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Kinder- und Jugendhilfe
Hünenburg
Ev.-luth. Stiftung Hünenburg
Melle - Riemsloh
Neues von Unterwegs
Von uns – mit uns – über uns
Ausgabe No. 15 ● Sommer 2009
Editorial
02
Auf ein Wort… ● Frank Mattioli-Danker
Zum professionellen Selbstverständnis als Kinderschutzfachkraft nach § 8a SGB VIII
03
Anmerkungen aus institutioneller und individueller Sicht
● Tom Brodhuhn
Kinderkrippe Hünenburg
07
Es sind noch Plätze frei!
● Sigrid Steinmetzger/Andrea Thiemann
Was ich von meinen Kindern
gelernt habe
08
Eine Mutter aus Austin, Texas, berichtet
Urlaubsgrüsse
09
Inhalt
Impressum
Herausgeber:
Kinder- und Jugendhilfe Hünenburg
(Ev.-luth. Stiftung Hünenburg)
Redaktion & Layout: Tom Brodhuhn
„Schön wäre, wenn es alle
schaffen würden…“
Fotos:
Thorsten Aubke, Tom Brodhuhn,
Reinhard Kortus, privat, www.fotolia.de
Burglogo: Heiko Heise-Grunwald
Fotos Front:
Junge Erwachsene der Jugendwerkstatt,
Blick auf das Verwaltungsgebäude,
die Jungenwohngruppe Oldendorf,
die Mofawerkstatt (vor der Schule).
Vertrauen
13
● Björn Süfke
Jugendhilfe und Jugendstrafvollzug
in potentieller Kooperation
17
Druck:
Gemeindebriefdruckerei
Martin-Luther-Weg 1
29393 Groß Oesingen
● Nicolé Adämmer/Anne Behrendt
Zur Heimerziehung der 50er
und 60er Jahre und zur Heimerziehung der Gegenwart
Nächste Ausgabe: Winter 2009/2010
Nr.15 Juli 2009
 Hünenburg 2009
20
EREV-Positionspapier
● Bundesverband Evangelischer Einrichtungen
und Dienste e.V.
Sonst noch was?
Spendenkonto:
Sparkasse Melle
Kto.-Nr. 501 197
BLZ 265 522 86
Neues von Unterwegs – 15/2009
11
Die Mofawerkstatt macht Prüfung
● Sabine Hepe/Reinhard Kortus
Seite 1
22
Editorial
Auf ein Wort …
Liebe Freunde der Hünenburg,
ein ereignisreiches und für uns und sicherlich
auch Sie arbeitsintensives halbes Jahr ist
vergangen. Da tat es gut, dass es Ferien gab,
doch diese sind nun vorüber und wir wenden
uns der zweiten Jahreshälfte zu. Die zurückliegende Auszeit diente allen dazu, neue Kraft zu
tanken und mal „abzuschalten und den Alltag
hinter sich zu lassen“.
All dies gilt selbstverständlich auch für den
Bereich der Jugendhilfe, aber eins kommt noch
hinzu: Gemeinsame Ferien und Freizeiten mit
den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen, die immer wieder auch dazu dienen, sich
einmal auf anderer – alltagsferner – Ebene zu
begegnen. Reisetagebücher und Grüße aus
verschiedenen Regionen Deutschlands und
Europas zeugen von der Freude dieser Erlebnisse. Nun wenden wir uns wieder dem Alltag
zu, nicht jedoch ohne die gewonnenen gemeinsamen Erkennt- und Erlebnisse für den
weiteren gemeinsamen Weg mitzunehmen.
Das zurückliegende Halbjahr lieferte sowohl
uns als Hünenburg als auch dem gesamten
Jugendhilfebereich abermals eine Vielzahl an
zu thematisierenden Situationen und Ereignissen, denen wir uns entschlossen stellten und
dies auch künftig tun werden, um mit verlässlichen und stabilen Teams für die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen einzustehen
und ihnen individuelle und passgenaue Hilfen
anzubieten.
Neben der pädagogischen Arbeit innerhalb der
Einrichtung beschäftigte uns in der hinter uns
liegenden Zeit insbesondere der bevorstehende sozialräumliche Umbau der Jugendhilfelandschaft im Landkreis Osnabrück: Engagiert
nahm die Hünenburg an verschiedenen fachlichen Dialogen teil - so z.B. Ende letzten Jahres
in Halle/Saale, wo die (Einsparungs)Pläne
hinsichtlich der Hallenser Heimerziehung von
rund 150 Fachkräften und Experten aus Wissenschaft, Politik und Lehre kritisch diskutiert
wurden, oder während eines Besuches im für
die hiesige Region Vorbildcharakter besitzenden Landkreis Friesland – und wird dies auch
künftig tun: So werde ich u.a. an der Bundesta-
gung der Internationalen Gesellschaft für
erzieherische Hilfen (IGfH) zum Thema „Integrierte sozialräumliche Erziehungshilfen“ im
September in Hannover teilnehmen.
Doch auch auf praktischer Ebene wurde unser
flexibles Engagement belohnt, erhielten wir als
Kooperationspartner weiterer Träger doch die
Zuschläge für zwei Sozialräume innerhalb des
Landkreises, welche wir künftig tatkräftig
mitgestalten möchten.
Dies alles soll auch künftig neben aller Ernsthaftigkeit und all dem Respekt, mit dem die
einzelnen Themen wie z.B. der anhaltende
Diskurs über Kinderschutz bzw. Kindeswohlgefährdung oder die aktuelle Diskussion über die
Heimerziehung der 50er und 60 Jahre (auf
Landesebene vertrete ich in einem Arbeitskreis
der Diakonie sowohl die Interessen Ehemaliger
als auch der Hünenburg) zu behandeln sind,
nicht ohne ein menschliches, uns alle entspannendes und humorvolles Augenzwinkern
geschehen, wie der Artikel unseres (inzwischen
- dank J.B.Kerner - talkshowerfahrenen) Therapeuten beweist.
Erneut möchte ich zum einen all denen danken, die es mit Ihren Spenden möglich machten, unserer Arbeit das besondere „I-Tüpfelchen“ zu verleihen (vieles wäre ohne Sie nicht
möglich gewesen), zum anderen danke ich an
dieser Stelle insbesondere auch allen örtlichen
Betrieben und Firmen, mit denen wir zusammenarbeiteten für ihre Flexibilität und tatkräftige Umsetzung unserer Ideen!
So wünsche ich Ihnen nach den zurückliegenden Ferien einen kraftvollen Start in die zweite
Jahreshälfte und viel Spaß beim Lesen dieses
inzwischen 15. Rundbriefs der Hünenburg!
Herzlichst,
Ihr
Seite 2
Frank Mattioli-Danker
Geschäftsführer
Neues von Unterwegs – 15/2009
Zum professionellen Selbstverständnis als Kinderschutzfachkraft nach § 8a SGB VIII
Anmerkungen aus institutioneller
und individueller Sicht:
Zu den Aufgaben freier Träger
Angesichts etlicher öffentlich gewordener
schwerer Fälle von Kindesmisshandlungen und –vernachlässigungen wurde mit
der Einführung des KICK am 01.10.05
bzw. die Aufnahme des § 8a in das SGB
VIII eine Grundlage geschaffen, um den
Schutzauftrag der Jugendhilfe gesetzlich
detaillierter zu definieren. Die Jugendämter sind im Rahmen ihres Wächteramtes
in der Pflicht, bei so genannten gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung unter Hinzuziehung mehrerer
geeigneter Fachkräfte eine Abschätzung
des Gefährdungsrisikos vorzunehmen.
Darüber hinaus wurden durch die o.a.
Novellierung auch die Verantwortungsbereiche freier Träger transparenter und vor
allem verbindlicher beschrieben.
Resultierte die Pflicht zur Verantwortungsübernahme für die öffentlichen
Träger bisher aus der Garantenstellung
und die der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freier Träger aus der Schutzübernahme für die betroffenen Kinder, wurden nun Standards geschaffen, die auch
freie Träger mehr als bisher in die (auch
rechtliche) Verantwortung nehmen: Sind
vom § 8a SGB VIII auch in erster Linie
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der
Jugendämter betroffen, regelt gleich der
zweite Absatz desselben Paragraphen die
vorzunehmende Kooperation mit den
freien Trägern und deren zu übernehmende Aufgaben, da dieser im Kontext
sog. Sicherstellung Vereinbarungen zwischen öffentlichem und freiem Träger
vorsieht, die i.d.R. (betriebserlaubnisrelevanter) Bestandteil der jeweiligen Leistungs- und Entgeltbeschreibung des freien Trägers werden müssen.
