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Dauernd schwindelig – Was tun? - MDR

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I n f o r m a t i o n s m a t e r i a l
v o m
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Dauernd schwindelig – Was tun?
Schwindelattacken sind einer der häufigsten Gründe, den Arzt aufzusuchen. Jeder
fünfte Deutsche ist betroffen, etwas mehr Frauen als Männer. Schwindelanfälle nehmen mit dem Alter zu, dennoch bleiben auch viele junge Leute nicht verschont. Im Laufe seines Lebens kann jeder Vierte damit rechnen, einmal krankhafte Probleme mit seinem Gleichgewicht zu bekommen.
Schwindelattacken kennt jeder. Sie treffen
auch Gesunde – im Bus, auf dem Schiff, auf
einem hohen Turm, wenn man zu viel Stress
oder zu wenig Schlaf hatte. Zu niedriger
Blutdruck kann ebenso zu Schwindel führen
wie eine neue Brille. Solche Ursachen sind
meist schnell gefunden. Anders bei chronischem Schwindel. Hier werden die Patienten
oft über Wochen oder Monate von einem
Spezialisten zum nächsten geschickt, ohne
dass eine Ursache gefunden wird. Ein Teufelskreis. Denn je länger der Schwindel da
ist, umso mehr wachsen Angst und Unsicherheit und machen dem Patienten zu
schaffen. Schwere Stürze mit erheblichen
Folgen sind keine Seltenheit.
Doch in den letzten Jahren hat sich einiges
getan. Deutschlandweit gibt es mittlerweile
drei große Schwindelzentren, die Ärzte und
Therapeuten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenführen. Neben dem Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum in München, sind Essen und Jena weitere Standorte. „Bei uns schauen sich Neurologen, HNO-Ärzte, Physiotherapeuten und
Psychologen gemeinsam die Patienten an.
Ihnen wird so eine lange Diagnose-Odyssee
erspart“, erklärt Professor Hubertus Axer,
Leiter des Schwindelzentrums Jena. Hier
wird den Patienten auch eine einwöchige
Schwindel-Therapie angeboten.
Doch an erster Stelle steht zunächst, die
richtige Diagnose zu finden. Wie sich der
Schwindel anfühlt, ist dabei ein erster wichtiger Hinweis für den Arzt. Folgende Arten
unterscheidet man hauptsächlich:
Schwankschwindel: Der Patient fühlt sich
wie auf einem Schiff, seine Umgebung
schwankt erheblich. Die Ursache liegt möglicherweise im Gehirn.
Drehschwindel: Der Patient fühlt sich wie
auf einem Karussell, alles um ihn herum
dreht sich. Die Ursache kann beispielsweise
im Gleichgewichtsorgan liegen.
Benommenheitsschwindel: Der Patient sieht
alles verschwommen. Ursachen können
Medikamente sein, Unterzuckerung oder
Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Als nächstes wird der Arzt nach der Dauer
des Schwindels, der Häufigkeit der Attacken
und den Auslösern fragen. Wichtig für die
Diagnose sind auch eventuelle Begleiterscheinungen wie Erbrechen, Hörstörungen,
Ohrgeräusche oder Gangunsicherheit. Je
nach Beschwerdebild kommen dann neurologische Tests und technische Diagnoseverfahren wie MRT oder Ultraschall zum Einsatz.
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Der Fall: „Es muss doch irgendeine Ursache haben“
Dagmar B., 63 Jahre. Im Januar 2012 wird ihr plötzlich schwarz vor Augen. „Ich habe wie einen
Schlag bekommen, nach links. Das ganze Zimmer drehte sich, stand Kopf. Ich hatte zum Glück
das Bett neben mir. Da bin ich direkt reingefallen“, so die Thüringerin. Sie macht sofort einen
Termin bei ihrer Hausärztin. Doch diese kann sich die immer häufiger werdenden Schwindelanfälle nicht erklären. Sie wird zu fünf weiteren Spezialisten überwiesen, darunter Orthopäden,
Neurologen und ein HNO-Arzt. Aber auch sie kommen der Ursache des Schwindels nicht auf die
Spur.
Die Patientin ist zunehmend verunsichert. „Da ist eine gewisse Verzweiflung, die dazu kommt.
