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Das dreigliedrige Schulsystem - Was aus Humboldts - RPI-Virtuell

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Das dreigliedrige Schulsystem - Was aus
Humboldts revolutionären Plänen wurde
Weder geht unser aktuelles dreigliedriges Schulsystem auf Wilhelm von Humboldt zurück.
Noch wird unser Schulsystem gerechter, wenn es zweigliedrig wird. Und die Umbenennung
der ehemaligen Hilfsschule in Sonder- und Förderschule sorgte lediglich für
Begriffskosmetik. Bildungsjournalistin Brigitte Schumann nimmt uns mit auf einen
bildungspolitischen Geschichtskurs, der aktuelle Bildungsmythen hinterfragt.
1
Wilhelm von Humboldt als Bildungsreformer: Das dreistufige Schulsystem .................. 1
2
Nach dem Zweiten Weltkrieg: Bildungsexperten drängen auf Schule für alle................ 2
3
Von der Hilfsschule zur Förderschule - ein Rückblick .................................................... 4
4
Anspruch auf Inklusion und inklusive Bildung rechtsverbindlich ..................................... 5
Veröffentlicht in: rpi-Blog - http://www.rpi-virtuell.net/blog:2669
1 Wilhelm von Humboldt als Bildungsreformer:
Das dreistufige Schulsystem
Wilhelm von Humboldt, der Gelehrte und Mitbegründer der Universität Berlin, gehört zu den
großen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturgeschichte. Unzählige Gymnasien in
Deutschland sind nach ihm benannt, und er gilt als der Begründer des dreigliedrigen
Schulsystems Ist das historisch zutreffend?
1806 stand die preußische Monarchie mit der Niederlage gegen Napoleon vor ihrem
politischen und finanziellen Zusammenbruch. Friedrich Wilhelm III. befürchtete revolutionäre
Erhebungen wie in Frankreich. Um seinen Thron zu retten, kündigte er gegen seine
Überzeugung Reformen an. U. a. wurde Wilhelm von Humboldt berufen, um eine
Bildungsreform einzuleiten.
Gymnasium als Schule für alle
Seine Pläne waren revolutionär: Die nach Ständen getrennten Schulen wollte er abschaffen.
Er entwickelte einen "Schulplan" für ein dreistufiges - nicht dreigliedriges! - Schulsystem. Auf
eine dreijährige Elementarschule sollte das Gymnasium als Schule für alle folgen und allen
eine allgemeine Menschenbildung vermitteln. Er legte allerdings wegen der internen
Widerstände gegen seine Bildungspläne schon nach 20 Monaten sein Amt nieder.
Mit dem Sieg Preußens gegen Napoleon 1813 kehrte der preußische König wieder den
autoritären Herrscher heraus. Von Reform keine Rede mehr. Auch die Bildungsreform war
B. Schumann: Was aus Humboldts Plänen wurde
vom Tisch. Die Bildungsziele und Bildungsansprüche sollten sich strikt an der ständischen
Zugehörigkeit der Schüler orientieren, und diese sollten selbstverständlich getrennt
voneinander unterrichtet werden. So wurde die klassische Dreigliedrigkeit begründet, die bis
heute die Grundstruktur unseres Schulsystems darstellt. Auf Wilhelm von Humboldt kann
man sich dabei wahrhaftig nicht berufen!
2 Nach dem Zweiten Weltkrieg:
Bildungsexperten drängen auf Schule für alle
Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die Alliierten das Schulsystem zu verändern.
Können Sie erzählen, was sie vorhatten?
Eine amerikanische Kommission von Bildungsexperten vertrat die Ansicht, dass das streng
hierarchisch gegliederte deutsche Schulsystem vordemokratisch sei. Es habe die
Unterwerfung der Deutschen unter den totalitären Anspruch des Nationalsozialismus
gefördert. Auch die Anpassungsfähigkeit der sog. Mitläufer in dem faschistischen
Unrechtssystem wurde damit in Verbindung gebracht. Deshalb drängten die Amerikaner
auch auf eine gemeinsame Schule für die gesamte Zeit der Schulpflicht.
Politisch war dies nicht durchsetzbar. Der Widerstand der Deutschen war zu groß. Der kurz
nach 1945 einsetzende Kampf der Supermächte trug wesentlich dazu bei, dass sich das
traditionelle dreigliedrige Schulsystem in Westdeutschland als Gegenpol zu dem
Einheitsschulsystem in Ostdeutschland stabilisieren konnte.
