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Essaywettbewerb 2006 Was ist und wofür steht ein - START-Stiftung

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Essaywettbewerb 2006
Was ist und wofür steht ein
START-Stipendiat?
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Essaywettbewerb 2006
1. Platz – Sekundarstufe I
Othman Al-Sawaf
Geboren am 11. 01. 1990
Alter: 16 Jahre
Geburtsort: Aachen, Deutschland
Herkunftsland der Eltern: Syrien
Jahrgangsstufe: 10. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Couven-Gymnasium, Aachen
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Brückenbauer in Deutschland
Was ist und wofür steht ein START-Stipendiat?
Othman Al-Sawaf
Warum wird Immigration ständig als Problemfall behandelt? Warum
wird Integration immer als unüberwindbare Hürde angesehen? Die
Antwort ist einfach: Weil kaum jemand die positiven Seiten von
Immigration und Integration kennt. In den Medien hört man von
Abschiebungen, sozialhilfeabhängigen Großfamilien, Missverständnissen und kulturellen Differenzen. Ausländische Jugendliche sind
den meisten nur als Hauptschüler bekannt. Es ist unbestreitbar, dass
ein Großteil der Jugendlichen aus ausländischen Familien nie einen
höheren Schulabschluss erreicht. Fast 40 % der Migranten erreichen
keinen Berufsabschluss, 20 % erreichen nicht einmal einen Schulabschluss. Doch ohne Motivation und ohne das Gefühl zu haben, dass
ihre Leistung und Engagement hier erwünscht sind, wird das Problem niemals gelöst werden können. START-Stipendiaten treten
somit in eine Vorbildfunktion und zeigen anderen Migranten das
Beispiel einer gelungenen Integration und dass sich Einsatz für die
Gesellschaft lohnt. Dadurch motiviert jeder einzelne Stipendiat
andere Migranten und gibt ihnen den entscheidenden Anstoß, sich
um Integration zu bemühen.
Ein START-Stipendiat ist ein Brückenbauer. Er zeigt den anderen
Menschen beispielhaft das Ergebnis einer gelungenen Integration in
eine für ihn fremde Gesellschaft. Dabei übernimmt jeder Einzelne
der Stipendiaten eine Vorbildfunktion und zeigt durch sein Engagement, seinen schulischen Erfolg und durch seine Visionen anderen
Migranten, dass er hier in Deutschland erwünscht ist, dass es Organisationen gibt, die ihn fördern, und dass jede friedliche Meinung
und Lebenseinstellung toleriert wird. Damit hilft jeder START-Stipendiat, Vorurteile, die sich in der Gesellschaft gefestigt haben, aufzulösen und diese richtigzustellen. Wichtig ist, dass man sich seiner
Verantwortung immer bewusst bleibt und sich auch darum bemüht,
andere Menschen zu motivieren. Solange in einer Gesellschaft Stereotype existieren, können mehrere Kulturen nicht friedvoll miteinander
leben.
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Doch in einer anderen Kultur aufzuwachsen und diese zu erleben
bedeutet nicht, dass man seine alten Traditionen vergisst. Gerade in
Deutschland kann man als junger Bürger mit seinem Wissen über
fremde Kulturen sehr viel anfangen. Anders als in vielen anderen
Ländern ist die Meinung von Jugendlichen in Deutschland besonders
gefragt. Bereits in der Schule begegnet man in Podiumsdiskussionen
und Seminaren Politikern, die nach der eigenen Meinung fragen und
mit Jugendlichen diskutieren. Als junger Bürger in Deutschland hat
man immer das Gefühl, dass die eigene Meinung zählt und dass
diese auch toleriert wird. So entsteht insbesondere zwischen Migranten und Nichtmigranten ein Kulturaustausch, der zum gegenseitigen Verständnis führt.
Häufig scheitern aber viele Versuche der Integration. Oft bilden sich
Parallelgesellschaften, d. h., Migranten leben hier in ihrer eigenen
Kultur weiter, ohne die neue Kultur zu akzeptieren. Es ist daher im
Grunde ganz natürlich, dass diese Migranten auch nicht akzeptiert
werden. Und so beginnt ein Prozess, in dem viele Vorurteile, Hass und
Konflikte entstehen.
Hier liegt noch die große Herausforderung von Deutschland. Ein Beispiel: Eine Familie immigriert nach Deutschland. Um die deutsche
Staatsangehörigkeit anzunehmen, muss diese Familie durch einen
langwierigen und mühsamen Prozess. Dieser Vorgang kann mehrere
Jahre dauern. In dieser Zeitspanne können sie schon rein rechtlich
gesehen nicht genauso behandelt werden wie jemand mit einer
deutschen Staatsangehörigkeit. Sie erhalten kein Kinder-, Sozial- oder
Arbeitslosengeld, haben kein Wahlrecht und können somit nicht aktiv
am Leben in der Gesellschaft teilnehmen. Für sie wird es viel schwieriger sein, sich später in die Gesellschaft zu integrieren, nachdem sie
schon jahrelang in diesem Land gelebt haben. Deswegen sollte man
in Deutschland erheblich mehr Betreuung von Migranten organisieren und ihnen beim entscheidenden Schritt zur Integration auch
helfen: der Sprache. Nur durch das Erlernen der deutschen Sprache ist
es möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Ich bin froh, dass meine Eltern direkt erkannt haben, wie wichtig
Kommunikation und Sprache in der Gesellschaft sind. Auch die deutsche Staatsangehörigkeit haben mittlerweile alle in meiner Familie
erlangt. Ich kann mich daher auch formell gesehen als Teil dieser
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Gesellschaft betrachten. Für mich kommt es deshalb überhaupt
nicht in Frage, nach der Ausbildung in einem anderen Land zu arbeiten und zu leben als in Deutschland. Wer hier so positiv empfangen
wurde, wer hier in einer arabischen und deutschen Kultur aufgewachsen ist, entwickelt schnell eine Verbundenheit zu dieser Kultur.
Vorbilder nehme ich meistens aus meiner direkten Umgebung, weil
ich nur dann den wirklichen Charakter einer Person kennen kann. Bei
vielen meiner Entscheidungen orientiere ich mich am Vorbild meiner
Eltern. Mit viel Ehrgeiz und Motivation haben sie sich in diese Gesellschaft eingelebt und meine vier Geschwister und mich in zwei Kulturen aufgezogen, ohne jedoch eine von beiden zu vernachlässigen.
Genauso möchte ich auch immer eine Brücke zwischen zwei Kulturen bauen und mich für sie engagieren.
Nach meinem Abitur will ich auch hier in meinem Geburtsort
Aachen Medizin studieren. Es gibt kaum Berufe, in denen man Menschen so praktisch helfen kann, wie in dem des Arztes. Auch hat man
ein hohes Ansehen in der Gesellschaft und bleibt somit immer ein
Teil dieser Gesellschaft. Ferner steht man ständig in engem Kontakt
mit seinen Patienten, und so kann ein Dialog zwischen Kulturen
entstehen. Ich sehe es als Gegenleistung für die positive Aufnahme
hier an, nicht ins Ausland zu gehen, sondern weiterhin in diesem
Land zu arbeiten und hier Teil der Gesellschaft zu bleiben.
Als START-Stipendiat habe ich die einmalige Gelegenheit, ungeachtet der eigenen finanziellen Situation an beste Bildungsmöglichkeiten zu gelangen. Gleichzeitig werde ich in einen Kreis von anderen Menschen aufgenommen, die genauso motiviert und fundiert
über ihre Zukunft nachdenken und ihre Ziele verwirklichen. Innerhalb dieser Gruppe erlebe ich einen Kulturaustausch, der den meisten Menschen leider vorenthalten bleibt.
Ich habe somit die Chance, mithilfe dieser Unterstützung mehr
Leistung zu erbringen, und werde dazu animiert, mich noch mehr zu
engagieren. Die wichtige Vorbildfunktion, die man als START-Stipendiat übernimmt, wird mir immer besonders dann klar, wenn ich
Beispiele einer gescheiterten Integration, z. B. die gewalttätigen
Ausschreitungen von Migranten in Frankreich, sehe.