Weil man sich sagt, mein Gott, es muss doch irgendeine Ursache haben. Alles ist untersucht
worden. Es sind Gleichgewichtsuntersuchungen gemacht worden. Es ist die Halswirbelsäule untersucht worden. Und kein Ergebnis.“
Im November 2012 – ganze zehn Monate nach dem Auftreten der ersten Symptome – wird ihr
so schwindlig, dass sie stürzt und sich das Bein bricht, ein komplizierter Schienbeinbruch. Noch
in der Notaufnahme der Uniklinik Jena wird sie in die Neurologie überwiesen und eine Magnetresonanztomografie gemacht. Da endlich findet man die Ursache für die Schwindelanfälle:
„Im MRT haben wir gesehen, dass es ein Gefäß gibt, was direkten Kontakt zum Nerv hat, sich
sogar so ein bisschen drum herum schlingt. Das führt letztlich zu einer Reizung der Nerven und
die löst den Schwindel aus“, erklärt der Neurologe Professor Hubertus Axer. Für die Patientin ist
der Sturz Glück im Unglück. Dank der Diagnose wird sie seit einem Jahr mit Medikamenten behandelt, die die Durchblutung fördern. Die Schwindelanfälle sind deutlich weniger geworden.
Die häufigsten Ursachen
Schwindel kann unglaublich viele Ursachen
haben, das macht ihn so tückisch. Die Stärke der Attacken sagt dabei nichts über die
Schwere der Erkrankung aus. So gibt es
akute Erkrankungen, wie die Entzündung
des Gleichgewichtsnervs, die einige Tage
starken Schwindel verursacht und dann abklingt. Auf der anderen Seite muss leichter
Schwindel keineswegs harmlos sein, weil er
chronisch werden und den Patienten über
lange Zeit beeinträchtigen kann. Die häufigsten Schwindelerkrankungen im Überblick:
Der gutartige Lagerungsschwindel ist die
häufigste krankhafte Schwindelform. Etwa
10 bis 20 Prozent aller Menschen bekommen im Laufe ihres Lebens eine derartige
Schwindelattacke. Der Drehschwindel tritt
immer dann auf, wenn der Kopf schnell in
eine andere Richtung gedreht wird, wie
beispielsweise nach dem Herumdrehen im
Bett. Die Ursache liegt im Gleichgewichtsorgan, wo sich im hinteren Bogengang Kalziumkarbonatkristalle bilden, die zu Schwindelattacken führen. Bei etwa zwei von drei
Patienten verschwindet der Lagerungsschwindel so plötzlich wie er gekommen ist.
Es gibt allerdings auch Patienten, die wiederholt darunter leiden. In vielen Fällen las-
sen sich die Schwindelattacken dann mit
einer speziellen Lagerungsübung – dem
sogenannten Semont-Manöver – in den
Griff bekommen.
Der einseitige Ausfall des Gleichgewichtsorgans ist meist die Folge einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs. Eine solche Entzündung entsteht beispielsweise
durch Herpesviren. Die Patienten empfinden
einen heftigen, dauerhaften Drehschwindel,
einhergehend mit Übelkeit und Erbrechen.
Das Gehör ist aber nicht beeinträchtigt. Die
Entzündung wird mit Kortisonpräparaten
behandelt. Unter Umständen ist auch eine
umfassende Schwindeltherapie mit Physiotherapie und Alltagstraining sinnvoll, um
eine Chronifizierung zu vermeiden.
Die Menièrsche Erkrankung ist auch eine
häufige Schwindelursache. Typische Symptome sind Drehschwindel, eine Hörminderung und Ohrgeräusche. Die Ursache liegt
im Innenohr. Die Ursache liegt vermutlich in
Veränderungen des Flüssigkeitshaushaltes
des Innenohrs. Wichtig ist eine genaue Diagnostik des Gleichgewichtsorgans und des
Gehörs, um andere Ursachen auszuschließen. Die Therapie ist oft langwierig, umfasst
Medikamente und Physiotherapie.
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Stichwort: Nystagmus
Häufig fällt bei der Diagnose von Schwindelerkrankungen der Begriff Nystagmus. Er bezeichnet
die unbewussten, rhythmischen Bewegungen der Augen oder Augenzittern. Es ist ein typisches
Symptom des Schwindels.
