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Im Osten was Neues - Unterwasser

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p Abenteuer-INFO DOWNLOAD · TAUCHEN IN DER DDR
Im Osten was
Neues
In der Februar-Ausgabe befassen sich
drei Zeitzeugen mit dem Tauchen in der
DDR. Hier nun die Geschichte zweier
West-Berliner, die kurz nach dem Fall der
Mauer in den Osten aufbrechen.
Westberlin, ganz kurz nach der
Wende: Wir fahren raus aus der
Stadt, Richtung Osten. Wir haben
freie Fahrt, im doppelten Wortsinn.
Doch die Gegenfahrbahn ist rappelvoll, eine Blechlawine wälzt sich in
die Stadt. Die wollen schauen, wie
der Westen aussieht. Wir wollen den
Osten entdecken.
Viel getaucht hatten wir damals
schon. Heimische Süßwasser-Tauchgänge, das war für uns West-Berliner der Flughafensee und der Westteil des Schlachtensees. Über die
Transit-Autobahn ging es regelmäßig auch in den Harz, an die Okertalsperre. Kurz, wir lebten in der
taucherischen Diaspora. Und plötzlich liegt der ganze Osten verheißungsvoll vor uns, ein Blick auf die
Landkarte verspricht unzählige
Seen. Einer davon ist unser erstes
Ziel, der Helenesee bei Frankfurt an
der Oder. Der Anlass: ein offizielles
Treffen unseres VDST-Landesverbandes mit unseren ostdeutschen
Kollegen, ein Wochenend-Tauchseminar zum Austausch und Kennenlernen.
»GST« – drei Buchstaben am
schmucklosen Gittertor der Einfahrt signalisieren, wer hinter unserem Veranstaltungsort steht. Oder
besser stand. Die Gesellschaft für
Sport und Technik. Sie unterhielt
auch diese Anlage am Helenesee.
Die paramilitärische Jugendorganisation war zuständig für die vormilitärische Ausbildung, die im Wehrdienstgesetz festgeschrieben war.
So hatten irgendwann fast alle Jugendlichen in der DDR mit der GST
zu tun. Für bestimmte Sportarten
wie Segel- und Motorfliegen, Schießen, Fallschirmspringen und Tau-
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chen bot sie die oftmals einzige
Möglichkeit der legalen Ausübung.
Vorstände der GST waren hauptamtlich tätig und meist ehemalige
Berufssoldaten. So locker wie bei
uns lief das mit der Taucherei hier
also nicht. Aber was soll’s, das ist
nun Geschichte, und heute tauchen
wir gemeinsam ab. Das alleine zählt
jetzt. Und unter Wasser sind wir
doch alle gleich. Nur was die Ausrüstung angeht, stimmte das nicht so
ganz. »Tschechobrett«, hören wir jemanden beim Anrödeln sagen. Gemeint ist der Neoprenanzug, weil
er aus der ehemaligen Tschechoslowakei kommt und nichts mit der
Flauschigkeit heutiger Ware gemein hatte. Natürlich war er nicht
wirklich bretthart, kam dem Zustand aber offenbar nahe. Unvergessen auch der allgegenwärtige
DDR-Nachbau des schwedischen
Poseidon Cyclon, mit einem Gartenschlauch als Ersatz für den Niederdruckschlauch. Respekt vor der
Findigkeit, Mangel auszugleichen.
Nur für die nicht vorhandenen Taucherwesten hatte man keinen Ersatz gefunden. Dem Spaß am Tauchen tat das alles keinen Abbruch,
und die »Schöne Helene« bescherte uns unseren bis dahin besten
Süßwasser-Tauchgang. Die Erinnerung an die Seminarthemen? Sind
längst verblasst: Ausbildungsrichtlinien, Inhalte, Unterschiede und
Gemeinsamkeiten, Organisationsstrukturen – wer erinnert sich daran
noch im Detail? Mir jedenfalls blieb
anderes im Gedächtnis. Das »Grillen
danach« gehört dazu. Ohne Wurst
ging es schon damals nicht, und ein
zünftiges Tauchwochenende schon
gar nicht.
c Strenge Ausbildungsvorschriften. Kein Tauchgang ohne Auftrag. Vor-
militärische Ausrichtung – das Tauchen in der DDR hatte mit den heutigen »Spaßtauchern« nicht viel gemein. Die Reportage zu diesem Bericht finden Sie in u 02/2010.
