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SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Das Grab des Bruders
Was Inge Kautter in der Ukraine sucht
Autor:
Michael Sollorz
Redaktion:
Nadja Odeh
Regie:
Iris Drögekamp
Sendung:
Montag, 04.08.14 um 10.05 Uhr in SWR2
Wiederholung vom 16.11.12
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Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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MANUSKRIPT
Atmo im Flugzeug am Boden, ukrainische Passagiere, Gepäck, Kinderweinen
Erzähler:
Ein Verkehrsflugzeug nach Kiew. An Bord mein Freund Martin mit seiner Tante Inge.
Sie wollen zu Erich, der vor 70 Jahren starb. In der Ukraine, als Soldat. Ich bin
skeptisch, was so eine Reise soll. Dann komm doch mit, hat Martin gesagt.
Martin:
Ich glaube, es ist eine Art Abschied. Ich weiß nicht, ob ich‘s mehr für den Erich
mache oder für mich. Ein bewusstes Dortsein, die Grabstelle auch genau zu finden,
auszumessen mit dem Zollstock, auf diesem riesigen Grasfeld liegt der Erich, und
dann zu sagen, ja, ich bin jetzt dort gewesen … Ich hoffe, er kann in Frieden ruhn.
Inge:
Und irgendwie ist es sehr traurig, wenn da ein Grab weit weg ist und man weiß jetzt,
wo er ist, wo er umgebettet worden ist, und niemand von uns allen war da.
Atmo Aufsetzen der Maschine am Boden. Applaus der Passagiere. Ein Baby weint.
Ukrainische Ansage einer Stewardess
Erzähler:
Tante Inge fällt auf, mädchenhaft schlank, Seitenscheitel, Seidenschal. Nächsten
Winter wird sie 78. Der tote Soldat war ihr Bruder. Neffe Martin hat ihn nicht mehr
gekannt, er ist Jahrgang 56, Fotograf. Nach anderthalb Stunden landet die Maschine
in Kiew. Erich hat damals länger gebraucht. Und nach ihm ist keiner von der Familie
mehr so weit vorgedrungen nach Osten.
Inge:
Die Fragen, Wo ist es eigentlich, wo ist der Erich, wo hat sich das alles abgespielt?
Warum hat man nun all diese Soldaten da hingebracht? Was hatten die da eigentlich
überhaupt zu suchen? Wie wird die Bevölkerung jetzt darauf reagieren, wenn da so
Deutsche ankommen, die einen Soldaten suchen, einen Angehörigen, einen Bruder,
einen Vater, einen Sohn? Wird da ein Hass da sein?
Martin:
Ich will‘s begreifen können, ich wird‘s wahrscheinlich nie begreifen, aber ich will dem
näherkommen können. Und ich hab in der Vorbereitung auf dieser Reise mit vielen
Leuten gesprochen, und ich hab immer wieder gemerkt, wie belastend das für sie ist,
dass sie nicht entweder den Sterbeort oder auch den Gräberort besuchen konnten,
weil das viel genommen hätte von einer gewissen Spannung, vielleicht auch von
einer eigenen Verletztheit, die bei vielen da ist.
Erzählerin:
„Mein lieber Erich! Wie geht es dir? Wir haben seit letztem Sonntag keine Post mehr
von Dir und ich meine, es sei bald ein halbes Jahr. In Gedanken bin ich viel bei
meinem Buben. Wir sind ja alle in Gottes Obhut, und wenn es sein Wille ist, sehen
wir einander wieder. Deshalb, gelt lieber Erich, bitte bete abends und morgens, dann
geht alles viel besser. Hast du genügend zu Essen? Stalingrad hat uns alle ganz
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erschüttert, weißt Erich, ich wäre doch sehr froh wenn der Krieg aus wäre. Aber jetzt
ist es so und da wollen wir alle recht tapfer sein. Schreibe bald und Gott behüte und
beschütze Dich, mein lieber Erich. Auf Wiedersehen mit Gruß und Kuss. Deine
Mutter“.