„Ich halte, weil ich gehalten werde“, sagte einmal der kürzlich verstorbene ehemalige Bundespräsident Johannes Rau. Und mit dieser
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Einstellung strebe ich meine Ziele in dieser Gesellschaft an. Ich engagiere mich für andere Menschen, weil ich in dieser Gesellschaft auch
Halt finde. Als Stipendiat bin ich ein lebendes Beispiel für eine gelungene Integration und habe die Aufgabe, anderen Migranten zu vermitteln, dass sich Leistung und Engagement in Deutschland lohnt.
Gleichzeitig zeige ich Nichtmigranten, dass Menschen aus anderen
Ländern auch ihren Beitrag zur friedvollen Gesellschaft leisten. Nur
wenn man versucht, von Menschen aus anderen Kulturen zu lernen,
ihre Kulturen zu verstehen, diese zu akzeptieren und sie am politischen, gesellschaftlichen und sozialen Leben teilhaben zu lassen,
wird die Integration kein Problemfall mehr, sondern eine Bereicherung.
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Essaywettbewerb 2006
2. Platz – Sekundarstufe I
Samim Ayami
Geboren am 30. 03. 1992
Alter: 14 Jahre
Geburtsort: Kabul, Afghanistan
Herkunftsland der Eltern: Afghanistan
In Deutschland seit: 1993
Jahrgangsstufe: 8. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Gymnasium Wanne, Herne
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Der alte Mann und der Schüler
Samim Ayami
Prolog: Ich habe mich für ein Theaterstück entschieden. Der Hauptcharakter: Rahiel, ist auf mich bezogen. Die anderen sind fiktiv und
haben keinerlei Bezug zur Realität.
Kapitel 1
1. Akt
Chor
Rahiel, ein Junge von 13 Jahren, lernt stets fleißig,
doch in falsche Kreise geraten, zweifelt er an sich.
Er spielt mit dem Gedanken,
einfach mit seinen Bemühungen aufzuhören.
Früher wäre dies für ihn nie in Frage gekommen,
doch nun …
Nach der Schule spricht er mit seinen ,,Freunden“.
(Es treten 4 Jugendliche auf die Bühne)
Hakan
Das sag ich euch, Jungs, wenn wir heute tanzen gehen, da
werden keine kleinen Brötchen gebacken!
Zakarija Genau!
Sufian Wenn Hakan loslegt, dann erkennt man ihn nicht mehr.
Rahiel Ja, zum Beispiel wenn er feiert, schaltet er sein Gehirn ab.
Hakan Und ob. Mir platzt gleich der Kragen. Wollt ihr jetzt verdammt noch mal mitkommen, oder was?
Sufian Na sia. Wir wollen Spaß haben.
Rahiel Sorry, Jungs, Spaß mit euch, lieber nicht.
Hakan Nein! Was für ’ne schwache Nummer.
Rahiel Tss, geh du nur.
Morgen steht die letzte und somit wichtigste Lateinarbeit
an.
Sufian Hier müffelt es ja nach kriechendem Streber!
Hakan Und sieh da: die eklige Schleimspur, die der hinterlässt.
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Zakarija Komm, verdufte ma besser, hier bisse fehl am Platz,„STARTStipendiat“.
Rahiel Wenn ich erst komme, dann aber wieder gehen soll, dann
nehme ich meinen Duft auch mit, aber neben eurem
Gestank schämen sich sogar eure stinkenden Socken!
(Rahiel tritt ab; kurz darauf die anderen)
Kapitel 2
1. Akt
Chor
Rahiel auf dem Weg nach Hause gehend,
durch den Park, kann keinen klaren Gedanken fassen.
Der Himmel ist ziemlich bewölkt,
Ein Gewitter bahnt sich an …
2. Akt
Chor
Plötzlich wird Rahiel Zeuge eines Verbrechens.
Ein alter Mann wird beraubt!
Rahiel kann nichts tun, denn der Räuber flieht sofort.
Er geht zum alten Mann.
Rahiel
Alter Mann
Rahiel
Alter Mann
Rahiel
Alter Mann
Ist alles in Ordnung?
Sieht das so aus?
Nein.
Dann frag nicht.
Soll ich die Polizei rufen? Oder einen Angehörigen?
Das wirst du wohl kaum können, Kleiner, denn ich hab
niemanden.
Rahiel
Was? Niemanden?
Alter Mann Ich wurde zwar gerade überfallen, doch deine Fresse
sieht viel schlimmer aus als meine.
Rahiel
Wer sind Sie, dass Sie mich beleidigen? Sie haben doch
keine Ahnung von meinen Problemen, dass meine
Fresse so schlimm aussieht!
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Alter Mann In deinem Alter schon Probleme? Wie geht das denn?
Hä?
Rahiel
Wer noch nie verwundet wurde, macht sich über Narben anderer lustig.
Alter Mann Ich war schon in Saudi-Arabien, in Afghanistan und
Hongkong.
Ich habe in einem Krieg mitgekämpft und schon so einiges erlebt.
Da soll ich deine Probleme nicht verstehen?
Rahiel
Sie können mir einfach nicht helfen.
Alter Mann Meinst du?
Rahiel
Wenn ich einem Freund mein Leid mitteile, dann trauert er mit mir, und wenn ich es einem Feind erzähle,
dann freut sich dieser und lacht aus Schadenfreude.
Also bleibt mir nur das Schweigen.
Alter Mann Das mag sein, doch es lindert den Schmerz, wenn du ihn
mit jemandem teilst.
Chor
Rahiel
Große Gewitterwolken erscheinen am Horizont,
denn Demeter sendet ihre Vorboten der Fruchtbarkeit aus.
Kaum wahrnehmbar beginnt der Regen.
Ach, alter Mann, das Gesicht meines Lebens beginnt
sich hässlich zu verzerren. Ich verliere meine Freunde
wie Sand, der durch meine Finger rinnt.
O, ich weiß, ich bin START-Stipendiat, doch …
Alter Mann Ein START-Stipendiat?
Rahiel
Ja, ein Stipendium, das mir den Vorhang der Welt öffnet
und das mir die Chance gibt, meinen Horizont meilenweit zu erweitern. Es spornt mich dazu an, weiter und
immer weiter zu lernen, für eine sonnige Zukunft. Mein
Gehirn ist wie ein Schatz, der von Tag zu Tag wächst, nicht
nur durch die zahlreichen Seminare, sondern auch durch
die Menschen, die ich erst durch das Stipendium kenne.
Alter Mann Junge, hast du im Leben schon mal jemandem vertraut,
dass du seinen Fußspuren folgen wolltest?
Rahiel
Natürlich. Mein großer Bruder. Ich möchte wie er sein,
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humorvoll, ehrgeizig und auf dem allerbesten Weg, Arzt
zu werden.
Meine Mutter. Sie scheint stets zu wissen, was zu tun
ist. Sie kennt vieles vom Leben und viele Weisheiten.
Und ein afghanischer Mediziner: Epensiauol Balchi.
Er bereiste viele Länder und lernte, wichtige Rezepte zu
entwickeln und sie in einem Buch für die Nachwelt festzuhalten.
Mit all diesen faszinierenden Persönlichkeiten versuche
ich meinen Weg zu finden.
Alter Mann Ich verstehe nur zu gut, was du meinst, aber kannst du
mir sagen, welche Rolle du hier spielst?
Rahiel
Ähm …
Meine Rolle zieht ihre Verantwortung wie Schatten mit
sich: Ich versuche, mit meinen Leistungen ein Vorbild
und Motivator für andere zu sein. Dadurch lastet auf
einem Druck, aber auf der anderen Seite macht das Lernen auch Spaß. Es ist schwer für die Jugendlichen, ihre
Ziele geradlinig zu verfolgen, denn unsere moderne
Welt mit ihrem Internet, Diskotheken oder einem ihrer
anderen Zufluchtsorte verführt sie.
Der Unterricht kann manchmal schwer werden, aber
dann geben sie oft auf, nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern aus Bequemlichkeit. Sie finden kein
Gleichgewicht dazwischen, sich zu amüsieren und sich
den Schwierigkeiten ihres Lebens zu stellen.
Ziehen von Fete zu Fete, mit dem Motto: Leben! Leben!
Leben! Doch man kann es nicht vollkommen in ihre
Schuhe schieben, denn die Erziehung der Eltern spielt
eine wichtige Rolle. Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen und ihnen ihre Liebe vorenthalten, legen ihren
Kindern Steine in den Weg. Eltern und Politiker müssen
die Jugend fördern, denn sie ist die Zukunft.