Neues von Unterwegs – 15/2009
Institutionelle Aspekte
Doch haben freie Träger den Schutzauftrag im nun formulierten Sinne des § 8a
SGB VIII nicht seit jeher wahrgenommen,
da Schutz und Verantwortungsübernahme für die zu begleitenden und betreuenden Kinder und Jugendlichen im pädagogischen Erziehungsalltag auch vormals
weder durch fachlich ungeeignetes bzw.
un- oder unterqualifiziertes Personal
durchgeführt wurde und darüber hinaus
jedem
institutionellen
ethischmoralischen Selbstverständnis entsprechen dürfte? Werden freien Trägern nun
mehr oder weniger verdeckt vormals
„öffentliche
Verantwortungsbereiche“
übertragen, die sie – zweifelsohne auch
straf- und zivilrechtlich – in die Pflicht
nehmen?
Insbesondere die zweite Frage dürfte
bei Einführung des § 8a SGB VIII
etliche Unsicherheiten und Irritationen ausgelöst haben: Neben institutionell bzw. strukturell zu verankernden Vorgaben durch die Geschäftsführungen freier Träger, sahen sich
auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Praxis erheblichen Ängsten
und Sorgen ausgesetzt:



Seite 3
(Ab) wann kann bzw. muß einrichtungsintern abgeklärt werden und (ab)
wann besteht die Verpflichtung, Kindeswohlgefährdungen an den öffentlichen Träger zu melden?
Warum soll ich mich im Alltag um die
Abschätzung einer Kindeswohlgefährdung kümmern (müssen), ist dies
doch nicht unsere Kernaufgabe, sondern zuvorderst Aufgabe des öffentlichen Trägers und somit im vollstationären Setting bereits vor Aufnahme in
die Einrichtung abgeschlossen?
Kann ich bei unabsichtlicher Unterlassung persönlich haftbar gemacht
werden?


Wird ein Konflikt zwischen Eltern und
vollstationär untergebrachtem Kind
nicht rasch ein u.U. beziehungsgefährdender Konflikt zwischen Helfern
und Eltern, welcher die eigentliche
Hilfe torpedieren könnte?
Ist die vollstationäre Jugendhilfe nur
für die aufgenommenen Kinder oder
auch die Geschwisterkinder zuständig, wenn bei diesen Anzeichen von
Kindeswohlgefährdung bekannt werden?


Zur Leitungsverantwortung
So ist die Implantierung von Kinderschutzfachkräften bei freien Trägern (für
eigene Einrichtungsteile oder als beratende Instanz für andere Einrichtungen)
wesentlich mehr als die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben oder seitens des jeweiligen öffentlichen Trägers eingeforderter
Qualitätskriterien zur nachhaltigen Sicherstellung des Schutzauftrags, sie dient
darüber hinaus dem Aufbau von professioneller Fachlichkeit und Sicherheit. Die
managende, strukturierende Verantwortung der Leitungen freier Träger besteht
aus mehreren wesentlichen Pfeilern, von
denen an dieser Stelle nur einige kurz
angerissen werden sollen:


Eindeutige verfahrensrechtliche Absprachen mit dem zuständigen öffentlichen Träger/Hauptbeleger im Rahmen der zu treffenden Vereinbarung
(um kindeswohlgefährdende Aspekte
qualifiziert bearbeiten zu können und
gleichermaßen sowohl die Einrichtung
als auch einzelne Mitarbeiter nachhaltig vor Überforderungssituationen zu
schützen, nicht zuletzt jedoch auch
aufgrund fiskalischer Gesichtspunkte,
ist doch die Umsetzung des § 8a SGB
VIII neben erforderlichen einführenden Strukturierungsprozessen auch
mit zum Teil nicht unerheblichen
Mehrkosten verbunden, die z.B. im
Rahmen von Fachleistungsstunden
aufzufangen wären),

hohes
Verantwortungsbewusstsein
beim Personalmanagement und der
Klientelauswahl, um der pot. vorhandenen Möglichkeit der „Kindeswohlgefährdung aus den eigenen Reihen
heraus“ effektiv begegnen zu können
bzw. diese von vorneherein zu vermeiden,
Bereitstellung eines transparenten
einrichtungsinternen Modells, das Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche regelt,
Installierung eines wenn denn nicht
bereits vorhandenen fachlichen Dokumentationssystems entlang diverser Qualitätskriterien wie z.B. Übersichtlichkeit, Verständlichkeit, Strukturiertheit, „Objektivität“ unter datenschutzrechtlicher
Berücksichtigung
der jeweiligen Empfänger,
Qualifizierung (Fort- und Weiterbildung) des Personals, um zum einen
Kinderschutzfachkräfte aus den eigenen Reihen heraus vorhalten zu können, um zum anderen jedoch auch alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Prozess einzubinden.
Was nun könnte eine „insoweit erfahrene Fachkraft“ nach § 8a SGB VIII
aus den Reihen eines freien Trägers
auszeichnen und wie – wenn denn
überhaupt - unterscheidet sie sich
von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern öffentlicher Träger oder auch
eigenen Kolleginnen und Kollegen,
die über keine entsprechende Kompetenzen verfügen?
Zweifelsohne sehen sich Kinderschutzfachkräfte aus den Reihen freier Träger
nicht so sehr gesellschaftlichen bzw.
medienwirksamen Anfechtungen ausgesetzt, die es Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendämter in den vergangenen Monaten und Jahren schwer gemacht haben dürften, wirklich „unbefangen“, professionell und fachlich objektiv
zu agieren – nicht lieber doch einmal
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Neues von Unterwegs – 15/2009
mehr eingreifen, um nicht morgen am
öffentlichen Pranger zu stehen? Dem
Dilemma zwischen den Polen „Kommt
das Jugendamt und es ist nichts los, sind
sie Eindringlinge in die Privatsphäre“
versus „Respektieren sie die Privatsphäre
und kommen ggf. zu spät wird der Ruf
laut nach ‚Wo war die öffentliche Hilfe’?“
sind freie Träger ebenso weniger ausgesetzt wie der grundsätzlichen Voreingenommenheit „Achtung, das Jugendamt
steht vor der Tür!“, was unbeschwerteres
Handeln beflügeln könnte. Im Rahmen
ihrer Aufgaben sollten Kinderschutzfachkräfte nicht nur ihrer Primäraufgabe, der
begleitenden Beratung hinsichtlich potentieller Gefährdungsfälle, sondern auch
der Entlastung des tätigen Personals
dienen. Die Möglichkeit, einen externen
Berater hinzuziehen zu können,


unterstützt Teams, die ob (für die
eigene Arbeit unabdingbarer) Beziehungsnähe zur eigenen Klientel evtl.
„betriebsblind“ für kindeswohlgefährdende Aspekte geworden sein könnten und
bietet im Rahmen einer anonymisierten Beratung die Chance, die Hemmschwelle hinsichtlich der Thematisierung von Kindeswohlgefährdung herabzusetzen, muß doch so nicht umgehend und zwingend an das zuständige
Jugendamt gemeldet werden (was
Ängste ob der Infragestellung der eigenen Arbeit auslösen könnte), sondern kann ein interner Beratungs- und
Bearbeitungsprozeß
vorangestellt
werden, wenngleich sich an diesen
selbstverständlich eine offizielle Meldung anschließen kann bzw. muß.
Die letztgenannten Aspekte unterstreichen die Notwendigkeit, den Berater
nicht aus dem jeweils betroffenen Team
einer Wohngruppe heraus zu rekrutieren
(man kann sich, integriert in die vorhandenen Beziehungsmustern, kaum objektiv selbst beraten) und keinen Dienstoder Fachvorgesetzten zum Berater eigener Teams zu benennen.
Neues von Unterwegs – 15/2009
Zur Profession
der Kinderschutzfachkraft:
Institutionelle und
strukturelle Aspekte
Um als Hilfe, Sicherheit, Orientierung und
insbesondere beratende Kinderschutzfachkraft - und als solche ist die Rolle zu
definieren, sollte sie doch weniger aus
sich heraus selbst lösen als vielmehr
Betroffene bzw. Beteiligte befähigen,
umgehend Abhilfe zu schaffen – tätig
werden zu können, ist eine umfassende
charakterliche, insbesondere jedoch
fachliche Qualifizierung der eigenen
Person unabdingbar, welche mehrere
Komponenten zwingend beinhalten muß:
Strukturell betrachtet muß die Kinderschutzfachkraft über eine ausreichende
persönliche und fachliche Distanz zum
behandelnden Einzelfall verfügen, um im
Kontext kollegialer Beratung eine objektive Risikoabschätzung vornehmen zu
können, Individuell betrachtet muß die
Fachkraft über ausreichendes Wissen
verfügen, um im jeweiligen Einzelfall
angemessen [zeitnah und Sicherheit für
alle Beteiligten stiftend (insbesondere
hinsichtlich des betroffenen Kindes)]
agieren zu können. Dieses professionelle
Verständnis sollte sich zwingend aus
mehreren Komponenten zusammensetzen, die im Folgenden skizziert werden
sollen.
