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Liebe Gemeinde Um alles zusammen zu fassen, was dem

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PREDIGT
PFARRER HERMANN BILLMANN
AM 1. W EIHNACHTSFEIERTAG 2009
TEXT: TITUS 3,4-7
DIE GNADE UNSERES HERRN JESU CHRISTI, DIE LIEBE GOTTES UND DIE GEMEINSCHAFT DES HEILIGEN
GEISTES, SEI MIT UNS ALLEN. AMEN
Liebe Gemeinde
Um alles zusammen zu fassen, was dem christlichen Glauben wichtig ist, braucht unser
Glaubensbekenntnis genau 100 Worte, ohne das Amen, wenn ich richtig gezählt habe. Im
Predigttext gestern Abend versuchte der Schreiber des Titusbriefes, das Wichtigste seines
Glaubens in einen Satz von 80 Worten hineinzuschachteln. Aber es geht noch kürzer: Dieser
Text heute, ein Kapitel weiter im Titusbrief, braucht dazu nur 60 Worte (in der
Lutherübersetzung).
Titus 3, (Luther)
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres
Heilands,5 machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan
hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und
Erneuerung im Heiligen Geist, 6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus
Christus, unsern Heiland, 7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des
ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung. 8 Das ist gewisslich wahr.
So verschnürte, schwere Pakete erwecken schneller Aufmerksamkeit. Was ist da wohl drin?
Schauen wir uns die Verpackung näher an: Dieser Titusbrief ist ein erstes Zeugnis des frühen
Christentums auf der Mittelmeerinsel Kreta. Titus, der Paulusschüler, wohnt dort und leitet die
Gemeinde. Er bekommt in diesem Brief sozusagen einen Schnellfernkurs in Sachen
Gemeindeleitung.
Wer von Ihnen war schon einmal auf Kreta? Haben Sie sich da wohl gefühlt? Der
Briefschreiber hat vor den Kretern eine Heidenangst: Er warnt Titus vor ihnen drastisch mit
jenem berühmten Zitat des griechischen Dichters und Priesters aus dem 6. Jahrhundert
vorchristlichen Epimenides: „Alle Kreter lügen, sie sind böse Tiere und faule Säcke!“ (Das
Zitat relativiert sich allerdings selbst, weil Epimenides selbst ein Kreter war)
Wie auch immer, so jedenfalls sollen Christen nicht sein. Dem Briefschreiber schwebt ein
Christentum vor, das sich bürgerlich und wohlanständig gibt. Er beschreibt genau, wie
Christen sein sollen: Unbescholten, nur mit einer Frau verheiratet, christlich erzogene Kinder
haben, die nicht verkommen und widerborstig sind. Christen sollen nicht anmaßend oder
jähzornig, gewinnsüchtig, Schwätzer oder Schläger sein! Für den Titusbrief ist Christsein also
vor allem anständig in dieser Welt leben, allen zum Nutzen.
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Dem mögen wir ja zustimmen, aber ist das alles? Erschöpft sich denn christlicher Glaube in
bürgerlicher Wohlanständigkeit? Die Bibel, nichts anderes als ein „Knigge“, ein „Benimm dich
Buch“?
Natürlich nicht. Die Kernfrage ist, wie komme ich dazu, es jetzt besser zu wissen, es anders
zu machen, anders, neu zu sein, einen neuen Weg zu gehen, aus einem anderen Geist
heraus zu leben?
..- durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, übersetzt Luther.
Der Titusbrief meint damit die Taufe. Ich denke aber erst einmal an einen WellnessNachmittag in der Überlinger Therme, mit Sauna und Seebad, Ganzkörpermassage und
Relaxing. Ich hab das zwar noch nie gemacht, aber ich stelle mir vor, dass ich mich hinterher
wie neugeboren fühlen könnte. Oder wann haben Sie das zum letzten Mal gesagt: Ach, ich
fühle mich wie neugeboren! Als Sie mal so richtig ausgeschlafen hatten? Nach einem
erholsamen Urlaub? Als es Ihnen gelang, Verhältnisse zu klären, einen Streit zu schlichten,
jemanden um Vergebung zu bitten?
Endlich den Ballast abgeworfen, endlich die Spannung und Verspannungen los, den Druck,
sich frei und leicht fühlen, rundum sorglos, frisch und neu, aufatmen!
Ein Multimillionär (Paul Zane Pilzer) , der es wissen muss, prophezeit in seinem Buch „Die
nächste Billion“ , dass die Wellness-Branche schon bald einen wesentlichen Teil des
Bruttosozialproduktes - die nächste Billion - erwirtschaften wird; das sei eine Branche reich an
unternehmerischen Chancen. Und wer das Buch kauft, hilft dazu, dass er recht behält,
jedenfalls für ihn selbst. Ob es uns auch hilft?
Recht hat er jedenfalls schon mal damit, dass die Sehnsucht und das Bedürfnis nach
Wellness, nach guter Gesundheit für Leib und Seele riesengroß sind. Es kann ja kaum noch
ein Hotel existieren, das nicht einen Wellness-Bereich anbietet. Es wird unglaublich viel Geld
ausgegeben, um sich „wie neugeboren“ zu fühlen.
