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04 Nachlese Methodenlehre im Studium Individuale

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Inter- und transdisziplinäres Werkstattgespräch am 30. Juni 2014
Methodenlehre im Studium Individuale
oder
Die Vermittlung von Respekt für das,
was ich selbst noch nicht verstehe
Eine Nachlese von Vera Brandner
Die Basis - Grundzüge der Methodenlehre im Studium Individuale
Im Methodenmodul des Studium Individuale besteht die Herausforderung, Methoden losgelöst von jeglichem
disziplinären Korpus zu vermitteln. Dementsprechend wird in diesem Werkstattgespräch die Frage nach dem
Anspruch undisziplinierter Methodenlehre auf dieses Lehrformat hin zugespitzt. Im Studium Individuale sollen die
Studierenden die Gelegenheit haben, ihr wissenschaftliches Feld von Beginn an selbst zu gestalten, einen Ort zu
schaffen, wo sie ihre Interessen, im besten humanistischen Bildungsverständnis entwicklen können und damit einen
wissenschaftlichen oder professionellen Weg einschlagen. Methodenlehre kann hier ein Hin- und Herwandern
zwischen verschiedenen Polen bedeuten, ein durchaus nomadisches Modell, das dennoch oder gerade deshalb
entsprechende Ordnungsstrukturen, Eckpfeiler und Orientierungspunkte braucht.
Ein Rückblick – Erfahrungen aus der Methodenlehre im ersten Jahrgang des Studium Individuale
Einige der Gesprächsteilnehmer_innen im Werkstattgespräch können bereits von ihren Erfahrungen als Lehrende im
Studium Individuale aus dem ersten Jahrgang berichten. Zu Beginn berichtet Henrik von Wehrden von seinen
Erfahrungen aus dem ersten Jahrgang. Er, Naturwissenschaftler, wurde gemeinsam mit Steffi Hobuß,
Kulturwissenschaftlerin, mit der Leitung des Methodenmoduls im Studium Individuale betraut.
Das Vorgehen
In der Auseinandersetzung darüber, wie sich dieses Modul gestalten soll, kamen beide Verantwortlichen zu einer
gemeinsamen Grundlage: Das Arbeiten mit einem breiten methodischen Kanon mit einer umfassenden Haltung des
gegenseitigen Respekts. Ein tiefes Vertrauen in die Kompetenzen der anderen Person, auch wenn jeweils nur
begrenzte Kenntnisse darüber bestünden, sei eine Voraussetzung, um diese Grundlage gleichermaßen für Lehrende
und Studierenden zu legen. Erst dann könne ein Raum aufgespannt werden, in dem interessante und vielfältige
Verbindungen stattfinden und über das disziplinäre Denken hinausführen. Die beiden Modulverantwortlichen
einigten sich auf einen summativen Aufbau des Methodenmoduls und bezogen anhand eines breiten Portfolios
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Kolleginnen und Kollegen in das Lehrteam ein. Dieses breite Portfolio sollte die Hauptkomponenten der
verschiedenen disziplinären Zugänge abdecken und dabei Einblicke und Orientierung im Feld der Möglichkeiten an
der Leuphana geben. Angeregt werden soll bei den Studierenden eine Identitätsfindung und ein Reflexionsprozess,
um den individuellen weiteren Studienverlauf mit Blick auf Methoden zu schärfen. In drei Schritten beschreibt
Henrik von Wehrden das Vorgehen im interdisziplinären Lehrteam:
1. Henrik von Wehrden und Steffi Hobuß begannen ihre gemeinsame Lehrveranstaltung, indem sie den
Studierenden ihre jeweils unterschiedlichen Forscher_innenprofile zugänglich machten. Dabei erzählten sie
aus ihrem jeweils unterschiedlich gestalteten Leben als Wissenschafteler_innen: Wie sieht der typische
Arbeitsalltag eines/einer Forscher_in in den verschiedenen Feldern aus und welche Orte, Mittel, Geräte,
Tätigkeiten und Methoden machen diesen Alltag aus? Aufgrund der Präsentation der Kontrastalltage von
nur zwei Personen, ergab sich sehr schnell eine breite Methoden-Debatte, womit der Raum für ein
gemeinsames undiszipliniertes Arbeiten eröffnet wurde.