Typisch für eine Schwindelmigräne sind
spontane, wiederkehrende Schwindelattacken, begleitet von zum Teil heftigen Kopfschmerzen, Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Der Großteil der Patienten
hatte bereits früher Migräne, die aber mit
den Jahren nachließ. Im Alter tritt dann
plötzlich der Schwindel in den Vordergrund.
In der Regel kann den Patienten mit Migränemedikamenten
und
MigräneAlltagstraining geholfen werden.
Die Erkrankung mit dem schwierigen Namen Vestibularisparoxysmie ist eine neuere medizinische Erkenntnis. Die Patienten
erleiden sehr häufig kurze Schwindelattacken, bis zu einhundert Mal am Tag. Oft
gehen die Symptome mit einer einseitigen
Hörminderung oder Tinnitus einher. Der
Grund ist eine anatomische Besonderheit.
Bei einigen Patienten befindet sich an der
Schädelbasis eine Arterie, die dort Kontakt
zum Gleichgewichtsnerv hat und ihn durch
ihr Pulsieren schädigt. Die Erkrankung ähnelt der sogenannten Trigeminusneuralgie
und tatsächlich helfen auch die gleichen
Medikamente.
Nicht jeder Schwindel hat organische Ursachen. Mediziner sprechen dann von „somatoformen“ oder „psychogenen“ Schwindel. Auch diese Form kommt häufig vor. Die
Patienten bekommen die Attacken in bestimmten Situationen, zum Beispiel in einer
großen Menschenmenge. Sie fühlen sich
wie „betrunken“, mit einem Leeregefühl im
Kopf. Die Patienten bilden sich diese Beschwerden keineswegs ein. Die Beschwerden sind real und können Folge einer eigentlich ausgeheilten Schwindelerkrankung
sein, oder ihre Ursache in Angsterkrankungen und Depression haben.
Schwindel im Alter kann ein Anzeichen
für eine Herz-Kreislauf- oder ParkinsonErkrankung sein. Zudem kann Schwindel bei
einem Teil der Betroffenen ein frühes Zeichen für die Entwicklung einer Demenz sein.
Mithilfe von Ganganalysen kann bei diesen
Patienten eine klare Diagnose gestellt werden. Im Idealfall kann durch eine spezifische
Therapie ein Fortschreiten der Erkrankung
hinausgezögert werden.
Mit einer einzigen Pille ist es nicht getan – neues Therapiekonzept
Die Diagnose bestimmt die Therapie. Und
nur bei den wenigsten Ursachen hilft ein
Medikament allein, um von den Schwindelattacken erlöst zu werden. Besonders
chronische Schwindelpatienten brauchen
eine ganzheitliche Therapie, die das Problem
von vielen verschiedenen Seiten anpackt.
Daniel K., 33 Jahre, seine erste Schwindelattacke trifft ihn eines Morgens auf dem Weg
zur Arbeit. „Ich saß im Auto, spürte mit
einem Mal einen Schlag, wie ein Aussetzer,
ein innerlicher. Ich bin an die Seite gefahren,
habe gemerkt, irgendwas stimmt nicht, mir
wurde übel.“ Nach mehreren Untersuchungen steht fest: Sein Gleichgewichtsorgan im
rechten Innenohr funktioniert nicht richtig.
Es folgt ein Krankenhausaufenthalt, Kortisontherapie. Doch die Beschwerden werden
nicht besser. Die Panik vor der nächsten
Schwindelattacke ist allgegenwärtig, der
Schwindel mittlerweile chronisch. „Ich kriege diesen Gedanken aus dem Kopf nicht
raus: Das kann wieder passieren. Es ist, als
ob man seinen Körper nicht mehr unter
Kontrolle hat.“ Der dreifache Familienvater
kann nicht allein einkaufen gehen, hält keine Menschenmengen aus.
Seine Hoffnung liegt nun in einer speziellen
Schwindelwoche im Schwindelzentrum Jena, die er gemeinsam mit sieben weiteren
Patienten absolviert. Hier bekommt er einen
individuellen Therapieplan, wird von einem
Team aus Fachärzten, Psychologen, Physiotherapeuten und Krankengymnasten betreut. Fünf Tage lang, täglich acht Stunden.