Zur notwendigen Kompetenz
der Kinderschutzfachkraft
Rechtssicherheit
Grundsätzlich sollte der Verfahrensablauf im
Sinne eines „Was ist wann zu tun?“ klar strukturiert sein. Um im beratenden Prozess angemessen agieren zu können, ist es nicht nur
bedeutsam, über ausreichendes Rechtswissen
[GG, BGB (insbesondere § 1618a ff., SGB VIII
(insbesondere §§ 8a, 42 und 72a), jedoch
auch Aspekte zur rechtssicheren Verwendung
von Sozialdaten (vgl. § 61 ff.), ZPO, das jeweilige Schulgesetz des betreffenden Bundeslandes sowie Aspekte des StGB (hier z.B. die §§
34 und 203)] zu verfügen, sondern sich auch
und insbesondere auf so genannte „gewichtige
Seite 5
Anhaltspunkte“ zu konzentrieren, nicht zuletzt,
um - sicherlich gut gemeint, jedoch „überaktiv“
- angstgesteuerte Fehlmeldungen zu vermeiden.
Gewichtige Anhaltspunkte
Als gewichtige Anhaltspunkte sind im Rahmen
der Bewertung einer Gefährdungssituation nur
solche zu bezeichnen, anhand derer eine hohe
Wahrscheinlichkeit besteht, dass es in absehbarer Zeit zu einer erheblichen Gefährdung des
körperlichen, geistigen oder seelischen Kindeswohls kommen wird (oder es bereits zu
einem solchen Schaden im Sinne des § 1666
BGB gekommen ist), da das betroffene Kind
nicht in der Lage ist, den entstehenden bzw.
entstandenen Schaden aus eigener Kraft
(Resilienz) abzuwenden oder adäquat zu beund verarbeiten und Eltern dazu nicht bereit
oder in der Lage sind.
Diagnostik
Um im Verantwortung teilenden und Qualität
gewährleistenden Zusammenwirken mehrerer
Fachkräfte eine tatsächliche Gefährdungseinschätzung des betroffenen Kindes vornehmen
zu können, ist umfassendes diagnostisches
(werden die Grundbedürfnisse des Kindes
angemessen befriedigt, liegen direkte oder
auch indirekte Beeinträchtigungen vor etc.)
und systemisches Wissen [wie funktioniert und
interagiert die Triangulierung von Helfern,
(häufig scham- und schuldbesetzten oder auch
leugnenden) Eltern und betroffenen Kindern im
Spannungsfeld von offensichtlicher Hilfebedürftigkeit und emotionaler Elternbindung, die
es nicht zu verraten gilt] von Nöten.
Handlungsschritte und -pflichten
Nach Durchlaufen der zuvor beschriebenen
Handlungsschritte mit den dafür jeweils erforderlichen Kompetenzen ist abschließend
wichtig, um vorzunehmende und sich aus dem
jeweiligen Einzelfall ergebende Handlungspflichten zu wissen: Genügt es, bei den Betroffenen auf die Inanspruchnahme von externen
Hilfsangeboten hinzuwirken oder ist eine
sofortige Intervention (z.B. im Rahmen des §
42 SGB VIII oder durch Hinzuziehung des
Familiengerichts) erforderlich?
Mehr als Wissen: Anforderungen
an die berufliche Rolle
Neben den zuvor benannten notwendigen und vielfältigen Kompetenzen,
über die sich eine Kinderschutzfachkraft nach § 8a SGB VIII definieren
sollte, zeichnet sich das professionelle Selbstverständnis jedoch auch und
insbesondere durch drei weitere Wesensmerkmale aus, die abschließend
dargestellt werden sollen:
1) Die Kinderschutzfachkraft sollte sich
weniger als „konkreter Problemlöser“ als
vielmehr als Berater begreifen und dementsprechend agieren, so dass andere (direkt Betroffene oder zu beratende Teams
etc.) in die Lage versetzt werden, notwendige und situationsangemessene Hilfen
anzunehmen bzw. zu installieren.
2) Die Kinderschutzfachkraft sollte ein adäquates und hinsichtlich der einzelnen Ansprechpartner
sowie
Verfahrenswege
transparent definiertes multiprofessionelles Netzwerk im jeweiligen Sozialraum errichten, welches zum einen groß genug ist,
um verschiedene Kompetenzen zu bündeln (sich jedoch nicht aufgrund zu vieler
Beteiligter mit unterschiedlichen Hilfesystemen in nicht organisierbarer Unübersichtlichkeit verliert) und sich zum anderen
realistisch an den jeweiligen Gewinnerwartungen der einzelnen Kooperationspartner
(erfahrungsgemäß formulieren z.B. Familienrichter oder die Polizei andere Vorstellungen, Erwartungshaltungen und Kooperationswünsche als beispielsweise Schulen
oder Erziehungsberatungsstellen) orientiert, um eine effektive und spannungsfreie Zusammenarbeit zu ermöglichen.
3) Die Kinderschutzfachkraft sollte sich
selbst einem kontinuierlichen Supervisionsprozess unterziehen, d.h. eine Bereitschaft zur Selbstreflexion zeigen, um sowohl den fachlichen Blick und die eigene
Haltung als Beratungsinstanz geschärft zu
halten als auch das zu erwartende Leid der
anderen „ertragen“ zu können („Psychohygiene“).
Autor:
Tom Brodhuhn
Dipl.-Päd./Fachbereichsleiter der Hünenburg
zertifizierte Kinderschutzfachkraft gem. §8a SGB VIII
(Die Hünenburg verfügt insgesamt über vier
einrichtungsinterne Kinderschutzfachkräfte)
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Neues von Unterwegs – 15/2009
Kinderkrippe Hünenburg 2009/2010
Es sind noch Plätze frei!
Um auch in Zukunft diese wertvolle Arbeit mit den Kindern weiterführen zu können, sind wir dringend auf finanzielle Hilfe angewiesen! Wir freuen uns über Geldspenden (und seien sie noch so
klein) auf das Konto der
Die Kinderkrippe Hünenburg hat
für 2009/2010 noch Plätze frei!
Wir betreuen Kinder von ca. 12
Monaten bis zum Eintritt in den
Kindergarten in einer kleinen
Gruppe von max. 12 Kindern.
Unser Angebot umfasst
 reichlich Platz zum Toben und
Spielen (über 100 qm) und einen
großen Aussenbereich,
 Spaziergänge zu den Tieren auf
dem Gelände der Hünenburg
(Esel, Ziegen…),
 ein altersgerechtes Bildungsangebot,
 Singspiele, Bastelarbeiten u.v.m.,
 täglich gesundes Frühstück,
 Ausflüge und Feste,
 kostenlose Schnuppervormittage.
Elterninitiative
Kinderkrippe Hünenburg e.V.
Kto. 557 255 00
BLZ 494 613 23
Volksbank Enger-Spenge.
Gerne stellen wir Ihnen eine
Spendenquittung aus!
Unsere Öffnungszeiten:
Montag – Freitag
8.00 – 12.30 Uhr
Für Fragen sind wir jederzeit
erreichbar unter:
Sigrid Steinmetzger 0171 - 5747768
Andrea Thiemann
0173 - 9913643
vormittags
0151 - 10776939
Wir freuen uns auf Ihren Anruf!
Die Kinder werden schrittweise
zur Selbstständigkeit hingeführt
und bekommen dadurch Selbstvertrauen für einen guten Start in
den Kindergarten!
Neues von Unterwegs – 15/2009
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Was ich von meinen Kindern gelernt habe…
Eine Mutter aus Austin, Texas, berichtet
1. Ein großes Wasserbett enthält ausreichend
Wasser, um ein Haus von 180 Quadratmetern
10 cm hoch unter Wasser zu setzen.
2. Wenn man Haarspray auf Staubbällchen
sprüht und mit Inline-Skatern darüber fährt,
können sich die Staubbällchen entzünden.
3. Die Stimme eines Dreijährigen ist lauter als
200 Erwachsene in einem vollen Restaurant.
4. Wenn man eine Hundeleine an einem Deckenventilator befestigt, ist der Motor nicht
stark genug, um einen 20 kg schweren Jungen,
der Batman-Unterwäsche und ein SupermanCape trägt, rundherum zu befördern. Die Motorkraft reicht dagegen aus, wenn ein Farbeimer am Ventilator hängt, die Farbe auf allen
vier Wänden eines 6 x 6 Meter großen Zimmers zu verteilen.
5. Man sollte keine Baseball-Bälle hochwerfen,
wenn der Deckenventilator eingeschaltet ist.
Soll der Deckenventilator als Schläger verwendet werden, muss man den Ball einige Male
hochwerfen, bevor er getroffen wird. Ein Deckenventilator kann einen Baseball-Ball sehr
weit schlagen.
12. Kraftkleber hält ewig.
13. Egal, wie viel Götterspeise man in den
Swimming Pool tut, es ist nicht möglich, über
das Wasser zu gehen.
14. Poolfilter mögen keine Götterspeise.
15. Videorecorder spucken keine Sandwichs
aus, auch wenn das in manchen Werbespots
im Fernsehen gezeigt wird.
