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FotograFien geht da jetzt was? hÜrdenLaUF Mit oFFeneM aUsgang

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ALTE REITHALLE
AARAU
Fotografien
BlackMagicBullet
von Daniel A. Meyer
Seite 34/39/43
Geht da jetzt was?
Die Reithalle ist eine grosse Chance für Aarau.
Wer weiss, vielleicht wird jetzt alles gut?
von Ursula huber
Seite 35
HÜRDENLAUF MIT
OFFENEM AUSGANG
Die Aargauer Theaterschaffenden wünschen sich ein grosses Theaterhaus. Oxer soll das Mehrspartenhaus heissen, wie das Hindernis
beim Reitsport. Die Geschichte eines Hürdenlaufs.
von Julia stephan
Seite 38/39
FEDERLESEN
Margrit Bühler und George Pfiffner zur kulturellen
Stadtmitte Aarau
Aufgezeichnet von Jacqueline Beck
Seite 36/37
Tauchsieder
Kultur als Schrittmacher
von peter-jakob kelting
Seite 42
BIldschirm
Hugo suter
Seite 40 – 42
HImmel & hölle
In Schweinfurt war’s
von Joanna LIsiak
Illustration von Naomi Bühlmann
Seite 44/45
Sie ist schon lange im Gerede, sie ist riesig, wunderschön, mit filigranem Holzgebälk an der Decke; die Bausubstanz macht ihren ursprünglichen Charakter und
ihre einzigartige Atmosphäre aus. – Die Alte Reithalle
gehört zu den Räumen, die ihrem ursprünglichen Dasein
enthoben und nicht mehr für ihre eigentlichen Zwecke
gebraucht wurden. In den letzten drei Jahren konnte
sie auf dem Weg zum kantonalen Leuchtturm «Oxer», der
sie mal sein wird, mit den SPIELtRÄUMEN zwischengenutzt werden. Nun läuft der Vertrag für die Sommerbespielung von T.U.T. Interessengemeinschaft für Darstellende Künste Aargau aus und wird nicht mehr verlängert.
AusgeT.U.T.et hiess es – die Gerüchteküche brodelte
und nebelte tüchtig ein.
In der Regel bremst man, wenn man in einen Tunnel
hineinfährt, ab, und erst, wenn man das Licht am Ende
des Tunnels sieht, gibt man wieder Gas. Vielleicht ist das
die Metapher, die zu den Entwicklungen rund um die
Alte Reithalle passt? Und es scheint, als ob seit den Stadtratswahlen am Horizont ein hoffnungsvoller Lichtschimmer auszumachen sei. – Eins ist sicher, mit der Etablierung einer neuen interdisziplinären Kulturinstitution
an der Nahtstelle zwischen Altstadt und Bahnhof wird
die Alte Reithalle zum Motor der Stadtentwicklung im
Zentrum von Aarau. Zusammen mit dem Kasernenareal
könnten sich bald neue Möglichkeitsräume öffnen.
Licht in den Tunnel! Wir lassen deshalb die bisherige
Geschichte des Hürdenlaufs Revue passieren und
fragen, wie die Entwicklungen der Alten Reithalle in die
Aargauer Theaterlandschaft einzuordnen sind. Einig
sind sich alle über die Weiterführung der Zwischennutzung im nächsten Jahr und ebenso über die Wichtigkeit
eines zukünftigen Oxers, der zum Schrittmacher einer
nachhaltigen Stadtentwicklung avancieren wird.
Wer die Gelegenheit nutzte und eine Aufführung der
Sommerbespielung in der Alten Reithalle besuchte,
konnte sich begeistern. Im August und September bot sie
die beste Bildmetapher für den unheimlichen Wald, in
dem BlackMagicBullet spielte. Und wie auf den Leib des
Jongleurs aus Dottikon, Roman Müller, geschrieben,
wirkte sie in der Produktion «ArbeiT» von Tr’espace. Zwei
Stücke dieses Sommers, die beglückten. Wir freuen uns
auf die Fortsetzung im 2014.
Danke vielmal T.U.T. für das vielseitige Programm,
danke Madame Pompidou ...
Andrina Jörg, Madeleine Rey, Redaktion
exil/log
adapter – Kunst auf Reisen
NR
39
von Claudia Waldner
Seite 46/47
33
BlackMagicBullet, ein musikalisches Waldgegrusel mit Herz&Harz, eine Produktion
von THEATERSCHÖNESWETTER und Theaterprojekte Bodinek in Zusammenarbeit mit T.U.T.
Foto: Daniel A. Meyer, M&M Hire AG
34
Geht
da jetzt
was?
seit Jahren über diese Reithalle, Aarau hat sich mit
Baden um eine Mittlere Bühne beworben und gewonnen,
man hat bei einem Projektwettbewerb zum Ausbau
160‘000 Franken ausgegeben, man bespielt diesen Raum
und es hat viel Publikum, man sieht das Potenzial
und eigentlich hat die Stadt gesagt, sie wolle diese Bühne
und der Kanton würde ja die Hälfte bezahlen. Und es
geht trotzdem einfach nicht vorwärts …
Wegen des Geldes? Dass es Stadt und Kanton bisher
nicht geschafft haben, gemeinsam ein Projekt «Reithalle» vorwärtszubringen müsste ja fast daran liegen,
dass die Stadt kein Geld in die Hand nehmen will.
Man weiss es nicht.
Aber jetzt hat ja die laut AZ «ausgabenfreudigere
Linke» das Stadtpräsidium übernommen. Wenn die nur
was bewegen kann. Es müsste von politischer Seite her
der Wille vorhanden sein, diese Reithalle zu wagen,
rauszufinden, wie viel oder wenig Geld tatsächlich dafür
loszuschlagen wäre, man könnte zum Beispiel einen
experimentellen Weg einschlagen, noch nicht voll
investieren und alles geputzt und gestrählt gebrauchsfertig zur Verfügung haben, das Ganze roh lassen,
sich entwickeln lassen, sich etablieren lassen. Mit den
Mängeln leben. Wäre unter Umständen weitere Überlegungen wert, diese Idee. Wenn das mit dem Geld tatsächlich unmöglich wäre, wegen des Steuerfusses,
wegen der politischen Kräfteverhältnisse.
