.
Das war natürlich auch ein großer Sprung, also von Dresden nach Toronto zu kommen, das ist schon heftig.
Ich bin damals mit meinem Bruder dort gewesen.
Gab es jemals den Gedanken, dort zu bleiben?
Nein, nie. Ich hatte ja auch meine Kinder hier, das wäre gar nicht infrage gekommen. Ich lebte damals zwar
schon getrennt, aber wir haben es noch geheim gehalten, sonst wäre die Reise geplatzt. Wenn das die
Behörden gemerkt hätten, dass ich getrennt bin, dann wäre die Reise geplatzt, dann hätten die mich nicht
fahren lassen.
Sie waren alleinerziehender Vater, das war doch sicherlich ungewöhnlich?
Ja, sicher. Ich habe mich damals mit meiner Frau so geeinigt. Die Kinder hatten hier ihr Zuhause und meine
Frau war in einem künstlerischen Beruf und deshalb war sie ständig unterwegs. Das gemeinsame Sorgerecht
gab es damals nicht, also die Möglichkeit blieb uns verwehrt und so haben wir uns für das Sorgerecht für
mich entschieden. Meine Frau ist damals nach Cottbus ans Theater gegangen.
Wie sind Sie in der DDR aufgewachsen?
Da meine Eltern mich christlich erzogen haben, gab es für mich bestimmte Dinge, in denen ich von Anfang
an Außen vor war.
Ich war nicht in den Pionieren, ich war nicht in der FDJ, ich habe auch keine Jugendweihe gemacht. Und in
so einer Situation musste man schon einen Durchschnitt von 0,8 haben, um in der DDR Abitur machen zu
können. Ich hatte einen Durchschnitt von 2, damit ging das nicht. Obwohl, in meiner Klasse waren auch
Schlechtere, die Abitur machen konnten, aber ich war da nie traurig drüber oder böse. Ich hatte die Schule
nach 10 Jahren einfach dicke und da habe ich einen Beruf gelernt. Ich habe aber später noch einmal ein
Abendstudium gemacht und Maschinenbau studiert.
Haben Sie sich in der Schulzeit als Nicht-Pionier als Außenseiter gefühlt?
Na klar, das ist immer für ein Kind eine Außenseiterposition. Das ist schwierig. Wir waren in der 1.Klasse
vielleicht zwei oder drei, die nicht in den Pionieren waren. Und das wurde dann immer weniger. Es gab
Zeiten, in denen war ich ganz allein und das ist natürlich für ein Kind blöd. Aber ich habe es nie infrage
gestellt. Das war eben so und meine Geschwister, die waren auch nicht in den Pionieren. Das wusste die
Schule und damit war es dann auch nicht mehr so schlimm.
Ich glaube, wenn ich unbedingt gewollt hätte, hätte ich zu den Pionieren gehen können. Das war jetzt nicht
so, dass meine Eltern mich gezwungen hätten. Das war einfach in unserer Familie nicht üblich.
Gab es viele Kinder in Ihrer Klasse, die – wie Sie – zur evangelischen Christenlehre gegangen sind?
In der Klasse waren viele, die zum Religionsunterricht gegangen sind. Egal, ob evangelisch oder katholisch –
bestimmt die Hälfte der Klasse ging in die Christenlehre. Bei meinen Freunden war das unterschiedlich, einer
ging auch in die Christenlehre, allerdings in eine andere Gemeinde, mein bester Freund allerdings gar nicht.
Das spielte aber für mich überhaupt keine Rolle. Allerdings waren die meisten eben trotzdem bei den
Pionieren – insofern gehörte ich schon zu einer Minderheit.
Und die Lehrer, wie haben die reagiert?
Manche Lehrer haben einen das schon spüren lassen, dass man ausgegrenzt ist. Bestimmte Sachen, die die
Schule gemacht hat, das waren dann eben Pionierveranstaltungen. Da durfte man nicht mitmachen.
Anderen Lehrern war das egal, sie haben gesagt, das ist eine Klassenveranstaltung und es machen alle mit,
aber von bestimmten Highlights, wie zum Beispiel Lagerfeuer oder Wanderungen, da war man
ausgeschlossen.
Es gab schon Situationen, wo ich als Kind gedacht habe, ich würde auch gern ganz einfach in der Masse
verschwinden, als immer irgendwie eine Extraposition inne zu haben. Beim Appell musste ich immer ganz
hinten stehen, weil ich ja kein Halstuch hatte.