16. Müllbeutel sind keine guten Fallschirme.
17. Murmeln im Tank machen beim Fahren
eine Menge Lärm.
18. Sie möchten lieber nicht wissen, was das
für ein Gestank ist.
19. Schauen Sie immer in den Ofen, bevor Sie
ihn anstellen. Plastikspielzeuge vertragen den
Ofen nicht.
20. Die Feuerwehr in Austin, Texas, ist innerhalb von 5 Minuten da.
21. Regenwürmern wird vom Schleudergang
der Waschmaschine nicht schwindelig.
6. Fensterscheiben (selbst Doppelverglasung)
halten einen von einem Deckenventilator
geschlagenen Baseball-Ball nicht auf.
22. Katzen dagegen wird es vom Schleudern
sehr wohl schwindelig.
7. Wenn Sie die Klospülung hören, gefolgt von
"Oh weja", ist es schon zu spät.
23. Wenn Katzen schwindelig ist, erbrechen sie
das Doppelte ihres Körpergewichts.
8. Eine Mixtur aus Bremsflüssigkeit und
Domestos erzeugt Rauch, viel Rauch.
24. 80% aller Männer, die dies lesen, werden
versuchen, Domestos und Bremsflüssigkeit zu
mixen.
9. Ein Sechsjähriger kann mit einem Feuerstein eine Flamme erzeugen, auch wenn ein
36jähriger Mann sagt, dass das nur im Film
möglich ist. Und mit einer Lupe kann man
selbst an verhangenen Tagen Feuer machen.
25. 80% aller Frauen, die dies lesen, werden
diesen Text an fast alle Freundinnen weiterleiten, ob sie Kinder haben oder nicht.
10. Einige Legosteine können das Verdauungssystem eines Vierjährigen passieren.
11. Knetmasse und die Mikrowelle sollten
niemals im gleichen Satz erwähnt werden.
a) Wer keine Kinder hat, findet dies zum Totlachen.
b) Wer Kinder hat, die aus diesem Alter raus
sind, findet dies irre witzig.
c) Wer Kinder in diesem Alter hat, findet dies
gar nicht komisch.
d) Wer kleinere Kinder hat, sollte dies als
Warnung verstehen.
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„Schön wäre, wenn es alle schaffen würden…“
Die Mofawerkstatt macht Prüfung
Ausgebildet wurden die Schüler von ihrem Lehrer Reinhard Kortus, der eigens
dafür eine Zusatzqualifikation zum
Mofakursleiter erlangte. Hierbei wurde er
von seiner Kollegin Sabine Hepe unterstützt.
Während der Ausbildung lernten die
Schüler nicht nur den theoretischen Teil
über Regeln, Vorschriften und Verhalten
im Straßenverkehr, sondern auch ausführlich die Technik des Mofas kennen.
Weiterhin hatten sie zahlreiche praktische Fahrübungen zu absolvieren.
Über Auswirkungen von Alkohol im Straßenverkehr informierte Kriminalhauptkommissarin Fangmeyer, die als Fachfrau in die Schule eingeladen wurde und
detailliert auch die rechtlichen Folgen des
Alkoholkonsums im Straßenverkehr erklärte.
Kevin, Phillip, Florian und Chris sind
Schüler der einrichtungseigenen
Ferdinand-Rohde-Schule und die
ersten Teilnehmer in der Mofawerkstatt, welche als feste Einrichtung in den Werkstatttag der Schule
integriert werden soll.
Der Werkstatttag findet einmal wöchentlich im Rahmen einer berufsvorbereitenden Maßnahme statt. Die
vier Schüler übten während des
Schuljahres 2008/2009 für die
Mofaprüfbescheinigung, die vom TÜV
in Osnabrück abgenommen wird.
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Angeleitet von der Polizistin führten die
Schüler praktische Übungen mit sogenannten „Rauschbrillen“ durch. Diese
simulieren eine eingeschränkte Rundumsicht, ein Doppeltsehen, Fehleinschätzungen für Nähe und Entfernungen, Verwirrung, verzögerte Reaktionszeit sowie
das Gefühl von Verunsicherung. Diese
anschaulichen Übungen weckten großes
Interesse bei den Schülern und bereiteten
ihnen sichtlich Freude.
Seite 11
Am Ende des Schuljahres, nach langer
und intensiver Ausbildung, waren die
Schüler bereit für die Prüfung. Sie fieberten dem Prüfungstag entgegen, immer
mal wieder zweifelnd, ob ihre Vorbereitung ausreichend war.
Am 06.05.2009 war es soweit. Aufgeregt,
aber gut vorbereitet ging es nach Osnabrück zum TÜV Nord. Auf der Fahrt äußerte
Kevin den Wunsch: “Schön wäre, wenn
alle es schaffen würden!“
Nach Anmeldung und kurzer Wartezeit
nahmen Kevin, Phillip, Chris und Florian
im Prüfungsraum Platz. Sie erhielten eine
kurze Einweisung vom Prüflehrer und
waren dann auf sich selbst gestellt. Frau
Hepe und Herr Kortus mussten vor der
Tür warten. Hier zeigte sich, dass nicht
nur die Schüler aufgeregt waren. Auch ihr
Lehrer Herr Kortus konnte seine Nervosität nur schlecht verbergen.
Die Unterstützung und Betreuung durch
Frau Hepe reichte kaum aus, um die
Nerven zu beruhigen. Zum Glück löste
sich die Anspannung schon nach einigen
Minuten. Die Tür ging auf und ein sichtlich erstaunter Florian verließ den Prüfungsraum mit den Worten: „Herr Kortus,
die Fragen waren viel zu leicht!“ Kurze
Zeit später folgten Kevin, Phillip und
Chris. Die lange Zeit des Wartens begann,
wobei auch bei Herrn Kortus die Spannung von einer Minute zur nächsten stieg.
Nach einer halben Stunde kam die Erlösung. Alle hatten bestanden!
Kevin, Phillip, Chris und Florian hatten an
diesem Tag nicht nur eine Prüfung bestanden, sondern einen ganz persönlichen Erfolg in ihrer eigenen Entwicklung
zu verzeichnen. Dieses Ereignis wurde
natürlich direkt im Anschluss mit einem
gemeinsamen Frühstück gefeiert.
Seite 12
Autoren:
Sabine Hepe & Reinhard Kortus,
Lehrer der Ferdinand-Rohde-Schule
Neues von Unterwegs – 15/2009
Vertrauen
Ich denke viel über das Thema
„Vertrauen“ nach in den letzten
Wochen. Das mag damit zu tun
haben, dass ich mit zwei gebrochenen Beinen in einem Krankenhausbett liege und voll auf die
Hilfe anderer, vollkommen fremder Menschen angewiesen bin.
© soschoenbistdu - Fotolia.com
Ist schon ein komisches Gefühl, dieses Ausgeliefertsein. Wobei wir Männer ja gerne von einem „komischen
Gefühl“ sprechen, wenn wir eigentlich
meinen, dass uns etwas innerlich
terrorisiert und zu Tode ängstigt.
Wenn ich also ganz ehrlich bin, muss
ich zugeben:
Ich liege jetzt schon seit drei Wochen
in diesem Krankenhaus und schwitze
immer noch jeden Tag Blut und Wasser, ob man mich hier einfach verrotten lässt.
Ich bin auch im Nachhinein nicht
mehr so sicher, ob das mit der Privatversicherung und dem Anrecht auf
ein Einzelzimmer wirklich eine gute
Idee war.
Neues von Unterwegs – 15/2009
Wenn ich etwa nachts um vier Uhr aufwache und merke: Es mögen wohl beide
Beine zersplittert sein, aber die Verdauung funktioniert prächtig wie eh und je.
Da muss man dann zunächst einmal
Vertrauen in die Technik haben, in diese
kleine, fragile Klingel aus der Zeit der
punischen Kriege, die über dem Bett
baumelt. Und dann muss noch die Nachtschwester tatsächlich auf ihrem Platz
sitzen und nicht zu einer Besprechung mit
dem diensthabenden Arzt in die Wäschekammer verschwunden sein.
So wie ich in der Einsamkeit meines
Krankenhauszimmers muss sich mein
Sohn Jonathan jeden einzelnen Tag seines Lebens fühlen, wenn er morgens in
seinem Kinderbettchen erwacht, umgeben von einer Armee aus schier unüberwindbaren Gitterstäben und eingewickelt
in einen Schlafsack, aus dem sich auch
der große Houdini nicht so schnell befreien könnte.