Aufbauarbeit ist schon viel geleistet worden. In den
letzten drei Sommern hat man fleissigstens ausprobiert. So wie man hört, – man hört im Zusammenhang
mit der Reithalle recht viel – werden die Aufbauer/
innen aber eher gebodigt als unterstützt. Sie scheinen
zum Beispiel Geld zu brauchen oder verbindliche
Aufträge oder Informationen – und scheitern daran. Und
wie soll man gut arbeiten können, wenn vollkommen
unklar ist, was in dieser Reithalle mal kommt.
Konzepte würde es geben. Schon längst. Sie sind in
den Schubladen der Stadt verschwunden. Niemand
hat je wieder etwas von ihnen gehört.
Aber wer weiss, vielleicht wird jetzt alles gut: Mitte
Oktober haben sich die Verantwortlichen von Kanton
und Stadt getroffen. Eventuell gibt es einen Neustart. Und
hat die designierte Stadtpräsidentin nicht anlässlich
einer Podiumsdiskussion in der Reithalle versprochen,
einen Runden Tisch zum Thema zu veranstalten?
von Ursula Huber
Die Alte Reithalle hinter der Bahnhofstrasse neben der
Kaserne steht seit Langem leer. Seit drei Jahren wird
sie in den wärmeren Monaten bespielt, im Winter ist es
zu kalt. Es gibt Handlungsbedarf.
Die Halle ist riesig, mit grossartigem Ambiente, das
Herz geht einem auf, wenn man reinkommt, man sieht
die Schemen der Kavalleriepferde, die hier einstmals
ihre Runden drehten, der Duft von Sägemehl und
Rossbollen hängt noch in der Luft. Die Atmosphäre ist
geradezu magisch, man beginnt zu träumen, was hier
alles möglich wäre … hat schon gesehen, was alles möglich ist – zum Beispiel «ArbeiT», Nouveau Cirque mit
einem Diaboloartisten, dessen nur provisorisch geordnetes Bühnenuniversum voller mechanischer Apparate und Kabel sich einfügte in die rohen Wände des ehrwürdigen Gemäuers, der mit seinem Spiel den Raum
einnahm, die Höhe nutzte – passenderweise Sägemehl
einsetzte – und die Schatten spielen liess; oder «BlackMagicBullet», eigens für die Reithalle konzipiert, die
Theatermär, bei der die Tiefe der Halle bespielt wurde,
sich in einen dunklen Wald verwandelte, die Gestalten
von weit hinten und weit oben auftauchten. Ganz
neue Perspektiven taten sich da auf.
Die Reithalle ist eine grosse Chance für die Kantonshauptstadt, eigenständige Kulturpolitik mit Ausstrahlung zu betreiben; zu beweisen, dass hier neben den
schon lange etablierten Veranstaltungsorten auch
Neues Platz hat. Was man da alles denken könnte: Ein
Haus mit überkantonaler Ausstrahlung für die Aargauer Theater- und Kulturschaffenden, für Profis und
Laien, eine Residenz für Auswärtige, ein Ort für neue
Formen des Theaters, Co-Produktionen, junges Theater, Tanz, internationale Acts, ein Ort für Ausstellungen, für … gemeinsames Nachdenken über die Zukunft
… ein lebendiger Ort, der ein bunt gemischtes Publikum bringt, die Reithalle als Treffpunkt für alle, die
sonst nach Basel oder Zürich müssen. Und als Treffpunkt für Basler/innen und Zürcher/innen. Die würde
man – zum Beispiel – mit einem Programm im Bereich
Nouveau Cirque holen, einer Sparte, die im deutschsprachigen Raum kaum Plattformen, aber äusserst
grossen Anklang findet – am Theaterspektakel sind die
Tickets solcher Vorstellungen jeweils heiss begehrt.
Was es da alles zu überlegen gäbe. Aber es stockt. Die
Gruppe, die für die Programmation zuständig war,
arbeitet nächstes Jahr nicht mehr. Niemand weiss was.
Die Informationen fliessen nicht. Man redet schon
Ursula Huber, Historikerin, unterrichtet an der Bezirksschule.
35
FEDERLESEN
Margrit Bühler, T.U.T. hat zum
dritten Mal die Zwischennutzung in der Alten Reithalle in
Aarau organisiert. Welche
Bilanz ziehst du?
Margrit BühlerDie Gesamtbilanz ist
sehr positiv. Wir hatten einen ausserordentlich engen finanziellen Rahmen. Was wir daraus gemacht haben,
lässt sich sehen. Unser Highlight der
Saison 2013, «BlackMagicBullet»,
hatte eine durchschnittliche Belegung von 95 %. Inhaltlich haben wir
uns für die Zwischennutzung das Ziel
gesetzt, die Leute regional und überregional auf die Reithalle aufmerksam
zu machen. Das ist uns gelungen.
George Pfiffner, welchen Bezug
hast du zur Alten Reithalle?
George Pfiffner
Früher, als darin
noch geritten wurde, habe ich ab und
zu die Nase hineingestreckt. Das war,
bevor die Reithalle im Schachen gebaut wurde. Der Stallgeruch war da
noch präsenter. Seither habe ich einige Aufführungen in der Alten Reithalle besucht.
Warst du in den Architekturwettbewerb für den geplanten
Umbau der Alten Reithalle
involviert?
Margrit
Bühler
und
George
Pfiffner
zur
kultuwwrellen
Stadtmitte
Aarau
Nachgefragt und aufgezeichnet von
Jacqueline Beck
George PfiffnerNein,
ich war nicht
involviert. Es war überhaupt etwas
speziell, dass sich fast gar keine Aarauer beteiligt haben. Ich hatte das
Gefühl, von den Aarauer Architekten
glaubte niemand daran, dass die Planung jemals umgesetzt würde. Es ist
eine Art lokales Wissen, dass man
dem Projekt keine Zukunft gibt. Oder
erst in zehn Jahren, mit veränderten
Randbedingungen.
gab es nicht einmal Licht und Wasser.
Wir hatten immer das Gefühl, Bittsteller zu sein.
George Pfiffner
Für mich ist das Kasernenareal mit der Alten Reithalle
grundsätzlich ein Generationenprojekt. Die Zeit ist noch nicht reif dafür
in Aarau. Wir haben gerade unzählige
andere Entwicklungsschwerpunkte,
zum Beispiel das Torfeld Süd. Die
Stadt hat schlichtweg nicht genügend
Kapazitäten, alles gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Zudem ist immer
noch in der Schwebe, ob die Armee
die Kaserne weiterhin nutzen will.