Was war Ihr Berufswunsch?
Ich wollte immer was mit Technik machen, von Anfang an. Irgendwas, wo ich etwas mit den Händen
machen kann. Ich habe zwei Jahre lang Mechaniker gelernt. Das war an der TU, dort habe ich als
Labormechaniker gearbeitet und dann habe ich angefangen Maschinenbau im Abendstudium zu studieren.
Da fragte niemand, ob man in der FDJ ist oder nicht. Die wollten ihre Semester voll kriegen, da war das
Politische egal. Das war 1973, damals war ich 21.
War es schwierig ein Abendstudium zu absolvieren?
Nein, das habe ich jedenfalls nicht so empfunden. Die Bedingung war, dass man eine Berufsausbildung
hatte und ein paar Jahre Praxis. Und natürlich den 10.-Klasse-Abschluss.
Das Abendstudium war rein technisch ausgerichtet. Da wurde überhaupt nicht politisiert. Sicher, wir hatten
auch Gesellschaftswissenschaften, also Marxismus-Leninismus und Politische Ökonomie als Fächer, aber
ansonsten haben sie uns völlig in Ruhe gelassen. Da gab es niemanden, der – auch von Seiten der Schule –
an irgendwelchen politischen Auseinandersetzungen interessiert gewesen wäre.
Waren Sie bei der Armee?
Ich habe anderthalb Jahre als Bausoldat gedient. Das war meine eigene Entscheidung, weil ich eine
pazifistische Grundeinstellung hatte. Das heißt, die habe ich immer noch, vielleicht nicht mehr so stark, aber
damals war es ganz extrem und deshalb kam da für mich gar nichts anderes infrage.
Ich habe das bei der Musterung gesagt und habe meine Unterlagen abgegeben. Da wurde mir mitgeteilt:
Das müssen Sie schriftlich machen. Das habe ich gemacht und seitdem war Ruhe. Es gab ein paar
Mitschüler, die hatten sich für 3 Jahre Armee verpflichtet. Vielleicht gab es auch deshalb keinen Druck, weil
damit das Soll erfüllt war. Vielleicht reichte das. Vielleicht hieß es, wir brauchen aus jeder Klasse zwei Leute
und die hatten sie. Vielleicht haben sie deshalb solche wie mich in Ruhe gelassen.
Sie haben nur zu mir gesagt: Sie werden sehr spät eingezogen werden. Das war alles. Da wurde kein Druck
ausgeübt. Nichts. Als ich 26 war, wurde ich eingezogen. Da habe ich mein Studium fertig gehabt und war
anderthalb Jahre in Bad Saarow.
Hatten Sie jemals das Gefühl, das war eine mutige Entscheidung?
Nein, ich bin ja auch kein sehr mutiger Mensch. Wenn man nur 10 Klassen in die Schule geht, da gibt es
auch keine großen Konsequenzen. Was wollen die machen? Sie können mich ja nicht in der 8.Klasse
rausschmeißen. Es gab ja auch eine Schulpflicht. Diejenigen, die studieren wollten, waren da schon viel
abhängiger und auch erpressbarer.
Würden Sie sich als politischen Menschen bezeichnen?
Ja, auf jeden Fall. Politik hat mich schon immer interessiert und die Ungerechtigkeiten in diesem Land DDR,
die haben mich auch interessiert. Da gab es vieles, was mich aufgeregt hat.
Was waren das für Dinge, die Sie aufgeregt haben?
Ich kann mich natürlich an 1961 erinnern. Das war zwar eher die Reaktion meiner Familie und wie das auf
mich gewirkt hat, aber ich kann mich lebhaft erinnern. Die waren alle völlig konsterniert. Das war an einem
Sonntag. Das weiß ich noch ganz genau. Mein Großvater, der schüttelte immer nur den Kopf und sagte: Das
geht nicht lange, da müsst ihr euch keine Gedanken machen. Meine Eltern aber, die waren sehr deprimiert.
Viele ihrer Freunde hatten die DDR vorher schon verlassen und damit war plötzlich klar, die werden sich nie
wiedersehen. Und diese Stimmung hat auf uns Kinder schon gewirkt. Ich habe natürlich nicht vollends
verstanden, was da im Einzelnen abgeht. Ich habe nur deutlich gespürt, dass da etwas grundlegend anders
ist. Ich denke auch, die Erwachsenen hatten Angst vor Krieg damals. Die dachten, dass sich vielleicht die
Amerikaner dagegen wehren, was natürlich absurd war.