Alter Mann Aha. Was verbindest du mit Deutschland?
Rahiel
In Deutschland hat jeder eine Chance auf Bildung, eine
Chance, etwas aus seinem Leben zu machen. Hier habe
ich Freunde gefunden, und darüber hinaus ist Deutsch69
Alter Mann
Rahiel
Alter Mann
Rahiel
Alter Mann
Rahiel
Alter Mann
Chor
land ein sehr interessantes Land. Das Land, in dem ich
aufgewachsen bin, das Land, das mich geprägt hat.
Was ist nun dann dein Problem?
Mein Problem ist, meine Seele pendelt hin und her zwischen meiner Verantwortung als START-Stipendiat und
dem Tribut, den es fordert: Ich habe kaum Zeit für meine Freunde, weil ich immer lernen muss. Langsam, aber
sicher grenzen sie mich als spießigen Streber aus.
Wer weiß, vielleicht sollte ich wie sie werden und mein
Leben dem Glück überlassen …
Tss. Der größte Gaukler der Welt ist das Glück.
Wie meinen Sie das?
Kennst du denn nicht die Art des Glücks: Jetzt zwinkert
es dir aus der Ferne noch lächelnd zu, aber im nächsten
Moment stößt es dir einen Dolch in den Rücken. Ich
stand mal vor einem ähnlichen Abgrund wie du, ich war
wie ein Surfer; segelte sorglos auf den Wellen, wurde
vom Wind gestreichelt. Doch eines Tages fiel ich abrupt
vom Brett, ich fiel in einen Ozean, in dem ich, nun
schwimmend, nirgends ein Ufer sehe.
Ich habe niemanden, der kommt, um mich zu retten. Junge, hast du niemanden im Leben, der an deiner Seite
steht, der immer, wenn du verwirrt, traurig oder dich verlassen fühlst, da ist, wenn du einen Blick zurückwirfst;
steht denn da wirklich gar niemand? Ich denke schon!
Doch, auf meine Familie und wahren Freunde kann ich
immer zählen. Sie geben mir Kraft und Stand im Leben.
Ich muss einen Weg gehen, auf dem ich mir selbst nie
untreu werde; auf den ich stolz sein kann.
O, ich muss heim.
Ja, tu das. Du wirst bestimmt erwartet.
Ebenso wie einst Orpheus erkannte, was er verlor, als er sich
hat umgedreht, weiß nun Rahiel, was er wird gewinnen,
wenn er nach vorne schaut.
Die Wolken verschwanden,
langsam erschien die Sonne.
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Essaywettbewerb 2006
3. Platz – Sekundarstufe I
Ahmad Qubad
Geboren am 19. 09. 1989
Alter: 16 Jahre
Geburtsort: Kabul, Afghanistan
Herkunftsland der Eltern: Afghanistan
In Deutschland seit: 1993
Jahrgangsstufe: 10. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Taunusgymnasium Königstein
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START-Stipendiat: „Wie bitte …?“
Ahmad Qubad
Was ist und wofür steht ein START-Stipendiat? Niemand anderes
kann diese Frage besser beantworten als wir Stipendiaten selbst.
Betrachten wir zunächst einmal die Kriterien, die ein Stipendiat
erfüllen muss: Fleiß, Motivation, Engagement, Leistung; ein Inbegriff
für Respekt und Anerkennung.
„Na und?“, sagt ein erfolgreicher Geschäftsmann.„Ich habe fünfzehn
Jahre hart gearbeitet. Nun bin ich Leiter meiner eigenen Firma.“ Folglich wäre es unzulänglich, sich mit dieser Definition zu begnügen,
denn neben dem oben genannten Profil sind wir Stipendiaten mit
Eigenschaften ausgestattet, denen eine weitaus höhere Bedeutung
zukommt.
Als START-Stipendiat gehöre ich zu jenem Kreis, der einen besonderen Platz in unserer Gesellschaft einnimmt.
Jedes Mitglied dieser Gemeinschaft hat zunächst eine Wandlung
durchgemacht, eine Umstellung auf kultureller, gesellschaftlicher,
lokaler und persönlicher Ebene, ohne jedoch dabei seine Wurzeln,
seine Persönlichkeit, die uns doch so auszeichnet, und ohne seine
ursprüngliche Identität zu leugnen. Vielmehr leben wir mit einer
Doppelidentität, die sich nicht, wie einige behaupten, gegenseitig
stört, sondern einander befruchtet.
Diese Doppelidentität ist ein einzigartiges Phänomen, dessen Wesen
Außenstehende nur schwer begreifen. Sie ist zum einen eine Auseinandersetzung mit dem Ich, eine Reflexion über Gegenwart und Vergangenheit, welche mit der Zeit immer wieder zu neuen Erkenntnissen führt, und zum anderen ein Gewinn für das Individuum, das
tagtäglich durch neue Erfahrungen aus beiden Seiten bereichert
wird. Dadurch versteht man den „anderen“ besser; man weiß nicht
nur, was er sagt, sondern wie er denkt, wie er fühlt, wie er „tickt“. Das
hilft, bestehende Vorurteile, die den „anderen“ nicht nur in seinem
Wesen vergewaltigen, sondern ein Zusammenleben zwischen zwei
Kulturen erschweren oder gar unmöglich machen, abzubauen. Wer
sonst wäre besser geeignet, Spannungen zwischen zwei Gruppen zu
lösen, deren Lebenseinstellungen oft weit auseinanderklaffen, die
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jedoch alle Grundvorstellungen wie der Erhalt von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit verbinden, als wir Hertie-Stipendiaten?
Wir, die wir eine deutsche Schule besuchen, mit deutschen Jugendlichen aufwachsen und die deutsche Sprache sprechen, aber
stets unsere Muttersprache pflegen und mit Freunden und Verwandten aus den eigenen Reihen verkehren. Wir, die wir viele
deutsche Sitten angenommen haben, während unsere deutschen
Freunde Döner und Börek kosten und orientalische Tanzabende
besuchen.
Das Leben als START-Stipendiat erteilt uns die Aufgabe, eine Zwischenfunktion zwischen Zuwanderern und Deutschen zu erfüllen,
die nicht nur darin besteht, beide Kulturen zu repräsentieren, sondern auch potenziellen sozialen Sprengstoff, randvoll mit Vorurteilen, zu entschärfen. Es macht uns zu Botschaftern. Diese jungen Botschafter sind aber nicht als solche prädestiniert, sondern haben sich
diesen Status erworben. Hierzu bedürfen sie der Hilfe, beispielsweise von START.
Wir Stipendiaten erhalten 100,– Euro Bildungsgeld, um Bücher zu
kaufen, um an Fortbildungen und Messen teilzunehmen, und besuchen Seminare, Firmen, Institutionen und Persönlichkeiten. Durch
die Unterstützung von START haben wir die Möglichkeit, täglich
unseren Erfahrungs- und Bildungshorizont zu erweitern.
Das Besondere daran ist aber, dass wir ein Leben unter einem Leitsatz
führen, der uns in einem wechselseitigen Prozess aktiv macht und
darüber hinaus den gesellschaftlich-sozialen Gedanken unterstützt,
nämlich unter dem Motto „helfen und geholfen werden“.
Wir ernten Anerkennung und Respekt nicht allein durch harte Arbeit
am Schreibtisch und glänzen nicht nur mit guten Zeugnissen, sondern auch und vielleicht vielmehr durch Anteilnahme und Mitwirkung in der noch so überschaubaren Gemeinschaft.
Jeder von uns hilft Menschen in seiner Umgebung.Wir bekleiden das
Amt des Klassensprechers, Schulsprechers, engagieren uns in der
Schülervertretung, betreuen alte und kranke Menschen oder geben
schwächeren Schülern Nachhilfe. Die Breite an sozialen Tätigkeiten
ist so groß, dass ich an dieser Stelle nicht alle aufzählen kann. Eins
jedoch ist sicher: Wir Stipendiaten leisten einen Beitrag zum Allgemeinwohl, wenn auch nur einen ganz kleinen, denn in Deutschland
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leben Hunderttausende von hilfsbedürftigen Menschen, darunter
viele Jugendliche aus Zuwandererfamilien.
Wie viele junge Zuwanderer haben ein Abitur? Sehr wenige.
