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Es hatte was von Hochseilgarten

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Sport
Samstag, 18. Juni 2011
SPGE2
200 Jahre Turnbewegung in Deutschland
Turnen Anfang des 19. Jahrhunderts: Die Anlage auf der Berliner Hasenheide sieht mit ihren Klettergerüsten, Leitern und Seilen aus wie ein Abenteuerspielplatz (Bild links). Aber es sind auch schon Geräte
wie Reck, Barren und Pferd zu erkennen (rechts). Der Turnplatz auf der Hasenheide zog außerdem viele Zuschauer an (Mitte).
Zeichnungen: Adolph Bornemann (1814), zur Verfügung gestellt von der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft/nh
Unser Experte
HANSGEORG KLING (75) ist Präsident der Friedrich-LudwigJahn-Gesellschaft. Er ist in
Kassel geboren
und aufgewachsen. Vor der
Pensionierung
arbeitete er als
Gymnasial-Lehrer, zuletzt als Studiendirektor
für Deutsch, Geografie und Politik an der Albert-SchweitzerSchule in Kassel. Bereits in jungen Jahren begann er mit der
Leichtathletik. Mit seiner Frau
Siglinde ist er seit 1964 verheiratet, das Paar hat zwei Töchter
und vier Enkelkinder. Kling mag
Bergsteigen, Skilanglauf und Literatur. (lip)
Foto: Hennig/nh
HINTERGRUND
Frisch, fromm,
fröhlich, frei
Den Wahlspruch der Turner hat Friedrich Ludwig
Jahn eingeführt. Es wird
davon ausgegangen, dass
er ihn einem Studentenspruch aus dem 16. Jahrhundert entlehnt hat:
„Frisch, frei, fröhlich,
fromb: Sind des Studenten
Reichtumb!“ Jahn hatte
die zweite Zeile in „das ist
des Turners Reichtum“ abgewandelt. In den 1840erJahren wurde die Jahnsche
Reihung verändert zu
„Frisch, fromm, fröhlich,
frei, das andere Gott befohlen sei!“ (lip)
Es hatte was von Hochseilgarten
Samstagsinterview: Experte Hansgeorg Kling über Friedrich Ludwig Jahn und die Anfänge des Turnens
VON ROBIN LIPKE
KASSEL. Wer Turnen sagt,
denkt zwangsläufig an Friedrich Ludwig Jahn. Vor 200 Jahren nahm er in Berlin den ersten Turnplatz in Betrieb, und
zwar auf der Hasenheide, einem Park im heutigen Stadtteil Neukölln. Damit legte er
den Grundstein für die Turnbewegung in Deutschland.
Seit dem 18. Juni 1811 hat sich
das Erscheinungsbild dieser
Sportart natürlich gewandelt.
Dennoch sind Jahns Vorstellungen heute noch wiederzuerkennen. Darüber sprachen
wir mit dem Kasseler Hansgeorg Kling, Präsident der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft.
Herr Kling, was würde Friedrich Ludwig Jahn heute über Fabian Hambüchen denken?
HANSGEORG KLING: Den Hochleistungssport als solchen hätte Jahn nicht gewollt. Aber
hinsichtlich der Fitness und
des technischen Könnens eines Fabian Hambüchens würde er bestimmt sagen: „Das
habe ich mit meinen abenteuerlichen Geräten auf der Hasenheide auch angestrebt.“
Vor 200 Jahren rief er diesen
Turnplatz ins Leben. Trägt Jahn
zu Recht den Titel Turnvater?
KLING: Er war der Initiator,
der Schöpfer, wenn Sie so wollen. Er war aber nicht der
Turnpapst. Ihm ging es nicht
um Drill, sondern um Gesundheit, und er wollte seinen
Schülern Mut zum Abenteuer
vermitteln. Sehen Sie sich die
Turnplätze von damals an. Sie
hatten mehr was von einem
Hochseilgarten.
Bungee gesprungen. Aber gerade diese Vielseitigkeit findet
sich heute im Deutschen Turner-Bund wieder. Denn im
DTB gibt es einerseits den Leistungs-, aber auch den Freizeit-
Kann die Hasenheide auch
als Wiege des Sports insgesamt
bezeichnet werden?
KLING: Zumindest hatten die
Turnplätze – nach kurzer Zeit
waren es über 150 – Strukturen wie heutige Vereine. Die
Turner organisierten sich
selbst, und es wurden Beiträge
erhoben, um Geräte anzuschaffen und instand zu halten. Zudem ging es Jahn neben
der Körperertüchtigung um
das gemeinsame Handanlegen
etwa beim Aufbau der Anlagen und auch um gemeinsame
Feierlichkeiten. Alles Merkmale, die das heutige Vereinswesen kennzeichnen.