Ich selber mit meinen zwei gebrochenen
Beinen könnte ja theoretisch noch zum
Klo oder zur nächsten Vorratskammer
robben, wenn es hart auf hart kommt;
zumindest sieht man das doch immer in
den Actionfilmen, wo dem Helden beide
Beine zerschossen werden und er trotzdem noch zu der Atombombe hinrobben
kann, um sie zu entschärfen. Jonathan
hingegen würde ohne seine Eltern in
diesem furchtbaren Gitterbett hilflos
dehydrieren. Dennoch spricht er jeden
Morgen, wenn er sich erst einmal
berappelt hat, ruhig und gelassen den
immer gleichen Satz in sein Babyphon:
Seite 13
„Papa, tomm, Frühstück machen!“ Es
klingt immer ein wenig so, als würde er in
einem 5-Sterne-Hotel den Zimmerservice
anrufen, ohne jeglichen Zweifel daran,
dass dieser prompt und zu seiner vollsten
Zufriedenheit servieren wird.
Das alles zeigt einem doch, wie wichtig es
ist, den Menschen um sich herum vertrauen zu können. Zum Beispiel meiner
Frau. Es ist schön zu wissen, dass ich
auch mal zwei Tage auf einer Lesungsreise unterwegs und dabei stets ganz sicher
sein kann, dass Andrea dem Jungen
abends ein Foto von mir zeigen und so
etwas sagen wird wie: „Guck mal, das ist
Papa! Papa ist arbeiten, er verdient gerade Dein Abendessen!“ Und nicht etwa:
„Guck mal, Jonathan, das ist Dein treuloser Vater, der uns schon wieder allein
lässt, nur um sein dusseliges Buch zu
verkaufen!“
Und auch meinem Sohn versuche ich den
Wert gegenseitigen Vertrauens frühzeitig
zu vermitteln. Zunächst einmal natürlich,
dass er mir vertrauen kann. Dass er tatsächlich immer, immer, immer eine
Reiswaffel kriegt, wenn ich es ihm versprochen habe.
ser“-Typ. Dass ich in diesem Punkt an mir
würde arbeiten müssen, sobald ich Kinder bekomme, war mir von Anfang an
schmerzlich bewusst. Es sei denn, es
macht einem nichts aus, wenn der eigene
Sohn einen später in der Familientherapie als „Gefängniswärter“ bezeichnet und
die eigene Frau dazu leise, aber deutlich
wahrnehmbar nickt.
Ich versuche daher, Jonathan schon frühzeitig Vertrauen entgegenzubringen. So
habe ich ihn etwa nie kontrolliert, wenn
er etwas in den Mülleimer in der Küche
schmeißen wollte oder sollte – und bin
damit eigentlich immer gut gefahren,
denn alle Essensreste und Bananenschalen und Popel sind wohl tatsächlich im
Mülleimer gelandet und nicht etwa in der
Waschmaschine oder dem Brotbackautomat. Gut, beim Sortieren der Wäsche
kann man ihm noch nicht hundertprozentig trauen, er schmeißt gerne die dunkle
und die helle 30-Grad-Wäsche in ein- und
dieselbe Tonne. Außerdem ist mein Lieblingshemd seit Monaten spurlos verschwunden. Aber gerade in solchen Situationen gilt es das Vertrauen in den Jungen
zu bewahren und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.
Oder auch, dass es garantiert keinen
Nachschlag beim Abendessen mehr gibt,
wenn ich einmal „Schluss!“ gesagt habe.
Dass er sich darauf absolut verlassen und
somit wertvolle Energie sparen kann, die
er sonst ins Jammern und Schreien investieren müsste, um die Grenzen auszuloten.
© Jürgen F. - Fotolia.com
Mir persönlich fällt das mit dem Vertrauen naturgemäß eher schwer. Ich bin mehr
der „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besSeite 14
Neues von Unterwegs – 15/2009
Zumal man selbst beim Essen, seinem
mit Abstand sensibelsten Punkt, durchaus Absprachen mit Jonathan treffen
kann. Neulich etwa wollte er mittags
seinen Blumenkohl-Auflauf nicht anrühren und verlangte stattdessen „Banane“,
die ich ihm natürlich zunächst verwehrte.
Weil wir aber blumenkohltechnisch weder
vor noch zurück kamen, bot ich ihm
schließlich an, dass er ein kleines Stück
Banane haben könnte, wenn er anschließend auch etwas Blumenkohl essen
würde. Andrea verließ unter offensichtlichem Protest die Küche, im Gehen murmelte sie noch: „Er ist 19 Monate alt,
Björn, nicht 19 Jahre!“ Ich gebe zu, dass
ich das für einen kurzen Moment tatsächlich vergessen hatte; das geht mir übrigens mit meinen Therapieklienten auch
manchmal so, dass ich ihnen gerne „vernünftige Lösungen“ präsentiere, von
denen ich so begeistert bin, dass ich
übersehe, dass die Menschen ja genau
deswegen bei mir sind, weil es ihnen so
schwer fällt, „vernünftige Lösungen“ in
die Tat umzusetzen.
Auf jeden Fall stellte ich mich innerlich
schon darauf ein, dass Jonathan nun in
Windeseile seine Banane verschlingen
würde, um dann erneut in sein „Mehr
Banane, mehr Banane!“-Mantra zu verfallen. Aber weit gefehlt: Mein überaus
verständiger und vertrauenswürdiger
Sohn hielt erfreut seine Banane in der
rechten Hand, um sich mit der linken
sogleich ein Stück Blumenkohl in den
Mund zu schieben.
Diese Episode gab mir den Mut, schon
mal so langsam mit der Verkehrserziehung zu beginnen. Zumal Kinder ja nichts
so sehr lieben, wie miteinbezogen zu
Neues von Unterwegs – 15/2009
werden,
mitentscheiden,
mitbauen,
mitbacken, einfach am ErwachsenenLeben teilnehmen zu können. Wenn sie
also eine gewisse Mitverantwortung tragen dürfen, etwa beim Überqueren der
Straße. Daher habe ich Jonathan beigebracht, „Grün!“ zu sagen, wenn die Fußgängerampel auf grün umschaltet, was er
mit erstaunlicher Verlässlichkeit tut,
selbst wenn ich ihn nicht mehr explizit
dazu auffordere. Das ist ungefähr so wie
mit dem Tauben-Suchen:
Wenn Jonathan nämlich nicht raus will,
sage ich in der Regel: „Komm, Jonathan,
wir gehen Tauben suchen!“, woraufhin er
auf dem Absatz kehrt macht, seine Schuhe holt und sich bereitwillig die Winterjacke anziehen lässt. Und wenn wir dann in
der Stadt sind und ich die Tauben längst
vergessen habe, höre ich plötzlich aus
dem Kinderwagen ein euphorisches
„Tauben, Tauben!“ Es kann regnen oder
schneien, es kann tausendfach Ablenkung gegeben haben auf dem Weg, er
kann sogar etwas zu essen in der Hand
haben, ganz egal. Wenn der Junge rausgegangen ist, um Tauben zu suchen und
er entdeckt eine Taube, dann ruft er. Ist
doch klar. So viel zu dem Gerücht, Kinder
unter 2 Jahren hätten kein Langzeitgedächtnis, keinerlei langfristige Pläne und
wären unzuverlässig.
So war es dann auch an jener Ampel, an
der wir vor ein paar Wochen standen, der
Ampel direkt vor dem Buchladen, wo ich
immer gucke, was es so Neues gibt in der
Welt der Belletristik, was ich mir also
kaufen oder zum Geburtstag wünschen
könnte, um es dann aus Zeitmangel nicht
zu lesen. Mein Blick blieb dabei an dem
neuen Roman von Sven Regener hängen,
Seite 15
„Der kleine Bruder“, vermutlich weil ich
selber ein kleiner Bruder bin oder aber
weil Jonathan dringend einen benötigt
oder auch nur, weil sie das Schaufenster
zugepflastert hatten mit „Kleinen Brüdern“. „Der kleine Bruder“ ist der dritte
Teil von Regeners „Herr Lehmann“Trilogie, oder genau genommen der zweite Teil, der aber als drittes veröffentlicht
wird, da als zweites der erste Teil herauskam, nachdem ganz zu Anfang das Ende
der Geschichte erschienen war. Das ist im
Übrigen auch so eine Vertrauenssache,
dass man nämlich heutzutage, wenn man
ein Buch kauft, insbesondere wenn es
Bestandteil einer Trilogie ist, nie so ganz
genau wissen kann, ob das nun der Anfang, die Mitte oder das Ende der Geschichte ist, was man da in den Händen
hält. Man muss schon dem Autor vertrauen, dass er es prinzipiell gut mit einem
meint und sich nicht einfach für seine
kommerziell unerfolgreichen Frühwerke
am gemeinen Leser rächen will.
So wie man auch viel, viel Gottvertrauen
braucht, wenn man einfach mal am
Samstag abend in so ein Multiplex-Kino
geht und dort spontan einen Film auswählt. Es ist gut möglich, dass man dann
in einem Prequel landet, also der Vorgeschichte irgendeines modernen Klassikers, den man aber verpasst hat, weil
man ja schließlich ein Kind zuhause hat.
