close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 „Wir können nicht gesund werden, wenn wir nicht verstehen, was

EinbettenHerunterladen
1Hüthig Verlag, Frau Berndt, Hellwege, 2. AK CO
„Wir können nicht gesund werden..........“
1
3
„Wir können nicht gesund werden,
wenn wir nicht verstehen, was in
unseren Zellen passiert ..........“
Die Wechselbeziehungen, die im zellulären Geflecht der parodontalen Entzündungsvorgänge ablaufen, sind bis heute nicht vollständig entschlüsselt.
Das lebendige Krankheitsgeschehen von Gingivitis und Parodontitis ist
spannender und vielschichtiger, als es die Illustrationen und Texte vermitteln
können.
Zur Aufklärung und zum vertieften Verständnis der parodontalen Pathogenese trägt heute die molekulare Zellbiologie entscheidend bei. Sie ist ein
Forschungsgebiet für bereits geehrte und zukünftige Nobelpreisträger. Die
Bedeutung der Zellbiologie für die Allgemeinmedizin wie auch für die Diagnostik und Therapie parodontaler Erkrankungen wächst ständig. Die molekulare Zellbiologie entschlüsselt biochemische Reaktionsprozesse, die
sowohl im Inneren einer Zelle ablaufen, wie auch die Wechselwirkungen
zwischen den Zellen. Ihre Interaktionen steuern die unterschiedlichsten molekularen Botenstoffe.
Heute beschäftigt sich die molekulare Zellbiologie mit Fragen, die unter anderem lauten:
• Was passiert, wenn ein bakterieller Schadstoff (bakterielles Pathogen)
an den Rezeptor einer Zellmembran andockt?
• Welche physikalisch/biochemischen Impulse löst ein bakterieller Schad-
stoff als Signalgeber aus und welche molekularen Reaktionen leitet der
Signalempfänger – Membranrezeptor – an das Zellinnere weiter?
• Wie kommt es, dass verschiedene intrazelluläre Stoffwechselprozesse in
abgegrenzten und spezialisierten Zellbereichen (Kompartimenten)
stattfinden?
• Was löst die Aktivierung von einzelnen Genen bzw. Genabschnitten
und im gleichen Zuge das Abschalten anderer Genbereiche im Zellkern
aus?
• Wie wirken an- bzw. abgeschaltete Genbereiche auf die intrazellulären
Prozesse zur Bildung biologisch wirksamer Eiweiße?
• Welche intrazellulären Informationen sorgen dafür, dass diese Enzyme
aus dem Zellkern in das Kompartiment Zytoplasma geleitet und aus
diesem weiter in das Umfeld der Zelle abgegeben werden?
• Wie werden die Enzyme zu Botschaftern (Botenstoffen) zwischen
den Zellen, und welche Reaktionen lösen sie bei anderen Zellen und
Zellverbänden aus?
Klaus-Dieter Hellwege, Die Praxis parodontaler Infektionskontrolle und Gewebemodulation
(ISBN 9783131444431),© 2007 Georg Thime Verlag
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
4
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
Grundzüge der molekularen Zellbiologie
Antworten auf diese Vorgänge im Zellkern zu finden ist die Aufgabe der neuen Fachdisziplin: Genomik. Unter ihrem Namen suchen weltweit die größten Pharmakonzerne nach biologisch aktiven Verbindungen, die in die
genetische Regulation bzw. Transformation der Zellen eingreifen. Mit Hilfe
der sogenannten Pharmakogenomik sollen Genpräparate entwickelt werden, von denen man sich verspricht, das Zellgeschehen beeinflussen zu
können, um so die Heilung von Krebs, AIDS, Alzheimer u.a. schweren Erkrankungen möglich zu machen.
Die verstärkte Bildung hochkomplexer Enzyme (biologisch aktive Eiweiße)
ist ein Wesensmerkmal im Verlauf des parodontalen Entzündungsgeschehens. Bakterielle Schadstoffe geben dazu den Impuls. Sie lösen intrazelluläre Prozesse aus, die zunächst eine Abschrift auf den im Erbgut (Gene)
verschlüsselten Informationen zur Eiweißsynthese erstellen. Diesen Prozess bezeichnet man als Transkription (Abb. 1). Ist er eingeleitet, beginnen
die parodontalen Zellen entsprechend der genetischen Anweisung Entzündungsmediatoren zu synthetisieren und in ihr Umfeld abzugeben.
Entzündungsmediatoren sind hochspezialisierte Eiweiße. Sie begründen
bei krankhaften Prozessen die koordinierten und tief gestaffelten Abwehrleistungen von Lymphozyten, Makrophagen, Mastzellen, Fibroblasten, Granulozyten usw.
