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"Wir wissen nicht, was drinsteckt" - Sarah Wiener

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WIRTSCHAFT
AGRARPOLITIK
"Wir wissen nicht, was drinsteckt"
Die Köchin Sarah Wiener zieht eine Verbraucherschutz-Bilanz.
VON Christiane
Grefe | 04. Juli 2013 - 08:00 Uhr
DIE ZEIT: Lenin hat mal gesagt: "Jede Köchin muss lernen, den Staat zu regieren."
Stimmt das?
Sarah Wiener: Gleich den Staat regieren? Na ja, da hab ich doch meine Zweifel. Aber
etwas Sinnliches wie Kochen ist ein politischer Akt. Das Bewusstsein für essenzielle
Zusammenhänge und gute Qualität unserer Lebensmittel fängt ja nicht erst auf dem
Schneidbrett an, sondern schon beim Saatgut, der Tierrasse, der Verarbeitung.
ZEIT: Hat Ilse Aigner genug für Qualität getan?
Wiener: Das Problem ist ihre eigenartige Doppelrolle in diesem Ministerium. Als
Verbraucherschützerin muss sie sich für das Wohl des Einzelnen einsetzen und für
Geschmack und Sicherheit der Nahrungsmittel sorgen. In der Agrarpolitik bewirkt sie das
Gegenteil, weil sie zwischen den Stühlen sitzt. Im ökologischen Landbau geht sie nicht
weit genug. Und indem sie an den konventionellen Agrarstrukturen und der Agroindustrie
festhält, trägt sie zur Zerstörung der Böden und der biologischen Vielfalt bei – und damit
auch der Geschmäcker.
ZEIT: Warum?
Wiener: Weil wir weiter die Massenproduktion fördern, zum Beispiel von billigen Milchund Fleischprodukten. Und weil die Bundesregierung zu wenig dafür getan hat, dass die
EU endlich konsequent die Subventionen für umweltschädliche Produktionsweisen stoppt .
Weil in der Agrarpolitik nicht groß und langfristig gedacht wird!
ZEIT: Aigner sagt: Der Verbraucher entscheidet.
Wiener: Ich will auch niemandem etwas vorschreiben. Aber dann müssen Politiker dafür
sorgen, dass die Energie- und Umweltkosten ehrlich im Preis inbegriffen sind und auch
die sozialen Schäden, die wir beispielsweise Kleinbauern in Brasilien zumuten. Es ist doch
absurd: Sie werden von ihrem Land vertrieben, damit wir unsere Tiere mit Soja füttern
können. Hier überdüngen wir unsere Erde mit verstoffwechseltem Mais und Soja. Dann
verschleudern wir Billigmilch, Billigfleisch und Billigbutter nach Asien – und importieren
Ökomöhren von dort hierher. Wahnsinn! Wir brauchen einen richtigen Systemwechsel
in der Landwirtschaft. Da war die Rolle des Landwirtschaftsministeriums nicht gerade
ruhmreich.
ZEIT: Was hat das alles mit Ihrer Küche und Ihren Rezepten zu tun?
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WIRTSCHAFT
Wiener: Ich habe als Köchin eine andere Vorstellung von Qualität als der deutsche
Bauernverband und die Agroindustrie. Die wollen vor allem hohe Erträge, niedrige Preise,
stetiges Wachstum. Ich möchte individuelle Geschmäcker. Erdbeeren, die nach Rosen
duften, die ganze Vielfalt der Kartoffeln und Tomaten, die ohne Gift und Mineraldünger
auskommen. Almbauern, Käsemeister oder Dorfmetzger müssen ihr Hunderte Jahre altes
Handwerk aufgeben, weil EU-Hygienevorschriften und andere Gesetze für Kleinstbetriebe
nicht umsetzbar sind. Gegen diese Vernichtung von Handwerk und Kultur hätte das
Landwirtschaftsministerium stärker vorgehen müssen. Das Bauernsterben ist ja eine
unmittelbare Folge davon.
ZEIT: Frau Aigner hat zum Beispiel regionale Erzeugernetze gefördert.
Wiener: Klar, dafür ist jeder. Das kommt gut an und tut niemandem weh. Aber
beim Gros der Produkte wissen wir oft nicht, was drinsteckt. Mir wird ganz schlecht,
wenn ich von Granulat aus Schweinefleischresten in Fertiggerichten lese, die mit
Säuren und Zusatzstoffen zusammengehalten werden. Vom Leid der Tiere oder dem
Antibiotikamissbrauch zu schweigen. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Ministerin
unabhängig erforschen lässt, wie wir artgerecht und umweltverträglich Landwirtschaft
betreiben können.
ZEIT: War denn wirklich alles schlecht?
Wiener: Nein, nein, Politik besteht ja auch aus kleinen Schritten. Frau Aigner hat zum
Beispiel mit verhindert, dass weitere gentechnisch veränderte Sorten zugelassen werden,
das steht für mich auf der Habenseite. Sehr gut finde ich auch ihre Kampagne gegen die
unglaubliche Verschwendung so vieler Nahrungsmittel .
COPYRIGHT:
ZEIT ONLINE
ADRESSE: http://www.zeit.de/2013/28/sarah-wiener-agrarpolitik-verbraucherschutz
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Bildung
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