close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 Dokumentation der Tagung am 14.09.2013 im - KAB Bamberg

EinbettenHerunterladen
1
Dokumentation der Tagung am 14.09.2013 im Bistumshaus St. Otto
Was bedeutet das Konzil für mich?
S. 1
Das Konzil, ein epochales Ereignis
Kurzreferat Manfred Böhm
S. 2
Gaudium et spes, eine schwere Geburt
Kurzreferat Albert Müller
S. 4
Textarbeit
Textblatt Wirtschaft und Arbeit
Textblatt Staat
Textblatt Atheismus
Textblatt Friede
S. 6
S. 7
S. 8
S. 10
„Zeichen der Zeit“ damals und heute
Kurzreferat Siegfried Ecker
S. 11
Was sind für mich die Zeichen der Zeit heute?“
S. 12
Was bedeutet das Konzil für mich? Was habe ich in Erinnerung?
Es war eindeutig. Am stärksten blieb die Liturgiereform in Erinnerung. 11 mal wurde sie auf
den ausgegebenen Zetteln notiert. Danach kommt das Thema Frauen mit 4 Nennungen und
die Aufwertung der Laien mit 3mal.
Eine Anzahl weiterer Themen mit einzelnen Hinweisen: Suche nach neuen Wegen, Aufbruchstimmung, Befreiungstheologie, Zölibat, Gewissensfreiheit, tägliche Kommunion, Verantwortung der Bischöfe, Kirche und Arbeit, gerechtere Welt.
Kritische Anfragen gab es auch: Chaos, Priesternachwuchs, noch volle Kirchen, Bedeutung
des Beichtspiegels, Ende von Oekumene? Wo weht der frische Wind?
2
Dr. Manfred Böhm, Leiter der Arbeitnehmerpastoral im Erzbistum Bamberg
Das 2. Vatikanische Konzil
als epochales Ereignis.
Acht Denkanstöße
1. Papst Franziskus mahnt uns, das 50. Jährige Jubiläum des Konzils nicht miss zu verstehen: „Wir
feiern dieses Jubiläum und es scheint, dass wir dem
Konzil ein Denkmal bauen, aber eines, das nicht
unbequem ist, das uns nicht stört. Wir wollen uns
nicht verändern und es gibt sogar auch Stimmen,
die gar nicht vorwärts wollen, sondern zurück: Das
ist dickköpfig, das ist der Versuch, den Heiligen
Geist zu zähmen. So bekommt man törichte und
lahme Herzen.“ „Um es klar zu sagen: Der Heilige Geist ist für uns eine Belästigung:
Er bewegt uns, er lässt uns unterwegs sein, er drängt die Kirche, weiter zu gehen.“
Es geht also nicht um eine verklärende Rückschau, um eine wehmütige Erinnerung
an den damaligen Geist des Aufbruchs und der Erneuerung, verbunden mit der Klage, heute seien große Teile der Kirche längst wieder auf dem Rückzug. Vielmehr
geht es darum diesen Geist des Aufbruchs und der Erneuerung in der Gegenwart,
unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen neu zu zünden. Und das ist ein
unbequemer, weil noch unerforschter und unausgetretener Weg. Aber genau diesen
Weg mutet das 2. Vaticanum uns zu. Die Rückkehr in die heimelige traditionalistische
Abgeschiedenheit bedeutet, sich dem Heiligen Geist zu verweigern.
2. Im Unterschied zu allen bis dato stattgefundenen Konzilen wurde am 2. Vaticanum
kein einziges Dogma definiert. Es wurde keine Glaubenslehre als letztverbindlich
festgelegt. Und doch geschah wahrhaft Umwälzendes.