2. In einem weiteren Schritt wurden die professionellen Profile der Studierenden, ihre Erwartungen und
Kenntnisse an einem Pinboard gesammelt. Durch das Sortieren der vorhandenen Wünsche, Erfahrungen
und Kenntnisse ergaben sich Cluster quantitativer und qualitativer Methoden. Diese Cluster wurden
wiederum in primäre und sekundäre Daten unterteilt. Einzelne Methoden wurden dadurch nicht fix
zugeschrieben, sondern in ihrer Beweglichkeit dargestellt.
3. Das Ergebnis dieses Clusterungsvorganges, der sich aus den Profilen der Studierenden ergab, wurde im
Laufe des Semesters immer wieder aufgegriffen. Am Ende des Semesters wurde das Cluster um das
gewonnene Methodenverständnis ergänzt. Im Rahmen der Klausurergebnisse konnte nachvollziehbar
gemacht werden, worin der zentrale Lerneffekt dieser Vorgehensweise besteht: Es geht zum einen darum,
ein gewisses Methodenrepertoir in den Grundzügen kennen- und verstehen zu lernen. Darüber hinaus
erscheint ein weiterer Aspekt noch wichtiger, nämlich ein gewisser Grad an Reflexionsfähigkeit. Die
Studierenden können folgende Fragen für sich beantworten: Was kann ich schon? Was will ich noch lernen?
Spezifika der Studierenden
Grundsätzlich spezifisch an den Studierenden im Studium Individuale ist, dass sie mit diesem Studium einen
offeneren Weg für ihre professionelle Identitätsbildung einschlagen als es Studierende tun, die sich mit der
Studienwahl einem spezifischen Fach zuordnen. Die Gesprächsteilnehmer_innen tauschen sich im Diskussionsverlauf
über weitere Spezifika aus, die sie an den Studierenden im ersten Jahrgang feststellen können. Es werden Aspekte
diskutiert, die diese Studierendengruppe etwas ‚anders‘ erscheinen lassen: Sie werden allgemeins als Studierende
mit klaren Vorstellungen beschrieben, die in der Gruppe stark und herzlich sind und auch abseits des Studiums viel
Zeit miteinander verbringen, also über das Studium starke soziale Bindungen entwickeln. Die Gruppe wird auch als
dicht und sehr dynamisch beschrieben, deren Mitglieder sich gegenseitig positiv evaluieren. Sie nutzen verschiedene
Formen von Social Media zur Koordination miteinander und für ihre divers gelagerten Erkenntnisinteressen.
Teilweise gehen sie mit ihren spezifischen Wünschen sehr selbständig um. Beispielsweise stellen sie schon vor der
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Einheit ihre Fragen holen das Wissen ab, das sie gerade im Kontext der jeweiligen thematischen Lagerung der Einheit
brauchen.
Der Faktor Zeit
Wie in jedem bisherigen Werkstattgespräch nimmt der Faktor Zeit auch in den Erfahrungsberichten der Lehrenden
mit Blick auf den ersten Jahrgang des Studium Individuale viel Raum ein. Es wird von einer organisatorischen
Überschneidungsproblematik berichtet, die dazu führt, dass die Studierenden nicht an allen Lehrveranstaltungen
teilnehmen können, die ihnen wichtig erscheinen. Ein positiver Nebeneffekt sei, dass sich die Studierenden durch
diesen Sachzwang besser miteinander vernetzen und sich darüber absprechen und koordinieren, wer an welchen
Veranstaltungen teilnimmt, um dann miteinander das gewonnene Wissen zu teilen.
Es wird auch berichtet, dass es unmöglich erscheint, im Laufe eines Nachmittags (vier Stunden an Freitagen) eine
Methode umfassend zu lehren. Einigkeit besteht darüber, dass für das umfassende Erlernen von konkreten
Methoden auch Wochen oder Monate nicht ausreichen würden. Es geht vielmehr darum zu zeigen, was gemacht
werden kann und wie umfassend ein methodisch richtiges vorgehen ist. Die Rahmenbedingungen dafür können
aufgezeigt werden – tatsächlich kann in der Kürze nur die Spitze eines Eisberges vermittelt werden. Dieses kleine
Glas kann aber bereits dafür ausreichen, als Teaser zu wirken: Die Herausforderung für die Lehrenden besteht darin
zu vermitteln, welches Methodenrepertoir vorhanden ist, dass dieses auch funktioniert, dass es Spaß macht und
dass die Studierenden es auch selber verwenden können, wenn sie wollen – das sollte in 4-stündigen Blöcken pro
Methode möglich sein.