Erzähler:
Mühlacker an der Enz, Februar 43. Die kinderreiche Familie Kautter hat ihr
Auskommen mit einer Bäckerei, in der Nähe vom Bahnhof. Haltende Züge, wie der
Orient-Express, kriegen die frischen Brötchen ans Gleis gebracht. Der 18-jährige
Sohn Erich ist im Krieg, gerade erst seit vier Monaten, da schickt sein Kompaniechef
einen Brief.
Inge:
Das war in unserem Laden, am Morgen, meine Schwester Else war also dabei, einen
Brief zu öffnen, der gerade angekommen war, ich sollte eigentlich in die Schule, und
dann plötzlich sehe ich, wie sich ihre Haltung verändert, sie ist wie erstarrt und fängt
an zu weinen und sie hat dann gelesen, was da stand.
Erzähler:
„Ihr Sohn Erich war stets ein guter Kamerad und Soldat. Am 15.02.1943 wurde er in
einem Heldengrab bei Ochotschaje, einem kleinen Ort südlich von Charkow, mit
militärischen Ehren beigesetzt.“
Inge:
Die Mutter saß auf einem Stuhl im Wohnzimmer, und wir kleinen Kinder, also die
Sigrid, ich, auch die Else war dabei und wahrscheinlich auch unser kleiner Bruder,
der Gerhard, das Gerhardle, wie wir immer sagten, aber wir – wir sagten dann zu
unserer Mutter, aber du hast doch noch uns!
Erzähler:
Der Name brennt sich ein in das Gedächtnis der Familie: Ochotschaje, ein kleiner Ort
südlich von Charkow. Bäckermeister Kautter wird nicht fertig mit diesem Heldentod.
Sein Sohn sollte das Geschäft übernehmen. Nach dem Krieg.
Inge:
Mein Vater stand am Ofen. Es gab da eine Grube, und er war dabei, waren es die
Brezeln oder sonst was in den Ofen zu schieben, und plötzlich musste er ganz
schnell weg, also er hat einen Schwächeanfall bekommen. Es war noch ein Geselle
in der Backstube und ich erinnere mich, dass mein Vater dann ganz schnell nach
Pforzheim geschafft wurde, vielleicht schon ahnend, dass er nicht mehr
zurückkommt. Meine Mutter kam dann aus Pforzheim zurück, als sie wieder hinging,
war der Vater schon tot. Also meinen Vater hab ich dann auch nie wieder gesehn.
Atmo Bahnhof Kiew, Bahnsteig, Zugdurchsagen, Rollkoffer ...
Erzähler:
Kiew Hauptbahnhof am frühen Morgen. Wir haben für die Tage einen Übersetzer, der
sich rührend um uns kümmert. Alexej, 29, Philosoph; er hat ein Jahr in Berlin gelebt.
Das Ziel unserer Reise rückt näher. Die Nacht war kurz, Inge ist noch müde.
3
Inge:
Ah, ja, jetzt ist angeschlagen. Wir fahren jetzt also nach Charkow. 06:33 Uhr geht
unser Zug, hier ist schon viel Bewegung, und ich glaube, ich steig jetzt gleich mal ein.
Atmo Zugfahrt
Inge: Heute Nacht hat es geregnet ...
Erzähler:
Am Stadtrand von Kiew haushohe Reklamen, Daimler, Renault, Seat, alle sind schon
da. Dann das offene, grüne Land. Ein Mann in Badehose auf seinem Ackerstück. Ein
Junge mit Ziegen.
Inge:
Michael, die Fahrkartenkontrolle ist da. Ach, und hier gibt es blühende Kastanien, die
den Weg begrenzen. Hast du deinen Flugschein, deinen Fahrschein in der Tasche?
Erzähler:
Der Zug rollt durch eine kleine Station. Wie ein Zinnsoldat steht die Bahnwärterin vor
ihrem Häuschen, die Kelle gehoben. Eine andere Frau kehrt mit einem Reisig-Besen
den Bahnsteig. Eigentlich hübsch hier. Wie kommen wir da plötzlich auf die Juden?
