close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 Gabriele Bartsch BBE-Newsletter 08/2008 „Wer hat was davon

EinbettenHerunterladen
Gabriele Bartsch
BBE-Newsletter 08/2008
„Wer hat was davon?“
Unternehmen als Corporate Volunteers
1 Unternehmerisches Handeln als Corporate Volunteer
Sehen wir als Akteure des Gemeinwesens Unternehmen lediglich als Spender mit
inszenierten Scheckübergaben oder hat ein Unternehmen für das Gemeinwohl mehr
zu bieten? Gleichwohl die Rolle des Sponsors für Nonprofit-Organisationen, die an
chronischem Geldmangel leiden, attraktiv ist, wird das Potential eines Unternehmens
damit nicht ausgeschöpft. In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass Unternehmen Projekte lancieren, bei denen ihre Mitarbeitenden sich direkt im gemeinnützigen
Sektor engagieren. Unternehmen werden so zu Corporate Volunteers. Darin steckt
Entwicklungspotential, von dem alle Beteiligten profitieren können.
2 Corporate Volunteering in der Praxis
Es gibt verschiedene Zugänge, Corporate Volunteering in ein Unternehmen einzuführen. Gleichwohl die kurzfristige Freistellung von Mitarbeitenden für einen Einsatz
in einer sozialen Organisation Incentive-Charakter haben und entsprechend öffentlichkeitswirksam vermarktet werden kann, liegt beim Corporate Volunteering der größere Nutzen in der Kompetenzentwicklung. Es sollte deshalb – strategisch gesehen
– eher in der Personalentwicklung und nicht im PR- und Marketingsektor angesiedelt
werden. Für die PR-Abteilung bieten sich andere Formen des Corporate Citizenship
an.1
2.1 Corporate Volunteering als Teamentwicklung
Beispiel Corporate Volunteering Day (CVD)
Die Mitarbeitenden werden für einen Tag freigestellt, um sich in NonprofitOrganisationen zu engagieren. Sie streichen Klassenzimmer, gehen als zusätzliche
Betreuer bei einem Ausflug einer Behindertengruppe mit oder führen ein Bewerbungstraining für Jugendliche durch. In Deutschland finden in mehreren Großstädten
jährlich solche Freiwilligentage statt, die meist von der örtlichen Freiwilligenagentur
organisiert werden.
Erfolgsfaktor dieser eintägigen Projekte ist eine sorgfältige Vorbereitung, die häufig
unterschätzt wird. Wird zur Umsetzung eines CVD eine Mittlerorganisationen beauf-
1
Geeigneter sind hier alle Formen des Corporate Giving und des Cause Related Marketing. Eine gute
Strukturierung der verschiedenen Handlungsansätze beim bürgerschaftlichen Engagement von Unternehmen findet sich bei Mutz/ Korfmacher (2003, S.-51).
1
tragt, muss vorher vereinbart werden, ob diese Dienstleistung kostenpflichtig ist. Ein
Unternehmen ist möglicherweise erstaunt, für eine solche Dienstleistung zu bezahlen. Verlaufen solche Tage positiv, ist eine Fortsetzung fast garantiert.
2.2 Corporate Volunteering als Führungskräfteentwicklung und in der betrieblichen Ausbildung
Beispiel Sozialpraktikum
Ein ganz anderer Typus ist der einwöchige Einsatz in einer sozialen Organisation.2
Im Unterschied zum Corporate Volunteering Day geht es hier um individuelles Lernen und hat damit eine enge Verknüpfung zur Personalentwicklung. Kernstück ist die
konkrete Mitarbeit im Basisgeschäft einer sozialen Organisation und der direkte Kontakt mit der Klientel. Von Beginn an packen die Teilnehmenden mit an und helfen
beispielsweise beim Wecken und Anziehen von Bewohnern in Heimen, bringen behinderte Kinder in die Schule, beteiligen sich an ergotherapeutischen Maßnahmen,
unterhalten sich mit alten Menschen, spielen mit verhaltensauffälligen Kindern oder
beraten Jugendliche, wie man eine Bewerbung schreibt. Damit die in dieser Woche
gemachten Erfahrungen nachhaltig sind, braucht eine solche Praxiswoche ein Vorbereitungs- und Reflexionsprogramm. Ein solcher Blickwechsel kann zu einer intensiven Selbsterfahrung werden, die Grenzen, Stärken und Schwächen aufzeigen aber
auch Einblicke geben in andere Förderkonzepte und Arbeitsabläufe.3
2.3 Variationen
Ein Unternehmen kooperiert mit der örtlichen Freiwilligenbörse und stellt Mitarbeitende für ein festgelegtes Zeitkontingent pro Jahr frei. Die Freiwilligenbörse bietet den
Mitarbeitenden Einsatzfelder an. Das Unternehmen kann auch das freiwillige Engagement seiner Mitarbeitenden mit einem Zeitkontingent unterstützen.