Und später? Was war Ihr erstes eigenes politisches Erlebnis?
Das war 1968 der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR. Da war mir das erste Mal selbst
vollständig bewusst: Was hier momentan passiert, das ist nicht gerecht. Sonst gab es ja wenige Sachen, wo
man ganz deutlich gespürt hätte, das ist das falsche System. Ich habe mit Freunden, meinen Eltern und auch
mit Klassenkameraden darüber gesprochen. Das stand ja auch in der Zeitung. Wir haben auch die
Truppentransporte durch Dresden in Richtung Sächsische Schweiz erlebt. Meine Eltern hatten damals in der
Sächsischen Schweiz ein Ferienhaus und das ganze Gebiet war weiträumig abgesperrt. Sie hatten eine 4km-
Sperrzone um die tschechische Grenze gelegt, da durfte man nicht mehr hin. Das habe ich also hautnah
erlebt.
Hat dieser Einmarsch auch in der Schule eine Rolle gespielt?
Ja. Ich kann mich erinnern, dass wir in der Schule eine Resolution unterschreiben sollten, wo die Hilfe der
Warschauer-Pakt-Truppen in der CSSR begrüßt wurde. Sie haben uns stundenlang sitzen lassen, weil wir das
nicht unterschreiben wollten. Das weiß ich noch wie heute. Wir mussten im Klassenzimmer bleiben und die
Schule leerte sich langsam und da haben wir uns zu dritt überlegt: Was werden die jetzt machen? Die
können uns ja nachts nicht einfach hier behalten. Die müssen ja auch mal unseren Eltern Bescheid sagen,
dass ihre Kinder nicht nach Hause kommen. Es gab ja keine Telefone oder so etwas.
Irgendwann haben Sie uns tatsächlich nach Hause gehen lassen. Aber die Resolution war nicht
unterschrieben. Wir haben das vorher nicht abgesprochen. Wir haben einfach, als der Zettel rum ging
spontan und unabhängig voneinander gedacht: Das unterschreiben wir nicht. Als der Lehrer dann die Liste
sah, meinte er, wir drei sollten noch einmal bitte einen Moment dableiben. Die anderen Schüler haben das
gar nicht so mitgekriegt. Vielen war das auch völlig egal. Das war ja auch ein Widerstand, der eigentlich
ziemlich sinnlos war, also was spielt die Unterschrift für eine Rolle? Das war in der 8.Klasse, damals war ich
15 oder 16.
Was hat sie an diesem Land DDR sonst noch gestört?
Diese Bevormundung. Dass man vorgeschrieben bekommt, was man lesen darf und was man nicht lesen
darf. Ja und auch die Art, wie man mit Auslandsreisen umgeht. Da darf ein kleiner, ausgewählter Teil der
Bevölkerung fahren und die anderen nicht.
Seitdem meinem 18.Geburtstag kam noch das Thema Wahlen dazu. Ich habe mich von Anfang an dagegen
gesträubt, dass man da völlig entmündigt und gezwungen wird, einen Zettel in eine Kiste zu schmeißen, um
Leute zu wählen, die man nicht kennt und die einen auch nicht interessieren und die auch nicht bereit sind,
irgendetwas an dieser Situation in diesem Land zu ändern.
Und dann noch diese gleichgeschaltete Berichterstattung. Dass man – egal welches Medium man wählt –
immer das Gleiche vorgesetzt bekommt. Das waren schon alles Punkte, die mich geärgert haben.
Waren Sie jemals zu DDR-Zeiten wählen?
Einmal. Ich dachte eigentlich, ich wäre nie gewesen, aber mein kleiner Bruder hat mich neulich eines
Besseren belehrt. Er sagte, als er Jungwähler war, hätte ich ihn mitgenommen, um ihm zu zeigen, wie so
eine Wahl funktioniert. Das war das einzige Mal, sonst war ich da nicht mehr.
Waren Sie später in einer irgendeiner Organisation der DDR?
Ja, ich war in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft.
Warum?