Inge:
Als Kind habe ich der Familie Emrich in Mühlacker, der Fabrikanten-Familie,
Morgenbrötchen ins Haus gebracht. Ich ging vom elterlichen Geschäft aus über die
Straße, durchquerte den Fabrikpark bis zu der Villa und brachte das dieser Familie.
Das hab ich immer sehr gern getan, und man sagt sogar, ich hätte eine Puppe
geschenkt bekommen. Eines Tages kam ich da oben an und dann war alles
verschlossen, und da kam ich zurück und sagte warum, was ist da los, und da war
dann, ja, also die sind nicht mehr da.
Erzähler:
Alfred Emrich, Unternehmer und Wohltäter seiner Stadt. Seine Schmuck-Fabrik wird
„arisiert“, sein Vermögen „entjudet“. Die Familie flieht nach Frankreich, nicht weit
genug. Ihre Spur endet 42 Auschwitz.
Im selben Jahr schreibt der frisch einberufene Erich Kautter aus seiner Stralsunder
Kaserne einem Freund: „Gestern war auch die Wehrmacht auf dem Übungsgelände.
Bis die ein Mal über den Übungsplatz waren, waren wir es drei Mal.“
Martin:
Also die Tatsache, dass er bei der SS war, hat mich schon sehr stark belastet. Ich
will‘s mir nicht vorstellen, dass er an Pogromen beteiligt war, aber ich kann es nicht
ausschließen. Zum Beispiel hat die ältere Schwester, also meine Tante Else, über
diese Rekrutierung gesagt: „Er ist ja mit 18 dann zur Musterung gekommen, und weil
er über 1,80 groß war, im Prinzip auf die Seite der SS-Anwärter gestellt worden.“
Meine Tante sagt, er sei stolz darauf gewesen.
4
Inge:
Was mich auch sehr beschäftigt, das ist eben einfach die Sache, hat er sich in etwas
reinziehen lassen, was er – was sein Gewissen belastet hat. Ich hoffe nicht. Aber
darauf wird man ja keine Antwort bekommen können.
Erzähler:
Wie Inge so zerquält dasitzt, möchte ich sie gerne trösten. Aber was kann ich ihr
sagen? Geschichte wird nicht verstanden, sondern gelebt.
Martin:
Wir hatten ja ne Bäckerei, und meine Großmutter hatte ein ziemlich dickes Buch, na,
man stelle es sich so vor wie eine Bibel so dick, das war das Schuldenbuch. Weil die
Leute, die eingekauft haben, ihre Brötchen oder ihr Brot nicht mehr zahlen konnten.
Und dann ist der Hitler an die Macht gekommen und plötzlich wurde das Buch
dünner und dünner und dünner. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, ich bin ein
Nachgeborener, ich war in der Jungschar oder ich war mit Mitschülern im Verbund,
wie hat man sich da mutig gezeigt? Wo hat man gesagt, nein? Später ja, später
wenn man reifer geworden ist, ja. Aber als Schüler? Da gab es einen Druck von der
Gruppe, immer wieder.
Inge:
Im Nachhinein habe ich eben auch erfahren, dass nicht nur diese großen Schlachten
waren bei der Eroberung - Wiedereroberung von Charkow, sondern dass es auch in
so vielen kleinen Dörfern in diesem ganzen großen Umfeld immer wieder zu
Erschießungsaktionen gekommen ist, das belastet mich, aber ich kann mir nicht - ich
kann mir wirklich nicht vorstellen, dass mein Bruder da mitgemacht hat, ich kann mir
das nicht vorstellen, ich will mir das nicht vorstellen, ich denke, ich hoffe, er hatte den
Willen, Nein zu sagen.
Atmo junge Frau von der Agentur, telefoniert genervt. Das Schloss wird ausprobiert.