Zeit spielt auch eine Rolle, wenn beispielsweise BWL-Interesssierte in einem Methodenvortrag zur Akteursanalyse
sitzen und fragen, worin der Mehrwert für ihr späteres Berufleben besteht und die Auseinandersetzung mit
fachfremden Methoden als reine Zeitvergeudung sehen. In fachübergreifenden Veranstaltungen stellt sich die
Herausforderung, dass nicht alle Teilnehmer_innen gleichzeitig interessiert und bespielt werden können. Meist wird
klares Desinteresse an gewissen Methoden vor allem von jenen Studierenden gezeigt, die selbst schon eine ganz
gewisse disziplinäre Orientierung mitbringen. Diese Problematik wird zu einer schönen Herausforderung, wenn die
Teilnehmer_innen durch die Perspektivenvielfalt innerhalb des Studium Individuale von ihrer Zweckorientierung hin
zu einer Öffnung im humanistischen Bildungssinn gelangen können.
Die Erfahrungsberichte der Lehrenden aus dem ersten Jahrgang führen auch zur Frage nach den passenden
Zeitpunkten für Prozessorientierung und klare Strukturierung in der Gestaltung des Moduls. Es geht dabei um einen
Balanceakt zwischen der Orientierung an den Wünschen und Bedürfnissen der Studierenden in der Lehrplanung und
um die Notwendigkeit klarer Vorgaben.
Ein Ausblick - Die verschachtelte Mehrfachnuss
Ingrid Scharlau macht auf der Suche nach den passenden Elementen und Konzepten für das Studium Individuale eine
‚verschachtelte Mehrfachnuss‘ aus, die es zu knacken gilt, um mit der Ausrichtung des Lehrformats den
Studierenden und den Lehrenden gerecht zu werden. In der Diskussion, die auf den Rückblick mit den
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Erfahrungsberichten aus dem ersten Jahr folgt, werden verschiedene Themen und Fragen als einzelne Nussschalen
dieser Mehrfachnuss ausgemacht. Hier ein Versuch der Zusammenfassung:
Humanistischer Bildungsanspruch im Zeitalter der Ökonomisierung von Bildung
Das universitäre Feld wird mehr und mehr von ökonomischen Faktoren bestimmt. Eine allgemein humanistische
Bildungsidee, ohne Zweckorientierung bleibt auf der Strecke. Das Leben in der ‚Universitas‘ als ein sich Einlassen auf
das Unbestimmte, auf einen Prozess, losgelöst von Berufs- und Einkommensorientierung für das Leben danach,
scheint bereits ein Mythos aus vergangenen Zeiten zu sein. Mit Blick auf das Studium Individuale scheint sich jedoch
eine Handlungsmöglichkeit aufzutun, liegt doch der Ausrichtung dieses Lehrformat auch ein freier Bildungsgedanke
zugrunde. Dementsprechend kann das Studium Individuale als Raum gedacht werden, in dem dieser
fortschreitenden Ökonomisierung von Bildung zumindest in kleinem Rahmen entgegnet werden kann.
Die Angst vor einem trivialen Methodenbegriff
Mit Blick auf das ‚Ungewisse‘ bzw. den großen Gestaltungsspielraum im Studium Individuale und die
Perspektivenvielfalt der Studierenden, stellt sich die Frage, welche Methoden ohne disziplinärer Bindung gelehrt
werden können, ohne dabei einen völlig trivialen Methodenbegriff zu vermitteln. Ist es dann sinnvoll, Methoden
losgelöst von ihren Disziplinen zu vermitteln? Und: Können wir es verantworten, dass die Studierenden im Studium
Individuale ihren Bachelor absolvieren, ohne jemals eine solide Methode zur Anwendung gebracht und diese dann
auch vertiefend gelernt haben? Entspricht das überhaupt dem allgemeinen Anspruch eines Bachelorstudiums? Es
wird um Antworten zu diesen Fragen gerungen. Vielleicht kann mit einer gewissen Nähe zu Alltagspraktiken mit
gewisser Ernsthaftigkeit über Grundtätigkeiten gesprochen werden, die als Basis für jegliches Methodenverständnis
dienen, ohne dabei einen trivialisierten Methodenbegriff zu vermitteln. Die Diskussion darüber macht das
Spannungsfeld von Fachspezifik und Oberflächlichkeit auf, das allgemeines Unwohlsein in der Runde hervorruft.
Dieses Spannungsfeld scheint jedenfalls nicht spezifisch für das Studium Individuale, sondern führt weiter zu
grundlegenden Fragen, die im Zusammenhang mit der Etablierung des Bachelor-/Mastersystems gestellt werden
müssen.