Oder in einem Sequel, einer Fortsetzung,
dessen Vorgeschichte einem aber entgangen ist. Es ist eigentlich ein Wahnsinn, dachte ich, während ich die massive
schwarze Wand aus „Kleinen Brüdern“
vor mir betrachtete, wenn man heutzutage überhaupt noch irgendwelche Filme
anschaut oder Bücher kauft, solange man
nicht täglich den Feuilleton der Süddeut-
schen oder der FAZ durcharbeitet.
„Grün!“, rief es in diesem Moment aus
dem Kinderwagen, laut und deutlich, und
gleich darauf noch einmal „Grün!“, sodass
ich meinen Kulturpessimismus hinter mir
ließ und die Ampel überquerte.
Alle Zeugen gaben zu Protokoll, dass es
sehr geistesgegenwärtig von mir war, den
Kinderwagen einfach mit einem Schwung
nach vorne zu schieben, kurz bevor mich
der kleine Fiat Punto frontal erfasste. Ich
selber erinnere mich nicht. Ich weiß lediglich noch, was ich sah, als ich schon auf
dem Boden lag, unmittelbar bevor ich das
Bewusstsein verlor: Es war ein Lastwagen
der Firma Freenet, der schräg vor uns
langsam in eine Einfahrt einbog. Und ich
meine - ich bin nicht ganz sicher, aber ich
glaube -, dass ich im dichter werdenden
Nebel um mich herum noch Jonathans
Stimme aus dem Kinderwagen hörte,
seine zarte, unschuldige Stimme, die
fröhlich ausrief: „Grün, grün, Laster grün,
Papa, Papa, tuck, Laster grün!“
Autor Björn Süfke ist Dipl.-Psychologe und als Psychotherapeut in der Bielefelder Männerberatungsstelle
„man-o-mann“ tätig. Daneben bietet er regelmäßige
Therapiesitzungen für die Jugendlichen der Kinderund Jugendhilfe Hünenburg an. Sein erstes Buch
„Männerseelen – ein psychologischer Reiseführer“
erschien Anfang des Jahres im Patmos Verlag. Das
zweite wird Anfang nächsten Jahres folgen.
Seite 16
Neues von Unterwegs – 15/2009
Jugendhilfe und Jugendstrafvollzug
in potentieller Kooperation
Bildungs- und Integrationschancen in der Jugendanstalt Hameln
Vor diesem Hintergrund traf sich die Projektgruppe des Fachbereiches Kinder- und Jugendhilfe im April 2009 zu einer zweitägigen
Studienreise in der Jugendanstalt Hameln, um
sich über die Arbeits- und Verfahrensweisen
mit und für junge Straffällige zu informieren.
Im Kontext eines professionellen Dialogs
zwischen Vertretern des DBSH, der Jugendanstalt Hameln sowie der Kinder- und Jugendhilfe
Hünenburg galt es, Anregungen für die sozialarbeiterische Tätigkeit zu erhalten und damit
einhergehend
Kooperationsmöglichkeiten
(weiter) zu entwickeln.
Die Projektgruppe Jugendhilfe und Jugendstrafrecht des Fachbereichs Kinder- und Jugendhilfe des DBSH, der auch mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hünenburg
angehören, arbeitet seit 2007 an dem Thema
„Bildungs- und Integrationschancen in Einrichtungen der Jugendhilfe und des Strafvollzuges
in Deutschland und der Schweiz“.
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur
Reform des Jugendstrafvollzugs in Deutschland stellt die Justiz, ebenso wie die Jugendhilfe, vor neue Herausforderungen, so dass unter
anderem die Zuständigkeiten auf die jeweiligen Bundesländer übertragen worden sind und
damit einhergehend Jugendhilfe und Justiz
aufgefordert bzw. verpflichtet sind, stärker
(bundeslandintern) miteinander zu kooperieren. Grundlage für diese Zusammenarbeit ist
die Klärung von Schnittstellen und Zielen, auch
im Hinblick auf die gesetzlichen Vorgaben des
Jugendstrafvollzugs sowie des Kinder- und
Jugendhilfegesetzes.
Während auf der einen Seite diverse Berührungspunkte, wie beispielsweise gezielte
Verhinderungen von Straftaten und erzieherische Maßnahmen als Handlungskonzept
bestehen, existieren auf der anderen Seite
etwaige Unterschiede, wie z. B. das Aufgabenverständnis, das Handlungsrepertoire und die
strukturellen Voraussetzungen.
Neues von Unterwegs – 15/2009
Die Jugendanstalt Hameln stellt mit ca. 800
verfügbaren Haftplätzen die größte Jugendstrafvollzugseinrichtung in Deutschland, in der
männliche Straftäter im Alter von 14 bis 24
Jahren im offenen und geschlossenen Vollzug
untergebracht werden können.1 Das Durchschnittsalter liegt bei 20,5 Jahren. Insgesamt
können in der JA Hameln Haftstrafen von 6
Monaten bis zu 10 Jahren verbüßt werden.
Hierbei handelt es sich jedoch um das gesetzliche Mindest- und Höchststrafmaß. Die durchschnittliche Strafdauer beträgt 1,8 Jahre.
Das Vollzugskonzept basiert hinsichtlich der
Unterbringung der jungen Straftäter auf einer
Binnendifferenzierung.
Unmittelbar
nach
Eintritt in die Jugendanstalt wird in der Aufnahmeabteilung und im Verlauf der Erstellung
eines individuellen Erziehungs- und Förderplans2, der Grad der Mitarbeits- und Entwicklungsbereitschaft, bzw. der Veränderungsmotivation der Jugendlichen und jungen Erwachsenen festgestellt, nach welchem jeder einzelne
Gefangene einer entsprechenden Vollzugsabteilung zugewiesen wird. Mitarbeitsbereite und
nicht mitarbeitsbereite Straftäter sind somit
differenziert untergebracht. Da bei einigen
Neuaufnahmen eine unmittelbare Zuordnung
Die Abteilung Bückeburg stellt seit dem 01.10.2005 weitere
Haftplätze für männliche erwachsene Gefangene mit einer
Strafdauer von bis zu zwei Jahren zur Verfügung.
2 Innerhalb der Diagnostik und Planung wird zu Beginn der
Strafvollzugsmaßnahme gemäß § 117 NJVollzG ein Erziehungs- und Förderplan für neu aufgenommene junge Strafgefangene erstellt. Dieser wird im Abstand von höchstens vier
Monaten überprüft und entsprechend fortgeschrieben, bzw.
aktualisiert und modifiziert.
1
Seite 17
schwer fällt, bei denen aber keine grundsätzliche Weigerung ausmachbar ist, werden diese
gesondert in einer Abteilung für noch nicht
mitarbeitsbereite Gefangene untergebracht.
Speziell für mitarbeitsbereite Gefangene ergibt
sich aus besagter Binnendifferenzierung ein
soziales Umfeld, in welchem destruktive Einflüsse aufgrund intrinsischer Motivation reduziert sind. Parallel erhalten die Insassen der
mitarbeitsbereiten Vollzugsabteilungen ein
höheres Maß an Freiräumen, Angeboten und
Förderungen, wie beispielsweise im Hinblick
auf Urlaub oder Vollzugslockerung.
Als gesetzliche Grundlagen fungieren §§ 113,
114 NJVollzG (Niedersächsisches Justizvollzugsgesetz), die sowohl die Vollzugsziele,
nämlich der Förderung eines Lebens in sozialer
Verantwortung ohne Straftaten und dem
Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten, als auch die Gestaltung und Mitwirkung
der jungen Straftäter regeln. Vergleichbar mit
den Vorgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes dominieren an dieser Stelle Schlagwörter wie die erzieherische Gestaltung des Prozesses, Förderung von Eigenverantwortung und
sozialem Lernen wie auch die Ausbildung von
Fähigkeiten und Kenntnissen zur späteren
beruflichen Integration unter stetiger Berücksichtigung besonderer altersbedingter Bedürfnisse und Empfindlichkeiten.
Die §§ 124, 125 NJVollzG setzen sich mit der
besonderen Bedeutung von Arbeit und Aus-,
beziehungsweise Weiterbildung binnen des
Jugendvollzugs auseinander. Im Hinblick auf
eine Erwerbstätigkeit nach der Entlassung, ist
die Vollzugsbehörde verpflichtet dem jugendlichen Gefangenen vorrangig schulische oder
berufliche Orientierungs-, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen zu offerieren und zuzuweisen.3 Laut Aussage der JA Hameln verfügen
nur etwa 30% der jugendlichen Straftäter bei
Haftantritt über einen Schulabschluss. Die
Bildungsarmut steht hier sicherlich kumulativ
zum Übergang in die Kriminalität. In 11 unterschiedlichen Schulkursen offeriert die Jugendanstalt ihren Insassen die Möglichkeit einer
schulischen Qualifikation, welche je nach
Strafmaß in 3 bis 12 Monaten erreicht werden
kann. Die angebotenen Schulkurse variieren
nach dem jeweiligen Leistungstand der Inhaftierten und reichen von Alphabetisierungs-,
über Integrationskurse für Migranten bis hin zu
Haupt- und Realschulkursen.
