close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 Interview 6 EF: Bitte beschreiben Sie kurz, was Sie mit dem Hören

EinbettenHerunterladen
Interview 6
EF: Bitte beschreiben Sie kurz, was Sie mit dem Hören und mit Stadtklang in Braunschweig zu
tun haben.
Also, beruflich habe ich bei der Stadt mit Geräusch und Lärm zu tun. Ich kümmere mich um die
großen stadtweiten Lärmminderungsprojekte. Zur Zeit läuft auch das Thema Lärmaktionsplanung
wo wir die Bürger mitnehmen, über das Thema Lärm in der Stadt zu diskutieren, wobei es da
vorwiegend um technischen Lärm, also Autos, Fahrzeuge, Straßenraum, Schienenlärm,
Gewerbelärm und Fluglärm geht, also nicht um den Lärm, der von Menschen gemacht ist, im
Sinne von Rasenmähen oder Partys, sondern mehr aus dem technischen Bereich.
EF: Wie unterscheidet man zwischen Lärm und Geräusch?, offiziell, und nach ihrer persönlichen
Meinung.
Lärm ist schon ein subjektiver Begriff. Eigentlich haben wir ein Schallereignis– also Luftdruck:
einfach bewegte Luft, die auf unser Ohr dringt. Rein physikalisch macht es keinen Unterschied
ob 60db laut ein Wasserfall ist an dem man steht oder 60 db laut eine Strasse. Der Schalldruck,
der über die Luft, erzeugt wird, ist derselbe. Zum Lärm wird es erst dann, wenn ich es bewerte,
als Mensch sage, “das Geräusch nervt mich”. Dann sagen wir das ist Lärm. Bei Musik ist es ganz
einfach, Leute, die lieber Blues hören, die sagen, “tolle Musik”. Menschen, die lieber Klassik
hören, sagen, “oh Mann, bleib mir weg mit Blues” und die empfinden das als Lärm. Also Lärm
ist immer schon der subjektive Begriff für ein Geräusch.
EF: Es gibt verschiedene Schritte der ULR (Umgebungslärmrichtlinie). Einer davon, der erste,
ist Lärmkartierung. Wenn Sie Lärm als subjektiv beschreiben, was zeigen Lärmkarten dann
nicht– was sind die Nachteile, wo hört die Information, die sie uns geben auf?
Die Lärmkarten sind erstmal eine Art objektive Darstellung. Da wird einfach gerechnet wie laut
es ist– man könnt es natürlich auch messen, nur man kann nicht einfach ganze Stadtgebiete
messtechnisch erfassen, deswegen rechnet man an der Stelle. Das ist die objektive Seite: so laut
ist es. Die subjektive Seite ist: wie empfindet der Mensch dann diese Lautstärke. Und das kann
einfach ganz unterschiedlich sein, von ein Mensch zu Mensch verschieden. Wir erleben es ja
jetzt in den Öffentlichkeitsforen, dass die Einen sagen, “ich finde es gut, dass die Kehrmaschine
nachts die Gehwege kehren und reinigen, da stört mich dieses Geräusch gar nicht – das ist mir
lieber, als wenn die das tagsüber machen und im weg sind, wenn ich mit Fahrrad oder als
Fußgänger unterwegs bin, oder als Autofahrer, wenn die so langsam vor mir herfahren.” Der
andere der daneben sitzt sagt, “ich kann dieses Geräusch überhaupt nicht leiden. Ich möchte
nachts schlafen und das stört mich, auch wenn das nur 10 Sekunden dauert bis es an meinem
Haus vorbei ist.” Das ist die subjektive Seite, und das bemerkt man in den Foren, dass manche
Menschen darüber nachdenken und sagen, “Hey, mich stört es – mein Nachbarn aber wohl
gerade nicht.” Und das nivelliert die Aussagen zu einander, sodass auch wir als öffentliche
Verwaltung ein Gefühl dafür kriegen, es ist nicht nur ein Lärmpegel, sondern es ist auch wichtig
– wie steht der Mensch zu diesem Geräusch. Findet er das jetzt wirklich lästig, oder sagt er: das
ist in Ordnung so, weil es ja gemacht werden muss.