Dessen Höhepunkt kam allerdings
erst gegen Mitternacht. Ein Nachttauchgang vom Feinsten wurde uns
in Aussicht gestellt. Voll in Tauchmontur fanden wird uns unversehens hinten auf einem NVA-Laster
wieder, der irgendwie »organisiert«
worden war. In schwarzer Nacht
ging es auf Feldwegen zum benachbarten Katjasee. Das sei eigentlich
verboten, meinten unsere Gastgeber – aber verboten sei vieles gewesen, und überhaupt, Verboten
war einmal, zumindest in dieser
Nacht. Irgendwie waren wir gerade im wilden Osten und die Atmo-
sphäre unter der Plane auf unserem
Militärlaster irgendwo zwischen
Pfadfinderausflug und Einsatzkommando einzuordnen. Mir war, als gelangte man auf etlichen Schleichund Umwegen zum Katjasee, aber
vielleicht erschien es mir bei unserem mitternächtlichen »Einsatz«
auch nur so. Wie auch immer, der
Tauchgang war jeden Umweg wert.
Klares Wasser, fantastisch krautund fischreich, und eine tolle Stimmung mit gleich einem dutzend
neuer Taucherkollegen. In den nächsten Jahren sollten wir noch zahlc
reiche ostdeutsche Tauchge-
Tauchparadiese im Osten
Über manche Entgleisung aus Wendezeiten kann man heute nur noch
schmunzeln, besonders angesichts der vielen Erfolge. Wir haben die
Entwicklung des Tauchsports in den fünf neuen Bundesländern seit
der Wende bis heute intensiv verfolgt. Zwischenbilanz: Es wird viel
und leidenschaftlich getaucht, und der Osten Deutschlands bietet in
dieser Hinsicht bundesweit die besten Voraussetzungen. Die Menge
hervorragender Gewässer und die bereit gestellte Infrastruktur durch
Tauchbasen sind einzigartig. Zum Beispiel Sachsen: Über 50 bekannte Tauchgewässer kommen in dem Freistaat zusammen. Dieses Potenzial blieb nicht ungenutzt. Gut zwei Dutzend Tauchschulen und -fachgeschäfte stehen für Unterwasser-Exkursionen bereit. Einige haben
sich mit einer Tauchbasis direkt am Seeufer niedergelassen. So hat sich
der Tauchsport zu einem kleinen Zweig des Tourismus und des Freizeitsports entwickelt. Und zieht Gäste aus ganz Deutschland an. Etwa
in Steina. Hier gründeten Harald Spallek und Uwe Prokop bereits 1990
die Tauchbasis am Hausteinsee, einem ehemaligen Granitsteinbruch.
Auch anderorts wurden mit viel Eigeninitiative beispielhafte Tauchbetriebe aufgezogen. Etwa am Bergwitzsee, am Wildschütz, am Kulkwitzer See bei Leipzig oder, nicht weit davon entfernt, am Cospudener
See. Genügend Beispiele für äußerst empfehlenswerte Tauchbetriebe
finden sich längst in allen fünf Bundesländern. Wenn Sie noch nie im
Osten abgetaucht sind, haben wir eine dringende Empfehlung: Packen
Sie die Tauchsachen ein und gehen Sie auf Entdeckungstour. Auch die
weiteste Anfahrt lohnt.
p Abenteuer-INFO DOWNLOAD · TAUCHEN IN DER DDR
Er hat uns aber lange begleitet, auch am Stechlinsee, wo wir
wenige Monate später erstmals
tauchten und wohnten. Die Anlage hier, wie könnte es auch an-
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ders sein, war ebenfalls ein ehemaliger GST-Betrieb und wurde Mitte
der 1970iger Jahre fertig gestellt.
Sie diente als TaucherausbildungsZentrum für die Nationale Volksarmee. Lag es an diesem Hintergrund,
dass wir bei diesem ebenfalls offiziellen Treffen nicht die herzliche
Offenheit empfanden wie an der
Helene? Man weiß es nicht. Vielleicht trauerte mancher ja den alten Zeiten hinterher. Was aber nicht
daran hinderte, einige sehr schöne gemeinsame Tauchgänge durchzuführen. Und abends im Freien
zu feiern, mit zahlreichen Teilnehmern auch aus dem Dorf. Wir haben
die interessante Anlage frühzeitig ins Gespräch gebracht hinsichtlich einer möglichen Nutzung durch
den VDST. Das wurde jedoch, nach
mehrmaligen Betreiberwechseln,
erst 1998 verwirklicht.
Die Annäherung im Großen war
eben nicht immer so einfach wie
im privaten Kleinen. Ein Thema des
großen Ganzen war zum Beispiel,
wie man die ostdeutschen Ausbilder in den VDST eingliedert. Klar
konnten die tauchen, da musste man keine Prüfungen mehr abnehmen. Doch wie sah es beim Gebrauch von Taucherwesten aus?