Die Suche nach einem gemeinsamen Methodenbegriff
Daran anknüpfend, ergibt sich als weitere Nussschale, die Suche nach einem gemeinsamen Methodenbegriff, der in
interdisziplinären und undisziplinierten Settings, wie dem des Studium Individuale, für eine gemeinsame Basis
sorgen sollte. Gibt es gemeinsame Kriterien, über die ein fachübergreifender Methodenbegriff erarbeitet werden
kann? Besteht mit dem Kriterium der Nachvollziehbarkeit ein gemeinsamer Nenner, den alle teilen? Ein Beispiel zum
sehr divers gelagerten Methodenbegriff bietet Regine Herbrik, wenn sie von ihren Erfahrungen an der Schnittstelle
von Sozial- und Kulturwissenschaften berichtet. Mit Blick auf das Studium Individuale ist fraglich, wie mit solch
wissenschaftskulturellen Differenzen zwischen den Fächern und Disziplinen verfahren werden kann, ohne den einen
Methodenbegriff über den anderen bzw. einen Alleinanspruch zu stellen.
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Inter- und transdisziplinäres Werkstattgespräch am 30. Juni 2014
Im weiteren Verlauf der Diskussion rundum den Methodenbegriff wird auch gefragt, wie weit ein
gemeinsamerMethodenbegriff reichen kann. Können beispielsweise Projektplanung und Powerpoint als
wissenschaftliche Methode gelten? Mögliche Antworten dazu ergeben sich erst zögerlich. Projektmanagment wird
schließlich nicht eindeutig als drinnen oder draußen verortet. So berichtet Ulli Vilsmaier von einem
Forschungskontext aus den Integration- und Implementatioonsscience, in dem sie mit einer Forschungsgruppe zu
tun hatte, die Projektmanagment als Wissenschaft betreibt und damit eine völlig neue Perspektive einbringt. Die
Anwendung von Powerpoint als wissenschaftliche Methode wird hingegen eher abgelehnt, es sei denn, es gehe
dabei darum zu beforschen, was mit Wissen durch die Anwendung von Powerpoint passiert. Die Diskussion
entspinnt sich, ähnlich wie im Werkstattgespräch vom 19. Mai in verschiedenste Richtung. Ein gemeinsames
Verständnis von Methode scheint in dieser Gesprächsrunde mit dem Kriterium der Nachvollziehbarkeit und
Systematik vorhanden zu sein. (Eine vertiefende Auseinandersetzung zum Methodenbegriff in der inter- und
transdisziplinären Forschung findet sich in der Nachlese zum Werkstattgespräch vom 19. Mai 2014)
Von der Erkenntnistheorie zur Methode
Wissenschaft von der Disziplin her zu denken, führt meist auf spezifische methodische Pfade. Wie kann jedoch
undisziplinierte Methodenlehre gestaltet sein, wenn weniger von methodischen, sondern von
erkenntnistheoretischen Gemeinsamkeiten ausgegangen wird? Es wird die Annahme aufgestellt, dass es für einige
Grundmethoden möglich sei, sie ohne Bezug zu einer gewissen Wissenschaftsdsiziplin vorzustellen, in ganz
rudimentärer Form, was, wie bereits erwähnt immer mit einer gewissen Angst vor Trivialisierung einhergeht. Wie
stehen einzelne Methoden im Verhältnis zueinander? Woher kommen sie? Wie weit gehen die Methoden? – kann
durch eine solche Herangehensweise gefragt und diskutiert werden, ohne sie bereits vorab genau zu verorten.
Methodische Überlappungen und größere Kreise könnten dadurch nachvollziehbar, einzelne Methoden in vielfältige
Zusammenhänge gesetzt werden: In einer solchen Vorgehensweise wird ein gewisses Innovationspotential
vermutet.
Respekt!
Obwohl im Werkstattgespräch wichtige Baustellen für das Studium Individuale eher aufgerissen als geschlossen
wurden, besteht ein Konsens zwischen den Gesprächsteilnehmer_innen darüber, dass es zentral um eine Haltung
des gegenseitigen Respekts geht, die alle Lehrenden selbst einnehmen und dadurch auch vermitteln sollten. Diese
Grundhaltung des Respekts vor dem, was man selbst nicht versteht und vor der Ernsthaftigkeit des Anderen stellt
die Basis für ein Miteinander verschiedener Wissenschaftskulturen dar.
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