Wie viele haben einen Hauptschulabschluss? Wie viele haben keinen
Abschluss? Sehr viele.
Wie viele junge Migranten in Deutschland haben die Schule abgebrochen? Sehr viele.
Wie viele warten vergebens auf einen Ausbildungsplatz? Sehr viele.
Wie viele haben Chancen auf Unabhängigkeit? Sehr wenige.
Wie viele glauben an sich selbst? Sehr wenige.
Es ist unsere Pflicht, diese Gruppe von Menschen, die man, wenn man
so will, auch zu den sozialen Randgruppen in unserer Gesellschaft
zählen kann, zu ermutigen, sie anzuspornen und zu motivieren. Im
Gegensatz zu anderen Randgruppen sind sie jung und stark und
haben noch ihr ganzes Leben vor sich.
Wir, und nur wir, können ihnen zeigen, dass es sich lohnt, den Bildungsweg, den Weg zu Selbstvertrauen, Unabhängigkeit und Erfolg
einzuschlagen und sich für die Gesellschaft einzusetzen, damit Integration noch mehr Gesichter bekommt.
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Essaywettbewerb 2006
1. Platz – Sekundarstufe II
Isil-Sevin Isikli
Geboren am 24. 08. 1988
Alter: 17 Jahre
Geburtsort: Rüsselsheim, Deutschland
Herkunftsland der Eltern: Türkei
Jahrgangsstufe: 11. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Immanuel-Kant-Gymnasium, Rüsselsheim
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Ein Erlebnisbericht
Die deutsche Türkin
Isil-Sevin Isikli
12 Jahre habe ich in der kleinen Stadt Kelsterbach gelebt. Ich habe sie
geliebt. Sie war klein und hübsch, die Menschen kannten sich untereinander, lebten enger zusammen als in größeren Städten. Kelsterbach war eine Stadt mit hoher Ausländerrate. Diese ausländischen
Einwohner waren zum größten Teil türkisch. Sie waren aber nicht
einfach nur Türken, sie waren griechische Türken. So nannte man sie.
So nannte auch ich sie.
„Nein“, sagte mein Vater, „das sind einfach nur Türken. Nenne sie
nicht so. Das klingt sehr abwertend!“ „Aber alle nennen sie so. Was
ist denn schlimm daran?“, fragte ich damals im Alter von 10 Jahren.
„Das sind Türken, die sich nach dem türkisch-griechischen Krieg, als
die Grenzen gezogen wurden, auf der griechischen Hälfte befanden,
also Menschen, die Türken sind, aber in einem anderen Land leben.
So wie du Türkin bist, aber in Deutschland lebst, mein Kind. Du
fändest es doch auch nicht schön, wenn man dich deutsche Türkin
nennen würde!“
Hätte mir der Ausdruck „deutsche Türkin“ wirklich Unannehmlichkeiten bereitet, mich gar gestört? Hätte ich ihn wirklich abwertend
empfunden? Ob es mir gefallen hätte oder nicht, wäre dieser Ausdruck nicht gerechtfertigt? Mein junges Leben lang begleitete mich
die Frage nach meiner Zugehörigkeit, nach meiner Identität.Wenn es
doch laut meinem Vater diese doppelte Nationalität nicht gab: War
ich türkisch, war ich deutsch? Viel eher fragte ich mich: „Wollte ich
deutsch sein oder türkisch?“
Meine Mutter hatte mich in Deutschland geboren, ich besaß einen
deutschen Pass, sprach fließend Deutsch und hatte ausschließlich
deutsche Freunde. Da ich brünett bin, nahm man von mir an, dass ich
Italienerin bin, manchmal sogar Deutsche, sodass es oft dazu kam,
dass Deutsche unbewusst in meiner Gegenwart über die Türken
herzogen.
So geschah es eines Tages, dass sich zwei türkische Mädchen im Bus
in ihrer Muttersprache unterhielten, laut lachten und vielen Fahr76
gästen negativ auffielen. Ein deutsches Mädchen, das sie beobachtete, verdrehte die Augen, wandte sich an mich und sagte doch: „Also
wirklich unerhört, wie diese Türken sich verhalten! Findest du nicht
auch?“ Ich wusste nicht zu antworten, ich schwieg und nickte lediglich. Ich konnte es nicht über mich bringen, ihr zu erklären, dass ich
selbst Türkin bin, denn ich wollte es nicht.
Es gefiel mir, deutsch zu sein, zu den ursprünglichen Bürgern dieses
Landes zu gehören. Es gefiel mir, zu den „Guten“ gezählt zu werden.
Ich wollte nicht denen angehören, über die man schlecht sprach.
Aber ich war nicht reinen Gewissens, tief im Inneren fühlte ich mich
wie eine Verräterin.
Ich verdrängte die Frage nach meiner Identität, bis ich mit 14 Jahren
ein türkisches Mädchen kennen lernte. Wir freundeten uns an. Sie
war sehr traditionsbewusst und patriotisch erzogen. Schon bald konfrontierte sie mich mit der Wahrheit, dass ich zwar auf dem Pass
deutsch bin, aber in meinen Adern türkisches Blut fließt. Dies zu
akzeptieren, zu lernen, meine eigene Herkunft zu tolerieren, zu meinen Wurzeln zu stehen, kostete mich viel Kraft und Zeit. Aber ich
schaffte es.
Bald verstand ich mich schon als Vermittlerin zwischen zwei verschiedenen Kulturen, der deutschen sowie der türkischen. Meinen
deutschen Mitmenschen bewies ich durch mein eigenes Auftreten,
mein Engagement, dass wir, die Türken, uns auch in der Gesellschaft
sozial zu verhalten wissen und dass wir nicht alle ungebildet sind.
Als eine Türkin Klassenbeste in Deutsch zu sein, war bereits der
grundlegende Stein, meine deutschen Mitmenschen davon zu überzeugen, dass es auch uns gibt – die erfolgreichen Ausländer. Den weiteren Beweis leistete ich, indem ich als einzige Ausländerin bei der
Schulzeitung als Journalistin fungierte, indem ich als einzige Ausländerin in der Schülervertretung mitarbeitete, indem ich verschiedene
Projekte an unserer Schule als einzige Ausländerin anpackte und
durchführte.
Meinen ausländischen Mitschülern diente ich als Vorbild. Ich versuchte, meine türkischen Freunde zu einem erfolgreichen Bildungsabschluss zu motivieren, zeigte ihnen, die Möglichkeiten Deutschlands zu nutzen. Ich gab türkischen Schülern Nachhilfe, brachte
manchen bei, Referate vorzubereiten und vorzutragen.
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Heute habe ich eine deutsche Freundin, mit der ich Kaffee trinken
gehe, und eine türkische Freundin, mit der ich Ceylon-Tee trinke. Ich
habe gelernt, orientalisch zu tanzen, und auch an einem deutschen
Tanzkurs teilgenommen. Ich interessiere mich für türkische Politik
sowie für deutsche. Ich lese deutsche Bücher und türkische. Denn ich
bin eine deutsche Türkin, die sowohl deutschen Sitten gerecht werden muss als auch türkischen.
Deutsche Türkin zu sein bedeutet Reichtum, bedeutet, das Doppelte
von allem zu haben: Es bedeutet, von Geburt an die Gabe zu haben,
zwei Sprachen zu sprechen. Es bedeutet, zwei Welten anzugehören,
zwei Kulturen zu kennen und zu genießen. Deutsche Türkin zu sein
heißt, mit den deutschen Nachbarn an Heiligabend zusammenzukommen und zum Zuckerfest die Familie der türkischen Freundin zu
besuchen.
Mit der Zeit habe ich gelernt, das Gleichgewicht zu halten. Aber ich
kenne den schmerzhaften Weg der Identitätsfindung als eine
Deutsche mit ausländischen Wurzeln. Deshalb möchte ich meinen
ausländischen Mitmenschen in Deutschland, die diesen Weg noch
jahrelang begehen werden, helfen. Ich möchte ihnen zeigen, wie ich
es geschafft habe, erfolgreich zu werden. Ich möchte Journalistin
werden, um mit meinen Artikeln einen Schritt in Richtung Behebung
des Integrationsproblems in Deutschland zu machen, um Ausländer
und Deutsche auf ihre jeweiligen Fehler aufmerksam zu machen und
um ihnen Lösungsmöglichkeiten, Kompromisse anzubieten.