Auch wenn sich das jetzt dumm anhört, aber ich war einem Professor zuliebe da drin. Er war selbst auch
nicht Genosse, also nicht in der SED. Er hat irgendwann zu mir gesagt: Ich verstehe ja, dass Sie nirgendwo
Mitglied sind und nichts machen, nicht zur Kampfgruppe gehen und auch zum 1.Mai würde ich Sie
entschuldigen, aber… für mich selbst habe ich die Deutsch-Sowjetische-Freundschaft rausgesucht. Wenn Sie
da auch Mitglied werden könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Da habe ich mir gedacht, na mein Gott, das
kann ich schon mal machen. Und im FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) war ich auch.
Die Mitgliedschaft in der DSF bestand ja nur aus Beitrag zahlen. Und dann haben die Führungsgrößen der
DSF dieses Geld versoffen und verfressen. Das war völliger Schwachsinn. Aber es ist schwer, dagegen zu
argumentieren. Ich habe nichts gegen die Völker der Sowjetunion gehabt, überhaupt nichts. Aber wie soll
man das denn vermitteln? Wie kann ich sagen, dass ich den Verein idiotisch finde und gleichzeitig
formulieren, dass ich lieber in dem Sinne Freundschaft halten würde, indem ich ab und an mal dorthin
fahre? Na ja, das war so ein Zugeständnis.
Waren Sie oft im Ausland?
Ja, ich bin oft mit meinen Eltern weggefahren. Ich kann mich an Rumänien erinnern und an Tschechien,
später waren wir in Ungarn und in Bulgarien und auch oft in Polen. Diese Reisen haben geholfen, die DDR
von außen zu sehen und auch zu sehen, dass unser Lebensstandard eigentlich besser ist als der, den die dort
hatten.
Welche politischen Ereignisse haben Sie noch beeinflusst?
Ganz klar die Biermann-Ausbürgerung 1976. Ich war während meines Studiums in Dresden in der
Studentengemeinde und wir hatten da gerade eine Rüstzeit mit Rainer Kunze in Rathen. Genau an diesem
Tag war das Köln-Konzert und am nächsten Tag war er schon draußen. Das haben wir sehr deutlich
reflektiert. Zu der Biermann-Ausbürgerung gibt es eigentlich wenig zu sagen, das ist so eine Dreistigkeit
gewesen, egal, ob der Mann es nun darauf angelegt hatte oder nicht. Ich denke er hatte es darauf angelegt,
aber das ist ja egal.
Erinnern Sie sich noch an den Olof-Palme-Friedensmarsch 1986?
Oh ja, sehr deutlich. Das war eine Veranstaltung wo auch meine Kinder mit waren. Da konnten die auch
schon ihre Plakate tragen. Da kann ich mich sehr gut daran erinnern. Die Plakate haben wir hier in der
Wohnung gebastelt. KEIN KRIEGSSPIELZEUG IM KINDERZIMMER war eines und auf dem anderen stand… –
das weiß ich gar nicht mehr. In meiner Stasiakte ist ein Bild, da sind wir drei mit diesen Plakaten drauf.
Schade. Die Akte habe ich aber nur gesehen, die habe ich nicht in die Hand gekriegt.
Sie haben eine Stasiakte?
Wer in einem Staatlichen Betrieb gearbeitet hat, hatte automatisch eine Akte. Da muss man nicht viel
gemacht haben. Ich habe keinen operativen Vorgang, das glaube ich zumindest nicht. Ich habe meine Akte
damals gesehen und das war jetzt auch nicht so viel – so ein 5 cm hohes Päckchen. Ich habe damals nach
der Wende – ich benutze dieses Wort gar nicht so gern, denn die SED hat schon nach dem 17.Juni das Wort
Wende verwendet,
aber mir fällt immer nichts anderes ein – jedenfalls war ich bei der Auflösung der Akten in der Stasizentrale
dabei. Da habe ich natürlich gesagt, bevor ich überhaupt anfange hier irgendetwas mit zu helfen, will ich
meine eigene Akte sehen. Da saßen ja noch die alten Stasi-Mitarbeiter an ihren Schreibtischen. „Das ist ja
auch das erste Mal, dass ein Bürger seine Akte in die Hand kriegt!“, hat sich der eine dort aufgeregt. Da
habe ich erwidert: „Das wird noch manches Mal passieren, da werden Sie sich noch daran gewöhnen
müssen.“
Wie kamen Sie in die Stasizentrale?