3. Es setzte sich im Konzil eine unvoreingenommene Sichtweise auf die Welt durch
und eine Neubestimmung als Kirche mitten drin. Um das Revolutionäre dieser Umschwünge zu spüren, ist ein Blick auf die Zeit vorher nötig:
Am Vorabend des 2. Vaticanums präsentierte sich die Kath. Kirche als eine machtbewusste, auf Rom zentralisierte und von einer klerikalen Schicht geführte Institution,
die sich für eine perfekte Gemeinschaft (societas perfecta) hielt. Man dürfe daran
nichts verändern und könne auch nichts verbessern, weil sie von Gott so gefügt sei:
Die Kirche als ewig-unveränderliche Hüterin der ewigunveränderlichen Wahrheit. Der
neuzeitliche Katholizismus war zu einer Wagenburg geworden, der sich von der Welt
abgeschottet hat. Erst mit Johannes XXIII wurden diese Fenster zur Welt geöffnet.
4. Dass in diesem Klima das Konzil überhaupt stattgefunden hat, ist die eigentliche
Überraschung. Das hat natürlich viel mit Johannes XXIII zu tun. Für ihn stellt die Welt
keine feindliche Bedrohung für die Kirche dar, gegen die das katholische Volk immun
gemacht werden musste. Bei Johannes ist die Welt eine fragende Welt, eine Welt in
Orientierungsnöten, der die Kirche eine helfende Antwort schuldet. Man darf sich gegenüber der Welt nicht abschotten, denn sie ist kein feindlicher Ort, sondern unser
aller Lebensort. Die Kirche ist kein Gegenüber, sozusagen außerhalb der Welt, sondern ein Teil davon.
3
5. Weil kein neues Dogma formuliert worden ist, wird das 2. Vaticanum auch nicht als
dogmatisches Konzil, sondern gern als pastorales Konzil charakterisiert. Das bedeutet aber nicht, so wie es manche reaktionäre Kräfte tun, dass das 2. Vaticanum nur
ein Konzil minderen Ranges wäre. Das Pastorale, das Neue, das Besondere und
Epochale des Konzils ist die sogenannte anthropologische Wende, d. h. seine Zuwendung zum Menschen. Was bedeutet das? Die christliche Wahrheit kann erst
dann wirksam werden, wenn sie am Empfänger dieser Wahrheit, an der Lebenssituation des Menschen, passgenau anknüpfen kann. Ansonsten würde man über die
Köpfe der Menschen hinweg abstrakte Botschaften verkünden, die mit dem konkreten Leben der Menschen aber nichts zu tun haben und für die Menschen keine Hilfe
und Orientierung in ihrem Leben bedeuten.
6. Mit den Menschen ist dabei der ganze Mensch gemeint, nicht nur eine vergeistigte
Abstraktion, kein philosophisches Konstrukt. Der konkrete Mensch mit seinen geistigen, körperlichen, sozialen und wirtschaftlichen Bezügen ist der Adressat der christlichen Botschaft. Die christliche Verkündigung hat also die Weltbezüge des Menschen
stets mit zu bedenken. Sie hat die Zeichen der Zeit zu erkennen und im Lichte des
Evangeliums zu deuten und sie hat den Menschen, so wie er ist, zu respektieren.
Auch im Extrem, auch wenn er sich der christlichen Botschaft verweigert, sich also
als Atheist versteht. Der Atheist ist nicht einfach zu verdammen, sondern zu überzeugen. Und das kann nur im aufrichtigen Dialog geschehen, der das Gewissen des
Menschen als letzte Instanz seiner Selbstbestimmung ernst nimmt.
7. Diese pastorale Hinwendung zum Menschen ist künftig unhintergehbar, d. h. man
kann nicht mehr in ein vorkonziliares Wahrheits- und Weltverständnis zurückfallen
ohne den Geist der Konzilsväter zu verraten. Diese Hinwendung zum Menschen hat
somit ihrerseits dogmatische, also letztverbindliche Qualität.
8. Mit dem Deuten der Zeichen der Zeit hat uns das Konzil einen Schlüssel in die
Hand gegeben, um die christliche Botschaft evangeliumstreu und zeitaktuell in Zukunft jeweils neu für die Menschen zu erschließen. Das Konzil fordert dazu auf, es
mit dem von ihm zur Verfügung gestellten Instrumentarium fortzuschreiben. Es ist in
seinen Aussagen kein einmaliger, unumstößlicher Besitz, sondern ein dauernder
Prozess.