Schon am ersten Tag wird deutlich: „Du bist
nicht der Einzige. Da sind noch andere Leute, denen geht es stellenweise schlechter als
dir selber“, so der Thüringer. Die Patienten
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machen
täglich
krankengymnastische
Übungen, die den Gleichgewichtssinn trainieren, sie lernen Entspannungsübungen
und Tricks, wie sie gelassener mit dem
Schwindel umgehen können. „Wir wissen,
dass bei vielen Schwindelpatienten Ängste
eine große Rolle spielen, in der Entstehung
oder auch in der Aufrechterhaltung des
Schwindels. Deshalb ist es wichtig, sich anzuschauen, welche Gedanken spielen eine
Rolle beim Schwindel, wie stark sind die
Patienten unter Stress“, erklärt Psychologin
Steffi Nodop. Durch das ganzheitliche Alltagstraining können die meisten Patienten
schon nach wenigen Tagen besser mit den
Schwindelattacken umgehen. Bei vielen
verschwinden sie mit der Zeit dann ganz.
Jeder kann sein Gleichgewicht trainieren
Tipps von Physiotherapeutin Gitte Baumeier
Jeder kann seinen Gleichgewichtssinn trainieren – Schwindelpatienten genauso wie
Gesunde, die fit bleiben wollen. Je nach
Konstitution müssen dabei Abstriche gemacht werden. Patienten mit akuten
Schwindelattacken sollten erst einmal im
Liegen oder Sitzen Übungen machen und
sich langsam an höhere Schwierigkeitsgrade
herantasten.
Augen fixieren
Daumen hoch und Arm ausstrecken, den
Daumen mit den Augen fixieren. Dann den
Arm von rechts nach links bewegen und mit
den Augen strikt dem Daumen folgen. Der
Kopf bewegt sich dabei nicht mit! Anschließend den Arm nach oben und unten bewegen. Alle Übungen 20 Mal pro Richtung.
Wenn der Schwindel nachlässt: Auf der
Straße vorbeifahrende Autos oder Züge
fixieren und hinterherschauen. Oder auf
einen Drehhocker setzen, einen Punkt in 50
Zentimeter Entfernung fixieren und Hocker
langsam nach links und rechts drehen, ohne
den Punkt aus den Augen zu lassen.
Einbeinstand
Der Stand auf einem Bein trainiert das
Gleichgewicht. Das Knie sollte etwa hüfthoch gehoben werden, Arme zur Seite ausstrecken. Schwindelpatienten machen diese
Übung am besten in einem Türrahmen, um
sich zur Not festhalten zu können. Geübte
können beim Einbeinstand auch die Augen
schließen. Können Sie den Einbeinstand nur
5 Sekunden lang halten, sind Sie sturzgefährdet. 25 Sekunden sollten Sie schaffen,
wenn Sie 60 sind. Schaffen Sie 40 Sekunden, sind Sie "gefühlte" 40 Jahre alt, schaffen Sie 50 Sekunden, "gefühlte" 30 Jahre.
Blindgang
Laufen Sie auf einer etwa vier Meter langen
Linie, zum Beispiel einer Parkett- oder Teppichkante, entlang. Wer Gleichgewichtsprobleme hat, sollte mit offenen Augen
gehen, den Blick aber nicht nach unten richten, sondern nach vorn. Wer fit ist, kann
auch die Augen schließen. Verläuft die Gehstrecke bogenförmig, ist Ihr Gleichgewichtssinn gestört.
Alltagstipps
Festhalten: Wem schwindlig wird, der sollte versuchen, sich irgendwo festzuhalten,
zum Beispiel in einem Türrahmen. Besonders für Ältere ist es sinnvoll, zusätzliche
Haltegriffe im Badezimmer oder Flur zu
montieren, das verhindert Stürze. Außer
Haus geben Walkingstöcke oder ein Rollator
Sicherheit beim Gehen.
Festen Punkt fixieren: Bei einer akuten
Schwindelattacke sollte man ruhig durchatmen und mit den Augen einen festen Punkt
fixieren. Das gibt dem Sehsinn Orientierung
und beruhigt das Gleichgewichtsorgan.
Wechselbäder: Wer an niedrigem Blutdruck leidet, kann seinen Kreislauf mit
Wechselbädern oder einem kühlen Unterarmbad in Schwung bringen. Durch einen
Zusatz mit Rosmarinöl wird dieser Effekt
noch verstärkt.
