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Fw: [SF Bay View] Bericht aus New Orleans: "Was hier - CL-Netz

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http://www.cl-netz.de/read.php?id=47690
Nordamerika
Greenhouse/JPBerlin <greenhouse ät jpberlin.de>
4. Sep 2005 20:04
Fw: [SF Bay View] Bericht aus New Orleans: "Was hier geschieht, ist
kriminell"
http://www.zmag.de/artikel.php?id=1567
Report aus New Orleans: Es ist kriminell
von Malik Rahim
SF Bayview* / ZNet 03.09.2005
Malik Rahim ist ein Veteran der Black-Panther-Bewegung aus New Orleans und organisiert dort sowiein San Francisco
seit Jahrzehnten die Sozialmieter. Er kandidierte unlängst für dieGrünen im Rathaus von New Orleans. Rahim lebt im
Viertel Algiers, dem einzigen Stadtteil, dervon der Flut verschont blieb. Es gibt zwar keinen Strom, aber das Wasser ist
genießbar und dieTelefone funktionieren. Ihr Viertel könnte mindestens 40.000 Flüchtlingen Obdach undNahrung
geben, sagt Rahim, doch sie dürfen niemandem helfen.
New Orleans, 1. September 2005. Es ist kriminell. Wenn man das alles hört, könnte manglauben, die Menschen, die
hier in New Orleans festsitzen, sind alles Plünderer. Benehmt euchgefälligst "nachbarschaftlicher", wird uns gesagt. Von
Nachbarschaftlichkeit war abernicht die Rede, solange die Leute, die sich das Wegfahren leisten konnten, noch da
waren.
Wenn du in Amerika kein Geld hast, bist du auf dich allein gestellt. Den Leuten wurde gesagt, gehtzum Superdome.
Aber dort gibt es weder Essen noch Wasser. Bevor man hineingelassen wurde, musste man4 bis 5 Stunden im Regen
Schlange stehen. Man hat die Leute am Eingang einzeln nach Waffendurchsucht.
Ich verstehe das Chaos nach dem Tsunami. Es hatte keinerlei Vorwarnung gegeben. Im vorliegendenFall gab es jede
Menge Warnungen. Drei Tage vor dem Hurrikan wussten wir, er kommt, jeder hätteevakuiert werden können.
Die Amtraks (Züge) hier hätten alle aus der Stadt schaffen können. Und wir hattenSchulbusse für 20 000 Menschen leicht. Stattdessen ließ man zu, dass sieüberflutet wurden. Mein Sohn hat mit eigenen Augen gesehen, wie 40 Busse
untergingen. Aus Angstvor Diebstahl waren sie nicht weggeschafft worden.
Die Leute, die es sich leisten konnten wegzufahren, hatten solche Angst vor Diebstahl, dass sie eslieber zuließen, dass
ihr ganzer Besitz überflutet wurde. Sie hätten ihrZweitfahrzeug einer Familie zur Verfügung stellen können, die kein
Fahrzeug hat.Stattdessen überließen sie es lieber der Zerstörung.
Ganz hier in der Nähe fahren Banden weißer Vigilanten herum, alle bewaffnet, sie fahrenauf Pickups. Wenn sie einen
jungen Schwarzen sehen, der ihrer Meinung nach nicht zur Gemeindegehört, schießen sie auf ihn. Ich habe ihnen
gesagt: "Hört auf! Ihr lösteinen Aufstand aus!"
Wenn ich all diese armen, obdachlosen Menschen sehe - zornige Menschen, die sich allein und hilflosfühlen -, sage ich
mir, das ist die Folge von HOPE IV. New Orleans hat das ganze HUD-Geldgenommen, um öffentlichen Wohnraum zu
schleifen. Familien, Nachbarn, die sich überGenerationen aufeinander verlassen haben, wurden einfach
auseinandergerissen, entwurzelt.
Die meisten Menschen, die das hier erleben, waren schon vorher entfremdet - der einzigen Gemeindeentfremdet, die
sie je hatten. Man hat ihre Gemeinden abgerissen, die Menschen in alle Windezerstreut. Ihre wirkliche Heimat ging
schon vor (dem Hurrikan) verloren, der einzige Ort, an dem siejeden gekannt haben. Nun wurde ihnen auch noch der
Ort genommen, an dem sie sich jetzt aufhielten.
Aber das interessiert niemanden. Das seien alles gesetzlose Plünderer - gefährliche.
Der Hurrikan schlug am Monatsende zu. Arme sind am Ende des Monats am verwundbarsten. DieEssensmarken
reichen nur für die ersten drei Wochen. Am Monatsende sind alle blank. KeineMöglichkeit, an Essensmarken oder Geld
zu kommen. Was man zum Überleben braucht, muss mansich nehmen.
Viele Leute werden krank oder sind sehr geschwächt. Die Menschen waten durch Giftwasser.
Seite 1/3
Kleine Kratzer und Wunden werden zu großen Wunden. Diejenigen, deren Häuser intakt, derenFamilien nicht
auseinandergerissen wurden, machten sich sofort (nach dem Hurrikan) in Booten auf indie Stadt, um Überlebende
rauszubringen. Aber die Staatsgewalt sagte ihnen, ihr werdet nichtgebraucht. Willens und in der Lage, Tausende zu
retten, ließ man sie nicht gewähren.
