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20140521 Anna Funder Alles was ich bin - WDR 3

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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 21.05.2014
Anna Funder: Alles was ich bin
Rezensentin: Tanya Lieske
Redaktion: Terry Albrecht
Anna Funder: Alles was ich bin.
Roman, aus dem Englischen übersetzt von Reinhild Böhnke.
S. Fischer Verlag,
432 Seiten, gebunden, 19, 99 €
Internettext
Ernst Toller ist der große Name dieses Romans, seine Geliebte Dora Fabian die
heimliche Heldin. Die australische Autorin Anna Funder hat mit Alles, was ich bin einen
überzeugenden Exilroman geschrieben.
Anmoderation
Anna Funder (geboren 1966) ist eine australische Juristin, Dokumentarfilmerin und
Autorin. Sie hat in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in Westberlin studiert. In
den Neunzigern ist sie nach Berlin zurückgekehrt, um über die Opfer der Stasi zu
recherchieren. Das Ergebnis, Stasiland (Europäische Verlagsanstalt, 2004) ist ein
polyphoner, an die Reportage angelehnter Dokumentarroman, und der Versuch, aus
vielen Mosaiken ein Stück Zeitgeschichte zu konstruieren.
Mehr als zehn Jahre ließ sich Anna Funder Zeit, einen Nachfolger vorzulegen, diesmal
ist es ein Roman. Mit neunzehn Jahren hatte Anna Funder in ihrer Heimatstadt
Melbourne die emigrierte Jüdin Ruth Blatt kennen gelernt, sich mit ihr befreundet. Ruth
Blatt war eine Cousine und enge Freundin der jungen Sozialistin Dora Fabian, die bis
zu ihrem rätselhaften Tod 1935 im Exil in London die Sekretärin des Schriftstellers und
Dramatikers Ernst Toller war. Ruth Blatt vertraute Anna Funder in vielen Jahren die
Geschichte ihres Lebens an. Daraus wurde nun mit „Alles, was ich bin“ ein Roman, in
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 21.05.2014
Anna Funder: Alles was ich bin
dem sich Fakt und Fiktion durchdringen, in dem die Autorin ähnlich wie zuvor in
Stasiland mit literarischen Mitteln versucht, die Vergangenheit zu greifen.
Wie das gelingt, verrät unsere Rezensentin Tanya Lieske.
Beitrag
Ernst Toller war der große Name einer Gruppe von Freunden, deren entscheidende
Jahre in diesem Roman verhandelt werden. Die anderen Figuren hat es auch gegeben,
man findet ihre Spuren noch in Forschungsarbeiten und Aufsätzen, in Archiven und
Polizeiakten. Es sind dies Tollers Sekretärin und langjährige Geliebte Dora Fabian;
deren Cousine Ruth, die mit dem Journalisten und späteren Gestapo-Spitzel Hans
Wesemann liiert war. Es sind, an den Rändern der Geschichte, Tollers Ehefrau, die viel
jüngere Schauspielerin Christiane Grautoff; es sind die Reichstagsabgeordnete
Mathilde Wurm und der Pazifist Berthold Jacob, der 1935 durch Wesemanns Verrat in
die Hände der Gestapo fiel.
Man merkt schon an dieser Aufzählung, wie dicht das dramatische Gewebe dieses
Romans sein muss. Es geht um Liebe, Verrat, Täuschung, Verlust, die Diktatur und
das Exil. Alles, was ich bin ist ein dunkel grundierter Roman, durch den sich dennoch
ein heller Schimmer zieht. Das Licht in diesem Roman hat mit der Empathie der
Autorin Anna Funder für ihre Figuren zu tun. Sie ist allzeit spürbar, auch wenn sich die
Autorin als erzählende Instanz verborgen hält. Sie verschwindet hinter der ihrer
Kronzeugin Ruth Blatt, die im Roman den Namen Becker trägt. Durch deren Innenwelt
blickt Funder wie durch ein magisches Auge in die Vergangenheit.
Es verschafft mir eine Art Schwindelgefühl, aus Tollers Innerem auf Dora zu blicken.
Ich sehe sie, und gleichzeitig sehe ich die Wirkung, die sie auf Männer hatte. Dora war
aufrichtig, geradezu und praktisch; sie flirtete nie. Weil sie keine Spielchen spielte,
hatten die Männer mit ihr das Gefühl, ganz eins mit sich selbst zu sein, als gebe es
keinen Unterschied zwischen ihrem inneren und ihrem äußeren Leben. (S. 97).
Hier spricht die alte Ruth am Ende ihres Lebens in Sydney. Sie erinnert sich an ihre
Cousine Dora Fabian, der sie zunächst nach Berlin, dann nach dem Reichstagsbrand
1933 ins Exil nach London gefolgt ist. Dora ist eine politische Aktivistin, eine
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 21.05.2014
Anna Funder: Alles was ich bin
glamouröse Frau, die eigentliche Heldin dieses Romans. Sie lebt in einer offenen
Liebesbeziehung mit Ernst Toller, macht Platz für dessen jüngere Geliebte Christiane
Grautoff, schmuggelt das Manuskript seines autobiografischen Romans Eine Jugend in
Deutschland unter Einsatz ihres Lebens ins Ausland. Die prekäre Liebe zwischen Dora
Fabian und Ernst Toller ist die Klammer dieses Romans. Toller selbst gehört die zweite
Erzählstimme. Auch er blickt an seinem Lebensabend zurück auf seine Zeit mit Dora.