Ingwer: Ingwer lindert Schwindel und
Übelkeit, besonders wenn die Symptome
beim Reisen mit Bus, Bahn oder Schiff auftreten. Man kann ihn stückchenweise kauen
oder als Tee trinken. Es gibt ihn auch in
Form von Reisekaugummi und Kapseln.
Riechampullen: Wenn keine organische
Ursache für den Schwindel gefunden werden kann, könnten Riechampullen aus der
Apotheke für einen Schwindelstopp sorgen.
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Kontakt Schwindelzentren:
Universitätsklinikum Jena, Schwindelzentrum, Hans Berger Klinik für Neurologie
Erlanger Allee 101, 07747 Jena
Tel.: 03641/9 325 785, Fax: 03641/9 325 792
E-Mail: Schwindelzentrum@med.uni-jena.de
Uniklinikum München
Deutsches Schwindel- und Gleichgewichtszentrum
Telefon: 089 / 70 95-6980
Internet: www.schwindelambulanz-muenchen.de
Schwindel-Zentrum Essen, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen
Hufelandstr. 55, 45122 Essen
Telefon: 0201 723 83180, Fax: 0201 723 5594
E-Mail: schwindel@uk-essen.de
Zum Weiterlesen:
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat viele hilfreiche Informationen zum Thema
Schwindel in einer 53-seitigen kostenlosen Broschüre zusammengetragen. Die Publikation „Der
Schwindel. Forschung – Diagnose – Therapie“ kann wie folgt bestellt werden:
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Postfach 30 02 35, 53182 Bonn
Tel.: 01805 262 302, Fax: 01805 262 303
E-Mail: books@bmbf.bund.de, Internet: www.bmbf.de/pub/der_schwindel.pdf
Neue Haut für Brandwunden
Brandverletzungen sind extrem schmerzhaft und langwierig. Etwa 20.000 Deutsche
verbrennen sich jedes Jahr so schwer, dass sie in einer Klinik behandelt werden müssen. Besonders kritisch sind Brandwunden bei Kindern.
Die Welt zu erkunden, kann gefährlich sein.
Das muss die kleine Heidi schmerzhaft erfahren, als sie zu Besuch bei Oma und Opa
ist. Draußen ist es kühl, drinnen wärmt der
Kaminofen. Viele aus der Familie sind im
Raum und Heidi weiß, dass sie nicht zu nah
an den Ofen darf. Doch die Einjährige ist
noch nicht sicher auf ihren Beinen. Sie stolpert, keiner kann verhindern, dass sich Heidi
mit ihren Händen am Kamin abfängt.
Nach der notärztlichen Behandlung steht
fest: Sie muss operiert werden. Heidis linke
Handfläche ist zu stark verbrannt. Die Wunde muss mit Ersatzhaut versorgt werden. Im
Brandverletztenzentrum des Klinikums Sankt
Georg in Leipzig nimmt Chirurg Ulrich Sorge
die Transplantation vor. Eine solche wird
nötig, wenn die Brandwunden sehr tief
sind. „In Heidis Fall ist die Verbrennung
nicht ganz so tief. Aber wir machen es, um
einen schnelleren Wundverschluss zu errei-
chen.“ Denn Heidi ist noch im Krabbelalter,
die Gefahr einer Infektion ist groß. Ziel ist
außerdem, dass in der Handfläche wenig
Narbengewebe entsteht. Das könnte sonst
ein Leben lang das Greifen behindern. Die
Ersatzhaut für die Wunde spendet Heidi
selbst. Während bei Erwachsenen die Haut
aus dem Oberschenkel entnommen wird,
wird bei Kindern aus der Kopfhaut eine
dünne Schicht geschnitten. „Wir nehmen
die sogenannte Spalthaut. Die Empfängerstelle heilt dann besser an und die Spenderstelle kann besser abheilen“, so Dr. Sorge.
Nach rund einer Stunde hat Heidi die OP
überstanden.
Kinder bis zehn Jahre machen etwa zehn
Prozent der Patienten in einem Brandverletztenzentrum aus. Fast 70 Prozent der
Patienten sind Männer. Wie lässt sich das
erklären? „Das lässt sich zum einen mit einem relativ hohen Anteil an Arbeitsunfällen
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erklären, wie sie bei Feuerwehrleuten oder
Elektrikern auftreten“, erklärt Dr. Sorge.