Erzähler:
Ein altes Wohnhaus im Zentrum von Charkow. Bröckelnder Putz, im Boden des
Hausflurs knöcheltiefe Löcher. Wir haben eine Wohnung gemietet. Die junge Frau
von der Agentur kriegt die Tür nicht auf und telefoniert mit ihrer Zentrale. Inge und
Martin stehen mit ihrem Gepäck geduldig im Palaver. Dass gerade die beiden sich
auf den Weg gemacht haben! Sie sind in der Familie die bunten Vögel. Martin hat
lange in Wien und Berlin gelebt, für Inge wurde Mühlacker mit Anfang 20 zu eng, sie
ging nach Paris. Dort traf sie Kimi, einen jungen Algerier. Sie heirateten und zogen
nach Algier. - Endlich geht die schwere Türe auf. Dunkle, hohe Räume. Parkett.
Dicke Tapeten und jede Menge Stuck - aus weißem Schaumstoff.
Inge:
Die Wohnung hat ihren Charme, Betten hätten wir genug, wollen doch mal sehen, ob
das Licht funktioniert. (Sie probiert verschiedene Lichtschalter und stellt schließlich
fest:) Da gibt es in dem schönen Raum mit den vielen Lampen nur eine Birne, die
funktioniert (lacht).
Atmo Kleinbus, Radiogedudel, Fahrer hält und fragt Dörfler. Fährt weiter, ein
unwegsamer Feldweg, Steinchen prasseln an den Unterboden.
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Erzähler:
Ein kleiner Ort südlich von Charkow, hieß es vor 70 Jahren in dem Brief, und plötzlich
steht der Name wirklich da, auf dem Schild am Straßenrand: Ochotschaje. Kleine
Mädchen in Schuluniformen laufen auf der Dorfstraße. Ein streunender Hund. Unser
Fahrer fragt nach dem Weg. – Als erster hatte sich Martins Vater beim Volksbund
Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach seinem Bruder Erich erkundigt. Nach seinem
Tod stellte dann Martin einen neuen Antrag, und 2007 teilte der Volksbund mit:
Erzählerin:
Folgende Angaben können wir Ihnen mitteilen: Name: Erich Kautter – Dienstgrad:
Grenadier – geboren 01.06.1924, Mühlacker – Truppenteil: 16. SS-PanzergrenadierRegiment „Der Führer“ - Erkennungsmarke: 10723-SS D. F. - Todestag: 10.02.1943,
Ochotschaje. - In Ochotschaje wurden von
unserem Umbettungsdienst 140 deutsche Soldaten aus oberirdisch nicht mehr
erkennbaren Gräbern exhumiert und auf die Kriegsgräberstätte nach Charkow
überführt.
Erzähler:
Ein buckliger Feldweg. In der Mittagsglut dösen vereinzelte Gehöfte. Sind sie
überhaupt noch bewohnt? - Der Volksbund hat ein Foto geschickt, ein Haus, davor
sei Erichs Grab gewesen.
Martin:
Wir haben zwar eine Adresse, und auf dem Plan auch die Hausnummern
eingezeichnet, aber der Fahrer hat jetzt schon mindestens zehn Leute gefragt und
diese Straße ist nicht zu finden.
Erzähler:
Ein Bauer von nebenan taucht auf, gute Augen, Muskeln, Badelatschen. Sein kleiner
Sohn Oleg freut sich, dass endlich mal was los ist. Sie führen uns in ein Dickicht.
„Hier liegen noch drei Tote, bloß die Kreuze sind längst geklaut. Altmetall.“
Atmo an den Gräbern im Gebüsch.
Sergej + Sohn Oleg
Alexej (übersetzt): Ja, die liegen noch hier. Großvater sagt, dass sie noch aus den
Kriegszeiten stammen.
Martin: Sind das russische oder ukrainische oder deutsche Tote?
Alexej (übersetzt): Man kann nicht genau wissen.