Ich möchte zeigen, wie schön es ist, deutsche Türkin zu sein. Ich
möchte, dass dieser Kulturkampf aufhört, dass die deutsche und
türkische sowie alle anderen in Deutschland vertretenen Kulturen
ineinanderfließen, eins werden so wie auch die Menschen selbst.
Ich möchte keine Rivalen mehr sehen, ich möchte Schwestern und
Brüder sehen. Ich möchte kein Gegeneinander mehr, sondern ein
Miteinander. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, meinen Teil dazu
beizutragen, und glaube daran, dass mich alle anderen Hertie-Stipendiaten bei dieser schwierigen Aufgabe nicht alleinlassen werden.
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Essaywettbewerb 2006
2. Platz – Sekundarstufe II
Melisa Berktas
Geboren am 16. 04. 1988
Alter: 17 Jahre
Geburtsort: Bremen, Deutschland
Herkunftsland der Eltern: Türkei
Jahrgangsstufe: 12. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Alexander von Humboldt-Gymnasium, Bremen
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Du bist Deutschland
Melisa Berktas
„Versöhnen statt spalten.“ (Johannes Rau)
Dieses Zitat ging in den letzten Wochen immer wieder durch die
Medien.Warum eigentlich? Der kürzlich verstorbene ehemalige Bundespräsident Deutschlands, Johannes Rau, hat diesen Satz geprägt.
Ein Mann, der meiner Meinung nach vorbildliche Ansichten vertrat.
Vorbilder sind laut Definition Menschen, mit denen wir einer Meinung sind und die sich trauen, das zu tun, wo wir noch zögern. Ich
habe zwar keine Vorbilder, die ich imitieren möchte, aber es gibt
Menschen, die vorbildlich auf mich wirken. Menschen, die für Solidarität, Gleichberechtigung, Toleranz, Freiheit und Frieden eintreten
bzw. eingetreten sind, wirken positiv auf unsere Gesellschaft. Sie
zeigen uns Alternativen zum weit verbreiteten Individualismus auf
und inspirieren einen dazu, den eigenen Lebensentwurf zu verbessern. So sollte es zumindest sein.
Wenn Johannes Rau Versöhnung statt Spaltung als gesellschaftliches Ziel postuliert, dann ist erst einmal zu klären, welcher Begriff
von der Gesellschaft zu Grunde gelegt werden kann. Unsere Gesellschaft kann unter drei Kategorien betrachtet werden.
Fangen wir im Kleinen an: Unter Gesellschaft versteht man zunächst
Menschen, die untereinander Kontakt pflegen. Wenn wir diesen
Begriff ausweiten, so betrachten wir die Gesellschaft im soziologischen Sinne. Diese Gesellschaft umfasst eine große Gemeinschaft
von Menschen. Die Gesellschaft im juristischen und wirtschaftlichen
Sprachgebrauch grenzt sich deutlich von der Gemeinschaft ab. Es ist
ein Zusammenschluss von Personen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen.
Wenn ich im Folgenden von der Gesellschaft spreche, so beziehe ich
mich auf die soziologische Variante dieses Begriffs, da die Gesellschaft im Kleinen als Voraussetzung jener fungiert.
Ich bin ein Mitglied dieser Gesellschaft.Voraussetzung dafür ist, dass
ich mich als „Deutsche“ bezeichne. Meine Personalien bestätigen
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mir, dass ich ein vollwertiges Mitglied dieser Gemeinschaft bin. Ich
kann deutlich ablesen: „Nationalität: Deutsch.“
In meinem Umfeld werde ich jedoch nicht als ebensolche akzeptiert.
Ich weiß, wie es ist, wenn man sich aus einer, nein, sogar zwei
Gemeinschaften ausgeschlossen fühlt, wie es ist, nie ganz dazugehören zu können. Dieses Gefühl hatte ich in der Grundschule zum
ersten Mal. Es war eine Situation, die, so banal sie auch erscheinen
mag, großen Einfluss auf mein Selbstverständnis nahm: Meine
Mitschüler zählten die Schüler unserer Klasse aus. Es wurden verschiedene Kategorien zu Grunde gelegt. Wie viele Mädchen, Jungen,
Deutsche und Ausländer waren in unserer Klasse? Das Merkwürdige
war, dass wir bei der Anzahl der Deutschen sowie der Ausländer auf
eine Kommazahl stießen. Ich zählte nämlich nur halb.
Es kam mir irgendwie lächerlich vor … War es möglich, dass ich nur
als ein halber Mensch zählen konnte?
Als junger Bürger in diesem Land hat man es nicht immer so leicht.
Gegenüber den Jugendlichen herrschen viele Vorurteile, die zwar
zum Teil berechtigt sind, jedoch nicht zu einer Verbesserung der
Situation beitragen. Es wird immer gesagt: „Wir müssen in die
Zukunft unseres Landes investieren.“ Die Jugend ist die Zukunft. Es
ist jedoch an der Zeit, dass wir erkennen, dass sie auch die Gegenwart
ist.
Wir müssen die Jugendlichen fördern und sie als mündige Bürger
wahrnehmen. Wenn man als Jugendlicher das Gefühl vermittelt
bekommt, nicht ernst genommen oder als Störfaktor wahrgenommen zu werden, hat das fatale Folgen – heute, aber auch in der
Zukunft. Respekt und Toleranz sind wichtige Werte, die man jungen
Menschen vermitteln sollte. Das Interesse an Bildung muss geweckt
werden, um im internationalen Vergleich konkurrenzfähig zu bleiben.
Meine Rolle in dieser Gesellschaft, als junger Mensch und als STARTStipendiatin, ist eine aktive. Ich möchte zeigen, dass es Jugendliche
in diesem Lande gibt, die sich engagieren und ehrgeizig und zudem
verantwortungsbewusst sind. Ich versuche den Menschen zu helfen.
Ich vermittle zwischen den Migranten und den Deutschen und
bemühe mich darum, beiden Parteien zu erklären, was die andere
Kultur bewegt. Ich sehe mich selber als Bindeglied der Gesellschaf81
ten. Gerade in Zeiten, in denen die Differenzen zwischen der islamischen und der westlichen Welt immer mehr eskalieren und in den
Medien die Angst vor dem Terrorismus proklamiert wird, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Menschen in meinem Umfeld zu vermitteln, dass die Unruhen und die Anfeindungen gegenüber dem
Westen größtenteils nicht religiöser, als doch eher politischer Natur
sind.
Ich habe miterlebt, dass sich eine Konfliktsituation zwischen einer
christlichen und einer muslimischen Person in meinem Umfeld
ereignet hat. Dieser Konflikt baute sich dadurch auf, dass sich die
christliche Person durch den Islam aufgrund der jüngsten Ereignisse
bedroht sah und die muslimische Person im Gegenzug sehr gekränkt
war und sich beleidigt fühlte. An dieser Stelle war es mir wichtig zu
versöhnen statt zu spalten. Ich selber stehe zwischen diesen beiden
Kulturen und kann helfen, zu vermitteln und Konflikte verbal zu
lösen, indem ich mit meinen Mitmenschen spreche, sie dazu animiere, dem anderen zuzuhören und sich in die andere Person hineinzuversetzen. Dies ist ein Problem der heutigen Gesellschaft. Die
Menschen hören einander einfach nicht mehr zu. Die Akzeptanz
anderer Meinungen und Menschen ist jedoch die Grundvoraussetzung der Demokratie.
Ich lehne jegliche Form von Fundamentalismus ab und denke, dass
eine der größten und wichtigsten Aufgaben der Gesellschaft in
Zukunft sein wird, den Frieden zu wahren. Deutschland hat sicherlich
viele Probleme. Diese sind wirtschaftlicher, sozialer und zwischenmenschlicher Natur. Gerade das immer weitere Auseinanderdriften
von „Arm und Reich“ ist sehr kritisch zu beurteilen. Es ist die Aufgabe des Staates, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit jeder
Mensch, egal wo er herkommt, welches Geschlecht er hat und in
welche soziale Schicht er geboren wurde, die Chance hat, erfolgreich
zu sein.
