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ENTWICKLUNGSHILFE FÜR WEN UND FÜR WAS? - Strategische

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ENTWICKLUNGSHILFE FÜR
WEN UND FÜR WAS?
Erfolge und Misserfolge der
Entwicklungshilfe in Afrika
Ein Rückblick
Andreas Steiner
Dr.med. et lic.phil.
Über Entwicklungshilfe wird
geredet und berichtet
Dazu müssen wir uns folgende Fragen
stellen:
-  1. Was bedeutet eigentlich der Begriff
Entwicklung?
-  2. Um was geht es bei der
‚Entwicklungshilfe‘?
-  3. Wem dient die Entwicklungshilfe?
Rückblick nach 20 Jahren
Tätigkeit als „medizinischer
Entwicklungshelfer“
•  1976 -1980 Chefarzt Albert Schweitzer Spital in
Lambarene, Gabun
•  1980 - 1984 Director del Proyecto „Hospital Andino del
Alto Chicama“ Coina, La Libertad, Perú
•  1984 - 1991 Projektdirektor „Interaid International“,
Manono, Nord-Katanga, Zaire (RDC)
•  1991 - 1995 Associate Professor der University of Addis
Ababa im Gonder College of Medical Sciences, Äthiopien
•  1991 - 1999 Kurzeinsätze in Angola, Ruanda, Senegal,
Mauretanien, Simbabwe, Sambia, Zaire
•  1991 - 2004 Exkursionen in Südafrika, Lesotho, Kenia,
Äthiopien, Eritrea, Tansania, Malawi, Sambia, Namibia,
Botswana, Burkina Faso, Mali
Was versteht man eigentlich
unter „ENTWICKLUNG“
•  “Das Sichtbarwerden, Zutagetreten von Dingen,
Teilen, Zuständen, Eigenschaften, Verhältnissen,
die vorher schon da oder vorgebildet angelegt,
aber der Wahrnehmung nicht zugänglich waren. “
•  „Auswicklung, Entfaltung und Ausgestaltung des
im Grunde einer Einheit Eingefalteten... Bezogen
auf den Menschen bezeichnet Entwicklung die
Entfaltung der Anlagen, die in der Seele des
Individuums unentwickelt vorhanden sind.“
Was „Entwicklung“ im Mythos
der Entwicklungshilfe bedeutet
•  „Diejenigen, die sich damit befassen, wissen schon, was
gemeint ist.“ (Universitätsprofessor f. Entw.hilfe)
•  „Oh yes, well…..it is a difficult question….I should think
about…. I am sorry!“(Chefdelegierter UNDP in Uganda)
•  „Zu Beginn der fünfziger Jahre erfand eine neue
Sippschaft von Ökonomen den Begriff ‚Entwicklung‘ ein Wort, das mittlerweile fast jede Bedeutung verloren
hat.“ (Susan George)
•  „Entwicklungshilfe funktioniert nicht, sie hat nie
funktioniert und wird nie funktionieren. [… Sie] ist nicht
mehr Teil der möglichen Lösung, sondern Teil des
Problems – genau genommen ist die Entwicklungshilfe
das Problem.“ (Dambisa Moyo aus Sambia)
Meine Bilanz
•  Mit den drei Säulen unseres Eingreifens, mit
Kolonisation, Missionierung, Entwicklungshilfe,
haben wir in Afrika viel Unheil angerichtet. Wir
haben herumgeredet und Rezepte angeboten, wie
man es in Afrika besser machen sollte, ohne dass
wir etwas verbessert haben.
•  Schlimmer als jetzt kann es mit Afrika kaum
werden. Mehr Elend, Krankheit und Tod würde es
nicht geben, wenn die Afrikaner ohne Einmischung
von aussen selbst über sich und über ihre Länder
verfügen könnten.
Kolonisation
•  Zerstörung der traditionellen Strukturen, der
Familien-, Klan-, Dorfgemeinschaften, der
traditionellen Ausbildung der Kinder
•  Entmündigung des Afrikaners. Wangari Maathai:
The lack of self-knowledge that comes from
Africans‘ sultural deracination is one of the most
troubling and long-lasting effects of colonialism.