Atmo - Die Frauen des Dorfes
Erzähler:
Vergessene Gräber. Keiner weiß es mehr, wer hier liegt. Dass aber diese alte
Deutsche nach 70 Jahren wegen ihres Bruders herkommt, versteht anscheinend
jeder; erst recht die Frauen. Alle wollen helfen. Das Foto wird herumgereicht. - „Die
Kompanie“, hatte Erichs Kompaniechef weiter geschrieben, „die Kompanie war im
Angriff auf eine der Ortschaft vorgelagerte Anhöhe. Beim Vorgehen erhielt ihr Sohn
Erich einen Kopfschuss und war sofort tot. Er hatte einen soldatisch schönen Tod.“ Lächelnd nickt Inge den Dorffrauen zu, doch ihr Blick wandert weiter auf dem
sandigen Weg. Bestimmt lag damals hoher Schnee.
6
Inge: „ … eine vorgelagerte Anhöhe“ – ist es dieser Hügel, der so sanft abfällt hinter
uns?
Atmo - ein alter Mann vom Dorf, Muhen des Kälbchens, Martin lässt Oleg
fotografieren
Martin: Bisschen weiter zurück … Sehr gut … Sehr gut, prima, danke.
Alexej (übersetzt): Danke, sposiba. …
Erzähler:
Der Bauer bringt uns zu dem Haus auf dem Bild. Nur noch der Lehmboden existiert,
halb verdeckt von Pflanzen. Das Haus wurde vor drei Jahren verlassen, erzählt er,
und über Nacht abgetragen bis zum Grund. Baumaterial ist Gold wert. - Wo genau
die Gräber gelegen haben? Man sieht es nicht mehr. - Martin lässt sich von dem
kleinen Oleg fotografieren. Der Bengel strahlt. Was wird er morgen in der Schule
erzählen? Nette Leute, die Deutschen?
Martin:
Also wir werden ja nicht herausfinden, was jetzt genau diese Stelle war, das ist ja
auch nicht das Wichtige, aber wir sehen jetzt diese Umgebung im Prinzip, diese
Atmosphäre, die Überreste von diesen Häusern, die damals wahrscheinlich schon
gestanden haben.
Inge:
Wie in Algerien, auf dem Lande findet man auch Häuser aus Lehmziegeln … Hier
hätten wir jetzt also den Ort gefunden, um den gekämpft worden ist, so eine kleine
Anhöhe mitten in der Landschaft, in der Nähe von Wohnhäusern, man konnte nicht
miteinander sprechen, weil man die Sprache nicht verstand, und dann ist es passiert.
Martin:
(Seufzer) Das ist schrecklich, wenn ich jetzt daran denke. Wie alles überwuchert ist,
alles seine Zeit gegangen ist, und wie die Zeit die Natur sich dann auch noch mal
drüber wälzt über die Geschichte.
Atmo – Martin und Inge beten leise ein Vaterunser
Atmo - Rückfahrt, deftige russische Schlagermusik und schwerer Hagel prasselt aufs
Autodach
Erzähler:
Auf der Rückfahrt ist der Himmel plötzlich schwarz. Hagel prasselt aufs Autodach.
Aus ihrer Kate schaut uns stumm eine Großmutter nach. Könnte sie unsere Reise
machen, nach Deutschland, zu einem Rotarmisten? Ihrem Vater? Ihrem Bruder? Ich
schäme mich. Unser junger Übersetzer verdient im philosophischen Institut der
Akademie der Wissenschaften umgerechnet kaum 200 Euro; nicht genug zum
Leben. Locker kaufen wir ihm seine Tage ab. Auto mit Fahrer? Große Wohnung?
Kein Problem.
Atmo - Begrüßung der Gärtnerin „Guten Tag ...“ Alexej auf russisch weiter
Martin:
Wir haben telefoniert …
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Alexej: Die Frau braucht die Nummer auf dem Plan, um zu zeigen, wohin wir gehen
sollen ...
Erzähler:
Die Kriegsgräberstätte Charkow, Erichs letzte Station. Eine Hügellandschaft am
Stadtrand, bis zum Horizont zivile Gräber, ein bisschen wie Kraut & Rüben.