Hinsichtlich beruflicher Orientierungs-, Ausund Weiterbildungsmaßnahmen stellt die JA
Hameln einen vielfältigen Ausbildungsbereich,
in welchem 23 verschiedene (schulische sowie
berufliche) Abschlüsse erreicht werden können. Dabei nimmt in Bezug auf Jugendhilfe,
deren Klientel aufgrund ihres Entwicklungsstandes und mangelnder, struktureller Möglichkeiten nur schwer in ein vollwertiges Ausbildungsverhältnis übergehen und dementsprechend oftmals in Berufsvorbereitungsmaßnahmen untergebracht werden, insbesondere die Aussicht auf eine stufenweise gestaltete Ausbildung einen besondere Stellenwert
ein.
Gemäß Gesetzesvorlage ist im § 125 NJVollzG
insbesondere der Gestaltungsprozess der
Orientierungs-, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen insofern einzurichten, dass auch wenn
ein Abschluss bis zur Entlassung, aufgrund der
Kürze des Freiheitsentzuges, nicht erreichbar
ist, die Maßnahmen sinnvoll und effektiv
genutzt und nach der jeweiligen Freilassung
fortgesetzt werden können. Bei einer durchschnittlichen Strafdauer von 1,8 Jahren und
einem Ausbildungszeitraum von 3 bis 3,5
Jahren ist die Umsetzung der Zielvorstellung
des § 125 NJVollzG nach Angaben der JA
Hameln aber nur bedingt realisierbar. Die
Weitervermittlung der straffälligen Auszubildenden im Anschluss an die Haftverbüßung
gestaltet sich nicht nur aufgrund ihrer Abweichung von der Legalität und den damit verbundenen gesellschaftlichen Vorurteilen und
Ängsten schwierig. Ferner existieren gravierende strukturelle Differenzen zwischen dem
Leben und Arbeiten in einer Jugendstrafanstalt
und solchen in der „Freiheit“. Während gemäß
Gesetzestext der erzieherische Auftrag innerhalb der Ausbildung im Vordergrund steht, gilt
„draußen“ das Prädikat der Produktivität, was
vorranging mit Blick auf quantitatives Arbeiten,
Leistungsanspruch und erforderliche Belastbarkeit einen Bruch darstellt. Die JA Hameln ist
daher stets auf der Suche nach Kooperationspartnern. Die Institutionen der Jugendhilfe sind
hier besonders angesprochen. Da gerade sie
neben regionsbezogenen Netzwerksbeziehungen zu potenziellen Ausbildungsbetrieben4
eine fachgerechte und adäquate Betreuung
Zumal einige Jugendhilfeeinrichtungen sogar institutionsintern eigene Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen.
4
3
vgl. § 124 NJVollzG
Seite 18
Neues von Unterwegs – 15/2009
des ehemaligen Strafgefangenen gewährleisten können.
Die jungen Straftäter, welche ihre Haftstrafe
mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung
verlassen können, haben gute Chancen auf
einen späteren Arbeitsplatz und eine gelingende gesellschaftliche Reintegration, so berichteten Vertreter der Jugendanstalt. Interessanterweise handele es sich hierbei oftmals um der
Mittelschicht angehörende Jugendliche und
junge Erwachsene. So ließen sich in dieser
Gesellschaftsschicht häufig Beziehungsdelikte
ausmachen, bei welchen sich die Straftaten in
ihrer Intensität abheben und damit einhergehend höhere Haftstrafen nach sich ziehen.
Hohe Haftstrafen involvieren in diesem Zusammenhang oftmals die bessere Aussicht auf
eine abgeschlossene Berufsausbildung und
folglich eine gelingende Reintegration. Ist eine
Zuweisung zu einer schulischen oder beruflichen Förderungsmaßnahme nicht möglich, z.
B. aufgrund der diagnostischen Grundlage und
Planung (Erziehungs- und Förderplanung) für
den jungen Straftäter, soll seinerseits einer
wirtschaftlich ergiebigen Tätigkeit nachgegangen werden. Die Jugendanstalt Hameln bietet
hierfür diverse Arbeitsmöglichkeiten an. Jugendliche und junge Erwachsene, die aufgrund
ihres Entwicklungstandes oder ihrer sozialen
und psychischen Auffälligkeiten nicht in eine
schulische oder berufliche Maßnahme integriert werden können, nehmen an einer Arbeitstherapie teil. In überschaubaren Gruppen
werden dort Arbeitsmotivation, Selbstvertrauen, Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit
gefördert. Dies geschieht über Hilfestellungen
zur Gewinnung von Erfolgserlebnissen und
einer stufenweisen Anhebung der Ansprüche.
Schulische und berufliche Förderungs- und
Beschäftigungsmaßnahmen sind mit Blick auf
eine funktionierende gesellschaftliche Wiedereingliederung für sich genommen nicht ausreichend. In diesem Sinne werden die jungen
Strafgefangenen in diversen Therapie-, Trainings- und Betreuungsmaßnahmen integriert.
Ziel ist es hierbei, eine Auseinandersetzung
mit der Tat zu erreichen und im Anschluss
daran die eigene Entwicklung und Geschichte
aufzuarbeiten, um nachstehend weiteren
Straftaten entgegen zu wirken.
Die Sozialtherapieabteilung in der JA Hameln
gilt mit 53 Haftplätzen als die größte sozialthe-
Neues von Unterwegs – 15/2009
rapeutische Abteilung in Deutschland5. Die
Teilnahme zur Sozialtherapie wird binnen des
Aufnahmeverfahrens und der Erstellung der
Erziehungs- und Förderplanung festgeschrieben und gilt damit als verpflichtend6. Die
Jugendanstalt richtet ihr Angebot vorrangig an
junge Intensivstraftäter von physischer und
sexueller Gewalt. Grundlegende therapeutische Elemente bestehen in Motivation und
einer kognitiven Umstrukturierung. Soziale
Kompetenzen sollen gefördert und Handlungsalternativen entwickelt werden. Eine erfolgreich durchlaufene Sozialtherapie vermindert
die Rückfallquote einer Wiederverurteilung zu
einer Jugend- oder Freiheitsstrafe ohne Bewährung von etwa 60% auf 35%.
Die obigen Ausführungen verdeutlichen die
Sinnhaftigkeit einer kooperativen Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Justiz, besonders
auch im Hinblick auf eine gelingende gesellschaftliche Reintegration von jungen Strafgefangenen. Die Chancen liegen hierbei auf
beiden Seiten, zumal die beiden Teiletappen
Jugendhilfe und Justiz in vielen Fallbeispielen
delinquenter Jugendlicher aneinander anschließen. Voraussetzung ist hierbei jedoch der
Blick über den Tellerrand der eigenen Profession. Von Seiten des DBSH in Form der Projektgruppe Jugendhilfe und Jugendstrafrecht
ist hierfür ein erster Schritt getan. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang auch die JA
Hameln, deren Vertreter ausdrücklich betonen
an einer kooperativen Zusammenarbeit interessiert zu sein. Daher lohnt es sich diese
Netzwerkbeziehung beizubehalten und darüber
hinaus weiter auszubauen. Konkretisiert werden muss dabei allerdings, wie eine Zusammenarbeit konzeptionell und praktisch aussehen kann. Des Weiteren wie Zuständigkeiten
verteilt werden und von welcher Stelle finanzielle Budgets genutzt werden können. Bis zu
einer funktionierenden und konstruktiven
Zusammenarbeit ist daher sicherlich noch
einiges zu tun. Nichtsdestotrotz ist allein in der
Bereitschaft beider Seiten der grundlegendste
Baustein gegeben, an dem nunmehr weiter
angesetzt werden muss.
Autorinnen:
Nicolé Adämmer (Erziehungswissenschaftlerin, Mitarbeiterin
der Wohngruppe „Südhaus“) &
Anne Behrendt (Sozialwissenschaftlerin, Lehrerin der einrichtungseigenen Förderschule für Emotionale und Soziale
Entwicklung)
Die 53 Haftplätze verteilen sich auf zwei Abteilungen mit
jeweils mehreren Haftplätzen.
6 Sozialtherapie kann auch im Zuge des Gerichtsurteils als
Auflage eingesetzt werden.
5
Seite 19
Zur Heimerziehung der 50er
und 60er Jahre
und zur Heimerziehung der
Gegenwart
lung, von Verletzung elementarer Persönlichkeitsrechte und von Missbrauch
erzieherischer
Gewalt
immer
dann
steigt, wenn
1. Aus der Geschichte zu
lernen, ist Pflicht verantwortungsvoller Sozialpolitik und verantwortlicher
Pädagogik.
2. Das erlittene Unrecht
der Opfer in der Heimerziehung der 50er und
60er Jahre ist anzuerkennen und das Leid ist nicht
zu relativieren.