•  Aufdrängen von neuen Strukturen zu unserem
Vorteil: Lohnarbeit, agrarische Monokulturen,
schulische Ausbildung nach unseren
Vorstellungen
Missionierung
•  Zerstörung der religiösen Bindungen der
Afrikaner, ohne diese studiert und analysiert
zu haben
•  Aufdrängen neuer religiöser Inhalte, an die
wir selbst nur bedingt glauben
•  Zerstörung der Sinnhaftigkeit und der
Orientierung in der traditionellen Religiosität
•  Vorbereitung zur Lohnarbeit, Kleiderzwang
zur Förderung unserer Textilindustrie usw.
Unordnung und Machtstreit der
christlichen Religionen in Afrika
In Manono, mitten im „Busch“, hatte es:
•  Katholiken, Evangelisten, Lutheraner, Methodisten,
Pfingstler, Adventisten, Baptisten, Presbyterianer, Church
of God, Brethern Mission, Apostoliker, Branhamisten,
Zeugen Jehovas, Kibangisten usw.
à „Der schwarze Bantu hat seinen angeborenen Sinn für
Gott und die Haltung, die jedem Geschöpf zukommt,
bewahrt: das Bewusstsein der Abhängigkeit vom höchsten
Wesen.“(Msgr. Malula Bischof und Kardinal von Zaire ✝)
à Das Christentum füllt das tägliche Leben der Afrikaner
nicht aus. Es „findet in der Kirche statt, der Rest der
Woche geht leer aus.“ (Mbiti)
Folgen der „Entwicklung“ in Afrika
1. Entwicklungsruinen
2. Schäden aus aufgedrängter Entwicklung
3. Inadäquate Schulbildung
4. Kriege und deren Folgen
Fragen: a) Wie weit funktioniert die
medizinische Entwicklungshilfe?
b) Wie steht es heute mit: Korruption,
Tribalismus, Unfähigkeit der „Elite“ in
Regierung und Verwaltung?
Entwicklungsruinen: Kraftwerk
von Piana, Katanga, RDC
Fragwürdigkeit der
Staudämme in Afrika
Beispiele:
1. Inga
Staudamm und Kraftwerk am Unterlauf
des Congoflusses
2. Turkwel Damm in Nordwestkenia
3. Diama Damm an der Mündung des
Senegalflusses
4. Sélenguédamm am Sankaranifluss in Mali
5. Baardheeredamm am Jubafluss in Somalia
Der Nilbarsch im Viktoriasee
•  Ursprünglich im Viktoriasee gab es die Tilapia, einen
guten Speisefisch. Die Tilapia frisst Wasserschnecken und
kann an der Sonne getrocknet werden.
•  In den 60er Jahren beschlossen „FAO Experten“, im See
den Nilbarsch auszusetzen. Der Nilbarsch, ein Raubfisch,
hat sich durch den See gefressen und den ursprünglichen
Fischbestand zerstört. Wegen hohem Fettgehalt muss der
Nilbarsch über Holzfeuer getrocknet werden. Folgen:
• àVeränderte Ökologie des Sees: Fischfang 80% reduziert
• àweit reichende Abholzung um den Viktoriasee
• àZunahme der tödlichen Bilharziose im Seegebiet, weil
sich die Wasserschnecken sprunghaft vermehrten.
Fragwürdige Nahrungshilfe
•  Die Provinz Katanga im Kongo, in der ich 7 Jahre
lebte, ist grün, fruchtbar, mit ausgiebigem Regen und
zahlreichen Flüssen. Grundnahrung in den Dörfern :
Mais, Maniok, Erdnüsse, Gemüse. Fische, Ziegen,
Schweine, Hühner.
•  1985 verteilten amerikanische evangelikale Missionen
tonnenweise Mais und Getreide an die Bevölkerung à
Überschwemmung des Marktes à Bauern verkaufen
ihre Ernte nicht à sie verringern ihre Aussaat im
folgenden Jahr. àFolge: Hungersnot infolge
amerikanischer Nahrungshilfe!!
