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Eine kämpferische Wissenschaftl erin Niemand weiss, was der

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Schweiz 5
WOZ Nr. 16 17. April 2014
B R I G I T T E S C H N E G G (1953–2014)
E - CO U N T I N G
Eine kämpferische
Wissenschaftl­erin
Niemand weiss, was
der Computer mit Ihrer
Stimme macht
Brigitte Schnegg erforschte die Geschichte der Frauenbewegung,
dann wurde sie Teil von ihr. Ein Nachruf von ihrer Freundin,
der Historikerin Elisabeth Joris.
VON ELISABETH JORIS
Die Stadt Bern setzt neu auf Scanner als Stimmenzähler und verweist auf
gute Erfahrungen in St. Gallen. Doch der Widerstand gegen die elektronische
Auszählung der Stimmen wächst.
VON JAN JIR ÁT
Als ideenreich und humorvoll in lebendiger Erinnerung: Die feministische Historikerin
Brigitte Schnegg. F OTO: M A N U F R I E D E R I C H
Die Berner Historikerin Brigitte Schnegg, Lei­ ment über die Jahre vielfache Spuren hinter­
terin des Interdisziplinären Zentrums für lassen. Mit der Organisation der ersten Histo­
Geschlechterforschung der Universität Bern, rikerinnentagung zum Thema Arbeit hat sie
ist Ende März erst sechzigjährig völlig über­ sich in die feministische Historiografie einge­
raschend an einem Herzversagen gestorben. schrieben. Ebenso zeigte sich ihr Sensorium für
Zusammen mit der Basler Professorin Regina aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen in
Wecker organisierte sie 1983 die erste Schwei­ der Thematik der verschiedenen Tagungen der
zerische Historikerinnentagung. Seitdem war Schweizerischen Gesellschaft für Sozial- und
ich mit ihr befreundet. Leben – so habe ich sie Wirtschaftsgeschichte, in deren Vorstand sie
über alle diese Jahre erfahren – implizierte für über Jahre mitarbeitete. Nachhaltigste Spuren
sie immer Stellung beziehen, sich engagieren: hinterlässt sie als Leiterin des 2001 gegründe­
für eine gerechtere Gesellschaft, für den Ab­ ten Interdisziplinären Zentrums für Geschlech­
bau von Diskriminierungen, für den Zugang zu terforschung (IZFG).
Rechten, den Zugang zu Wissen.
Brigitte Schnegg verlieh dem IZFG im
Dieses Engagement war fast immer Kontext der sich auf universitärer Ebene etablie­
durchdrungen von einer feministischen Positi­ renden Genderstudies ein einzigartiges Profil.
onierung und Weltsicht. Denn Brigitte ­Schnegg Es entwickelte sich unter ihrer Führung zu ­einer
verstand sich als Teil der Frauenbewegung, die Schnittstelle von Wissenschaft, Zivilgesell­
sie in Bern mitgeprägt hat und die sie im univer­ schaft, politischen, staatlichen und internatio­
sitären Umfeld verankerte. Ge­
nalen Institutionen: Im Rahmen
sellschaftspolitisches, wissens­
des feministischen Netzwerks
Wide (Women in Development),
politisches, feministisches und Brigitte Schnegg
berufliches Engagement waren trennte das
das im Verbund mit NGOs die
bei ihr verflochten und nicht zu Private nicht vom
schweizerische Entwicklungspo­
trennen. Es war eingebunden in
litik sowie die Wirtschafts- und
Politischen.
Aussenpolitik mit Fokus auf die
einen intensiven personenbezo­
Geschlechterverhältnisse in den
genen Austausch: während ih­
Blick nimmt, ist das IZFG zustän­
res Studiums und ihrer Zeit als
dig für den Bereich Wissenschaft,
Assistentin eingebunden in den
Austausch mit anderen Student­
Forschung und Weiterbildung.