Nur die Reithalle hinauszulösen und
zivil zu nutzen, scheint mir eine laue
Lösung zu sein. Schlagartig könnte
die Kaserne frei werden und damit
eine ganz andere Nutzung des öffentlichen Raumes entstehen.
Wie reagierst du darauf,
Margrit?
Margrit BühlerDie
Prämisse war ja,
dass der Kanton eine Mittlere Bühne
für den Aargau wollte. Aarau hat sich
als Kantonshauptstadt natürlich darum beworben. Die Reithalle hat sich
als geeigneter Raum geradezu aufgedrängt. Für das Theaterschaffen ist
sie eine spannende Lokalität. Auch
die Lage ist sensationell. Die Problematik ist die Zeitverzerrung angesichts der Nutzung der Umgebung,
des politischen Willens und vor allem
der finanziellen Möglichkeiten, die
aufgrund der weiteren Baustellen in
Aarau inzwischen beschränkt sind.
Vielleicht ist es deshalb klug, mit der
Abstimmung zur Reithalle noch drei
Jahre zuzuwarten.
Wie geht es mit der Zwischennutzung weiter?
Margrit BühlerDu
sprichst eine der
Grundproblematiken an, die wir in
der Zwischennutzung erlebt haben.
Von Seiten der Politik wurde zwar der
Anspruch formuliert, etwas zu tun.
Das Bekenntnis war aber von Anfang
an halbherzig. Im ersten Jahr haben
wir quasi aus dem Nichts eine Zwischennutzung aufgebaut. In der Halle
Margrit BühlerD er
Ver t ra g m it
T.U.T. läuft am 31. Oktober 2013 aus.
(Anm. der Red.: nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) Er wird nicht
mehr erneuert. Wir wissen nicht genau, weshalb. Ich habe mir in der Sache relativ schnell angeeignet, auf
Antworten von Entscheidungsträgern
zu pochen, anstatt mich auf Gerüchte
36
FEDERLESEN
zu verlassen. Im Moment fehlt eine
klare Ansprechperson. Nach drei Jahren harter Arbeit und wenig klarer Bekenntnisse bin ich persönlich etwas
müde und nicht unglücklich, dass es
für mich zu Ende geht. Wir von T.U.T.
hoffen aber, dass die Zwischennutzung irgendwie weitergeht. Die Energie, die in den letzten drei Jahren entstanden ist, muss unbedingt aufrecht
erhalten bleiben, auch wenn die Abstimmung erst 2019 kommt.
George Pfiffner
Finanziell wird es
hart zu und her gehen in den nächsten Jahren. Aber es kann ja auch seinen Reiz haben, anstelle eines etablierten ein «frisches» Theater zu haben, das sich stets neu erfinden muss.
Margrit BühlerDiesen
Gedanken
habe ich mir nach dem Architekturwettbewerb auch gemacht. Wo bleibt
der bewegliche Raum, die Flexibilität,
der Stallgeruch? Ein «fertiges» Theater bietet nicht mehr dasselbe Ambiente wie die jetzige Reithalle. Natürlich ist das Improvisieren mühsam.
Aber es fordert auch heraus ...
George Pfiffner
... und lässt neue Formen entstehen. Ich wünsche mir eine
Animation auf dem Kasernenareal,
die nicht nur auf einen Raum beschränkt ist, sondern auch in den
Zwischenräumen stattfindet und Entdeckungen möglich macht.
Margrit BühlerIch denke, man hätte
bei der Ausschreibung enger mit den
Aarauer Architekten zusammenarbeiten sollen. Der Findungsprozess
hätte offener gestaltet sein sollen.
Grundsätzlich lautet die Frage: Welche Form des öffentlichen Raumes
wollen wir?
George PfiffnerAusschreibungen
in
der Architektur verlaufen halt nach
bestimmten Regeln. Die juristische
Form des Projektierungs-Auftrages
lässt wenig Entwicklungsmöglichkeiten zu. Ein Ideenwettbewerb wäre
wohl geeigneter gewesen.
George, du organisiert eine
vierteljährliche Gesprächs-
runde der Aarauer Architekten.
Welches sind denn eure
Anliegen im Bezug auf Aarauer
Kulturräume?
George PfiffnerDie
Runde funktioniert eher reagierend und reflektierend als initiativ. Eine Ausnahme war
das Jubiläumsfest AarGrandissimo
1998, aus dessen Anlass wir die Neugestaltung des Aareufers angeregt haben. Das AarGrandissimo ist ein Beispiel dafür, dass ein Fest dazu animieren kann, gewisse Lokalitäten neu zu
nutzen. Wenn das Kasernenareal frei
würde, müsste man da unbedingt ein
Kulturfest veranstalten und sehen,
was in den Zwischenräumen alles
entstehen kann. Unser Grundverständnis von Planung ist, baulich auf
echte Bedürfnisse zu reagieren.
Welches Potenzial hat aus eurer
Sicht das Kasernenareal,
abgesehen von der Reithalle
und den offenen Plätzen?
George PfiffnerDas
Wichtigste sind
für mich schon die Zwischenräume,
weniger die Liegenschaften. Deswegen wäre eine Privatisierung aus meiner Sicht verheerend. Es drohte ein
«Gärtchen»-Denken. Aber was die
Gebäude betrifft: Vielleicht könnte
man auf die Mehrzweckhalle im
Schachen verzichten und stattdessen
die Turnhalle der Kaserne ausbauen?
Oder das Kulturhaus KiFF in die
Fahrzeughalle verlegen?
Margrit BühlerEs gibt auch Leute in
Aarau, die von einer Tonhalle sprechen ... Die wichtige Frage, die du,
George, am Anfang angesprochen
hast, lautet: Was kann Aarau stemmen? Wo bringt die Stadt die Kraft
auf, etwas durchzuziehen und entstehen zu lassen? So etwas braucht einen Nährboden, muss wachsen
können.
George PfiffnerAarau delegiert am
liebsten. Denken wir zum Beispiel an
die Aeschbach-Halle im Torfeld Süd,
die Mobimo animieren wird. Da
könnte durchaus etwas Interessantes
entstehen. Besser wäre es aber, das
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Zentrum zu beleben. Statt ins Torfeld
Süd könnte die Partyszene von der
Altstadt ins Kasernenareal verlegt
werden. Das Nachtleben gehört zur
Stadt und sollte nicht an den Rand
verdrängt werden.