Und genau daran will uns Papst Franziskus erinnern, wenn er vom Heiligen Geist als
Belästigung spricht, der die Kirche drängt weiter zu gehen.
4
Dekan Albert Müller, KAB Diözesanpräses
Die Konzilskonstitution Gaudium et Spes,
Über die Kirche in der Welt von heute,
oder kurz: Pastoralkonstitution – "eine schwere Geburt"
Nur drei Monate nach seiner Amtsübernahme, als er zu einem Gottesdienst zur Eröffnung der Weltgebetsoktave für
die Einheit aller Christen in St. Paul vor den Mauern war, hat
Papst Johannes XXIII. in der Sakristei den 17 anwesenden
Kardinälen eine Synode für das Bistum Rom und ein Allgemeines Konzil für die Weltkirche angekündigt. Die Reaktion
war – eisiges Schweigen.
Seine Worte hat er später per Brief an 63 Kardinäle geschickt, 25 haben geantwortet,
davon 15 nur formal den Eingang bestätigt. Drei von den 63 haben lediglich inhaltlich
argumentiert – das spricht für sich!
Johannes XXIII. hat von Anfang an erklärt, dass es ein pastorales Konzil sein sollte,
es weniger um die Klärung dogmatischer Fragen ginge. Die Bischöfe, die ganze
Kath. Kirche wurde aufgefordert, Eingaben zu machen. Die Tausenden von Eingaben hatte die Kurie zu sortieren. Sie ging dazu so vor, dass sie das Inhaltsverzeichnis des alten CIC und je einer neuscholastischen Dogmatik und Moraltheologie hernahmen und die Eingaben zugeordnet hatten. Aber die pastoralen Anliegen kamen in
den Inhaltsverzeichnissen alter Lehrbücher kaum vor. Vorbereitungskommissionen
waren beauftragt, Beschlussvorlagen für das Konzil zu erarbeiten. Die Ritenkongregation wollte als einzige eine echte Reform, die der Liturgie. Ihre Beschlussvorlage
war die am besten vorbereitete, mit ihr wurde begonnen, ihre theologische Reflexion
ging weit über eine Liturgiereform hinaus und war stilbildend und richtungweisend für
das ganze Konzil. Aber die pastoralen Anliegen waren noch immer nicht aufgenommen worden.
In seiner Ankündigungsansprache "Gaudet mater ecclesia" stellt Johannes XXIII.
ganz klar den pastoralen Bezug von Kirche und kirchlicher Lehre heraus: Kirche als
Haltung, als Vollzug, d. h. in Bewegung auf die Menschen hin ist konstitutiv; Pastoral
gehört zu ihrem Wesenszug, bisher wurde sie nur als Applikation, als Ableitung dogmatischer Aussagen gesehen. „In der Welt sein…“, „Kirche in der Welt von Heute…“
war ein moderner Ausdruck: aggiornamento. Nicht nur das Leben des Einzelnen ist
zu gestalten, sondern die Gesellschaft insgesamt. GS 7 etwa beschreibt prägnant
diese neue epochale Situation der Moderne und sieht die Kirche in ihr. Das bedeutet
eine Erweiterung und Vertiefung ihres Weltauftrages, weil Kirche nicht aus der Welt
heraus, sondern sich Glaube nur in der Welt bewähren kann! Dass das bei manchen
Kardinälen und Bischöfen Angst auslöste, liegt auf der Hand, für die übergroße
Mehrheit aber war das eine Offenbarung und Befreiung.
In diesen Zusammenhang gehört der Begriff "die Zeichen der Zeit erkennen" – GS 410, vgl. LG 4. Dieses Wort war schon in Umlauf – Zeitungen hießen so. Dabei geht
es um Zeichen der Zeit als Merkmale einer Epoche, die in bestimmten zeitlichen Situationen bewusst werden, wie z. B. der Sturm auf die Bastie als Schrei des Men-
5
schen nach Freiheit – hier steht das Wesen des Menschen und der Menschheit auf
dem Spiel.