Mittendrin jedoch fünf Hektar akkurate Rasenkante: der deutsche Soldatenfriedhof.
Hier arbeitet Swetlana, eine resolute Frau um die 40.
Atmo - Knisterndes Ausbreiten des Planes.
Martin: Da ist es. …
Erzähler:
In der kleinen Kapelle entfaltet Martin seinen Grabbelegungs-Plan. Beim Anblick von
seinem Zollstock verkneift sich Swetlana nur mühsam das Grinsen.
Alexej: Das ist zu wenig.
Martin: Ja, aber das ist ein Meterstab aus Mühlacker! Wo der Erich herkommt. Und
die Farben von Mühlacker sind auch Blaugelb.
Alexej (übersetzt): Blaugelb wie die Farben von der Ukraine sind auch die Farben
von Mühlacker …
Swetlana: Ja ja ja … Choroscho … (Sie dekliniert Zahlen durch.)
Erzähler:
Draußen auf dem vorbildlich getrimmten Rasen hohe Steine, eng beschrieben mit
Namen. Routiniert zirkeln Swetlana und ihr Gehilfe mit ihrem 50-Meter-Maßband die
genaue Grablage aus. Block 6, Reihe 19, Grab 1409. Zur Markierung wird ein
Holzkreuz in die Erde geschlagen.
Inge:
Also das geht nach dem Alphabet. Muss ich mal sehen, ob ich den Erich finde …
Atmo Das Holzkreuz wird eingeschlagen
Alexej: Das Kreuz ist jetzt das Zentrum des Grabes. Die Breite ist 50, 80 Länge nach
unten, das ist Erich. Wenn es Fragen gibt, dann …
Martin: Vielen Dank.
Inge: Hier ist der Name, Erich Kautter. 6.1.1924 – 10.2.1943.
Erzähler:
Nachbereitung eines Krieges. Das Einsammeln der Helden, heute noch.
Knochenreste von Vierzigtausend deutschen Soldaten werden schließlich in
Charkow liegen. Martin legt ein paar Rosen vor das Holzkreuz hin.
Martin: Herr, es verlangt mich danach, vor dir meine Schwachheit zu bekennen.
Wenn ich mich sicher glaube, kann mich schon ein leichter Windstoß samt all meiner
Sicherheit zu Boden werfen. Nimm alle Unsicherheit von mir und stärke mein Leben.
Inge: Nimm alle Unsicherheit von mir und stärke mein Leben.
Atmo Kapelle, der Auslöser der Kamera
Martin: Also das ist jetzt das Namensbuch nur von Charkow… Die beiden Bücher, wo
Kautter drin ist, die lasse ich jetzt mal auf der Seite. Wo ist der Ludwig L.?
8
Inge: Am 4.6.2003 war hier jemand aus Australien auf dem Friedhof.
Martin: Jetzt hab ich ihn gefunden, den Ludwig L., der ist aus Ölbronn … Der liegt
hier, in einem Grab, und zwar in Block 10 ...
Erzähler:
In der Kapelle fotografiert Martin. Seit eine Zeitung über seine Reisepläne schrieb,
sind Leute auf ihn zugekommen. Sie haben auch einen Verwandten hier und wollen
ein Foto seines Namens auf den Steinen. Oder in einem der Namensbücher in der
Kapelle. 38 dicke Bücher. Zehntausend Seiten voller Namen. Ich blättere im
Gästebuch des Friedhofs. Zwei Dutzend Einträge jedes Jahr, die meisten Besucher
aus Westdeutschland. Viele kennen ihre Toten nicht mal persönlich. „Jetzt können
wir endlich Abschied nehmen“, heißt es immer wieder.
Swetlana hat ihren Rasenmäher weggeschlossen und sich umgezogen. Sie will uns
mitnehmen in die Stadt. Zum Abschied gehen Inge und Martin noch mal raus zu
Erich. Ihre Rosen am Grab machen schon schlapp.
