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Da geht noch was Filmkritik von kritiken.de

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©Constantin Film Verleih GmbH
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Da geht noch was
Regisseur: Holger Haase. Drehbuch: Jens-Frederik Otto
Da geht noch was Filmkritik
von Mattes Teschabai
Mainstream-Kino aus Deutschland ist schwer. Nicht
selten verlässt der Zuschauer den Saal mit dem
unangebrachten
Phantomschmerz,
doch
kein
Amerikaner zu sein. Die deutschen Rom-Coms hecheln
dem Übersee-Ideal nach, mischen das Ganze mit etwas
mechanistischer Wurstbuden-Lakonie und verhungern
dann auf halber Strecke, irgendwo im unentschiedenen
Niemandsland zwischen Europa und Traumfabrik. Die Familien-Komödie „Da geht noch was“
versucht sich durch amüsante Eckdaten in klarer BRD-Befindlichkeit zu versenken und hat mit
Henry Hübchen und Florian David Fitz auch gleich zwei große Namen der deutschen Komödie
auf seiner Seite. Holger Haase leistet ein durchwachsenes Kinodebüt, das teilweise zu
ambitioniert daherkommt, um locker zu sein und zu einseitig inszeniert ist, um sein Potential
auszuschöpfen. Trotzdem: ein interessanter Mainstream-Beitrag zum deutschen Familienfilm,
der in „Was bleibt“ zuletzt seine nachdenklich dunkle Spitze erreicht hat.
Conrad (Florian David Fitz) ist am Ziel seiner Träume. Er hat sich als Kücheneinrichter und
Werbefachmann menschlich und professionell möglichst weit weg von seinem Vater Carl (Henry
Hübchen) entwickelt. So lange er denken kann, war dieser chauvinistische Patriarch immer das,
was ihn von einem glücklichen Leben getrennt hat und auch heute nutzt der ExGewerkschaftsboss noch jeden kleinen Besuch, um Conrad, seine Frau Tamara (Thekla Reuten)
oder den gemeinsamen Sohn Jonas (Marius Haas) zu schikanieren. Kurz bevor Conrad in den
Familienurlaub fliegt, eröffnet ihm Mutter Helene (Leslie Malton), dass sie sich nach 40 Jahren
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von Carl getrennt hat und bittet ihren Sohn, um einen geheimnisvollen Botengang ins
Elternhaus. Dort trägt Carl die Trennung wie ein Mann, mit Selbstzufriedenheit und Dosenbier.
Doch während er seine Stellung als Familienoberhaupt predigt, fällt er in den leeren Pool –
Conrad und Jonas müssen die vorgeflogene Tamara in Goa warten lassen und das verlassene
Alphatier bis auf weiteres pflegen.
„Da geht noch was“ klingt nach Sexkomödie. Aber so
unpassend ist der Titel im Grunde nicht. Er wird zum
verhängnisvollen Mantra des Protagonisten. Die Flucht
vor dem Elternhaus ins perfekte Leben bezahlt Conrad
mit einem Stück Identität. Zwischen Low-Carb-Diät,
Eigenheim, Vaterverdrängung und Postkartenidylle
vergisst
Conrad
im
Strudel
der
ständigen
Modernisierung, wer er ist und was er will. Carl ist das andere Extrem und wirkt wie ein Stück
festgefahrenes BRD-Ego, zwischen verklärter Gewerkschafter-Romantik und Fußball-Fixierung,
unbeweglich wie ein Charakter aus der „Lindenstraße“, genauso nervig wie solide. Beide
müssen im Laufe der Handlung auf engem Raum unter einem Dach ihren Lebensstil überdenken
und sich mit dem konfrontieren, was sie fürchten, um an das zu kommen, was sie wollen – ihre
Frauen. Angelpunkt ist natürlich die dritte Generation. Carl findet in Jonas die Liebe zum
verlorenen Sohn. Im Rückzug erkennt Conrad einen liebenswerten Mann in seinem Vater.
Das Drehbuch versucht den allseits bekannten Groll auf die eigene Familie mit einer humorigen
Meditation über die Gesellschaft zu verbinden. Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Was
steht hinter einer Selbstverwirklichung, deren Hauptantrieb die nervöse Flucht vor den eigenen
Wurzeln ist? Und hier trifft Holger Haase durchaus einen Nerv – die Gefahr des abstrakten
Selbstverlustes ist in unserer visuell-virtuellen Online-Kultur allanwesend. Werbung, Popkultur,
Internet, Smartphones – die uns umgebende Bilderwelt ist verheißungsvoller und verführerischer
denn je. Manchmal vergessen wir, dass sie möglicherweise rein gar nichts mit uns zu tun hat, die
Werbung, und plötzlich: sind wir Teil von ihr. Dieses fatale Aufwachen innerhalb der unendlichen
Leere der Werbewelt – das ist die interessante Entwicklung, die Conrad durchmacht.
Am schönsten ist der Film, wenn er Henry Hübchen und
Florian David Fitz genügend Zeit gibt, eine Szene zu
entwickeln. Die rastlose Leere des Sohnes und die
selbstzufriedene Unerträglichkeit des Vaters werden auf
lockere Weise eng geführt und es kommt zu wirklich
witzigen Momenten, die gleichzeitig fühlbar machen,
welche Konflikte hier im Raum stehen. Leider rutscht
„Da geht noch was“ in der zweiten Hälfte immer mehr in melodramatische Allgemeinplätze ab.
Holger Haase unterwandert sein eigenes Konzept und mündet in der Musik-überladenen
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Dramaturgie einer TV-Schablone. Zwar errettet sich die Hauptfigur seine Identität, doch im
Gegenzug fühlt sich jetzt der Zuschauer wie im Werbeblock. Den Szenen wird keine organische
Entfaltung mehr zugestanden, der Zug fährt erbarmungslos in Richtung Happy End.
So schafft die schöne Geschichte mit vielen interessanten Untertönen nicht die Übersetzung
seiner Heldenreise in eine passende Filmsprache, sondern mündet in eben dieser pseudoamerikanischen Unwirklichkeit, an denen deutsches Mainstream-Kino so oft leidet.
Nichtsdestotrotz machen Henry Hübchen und Florian David Fitz Spaß und bieten genügend
Motivation für einen Kinobesuch mit der ganzen Familie, wenn es so etwas überhaupt noch gibt.
Wem Florian David Fitz auf Familienmission zu locker erscheint, dem sei an dieser Stelle noch
einmal Hans-Christian Schmids „Was bleibt“ ans Herz gelegt. Setting, Konstellation und gerade
die Vaterfiguren ähneln sich und werden dann im Anschluss entgegengesetzt entwickelt.
Zusammen geben die beiden Filme ein herrlich dialektisches Panoptikum deutscher
Familienplanung und was man daraus im Kino machen kann.
Da geht noch was
Regie: Holger Haase
Buch: Jens-Frederik Otto
Bilder und Fotos: ©Constantin Film Verleih GmbH
Quelle: http://www.kritiken.de/filmkritik/da-geht-noch-was-23903.html
* Alle Angaben ohne Gewähr
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Seele and Geist
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