So kam es mit der Erarbeitung der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes (GS) zur
einzigen, die erst innerhalb des Konzils auf den Weg gebracht wurde und die bis zum
Schluß auch umstrittenste. Sie enthält z. B. Aussagen zur Friedenspolitik, konkret zu
Atomwaffen. Da hielten sich auf dem Hintergrund der Kuba-Krise die USamerikanischen Bischöfe bedeckt. Es brauchte 8 Textvorlagen, Schemata, die ersten
wurden dem Konzil gar nicht vorgelegt. Die Abstimmung erfolgte am letzten Sitzungstag, am 7.12.1965, einem Tag vor dem feierlichen Abschluß des Konzils.
Wie kein anderes Dokument, außer die Erklärung über die Religionsfreiheit steht diese Konstitution für das Geschehen auf dem Konzil selbst. Kennzeichnend für GS sind
v. a. 2 Merkmale:
Das Interesse am Menschen und die Öffnung zur Welt. Aber die Antwort "der Welt"
blieb nicht aus – das Konzil fand ein überwältigendes Echo, eine derart positive Resonanz, die bahnbrechend war für die weitere Entwicklung auch nach dem Konzil.
Weiter charakterisiert dieses Konzilsdokument der ihm eigene Mut, „in der komplexen Situation des heutigen Menschen und seiner Welt konkrete Weisungen zu geben, die als Weisungen zunächst die Glieder der Kirche betreffen, als Hinweise,
Empfehlungen und Einladungen aber an alle Menschen gerichtet sind.“ (Karl Rahner
/ Herbert Vorgrimmler: Kleines Konzilskompendium, Freiburg i. Br., 21. Aufl. 1989, S.
425) Damit widerspricht das Konzil eindeutig jenen Tendenzen, die der Kirche als
Aufgabe nur die Befriedigung religiöser Bedürfnisse zuschreiben.
Das Dokument hat folgenden Aufbau:
Vorwort GS 1-3;
Einführung: Die Situation des Menschen in der heutigen Welt GS 4-10
1. Hauptteil: Die Kirche und die Berufung des Menschen GS 11-45.
Kapitel I: GS 12 Die Würde der menschlichen Person (kennzeichnend für die
Moderne: z. B. Menschenrechte…).
Kapitel II: GS 23 Die menschliche Gemeinschaft. Der Mensch als Gemein
schaftswesen, sein "Mit-sein" mit den Anderen.
Kapitel III: GS 33 Das menschliche Schaffen in der Welt, sein Tun, wie er sich in
der Welt entfaltet.
Kapitel IV: GS 40 Die Aufgabe der Kirche in der Welt von heute
2. Hauptteil: Wichtigere Einzelfragen GS 46-90.
Kapitel I: GS 47 Förderung der Würde der Ehe und der Familie
Kapitel II: GS 53 Die richtige Förderung des kulturellen Fortschritts
Kapitel III: GS 63 Das Wirtschaftsleben
Kapitel IV: GS 73 Das Leben in der politischen Gemeinschaft
Kapitel V: GS 77 Die Förderung des Friedens und der Aufbau der Völkergemein
schaft
Schlusswort GS 91
(Der Darstellung liegen die Ausführungen von Prof. Dr. Peter Hünermann bei der
Präsideskonferenz der KAB Deutschlands vom 19. bis 22. März 2012 in Herzogenrath zugrunde. Vgl. auch grundsätzlich Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, hg. Von Peter Hünermann / Bernd Jochen Hilberath: Verlag
Herder, Freiburg.)
6
PASTORALE KONSTITUTION
GAUDIUM ET SPES
ÜBER DIE KIRCHE IN DER WELT VON HEUTE
Textblatt zum Thema: Wirtschaft und Arbeit
64. Wirtschaftlicher Fortschritt zum Dienst am Menschen
Die fundamentale Zweckbestimmung dieses Produktionsprozesses besteht aber weder in der vermehrten Produktion als solcher noch in Erzielung von Gewinn oder
Ausübung von Macht, sondern im Dienst am Menschen, und zwar am ganzen Menschen im Hinblick auf seine materiellen Bedürfnisse, aber ebenso auch auf das, was
er für sein geistiges, sittliches, spirituelles und religiöses Leben benötigt. Das gilt
ausdrücklich für alle Menschen und für jeden einzelnen, für jede Gruppe, für Menschen jeder Rasse und jeden Erdteils.