Inwieweit hatten die Übungen auf der Hasenheide etwas
mit dem heutigen Turnen zu
tun?
KLING: Das Turnen von damals ist nicht zu verwechseln
mit dem Geräteturnen von
heute.
Gehen,
Springen,
Schwingen, Klettern, Werfen
– das und vieles mehr definierte Jahn als Turnen. Hätte es
das damals schon gegeben,
wären seine Zöglinge auch
und Gesundheitssport und zudem das Kinderturnen.
Hatte Jahn tatsächlich nur
die Fitness seiner Schüler vor
Augen?
KLING: Die körperliche wie
die geistige. Auf der Hasenheide gab es einen Erholungsplatz, auf dem es in der Regel
zu einem regen Gedankenaustausch kam.
Auch politischer Natur?
KLING: Natürlich. Jahns Tun
war eng verknüpft mit der politischen Situation. Preußen
war durch die Franzosen besetzt. Sicherlich spielte auch
die Mobilmachung gegen Napoleons Armee eine Rolle. Er
strebte die Freiheit und die
Einheit Deutschlands an.
Denn das Land war damals ein
Flickenteppich, zersplittert in
zahlreiche Teilstaaten. Sein
politisches Bestreben zeigt
sich ebenso darin, dass er
Turnlehrer ausgesendet hatte,
um die Ideen zu verbreiten.
Turnen heute: Spektakulär mit
Fabian Hambüchen.
Foto: dpa
Würden Sie Jahn als fortschrittlich bezeichnen, vielleicht sogar als revolutionär?
KLING: Revolutionär war er
nicht, genauso wenig ein Intellektueller. Aber fortschrittlich und mutig – absolut. Auf
den Turnplätzen hob er die
Standesgrenzen auf. Brüderlichkeit war ihm wichtig, die
Turner duzten sich. Erst ka-
Mit Schwingeln und Gerköpfen
So startete die Turnbewegung in unserer Region – als Beispiel dient Kassel
Steckbrief
11.08.1778: Friedrich Ludwig
Jahn wird in Lanz geboren; 1791
- 1794: Gymnasium in Salzwedel; 1796 - 1806: Studium u. a. in
Halle und Göttingen; 1809: Lehrer in Berlin; 30.08.1814: Hochzeit mit Helene Kollhof; 18151819: Geburt seiner drei Kinder;
13.07.1819: Verhaftung; 1819:
Jahns Kinder Waldemar und
Sieglinde sterben an Diphtherie;
1823: Ehefrau Helene stirbt;
1825: Hochzeit mit Emilie
Hentsch, Wohnsitz in Freyburg
(Unstrut); 1840: Rehabilitierung
durch Friedrich Wilhelm IV. und
Verleihung des „Eisernen Kreuzes“; 15.10.1852: Jahn stirbt in
Freyburg. (lip)
KASSEL. Leibesübungen, Körperertüchtigung – das war
nicht nur den Turnbegeisterten in Berlin vorbehalten.
Friedrich Ludwig Jahn schickte seine Vorturner in die Welt
hinaus, um seine Ideen zu verbreiten. Zwangsläufig kam das
Turnen in unserer Region an –
auch in Kassel:
Bereits in den 1830er-Jahren legten freiheitlich ausgerichtete Zeitungen ihren Lesern das planmäßige Turnen
zur körperlichen und sittlichen Kräftigung ans Herz. Ein
Lehrer des Friedrichsgymnasiums (damals Lyzeum) brachte
ab 1832 seinen Schülern die
Jahnschen Übungen näher. Ab
1837 gab es sogar Zuschüsse
von der kurhessischen Städtekammer – der Grundstein für
das Schulturnen war gelegt.
In Sachen Vereinsturnen
gilt Christian Reul als Initiator. Mit Gleichgesinnten eröffnete er 1843 den ersten öffent-
lichen Turnplatz in Kassel. Das
war auf einem Privatgrundstück auf dem heutigen Gelände der Universität Kassel am
Holländischen Platz. Einige
Turngeräte von damals klingen – sagen wir mal – etwas
ungewöhnlich: Es gab den
Schwingel, was dem heutigen
Pferd entspricht, den Gerkopf
(Zielpfahl beim WurfspießWerfen), Querbäume, die
Ähnlichkeit mit dem Reck besaßen, aber es wurde auch am
Barren geturnt und Anlagen
für Hoch- und Weitsprung
genutzt.