Margrit Bühler
Mit dem Club Kettenbrücke, der Opium Lounge und den
Jugendräumen Wenk sind mehrere
Treffpunkte von Jugendlichen geschlossen worden. In der Altstadt ist
es sehr eng für das Nachtleben. Die
Bar «3. Stock» an der Kronengasse ist
diesbezüglich suboptimal. Das Kasernenareal bietet viel Raum und hat
grosses Entwicklungspotenzial. Es ist
schade, dass man das Areal noch
nicht gesamthaft planen kann.
George PfiffnerDas
wäre ein Befreiungsschlag ohnegleichen!
Was macht für euch die kulturelle Identität der Stadt aus?
George PfiffnerIn Aarau gibt es viele
kleine Flämmchen. Mir persönlich
passt das besser als ein grosses Feuer.
Margrit Bühler
Mir fehlt in Aarau neben dem Kunsthaus und dem Naturama schon noch ein kulturelles
Highlight. Was das Theater anbelangt, ist mit der Tuchlaube und dem
Theater Marie eine hohe Kompetenz
vorhanden. Eine Mittlere Bühne
könnte man stemmen. An grössere
Projekte, wie zum Beispiel eine Tonhalle, glaube ich eher weniger. Aber
ich bin halt Theaterfan und fände es
gut, einen so einmaligen Ort in der
Kantonshauptstadt zu haben.
Margrit Bühler (1951) ist Präsidentin
der Interessengemeinschaft Darstellende Künste Aargau (T.U.T.) und Leiterin des Tagungszentrums Herzberg.
George Pfiffner (1955) ist Architekt
und Kenner des lokalen Bau- und Kulturgeschehens. Mit Büropartner Felix
Kuhn organisiert er eine vierteljährliche
Gesprächsrunde Aarauer Architekten.
Jacqueline Beck studiert Kulturpublizistik an der Zürcher Hochschule
der Künste. Sie ist in Aarau aufgewachsen und wohnt heute in Basel.
Hürdenlauf
mit offenem
Ausgang
Koproduktionen aufgleisen sollte. Die Tuchlaube, die in
den 1980er-Jahren die Innerstadtbühne Aarau abgelöst hatte, würde nach diesem grossen Coup ebenfalls
Geschichte sein. Tuchlaube-Theaterleiter Peter-Jakob
Kelting unterstützte das Vorhaben seit seinem Amtsantritt 2011 kräftig mit. Mit der Interessengemeinschaft
Darstellende Künste Aargau (T.U.T.) bespielte er während
der Sommersaison 2011 bis 2013 die ungeheizten
Räume der Alten Reithalle. Das Programm SPIELtRÄUME
brachte die Aargauer Theaterszene zusammen und
zeigte den Aarauern, welche ästhetischen Wagnisse in
diesem wunderbaren Raum möglich wären – wenn
man nur wollte. Die Auslastung für die letzte SPIELtRÄUME-Saison lag bei 75 Prozent.
Seit der Aarauer Einwohnerrat 2008 Gelder für die
Umplanung der Alten Reithalle in ein Theaterhaus
bewilligt hat, wurde an deren Umsetzung gearbeitet.
2012 gewann das Zürcher Atelier Barão-Hutter den
Architekturwettbewerb mit seinem Projekt «Troja». Die
denkmalgeschützte alte Militärreithalle aus dem Jahr
1903 soll in ihrer Bausubstanz erhalten bleiben. Eine
grosse (200 Plätze) und eine kleine (120 Plätze) Bühne,
die sich miteinander kombinieren lassen, würden variable Spielarten ermöglichen – auch für grössere Produktionen. Im Projekt vorgesehen ist auch eine kleine
Probebühne.
19 Millionen Franken soll das alles kosten. 8,5
Millionen will der Kanton aus dem Swisslos-Fonds
beisteuern, gleich viel die Stadt Aarau. Den Rest decken
Sponsorengelder. Doch für die Stadt Aarau ist das Geschenk Oxer trotz der vielen positiven Zeichen,
welche die Theaterschaffenden gesetzt haben, ein trojanisches Pferd geblieben: Das Angebot wird misstrauisch beäugt. Das liegt auch am Spardiktat, das sich die
Stadt auferlegt hat. Über die Bewilligung der 8,5 Millionen Franken müssten die Aarauer an einer Volksabstimmung befinden. Denkbar wäre das im Jahr 2015.
Inzwischen wurde der Eröffnungstermin auf 2019 verlegt. Steht das Projekt still?
Walter Küng, Vorsitzender der Kuratoriums-Fachgruppe Theater und Tanz und Mitglied der Steuerungsgruppe Oxer, meint dazu: «Der Nutzungsvertrag, den der
Kanton als Eigentümer der Reithalle mit der Stadt
abgeschlossen hat, läuft 2014, dem Jahr der ursprünglich
geplanten Realisierung des Oxer, aus. Deshalb stellt
sich für den Kanton die Frage: Hält die Stadt Aarau weiterhin an der Realisierung des Projektes fest, ist es
in Aarau finanz- und kulturpolitisch durchsetzbar und
wie sieht der Zeitplan der Realisierung aus?» Für den
abtretenden Aarauer Stadtrat Carlo Mettauer, zuständig für das Ressort Kultur und Sport, kein Problem:
«Der Stadtrat hält unisono am Oxer fest.» Den ablaufenden Nutzungsvertrag werde man optional verlängern. Man nehme derzeit mit dem Architekturbüro die
Feinprojektierung vor.
Ob Einwohnerrat und Bevölkerung der Finanzierung zustimmen werden, steht aber auf einem anderen
Blatt. Schliesslich haben die Aarauer 1980 schon die
finanzielle Rettung ihrer damaligen Innerstadtbühne in
einer Volksabstimmung abgeschmettert. Auch kann
von Julia Stephan
Die Aargauer Theaterschaffenden wünschen sich ein grosses Theaterhaus für
ihren Kanton. Oxer soll das Mehrspartenhaus heissen, wie das Hindernis beim
Reitsport. Doch für den hohen und weiten Sprung über die 19-Millionen-Hürde
fehlt den Aarauern derzeit der Mut. Die
Geschichte eines Hürdenlaufs.
