close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Dekubitusprophylaxe: Was hat sich geändert? - MSAGD

EinbettenHerunterladen
950 | SCHWERPUNKT
Autorin: Carola Stenzel
Praxisbeispiel Expertenstandard
Dekubitusprophylaxe:
Was hat sich geändert?
Wird alles anders mit dem neuen
Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe
in der Pflege“? Oder bleibt das meiste
doch beim Alten? Das folgende
Praxisbeispiel beschreibt die praktischen
Veränderungen und zeigt die wesentlichen
Unterschiede zwischen dem „alten“ und
dem „neuen“ Standard auf.
Foto: epd-bild.de
ie 87-jährige Frau Müller
lebt seit zwei Jahren im
Altenpflegeheim. Grund
für den Einzug in die stationäre
Einrichtung war ein Apoplex
mit Hemiparese links. Frau
Müller ist 161 cm groß und wiegt
seit sechs Monaten unverändert
61 Kilogramm. Essen ist ihr sehr
wichtig. Frau Müller ist stuhlkontinent, hat aber eine abhängig kompensierte Harninkontinenz, das heißt beim Wechsel
des Inkontinenzmaterials müssen die Pflegekräfte Frau Müller
behilflich sein. Bei Einzug in das
Altenpflegeheim hatte Frau Müller einen Dekubitus Grad III, der
schon lange verschlossen ist.
Unter physiotherapeutischer Behandlung konnten die Einschränkungen der linken Seite
deutlich gebessert werden. Frau
Müller benötigt jedoch weiterhin personelle Hilfe bei der
Körperpflege, den Ausscheidungen und bei der Mobilität.
Wichtig ist Frau Müller ihr
D
Fernseher, auf ihren Wunsch
läuft dieser fast den ganzen Tag.
Abends schläft sie häufiger vor
dem Fernseher ein. Dabei passiert es mitunter, dass sie ihr
Gebiss selbstständig entfernt
und vergisst, es den Pflegekräften zu geben. Die Zahnprothese
liegt dann im Sessel, und Frau
Müller sitzt manchmal darauf.
Seit zwei Wochen hat sich ihr
Zustand deutlich verschlechtert,
Frau Müller hat depressive Verstimmungen. Ihr Mobilitätsradius hat sich vermindert, sie
verlässt das Zimmer nicht mehr
und benötigt bei jedem Transfer
Hilfe von den Pflegekräften. Am
liebsten liegt sie im Bett.
In Abbildung 1 sind die Maßnahmen zur Dekubitusprophylaxe aufgeführt – mit einem
Vergleich der wesentlichen Unterschiede zwischen dem „alten“
und dem „neuen“ Standard.
Selbstverständlich umfasst die
Pflegeplanung bei Frau Müller
mehr als die hier auszugsweise
wiedergegebenen dekubituspräventiven Maßnahmen.
Fazit: Auch wenn der neue Expertenstandard zur Dekubitusprophylaxe in der Pflege einige
Neuerungen bereit hält, muss
nicht alles in den Einrichtungen
neu „erfunden“ werden. Wichtig
ist, die funktionierenden und
effektiven Prozesse zu fördern
und notwendige Verbesserungen
wie die veränderte Risikoeinschätzung bedacht umzusetzen.
Dann bereitet der neue Expertenstandard nicht Unsicherheit,
sondern bestärkt Vertrautes.
Literatur:
Abt-Zegelin, A.; Reuther, S. (2011): Bewegungsförderung. Mobil im Pflegeheim. In:
Die Schwester Der Pfleger, 4/11, S. 322–325
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.) (2010): Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der
Pflege. 1. Aktualisierung 2010. Osnabrück:
Schriftenreihe des DNQP
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.) (2004): Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege.