Das ging vom Runden Tisch aus. Damals sind sechs verschiedene Arbeitsgruppen gebildet wurden. Akten,
Immobilien, Personal und noch drei andere Bereiche, da komme ich jetzt nicht mehr drauf. Jedenfalls hat
jede Arbeitsgruppe sich um einen Aspekt gekümmert und ich war in der Arbeitsgruppe Akten. Ich wurde
dafür von der Arbeit freigestellt und habe dann dort einen Tag in der Woche 8 Wochen lang dort gearbeitet.
Ich habe mir meine Akte einfach genommen. Ich habe mir das Register angeschaut, das stand in der
Abteilung Wirtschaft, also unser Betrieb war dort einsortiert und da habe ich mir die Akte aus dem Regal
genommen. Die Mitarbeiter waren völlig verschreckt, die saßen dort wie die Lämmer, das war nicht schlecht.
Das konnte man sich ja ein paar Wochen vorher nicht träumen lassen, dass ein normaler Bürger seine Akte
einfach so in den Händen hält. Und dann auch noch in der Stasizentrale!
Oh ja. Den Gebäudekomplex kannte ich bis dahin nur von Außen. Er lag direkt an meinem Arbeitsweg. Da
bin ich täglich zweimal daran vorbeigefahren, früh und abends und das war schon bedrohlich. Das erzählen
jetzt auch die Kinder, dass dieses Gebäude für sie bedrohlich war. Wenn man dort vorbeifuhr, guckten ja
immer nur die Köpfe mit den Helmen über die Mauer weg. Das war die Bezirksbehörde der Stasi. Da waren
ein Untersuchungsgefängnis drin, ein großes Haus, vier oder fünf Stockwerke und viele Villen drum herum.
Und dann gab es noch zwei neu gebaute Wohnblöcke, das Gelände war riesig und wurde immer größer. Das
war ein Riesenareal. Jetzt sieht man das ja kaum noch, das ist alles zum größten Teil abgerissen.
Haben Sie jemals vorher die DDR infrage gestellt?
Infrage gestellt sicher nicht, aber wir hatten schon überlegt, ob man etwas anders machen könnte ohne jetzt
an der Existenz der DDR zu rütteln, das war völlig außen vor. Also dieser Gedanke, dass sich das alles mal so
in Wohlgefallen auflöst, den gab es eigentlich erst ganz zum Schluss. Das war vielleicht so ab Mai 1989.
Vorher hatte man immer gedacht, man muss die Situation verbessern. Man muss das Land demokratischer
gestalten.
Wie entstand die Idee die Auszählung der Kommunalwahlen zu beobachten?
Ich war im Johannstädter Friedenskreis und dort wurde das beschlossen. Die Idee ist viel älter, die ist auch
nicht in Dresden entstanden. Irgendwie ist sie zur gleichen Zeit in der DDR entstanden. Die Friedensgruppen
in Dresden sind ja alle untereinander vernetzt gewesen. Da gab es die AG Frieden und da waren die
ökologischen und die Friedensgruppen alle unter einem Dach. Jedenfalls wusste der eine Kreis von dem
anderen, was der gerade tut und was man zusammen machen könnte. Und in diesem Rahmen ist damals im
Frühjahr schon sehr zeitig darüber gesprochen wurden, dass man so etwas eigentlich mal machen könnte.
Das waren ja auch nicht nur kirchliche Gruppen, sondern ich weiß zum Beispiel vom Kulturbund der TU da
gab es auch eine Gruppe von Studenten und Assistenten, die da auch mitgemacht haben.
Wie verliefen die Planungen genau?
In der AG Frieden wurde Dresden territorial aufgeteilt, wir hatten damals Mitte und das bedeutete möglichst
viele Wahllokale im Bezirk Mitte mit Leuten zu besetzen, die an der Auszählung teilnehmen. Die Auszählung
war öffentlich. Man konnte also da hin gehen, sich an den Tisch stellen und warten bis die Urnen auf den
Tisch gekippt wurden. Jeder einzelne Zettel wurde angeguckt. Ist es eine JA-Stimme oder eine NEIN-Stimme
oder eine ungültige Stimme? Und das musste laut Wahlgesetz der DDR öffentlich erfolgen.
In welchem Wahllokal waren Sie?
Ich war auf dem Hans-Beimler-Platz, der heißt heute Sternplatz, in der Herkuleskeule. Da war ich
glücklicherweise mit einem Freund, denn ein Wahllokal wurde geteilt. Das wurde in Dresden oft gemacht,
wahrscheinlich weil sie wussten, dass die Auszählung beobachtet wird und um das ein bisschen zu
erschweren, haben sie die Wahllokale geteilt. Wir waren aber glücklicherweise zu zweit, so dass wir uns
teilen konnten und jeder hatte dann eins.