Adäquate Ausbildung
•  Turkana sind Halbnomaden in semiaridem Gebiet
westlich des Turkanasees (Kenia) Ihr Reichtum:
Rinder, Kamele, Schafe, Ziegen.
•  10-14 jährige Knaben, beaufsichtigen die Herden:
sie sind allein, kaum bekleidet, nur mit einem
Speer gegen Löwen, Leoparden, Hyänen
bewaffnet.
•  Diese Knaben verfügen über grosses Wissen und
Können betreffend Topographie, Botanik,
Witterung und Lebensweise der Tiere.
Inadäquate Schulbildung
•  1984 baut die Weltbank für die Turkanaknaben in
Kakuma einen Schulkomplex von 30 Häusern.
•  Hunderte von Nomadenkinder werden dort ‘full
board’ eingesperrt und während acht Jahren
geschult: Englisch, Mathematik, Geschichte usw.
•  Sie werden in Uniformen gesteckt.
•  Es ist ihnen nicht erlaubt, ihre Ferien bei den
Eltern zu verbringen.
•  Ihrer alten Lebensweise sind sie nachher
entfremdet. „99% of those Turkana who have
gone to School can only survive in town!“
Krieg im Ostkongo: Vorgeschichte
•  1994 besetzt Paul Kagame, Kommandant der
anglophonen Tutsiarmee aus Uganda, Gebiete im
Osten Ruandas. Am 6.4.94 wird das Flugzeug des
ruandischen Präsidenten Habyarimana, ein Hutu,
abgeschossen: Wer hat den Abschuss ausgeführt?
•  Dieser Abschuss ist Auslöser für den sog. ‚Genozid‘
in Ruanda. Der Sieger des ‚Genozids‘ ist Paul
Kagame und dessen Soldateska anglophoner Tutsi.
Die frankophonen Tutsi werden (nur von den Hutus?)
ermordet, viele Hutus werden in den Kongo gejagt.
•  Seither regelmäßige Übergriffe der Tutsiarmee im
Ostkongo gegen die geflohenen Hutus. Die
Abspaltung der östlichen Teile des Kongo ist Teil der
amerikanischen Strategie in Afrika.
Krieg gegen den Kongo 1998 - 2002
•  - USA und UK planen seit langem, die kongolesische
Provinz Kivu vom Kongo abzuspalten. Beim Raubzug
der Ruander und Ugander gegen den Kongo leisten
die USA logistische und personelle Hilfe.
•  - Vorwand: Verfolgung der Hutumilizen im Kongo
•  - Der Grund des Krieges: Zugang zu den Schätzen
des Kongo: Coltan, Gold, Diamanten, Zinn usw.
•  - Resultat: Ermordung von > 5 Millionen Kinder,
Frauen, Männer. •  - Systematische Vergewaltigungen der Frauen im
Kongo und deren Ansteckung mit AIDS.
•  - Zerstörung der Infrastruktur im Ostkongo: Schulen,
Spitäler, technische Einrichtungen, Kirchen
Paul Kagame, Präsident von Ruanda
Man ist sich einig über den Raubzug
Gemeinsame Interessen
Einmarsch ruandischer Truppen in Goma
Kinder werden rekrutiert
Nkunda, der Schlächter von Kivu bis heute
Gemeinsame Geschäfte nach der Ermordung
von 5 Millionen Menschen
PRÄSIDENT RDC
Joseph Kabila
Folgen des Krieges im Ostkongo
1998 - 2002
•  der Krieg ist nicht beendet, trotz MONUC
(Mission de l‘ONU au Congo) gehen Kämpfe
und Vergewaltigungen weiter
•  Blutige Ausbeutung: Koltan, Kassiterit, Wolfram
usw. Nutzniesser : --> 1. korrupte Funktionäre, 2.
Soldateska in Goma, Bukavu, Kigali, Kampala, 3.