Osnabrück: Schriftenreihe des DNQP
Anschrift der Verfasserin:
Carola Stenzel, Master of Arts,
Dipl. Pflegewirtin (FH), GUK
Trainerin für Qualitäts- und
Personalentwicklung
E-Mail: carol.stenzel@gmx.de
Die Schwester Der Pfleger 50. Jahrg. 10|11
SCHWERPUNKT | 951
Dekubituspräventive Maßnahmen an einem Praxisbeispiel
Abb. 1
Kriterium
Expertenstandard 2000/2004
Expertenstandard 2010
Risikoeinschätzung
Monatliche Einschätzung des
Dekubitusrisikos mittels Braden-Skala
Frau Müller hat 14 Punkte, also ein
mittleres Risiko. Trotz der Verschlechterung in
den Bereichen Aktivität und Mobilität zeigt die
Braden-Skala kein hohes oder sehr hohes
Risiko an, da Frau Müller gut ernährt ist, sich
noch adäquat äußern kann und die Haut durch
Verwendung des Inkontinenzmaterials nicht
ständig feucht ist.
Initiale Einschätzung des Dekubitusrisikos
Frau Müller hatte in der Vergangenheit einen Dekubitus
(1) und ist in der Aktivität und Mobilität eingeschränkt.
Laut Einschätzung der Pflegefachkraft besteht bei Frau
Müller eine Dekubitusgefahr.
Differenzierte Einschätzung des Dekubitusrisikos (2)
– Hautinspektion: Die Haut am Gesäß ist gerötet.
Der Fingertest ist jedoch negativ,
die Haut wird bei Eindrücken des Fingers weiß.
– Äußere Faktoren: Frau Müller vergisst ihre
Zahnprothese im Bett, die auf die Körperoberfläche
eindrücken kann.
– Feuchtigkeit: Die Haut von Frau Müller ist bedingt
durch ihre Harninkontinenz manchmal feucht.
Druckentlastung/
Bewegungsförderung
Frau Müller wird täglich um 8.00 Uhr nach
dem Waschen zum Frühstück in den Rollstuhl
gesetzt. Mikrobewegungen werden alle zwei
Stunden durchgeführt bzw. wird Frau Müller
aufgefordert, ihre Position soweit möglich
selbst zu verändern. Dies wird in einem
Bewegungs- und Lagerungsplan/-protokoll
dokumentiert. Nach dem Mittagessen wird
Frau Müller zur Mittagsruhe auf das Bett
gelegt. Dann kommt sie wieder bis ca. 19.00
Uhr in den Rollstuhl.
Frau Müller wird zum Frühstück mit dem „Drei-SchritteProgramm“ (3) in den Sessel transferiert. Mit dem
Fingertest wurde festgestellt, dass sie drei Stunden
ohne Hautrötung im Sessel sitzen kann. Am Vormittag
möchte sie dies auch. Danach wird Frau Müller zurück
in das Bett gebracht. Am Nachmittag wird Frau Müller
nochmals für zwei Stunden in den Sessel transferiert.
Ein Anreiz ist, dass sie sich auch dort bei Kaffee und
Kuchen ihre Lieblings-„Doku Soap“ im Fernsehen
ansehen kann (4). Einmal in der Woche findet ein
Kinonachmittag auf dem Wohnbereich statt. Die
Pflegekräfte bieten Frau Müller die Teilnahme an.
Je nach „Tagesform“ nimmt sie teil. Hierbei wird sie
aus dem Rollstuhl mit dem „Drei-Schritte-Programm“
in einen Sessel transferiert.
Alle Bewegungsaktivitäten werden im Bewegungsförderungsplan/-protokoll dokumentiert.
Hilfsmittel
Laut der in der Einrichtung geltenden
Verfahrensanweisung für Hilfsmittel
kommen Hilfsmittel erst ab einem hohen
Risiko in der Braden-Skala zur Anwendung.
Frau Müller erhält zur Druckverteilung im Sessel ein
Sitzkissen. Damit fühlt sie sich sehr wohl und möchte
zeitweise auch am Nachmittag drei Stunden im
Sessel sitzen. Dies ist allerdings auch abhängig vom
Fernseh-/Kinoprogramm.