Die Botschaft des Titustextes ist eine „Wellness“-Botschaft: Sich wie neugeboren fühlen – ist
möglich! Hier gibt es, was dir nottut, was dir guttut, was dich runderneuert, was dich wärmt
und heilt, was dich locker macht, deine Psyche festigt, was dich entschlackt, was
Verspannungen nimmt, was - bei richtiger Anwendung – auch dein soziales Umfeld bereinigt,
ja, in gewisser Weise macht es dich sogar unsterblich. Nennen Sie es Aura-Healing, PsychoErnergizing , (zu deutsch Seelen-Energie-Zuführung), wenn Sie so wollen: Ganz-SeelenMassage. Das gibt es hier. Und zwar zum Nulltarif.
Nein, nicht wieder ein Verkaufstrick. Sondern der lebendige, dynamische, immer noch
wirksame Kern des christlichen Glaubens:
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Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Befreiers, machte er
uns selig - nicht weil wir so toll sind, oder genug Geld hingelegt haben, sondern weil er uns
liebt. Er hat einen völlig neuen Geist in unser Leben gebracht. Einen Geist, der uns trägt,
tröstet, vergibt, Mut macht und uns verändert: Jesus Christus. Vor ihm brauchen wir uns mit
nichts zu rechtfertigen, er bleibt uns freundlich zugewandt. Im Gegenteil, ihm dürfen wir genau
das bringen, was in uns zerbrochen, verletzt ist, was wir an uns selbst nicht ausstehen
können.
Ein Junge besuchte seinen Großvater, den Holzschnitzer, der gerade damit beschäftigt war,
eine Weihnachtskrippe zu schnitzen. Einige Figuren waren schon fertig, er spielte mit ihnen
und begab sich im Spiel in die Welt von Maria und Josef, der Hirten und der Könige und
konnte mit ihnen sprechen. Plötzlich schaute der Junge das Jesuskind an und wurde ganz
traurig. Er merkte, dass er im Gegensatz zu den Königen dem Kind kein Geschenk
mitgebracht hatte. Der Junge sagte spontan: "Du hast drei Wünsche frei!" Gespannt wartete er
auf die Antwort des Jesuskindes. Er hatte sich vorgenommen, auf die Wünsche des Kindes
einzugehen und etwas sehr Schönes von sich abzugeben.
"Schenk mir deine letzte Klassenarbeit!", sagte das Kind. Damit hatte der Junge nicht
gerechnet. Und er flüsterte verlegen: "Ausgerechnet die ist voll danebengegangen!" "Genau
deshalb", antwortete das Jesuskind, "ich will sie haben. Du kannst mir immer genau das
bringen, was voll danebengegangen ist. Und dann möchte ich noch den Teller, von dem du
heute Morgen dein Müsli gegessen hast", fuhr das Jesuskind fort. "Aber der ist mir doch vorhin
in tausend Scherben zerbrochen", stotterte der Bub. "Darum will ich ihn haben", sagte das
Kind in der Krippe, "du sollst mir immer all das bringen, was in deinem Leben zerbrochen ist.
Ich will es heil machen. Als Drittes", bat das Kind in der Krippe, "möchte ich von dir die Antwort
haben, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie dich fragte, wie denn der Teller zerbrochen
sei." Da fing der Junge an zu weinen. Schluchzend stammelte er: "Der Teller ist mir einfach
vom Tisch gerutscht!, habe ich der Mutter gesagt. Aber das war gelogen. In Wirklichkeit habe
ich ihn vor Wut auf die Erde geworfen." "Und deshalb", sagte das Kind in der Krippe, "möchte
ich die Antwort haben. Bring mir immer alles, was in deinem Leben böse ist, deine Lügen,
deinen Trotz, deine Sünde. Ich will dich heilen und wieder froh machen. Ich will dir deine
Fehler immer neu vergeben. Ich will dich bei der Hand nehmen und dir den Weg zeigen." Und
das Kind in der Krippe lächelte den Jungen an.
Ich gebe zu, die Geschichte ist etwas erbaulich. Aber sie bringt etwas wichtiges zum
Ausdruck: Nicht Wellness-Programme, nicht Apelle, nicht Erziehungskonzepte vermögen es,
uns zu ändern, uns rundzuerneuern, und neu zu gebären, sondern die Güte und
Menschenfreundlichkeit Gottes, wie sie uns Jesus zeigt. Das ist der Kern unseres Glaubens.
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Dazu gibt es einige typische Geschichten und wichtige Zeugen: ZB: der korrupte Zöllner
Zachäus. Ihn holt Jesus mit den Worten vom Baum: Ich muss heute in deinem Haus
einkehren. Dass der Rabbi mit ihm dem stadtbekannten Sünder Tischgemeinschaft hält, das
krempelt diesen um und um. Zachäus wird zum Wohltäter.
Vielleicht haben Sie sich den Film wieder einmal angeguckt: „Der kleine Lord“. Durch die
kindlich-naive Zuneigung seines Enkels Cedric kann sich der alte Earl, ein Ekel und
Menschenverächter in einen gütigen Menschen verwandeln.
Nichts weniger als dieses ist uns mit Weihnachten geschenkt: Aura-Healing, um nochmals ein
Wort aus der Wellnessbranche zu benutzen: Heilung durch Energieübertragung. Die Energie
der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes kann uns und diese zerrissene Welt heilen.
Welch ein wunderbares Weihnachtspaket. Denn die Liebe ist alles, was wir brauchen. Und so
verstanden, können wir das wichtigste unseres Glaubens sogar noch kürzer ausdrücken und
auf nur dreieinhalb Wörter eindampfen:
Du bist A und O!
Nun singet und seid froh…
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Seele and Geist
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