67. Arbeit, Arbeitsbedingungen, Freizeit
Die in der Gütererzeugung, der Güterverteilung und in den Dienstleistungsgewerben
geleistete menschliche Arbeit hat den Vorrang vor allen anderen Faktoren des wirtschaftlichen Lebens, denn diese sind nur werkzeuglicher Art.
68. Die Beteiligung in der Ordnung von Unternehmen und Gesamtwirtschaft;
In den wirtschaftlichen Unternehmen stehen Personen miteinander in Verbund, d.h.
freie, selbstverantwortliche, nach Gottes Bild geschaffene Menschen. Darum sollte
man unter Bedachtnahme auf die besonderen Funktionen der Einzelnen, sei es der
Eigentümer, der Arbeitgeber, der leitenden oder der ausführenden Kräfte, und unbeschadet der erforderlichen einheitlichen Werkleitung die aktive Beteiligung aller an
der Unternehmensgestaltung voranbringen; …
Eines der grundlegenden Rechte der menschlichen Person ist das Recht der im Arbeitsverhältnis stehenden Menschen, in voller Freiheit Organisationen zu gründen,
die sie echt vertreten und imstande sind, zur rechten Gestaltung des Wirtschaftslebens einen wirksamen Beitrag zu leisten, wie auch in diesen Organisationen sich frei
zu betätigen, ohne Gefahr zu laufen, deswegen irgendwelchen Nachteilen ausgesetzt zu sein.
69. Die Widmung der irdischen Güter an alle Menschen
Gott hat die Erde mit allem, was sie enthält, zum Nutzen aller Menschen und Völker
bestimmt; darum müssen diese geschaffenen Güter in einem billigen Verhältnis allen
zustatten kommen; dabei hat die Gerechtigkeit die Führung, Hand in Hand geht mit
ihr die Liebe. Wie immer das Eigentum und seine nähere Ausgestaltung entsprechend den verschiedenartigen und wandelbaren Umständen in die rechtlichen Institutionen der Völker eingebaut sein mag, immer gilt es, achtzuhaben auf diese allgemeine Bestimmung der Güter. …
Zudem steht allen das Recht zu, einen für sich selbst und ihre Familien ausreichenden Anteil an den Erdengütern zu haben. Das war die Meinung der Väter und Lehrer
der Kirche, die sagen, es sei Pflicht, die Armen zu unterstützen, und zwar nicht nur
vom Überfluß. Wer aber sich in äußerster Notlage befindet, hat das Recht, vom
Reichtum anderer das Benötigte an sich zu bringen.
7
Textblatt zum Thema: Staat
26. Aus der immer engeren und allmählich die ganze Welt erfassenden gegenseitigen Abhängigkeit ergibt sich als Folge, dass das Gemeinwohl, d. h. die Gesamtheit
jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch
deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen, heute mehr und mehr einen weltweiten Umfang annimmt und
deshalb auch Rechte und Pflichten in sich begreift, die die ganze Menschheit betreffen. Jede Gruppe muss den Bedürfnissen und berechtigten Ansprüchen anderer
Gruppen, ja dem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen.
…Die gesellschaftliche Ordnung und ihre Entwicklung müssen sich dauernd am Wohl
der Personen orientieren; denn die Ordnung der Dinge muss der Ordnung der Personen dienstbar werden und nicht umgekehrt.