«Noch kann nichts Verbindliches berichtet werden, aber
eines scheint sicher: In nicht allzu ferner Zeit wird
es eine Mittlere Bühne für das Tanz- und Theaterschaffen im Kanton Aargau geben», schrieb das Aargauer
Kuratorium 2005 in seinem Tätigkeitsbericht. Das ist
acht Jahre her. Damals befand sich das Aargauer Theater in einer Umbruchphase: Das Badener Theater am
Brennpunkt auf dem ehemaligen Merker-Areal, eine
mittelgrosse Bühne mit 150 Zuschauerplätzen, war Brennpunkt finanzieller Sorgen und musste seinen Vorhang
schliessen. Dem Badener Forum Claque, einer Reminiszenz an die legendäre freie Theatergruppe «die claque»
(1968–1992), hatte das Aargauer Kuratorium die Gelder
gestrichen. Die Institutionen, die das Aargauer Theaterleben bestimmt hatten – die claque war in den 1970erund 1980er-Jahren auch international erfolgreich –
waren an einem Endpunkt angelangt. Es gab Platz für
Neues. Doch wie und vor allem wo sollte das Neue
stattfinden? Der Ruf nach einer neuen Bühne für die
freie Theaterszene wurde laut – und ist bis heute
nicht verhallt.
Bereits in den 1990er-Jahren hatten sich die Theaterschaffenden für die freie Szene ein grösseres Theaterhaus gewünscht. Zwar existierte in der Aarauer Altstadt
das Theater Tuchlaube, das Stücke freier Gruppen
koproduzierte. Doch mit seiner kleinen, schwer bespielbaren Bühne und einem Zuschauerraum für rund 130
Zuschauer waren der Tuchlaube von Anfang an Grenzen
gesetzt. Darauf beschloss der Regierungsrat, die Entstehung einer Mittleren Bühne im Aargau zu fördern.
2006 setzte sich bei einem Standortwettbewerb Aarau
mit seiner bahnhofsnahen Alten Reithalle am Apfelhausenweg gegenüber Brugg und Baden durch.
Das Gemeinschaftsprojekt zwischen der Stadt Aarau
und dem Kanton sollte eine Steuerungsgruppe vorantreiben. 2008 schärfte man das Profil des neuen Hauses,
das ohne festes Ensemble, aber unter einer künstlerischen Leitung Theater, Tanz, Tanztheater, Kleinkunst,
Musik- und Kindertheater unter ein Dach bringen und
38
man sich fragen, ob der Oxer für das vielfältige Aargauer
Theaterschaffen gross genug wäre. Auf eine angedachte
zweite grosse Probebühne musste verzichtet werden.
Auch die Idee von einem integrierten Restaurant ist
inzwischen vom Tisch. «Es besteht Verunsicherung»,
sagt auch Tuchlaube-Leiter Peter-Jakob Kelting. Ein
Projekt wie der Oxer würde strukturelle Veränderungen
in der Förderpolitik mit sich bringen, die Kelting als
Chance sieht. Für viele Theater könnte das aber auch
bedeuten, dass deren Anteil am Kuratoriums-Förderkuchen schrumpfen wird.
Der Betrieb der Oxer-Bühne wird jährlich zwei
Millionen Franken kosten, mehr als doppelt so viel wie
die 700 000 Franken, welche die Tuchlaube derzeit
von Kuratorium und Stadt erhält. Andere Gruppen könnten darin aufgehen, etwa die Theatergemeinde Aarau,
die Gastspiele im Kultur- und Kongresshaus aufführt.
Für Heidi Buri von der Geschäftsstelle eine Option:
«Wir würden einen Umzug in den Oxer in Erwägung
ziehen.» Für Walter Küng sind die hohen Betriebskosten aber auch kulturpolitisch heikel: «Wie kann das
Kuratorium rechtfertigen, rund 900 000 Franken,
also mehr als zwei Drittel der rund 2,5 Millionen, die es
für das Aargauer Theater ausgibt, Aarauer Theaterinstitutionen zuzusprechen?» Auch hier wünscht sich Küng
mehr finanzielles Engagement von der Stadt.
Keltings persönliche Vision für den Oxer wäre die
eines dritten Weges: Ein Haus zwischen Stadttheater
und freier Szene, das nicht mit den grossen Häusern in
Bern, Zürich und Basel konkurriert, sondern sich mit
ländlichen Regionen gleicher Grösse verbindet, etwa mit
Liestal oder Luzern, um dem Sog der Metropolen etwas
entgegenzusetzen. Potenzial sähe er im Schwerpunkt
des modernen Zirkustheaters, das in der Alten Reithalle eine tolle Kulisse und mit dem Zirkus Monti im
Aargau eine lange Tradition hat. Kürzlich hat er das
Förderprogramm «First Steps» ins Leben gerufen, das
sich um den Aargauer Nachwuchs kümmert, der den
Oxer einst bespielen soll. Denn neben der Tanzcompagnie Flamencos en route und dem Theater Marie fehlt es
im Aargau an professionellen Gruppen mit nationaler
Ausstrahlung, und mit dem Ende der legendären Badener
Gruppe zamt & zunder im Jahr 2012 ist auch das Kindertheater Geschichte. Aargauer Grossproduktionen
vermisst auch Walter Küng: «Es ist ein Dilemma, dass
es im Aargau Theater-Produktionen, die grosse Räume
inhaltlich und ästhetisch entsprechend bespielen, kaum
noch gibt.» Und er wünscht sich für das Kuratorium in
Zukunft wieder ein «gesünderes Gleichgewicht zwischen Reagieren und Agieren» bei der Theaterförderung,
sprich: Man möchte wieder mehr eigene Impulse setzen,
Neues wagen und entstehen lassen.
Trotz vieler Hürden: Der geistige Umbau ist bereits
in Gang: Im letzten Winter wurde das Ensemble des
Theater Marie aufgelöst und durch ein junges Leitungsteam ersetzt. Und auch Szenart-Gründer Hannes Leo
Meier hat inzwischen für die Jungen das Feld geräumt.
Die kleinen Bühnen in Baden (ThiK, Teatro Palino),
Kaiserstuhl (Laxdal-Theater), Lenzburg (Theaterschöneswetter) oder die um das Figuren- und Objekttheater
bemühten Häuser in Wettingen und Aarau bedienen ihre
Sparten gut. Und mit dem 1952 erbauten Kurtheater
Baden, mit rund 600 Plätzen das Grösste seiner Sorte,
schauen jedes Jahr hochkarätige Gastspiele aus dem
In- und Ausland im Aargau vorbei. Die Badener Bevölkerung hat zum Umbaukredit von 35 Millionen Franken überwältigend Ja gesagt. Nun müssen nur noch die
Aarauer mutig auf ihr Pferd setzen.
Julia Stephan ist Studentin und Kulturjournalistin bei der
«Nordwestschweiz».