Was haben Sie dort erlebt?
Als die Auszählung begann, war das Wahllokal schon voll. Da standen Massen Leute um den Tisch rum, also
das waren natürlich alles von denen ausgedungene Auszähler und da musste man sich erst einmal an dem
Tisch einen Platz erkämpfen. Dann wurde ausgezählt und die Ergebnisse wurden hinterher bekannt
gegeben. Direkt vor Ort. Und das musste man sich aufschreiben. Ich habe jetzt kürzlich bei einer
Veranstaltung gehört, dass es auch Wahllokale gab, wo Aufschreiben verboten wurde, aber dort, wo ich
war, konnte man es auf einen Zettel schreiben, da hat keiner etwas gesagt. Das Problem war nur, wenn man
sich mal angeschaut hat, wer dort gewohnt hat, das Ergebnis entsprach genau dem offiziell verkündeten
Wahlergebnis. 99%. Das war schon ziemlich deprimierend. Und bei meinem Freund, der im
Nachbarwahllokal war, war es ganz genauso.
Hatten Sie das Gefühl, es lief alles ohne Betrug?
Ja, das Gefühl hatte ich schon. Bis auf die Sache mit der Wahlbeteiligung.
Normalerweise hätten die sagen müssen – so steht es auch im Wahlgesetz – wie viele Leute eigentlich
wählen waren. Da muss gesagt werden: Dieses Wahllokal hat meinetwegen 5673 Wähler und davon waren
heute 4540 da. Diese Zahl aber ist nie bekannt gegeben wurden. Also, wer nicht gegangen ist, der fiel
einfach unter den Tisch.
Und was ist mit dem Ergebnis passiert?
Die Ergebnisse wurden gesammelt. Unser Friedenskreis hat die für sich gesammelt. Dann gab es in Dresden
die Superintendantur, die haben sie wiederum für gesamt Dresden gesammelt, also für die Stadt Dresden.
Nachträglich kamen noch viele Leute, die das irgendwie gehört hatten und die gesagt haben, also hier sind
die Ergebnisse von unserem Wahllokal. Dieses Ergebnis ist dann zusammengefasst wurden und ein Freund,
der bei ROBOTRON gearbeitet hat, hat das am Rechner aufgearbeitet. Da gibt es riesig lange Listen, da steht
jedes Wahllokal drauf und die offiziell bekannt gegebenen Stimmen, alles detailliert aufgerechnet. Sie haben
das dann nach Berlin gebracht. Da gab es diese Zeitung: Der Wahlfall - dort waren die ganzen DDRErgebnisse veröffentlicht.
Sind die Ergebnisse für Dresden auch gegenüber den politisch Verantwortlichen ausgewertet wurden?
Wir haben einen offenen Brief geschrieben an Prof. Dr. Lothar Kolditz, er war der Vorsitzende des
Nationalrats der Nationalen Front der DDR und er war der Einzige, der gegen die Richtigkeit der Wahl
Einspruch erheben konnte. Er hat von uns den offenen Brief bekommen, den er nie beantwortet hat und
daraufhin haben wir die Ergebnisse als Flugblatt in Dresden verteilt. Das waren bestimmt 1500 Stück. Da
standen dann unsere recherchierten Ergebnisse drauf. Wir haben die Flugblätter hier im Haus gedruckt.
War das nicht gefährlich?
Das war schon zu einer Zeit, wo man sich nicht mehr viel Gedanken gemacht hat. In Ungarn hatten sie
gerade die Stacheldrahtzäune abgebaut. Da hatte keiner mehr richtig Angst.
Trotzdem deprimierend. Wenn man sich überlegt, wie groß die Unzufriedenheit in der Bevölkerung war und
trotzdem waren über 80% noch immer für die Kandidaten der Nationalen Front. Da fragt man sich schon,
mit welchen Leuten man in einem Land zusammen lebt. Das ist schon eigenartig gewesen. Denn die
Wahlfälschung war ja nun nicht so, dass sie um 50% gefälscht hätten. So 10-15% - in dieser
Größenordnung bewegte sich das. Also die Masse der Bevölkerung war immer noch für diese Kandidaten.
Oder sie waren für gar nichts, sie haben einfach ihren Zettel dort reingeschmissen und gut war.
Was haben Sie nach der Wahlauszählung gemacht?
