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1 Gedanken für den Tag – "Es ist was es ist" – zum 25 - Stadtkirche

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Gedanken für den Tag – "Es ist was es ist" –
zum 25. Todestag von Erich Fried.
1
Ich weiß noch, wie ich mich fühlte, als ich es zu ersten Mal gelesen habe.
Es war vor einer Hochzeit.
In mir wurde es ganz stumm vor Staunen.
Was könnten Liebende mehr wollen als dies?
Als sich dem, „was es ist“ anzuvertrauen?
„Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe.“
Was könnten Liebende mehr wollen als dies?
Als sich dem, „was es ist“ anzuvertrauen?
Und das ist so viel, es nimmt alle Dunkelheit von Erfahrung in sich auf.
1
Erich Fried hatte – kurz nach dem Anschluss Österreichs – seinen Vater durch die
Gestapo verloren.
Dieser Tod und alle die Tode sind in allem Schreiben des Erich Fried.
Darum eine so eigene Tiefe im Leichten, im Verständlichen.
Und das schmerzvoll Schwere und, was wir niemals verstehen könnten, verborgen
in schönen, suchenden, lebendigen, toten, hellen, aufwühlenden, gekrümmten
Worten,
in einer Sprache, die dem Dichter hilft zu überleben und manchmal zu überwinden:
„Wenn ich Dich küsse
Ist es nicht nur dein Mund…“
Ich küsse auch Deine Fragen…“
Wenn Liebe so lieben kann in einem Menschen, ist das Leben wieder da in diesem
weiten Jetzt – „Was es ist“
„Was es ist“ betet sich hinein in mein Leben – immer tiefer!
2
„Das Unmaß aller Dinge“ –
wie mir das gefällt, diese Drehung einer Wendung in ihr Gegenteil.
So typisch für Erich Fried, uns so behände zu überraschen.
„Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, ein Satz des griechischen Philosophen
Protagoras, der die schreckliche Wahrheit schon enthält, dass es nämlich der Mensch
ist, der das „Unmaß aller Dinge“ herstellt und die Unkenntlichkeit wirkt in
abertausend Durchdunkelungen, die die Welt zerstören und ihre Schönheit und die
Deutlichkeit.
„Ich weiß nicht, ob es mich noch gibt“, schreibt der Dichter aus der empfundenen
Maßlosigkeit. So ein Satz, in dem hindurch schwingt, wie ein Mensch sich verlieren
kann, wenn er alles verloren hat. Nachdem sein Vater, haftentlassen von der
Gestapo, an den Folgen eines Verhörs am 24. Mai 1938 stirbt, die elterliche
Wohnung wenige Wochen später in der Alserbachstraße, in Wien gekündigt wird,
flieht er im August 1938 nach London. Die Mutter kommt einige Monate später
nach…
Erich Fried bekommt seinen ersten Schreibauftrag. Wie durch ein Wunder kommt er
an seine erste Schreibmaschine. Für die muss er nichts bezahlen, sie war im Geschäft
herunter gefallen. Genau zu jenem Zeitpunkt, als Fried eine Maschine brauchte. Er
brauchte diese Schreibmaschine wie er Brot und Wasser brauchte. Die Sprache
konnte jetzt anfangen, den Schrecken aufzuarbeiten.
Das Unmaß des Leidens, konnte in ein neues Maß von Darüber Sprechen
eingebunden werden – wie das Schreibpapier in die Schreibmaschine.
Später wird er die therapeutische Arbeit des Künstlers hervorheben,
die er für sich selbst zuerst braucht.
Fried arbeitet als Schriftsteller,
„weil er selbst diese Therapie für sich braucht und sie darin sucht, dass er eben
schreibt.“
Und so weiß:
Es gibt mich!
2
3
„Ich nehme Dich beim Wort.“ Das ist eine vertraute Verabredung.
Das Gegenüber soll sich an das halten, was er oder sie gesagt hat.
Darum sagen wir manchmal – und es ist dann sehr wichtig und es ist ernst
„Ich nehme Dich beim Wort“
Das macht Erich Fried mit der Sprache. Er nimmt die Sprache beim Wort.
Es rettet ihn vor der Verzweiflung.
Sprache Du, diese eine Liebe des Dichters.
Und sie verlässt ihn nicht.
Sie geht überall mit, Hand in Hand mit dem Wortaufsammler.
Die Worte des Dichters haben Augen.
Sie sehen von jung an, wohin die Sprache läuft mit dem Leben
mit den Menschen und mit mir,
wie schnell alles kippen kann.
Die Worte des Dichters haben Augen und Ohren,
sehen und hören,
welche Zustände die Sprache der Wortführer schafft
wie sie ins Gegenteil verkehrt
uns falsch sagt.
Darum zweifelt der Dichter lieber, als sich aufzugeben.
So schenkt er sich der Sprache und dem Leben wieder. Das ist seine Berufung:
Zu bezweifeln gegen Zwecke und Nutzen
und durch die Liebe zur Sprache die Menschen zu lieben:
„Aber wer zweifelt
An einem Hilferuf
An einem Schrei
An Worten wie ‚Du’ und ‚Du fehlst mir’?
Wer zweifelt an einer Sprache
Die sagen kann
‚Ich habe Hunger’
Oder ‚ich habe Angst
Vor dem Altwerden
Oder ‚ich will nicht sterben?’“
Nein, an einer solchen Sprache zweifle ich nicht, möchte gerne gehören zu jenen,
die sich beim Wort nehmen lassen.
Und Worten zugehören möchte ich, die wahr sind und aus der Liebe.
Ja, das möchte ich.
3
4
Üben üben üben!
Wir können es drehen und wenden, ohne Üben läuft es nicht.
