close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Abstract Was tun mit all der Theorie? Versuch eines Leitfadens zum

EinbettenHerunterladen
FACHSCHAFTSVERTRETUNG SOZIOLOGIE
2. STUDENTISCHER SOZIOLOGIEKONGRESS
Abstract
Laura Henke
Was tun mit all der Theorie?
Versuch eines Leitfadens zum praktischen Umgang mit dem Theorienpluralismus in
der heutigen Soziologie
Der Zustand der soziologischen Theorie wird oft als wenig zufriedenstellend betrachtet. Hauptgrund ist der
historisch gewachsene und unübersichtlich gewordene Vorrat an Thesen, Theorien, Theoremen,
Paradigmen, Modellen. Aber was ist nun das Problem daran? Wo liegen Chancen, wo Nachteile? Wie
können wir heute und in Zukunft – ganz praktisch – damit umgehen?
Max Haller (Uni Graz) stellt eine kritische Diagnose, die ich im Rahmen des Münchner Soziologiekongress
vorstellen möchte. Er arbeitet zunächst die konkreten Probleme der heutigen Soziologie heraus, die mit
dem o. g. Zustand der Theorie einhergehen: Eine zunehmende Dialogarmut zwischen den einzelnen
Gruppierungen, die Entfremdung von 'Theoretikern' auf der einen und 'Empirikern' auf der anderen Seite,
der inflationäre Anstieg der Anzahl an Publikationen (wobei er seine Befürchtung äußert, dass hierunter die
Qualität erheblich leide), der eingleisige Kommunikationsfluss („USA → Deutschland/ Frankreich → Rest
der Welt“), sowie die Auswirkung des unbeeindruckt Nebeneinander-Her-Existierens der Fülle an
Theoriegebäuden auf die Ausbildung des soziologischen Nachwuchses. Wesentliche Kritik ist hierbei: Ein
Großteil der Lehrbücher (und auch Einführungsvorlesungen) zum Thema 'Soziologische Theorie' stellt
einfach die 'wichtigsten' Hauptströmungen nebeneinander auf, ohne den Studenten ein zur Bewertung
derselben notwendiges Problembewusstsein zu vermitteln. Ein Einordnen und Bewerten ist ohne passendes
Werkzeug aber nicht möglich. Methodisches Werkzeug wird ihnen (uns!) zwar vermittelt, aber dann meist
bezogen auf die empirische Sozialforschung, nicht auf die – völlig unabhängig danebenstehende - Theorie.
Zu verdanken haben die Studierenden das wiederum der Tendenz der Forschenden/Lehrenden, sich in die
zwei Lager der 'Empiriker' und 'Theoretiker' aufzuteilen, wobei erste dann die Methoden der empirischen
Sozialforschung unterrichten, letztere meist so etwas wie 'Theoriegeschichte'.
Die Frage nach dem Warum gestaltet sich schwierig (und soll an dieser Stelle kurz zur Erläuterung
vorgestellt, aber nicht weiter vertieft werden). Mögliche Gründe findet man in der Paradigmengeschichte
der Soziologie: Speziell im Zuge der Post-Parson'schen Ära war man davon abgerückt, nach 'der
allumfassenden Welterklärung schlechthin' zu suchen; diese Zeit, in der ja auch – vielleicht nicht zufällig –
emanzipatorische Theorien einen Aufschwung erlebten, war somit geprägt von der Einstellung 'Lasst alle
Blumen blühen'. Und nicht zuletzt erfolgt der Rückschluss über die oben beschriebene Menge
theoretischen Materials. Haller bringt es so auf den Punkt: Es gibt Empiriker, Theoretiker – und solche, die
1
„das Schreiben interessanter, stimulierender, provokativer Essays“ unter Benutzung reichlich
soziologisierenden Vokabulars zum Ziel ihrer Forschung erklärt haben und damit zur Unübersichtlichkeit
der theoretischer Richtungen beitragen.
Was also können wir tun?
Verschiedene 'theoriepraktische' Arbeiten, nicht nur die von Haller, weisen – (ein Lichtblick!) – in die
gleiche Richtung: Wir müssen zu einer soliden Methodik der Theoriebetrachtung, des Theorievergleichs
und schließlich der Theoriebewertung gelangen.