Dreigliedriges Schulsystem als Gegenbild zur Einheitssschule der DDR
Die Einheitsschule der DDR wird heute noch als antagonistisches Gegenbild verwendet, um
die Forderung nach einer Schule für alle abzuwehren. Dabei ist die Schule für alle das
Strukturmodell, das sich in Europa durchgesetzt hat und auch für die vorbildlichen
skandinavischen Schulsysteme grundlegend ist.
Aktuell sind Schulreformen wieder einmal im Gespräch. In einigen Bundesländern zeichnet
sich eine Kompromisslösung ab. Ein zweigliedriges Schulsystem mit einem relativ
unveränderten Gymnasium und einer Kombination aus Real- und Hauptschule mit höheren
Förderanteilen.
Zweigliedrige Schulstruktur erhält soziale Selektion
Die Zweigliedrigkeit soll das Problem der Hauptschule lösen, die ganz offensichtlich zur
Schule der "Bildungsverlierer" geworden ist.
Die "Zweitschule" oder Stadtteilschule, wie sie offiziell in Hamburg heißt, die Hauptschule
und weiterführende Schulen verbindet, ist auf jeden Fall heterogener und damit
leistungsfähiger als die Hauptschule in einem mehrgliedrigen System.
Allerdings bleibt der undemokratische Tatbestand der sozialen Selektion und Segregation
bestehen. Gymnasiasten werden in der Regel keinen Umgang mit Gleichaltrigen aus der
Unterschicht und mit Jugendlichen mit Lernproblemen oder einer geistigen Behinderung im
Alltag haben, da die Kontakte in der Regel über die Schule vermittelt werden. Und das gilt
natürlich umgekehrt auch für die Schüler und Schülerinnen der Stadtteilschule. Nur in einer
Schule für alle lernen Kinder, sich in ihrer Andersartigkeit als gleichwertig anzuerkennen.
22.04.2010, Seite 2
B. Schumann: Was aus Humboldts Plänen wurde
Pädagogischer Reformbedarf gerade im Gymnasium sehr groß
Ich halte es für unrealistisch zu glauben, dass die Stadtteilschule sich als wirklich
gleichwertige Alternative zum Gymnasium entwickeln kann. Erfährt doch das Gymnasium mit
dieser Reform seine Bestätigung als elitäre Einrichtung. Es muss sich im Gegensatz zu allen
anderen Schulformen nicht verändern.
Ironischerweise ist aber der pädagogische Reformbedarf gerade da sehr groß. Nirgendwo
wird immer noch - zum Schaden der Schüler und Schülerinnen - so viel gleichschrittiger,
lehrergebundener Frontalunterricht in 45- Minuten- Häppchen erteilt wie am Gymnasium. Die
Erkenntnisse der modernen Lernforschung sind dort noch nicht einmal angekommen,
geschweige denn umgesetzt.
Ein Teil der Eltern und gymnasiale Lehrerverbände positionieren sich sehr eindeutig. Sie
wollen den Erhalt des Gymnasiums.
In Hamburg haben sich diese Eltern unter dem Motto "Wir wollen lernen" gegen die Reform
zusammengeschlossen. Ein Fernsehbeitrag von Panorama hat die Motive der Eltern
verdeutlicht. Sie wollen verhindern, dass ihre Kinder länger als nötig mit Kindern aus
anderen sozialen Milieus gemeinsam lernen, nach dem Motto: Wir wollen lernen, aber ohne
euch.
Es geht ihnen um die Verteidigung des frühen und privilegierten Zugangs zum Gymnasium.
Auch der Philologenverband sieht mit der Verlängerung der Primarschule das klassische
Gymnasium in seiner bisherigen Langform in Gefahr.
Eine neue Art von Klassengesellschaft
Milieustudien beobachten in den letzten Jahren ein deutliches Auseinanderdriften der Milieus
sowohl in räumlicher als auch in kultureller Hinsicht. Deutschland scheint auf dem Weg in
eine neue Art von Klassengesellschaft zu sein, wobei die Trennungslinie über Einkommen,
Vermögen und auch über kulturelle Dimensionen wie etwa Bildungskapital und
Bildungsaspirationen, Werte und Alltagsästhetik verläuft. Die zweigliedrige Schulstruktur
sichert über das Gymnasium die Bildungsprivilegien für die Milieus der Ober- und
Mittelschicht und deren Wunsch nach Abgrenzung vom unteren Rand der Gesellschaft.