Wir START-Stipendiaten haben erkannt, dass soziales Engagement
und Ehrgeiz die Voraussetzungen bilden, um den Graben zu überspringen. So etwas wie Gleichberechtigung gibt es heutzutage leider
noch nicht. Wir können uns jedoch mit Mut, harter Arbeit und einer
Portion Glück unseren Platz in der Gesellschaft verdienen. Als STARTStipendiatin wurden mir Türen geöffnet. Ich kann mich weiterbilden
82
und mich verbessern und lerne viele Menschen kennen, mit denen
ich mich identifizieren kann.
Es ist unglaublich, dass plötzlich Menschen auf mich zukommen und
Ratschläge von mir erhalten möchten. Ich war sehr glücklich, als ich
sogar gebeten wurde, einen Vortrag zum Thema Integration in
einem Vorkurs zu halten. Dies sind besondere Momente für mich,
denn ich kann meine Erfahrungen dazu einsetzen, anderen Migranten zu helfen. Durch diese Gelegenheiten erhöhen sich meine Chancen, meinen Traum verwirklichen zu können: Ich möchte nämlich einmal in der Politik tätig sein. Ich denke, dies ist der beste Weg, um
meine Stärken, Interessen und Idealvorstellungen von der Gesellschaft in die Tat umzusetzen. Dieses Berufsziel hatte ich vor einiger
Zeit schon fast aufgegeben. Ich bekam Reaktionen auf meinen
Berufswunsch, mit denen ich zunächst nicht gerechnet hatte. Mir
wurde gesagt, dass Ausländer nicht das Recht hätten, sich in die
deutsche Politik einzumischen. Ich muss zugeben, dass dies ein
Moment war, der mir ein Gefühl vermittelte, das ich eigentlich hinter mir gelassen hatte. Das Gefühl, nie ganz dazugehören zu können.
In solchen Momenten darf man aber nicht aufgeben. Man muss
kämpfen, um seine Ziele zu erreichen. Man muss sich jeden Tag aufs
Neue behaupten, denn Menschen, die intolerant sind, gibt es auf der
ganzen Welt.
Ich arbeite an meinen Schwächen, damit ich mich verbessern und
weiterentwickeln kann. Dies gelingt mir dadurch, dass ich viel lese,
mich mit verschiedenen Menschen unterhalte, an Wettbewerben
teilnehme, mich in der Schule und auch außerhalb der Schule engagiere und Kontakte knüpfe. Ich glaube, dass man nur lernen kann,
wenn man Interesse zeigt und mit Neugier und Spaß an schwierige
Fragestellungen geht. Für meinen zukünftigen Werdegang wünsche
ich mir, meinen Wissensdurst nicht zu verlieren. Ich will mit Leidenschaft leben und jeden Tag intensiv wahrnehmen.
Ich bin sehr pazifistisch eingestellt und wünsche mir eine Welt, in der
Konflikte durch den Dialog gelöst werden. Dieses Ziel ist selbstverständlich illusorisch, aber man sollte wenigstens versuchen, eine
Situation zu schaffen, die annähernd so ist wie diese Utopie der Weltgemeinschaft. Ich glaube, das verbindet mich mit den anderen Stipendiaten. Eigentlich kann man uns START-Stipendiaten als „Parade83
Gesellschaft“ bezeichnen. Wir stammen alle aus unterschiedlichen
Ländern und haben verschiedene Religionen und Wertvorstellungen.
Trotzdem haben wir keine Konflikte. Diese Gemeinschaft zeigt doch,
dass es möglich ist, trotz der vielen Unterschiede gewaltlos zusammen zu leben und alle Menschen als vollwertig zu respektieren.
Ein START-Stipendiat ist nichts anderes als ein junger Mensch, der mit
Interesse, Neugierde und Optimismus durchs Leben geht, und diese
Einstellung wünsche ich mir für die ganze Gesellschaft. START trägt
dazu bei, den Jugendlichen zu helfen und den Graben der Integrationsschwierigkeiten zu überspringen. Ich habe erkannt, dass es nicht
andere sind, die einem zeigen, wo der eigene Platz in der Gemeinschaft ist. Es ist das eigene Bewusstsein, das einem sagt: Du bist ein
Mitglied dieser Gesellschaft!
– Frei nach dem Motto: Du bist Deutschland. –
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Essaywettbewerb 2006
2. Platz – Sekundarstufe II
Mehmet Simsek
Geboren am 23. 06. 1989
Alter: 16 Jahre
Geburtsort: Adana, Türkei
Herkunftsland der Eltern: Türkei
In Deutschland seit: 1995
Jahrgangsstufe: 11. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Leininger-Gymnasium, Grünstadt
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Integration – Vision oder schon Realität?
Was ist und wofür steht ein START-Stipendiat?
Mehmet Simsek
Wir leben in einem demokratischen Staat, dessen Basis von den Werten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gebildet wird. Trotz der
Tatsache, dass die Demokratie seit ihrem Anfang einem Prozess der
Veränderung und Entwicklung unterzogen ist, haben sich diese
einzigartigen Werte bewährt und sich in ihren Grundelementen
kaum verändert.Wir stehen heute jedoch vor enormen Herausforderungen, die uns vor allem durch die fortschreitende Technisierung,
durch die Globalisierung sowie durch die Digitalisierung gestellt
werden.
Durch diese drei Entwicklungen ist nämlich ein Prozess eingeleitet
worden, durch den unsere Gesellschaft allmählich neu definiert
wird, denn mittels dieser Prozesse verwischen sich die Staatsgrenzen, wie wir am Beispiel der EU deutlich erkennen können, und die
Völker verschiedener Staaten kommen sich sowohl wirtschaftlich als
auch kulturell näher. Diese Veränderungen haben erhebliche Auswirkungen auf alle Bereiche unseres Lebens.
In solch einer Phase des Umbruchs und der Unsicherheit muss die
eigene kulturelle Identität neu gefunden und die grundsätzliche
Frage geklärt werden, welche Werte nun einer multikulturellen Gesellschaft zugrunde liegen müssen.
Um diese Frage menschengerecht beantworten zu können und
zukünftigen Herausforderungen gewachsen zu sein, sollte die zwischenmenschliche Kommunikation einen höheren Stellenwert bekommen. Es dürfen jedoch die demokratischen Prinzipien auf keinen
Fall außer Acht gelassen werden, denn die Multikulturalität erlangt
größtenteils nur durch die Demokratie, deren System auf Menschlichkeit, Recht und Freiheit beruht, ihren hohen Stellenwert.
Vergleicht man einen demokratischen Staat mit einem Garten, in
dem viele verschiedene Blumen und Kräuter wachsen, wird dies einsichtiger. Denn ihr Reiz und ihre Schönheit werden durch die vielen
verschiedenen Farben bestimmt, wohingegen ein einheitlich (monoton) bepflanzter Garten langweilig und reizlos ist.
86
Wir, die hier in Deutschland lebenden Menschen, sind demzufolge
die verschiedenen Blumen.
An diesem Beispiel wird u.a. auch deutlich, dass jeder Mensch durch
seine Einzigartigkeit zur Schönheit und der Formvollendung einer
Gesellschaft einen erheblichen Beitrag leistet. Dabei sind wir nicht
nur Blumen, sondern auch die Gärtner selbst. Denn nur wenn wir
auch die Blumen pflegen und sie mit Wasser versorgen, können diese überleben. Auf unsere Gesellschaft bezogen würde das konkret
bedeuten, dass wir uns die Zukunft nur durch das Engagement eines
jeden einzelnen Menschen sichern können.
Wir START-Stipendiaten stehen dabei für die Bereitschaft der Immigranten, dieses Engagement zu leisten.
Jeder einzelne Stipendiat bemüht sich innigst, neben den schulischen Pflichten auch noch in Arbeitsgemeinschaften und Vereinen
aktiv zu sein und ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen. Ich meinerseits bin in vielen Arbeitsgemeinschaften der Schule aktiv tätig
und versuche, Immigranten als Dolmetscher beizustehen und ihnen
die neue, fremde Kultur nahezubringen.
Dabei versuche ich, immer und überall einen Weg zu finden, die einzelnen stereotypischen Vorstellungen, die es zweifellos sowohl auf
Seiten der Deutschen als auch der Immigranten gibt, zu verändern.
