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02.07.12: Was ist Lohngerechtigkeit? Ein - GegenStandpunkt

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Die Analyse des GEGENSTANDPUNKT-Verlags in Radio Lora Muenchen vom 2. Juli 2012
Was ist Lohngerechtigkeit?
Ein Nachtrag zur Tarifrunde 2012
Im März dieses Jahres haben einige Autokonzerne großes Aufsehen erregt mit Prämienzahlungen an
ihre Belegschaft. Da hieß es überraschend, die Arbeiter in der Autoindustrie hätten einen Bonus ver ­
dient. Die Presse sprach von „Rekordprämien“. VW zum Beispiel zahlte seiner kompletten Beleg ­
schaft je 7.500 Euro mit der Begründung, „damit werde gute Leistung und wirtschaftlicher Erfolg ho­
noriert.“ (Vorstand Neumann, SZ 9.3.12). Und die Bildzeitung machte sich zum Sprachrohr der Be­
geisterung, die man da doch wohl empfinden muss: „Hurra – heute ist Zahltag!“ (14.3.12)
Sicher, jeder Arbeiter braucht das Geld. Aber die Bonuszahlung hat einen entscheidenden Haken, der
den Aktionen und den Kommentaren der Unternehmer durchaus zu entnehmen ist. So legten sie die
Prämienauszahlung keineswegs zufällig in die erste Phase der Tarifverhandlungen in der Metallindus­
trie. Die Gewerkschaft war mit ihren Forderungen angerückt, und DGB-Chef Sommer verwies auf die
bisherige Zurückhaltung der Gewerkschaften, die nun aber endlich belohnt werden müsse:
„Wir sind mit passgenauer Tarifpolitik gut gefahren. Es war richtig, zuerst die Existenz von Firmen
und Arbeitsplätzen zu sichern. Aber jetzt muss der gerechte Anteil her, es muss tatsächliche Reallohn­
steigerungen geben.“ (Sommer in: BILD, 13.2.2012)
Es war bekannt, dass die Autofirmen BMW, VW und Daimler große Gewinne gemacht hatten. Aber
Reallohnsteigerungen – das wollten sie auf keinen Fall. Die laufenden Lohnausgaben zeichnen sich ja
dadurch aus, dass sie im Verbund mit einer äußerst kooperationsbereiten Gewerkschaft so schön her ­
untergedrückt worden sind – das ist das, was DGB-Chef Sommer mit „passgenau“ meint. Also wollten
die Autokonzerne die beibehalten. Die Bonuszahlungen haben sie sich gerade als Gegenmodell und als
Abwehr einer Lohnsteigerung einfallen lassen. Das Schöne an einer Prämie ist nämlich, dass sie nur
einmalig auf den Tariflohn obendrauf gelegt wird. Der Chef des Unternehmerverbands Gesamtmetall,
Kannegießer, teilte das der Presse auch selbstbewusst mit: Es dürfe nicht sein, „dass sich solche Effek­
te in der Lohntabelle verewigen.“ (Augsburger Allgemeine Zeitung, 14.4.12).
Was meint er mit „verewigen“? Die Tariflohnerhöhung würde nicht nur den monatlich zu zahlenden
Gesamtlohnbetrag der Firma erhöhen, auch alle späteren Lohnverhandlungen würden auf diesem Ni­
veau ansetzen. Die Bonuszahlung wird dagegen ausgeschüttet ohne tarifliche Verpflichtung, sie ist
ausdrücklich kein Entgelt für geleistete Arbeit, sondern eine Anerkennungsprämie für den Erfolg, den
die Firma aus dieser Arbeit herausgewirtschaftet hat. Und genau das ist der zuvor angesprochene Ha­
ken: Die Einmalzahlung ändert an dem zu niedrigen Lohnniveau nichts, sie klopft es vielmehr fest.
Das Prämienverteilen ist also ein Kampfmittel gegen Gewerkschaftsansprüche: Der Gewerkschaft
wird einerseits recht gegeben, dass die Arbeiter sich im Dienst am Unternehmen bewährt haben und
dafür eine Belohnung bekommen sollen. Andererseits: Nachdem die Gewerkschaft sich schon auf die
„passgenaue“ Lohngestaltung eingelassen hat, muss sie ja wohl auch zugeben, dass eine permanente
Erhöhung genau um des künftigen Markterfolgs willen nicht drin ist.