Als Teil des Schweizerischen
Innen oder MitarbeiterInnen am
Kompetenzzentrums für Men­
Historischen Seminar, seit den
schenrechte befasst es sich mit
siebziger Jahren eingebunden in
den Austausch mit Freundinnen aus der neu­ Fragen des Menschenhandels, der Gewalt ge­
en Frauenbewegung, mit weltoffenen Bürger­ gen Frauen und der Rechte von Migrantinnen.
Innen, mit VertreterInnen von NGOs, mit In­ Im Bereich Geschlecht und nachhaltige Ent­
tellektuellen auch, und weit über die Grenzen wicklung kooperiert es eng mit der Deza und
der Schweiz hinaus mit HistorikerInnen, mit übernahm 2007 im Rahmen des nationalen
WissenschaftlerInnen verschiedener Fachrich­ Forschungsschwerpunkts North-South die Auf­
tungen.
gabe, die Forschenden in Bezug auf die Imple­
So erweiterte Brigitte Schnegg ihr Netz­ mentierung der Geschlechterperspektive in der
werk über Jahrzehnte und pflegte es mit Sorg­ Entwicklungsforschung zu beraten.
Diese Kooperationen sind ein eigent­
falt, trennte – ganz entsprechend der Devise
der neuen Frauenbewegung – das Private nicht liches Vermächtnis von Brigitte Schnegg. Dar­
vom Politischen. Immer wieder schuf sie eben­ über hinaus gelang es ihr über all die Jahre,
so auf informeller Ebene wie in etablierten eine Vielzahl von Personen für ein gesell­
Institutionen Räume zum intellektuellen Aus­ schaftspolitisches Engagement zu begeistern.
tausch, Orte auch der Begegnung für Frauen Auch bei jüngeren Frauen weckte sie Interesse
für Fragen geschlechterspezifischer Zuordnun­
und feministische Aktivistinnen.
Weil Feminismus als Herrschaftskritik gen. So stärkte sie bei ihren Mitarbeiterinnen,
für sie Kritik an den Schwerpunkten wissen­ aber auch bei angehenden Forscherinnen den
schaftlicher Fragestellungen und der lange Glauben an die eigenen Fähigkeiten, eröffnete
ungenügenden Förderung von Frauen impli­ ihnen Möglichkeiten intellektueller Entfaltung
zierte, war ihr die Mitgliedschaft in «FemWiss», und zeigte Wege, eigene Ressourcen produktiv
der Organisation der feministischen Wissen­ umzusetzen.
schaft, selbstverständlich. Als Denkerin vol­
Mit ihrem Wirken trug Brigitte Schnegg
ler Esprit und Kreativität folgte sie nicht dem zur Geschichte der Frauenbewegung bei, die
Mainstream. Unermüdlich liess sie sich auf sie selbst als junge Historikerin analysiert hat­
Debatten ein, wusste anzuregen und sich an­ te. Zugleich bleibt sie mir und vielen anderen
regen zu lassen. Sie disputierte mit scharfem als liebenswerte, humorvolle, gesprächsbereite
Verstand und paarte ihre klare Argumentation und ideenreiche Wissenschaftlerin und Freun­
mit kämpferischem Geist. So hat ihr Engage­ din in lebendiger Erinnerung.
Rasch und ohne grosses Aufsehen hat die Dass der CCC das System teste, sei allerdings
Stadt Bern im letzten Jahr beschlossen, fortan nicht möglich, aber man denke über ein soge­
auf E
­-Counting zu setzen, die elektronische nanntes Audit nach, eine unabhängige Unter­
Auszählung der Stimmzettel. Im letzten Mai suchung von zertifizierter Stelle. So oder so
sprach sich die Stadtregierung dafür aus, im werden am nächsten Abstimmungssonntag
September ging das Gesuch bei der Bundes­ Mitte Mai die Stimmzettel wiederum elektro­
kanzlei ein, im Dezember gab diese grünes nisch ­ausgezählt.