– Braunschweiger Sound Space – Klangstaetten|Stadtklaenge Braunschweig – 2012 – Elen Flügge – #6
1
EF: Können Sie ein bisschen mehr auf diesen zweiten Schritt von der ULR, der
Bürgerbeteiligung, eingehen,?
Ja, wir gehen auf beide Seiten– die Lärmkartierung an sich, das ist eine objektive Darstellung,
das ist der erste Schritt. Das ist quasi eine Information, die wir erstellen und dann rausgeben,
damit wir überhaupt mal diskutieren können: Wo ist es dann wie laut. Und dann im zweiten
Schritt, ist jetzt, das Wichtige den Menschen, der davon betroffen ist bei dem Thema
mitzunehmen, zu sagen, “stört dich das denn wirklich, was wir jetzt auf den karten ablesen
können?” und wenn ja, “was stört dich besonders?”, und, “hast Du eine Idee, was wir daran
verbessern könnten.” Im Prinzip sind wir alle gemeinsam auch Verursacher. Die Strasse an sich
ist ja nicht laut. Das Auto was da darauf fährt ist laut– und das sind wir: wir fahren mit unseren
Autos auf den Strassen. Und damit erzeugen wir selber das Geräusch. Vielleicht kann man auf
der einen Seite etwas an der Strasse machen:–leisere Oberflächen erzeugen, langsamere
Geschwindigkeiten vorgeben– aber man kann auch darüber nachdenken, muss ich diese Fahrt
heute wirklich machen, oder mach ich sie heute mit dem Fahrrad? Auch dieser Prozess ist
wichtig, in dem wir informieren und Menschen mitnehmen, dass auch das Denken angeregt wird:
was kann ich selber dazu beitragen.
EF: Ist es einfach oder schwierig Beteiligung, Interesse oder Aktion zu kriegen?
Es ist eigentlich nicht schwierig. Es gibt Menschen, die sind da eher bereit gleich mitzumachen,
die sind engagiert. Es ist eher schwierig, sag ich mal, die breite Masse zu erreichen. Das ist das
Hauptproblem. Wie kommuniziert man etwa, dass man sich hier einsetzten kann? Es wurde
Werbung gemacht, in allen üblichen Medien wie Facebook, Twitter, Tageszeitung und Internet.
Die Resonanz ist angesichts der Gesamtzahl der Menschen die in Braunschweig wohnen, eher im
Promillebereich. Aber das muss ja nicht heißen, dass wir Qualitätsverlust haben. Die Menschen,
die kommen, haben ein Anliegen. Die kommen mit Ideen. Und dann sind es lieber Wenige mit
guten Ideen als die Masse, die kaum Ideen mitbringt. Von daher gesehen kann man zu Qualität
wenig sagen, außer: diese Menschen, die da waren haben wertvolle Hinweise und Ideen gebracht.
Natürlich hätte mich gefreut, wenn die Zahl größer gewesen wäre, gar keine Frage. Aber
insgesamt haben wir mit diesem ersten Schritt, dass man da mitmachen kann, einen gewissen
Aha Effekt erreicht Das ist etwas Neues. Früher war Verwaltung althergebracht noch anders. Die
gibt irgendetwas vor, und wir, als Bürger müssen uns danach richten. Und jetzt haben wir ein
ganz anderes Beteiligungsverfahren, wo man nicht nur etwas gesagt bekommt, sondern
mitarbeiten kann. Das ist Neu. Vielleicht dauert es auch etwas diesen Prozess anzuregen.
EF: Und was, Ihrer Meinung nach, würde helfen diesen Prozess mehr anzuregen?
Ich glaube, wenn man ihn häufiger wiederholt. Wenn das einfach in das Bewusstsein der
Menschen immer mehr Einzug hält, dass man etwas bewegen kann. Ich denke da warten jetzt
viele darauf, was mit ihrem Ideen passiert. Und wenn man am Ende feststellt, die Ideen wurden
bewertet, manche davon für gut und umsetzbar befunden, auch technisch und finanziell, erleben
die Menschen auch: “Hey, da tut sich was– das war meine Idee, die hier etwas verändert hat”–
dann redet man darüber mit der Nachbarschaft...diese Multiplikation ist sehr wertvoll im
nachhinein.