Und genau auch dafür stehen die übrigen START-Stipendiaten. Wir
setzen einen Akzent im Bereich der Zuwanderung und senden eine
gemeinsame Botschaft aus. Wir zeigen den Deutschen, dass es auch
bei den Immigranten anders zugehen kann und in baldiger Zukunft
die „neue“, junge Generation hier bereit sein wird, Deutschland
einen Rückhalt, wenn nicht sogar einen Aufschwung zu geben. Denn
wir stellen unsererseits nicht nur ein wichtiges, sondern gar ein
unabdingbares gegenwärtiges und zukünftiges Potenzial für diese
Gesellschaft dar.
Unsere Botschaft kommt ferner auch bei anderen Immigranten positiv an. Sie erkennen nämlich, dass sich, im Gegensatz zu früher, jede
Anstrengung lohnt und in Deutschland gelobt und belohnt wird, wie
z. B. durch die materielle und ideelle Förderung durch das START-Projekt. Dadurch wird vor allem eines erzielt: Wenn in einer Begegnung
zweier Gruppen keine Ressentiments mehr vorherrschen, ist man in
der Lage, binnen kürzester Zeit einen gemeinsamen Weg zu finden.
87
Einen gemeinsamen Weg, denn wir bedürfen unserer gegenseitigen
Unterstützung und Hilfe, wenn es darum geht, unser Umfeld zu gestalten. Denn lediglich durch den Zusammenhalt der Gemeinschaft,
durch die Einheit der Vielfalt und durch einen respektvollen Umgang
des Einzelnen sind wir in der Lage, uns eine Zukunft zu gestalten, die
für jeden nicht nur akzeptabel bzw. angenehm, sondern sogar erwünscht ist. Hierzu müssen die Gemeinsamkeiten der individuellen
Interessen betont werden, um sich eines einheitlichen Ziels bewusst
zu werden.
Eines Ziels, das nötig ist, um einen Weg zu finden, den sowohl Deutsche als auch Immigranten gehen und durch den ein Zusammengehörigkeitsgefühl auf beiden Seiten entsteht.
Eines Ziels, das nötig ist, damit die Menschen eine Phase erreichen
können, in der das Prinzip gegenseitiger Unterstützung und der
Solidarität das Prinzip des Konflikts und der Animosität ersetzen
wird.
Ich bin dabei vor allem von einem überzeugt: Wir dürfen Hass nicht
zulassen. Es ist uns auch nicht erlaubt, Angst zuzulassen. Denn beide
hätten fatale, unabsehbare Folgen für das Zusammenleben hier in
Deutschland. Wir müssen dafür sorgen, dass das Verständnis für den
anderen da ist, was in erster Linie durch Aufklärung geschaffen werden kann. Aus dem Grund bin ich stets darum bemüht, andere Menschen über uns Zuwanderer aufzuklären. Denn eines steht fest: Der
Mensch hat schon immer Angst vor dem Unbekannten gehabt und
versucht, sich dagegen zu wehren. Ich betone hierbei, dass wir immer
den Menschen die Gelegenheit geben sollten, sie selbst zu sein und
sich authentisch darstellen zu können.
Obwohl ich beabsichtige, später Humanmedizin zu studieren, um
dann Chirurg zu werden, gebe ich mein Bestes, um zur Lösung der
Integrationsproblematik etwas Konstruktives beizutragen. Ich glaube nämlich, dass gesellschaftliche Probleme nicht nur Sache der Politik sind. Jeder Einzelne von uns kann und muss seinen Beitrag zum
Gemeinwohl leisten. Zu wissen, dass ich nicht alleine bin, sondern
dass es noch viele andere erfolgreiche Immigranten gibt, motiviert
mich und gibt mir die Hoffnung, dass wir gemeinsam in der Gesellschaft doch etwas verändern können. Als Vorbilder dienen mir hierbei die wohl bekanntesten Persönlichkeiten Martin Luther King Jr.,
88
Mahatma Gandhi und der Dalai Lama. Alle drei plädierten für den
respektvollen Umgang miteinander und für die Nächstenliebe. Ihre
Vision vom friedvollen Zusammenleben aller Völker beeinflusste und
veränderte die Welt. Wir START-Stipendiaten stehen auch für diese
Vision und versuchen, diese nun gemeinsam durchzusetzen.
89
Essaywettbewerb 2006
Sonderpreis
Olena Listunova
Geboren am 12. 06. 1989
Alter: 16 Jahre
Geburtsort: Lviv/Ukraine
Herkunftsland der Eltern: Ukraine
In Deutschland seit: 2004
Jahrgangsstufe: 10. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Käthe-Kollwitz-Gymnasium, Wesseling
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Erlebnisbericht
Olena Listunova
Als ich nach Deutschland kam, wusste ich gar nicht, wie es weitergehen sollte. In meiner Heimat hatte ich viele Erfolge, Anerkennung
und ein umfangreiches Sozialleben. In der Bundesrepublik musste
ich von vorne beginnen und neue Beziehungen aufbauen. Und – was
damals sehr schwer war – die Sehnsucht bekämpfen. Eine Sprachlosigkeit, Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft und vor allem die Einsamkeit machten mir Angst. Ich habe mich gefragt, ob es einen weiteren Weg in einem neuen Land gäbe. Ihr könnt sehen, dass meine
Überlegungen nicht sehr optimistisch waren. Aber die Hoffnung war
immer bei mir. Ich wusste, dass man, wenn man sich Mühe gibt, sich
engagiert und sich vorwärtsbewegt, seine Ziele erreichen kann.
Ohne Bildung kommt man nirgendwohin in der Welt. Ich beschloss,
dass ich unbedingt auf dem Gymnasium sein will. Alle erzählten mir,
wie schwierig und unmöglich es sei, dieses Ziel mit meinen geringen
Sprachkenntnissen zu erreichen. Trotzdem habe ich es geschafft. Ein
halbes Jahr lang war ich in der Förderklasse des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums. Ich besuchte die 9. Regelklasse. Die Unterstützung durch
meine Lehrer (besonders von Frau Malunat) und meine Mitschüler
war für mich sehr wichtig. Ich habe großes Glück, dass die Leute so
nett und hilfsbereit mir gegenüber sind. Diese Unterstützung fühlte
ich schon im ersten Monat meines „neuen Lebens“. In der Ukraine
habe ich den Musikschulabschluss gemacht. Ich spiele schon seit
11 Jahren Klavier, improvisiere, schreibe eigene Lieder und singe.
Mein erstes Konzert in Deutschland war fast direkt nach dem
Umzug in die Stadt Unna. Erfreut lese ich noch immer die Zeitungsartikel darüber. Später gab ich auch andere Konzerte. Ich habe verstanden, dass man neue Dinge ausprobieren muss, beispielsweise
konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich für eine Kritik, die ich über
einen Philharmoniebesuch geschrieben hatte, einen Preis gewinnen
würde. Als ich mich für das START-Stipendium bewarb, glaubte ich
nicht, dass ich ausgewählt werden würde. Mit dem Stipendium fühle ich mich sicherer. Ich trage auch die Verantwortung, weiß, dass die
Leute mir vertrauen. Es ist sehr wichtig, wenn deine Talente und
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Bestrebungen anerkannt werden. Das START-Stipendium ist auch ein
Impuls für mich, ein Schritt vorwärts. Es ist ein Stein im Haus meiner
Ziele. Das Stipendienprogramm hilft mir, meine Träume ein Stück
weiterzubringen. Ich lebe in der Notwohnung. Mein einziges Hab
und Gut sind ein Laptop und ein Drucker, die ich im Rahmen des
START-Stipendiums erhalten habe, sowie ein Klavier. Eine Journalistin schrieb Artikel über mich und mein Stipendium. Sie fragte, wofür
ich 500 Euro ausgeben würde, und ich antwortete:„Vielleicht für ein
Klavier.“ Den Artikel nannte sie: „Vielleicht reicht es für ein Klavier.“
Und so geschah es. Ein Mann aus meiner Stadt las diese Zeitung und
rief mich an, weil er ein Klavier verkaufen wollte. Ich bin auch sehr
dankbar für die materielle Unterstützung des Stipendienprogramms. Wir, die Stipendiaten, können beweisen, dass die Ausländer
nicht nur von Deutschland etwas bekommen möchten, sondern
etwas bringen, einsetzen und die Zukunft des Landes verbessern
wollen. Wir haben vieles erreicht und erlebt. Wir sind multikulturell
und machen Geschichte. Andere Ausländer können sehen, dass sich
Engagement und Leistung lohnen. Mit meinen Freunden habe ich
den Teens-Club „KOMET“ gegründet. Es ist ein Treffpunkt für Migranten, zu dem auch Deutsche herzlich eingeladen sind. Die Barriere
zwischen den Kulturen zu brechen, dies verstehe ich als meine Rolle
in der Gesellschaft. Es muss keine Klischees und Stereotype geben.