Ab
1844
nannte
sich die Gruppe
um Reul „Turngesellschaft“,
wurde
aber
Der Schwingel: So sah
das Turnpferd früher
aus.
Foto: dpa
nur drei Jahre später verboten.
Die Polizei vermutete politische Absichten. Noch vor der
Nationalversammlung
in
Frankfurt lockerte Kurhessen
die Bestimmungen – und am
22. März 1848 kam es zur
Gründung der „Casseler Turngemeinde“ unter Vorsitz des
Buchhändlers Christian Hoffmann. Kurz darauf verbot der
Kurfürst erneut das Vereinswesen, gegen 900 Turner aus
Kurhessen wurden Untersu-
chungen eingeleitet, Hoffmann wurde die Konzession
für sein Geschäft entzogen.
Der demokratische Geist unter den Turnern war Fürsten
und Regierungen ein Dorn im
Auge, sie witterten Konspiration und Verschwörung. Das
Verbot wurde dennoch gelockert, und Hoffmann und Co.
gründeten am 22. März 1861
die Casseler Turngemeinde
neu. Schon bald kam es zu
Spannungen, politischer wie
persönlicher Natur. Hoffmann
legte alle Ämter nieder und
rief die „Aeltere Casseler Turngemeinde“ ins Leben.
Die ACT verstand sich in der
Tradition der Turngemeinde
von 1848 – des ersten rechtsfähigen Turnvereins in Kassel.
Deshalb führt die ACT bis heute dieses Gründungsjahr. Die
Tradition der Casseler Turngemeinde von 1861 ist im Jahr
1945 in den KSV Hessen übernommen worden. (lip)
men nur Schüler, später Handwerker und Studenten hinzu.
Ihm ging es um die Freiheit
des Einzelnen, und zwar aus
allen Schichten. Vor dem geschichtlichen Hintergrund ist
das schon erstaunlich.
Trotzdem gibt es Kritiker, die
Jahn mit Skepsis betrachten.
KLING: Sagen wir lieber: differenzierter. Das Turnen ist
nach der Reichsgründung
1871, Jahn war bereits tot, und
auch nach 1933 von der Obrigkeit vereinnahmt und Jahns
Ideen missbraucht worden:
Deutsche Treue, Zucht und
Ordnung, Vorbereitung auf
den Krieg – dafür standen
plötzlich die Leibesübungen.
Aber das war definitiv nicht in
Jahns Sinn.
Wo wäre der Sport heute
ohne Jahn?
KLING: Schwer zu sagen. Auf
jeden Fall hat er für die Vielseitigkeit im Turnen gesorgt
und die Weichen gestellt für
den Gesundheitssport und das
Vereinswesen.
„200 Jahre Turnbewegung –
200 Jahre soziale Verantwortung“ – so lautet das Motto im
Jubiläumsjahr. Würde Jahn unter diesen Slogan seinen Friedrich Ludwig kritzeln?
KLING: Ganz eindeutig. Denn
gerade das Miteinander lag
ihm am Herzen.
Geschichte
Die Turnbewegung, freiheitlich und
demokratisch ausgerichtet, sah sich
zu Beginn erheblichem Widerstand
ausgesetzt. Eckdaten:
• 1810: Gründung des geheimen
„Deutschen Bundes“ unter Führung
Friedrich Ludwig Jahns – Ziel: Befreiung von der Besatzung Napoleons
und Einheit Deutschlands.
• 16.10.1813: Völkerschlacht bei
Leipzig – Napoleon wird geschlagen.
Zahl der Turnplätze nimmt zu.
• 1815: Der Wiener Kongress legt
die Grenzen in Europa neu fest.
Deutschland bleibt zersplittert in
viele Einzelstaaten.
• 18.10.1817: Beim Wartburgfest
protestieren Turner und Burschenschaften gegen die restaurative Politik Metternichs und machen ihrer
Enttäuschung Luft, dass die deutsche
Einheit nicht verwirklicht wurde.
• 1819: Student und Turner Carl
Ludwig Sand ermordet den Dichter
Kotzebue. Jahn wird verhaftet.
• 31.08.1819: Karlsbader Beschlüsse – Verbot von Burschenschaften
und Turnwesen: Turnsperre.
• 1842: Aufhebung des Turnverbots
• 1848: Märzrevolution – demokratische Erhebungen; Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche – Scheitern der Versammlung
• 1860: 1. Deutsches Turn- und Jugendfest in Coburg
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