Tag für Tag boten zahlreiche Freiwillige ihre Hilfe an. Man schickte sie wieder weg. Dennochkam die meiste Rettung
von diesen Freiwilligen.
Mein Sohn ist verheiratet. Er hat drei kleine Kinder - 1, 5 und 8 Jahre alt. Ihr Haus wurdeüberflutet, als der Damm
brach. Sie mussten schwimmen, bis sie ein verlassenes Haus mit zweiRäumen, die über Wasser lagen, fanden.
Anderthalb Tage hielten sich in diesen beiden Räumen 21 Personen auf. Dann kam ein Mann ineinem Boot und sagte
nur: "Ich helfe euch ohne Unterschied". Er rettete sie, brachte siezum Highway 1-10 und setzte sie ab.
Rund drei Stunden saßen sie auf der Autobahn fest - jemand hatte ihnen gesagt, man werde sieretten und zum
Superdome bringen. Irgendwann liefen sie einfach los. Sie waren sechseinhalb Meilenzu Fuß unterwegs.
Als sie beim Superdome ankamen, wollte man meinen Sohn nicht hineinlassen - keine Ahnung warum.Daraufhin
beschloss seine Frau, mit den Kindern bei ihm zu bleiben. Sie liefen herum. Zufälligtrafen sie einen Mann, der sie
kannte. Er hatte einen Truck. Er stellte ihnen seinen eigenen,persönlichen Truck zur Verfügung.
Als sie hier ankamen, hatten sie kaum noch Sprit. Ich musste meinen eigenen Benzinvorrat anzapfen,so dass ich jetzt
festsitze. Ich fahre Fahrrad.
Einige Leute aus Placquemine Parish wurden mit einer Fähre in Sicherheit gebracht. Man setztesie hier in der Nähe auf
den Docks ab. Sie saßen den ganzen Tag in der heißen Sonneauf dem Dock - kein Wasser, nichts zu essen. Einige
waren lethargisch, sie hatten alles verloren.
Sie saßen dort, von bewaffneten Wächtern umzingelt. Wir fragten die Wächter, ob wirihnen Essen und Wasser bringen
dürften. Meine Mutter und die anderen Damen aus derKirchengemeinde hatten für sie gekocht, und wir haben jede
Menge genießbares Wasser.
Aber die Wächter sagten nur "nein". "Wenn Sie nicht genug Wasser und Nahrungfür alle haben, dürfen sie überhaupt
nichts geben". Schließlich wurden dieLeute in Schulbussen in eine andere Gemeinde gebracht.
Erinnern Sie sich noch an Robert King Wilkerson (der Einzige der 'Angola 3' politischen Gefangenen,der wieder
freikam)? Er war nach New Orleans zurückgekehrt, warf sich ins Zeug, organisierte,half den Menschen. Jetzt weiß
niemand, wo er steckt. Sein Haus wurde zerstört. Ich kenneihn und denke, er ist irgendwo da draußen und versucht,
Menschenleben zu retten. Aber ich binbesorgt.
Man schafft Leute fort, die eigentlich helfen könnten, Menschen, die bleiben wollen undüber die Fähigkeit verfügen,
andere zu retten und den Wiederaufbau zu leisten. Siewerden zwangsweise nach Houston gebracht.
New Orleans wurde nicht kalt erwischt. Das wäre zu verhindern gewesen.
Direkt hier in New Orleans war Militär. Drei Tage lang wurde es nicht mobilisiert. Mankönnte meinen, das hier sei ein
Dritte-Welt-Land.
Ich lebe im Algiers-Viertel von New Orleans - der einzige Stadtteil, der nicht überflutetwurde. Das Wasser hier ist
genießbar. Wir hätten leicht Platz für 40.000 Menschen -in Schulen und Parks - aber nichts wird genutzt.
Es ist kriminell. Die Leute sterben allein aufgrund der schlechten Organisation.
Natürlich fehlt es an allem, aber wir sind immer noch zu schlecht organisiert. Ich rufe dieLeute auf, macht weiter, wir
brauchen Spenden und Hilfsgüter. Aber gebt nicht alles sofort aus,wartet ein paar Tage, bis wir es wirklich gut einsetzen
können.
Ich rufe meine eigene Partei, die Green Party, auf, kommt her und helft uns, sobald die Dinge hierein wenig
organisierter sind. Demokraten und Republikaner haben nichts unternommen, um das hier zuverhindern, sie hatten
keinen Plan. Es scheint sie nicht zu scheren, ob jemand stirbt.
Übersetzt von: Andrea Noll
* Orginalartikel: "This is Criminal"
[San Francisco Bay View - National Black Newspaper]
Seite 2/3
http://www.sfbayview.com/083105/thisiscriminal083105.shtml
ZNet > US-Gesellschaft > Hurrikan Katrina
http://www.zmag.de/thema.php?topic=12&subtopic=3
Seite 3/3
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Seele and Geist
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