Nichts Besonderes. Wir hatten ja auch unseren Alltag. Es war Sommer, Urlaubszeit. Ich war ja dann auch 10
Tage in der Bundesrepublik. Ich musste mich um die Kinder kümmern und hatte die Baustelle am Hals. Da
war schon immer noch genug anderes zu tun.
Waren Sie bei den ersten Demonstrationen in Dresden im Oktober 1989 dabei?
Ja. Am 4.Oktober am Hauptbahnhof. Das war aber eher unangenehm. Es war alles noch sehr brutal und
Brutalität ist überhaupt nicht mein Ding. Ich war bei einem Bekannten in der Neustadt. Und von dort aus
hörte man schon die Blaulichtfahrzeuge mit Sirene den Berg herunter kommen, das war die
Bereitschaftspolizei. Da bin ich dann mit einem Freund zum Hauptbahnhof gelaufen, wir wussten ja, dass die
Züge an diesem Tag kommen sollten. Der Vorplatz war schwarz von Menschen und dieses eine Polizeiauto
brannte auch schon, wo man jetzt weiß, das war alles inszeniert. Das hatte die Stasi selbst angezündet. Man
weiß auch nicht, wer die Rowdys waren, die dort mit Steinen warfen. Es wurde jedenfalls heftig mit Steinen
geworfen und die Polizei war massiv da und auch Wasserwerfer. Das war schon sehr bedrückend und auch
sehr beängstigend. Und dazu noch diese Sprechchöre: WIR WOLLEN RAUS! und WIR WOLLEN WEG! – das
war nicht unser Ding. Oder besser gesagt, mein Ding.
Warum sind Sie dann überhaupt hin?
Ich wollte das doch sehen, wenn der Staat mal ein paar auf die Nase kriegt. Das kann man sich doch nicht
entgehen lassen. Ich war auch am nächsten Tag noch einmal dort, das war wie ein Sog. Und dann gab es
erst die erste Demonstration, die auch geordnet war und wo auch Leute dabei waren, die nicht weg wollten,
die auch da bleiben wollten und es eben anders haben wollten. Das waren dann die WIR-BLEIBEN-HIERSprechchöre.
Wie ging es weiter?
Es kam ja Bewegung in die Sache. Es wurde überhaupt miteinander gesprochen. Von Seiten der Polizei hörte
dann auch die Konfrontation auf. Der Frank Richter, ein katholischer Kaplan, war ja mit in der Gruppe der 20
und das war ein sehr aufrichtiger Mann. Solchen Leuten hat man das zu verdanken. Es waren ja auch ganz
viele Leute da zufällig hineingeraten, die dann auch ganz schnell wieder aufgehört haben.
Und Sie?
Ich habe beim Demokratischen Aufbruch mitgearbeitet. Wir haben hier die Dresdener Gruppe des
Demokratischen Aufbruchs gegründet.
Wir haben einfach geguckt, was so geht. Das Neue Forum, das waren so viele und das war so
unübersichtlich. Damals klang das ganz vernünftig, was der Demokratische Aufbruch so an Zielen formuliert
hat – sozial und ökologisch. Das fand ich ganz gut.
Wir haben Räume bekommen vom Rat des Bezirkes und wir konnten auch Arbeitskräfte einstellen. Aber in
dem Moment, wo aus der Bürgerbewegung eine Partei werden sollte, bin ich ausgestiegen. Partei wollte ich
nicht und CDU schon gar nicht. Das war ja dann so eine Mischung: Allianz für Deutschland – CDU, DSU und
DA. Damit driftete der Demokratische Aufbruch so an den mittleren bis rechten Rand der CDU. Da kam dann
auch Lothar Späth und da war schon klar, in welche Richtung es gehen sollte. Sie versuchten die Leute vom
Demokratischen Aufbruch unter dem Versprechen von Posten in die CDU zu kriegen. Der ganze
Demokratische Aufbruch ist dann in die CDU übergegangen. Bis auf die Leute die vorher raus sind. Dazu
habe ich gehört.
Ich wollte nichts Politisches machen, ich wollte in meinem Beruf weiter arbeiten. Da gab es genug zu tun.
Was waren Ihre Ziele in der Anfangszeit? Wofür haben Sie sich eingesetzt?