74. Die politische Gemeinschaft besteht also um dieses Gemeinwohls willen; in ihm
hat sie ihre letztgültige Rechtfertigung und ihren Sinn, aus ihm leitet sie ihr ursprüngliches Eigenrecht ab. Das Gemeinwohl aber begreift in sich die Summe aller jener
Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die den Einzelnen, den Familien und gesellschaftlichen Gruppen ihre eigene Vervollkommnung voller und ungehinderter zu erreichen gestatten. Aber die Menschen, die zu einer politischen Gemeinschaft zusammenfinden, sind zahlreich und verschiedenartig. Sie können mit Recht verschiedene Meinungen haben. Damit nun der Staat nicht dadurch, dass jeder seiner eigenen Ansicht folgt, zerfällt, bedarf es einer Autorität, welche die Kräfte aller Bürger auf
das Gemeinwohl lenkt…Wo jedoch die Staatsbürger von einer öffentlichen Gewalt,
die ihre Zuständigkeit überschreitet, bedrückt werden, sollen sie sich nicht weigern,
das zu tun, was das Gemeinwohl objektiv verlangt. Sie haben jedoch das Recht, ihre
und ihrer Mitbürger Rechte gegen den Missbrauch der staatlichen Autorität zu verteidigen, freilich innerhalb der Grenzen des Naturrechts und des Evangeliums.
8
75. Berechtigte Meinungsverschiedenheiten in Fragen der Ordnung irdischer Dinge
sollen sie anerkennen, und die anderen, die als Einzelne oder kollektiv solche Meinungen anständig vertreten, sollen sie achten. Die politischen Parteien müssen das
fördern, was ihres Erachtens nach vom Gemeinwohl gefordert wird; sie dürfen niemals ihre Sonderinteressen über dieses Gemeinwohl stellen.
Textblatt zum Thema: Atheismus
19. Formen und Wurzeln des Atheismus
…Denn der Atheismus, allseitig betrachtet, ist nicht eine ursprüngliche und eigenständige Erscheinung; er entsteht vielmehr aus verschiedenen Ursachen, zu denen
auch die kritische Reaktion gegen die Religionen, und zwar in einigen Ländern vor
allem gegen die christliche Religion, zählt. Deshalb können an dieser Entstehung des
Atheismus die Gläubigen einen erheblichen Anteil haben, insofern man sagen muß,
daß sie durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch mißverständliche
Darstellung der Lehre oder auch durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als
offenbaren.
21. Die Haltung der Kirche zum Atheismus
…Jedoch sucht die Kirche die tiefer in der atheistischen Mentalität liegenden Gründe
für die Leugnung Gottes zu erfassen und ist im Bewußtsein vom Gewicht der Fragen,
die der Atheismus aufgibt, wie auch um der Liebe zu allen Menschen willen der Meinung, daß diese Gründe ernst und gründlicher geprüft werden müssen. Die Kirche
hält daran fest, daß die Anerkennung Gottes der Würde des Menschen keineswegs
widerstreitet, da diese Würde eben in Gott selbst gründet und vollendet wird...
9
…Das Heilmittel gegen den Atheismus kann nur von einer situationsgerechten Darlegung der Lehre und vom integren Leben der Kirche und ihrer Glieder erwartet werden. Denn es ist Aufgabe der Kirche, Gott den Vater und seinen menschgewordenen
Sohn präsent und sozusagen sichtbar zu machen, indem sie sich selbst unter der
Führung des Heiligen Geistes unaufhörlich erneuert und läutert (17); das wird vor
allem erreicht durch das Zeugnis eines lebendigen und gereiften Glaubens, der so
weit herangebildet ist, daß er die Schwierigkeiten klar zu durchschauen und sie zu
überwinden vermag. …Dieser Glaube muß seine Fruchtbarkeit bekunden, indem er
das gesamte Leben der Gläubigen, auch das profane, durchdringt und sie zu Gerechtigkeit und Liebe, vor allem gegenüber den Armen, bewegt.
…Wenn die Kirche auch den Atheismus eindeutig verwirft, so bekennt sie doch aufrichtig, daß alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende, zum richtigen Aufbau
dieser Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten müssen. Das kann gewiß nicht geschehen ohne einen aufrichtigen und klugen Dialog. Deshalb beklagt sie
die Diskriminierung zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, die gewisse Staatslenker in Nichtachtung der Grundrechte der menschlichen Person ungerechterweise
durchführen. Für die Glaubenden verlangt die Kirche Handlungsfreiheit, damit sie in
dieser Welt auch den Tempel Gottes errichten können. Die Atheisten aber lädt sie
schlicht ein, das Evangelium Christi unbefangen zu würdigen.