Das Talent ist in der Sehnsucht zuhause, die ist seine Heimat, glaube ich.
Die Sehnsucht aber zieht sich in sich selbst zurück,
schenken wir ihr nicht Zeit und Raum,
indem wir uns schulen für das, was wir wollen,
was ich eigentlich will.
Durch mein Spiel, meinen Tanz, durch mein Werk – welches auch immer
will ich mich finden.
und darin die Welt
Ich habe meiner Welt etwas zu sagen.
Darum: Üben üben üben!
Für das Leben überhaupt. Das ist ja so ein Immer-Üben.
Jeder Morgen ein Erwachen zur neuen Lebens-Übung.
Die wichtigste Frage aber:
wohin üben wir?
Wofür übe ich?
Und warum?
Wie lautet mein Satz, mit dem ich mich meiner Welt sage?
„… ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht
noch weniger Würde zu finden
Noch weniger Ehrlichkeit
Noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht:“
Das ist vielleicht so ein Satz, so schreibt Erich Fried
der um sein Leben betrogene
der dennoch Liebende – der an sich zweifelnde Liebende,
der sich aus dem Schmerz herausüben muss.
Üben üben üben, bis er so ein schönes Gedicht schreiben kann
Für uns Scheiternde,
für uns Gelingende:
„Vorübungen für ein Wunder
Vor dem leeren Baugrund
mit geschlossenen Augen warten
bis das alte Haus
wieder dasteht und offen ist
Die stillstehende Uhr
so lange ansehen
bis der Sekundenzeiger
sich wieder bewegt
An dich denken
bis die Liebe
4
zu dir
wieder glücklich sein darf
Das Wiedererwecken
von Toten
ist dann
ganz einfach.“
5
Mut und Glück,
wenn die sich zu einem Menschen gesellen,
ist der Anfang schon gemacht,
der Fuß schon gesetzt in eine Fremde,
die doch Heimat werden kann,
weil das Zuhause die Sprache ist,
die einer mit sich trägt und die den trägt,
der sein Schicksal nie verwinden kann und das der anderen auch nicht,
es sei denn, er kann darüber sprechen und unvergessen machen…
Einmal wird Erich Fried gefragt, was ihm denn den Mut gegeben habe,
nach den schrecklichen Erfahrungen an der deutschen Sprache festzuhalten
und das Schreiben in dieser Sprache zu seinem Beruf zu machen.
Erstens habe er die Sprache geliebt. Liebe Sprache Du.
Zweitens habe sein Vater gesagt, er wolle darüber schreiben, „wenn er lebend
rauskommt“.
Er ist aber nicht rausgekommen.
Der Sohn tritt die Erbschaft der Wortklage an.
Was immer wieder geschieht, soll nie wieder geschehen.
„Dann wieder“, schreibt Erich Fried
Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewusst haben konnte
was keiner geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewollt haben wollte.“
Es ist zum Verrücktwerden. Es gibt kein Entrinnen.
Aber sagen zu können, dass es so ist, ist schon ein erster Akt der Befreiung.
In England wird Erich Fried im jüdischen Refugee Commitee nach seinen
Berufsabsichten gefragt. „Ich will ein deutscher Dichter werden“, gibt er zur Antwort.
Und er wird, was er werden muss, denn Fried muss dichten –
wie so viele vor, mit und nach ihm –
um überhaupt dieses Leben zu ertragen.
Er hat das „Glück“, nicht heimisch zu sein im Fluchtland,
5
darum bleibt ihm die Sprache.
Es ist ein Anfang.
Im Anfang war das Wort – ist es – für immer!
6
Ich glaube an das Leben
Ich glaube an den Sinn, der ich sein kann augenblicklich.
Jeder Tag ein Geschenk zu einem Neuen.
Ich glaube an die Liebe.
Ich glaube, dass Erich Fried auch hätte sagen können:
Ich glaube an die Liebe.
Das hat er aber so nicht gesagt,
obwohl es leicht über die Lippen geht,
es ist aber tief, zu tief und schwer und auch gefährlich,
weil wir Menschen die Neigung dazu haben,
die Zeit totzuschlagen
„Totschlagen
Erst die Zeit
dann eine Fliege
vielleicht eine Maus
dann möglichst viele Menschen
dann wieder die Zeit“
So rapide das Sprachbild, so schnell ist alles immer wieder da:
die Angst und der Zweifel des Dichters, seine Seelenmitbewohner.
„Was soll uns die Liebe“, fragt er einmal und findet die Antwort,
als er liebt;
„Du
Wo keine Freiheit ist
Bist du die Freiheit
Wo keine Würde ist
Bist du die Würde
Wo keine Wärme ist
Keine Nähe von Mensch zu Mensch
Bist du die Nähe und die Wärme
Herz der herzlosen Welt
Deine Lippen und deine Zunge
Sind Fragen und Antworten
In deinen Armen und deinem Schoss
Ist etwas wie Ruhe
6
Jedes Fortgehenmüssen von dir
Geht zu auf das Wiederkommen
Du bist ein Anfang der Zukunft
Herz der herzlosen Welt
Du bist kein Glaubensartikel
Und keine Philosophie
Keine Vorschrift und kein Besitz
An den man sich klammert
Du bist ein lebender Mensch
Du bist eine Frau
Und kannst irren und zweifeln und gutsein
Herz der herzlosen Welt.“
Weil das sein kann,
sage ich:
Ich glaube an das Leben
Ich glaube an den Sinn, der ich sein kann augenblicklich.
Jeder Tag ein Geschenk zu einem Neuen.
Ich glaube an die Liebe.
Gesendet in Oe1, in der Woche vom 18.-23. November 2013
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Seele and Geist
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