– Braunschweiger Sound Space – Klangstaetten|Stadtklaenge Braunschweig – 2012 – Elen Flügge – #6
2
EF: Haben sie ein Beispiel von einer Idee, die von die Bürger gekommen ist, die einen anderen
Ansatz gezeigt hat als die Lärmminderungsplanung?
Die ganzen Ideen werden jetzt erst gebündelt, zusammengefasst, und dann auch bewertet. Dann
sehe ich erstmals Alles was gekommen ist. Wir haben auch eine Internetbeteiligung, doch auch
diese Sachen sehe ich erst, wenn das Ganze abgeschlossen ist. Dann bekomme ich die Liste aller
Ideen, die eingelangt sind. Von daher habe ich im Moment nur einen ganz minimalen Eindruck...
Da sind schon Ideen... das mit der Kehrmaschine, was ich schon erzählt habe, fand ich ganz
interessant: dass zwei Bürger, die das Gleiche erleben, komplett konträre Meinung dazu haben.
Da gibt es jetzt gar keine richtige Lösung an der Stelle, weil der eine sagt, “Super, ich möchte das
gar nicht tagsüber haben”, der andere sagt, “ich möcht aber, dass das tagsüber stattfindet, wenn
ich nicht zu Hause bin, damit es mich nachts nicht stört”. Dann muss man natürlich schauen,
wie man das an der Stelle lösen könnte.
So richtig ganz krasse Ideen, auf die ich selber noch nie gekommen wäre, habe ich bis jetzt noch
nicht gehört. Aber das liegt auch daran, dass wir im Vorfeld dieser Öffentlichkeitsbeteiligung
innerhalb der Fachabteilungen mit Kollegen vom Strassenbau, von der Stadtplanung, vom
Naturschutz usw. eine Arbeitsgruppe gegründet und alle Ideen die uns bzgl. Lärmschutz oder
Stadtplanung eingefallen sind, schon mal alle aufgeschrieben haben. Alles was man auch im
Bundesgebiet in Veröffentlichungen liest haben wir schon bewertet, ob das auch hier Sinn
machen würde. Das heisst, wir haben ein ganzes Repertoire an Ideen, spezifisch für
Braunschweig. Dann hatten wir schon eine Sitzung mit sogenannten Experten: da ist BOND,
ADAC, dann ADFC, das ist die Vereinigung für Fahrradfahrer, Das heißt,. es gibt schon viele
Lösungsansätze und ich kann im Moment noch nicht sagen, ob es noch Ideen gibt, die darüber
hinausgehen. Aber was es auf jeden Fall gibt sind zusätzliche Informationen an neuralgischen
Punkten vor Ort, die wir aus den Karten nicht ablesen können.
EF: Wie würden Sie sich selber einschätzen als Hörer? Sind sie empfindlich für Klänge und
Geräusche? Wie ist ihr Hörverhalten...?
Ja, ich bin, was technische Geräusche angeht, oder auch die menschliche Sprache sehr
empfindlich. Das fängt schon damit an, dass ich im Prinzip Strassenverkehrsgeräusche nicht gut
tolerieren kann, wenn ich nachts schlafen möchte. Ein einzelnes Geräusch stört mich dann schon
im Schlaf, ich weiss ich bin sehr empfindlich an der Stelle. Das ist aber auch berufsbedingt weil
ich mich seit 20 Jahren mit Lärmmessungen beschäftige und einfach ein ganz anderes Ohr habe
für Dinge, da ich bei einer Messung auch das Geräusch, das ich messen will, raushören muss.
Und das geprägt mich dann so, dass mich Geräusche vielleicht wirklich anders stören, schneller,
als einen durchschnittlichen Menschen.
EF: Wenn Sie an Braunschweig denken, welche Klänge und Geräusche, im positiven Sinne,
verbinden Sie mit dieser Stadt? ...die charakteristisch sind oder einfach wichtig für Sie?