Zu den Entzündungsmediatoren zählen:
•
•
•
•
•
Zytokine mit der Untergruppe der Interleukine
Chemokine
Prostaglandine, insbesondere Prostaglandin E2 (abgekürzt: PGE 2)
Tumor-Nekrose-Faktoren
Transforming Growth Faktoren u.a.m.
Die in der krankhaften Situation agierenden Entzündungsmediatoren sind
im gesunden Parodont die gleichen Proteine, allerdings dann normal wirkende Botenstoffe. Sie sind die Informationsträger, die das austarierte Gleichgewicht im gesunden, parodontalen Zellgeflecht aufrecht erhalten.
Die während des parodontalen Entzündungsgeschehens gebildeten Entzündungsmediatoren sind Träger von Informationen. Sie übertragen Botschaften, die von Zielzellen (target-cells) empfangen werden. Am Rezeptor
ihrer Zielzelle angekommen bzw. angedockt, bewirken die Entzündungsmediatoren (Botenstoffe) der Zelle A eine Umprogrammierung der Genaktivitäten im Zellkern der Zelle B mit der Folge, dass die so neu „informierten“
Zellen ihrerseits beginnen, biologisch bzw. immunologisch aktive Eiweiße
zu bilden und abzugeben.
Im entzündlich erkrankten Parodont dienen die genetisch gesteuerten Entzündungsprozesse einerseits dem Schutz des Körpers, in dem sie alles daransetzen, die bakteriellen Angreifer und ihre Schadstoffe zu vernichten.
Andererseits sind sie aber auch durch ihre überzogene Abwehrreaktionen
für die Selbstzerstörung der parodontalen Gewebe verantwortlich.
Klaus-Dieter Hellwege, Die Praxis parodontaler Infektionskontrolle und Gewebemodulation
(ISBN 9783131444431),© 2007 Georg Thime Verlag
1Hüthig Verlag, Frau Berndt, Hellwege, 2. AK CO
„Wir können nicht gesund werden..........“
5
Ob Zellen sich in die heilende, „gute“ oder in die selbstzerstörerische,
„schlechte“ Richtung differenzieren, ist vom molekularen Informationsaustausch zwischen den Zellen und den daraus resultierenden molekularen Zellantworten abhängig.
1.1
Grundzüge intrazellulärer Informationsprozesse
Die Rätsel des Lebens zu verstehen, beschäftigt an der Jahrtausendwende
die besten Wissenschaftler der Welt! In den letzten Jahren sind eine Fülle
neuer Informationen über den strukturellen Aufbau und das intra- wie extrazelluläre Funktionieren von Zellen bekannt geworden.
Zu den erst jüngst gemachten Entdeckungen zählen:
• die Entschlüsselung von Wachstumsfaktoren und Botenstoffen (Zytokinen),
• die Funktionsweise von Rezeptoren auf den Zelloberflächen,
• die vielfältigen Wege, auf denen extrazelluläre Signale intrazellulär an die
einzelne Genabschnitte im Zellkern weitergeleitet werden,
• der Aufbau und die Funktion von intrazellulär abgetrennten Bereichen
(Kompartimenten) wie Zellkern und Zytoplasma,
• die Architektur des Zellkernes mit seinen vielfältigen Transkriptions-Faktoren,
• die biologische Bedeutung, die die extrazelluläre Grundsubstanz für das
interzelluläre Beziehungsgeflecht hat.
Die Erkenntnisse der molekularen Zellbiologie bestimmen zunehmend die
Diagnostik und Therapie krankhafter Veränderungen unseres Körpers. Das
Zitat des Nobelpreisträgers Christian de Duve ist dazu eine Schlüsselaussage:
„WIR SIND KRANK, WEIL UNSERE ZELLEN KRANK SIND.
WIR KÖNNEN NICHT GESUND WERDEN, WENN WIR NICHT
VERSTEHEN, WAS IN UNSEREN ZELLEN PASSIERT.“
(zitiert nach Slavkin, JADA, 1998).
Das vereinfachte Zellschema (s. Abb. 1) will das höchst komplexe Zusammenspiel biochemischer Reaktionsprozesse veranschaulichen. Zur Abfolge molekularer Reaktionsketten zählen der extrazelluläre Signalempfang
von Botenstoffen, seine intrazelluläre Weiterleitung, die genetische Signalverarbeitung im Zellkern, sowie daraus resultierend, die Synthese und
Produktion (Abgabe) neuer biologisch wirksamer Eiweiße (u. a. Enzyme).
Sie steuern die Abbau- und Umbauvorgänge zwischen den Zellen – mit einem Wort, die Lebensvorgänge in den Zellverbänden .
Klaus-Dieter Hellwege, Die Praxis parodontaler Infektionskontrolle und Gewebemodulation
(ISBN 9783131444431),© 2007 Georg Thime Verlag
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
Document
Kategorie
Gesundheitswesen
Seitenansichten
8
Dateigröße
95 KB
Tags
1/--Seiten
melden