Schule schaffen, die allen Kindern gerecht wird
Mir ist sehr bewusst, dass man sich in Widersprüche verwickeln kann, wenn das eigene Kind
auch das Gymnasium besucht oder besuchen soll, und ich habe Verständnis für Eltern, die
für ihr Kind das Beste wollen.
Dennoch: Die Zweigliedrigkeit ist ebenso wenig wie die Dreigliedrigkeit ein demokratisches
Schulmodell. Sie ist eine Modernisierung des alten, ständisch begründeten dreigliedrigen
Schulsystems. Sie ist Abbild einer neuen Klassengesellschaft. Wir sollten den Mut haben,
das wahrzunehmen, und eine Schule schaffen, die allen Kindern gerecht wird
Die Föderalismusreform hat dafür gesorgt, dass die Bundesländer im Bildungsbereich
eigenständig agieren können. Dient das der schulischen Bildung?
Es gibt in ganz Europa nur 17 Länder, die die Kinder nach nur vier gemeinsamen
Schuljahren aufteilen. Davon sind 16 in Deutschland. Das beschreibt das Problem des
Föderalismus ganz gut. Der gordische Knoten wäre sicherlich besser aufzulösen, wenn wir
nur eine Zentrale für die Bildungszuständigkeit hätten.
22.04.2010, Seite 3
B. Schumann: Was aus Humboldts Plänen wurde
3 Von der Hilfsschule zur Förderschule - ein Rückblick
Ein weiteres Thema, mit dem Sie sich beschäftigt haben, ist die Geschichte der Hilfsschule,
die heute ja Förderschule heißt.
Im 19. Jh. wurden Kinder, die in den Volksschulklassen scheiterten, als "schwachsinnig"
bezeichnet. Die Hilfsschulbewegung setzte sich für ihre Abtrennung von den sog.
"gesunden" Kindern ein. Sie sah sich gleichzeitig als Helfer für diese "unbrauchbaren" Kinder
an und sprach sich besondere Kompetenzen im Umgang mit ihnen zu.
NS-Staat knüpfte an Hilfsschulbewegung an
Mühelos gelang es dem NS-Staat, die Hilfsschule in den Dienst seiner rassenhygienischen
und bevölkerungspolitischen Ziele zu stellen. Zudem boten sich die Verbandsvertreter als
willfährige Helfer an. Die Hilfsschule war den Nationalsozialisten das Sammelbecken für die
erbkranken "Volksglieder". Nach dem "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses"
von 1933 wurden alle Hilfsschüler auf vermeintliche Erbkrankheiten untersucht und etwa die
Hälfte von ihnen wurde zwangssterilisiert. Insgesamt waren 400 000 Menschen davon
betroffen. Menschen mit einer geistigen Behinderung wurde das Recht auf Leben
abgesprochen und viele von ihnen wurden Opfer von Euthanasie.
Leider wurde die Rolle der Hilfsschule nach 1945 nicht politisch aufgearbeitet. Der enorme
Ausbau des Sonderschulsystems und seine Ausdifferenzierung in 10 Sonderschularten
wurden im Westdeutschland der Nachkriegszeit politisch als Akt der Wiedergutmachung
begründet. Die Dominanz des Sonderschulsystems erklärt die extrem niedrige
Integrationsquote, die Deutschland wiederum zu einem bildungspolitischen Sonderfall in
Europa macht.
Auch Sonderschulen für Menschen mit einer geistigen Behinderung wurden eingerichtet.
Damit sollte die Vorstellung von ihrer Bildungsunfähigkeit revidiert werden. Tatsächlich aber
hätte man aus dem Faschismus die Lehre ziehen müssen, dass die Aussonderung in
Sondereinrichtungen die Betroffenen besonders verletzlich macht und daher ihr Platz mitten
in der Gesellschaft sein muss und nicht am Rande.
"Hilfsschule", "Sonderschule" und "Förderschule" als Begriffskosmetik
Mit der Umbenennung der "Hilfsschule" in "Sonderschule" in den 1960er Jahren sollte wohl
eine Art Schlussstrich gezogen werden. Mit dem neuen Begriff "Förderschule" hat man der
Sonderschule ein neues positives Image verleihen wollen. Es kann aber die Betroffenen
nicht vor Stigmatisierung und Ausgrenzung schützen.