Licht. Die Öffentlichkeit hat am Tag vor Heilig­
abend vom Systemwechsel erfahren, und Ende
Britische Erfahrungen
Januar vermeldete der Amtsanzeiger der Stadt
Bern kurz und knapp, dass die Stadtregierung Die Stadt Bern ist mit ihrer E-Counting-Lösung
das entsprechende «Reglement über die poli­ längst nicht allein. Besonders in der West­
schweiz ist man der elektro­
tischen Rechte» im Hinblick auf
nischen
Stimmenauszählung
die Einführung der elektroni­
schen Stimmenauszählung geän­ Auch in Basel
gegenüber aufgeschlossen. Sie
haben die Stimm­
wird in den Städten Lau­
sanne
dert ­habe.
An der Abstimmung vom berechtigten zum
und Fri­bourg sowie im Kanton
9. Februar sind die Stimmzettel
Genf praktiziert. St. Gallen setzt
Systemwechsel
bereits elektronisch ausgezählt
seit 2007 auf die Praxis, übri­
worden. Das heisst, es zählen nichts zu sagen.
gens mit demselben Paket der
nicht mehr 200 bis 300 aufgebo­
Firma Kaiser Data AG wie die
Stadt Bern. Die Erfahrungen in
tene BürgerInnen die Stimmzet­
der Ostschweizer Universitäts­
tel aus, sondern zwei Scanner, die
stadt sind gut, die Auszählun­
mit entsprechender Soft­ware aus­
gerüstet sind. Die Stimm­abgabe
gen der Stimmzettel seien bisher
hingegen erfolgt weiterhin ana­
stets «fehlerfrei» und «effizient»
log per Post oder an der Urne und nicht digital, verlaufen, sagt Stephan Staub, Präsident des
hier liegt der Unterschied zwischen E- ­Counting Stimmbüros. Staub erkennt einen weiteren
und E-Voting. Der Systemwechsel in Bern voll­ Vorteil in der aktuellen Praxis: «Dadurch, dass
zog sich zunächst fast völlig geräuschlos. Doch sämtliche Abstimmungsvorlagen – also von
nun wird die Kritik zunehmend ­lauter.
Bund, Kanton und Gemeinde – auf demselben
Stimmzettel vereint sind, ist die Stimmbeteili­
gung in der Stadt besonders bei den kantonalen
Chaos Computer Club interveniert
Fragen normalerweise höher als anderswo im
Für die zuständige Berner Stadtkanzlei bie­ K
­ anton.»
tet die aktuelle E-Counting-Lösung – Scanner
Im Gegensatz zum E-Voting (vgl. «E-Vo­
und Soft­
ware stammen von der Firma Kai­ ting in der Schweiz») sind in der Schweiz bisher
ser Data AG aus Wollerau – vor allem Vorteile (noch) keine Schwierigkeiten im Zusammen­
gegenüber der traditionellen Handauszäh­ hang mit E-Counting bekannt. Das hängt auch
­
lung. Der organisatorische und logistische damit zusammen, dass für eine vertiefte Analy­
Aufwand verringert sich. Gemäss Stadtkanzlei se und den Vergleich mit der Handauszählung
hat es sich zusehends als schwierig erwiesen, bisher zu wenige Erfahrungen auf dem Gebiet
genügend StimmenzählerInnen aufzubieten. vorhanden sind. In Britannien bestehen diese
Zugleich sei das elektronische Zählsystem Erfahrungen durch Kommunal- und Regional­
präziser als die bisherige Methode mit Präzi­ wahlen in London und Schottland. Die renom­
sionswaagen, bei der die Anzahl der Stimmen mierte Bürgerrechtsorganisation Open Rights
nach dem Gewicht der Stimmzettel bestimmt Group hat die Praxis eingehend untersucht und
wurde. Schliesslich lohne sich die neue Praxis empfiehlt weiterhin die Handauszählung: «Es
wegen des gerin­geren personellen Aufwands ist unmöglich, vertrauenswürdig zu beweisen,
auch ­fi nanziell.