Freiwilliges Engagement, z.B. bei Ford und der deutschen Bank
Seit Mai 2000 stellt Ford Köln Mitarbeitende für freiwilliges Engagement bis zu 16
Arbeitsstunden pro Jahr frei. Unterstützt wird Ford von der Stadt Köln, die Kontakte
zu sozialen und kulturellen Initiativen herstellt. (Kontakt: nkrueger@ford.com)
In ganz ähnlicher Weise wird dies bei der Deutschen Bank durchgeführt. (Kontakt:
thomas.baumeister@db.com)
Mitarbeitende bringen ihre Kompetenz im gemeinnützigen Sektor ein
Mitarbeitende der CreditPlusBank trainieren in einer Hauptschule in Stuttgart Finanzkompetenz. Wie gehe ich mit Geld um? Wann bekomme ich einen Kredit? Zusätzlich
2
Vorreiter ist das Schweizer Programm Seitenwechsel®. Ein modifiziertes Konzept ist der von der
Agentur mehrwert entwickelte Blickwechsel® für Führungskräfte und Key – Schlüsselqualifikationen
für Auszubildende.
3
Eine differenzierte Darstellung, welcher Typus sozialer Organisation welche spezielle Lerndimension
bietet, findet sich bei Bartsch (2004).
2
bietet die Bank Praktikumsplätze an. Die Mitarbeitenden der Personalabteilung schulen in Sachen Bewerbung und Vorstellung. (Dokumentation s. www.agenturmehrwert.de/marktplatz/corporatecitizenship.html)
Die Initiative start social
Seit 2001 findet das u.a. von McKinsey entwickelte Programm start social statt.
Kerngedanke ist die Unterstützung von sozialen Projekten durch ein dreimonatiges
Beratungsstipendium. Die Beratungen werden von Fachkräften der beteiligten Unternehmen ehrenamtlich durchgeführt.(www.startsocial.de)
Gute Geschäfte – Marktplatz für Unternehmen und Gemeinnützige
Die Bertelsmann-Stiftung hat 2006 die niederländische Idee des Marktplatzes in
Deutschland eingeführt. Der Marktplatz bietet gemeinnützigen Organisationen und
Unternehmen eine Plattform, um gemeinsame Geschäfte zu vereinbaren. (www.gutegeschaefte.org)
Bei allen Programmen des Corporate Volunteering treffen Professionelle aus zwei
unterschiedlichen Arbeitswelten und –kulturen aufeinander. Der Austausch wird dann
produktiv, wenn die Beteiligten interessiert und bereit sind, aufeinander zuzugehen
und sich in ihrer jeweiligen Kompetenz anzuerkennen. Es braucht einerseits eine gute Vorbereitung, andererseits eine Offenheit für Unvorhersehbares und die Fähigkeit
zu improvisieren.
3. Wer hat was davon?
Je stärker die einzelnen Akteure in die Vorbereitung und Konzeptentwicklung eingebunden sind, umso attraktiver ist es für alle Beteiligten, Zeit zu investieren und sich
auf Neues und Ungewohntes einzulassen. Wie dies jeweils aussehen kann, zeigen
die nachfolgenden Beispiele aus der Praxis.4
Nutzen für die Teilnehmenden:
Auszubildende lernen Menschen kennen, die mit schwierigen Lebenssituationen zurechtkommen müssen, dadurch wird ihr eigenes Wertesystem in Frage gestellt und
zurecht gerückt.
Auszubildende und Nachwuchsführungskräfte erproben kommunikative Kompetenzen und stärken ihre Teamfähigkeit.
Manager stellen fest, dass nicht nur die fachliche, sondern die emotionale Kompetenz bei ihren Mitarbeitenden wichtig ist.
4
Die Beispiele stammen aus Projekten der Agentur mehrwert.
3
Nutzen für die Unternehmen:
Unternehmen zeigen durch solche Kooperationen, dass sie sich als Teil des Gemeinwesens sehen und soziale Verantwortung übernehmen.
Soziales Verhalten und emotionale Kompetenz steigt nach solchen Projekten nachweislich. Es entsteht ein neues bzw. zusätzliches Netzwerk innerhalb des Unternehmens. Die Auszubildenden berichten dem nächsten Jahrgang. Führungskräfte arbeiten nach der gemeinsamen emotionalen Erfahrung leichter und vertrauensvoller in
Projektteams zusammen.
Nutzen für die Klientel in den sozialen Einrichtungen:
Körperbehinderte Auszubildende erhalten die Gelegenheit, einige Tage in den Filialen einer Bank mitzuarbeiten und bekommen mit, was es heißt, richtige Kunden zu
haben und nicht nur „konstruierte“ Situationen im Rahmen der Übungsfirma.