Nach wie vor ist die Sonderschule für Lernbehinderte oder allgemeine Förderschule wie zu
Zeiten der Hilfsschule eine Schule der Armen aus der untersten Unterschicht. Die
sozialstrukturelle Grenzziehung durch unser hierarchisch gegliedertes Schulsystem zeigt
sich hier am eindeutigsten.
22.04.2010, Seite 4
B. Schumann: Was aus Humboldts Plänen wurde
4 Anspruch auf Inklusion und inklusive Bildung
rechtsverbindlich
In der Erklärung von Salamanca 1994 sind Vorgaben in Bezug auf Inklusion und inklusive
Bildung festgelegt, die inzwischen auch für Deutschland rechtsverbindlich sind.
Was wir unter Inklusion und inklusiver Bildung zu verstehen haben, hat die UNESCO auf
ihrer Weltkonferenz 1994 in Spanien mit der Erklärung von Salamanca und dem
"Aktionsrahmen zur Pädagogik für besondere Bedürfnisse" festgelegt.
Der Leitgedanke der Inklusion lässt sich wie folgt zusammenfassen: Alle Kinder haben das
Recht auf Bildung. Alle Schulen nehmen alle Kinder auf. Auch Kinder mit Behinderungen und
Lernproblemen gehören selbstverständlich dazu. Alle Schulen passen sich den Kindern an.
Sie entwickeln dafür eine kindzentrierte Pädagogik. Sie sind ein Beitrag zu einer
Gesellschaft, die die Rechte und die Würde aller Menschen achtet.
Mit der UN-Behindertenrechtskonvention, die im März 2009 bei uns in Kraft getreten ist, ist
die Empfehlung von Salamanca für Deutschland und die Bundesländer rechtsverbindlich
geworden.
Bundesländer scheuen die Umsetzung
Es gibt jedoch kein einziges Bundesland, das einen strukturellen Gesamtplan von der
Selektion zur Inklusion vorgelegt hat oder Anstalten macht, einen solchen vorzulegen. Es
geht lediglich um die Frage, wie die Kinder mit Behinderungen in das selektive allgemeine
Schulsystem einbezogen werden.
Dabei wird mit allen Mitteln auch getrickst, z.B. wenn Bayern Kooperationsklassen an
Regelschulen auch als inklusiv bezeichnet, obwohl dort nur gelegentliche Besuche der
Kinder mit Behinderungen in den Regelklassen vorgesehen sind.
Die Kultusministerkonferenz wird sich wohl in einer Empfehlung auf das Elternwahlrecht mit
Elternberatung festlegen. Damit unterläuft sie die Konvention, die das Recht des Kindes auf
inklusive Bildung postuliert. Sie kann aber auf diese Weise den Erhalt des
Sonderschulsystems legitimieren.
Über Elternberatung kann die staatliche Schulbehörde auch Einfluss nehmen auf den
Elternwillen oder ihn sogar gänzlich aushebeln, indem sie das Kindeswohl ins Spiel bringt.
Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen mit angemessener Unterstützung
Einen subjektiven Rechtsanspruch des einzelnen Kindes mit Behinderung auf sofortige
Erfüllung des gemeinsamen Lernens mit angemessenen Vorkehrungen in der Regelschule
erkennt die Kultusministerkonferenz nicht an, obwohl das ausdrücklich so vorgesehen ist,
wie dem Gutachten des Völkerrechtlers Prof. Eibe Riedel entnommen werden kann.
Es wird auf den Druck von Elterninitiativen und von gesellschaftlichen Kräften ankommen,
um einen echten Transformationsprozess im Sinne der UN-Konvention einzuleiten. Am
Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin ist eine Monitoringstelle eingerichtet worden.
Sie hat den Auftrag, den Umsetzungsprozess zu beobachten und wird im nächsten Jahr
einen offiziellen Bericht abgeben.
Das Interview führte Julia Born.
22.04.2010, Seite 5
B. Schumann: Was aus Humboldts Plänen wurde
Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Gymnasiallehrerin für Deutsch und
Geschichte in Nordrhein-Westfalen und engagierte sich viele Jahre
politisch als Stadtverordnete und Abgeordnete im Landtag von
Nordrhein-Westfalen. Sie ist heute als freie Bildungsjournalistin in Essen
tätig. Ihr Schwerpunkt sind bildungs- und kulturpolitische Themen. Sie
ist Autorin des Buchs "Ich schäme mich ja so!" Die Sonderschule für
Lernbehinderte als Schonraumfalle (2007).
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22.04.2010, Seite 6
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