Wir sind schon auf dem richtigen Weg. Schon dieses Stipendium
beweist es. Wenn sich alle Nationen gut verstehen könnten, dann
käme es nie zu Auseinandersetzungen und Kriegen. Jeder Mensch
kann etwas aus anderen Kulturen nehmen. Alle Länder sind eine
große Familie, die sich einigen soll, um weiter friedlich in dieser bunten Welt zu leben.
93
Essaywettbewerb 2006
Sonderpreis
Sumit Nagpal
Geboren am 28. 02. 1990
Alter: 16 Jahre
Geburtsort: Bonn, Deutschland
Herkunftsland der Eltern: Afghanistan
Jahrgangsstufe: 10. Klasse (Schuljahr 2005/2006)
Schule: Gustav-Heinemann-Schule, Köln
95
Was ist und wofür steht ein START-Stipendiat?
Sumit Nagpal
Die momentane wirtschaftliche Lage Deutschlands ist kritisch. Die
Zahl der Arbeitslosen ist auf über fünf Millionen gestiegen. Ich bin
von klein auf erzogen worden, viel für die Schule und meine Bildung
zu tun, um später einen angesehenen Beruf zu erlernen. Generell ist
es meiner Meinung nach so, dass Migranten es sehr schwer haben,
dieses Ziel zu erreichen. Fakt ist, dass in der heutigen Zeit nur die Besten der Besten, also die Elite, eine Chance auf einen gehobenen
Arbeitsplatz haben. Durch das Stipendium „START“ bekomme ich
eine Unterstützung, durch die ich in die Lage versetzt werde, Vorbild
für andere Migranten zu sein. Ich bin froh, in Deutschland leben zu
dürfen. Meine Eltern flohen aus ihrem Heimatland Afghanistan, um
in Deutschland in Frieden und ohne Angst vor dem Krieg leben zu
können. Ich weiß durch einen Klassenkameraden, einen Paschtunen,
wie es Jugendlichen in Afghanistan erging und heute noch geht. Ich
erkenne, wie gut es mir hier geht, und empfinde Dankbarkeit. Ich
fühle mich verpflichtet, mich würdig zu zeigen, als Flüchtlingskind
hier Geborgenheit zu finden.Wie oft muss ich mit ansehen, sogar bei
meinen Klassenkameraden, wie abscheulich sich diese verhalten. Ich
schäme mich dafür. Meine bisherigen Erfolge beruhen auf Leistung.
Ich fände es gut, wenn andere Migrantenkinder an mir erkennen,
dass sich Leistung lohnt.
Lebensqualität und Zukunftsaussichten sind hier entgegengesetzt
zu denen in Afghanistan. Dort hätte ich wohl kaum eine Chance; hier
habe ich, jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt, alle Chancen. Gestern
hörte ich von einem jungen Vietnamesen, also einem der ehemaligen „boat people“, der als Kind nach Deutschland gekommen war
und eine Nachbarschule besucht hatte, dass er jetzt Arzt ist.
Natürlich ist die Situation in Deutschland grundsätzlich schwierig.
Ich meine, Arbeitslosigkeit ist der Deutschen allergrößtes Problem.
Die hohe Staatsverschuldung macht nachdenklichen Erwachsenen
Sorgen. Und die explodierenden Energiepreise beunruhigen auch
direkt meine Eltern. Viele Deutsche haben immer noch ihr altes
Anspruchsdenken, was alles noch schlimmer macht. Man beachte
96
nur die Verhandlungen der Gewerkschaften mit den Arbeitgebern in
diesen Wochen.
Ich weiß auch nicht, wie das alles gut gehen soll. Vielleicht könnte
ich ja später in die Kommunalpolitik einsteigen, um auch in den
oben genannten Punkten etwas zu bewegen. Außerdem fände ich es
nicht verkehrt, die Interessen der Migranten zu vertreten, denn ich
rede gerne und übernehme häufig Aufgaben in meiner jeweiligen
Gruppe.
Um meine sicherlich hochgesteckten Ziele zu erreichen, habe ich
mich wissentlich auf einem besonders schweren Gymnasium angemeldet. Ich hoffe für mich, dass ich dadurch fähig werde, einen Studienberuf zu erreichen. Jedenfalls wird mir dies von meinen Lehrern
zugetraut. Wenn ich auch noch nicht weiß, was ich werden will, so
schwebt mir doch vor, einen Beruf zu erlernen, in dem ich für eine
möglichst große Zahl von Menschen Gutes tun kann.
In diesen Dingen ist mir mein derzeitiger Klassenlehrer ein Vorbild,
der durch seinen überdurchschnittlichen Einsatz für Jugendliche seit
Jahren Gutes bewirkt, indem diese Jugendlichen durch seine Motivation und seine persönliche Art Ziele erreichen, die sie sonst nicht
erreichen würden. Ich bin das beste Beispiel dafür.
Es ist mir klar, dass ich als Hauptschüler noch erhebliche Lücken
habe. Ganz wichtig scheint mir, dass ich meine Allgemeinbildung
verbessern muss, um später in den angestrebten Kreisen mithalten
zu können. Dazu werde ich jede Gelegenheit nutzen, an Reisen in
andere Länder teilzunehmen, um meine Sprachkenntnisse und meinen Horizont zu erweitern. Sprachen können für mich beruflich sehr
wichtig werden und sind in jedem Fall Garantie für spätere Lebensqualität, siehe wieder Reisen und anderes.
Ich versuche mich dabei an meinem vorhin erwähnten Lehrer zu
orientieren. Als Arbeiterkind aus ärmsten Verhältnissen hat er sich
hochgearbeitet. Ich wünsche mir, seine Ausdauer und seinen Fleiß zu
haben. Dabei verbreitet er durch Humor und Freundlichkeit eine
Atmosphäre, die wir in der Klasse hoch schätzen. Auch seine Konsequenz und die Disziplin, die er von uns verlangt, ist eigentlich positiv
zu sehen, auch wenn es mir manchmal auf die Nerven geht. Ganz
besonders toll finde ich seine Organisiertheit. So sollte mein späteres Arbeitsleben auch geregelt sein. Seine Bildung und seine Sprach97
kenntnisse haben wohl auch mit seinen vielen Reisen zu tun. Sobald
es mir möglich sein wird, werde ich es ihm nachtun, denn auch ich
reise gerne.
An den mich beeindruckenden Eigenschaften meines Lehrers, der
auch nur ein Arbeiterkind war und etwas aus sich gemacht hat,
möchte ich mich orientieren. Ich sehe, dass ich als START-Stipendiat
zusätzlich Vorteile habe, die mich im Vergleich zu anderen Migranten-Kameraden hervorheben. Diese Chance werde ich nutzen, um
nach Möglichkeit aus der Welt, aus der ich komme, in eine andere
Welt zu wechseln, in der es mir beruflich und auch privat gut gehen
wird. Dies wäre mir auch deshalb wichtig, weil ich, so wie es leider
aussieht, meine Eltern später unterstützen muss. Durch START werde ich voraussichtlich deutlich weiter kommen, als ich sonst je hätte
kommen können. Auf den bisher erlebten Seminaren begann ich zu
ahnen, dass die Gleise für mich umgestellt sind.
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Impressum
Herausgeber
START-Stiftung – ein Projekt der Gemeinnützigen
Hertie-Stiftung – gemeinnützige GmbH,
Frankfurt am Main
Redaktion
Mandy Grosser
Daniela Schmeißer
Lektorat
Helga Berger, Gütersloh
Satz
Mega-Satz-Service, Berlin
Druck
W. B. Druckerei und Verlag GmbH, Hochheim am Main
© April 2008, START-Stiftung gGmbH
Bildnachweis:
Pedro Citoler, Franklin Hollander Photographie, Martin Joppen,
Kontrast Fotodesign Bernd Wittelsbach/Andreas Mechmann,
Stefan Krutsch, Aris Papadopoulos, Andreas Reeg, privat
100
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Seele and Geist
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