3. Pauschalkritik muss
kommentiert werden, da
diese die Gefahr mit sich
bringt, alle in der öffentlichen
Erziehungshilfe
Mitwirkenden zu Opfern
falscher Verdächtigungen
zu machen. Es gilt, Ermöglichungsstrukturen
von
Gewalthandlungen
gegenüber Kindern und
Jugendlichen entgegenzuwirken.
4. Aus der Erforschung der
Rahmenbedingungen und
Methoden sowie aus der
Auseinandersetzung mit
Berichten Betroffener der
Heimerziehung in der
Bundesrepublik Deutschland der 50er und 60er
Jahre kann im Ergebnis
festgehalten werden, dass
die Gefahr von Misshand-
© godfer – Fotolia.com
Kinder
und
Jugendliche
werden durch Leistungen der
Jugendhilfe nachweislich in
ihrer persönlichen Entwicklung und in ihrer Einbindung
in die Gesellschaft gestärkt.
Dies gelingt insbesondere
dann, wenn die Kinder und
Jugendlichen
konsequent
beteiligt werden, die Hilfen
passgenau auf die jeweilige
Familiensituation zugeschnitten und die Angebote vor Ort
gut vernetzt sind.
Dies ergab die Evaluation des
Programms „Wirkungsorientierte Jugendhilfe“ des Bundesjugendministeriums durch
die Universität Bielefeld.
Weitere Infos unter
www.wirkungsorientiertejugendhilfe.de
Seite 20
• geschlossene Systeme
existieren (also keine oder
wenig
Außenkontrolle
besteht),
• die Ausbildung der
tätigen Pädagogen unzureichend ist,
• die zu verantwortende
Zahl von jungen Menschen je Mitarbeiter / je
Mitarbeiterin zu groß ist,
• Kinder und Jugendliche
mit manifestierten Problemlagen
gemeinsam
untergebracht
werden,
ohne dass entsprechende
strukturelle und fachliche
Rahmenbedingungen
bestehen,
• die Arbeitszeit je Tag
und je Woche extrem lang
ist
• Gewalt enttabuisiert ist
oder das Sozialprestige
des Mitarbeiters / der
Mitarbeiterin nicht leidet,
wenn er oder sie Gewalt
anwendet,
• betreute Kinder und
Jugendliche nicht über
ihre Rechte aufgeklärt
werden,
• wenig oder keine Elternarbeit stattfindet oder
Eltern über den Verlauf
der Hilfe schlecht informiert sind,
•
junge
Menschen
schlecht an der Hilfeplanung beteiligt sind und es
keine institutionalisierten
Beteiligungsformen in den
Neues von Unterwegs – 15/2009
Einrichtungen gibt,
• dogmatische Auslegung
des religiösen Leitbildes
vorliegt oder
• eine Weiterentwicklung
der Jugendhilfekonzepte
und -praxis nicht vorgenommen wird.
5. Für die Heimerziehung der Gegenwart
gilt, dass sich in der
Folge der »Heimkampagne«
(ausgehend
vom Jahr 1968) eine
erhebliche Professionalisierung eingestellt hat
und fachlich anerkannte Standards hinsichtlich der Rahmenbedingungen pädagogischer
Arbeit weitestgehend
etabliert sind. Insbesondere verfügt moderne Heimerziehung
über
• fachdienstliche sowie
supervisorische
Begleitung und Kontrolle der
pädagogischen Fachkräfte und Leitungsmitarbeitenden,
• überschaubare Gruppengrößen (in der Regel
fünf bis neun junge Menschen) mit einem adäquaten Personalschlüssel
• differenzierte Angebote
und Konzepte für individuelle
Beeinträchtigungen,
• moderne Beteiligungsformen junger Menschen
an der Ausgestaltung
nicht nur der individuellen
Hilfe, sondern auch der
institutionellen RahmenNeues von Unterwegs – 15/2009
bedingungen (beispielsweise Heimbeiräte),
• vernetzte Schul- und
Berufsausbildungen, damit auch viele Außenkontakte von jungen Menschen in Heimerziehung
gegeben sind,
• ausgefeilte Konzepte
zur Eltern- / Angehörigenarbeit sowie
• regelmäßige Hilfeplangespräche mit den zuständigen Jugendämtern
unter Beteiligung der
betroffenen jungen Menschen.
Systemisch bedingter
Rechtemissbrauch junger Menschen durch
pädagogische
Fachkräfte ist unter den
gegenwärtigen
Rahmenbedingungen der
Heimerziehung nicht zu
erwarten, wenn diese
Standards eingehalten
werden; allenfalls individuelles Fehlverhalten
kann vorkommen.
6. Politik (einschließlich
der öffentlichen Jugendhilfe
und
der
Heimaufsichten)
und
Freie Wohlfahrtspflege
sind aufgefordert, dafür
Sorge zu tragen, dass
auch weiterhin die
Rechte junger Menschen in Einrichtungen
der
Erziehungshilfen
geschützt sind, indem
unvertretbare Absenkungen fachlich anerSeite 21
kannter Standards verhindert werden.
Die Geschichte der
Heimerziehung in den
50er und 60er Jahren
darf sich nicht wiederholen.
Die Ausstattung der
erzieherischen Hilfen
mit Fachpersonal und
übergreifenden Diensten
sowie
Supervisorinnen und Supervisoren darf ebenso
wenig
verschlechtert
werden, wie die Beteiligung junger Menschen
und die Elternbeteiligung durch öffentliche
und freie Träger vernachlässigt
werden
darf.
Quelle: Bundesverband Evangelischer Einrichtungen und Dienste
e.V.
Dieses
EREV-Positionspapier
wurde vom Vorstand erarbeitet
und in der Vorstandsklausur am
31.01./01.02.2008 verabschiedet.
Regen Zuspruch fand auch in
diesem Jahr das traditionelle
Osterfeuer der Hünenburg,
an dem sich Freunde, Angehörige, Mitarbeiter und Jugendliche der Einrichtung
trafen.
Zukunftsfähig bleiben
und Energie sparen: Als
erste Wohngruppe der
Hünenburg verfügt das
„Südhaus“ nun über
eine
Photovoltaikanlage, die neben den
eigenen Räumlichkeiten die nahe gelegene
Kinderkrippe
gleich
noch mitversorgt.
Ortstermin der besonderen Art: Im Juni traf sich
der Sozialausschuß der
Stadt Melle auf der Hünenburg. Vor Sitzungsbeginn informierte Geschäftsführer
Frank
Mattioli-Danker die interessierten Anwesenden
über die Arbeit und Angebote der Einrichtung.
Gut behütet: Das Verwaltungsgebäude der Hünenburg in
Melle-Riemsloh erhielt im
Frühjahr eine neue Außengestaltung – u.a. ein neues Vordach -, um Gäste des Hauses
auch künftig würdig willkommen heißen zu können. Wir
freuen uns auf Sie!
Seite 22
Neues von Unterwegs – 15/2009
Kinder- und Jugendhilfe Hünenburg
Ev.-luth. Stiftung Hünenburg
mit Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung
Leitung und Verwaltung
Geschäftsführer:
Frank Mattioli-Danker
Fachbereichsleiter: Jochen Janke
Fachbereichsleiter: Tom Brodhuhn
Postfach 11 40
49310 Melle
Tel.: 05226 / 98 61 – 0
Fax.: 05226 / 98 61 - 11
Email: huenenburg@aol.com
www.huenenburg.com
Angebot
Standort
Ansprechpartner
Familienanaloge
Wohngruppe (FWG)
Hünenburgweg 64
49328 Melle
Jochen Janke
Tel.: 05226 / 98 61 – 21
Sozialpäd. Wohngruppe
„Südhaus“
Hünenburgweg 64
49328 Melle
Thorsten Aubke
Tel.: 05226 / 98 61 – 33
Jungenwohngruppe
Oldendorf (JWG)
Osnabrücker Straße 153
49324 Melle
Tom Brodhuhn
Tel.: 05422 / 75 26
Mädchenwohngruppe
„Libellen“ (MWG I)
Kampingring 2
49328 Melle
Dagmar Feller
Tel.: 05427 / 66 15
Mädchenwohngruppe
„Sonnenblick“ (MWG II)
Meller Berg 33
49324 Melle
Iris Griese
Tel.: 05422 / 9 289 161
Außenwohngruppe
LOGO
Engelgarten 33
49324 Melle
Jochen Janke
Tel.: 05422 / 53 31
Mobile Betreuung
„Plackehaus“
St. Annener-Straße 21
49328 Melle
Jochen Janke
Tel. 05226 / 98 61 - 21
Ferdinand-Rohde-Schule
Hünenburgweg 64
49328 Melle
Lilo Fischer-Windels
Tel.: 05226 / 98 61 – 36
Jugendwerkstatt
Hünenburgweg 64
49328 Melle
Sebastian Ahrens
Tel.: 05226 / 98 61 – 30
Therapeutischer Dienst
Hünenburgweg 64
49328 Melle
Björn Süfke &
Stefan Reinisch
Tel.: 05226 / 98 61 - 29
für emotionale und soziale Entwicklung
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