Hersteller von Handys und anderer Elektronik,
z.B. Nokia
•  Resultat: Zerstörung der Infrastrukturen im Kivu,
Nordkatanga, Gebiet um Kisangani. Im Kivu
dauern Versklavung der Bevölkerung, Morde,
Vergewaltigungen, Unsicherheit und Armut an.
•  Heute ist es schlimmer als unter Mobutu!
REALISIERUNG DER STAATLICHEN
GESUNDHEITSKONZEPTION IN ZAIRE
•  Einteilung des Landes in Gesundheitszonen
•  In jede Gesundheitszone gehört ein
Referenzkrankenhaus mit Arzt, Labor,
Operationssaal
•  Mehrere ländliche Gesundheitszentren mit
einem gut ausgebildetem Pfleger,
Geburtsstation, kleinem Labor
•  Idealzustand: jeder Bürger sollte nicht >15 km
von einem Gesundheitszentrum entfernt sein!
In politischer Zone MANONO errichtete
und leitete ich 3 Gesundheitszonen:
•  Totale Fläche: ca. 40‘000 km2 mit 250‘000
Einwohnern
•  Manono im Zentrum (Spital von 105 Betten)
•  ANKORO im Westen (Spital von 80 Betten)
•  KIAMBI im Osten
(Spital von 40 Betten)
•  Personal: 300 zairische Mitarbeiter: 4 Ärzte,
A1-A2-A3 Pfleger/Schwestern, Agrotechniker,
Handwerker, Verwaltungs- + Hilfspersonal.
1 Deutscher für Logistik, Buchhaltung usw.
•  Jahresbudget: CHF 700‘000 bis 800‘000.
Medizinisches Programm
•  Präventivmedizin: Überwachung von
Schwangeren, Müttern, Kleinkindern,
Impfungen, Verbesserung der kindlichen
Ernährung durch Gemüsegärten,
Trinkwassersanierung, Latrinenbau.
•  Kurativmedizin: Innere M.
+Tropenmedizin, Pädiatrie, Gynäkologie/
Geburtshilfe, Chirurgie
•  Ausbildung der zairischen Ärzte in
Spitalverwaltung und Chirurgie
•  Schule für Pfleger/Innen und Hebammen
•  CSP --> Hilfe an14 Primarschulen
Nobelpreisträgerin Wangari Maathai
aus Kenia schreibt in ihrem Buch
The challenge for Africa
London 2009
„One of the major tragedies of
postcolonial Africa is that the
African peoples have trusted their
leaders, but only a few of those
leaders have honored their trust.“
Korruption, Tribalismus, Unfähigkeit
der so genannten „Elite“
•  In der RDC beispielsweise geht sozial nichts
mehr, es gibt keine Instanz, die an einer
Verbesserung der Verhältnisse für die
einfachen Menschen interessiert wäre
•  Keine sozialen Massnahmen, allg. Teuerung,
Verarmung der Bevölkerung, Unsicherheit: es
hat zu viele Waffen im Land.
•  Maximale Korruption bei den Beamten, meist
wird nur der eigene Stamm gefördert
•  Hauptnutzniesser: Regierungsfunktionäre,
Ausländer im Bergbau usw.: z.B. Nokia,
Glencore, chinesische Firmen.
Elend der Gesundheitsversorgung
•  Für Gesundheitsversorgung hat es keine
Finanzen, für Waffen hat es jederzeit genug
•  Kein Arzt kann mit 50 US$ im Monat leben,
auch wenn er dazu noch einen Bonus erhält,
also verdient er auf andere Weise
•  Die Ausbildung vieler Ärzte ist mangelhaft
•  Es fehlt an Medikamenten und
medizinischem Material: Patienten werden
nur behandelt, wenn sie voraus zahlen
Antwort des 18 jährigen
Schülers der ‚Mutara High
School‘ Kenia:
„Entwicklung
heisst für uns
das Erreichen der inneren
und äusseren Freiheit, die
uns erlaubt, selbst über
unser Leben zu
entscheiden!“
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