Dazu stelle ich eine 'metatheoretische Gebrauchsanleitung' von George Ritzer vor, mit der man sich
zunächst eine kategorische Orientierung verschaffen kann. Er stellt vor allem die Frage: Wie können wir
unterscheiden, mit was für Typen von Theorien wir es zu tun haben?
Ich stelle hier mögliche Schemata zur Kategorisierung von Theorien, Paradigmen und Metatheorien vor,
neben den Ergebnissen von Ritzer (der zwischen soziale-Fakten-, soziale-Definition- und soziales-Verhalten-
1
Haller: 'Soziologische Theorie im systematischen Vergleich', 1999; S. 32
LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT MÜNCHEN
SEITE 2 VON 2
Paradigmen unterscheidet) auch andere, wie z.B. strukturorientierte und konfliktorientierte Theorien nach
R. Friedrichs oder strukturelle, sinninterpretierende und politische nach Ch. Lemert.
Natürlich ist das Ziel damit noch nicht erreicht, denn selbst wenn die hier vorgestellte Metatheorie bereits
eine gute Ausgangslage zur Einordnung und zum Vergleich von Theorie darstellt, so gibt es in Bezug auf
den letzten Punkt, die anschließende Bewertung, noch viel zu tun.
Aus diesem Grund muss noch eine Theoriekritik von Hartmut Esser hinzugefügt werden, der aus einer eher
logischen Orientierung heraus fragt: 'Was eigentlich ist eine Theorie? – Und was genau ist keine?' Ein
Hauptkritikpunkt ist dabei: Vieles von dem, was uns als Theorie, also als wahre, logische Aussage, verkauft
wird, entpuppe sich bei näherem Betrachten als reine Begriffsarbeit, ohne Erkenntniswert. Nun soll hier
keine metaphysische Grundsatzdiskussion darüber stattfinden, wie das Wesen einer wahren Aussage
beschaffen ist, doch Esser sensibilisiert seinen Leser für das, was auch schon Haller (wenn auch etwas
flapsiger) kritisiert: Bewertung und Kritik fängt da an, wo man publiziertes Material auf seinen
Aussagegehalt hin überprüft. Und wenn wir erst einmal dort angelangt sind, müssen wir uns die Frage
stellen: Was soll die Konsequenz unserer Ergebnisse sein?
Ein möglicher politischer Handlungsplan
Trennen wir uns vom Prinzip der höflichen Duldung jeglicher Theorien eines jeden, der da kommen mag
(Selbst wenn das heißt, dass wir die Bedeutung der bürgerlichen Normen Webers mit seinem Ideal der
Privatheit, des unpolitischen und wertfreien Forschers ebenfalls – nein, nicht gleich entsorgen! – aber neu
einordnen müssen).
Zunächst müssen wir die Materie, der wir gegenüberstehen, zuverlässig erkennen und benennen können.
Dazu ist nun, wie oben beschrieben, einiges getan worden. Als nächstes brauchen wir sinnvolle
Auswahlkriterien, um den Inhalt unserer theoretischen Rumpelkammer bewerten und auf dieser Grundlage
sortieren zu können. Und uns schließlich von dem einen oder anderen Gegenstand als überholt zu trennen.
An dieser Stelle könnte man den – zugegebenermaßen, oft getätigten – Vergleich zu den
Naturwissenschaften heranziehen, die ja auch, nachdem sie z.B. wussten, dass die Erde eine Kugel ist, sich
ihres Modells der Scheibe entledigt haben. Allerdings streifen wir hier an dieser Stelle einen weiteren
'reformbedürftigen' Bereich der soziologischen Welt: Ihre 'Außenpolitik', das Management der
Beziehungen zu anderen Wissenschaften. Ebenso wie innenpolitisch die Debatte um das 'Prinzip
Paradigma' und den Umgang mit dem heillosen Theorienpluralismus dringend eine Methode und einen
Schub nach vorn braucht, so braucht es an dieser Stelle ebenfalls viel Einsatz, um die ungeklärte Stellung
der Soziologie zu anderen Fächern, insbesondere zu den Naturwissenschaften zu präzisieren.
Das aber steht erst einmal auf einem anderen Blatt…
Document
Kategorie
Bildung
Seitenansichten
2
Dateigröße
79 KB
Tags
1/--Seiten
melden