BlackMagicBullet, ein musikalisches Waldgegrusel
mit Herz&Harz, eine Produktion von THEATERSCHÖNESWETTER und Theaterprojekte Bodinek in Zusammenarbeit mit T.U.T.
Foto: Daniel A. Meyer, M&M Hire AG
39
Bildschirm
Tauchsieder
Hugo Suter
Kultur als
Schrittmacher
Perlglanzpigmente changieren auf der Oberfläche des
fünf Meter langen Objektes aus Holz und Stoff. Sie glitzern wie eingefangene Lichtstrahlen auf einem ruhigen
See. Den Blick der Betrachtenden zieht es zunehmend in
die Tiefe, man scheint den Seegrund zwischen den spiegelnden Ellipsen zu erahnen, während man gleichzeitig
immer wieder an der Oberfläche hängen bleibt, um alsbald wieder vom Sog der Tiefe eingenommen zu werden.
Eine seltsame Gleichzeitigkeit, aber auch Gegenläufigkeit
in der Wahrnehmung von Fläche und Tiefe stellt sich ein.
Vielleicht ein programmatisches Werk für den Künstler
Hugo Suter, der die unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Wassers, die flüchtigen Augenblicke des Lebens,
die ihn stets von Neuem faszinierten, immer wieder untersucht, fotografisch und malerisch erkundet und künstlerisch in Installationen und Objekten umgesetzt hat.
Mehrere Jahrzehnte seines Lebens hat der Künstler, der
auch Philosoph und künstlerischer Forscher war, am Hallwilersee gelebt. Bevor er ans kontemplative Seeufer umsiedelte, war er von 1968 bis 1972 Mitglied der Ateliergemeinschaft Ziegelrain in Aarau, welche in künstlerischen
Kreisen damals für Furore sorgte.
Eines seiner bevorzugten Materialien war das Glas.
In seinem Hauptwerk «Paravent», an dem er über 17
Jahre arbeitete, hat der ehemalige Tiefdruckretoucheur,
der mit vielfältigsten Techniken vertraut war, auf 65 Gläsern die Formen der wechselnden Wasserspiele des Sees
in die Gläser geschliffen, gekratzt oder geätzt. Matt, spiegelnd oder durchscheinend überlagern sich die Linien,
Flächen, Umrisse beim Umwandern (oder geistigen Umschwimmen) zu immer neuen Formationen.
Im Kunstraum Medici in Solothurn ist gegenwärtig
eine Präsentation der wichtigsten Werke des Künstlers
zu sehen. Hugo Suter hat die Ausstellung mitgeplant, erleben konnte er die Vernissage jedoch nicht mehr. Er ist
am 16. August mit 70 Jahren einem Krebsleiden erlegen.
Auch wenn Hugo Suter nie international bekannt wurde,
so zählt er doch zu den wichtigsten Schweizer Künstlern
der Gegenwart.
von Peter-Jakob Kelting
Aarau verändert sich. Langsam, aber unaufhaltsam. Aarau
wird jünger, wenn der äussere Anschein – mit der wöchentlichen Kinderwagenparade vor dem Café Tuchlaube als beredtem Beispiel – nicht täuscht. Und gleichzeitig ist die Debatte
über die Altstadt in vollem Gange: Soll sie ein Museum werden?
Eine Partymeile? Eine Schlafstadt, in der nach 22.00 Uhr «die
Bürgersteige hochgeklappt» werden?
Eine lebendige Stadt erfüllt viele Funktionen, befriedigt
unterschiedliche Bedürfnisse. Konflikte bleiben da logischerweise nicht aus. Sie gehören zum Teig urbanen Selbstverständnisses. Toleranz kommt schliesslich von «aushalten».
Die öffentliche Diskussion ist von einer eigentümlichen
Schizophrenie gekennzeichnet. Einerseits ist man in Aarau
stolz auf die Zentrumsfunktion als Kantonshauptstadt und Anziehungspunkt für die ganze Region. Und andererseits gibt es
bis in die Spitzen von Politik und Verwaltung Sorge, von der Dynamik überrollt zu werden, die mit Veränderungen notwendig
verbunden ist.
Drei Jahre SPIELtRÄUME in der Alten Reithalle machen
Mut. Im Sommer 2011, als die Initiatoren mit dem naiven Mut
derer, die nichts zu verlieren haben, den sommerlichen Spielbetrieb starteten, begegnete ihnen Skepsis, Misstrauen, ja Ablehnung. «So etwas geht in Aarau nie»: wie oft haben wir diesen Satz gehört. Gerade von denen, die das Projekt eigentlich
unterstützten. Dieser leichte Hang zur Resignation, die sich
wie Mehltau auf alles Neue legt – auch dies ein Wesenszug lokaler Mentalität?
28 Monate später ist die Alte Reithalle «Kult». Über 8000
Menschen aus nah und fern liessen sich vom Charme dieses
Ortes, seinem ganz eigenen genius loci verzaubern. Und für
die zukünftige Stadtpräsidentin hat das Projekt OXER/Mittlere Bühne erste Priorität, wie sie öffentlich kundtat: Ein klares
Bekenntnis, das in dieser Weise bisher nicht zu hören war.
Ermutigend ist diese Bewegung auch in einem grösseren
städtebaulichen Zusammenhang – die Zukunftsperspektive für
das Kasernenareal. Ein Blick in die benachbarte Metropole
zeigt, welche Schrittmacherfunktion Kultur in der Stadtentwicklung wahrnehmen kann. Das boomende Züri West ist untrennbar mit der Initiative des damaligen SchauspielhausIntendanten Christoph Marthaler verbunden, den Schiffbau
zu einem multivariablen Theater umzufunktionieren. Er lenkte damit das öffentliche Interesse auf ein Randquartier, das
heute zu den dynamischsten der deutschsprachigen Schweiz
gehört. Warum sollte die Alte Reithalle diese Rolle nicht für
die Entwicklung des Kasernenareals spielen können? Aufgrund
seiner Lage ist Aarau eine attraktive Destination – für junge Familien auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum ebenso
wie für junge Start-up-Firmen aus der Kreativwirtschaft, die
sich die grossstädtischen Mieten nicht leisten können. Das Kasernenareal als lebendiges Wohn-, Gewerbe- UND Kulturquartier ist eine Vision, die nicht weit hergeholt ist. Und natürlich
verknüpft sich mit dem seit dem 22. September veränderten
kommunalpolitischen Koordinatensystem die Hoffnung, dass
die Burg alter Denkverbote geschleift werden kann.