„Zum anderen sind Männer risikobereiter
und auch unvernünftiger. Verletzte nach
Grillunfällen mit Brandbeschleunigern sind
unser Hauptklientel. Leider werden dabei
auch häufig Unbeteiligte erheblich verletzt.“
Damit Brandwunden gut heilen, empfiehlt
der Experte möglichst viel Luft heran zu
lassen. „Leider gibt es immer noch Leute,
die Mehl oder andere Hausmittelchen auf
Brandwunden schütten. Das ist kompletter
Unsinn und sollte unterlassen werden.“
Bei der kleinen Heidi sind die Wunden an
Kopf und Hand nach drei Monaten gut verheilt. Sie kann sich problemlos an Papas
großem Daumen festhalten. Die Erfahrung,
was „heiß“ bedeutet, bleibt für Heidi zum
Glück ohne Folgen.
Erste Hilfe bei Verbrennungen und Verbrühungen
 Bei großflächigen Verbrennungen:
Sofort den Rettungsdienst unter 112
rufen und mit einer Rettungsdecke




dafür sorgen, dass der Patient nicht
auskühlt.
Bei kleineren Wunden: Kühlen Sie
die verletzten Stellen etwa zehn Minuten mit kaltem Leitungswasser.
Das Kühlen mit Eiswasser oder Eispackungen wird nicht empfohlen,
da Unterkühlungsgefahr droht.
Verbrühte und verbrannte Kleidung
sollte sofort ausgezogen werden, sofern sie nicht mit der Haut verklebt
ist. Mit der Haut verklebte Stücke
durch den Arzt entfernen lassen.
Niemals Hausmittelchen wie Mehl,
Zahnpasta oder Öl auf Brandwunden geben. Eine Brandwunde
braucht Luft und Zeit zum Heilen.
Suchen Sie einen Arzt auf, wenn das
Gesicht oder die Genitalien betroffen sind und die Brandwunden sehr
tief sind. Sind mehr als zehn Prozent
der Körperoberfläche betroffen, erfordert dies im Allgemeinen eine stationäre Behandlung.
Zum Weiterlesen:
Die Präventionsbroschüre "Aktion Paulinchen – So schützen Sie Ihr Kind vor Verbrennungen und
Verbrühungen" gibt wichtige Tipps zur Vorbeugung von thermischen Verletzungen. Sie kann in
größerer Stückzahl, zum Beispiel für Erste-Hilfe-Kurse und Kindergärten, kostenlos unter info@paulinchen.de bestellt werden. Paulinchen, die Initiative für brandverletzte Kinder e.V., berät
auch Familien nach Verbrennungs- und Verbrühungsunfällen und hilft bei Problemen in der Rehabilitationszeit: www.paulinchen.de.
Gäste im Studio:
Prof. Hubertus Axer, Schwindelzentrum Jena, Facharzt für Neurologie und Anatomie
Gitte Baumeier, Physiotherapeutin
Dr. Ulrich Sorge, Brandverletztenzentrum, Klinikum St. Georg Leipzig
Gäste im Chat16:
Prof. Hubertus Axer, Schwindelzentrum Jena, Facharzt für Neurologie und Anatomie
Sigrid Finn, Fachärztin, Schwindelzentrum Jena
Buchtipp
Wertvolle Tipps, wie Sie dank einfacher Hausmittel Ihre Selbstheilungskräfte aktivieren und Ihren
Körper wieder ins Gleichgewicht bringen können, finden Sie auch im neuen Hauptsache Gesund-Buch „Meine besten Hausmittel“. ISBN: 978-3-89883-272-4; 19,95 Euro
Erhältlich im Buchhandel und im MDR-Shop.
Anschrift/ Thema der nächsten Sendung
MDR FERNSEHEN, Redaktion Wirtschaft und Ratgeber „Hauptsache Gesund“
Internet: www.mdr.de/hauptsache-gesund, E-Mail: hauptsache-gesund@mdr.de
Thema der Sendung vom 23.01.2014: „Wie eine Erkältung aufs Herz gehen kann“
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Seele and Geist
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