Sonstige
Interventionen
Frau Müller wird immer mit pH-neutralen
Waschzusätzen gewaschen und da sie
trockene Haut hat, wird ein Wasser in
Öl-Präparat zur Hautpflege angewendet.
Auch wenn diese Kriterienebene im aktuellen Expertenstandard gestrichen wurde, werden diese Maßnahmen
weiterhin umgesetzt – allerdings findet sich dies in der
Pflegeplanung nicht unter dem Punkt Dekubitusprophylaxe, sondern unter dem Punkt Körperpflege.
Beratung Bewohner/
Angehörige
Eine Informationsbroschüre ist entwickelt
worden. Diese wurde Frau Müller und ihrer
Tochter bei Einzug ausgehändigt.
Die Informationsbroschüre wurde aktualisiert. Sprachliche Änderungen (z. B. Förderung der Bewegung,
druckverteilende Hilfsmittel) sowie der Stellenwert der
Hautbeobachtung sind aufgenommen worden.
Die Pflegekräfte weisen Frau Müller immer wieder auf
die Notwendigkeit der Bewegungsförderung hin.
Informationsweitergabe
externe Beteiligte
Für die Informationsweitergabe des Dekubitusrisikos an Arztpraxen, Transportdienste u. a.
wurde für jeden Wohnbereich ein Stempel mit
„DEKUBITUSGEFAHR“ angeschafft. Dieser
wird immer mit roter Farbe auf die entsprechenden Papiere gestempelt.
Da sich die Informationsweitergabe in der Einrichtung
sehr bewährt hat, wird diese auch beibehalten.
Evaluation
prophylaktischer
Maßnahmen
Der Hautzustand von Frau Müller wird täglich
bei der Körperpflege inspiziert. Eine Dokumentation des Hautzustands erfolgt immer bei der
Pflegeplanungsevaluation. Bei Rötungen wird
der Fingertest durchgeführt. Wenn der Fingertest negativ ist, dann wird die Dokumentation
im Pflegebericht schon mal vergessen.
Im Bewegungsförderungsplan von Frau Müller wurde
eine Spalte „Hautzustand“ angelegt. Täglich dokumentieren die Pflegekräfte, ob der Hautzustand „OK“ ist.
Da dieses Verfahren wenig Zeit kostet, wird es auch
umgesetzt. Bei Rötungen o. a. wird der Fingertest
durchgeführt, und bei Bedarf werden die Maßnahmen
sofort angepasst.
(1) „Abgeheilte“ Dekubitalulcera stellen aufgrund des gering druckelastischen Narbengewebes ein hohes Risiko für Rezidive dar. Deshalb bleibt auch bei „abgeheilten“ Druckgeschwüren der vorherige Grad bestehen, also zum
Beispiel „Dekubitus Grad III, abgeheilt“. (2) Für die differenzierte Einschätzung des Dekubitusrisikos können die Kriterien der bisher genutzten Skala (z. B. Braden-Skala) verwendet werden und ggf. um weitere Kriterien erweitert
werden. Allerdings kann und sollte die Erhebung einer Punktzahl wegfallen. Die pflegefachliche Einschätzung steht im Vordergrund. Von herausragender Bedeutung ist, dass die Ergebnisse der Einschätzung im Sinne des
Pflegeprozesses in Maßnahmen münden und der Prozess nicht mit dem „Ankreuzen“ endet. (3) Das „Drei-Schritte-Programm“ bedeutet, dass im Rollstuhl (Sessel) sitzende Menschen bei allen ohnehin notwendigen Transfers
die letzten Schritte mit Hilfe gehen. Eine Vereinheitlichung des Transfers wird angestrebt (Abt-Zegelin; Reuther 2011, S. 325). (4) Das Konzept der Bewegungsförderung geht davon aus, dass Bewegung für den Menschen einen
hohen Stellenwert hat. Der Mensch bewegt sich, wenn er ein Motiv zur Bewegung hat (DNQP 2010, S. 28).
Die Schwester Der Pfleger 50. Jahrg. 10|11
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
3
Dateigröße
239 KB
Tags
1/--Seiten
melden