dass ein elektronisches Zählsystem nicht ma­
Die Kritik am E-Counting betrifft zwei nipulierbar ist.» Für die Open Rights Group
­ -Counting nur angemessen, wenn parallel
verschiedene Ebenen: eine technologische und ist E
­ erden.
eine demokratiepolitische. Den Auftakt mach­ dazu manuelle Stichproben gemacht w
te kurz vor der Abstimmung der Berner Infor­
matikingenieur Markus Kühni mit einem län­
geren Brief an die Öffentlichkeit. Er kritisierte
darin, dass «keine Kontrollmöglichkeiten von E-Voting in der Schweiz
aussen erkennbar sind, die nicht von IT-Fak­ Neben dem E-Counting, das neuerdings in der
Stadt Bern praktiziert wird, kommt in der
toren unterlaufen werden könnten». Wenige
Schweiz auch die elektronische StimmTage nach der Abstimmung doppelten Christa
abgabe, das sogenannte E-Voting, zum
Ammann (AL), Luzius Theiler (Grün-Alterna­
Einsatz. Unter der Federführung der Buntive) und Rolf Zbinden (PdA) – allesamt Mit­
deskanzlei ist im Jahr 2000 das Projekt
glieder des Stadtrats – nach und reichten eine
«­Vote élec­tro­nique» lanciert worden, an
Motion ein. Sie forderten die «Einsetzung ei­
dem damals die Kantone Genf, Neuenner stadtexternen Fachkommission» und eine
burg und Zürich beteiligt waren. MittAbkehr vom E-Counting. Ende Februar folgte
lerweile sind zahlreiche weitere Kantone
schliesslich eine Beschwerde der Berner Juris­
Teil des ­P rojekts.
tin Si­mone Machado Rebmann, die eine Volks­
abstimmung über die elektronische Stimmen­ «Vote électronique» richtet sich vorläufig in erster Linie an die Auslandschweizer­
I nnen.
auszählung ­beantragte.
An der Abstimmung vom 9. Februar haDer Motion ist die Dringlichkeit abge­
ben insgesamt über 70 000 von ihnen
sprochen worden, eine Antwort steht noch
elektronisch abgestimmt, in den Kantoaus, die Beschwerde ist zurzeit hängig. Um den
nen Neuenburg und Genf hatten auch
Druck auf die Stadtregierung aufrechtzuerhal­
InlandschweizerInnen die Möglichkeit,
ten, holten Ammann, Theiler und Zbinden den
per E-Voting abzustimmen. Für Aufsehen
Chaos Computer Club Schweiz (CCC) ins Boot.
sorgte im letzten Juli der Genfer Hacker
Dieser kritisiert das E-Counting grundsätzlich,
Sebastien Andrivet, dem es gelungen ist,
weil für die Öffentlichkeit weder die korrek­
das elektronische Abstimmungssystem
te Erfassung der Stimmen kontrollierbar sei
des Kantons Genf zu ­manipulieren.
noch die Auszählung selbst. «Treten im Erfas­
sungs- oder Zählprozess technische Fehler oder absichtliche Manipulationen auf, so ist dies
Im November 2014 wird voraussichtlich
für die Öffentlichkeit nicht erkennbar», erklärt
der Kanton Basel-Stadt neu aufs E-Counting
CCC-Sprecher Hernani ­Marques.
Mitte März verfassten die Motionär­Innen setzen. Auch dort soll dasselbe Paket wie in
gemeinsam mit dem CCC einen offenen Brief, in Bern und St. Gallen zum Einsatz kommen. Und
dem sie die Regierung baten, «uns die Geräte auch in Basel haben die Stimmberechtigten
inklusive Soft­ware und (fiktiver) Stimmzettel zum Systemwechsel nichts zu sagen. Um end­
in ihrem Originalsetting einen Tag zur Ver­ lich eine differenzierte Debatte und vertiefte
fügung zu stellen». Der Brief sei zur Kenntnis Analysen zu ermöglichen, wäre eine Volks­
genommen worden, heisst es seitens der Stadt. abstimmung allerdings keine schlechte I­ dee.
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