Inge: Vielleicht erholen sie sich heute Nacht wieder etwas. …
Martin: Ich hab vergessen vorhin, ganz wichtige Grüße auszurichten. Die Frau S. war
die Erste, die gesagt hat, grüßen Sie Ihren Erich auch von mir. Und die Lisl aus
Hamm, die hat geheult am Telefon und gesagt, grüß den Erich.
Inge: Zu mir hat sie das auch gesagt, und ich hab da schon Grüße an ihn gesendet.
Martin: Tschüss, Erich!
Erzähler:
Martin geht zum Auto. Inge klappt ihren Sonnenschirm zu und steht eine letzte
Minute alleine draußen auf Block 6, Reihe 19, am Ziel einer Reise, die noch zu
unternehmen war.
Inge: Und der Kuckuck grüßt auch zum Ende noch einmal. Adieu.
Erzähler:
Auf der Rückfahrt halten wir in einer Gedenkstätte. Auch hier Namen auf Steinen,
Igor und Aljoscha, Wolodja und Boris. Für sie war es der Große Vaterländische
Krieg. Und auch ihnen legt Martin ein paar Rosen hin, zu Füßen einer meterhohen
Frau aus Stein. Sie trauert, doch sie sieht dabei zornig aus, entschlossen, nicht
ungefährlich.
Atmo Sowjet. Ehrenmal, pathetische Musik vom Band
Inge: Ist eigentlich das erste Mal, dass ich so eine große Monumentalstatue sehe, die
eine Frau darstellt, Mütterchen Russland. … Will mal sehen, was hier noch ist. Ein
bisschen zieht 's mich in den Schatten.
Martin:
Je älter man wird, zumindest manche Leute, interessiert man sich mehr nach der
Geschichte, was alles war, und nach den Zusammenhängen. Und nach der
Einreihung der persönlichen Geschichte in die Gesamt-Geschichte. Wenn man im
Fernsehen auch Berichte sieht über den Krieg, dann fragt man sich schon, ja, was
hat mein Vater da gemacht, was hat mein Onkel da gemacht, mein Großvater da
gemacht? … Und bei den Geschwistern von manchen gibt es zum, Teil auch
Ablehnung sogar. Also ich weiß es von manchen Älteren auch die sagen, lass uns
9
mit diesen Geschichten in Ruh, wir haben die jetzt vergessen und wollen daran nicht
mehr rühren.
Inge:
Auf einer Pilgerfahrt bittet man um etwas. Man macht eine Pilgerfahrt immer mit
einem gewissen Ziel. Man sucht etwas. Mir ging es da wirklich auch darum, dass wir
für den Erich und für andere da Abbitte leisten können, dass wir vielleicht unser ganz
kleines Steinchen zur Versöhnung beitragen, unser Sandkörnchen.
Atmo - Der Nachtzug steht
Erzähler:
Eine letzte Nacht im Liegewagen, zurück nach Kiew. „Schön, wie ihr mich die ganze
Zeit umsorgt“, hat Inge noch gesagt. „Wie ich früher meine Kinder.“ Dann ist sie
eingeschlafen.
Atmo - Der Nachtzug fährt an
Inge:
Eines Tages hieß es, ja, der Erich wird von Stralsund aus zur Front fahren, an die
Ostfront, und er wird durch unseren Bahnhof kommen, und man sagte auch eine
gewisse Zeit dazu, der Zug muss um die und die Zeit kommen, und da sind wir alle
auf'n Bahnhof gerannt, eine Cousine war dabei, die Else, und mein Vater, der gerade
seinen Mittagsschlaf machte, weil Bäcker stehen ja zu ganz unmöglichen Zeiten
nachts auf und es war immer so, dass man dann am Tage etwas nachholen musste,
also meinem Vater hat man es gesagt und er stürzte aus dem Bett, er hat sich da
also im Gehen noch schnell angezogen, und auf den Bahnhof. Und der Erich kam
nicht durch.
Atmo - Das Rattern der Räder verliert sich in der Nacht.
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