Seite 40 /41:
Hugo Suter, Ohne Titel
Perlglanzpigmente und Textilsiebdruckfarbe auf Baumwolle,
auf Holz
133 cm x 700 cm x 5 cm
Foto: Markus A. Jegerlehner
Ausstellung Hugo Suter
Kunstraum Medici, Solothurn
Do und Fr 14 bis 18 Uhr, Sa 14 bis 17 Uhr
Verlängert bis 30. November 2013
www.kunstraum-medici.ch
Peter-Jakob Kelting, Leiter Theater Tuchlaube Aarau.
42
BlackMagicBullet, ein musikalisches Waldgegrusel mit
Herz&Harz, eine Produktion von THEATERSCHÖNESWETTER
und Theaterprojekte Bodinek in Zusammenarbeit mit T.U.T.
Fotos: Daniel A. Meyer, M&M Hire AG
43
Himmel & Hölle
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Himmel & Hölle
In Schweinfurt
war’s
von Joanna Lisiak
Nicht die schönsten Hornbrillen an Nasenhöckernasen
wurden heuer gekürt, auch ging es nicht wie in den Vorjahren zuvor um die geschmeidigsten Handgelenke oder
um die am besten gepflegten Wanderschuhe. Ebenso wenig wurden die hübschesten Nasenlöcher gesucht und
keineswegs wurde der Wettbewerb ausgeschrieben, um
die fieseste Lache der Stadt zu finden. Gehuldigt wurden
in den Vorjahren bereits die zauberhaftesten Verrenkungen der Beine beim Anstehen an öffentlichen Schaltern,
die leserlichsten Unterschriften wurden gelobt oder es
wurden die originellsten Aufbewahrungssysteme für
Salz oder Zucker gesucht, gefunden und belohnt.
Dieses Jahr besann man sich wieder auf das Bodenständige und ging sozusagen zurück zur Natur. Denn bei
der diesjährigen Ausschreibung, welche in Taschengeld
gemessen relativ hoch dotiert war, aber vor allem einen
ideellen Charakter trug, ging es um das schönste Karottengesicht des Jahres. Eine Altersgrenze nach oben gab
es nicht, jedoch Kleinkinder bis fünf Jahre, die naturgemäss mit Karottengesichtern auftrumpfen können, wurden zum Wettbewerb nicht zugelassen. Auch war der
Wettbewerb nicht offen für Menschen mit Mundgeruch,
wie uns die Stadtpräsidentin auf telefonische Nachfrage
bestätigte. Die hochkarätig und teils prominent besetzte
Jury aus dem In- und Ausland kürte einstimmig unter
den rund 600 Bewerbern, darunter zahlreiche Frauen
jenseits der dreissig und aus allen Bildungsklassen, ausgerechnet den schüchternen Bilanzbuchhalter Klaus
Fisch, der mit einem herausragenden Karottengesicht
die Jury überzeugte.
In der Begründung hiess es, Fisches Haut war weder
zu gewollt knusprig noch allzu kühl distanziert und somit alles andere als fad. Es glänzte hingegen im gediegenen ockergelben Ton distinguiert gesund, nicht jedoch
ging der Teint ungehobelt roh in Richtung von Curcuma
oder schreiend gen Safran. Spuren von gegärtem Leder
waren bei Fisch selbst bei Kerzenschein nicht auszumachen, was der Zweitplatzierten Tina Pappel zum Verhängnis wurde, da im Kerzenlicht bei Pappel eine Art
matter Sand im Gesicht zum Vorschein kam. Im Interview meinte der stolze Fisch, dass er sein beeindruckendes Karottengesicht nicht besonders pflege und weder
Puder noch Make-up benutzen würde, er lediglich zum
Skifahren etwas Sonnencreme verwendete, wenn er
denn daran dachte, fügte er scherzhaft hinzu, weshalb
abermals von einer natürlichen Schönheit zu lesen war
und eben diese, Fisches Schlichtheit zu Recht in allen
Tönen in den Tagesblättern weit über die Stadtgrenzen
hinaus immer wieder gelobt wurde. Der Mann liess seine
Karottengesichtskonkurrenten von Anfang an weit hinter sich, konnte man vermehrt nachlesen, und bei der
Veröffentlichung der zwanzig Besten konnte man eigens
nachprüfen, dass sich Fisch von der Durchschnittsmasse
deutlich abhob und zu Recht den Titel «Möhrengesicht
des Jahres» bekam. Zu aller Perfektion des vollendeten
Farbschimmers stellte man fest, dass Fisch sogar ein
Gesicht in der Form einer beispiellosen Möhre aufweisen konnte. Die Jury, individuell und unabhängig voneinander befragt, verneinte jedoch vehement, dass dieser
Fakt ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen sei,
wie einige Journalisten ohne fundierte Beweise als Behauptung in die Zeitungen als These platzierten und so
für grossen Wirbel und Missstimmung sorgten. Fisch bezauberte die fünfköpfige Jury offenbar einzig und alleine
mit seiner unbefangenen orange-gelb glühenden Gesichtsepidermis und vor allem dem regional im Gesichtsfeld nicht festzumachenden, aber immer wieder verblüffenden, da golden-tiefen Leuchten in und aus Fisches
Gesicht. Vielmehr ergab sich durch Fisches Wohlgestalt
seines Antlitzes lediglich eine Art Zusatzpunkt, bestätigte ein Jurymitglied, ein Zusatzpunkt, der aber streng
genommen nicht zählte. Denn für die Form – also den
Rahmen von Kopfmitte und Stirn bis hin zum makellosen Kinn – konnte der 44-jährige Fisch bei Gott nichts
dafür.
Joanna Lisiak, geboren 1971 in Poznan, Polen, lebt, seit sie
zehn ist, in der Schweiz und gegenwärtig in Linn. Neben
ihrem literarischen Schaffen auch Jazzsängerin. Zahlreiche
Veröffentlichungen und Einzelpublikationen. Im Wolfbach
Verlag erschien «Besonderlinge – Galerie der Existenzen I»,
Band II wird im Frühling 2014 erscheinen.
Naomi Bühlmann, Illustration. Sie ist freischaffende visuelle
Gestalterin in Aarau. In ihrem Studium an der HSLU und
am Shenkar College in Tel Aviv spezialisierte sie sich auf Illustration und Malerei.