Wir wollten da Sachen einführen, über die redet keiner mehr, weil die schon so normal sind. Essen auf
Rädern beispielsweise und Sozialer Friedensdienst. Das war richtige Programmarbeit. Wir haben auch
Versammlungen gemacht und Mitglieder geworben. Das war interessant. Da konnte man einfach irgendwo
anrufen und kriegte so einfach die Räume. Ich habe damals in einer Schule angerufen und gesagt: Ich
brauche ihre Aula. Das ging einfach so. Da musste man noch nicht einmal Geld bezahlen. Dort haben wir
dann unsere Versammlungen gemacht.
Von heute aus betrachtet, denken Sie, es hat sich gelohnt, was Sie damals gemacht haben?
Na klar, auf alle Fälle.
Ist es heute auch das, was Sie wollten?
Nein. Aber das, was man will, kriegt man doch sowieso nie. Trotzdem ist es eine gute Ausgangsposition.
Auch für die Kinder ist es toll. Was die für Möglichkeiten haben. Dafür hat es sich auf alle Fälle gelohnt. Klar
gibt es viele Leute, die meckern. Es gibt auch viele Leute denen es nicht so gut geht. Das ist schon alles
traurig, aber auf jeden Fall denke ich, es geht allen besser, als zu DDR-Zeiten. Nur die Unterschiede sind
größer geworden. Und das ist etwas, was ein Mensch schwer vertragen kann. Wenn es anderen sehr gut
geht und mir selbst geht es mies oder mieser.
Würden Sie sich politisch links einordnen?
Ja. Obwohl ich nicht in diesen Kategorien denke, aber wenn überhaupt, dann linke Mitte.
Welche Themen sind für Sie heute wichtig?
Meinen Sie, was ich tue? Da muss ich leider zugeben, dass ich nichts tue.
Das wäre die nächste Frage gewesen, erst einmal möchte ich wissen, was heute für Sie wichtig ist.
Nach wie vor finde ich, dass es in diesem Land eine extreme soziale Ungerechtigkeit gibt. Das ist schon
bitter. Da fällt mir aber auch nichts ein, was man dagegen tun könnte. Das macht mich schon traurig, dass
es wenige Leute gibt, die am Rande leben und wenig dafür können.
Was mich im Moment beunruhigt, das ist, wenn ich gerade jetzt wieder die Wahlplakate der NPD sehe. Die
Machtlosigkeit dieses Staates macht mir Angst. Ich befürchte, dass immer mehr Leute aus sozialer Not dahin
getrieben werden. Wenn ich diesen Populismus sehe, der auf den Wahlplakaten steht, dann gucken die
schon, was die Leute so am Biertisch reden und bedienen diese Klischees. Das ist schon beängstigend. Da
würde ich mir schon mehr Engagement des Staates dagegen wünschen.
Wenn Sie die Gesellschaftsmodelle Sozialismus und Kapitalismus vergleichen, welches Modell halten Sie für
das bessere?
Für das kleinere Übel halte ich den Kapitalismus, der ist wenigstens reformierbar. Der Sozialismus war es
leider nicht. Obwohl wir ja den Sozialismus wahrscheinlich nie kennen gelernt haben, vielleicht würde es ja
sogar einen Sozialismus geben, der gut wäre.
Engagieren Sie sich heute noch politisch?
Minimal. Dinge, die das Wohngebiet betreffen. Also wenn hier die Bautzener Strasse zur vierspurigen
Autobahn ausgebaut werden soll, da engagiere ich mich. Oder gegen die Bebauung des Elbhanges oder
gegen die Brücke - Ja, was mache ich noch? So ein bisschen Obdachlosenarbeit in unserer Gemeinde.
Unsere Gemeinde beteiligt sich im Winter an den Nachtcafés und neben den Sozialarbeitern sind immer
noch ehrenamtlich Mitarbeiter da, die dann einfach mal mit den Obdachlosen reden oder etwas mit ihnen
spielen oder ihnen helfen beim Antrag ausfüllen. Das war aber im letzten Winter dreimal, dass ich dort war.
Das ist nicht der Rede wert.
Woran liegt das? Ist der Elan weg?
Ich weiß es nicht. Einerseits ist es beruflich mehr geworden, als es früher war. Irgendwie bleibt weniger Zeit.
Was haben Sie aus den Wendejahren für sich mitgenommen?
Ich habe gelernt, dass es vielleicht doch lohnt, sich an bestimmten Punkten einzumischen. Dass es nicht
völlig vergeblich ist, wenn man etwas versucht zu verändern.
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