Also für ganz Braunschweig ist das schwierig. Das östliche Ringgebiet, in dem ich wohne, ist
gekennzeichnet durch sehr viele Parkanlagen. Da gibt es auch Freizeitanlagen, wie
Skateranlagen, und das ist typisch bei uns, dass jeden Abend, wenn die Sonne untergegangen ist,
die Skaterboardfahrer wieder nach Hause fahren– und das ist das grösste Verkehrsgeräusch, das
wir abends in der Strasse haben. Nicht die Autos sondern die zurückrollenden Skateboarder– die
auf der Strasse dann auch über jede Erhebung springen, die da im Weg steht. Ich empfinde es
– Braunschweiger Sound Space – Klangstaetten|Stadtklaenge Braunschweig – 2012 – Elen Flügge – #6
3
nicht als total störend, sondern es hängt damit zusammen, dass wir dort eine hohe
Freizeitmöglichkeit haben, mit Wald und Freizeitanlagen und dadurch ist das charakteristisch.
Auch charakteristisch an der Stelle sind menschliche Geräusche, also Sprache, Lachen, sich
freuen, Musik, weil in der Parkanlage natürlich auch gegrillt wird und Musik gehört oder
gemacht wird.
Das verbinde ich positiv mit dem östlichen Ringgebiet. Natürlich haben wir auch eien stark
befahrene Strasse an der Stelle, weil Braunschweig ja durch ein Ringstrassensystem erschlossen
wird, und natürlich ein Teil des Rings auch am östlichen Ringgebet vorbeifährt. Das sind
durchaus Geräusche, die natürlich nicht irgendwie angenehm sind, Verkehrsgeräusche, ... aber
gehören zu einer großen Stadt. Wenn wir sie leiser bekommen, im Rahmen den
Lärmaktionsplanung, freue ich mich auch.
EF: Was wäre Ihr klangstädtisches Ideal?
Ideal für mich wären weniger technische Geräusche, also hauptsächlich Verkehrsgeräusche, dafür
mehr Naturklänge, wie Wald– Baumrauschen, Wind in Bäumen, oder Wind in Sträuchern, man
hört es relativ gut immer beim Schilfgras, dieses Räuschen ist sehr angenehm für den Menschen.
Also eine etwas leisere Stadt, so weit es für eine Großstadt möglich ist, fände ich angenehm, und
mehr Natur hörbar: Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, das wäre schöner.
EF: Was muss sich im positiven Sinne ändern, oder was können oder sollten Leute machen um
dieses Ideal zu erreichen, oder um den Städtischen Klangraum zu verbessern.
Und sehen Sie da eine Rolle für Künstler und Kunst da drin?
Jeder kann verschiedene Beiträge leisten, das eine wäre z.B., es gibt viele technische Dinge, die
einfach Lärm verursachen der nicht sein muss. Ich sage mal Laubsauger, Laubbläser. Das ist so
eine moderne Form der Krachveranstaltung, man könnte es genau so gut mit einem Besen
machen. Das wäre viel leiser als so ein lärmender, vor sich hin stinkender Laubbläser. Da kann
jeder so eine Kleinigkeit dazu beitragen.
Was können Künstler machen? Ich denke Kunst kann immer eine Form sein Leute ins Gespräch
zu bringen über ein Thema. Manchmal sehr provokant, manchmal aber auch einfach nur um
Verständnis zu wecken oder auch Ideen aufzuzeigen. Da sehe ich eine große Chance. Wenn man
diese Message übertragen kann an die Menschen und das auch plakativ darstellen kann.
Ich war vor kurzem in Wolfsburg, im Kunstmuseum, da hing oben eine Wasserwanne, und da
fielen Tropfen raus und diese Tropfen fielen in einer Geschwindigkeit , so dass sie immer ein
Wort ergaben. Und dann aus diesem Geräusch, das da taktete um diese Wassertropfen zu
erzeugen– die machten die ganze Zeit immer nur tak tak tak tak– fiel das Wort “Ruhe” als
Wassertropfen runter. Es ist laut – diese Mechanik war sehr laut. Und dann fällt des Wort Ruhe
als Ergebnis raus. Ich denke das regt zum Nachdenken an und das kann Kunst machen, wenn sie
genug Raum hat und den Menschen auch erreicht.
– Braunschweiger Sound Space – Klangstaetten|Stadtklaenge Braunschweig – 2012 – Elen Flügge – #6
4
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
106 KB
Tags
1/--Seiten
melden