Der Kontakt mit Menschen von „außerhalb“ wirkt belebend, viele erleben dies auch
als Wertschätzung.
Nutzen für die Nonprofit-Organisationen:
Soziale Organisationen öffnen sich gegenüber Unternehmen und bekommen neue
Kontakte, z.B. auch für weitere Kooperationen.
Nonprofit-Organisationen bekommen Feedback von außen zur Arbeitsweise und Ablauforganisation.
Nutzen, die nachhaltig sind
Evaluierungen von CV-Projekten zeigen, dass die Kontakte, die entstehen, nicht nur
einmalig sind, sondern auch Bestand haben.
Ein Manager tritt im Anschluss an eine Lernwoche in den Förderverein der Sozialen
Einrichtung ein.
Eine Nachwuchsführungskraft stellt für Jugendliche den Kontakt zur Personalabteilung zur Vermittlung von Praktikumsplätzen her.
Eine Führungskraft engagiert sich nach der Lernwoche bei den samstäglichen Freiwilligenaktionen zur Entlastung von Eltern behinderter Kinder.
Eine Bankerin berät ein Frauenprojekt im Anschluss an ihre Lernwoche beim
Fundraising.
4. Perspektiven und Grenzen des Corporate Volunteering
Gleichwohl das Streben nach einem irgendwie gearteten ökonomischen Nutzen in
der Logik unternehmerischen Handelns liegt, ist eine solche Einengung der Betrachtungsweise gesamtgesellschaftlich fragwürdig. Entscheidend ist die Balance und
noch ein Drittes, auf das die Schweizer Unternehmensberaterin Elisabeth Michel4
Alder hinweist: Es gibt die Frage des fairen Interessenausgleichs, wo beide Seiten
etwas haben. Mit der berühmten Winwin-Situation bin ich sofort einverstanden. Dann
gibt es das Dritte, das einer alten Erfahrung von mir entspricht, die interesselose gute
Tat. (…) Ich tue längst nicht alles, weil es mir nützt, und ich bin gelegentlich über diese Dinge genau so glücklich. Es hängt also mit einem Menschenbild zusammen: Hat
der Mensch eigentlich nur das Bedürfnis, Dinge zu tun, die ihm nützen oder gibt es
da eine andere Dimension?5 Aufgrund der beziehungsorientierten Dimension steckt
im Corporate Volunteering die Perspektive des sich Begegnens auf Augenhöhe.
Wenn es gelingt, dadurch längerfristige Beziehungen und Kooperationen aufzubauen, dann liegt gerade hierin die Stärke dieses Ansatzes.
Literatur:
Bartsch, Gabriele (2004): Blickwechsel – eine andere Welt erleben. In: Geißler/
Laske/ Orthey (Hg.): Handbuch Personalentwicklung. München: Wolters Kluwer,
93.Erg.-Lfg. September 2004, Nr. 7.26, S.1-14
Bartsch Gabriele (2007): Werteorientierte
112.erg.Lfg., Mai 2007, S. 1-12.
Führung,
in
PersonalEntwickeln,
Dresewski, Felix: Corporte Citizenship. Ein Leitfaden für das soziale Engagement
mittelständischer Unternehmen. Berlin: UPJ 2004. (Diese Broschüre kann bei
info@upj-online.de bestellt werden.)
Michel-Alder, Elisabeth: Nicht alles ist Gold, was glänzt. Kriterien für gelungenes
Corporate Citizenship. In: Corporate Citizenship. Bürgerschaftliches Engagement von
und mit Unternehmen. Dokumentation der Tagung vom 18.-19.2.2002 in Bad Boll.
Mutz, Gerd; Korfmacher; Susanne: Sozialwissenschaftliche Dimensionen von Corporate Citizenship in Deutschland. In: Backhaus-Maul, Holger u.a. (Hg.): Bürgergesellschaft und Wirtschaft – zur neuen Rolle von Unternehmen. Berlin: Deutsches Institut
für Urbanistik, 2003, S.S. 45-62.
Schubert, Renate; Littmann-Wernli, Sabina; Philipp Tingler (Hg.): Corporate Volunteering. Unternehmen entdecken die Freiwilligenarbeit. Bern: Verlag Paul Haupt,
2002.
5
Michel-Alder (2002, S. 15/16)
5
Gabriele Bartsch, ist nach Tätigkeiten in Frauenförderung und Finanzverwaltung
heute Geschäftsführerin der mehrwert - Agentur für Soziales Lernen, Stuttgart, stellvertretende Vorsitzende der VHS Stuttgart und Mitglied bei www.ewmd.org.
Kontakt: bartsch@agentur-mehrwert.de
6
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
10
Dateigröße
31 KB
Tags
1/--Seiten
melden