Beim VDST, ebenso wie bei anderen Ausbildungsverbänden, gab
es in den Prüfungen der einzelnen
Ausbildungsstufen verschiedene
Übungen zum Tarieren mit Weste. Kann die jemand abnehmen,
der selber nie mit Weste getaucht
ist? Es gab also den Vorschlag,
das in einem Seminar zu vermitteln. Schon das rief aber bei vielen Ostdeutschen Empörung hervor. Schließlich kann man tauchen,
hat als Ausbilder gearbeitet, da ist
eine bedingungslose Umschreibung doch wohl selbstverständlich
und basta! Alles andere als ein sofortiger Crossover ohne Wenn und
Aber erschienen manchen als ungeheure Zumutung. Und sicher verfügte auch mancher Wessi nicht
über die nötige Feinfühligkeit. Und
dann war da noch die private Kon-
Foto: Manuela Kirschner
wässer erkunden, die jeden Umweg
wert waren.
Zurück in unserem Basislager, einer Mischung aus Kaserne und Ferienheim mit original sozialistischem
Flair ist endgültig Feierabend und
Schlafengehen angesagt, und wir
beziehen unsere geruchsintensive
Schlafbude. Irgendwoher kenne ich
diesen Geruch, der auch all die anderen Räumlichkeiten beherrscht,
aber bevor ich weiter darüber grüble, bin ich auch schon eingeschlafen. Am morgen beim Frühstück
ist die Atmosphäre deutlich lockerer als beim gestrigen, ersten
Beschnuppern. Gemeinsame Tauchgänge und nächtliche Ausflüge sind
eben echte Eisbrecher. Wieder im
Auto auf der Rückfahrt nach Berlin
greife ich in meine Sporttasche und
fische eine Tafel Schokolade heraus. Genau der richtige Snack jetzt,
denke ich – und spucke das abgebissene Schokostück gleich wieder
aus. Das schmeckt ja nach Phenol.
Jetzt dämmert es mir: Der Geruch
im Zimmer stammt von Phenol haltigen Desinfektionsmitteln. Phenol
löst sich in Fett, die Schokolade enthält Fett – meine Schokolade hat
über Nacht im Zimmer Phenolaroma erhalten. Okay, in Zukunft bleibt
die Schokolade bei unserer taucherischen Osterweiterung im Auto.
Für manche ist der typische Trabbi-Geruch noch heute im Gedächtnis. Bei mir sind es immer Bratwürste und Phenolgeruch. Kein Verlust,
dass letzterer schon seit Jahren Vergangenheit ist.
Kurz nach der Wende: Die Tauchbasis am Stechlinsee war früher GST-Betrieb und Ausbildungsstätte für die Nationale Volksarmee
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kurrenz. Die lockte zum Teil nicht
nur mit sofortiger, problemloser
Umschreibung, sondern auch mit
der Aussicht, als kommerziell tätige Tauchlehrer richtig Geld zu verdienen. In dem Zuge gingen zahlreiche ostdeutsche Ausbilder zu
einem kommerziellen Verband, die
dadurch eine Zeitlang reichlich Zulauf hatten.
Das schnelle Geldverdienen war
überhaupt kurz nach der Wende
auch im Kleinen ein großes Thema. Wir fuhren sehr viel im Osten
herum, haben eine Menge Tauchgewässer erkundet. Eine Begleiterscheinung dabei: Kaum hatte man
irgendwo das Auto abgestellt, kam
wie Kai aus der Kiste von irgendwoher ein tatsächlicher oder selbsternannter Parkplatzwächter und verlangte eine Parkgebühr. Gefühlt
an jeder möglichen und unmöglichen Stelle, kein Fleck, wo man
mal aussteigen und den See in Augenschein nehmen konnte, ohne vorher in die Tasche zu greifen.
Schmerzhafter wurde es bei den
Übernachtungen. Manche Zimmerwirte schafften es in Null auf Hundert vom Sozialismus zum Kapitalismus. Ein schlichtes, manchmal
auch schäbiges Zimmer irgendwo in der Walachei, und der Vermieter ruft den Preis eines 4- oder
5-Sterne-Hotels in bester Berliner
Innenstadtlage auf. Realsozialistischer Wohnkomfort zu turbokapitalistischen Preisen, und das pappige Frühstückbrötchen nicht mal
mit drin. Nur gut, dass der Markt die
meisten dieser Ausfälle mittlerweim
se geregelt hat. ¢ Matthias Bergbauer
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Seele and Geist
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