45
exil/log
adapter – Kunst auf Reisen
Claudia Waldner, Künstlerin, im Gespräch mit Herrn Opel Blitz (Jahrgang 1975) aus Zürich
Herr Blitz, Sie haben schon
einige Jahre auf den Strassen
verbracht. Erzählen Sie uns
von den Orten, die sie befahren
haben.
Obwohl mein Baujahr 1975 weit zurückliegt, bin ich nie über die Grenzen von Zürich hinaus gekommen.
Die letzten 38 Jahre durfte ich für die
Gärtnerei Freitag Obst und Gemüse
auf den Markt ausfahren. Ich wurde,
wie Sie sehen, verwöhnt und geschont, habe nur wenige Kilometer
auf dem Buckel und bin voller Energie, wie ein Jungmodell. Tief in meinem «Motorenherzen» war ich aber
immer ein Vagabund.
Welche Aufgabengebiete werden
Sie in ihrer neuen Rolle als
«Kunstvernetzer» bestreiten?
kommen, andererseits möchte ich
Neues und Spannendes bewirken.
Deshalb freue ich mich, dass der Verein adapter mir die Möglichkeit bietet, als «Kunstvernetzer» schweizweit
tätig zu sein. Hatte ich bisher mit
meinen Lasten hauptsächlich für das
leibliche Wohl zu sorgen, werde ich
nun bald vor allem den Intellekt und
das Gemüt beliefern. Fortan fahre ich
Fantasie, Kreativität, offenen Diskurs
und Bildung aus. Ich möchte primär
eine Plattform sein, die von bestehenden professionellen Kunsträumen
und Kulturinstitutionen der gesamten Schweiz genutzt wird. Dies können unter anderem Museen, Kunsthäuser oder Hochschulen sein. Meine
Nutzer erhalten die Möglichkeit, aktuelles Kunstgeschehen über die
Grenzen eines Ortes hinauszutragen
und Menschen an anderen Orten zu
überraschen.
Mein Ziel ist es, einerseits über die
Grenzen der Stadt Zürich hinaus zu
46
Sie werden als adapter nicht
nur fahren, sondern auch
in neuem Gewand mit Frische
und Multifunktionalität auftrumpfen. Freuen Sie sich auf
die Veränderung?
Ja. Natürlich freue ich mich darauf!
Ich werde bald nicht nur mehr ein
Auto sein, sondern man kann mich
als Bühne oder Informations- und
Aktionsplattform sowie als Ausstellungsraum nutzen. Ich verfüge über
eine enorme Kraft, die es mir ermöglicht, den geplanten Aufbau zu tragen. Jede Fahrerin, jeder Fahrer mit
PKW-Führerausweis kann mich problemlos lenken und ich kann überall
parkiert werden. Mein Aufbau ist
transformierbar: vom klassischen
«White Cube» bis zum «Open Space».
Ich kann mich ausserdem in eine
Bühne sowie in ein Schaufenster verwandeln. Weitere Features sind ausfahrbare Querträger, die Projektions-
exil/log
möglichkeiten im Innen- wie im Aussenraum bieten. Mein Dach ist
ausserdem für Künstler bespielbar,
beispielsweise für Performances oder
Objektpräsentationen.
Gibt es schon konkrete Pläne
oder Nutzeranfragen, die
den Exil-Charakter vom adapter unterstreichen?
Ich soll mit Nutzungen soweit ausgelastet sein, dass ich existieren kann.
Zahlreiche Kunsteinrichtungen der
gesamten Schweiz haben sich für
eine Nutzung von mir begeistert interessiert, unter anderem der Berufsverband visarte. Als Gefährt kann ich
immer ins «Exil» fahren und komme
in die abgelegensten und ungewöhnlichsten Winkel der Schweiz. Der
Exil-Charakter wird auch deutlich in
den Plänen zum Ausstellungsprojekt
GRENZGÄNGER der Gastkuratorin
Eveline Schüep. Meine Fähigkeiten
werden genutzt, indem ich Sprachbarrieren – Rösti- und andere Gräben –
überwinde. Ausschlaggebend für die
Wahl der Route ist nicht der kürzeste
Weg, sondern die Ü berwindung
grösstmöglicher Differenzen und
Grenzen, sei dies sowohl geografischer, als auch institutioneller oder
kommunikativer Art. Eine weitere
Ausstellungsidee entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Videonale am Kunstmuseum Bonn und
der Gastkuratorin Françoise Theis.
Die «VIDEONALE – TRABANT ON
TOUR DE SUISSE». Hierfür wird aus
der aktuellen Ausstellung des zweijährig stattfindenden internationalen
Festivals eine thematische Auswahl
von Videoarbeiten zusammengestellt.
Diese sollen auf die «vagabundierende» Idee des adapters Bezug nehmen. Die Videotour soll in alle vier
Sprachregionen der Schweiz führen
und in Zusammenarbeit mit den jewei l igen I nstit utionen gezeigt
werden.
Herr Opel, inwieweit ist das
nun alles Fakt oder ein traumhaftes Luftgebilde?
Ich selbst existiere, wie Sie sehen. Die
Umbaupläne stehen und meine ersten
Einsätze sind geplant. Mit einem rauschenden Kunstfest wird 2014 die
Einweihung meines Aufbaus vor dem
Kunsthaus Aarau gefeiert werden.
47
Dort zeige ich erstmals meine Verwandlungskünste. Damit es aber mit
meinem Umbau losgehen kann, fehlen noch finanzielle Mittel. Ob alles
nur ein Traum war, mein neues Tätigkeitsgebiet gut geplant bleibt oder
ob der Plan tatsächlich auch Realität
wird, liegt nun an den Menschen
selbst. Ich würde es als alter Opel
Blitz vorziehen, die spannenden
Kunstpfade der Schweiz zu erkunden,
als in Vergessenheit zu geraten.
Bis Ende November «adapter»
auf «we make it» unterstützen!
www.wemakeit.ch/projects/adapter
www.kunstadapter.ch
info@kunstadapter.ch
Claudia Waldner studierte Medienkunst
an der Hochschule für Gestaltung
und Kunst Basel und an der Akademie
der Bildenden Künste München. Sie
lebt und arbeitet seit 2005 im Aargau.
2012 hat sie die Arbeitsgruppe adapter
visarte.aargau gegründet.
Fotos: Walo Wittwer,
Aufbaustudie am Opel Blitz, 2013
Visualisierungen: André Hartmann,
Aufbaustudie am Opel Blitz 2013
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Die Malschule in der
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