10
Textblatt zum Thema: Friede
78. Vom Wesen des Friedens
Der Friede besteht nicht darin, daß kein Krieg ist; er läßt sich auch nicht bloß durch
das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern; er entspringt ferner nicht dem
Machtgebot eines Starken; er heißt vielmehr mit Recht und eigentlich ein "Werk der
Gerechtigkeit" (Jes 32,17)…
79. Der Unmenschlichkeit der Kriege Dämme setzen
Obwohl die jüngsten Kriege unserer Welt ungeheuren materiellen und moralischen
Schaden zugefügt haben, setzt der Krieg doch jeden Tag in irgendeinem Teil der
Welt seine Verwüstungen fort. Es droht sogar beim Gebrauch wissenschaftlicher
Waffen, gleich welcher Art, eine Barbarei der Kriegführung, die die Kämpfenden zu
Grausamkeiten verleitet, die die vergangener Zeiten weit übersteigt. Die Kompliziertheit der heutigen Lage und die Verflochtenheit der internationalen Beziehungen ermöglichen zudem neue hinterhältige und umstürzlerische Methoden, Kriege zu tarnen und in die Länge zu ziehen. In vielen Fällen gibt der Einsatz terroristischer Praktiken der Kriegführung eine neue Gestalt.
Diesen beklagenswerten Zustand der Menschheit vor Augen, möchte das Konzil vor
allem an die bleibende Geltung des natürlichen Völkerrechts und seiner allgemeinen
Prinzipien erinnern. Das Gewissen der gesamten Menschheit bekennt sich zu diesen
Prinzipien mit wachsendem Nachdruck. Handlungen, die in bewußtem Widerspruch
zu ihnen stehen, sind Verbrechen; ebenso Befehle, die solche Handlungen anordnen; auch die Berufung auf blinden Gehorsam kann den nicht entschuldigen, der sie
ausführt. Zu diesen Handlungen muß man an erster Stelle rechnen: ein ganzes Volk,
eine Nation oder eine völkische Minderheit aus welchem Grunde und mit welchen
Mitteln auch immer auszurotten. Das sind furchtbare Verbrechen, die aufs schärfste
zu verurteilen sind. Höchste Anerkennung verdient dagegen die Haltung derer, die
sich solchen Befehlen furchtlos und offen widersetzen.
81. Der Rüstungswettlauf
…Wie immer man auch zu dieser Methode der Abschreckung stehen mag - die Menschen sollten überzeugt sein, daß der Rüstungswettlauf, zu dem nicht wenige Nationen ihre Zuflucht nehmen, kein sicherer Weg ist, den Frieden zu sichern, und daß
das daraus sich ergebende sogenannte Gleichgewicht kein sicherer und wirklicher
Friede ist. Statt daß dieser die Ursachen des Krieges beseitigt, drohen diese dadurch
sogar eher weiter zuzunehmen. Während man riesige Summen für die Herstellung
immer neuer Waffen ausgibt, kann man nicht genügend Hilfsmittel bereitstellen zur
Bekämpfung all des Elends in der heutigen Welt. Anstatt die Spannungen zwischen
den Völkern wirklich und gründlich zu lösen, überträgt man sie noch auf andere Erdteile. Neue Wege, von einer inneren Wandlung aus beginnend, müssen gewählt
werden, um dieses Ärgernis zu beseitigen, die Welt von der drückenden Angst zu
befreien und ihr den wahren Frieden zu schenken. …Darum muß noch einmal erklärt
werden: Der Rüstungswettlauf ist eine der schrecklichsten Wunden der Menschheit,
er schädigt unerträglich die Armen…
11
Dr. Siegfried Ecker
Vorsitzender KAB Bildungswerk
Zeichen der Zeit 1962 bis 1965
Siehe Link auf www.kab-bamberg.de
12
Zeichen der Zeit heute
Herausforderungen
Fotos: Udo Scherzer
Zusammenstellung: Siegfried Ecker
Ermutigungen
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
6
Dateigröße
1 987 KB
Tags
1/--Seiten
melden