Durch den Zeitversatz zwischen Ruths und Tollers Erinnerungen – Toller erhängte sich
bereits 1939 in einem Hotel in New York - entsteht der unaufdringlich collagierte
Erzählrhythmus dieses Romans. In Ruths wie in Tollers Erinnerungen ist Dora eine
Lichtgestalt, Mentorin für die jüngere Cousine, eine Stütze für den stets von
Depressionen bedrohten Schriftsteller.
Dora glaubte, dass ich manchmal von meiner eigenen Rhetorik fortgerissen wurde,
dass der Klang der Worte mehr aus ihnen machte, ohne eine Denkleistung dahinter,
vergleichbar der Jungfernzeugung bei sich selbst fortpflanzenden Kreaturen; dass ihr
mitreißender Klang jeden analysierbaren Sinn überwältigte. Es war ihre Aufgabe, mich
zu zügeln. (S. 269).
Anders als ihr Weggefährten spricht Dora Fabian fließend Englisch, sie hilft anderen
Emigranten, knüpft Kontakte zur Presse, zu Politikern, lanciert brisante Informationen
über die Aufrüstung des Deutschen Reichs an die Entscheidungsträger in London. In
der kleinen Dachwohnung, die sich Dora, Ruth und ihr Geliebter Hans Wesemann
teilen, wachsen die Berge belastenden Materials. Es wachsen auch die Spannungen,
denn Hans Wesemann, der in der Weimarer Republik ein aufstrebender und
ehrgeiziger Journalist war, fühlt sich nun isoliert. Ihn, der alles vom Leben wollte,
Ruhm, Macht, Geld, trifft das Exil besonders hart. In einem Disput zwischen Hans
Wesemann und Dora Fabian geht es um die Frage, ob alle Emigranten gleichermaßen
von der Gestapo bedroht sind:
„Jetzt werden sie uns abholen!“ Hans sprang auf, sein Stuhl fiel um und seine Hände
fuchtelten in der Luft herum.
„Beruhige dich“, sagte Dora. (...). „Dich jedenfalls nicht.“
Ich zuckte zusammen. Sie ging immer zu weit.
Hans biss an. Er senkte seine Stimme. „Was? Du glaubst, ich sei nicht im Visier?“ Er
war jederzeit bereit, beleidigt zu sein, (...) um dann Dora die Schuld für seine
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Anna Funder: Alles was ich bin
Unfähigkeit zu geben – weil sie nicht die Top-Informationen mit Deutschland mit uns
teilte.“ (S.272).
Mit erzählerischem Geschick lässt Anna Funder ihre Leser teilnehmen an einer
klassischen Exilerfahrung. Schuhe sind durchgelaufen, die Ärmel abgewetzt, der
eigene Name nur noch eine Folge von Lauten, die neue Sprache bleibt fremd und die
Sitten des neuen Landes, hier ist es der Kodex der englischen Klassengesellschaft,
bleibt undurchdringlich. Dora ahnt früher als ihre Cousine Ruth, dass der gekränkte
Hans die Seiten gewechselt hat. Als Ruth ebenfalls Verdacht schöpft, geht sie für eine
Weile nach Paris. Es ist ein Abschied. Lebend wird sie ihre Cousine Dora Fabian nicht
wieder sehen.
Ich zog die Bettdecke weg. Dora war in ihrem alten cremefarbenen Schlafanzug, den
ich ihr geschenkt hatte, und Kaffeeflecken waren auf dem ganzen Vorderteil. Mathilde
war voll angekleidet – ihr schwarzes Seidenkleid, Strümpfe, aber keine Schuhe. Beider
Hände waren verschränkt, ihre Köpfe dicht beieinander. (S. 360).
Mit
kriminalistischem
Interesse
rekonstruiert
Anna
Funder,
die
auch
Dokumentarfilmerin und Juristin ist, den vermeintlichen Suizid der beiden Freundinnen
Dora Fabian und Mathilde Wurm. Funder entlässt ihre Leser mit der festen
Überzeugung, dass die Tat vorgetäuscht wurde, dass die Emigrantinnen in Wahrheit
von Hans Wesemann verraten und von der Gestapo ermordet wurden, dass die
darauffolgende Gerichtsverhandlung im Jahr 1935 eine öffentliche Farce war, ein
früher Akt der britischen Appeasement-Politik. Ob diese Version der Ereignisse die
gültige ist, sei dahin gestellt. Für die Aufrichtigkeit dieses Romans spielt das keine
Rolle. Denn der ist wahr im Sinne der Literatur: Anna Funder hat dem Staub, den die
Zeit aus Menschen, Akten und Protokollen macht, einen Roman hinzugefügt, der in
jeder Zeile atmet. Ihre deutsche Stimme Reinhild Böhnke hat eine geschmeidige und
unaufdringliche Übersetzung geliefert, die vor allem durch die Stimme glänzt, die sie
für Ernst Toller gefunden hat.
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Seele and Geist
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