Irgendwelche weitergehenden Ansprüche verbitten sich die Autofirmen. Dem Arbeiter steht sein Tarif­
lohn zu, darüber hinaus nichts. Mit dem Tariflohn kauft sich der Kapitalist sein Recht auf Gewinn, und
das ist der eigentliche Zweck des unternehmerischen Kommandos über die Arbeit. Wenn der Zweck
erreicht ist, können Unternehmer sich auch einmal großzügig zeigen. Das meint Arbeitgeberfunktionär
Hundt, wenn er sagt: „Tariflöhne sind immer Mindestlöhne.“ Stimmen die Umsätze und Gewinne,
dann kann der Unternehmer anfangen, mit Extrazuteilungen zu wirtschaften. Das geht los mit der Be­
reitschaft, den neu Eingestellten diese oder jene Zulage zu zahlen. Seltener, wenn die Markterfolge
noch besser sind als erwartet, kommt ein Bonus für die gesamte Belegschaft heraus. Alle freiwilligen
Zahlungen können nach Belieben und Marktlage erfolgen und auch wieder zurückgenommen werden.
Die Gewerkschaft hat da mit ihren Kriterien gerechter Beteiligung am Gewinn nichts zu melden. Weil
und solange sie nichts gegen die Niedriglöhne unternimmt, bleibt den Belegschaften nur die Hoffnung,
dass die Unternehmer vielleicht später mal wieder „großzügig“ sind.
Aber bekanntlich gibt’s nichts umsonst. Die Anerkennungsprämien waren nicht nur ein berechnendes
GegenStandpunkt Analyse im Radio vom 2. Juli 2012
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Geschenk der Unternehmer, sie verpflichten auch die so Beschenkten. Der Betriebsratschef von VW
hat kapiert, wie es gemeint war.
„Betriebsratchef Osterloh betonte, die Mitarbeiter hätten Außergewöhnliches geleistet. Dies sehe man
an den vielen Überstunden und Sonderschichten. Nun profitierten sie davon. Die Erfolgsbeteiligung
sei allerdings auch Ansporn für die Zukunft. In den nächsten Monaten werde die Arbeit bei VW nicht
weniger. Die Mitarbeiter würden wieder ‚mit ganzer Kraft arbeiten‘, kündigte er an.“ (SZ, 9.3.12)
Ja, eine so außerordentliche Großzügigkeit der Firmenleitung verdient dankbare und entsprechend
leistungsbereite Arbeiter! Zu denselben niedrigen Löhnen wie bisher.
*
In derselben Tarifrunde ohne Lohnkampf hat der Arbeitgebervorsitzende Kannegießer noch eine ande­
re dankenswerte Klarstellung zum Thema Lohngerechtigkeit von sich gegeben. Die offenherzige De­
klarierung der Tariflöhne als Niedriglöhne nutzte er für die Bekämpfung einer Lebenslüge des „Mo­
dells Deutschland“. Es ging um die sozialstaatliche Idee, dass deutsche Arbeitnehmer von ihrem Lohn
nicht nur leben müssen, sondern von ihm auch leben können. Eine Wahrheit über die letzten 60 Jahre
deutschen Kapitalismus war diese Vorstellung sowieso nie. Erstens gab es seit dem Nachkriegs-Wirt­
schaftsaufschwung immer genug Arbeiter, die mit ihrem Lohn nicht einmal ihren Lebensunterhalt
selbstständig bestreiten konnten. Und zweitens war dieses „Davon-leben-können“ noch nie der Stand­
punkt der Unternehmer, weswegen es schon Gewerkschaften gebraucht hat, die Lohnkämpfe durchge­
zogen und den Unternehmern ein paar Lohnerhöhungen abgetrotzt haben.
Mittlerweile ist es so, dass sehr viele Löhne noch nicht einmal den Anschein erwecken, sie wären da­
für da, dass man von ihnen leben kann. Die meisten Sozialpolitiker möchten aber weiter an dem An ­
spruch festhalten, der Lohn müsste eigentlich ein Einkommen sein, mit dem der Lohnempfänger we ­
nigstens seine Selbsterhaltung hinkriegen kann, so dass er die Sozialkassen nicht in Anspruch nehmen
muss. Ein Unternehmervertreter wie Kannegießer hat keinerlei Hemmungen, solche Ideen als längst
überholt zu behandeln. Er verkündet:
„Aufgabe der Tarifpolitik ist es, dass jeder den Lohn erhält, den er – gemessen an seiner Leistung –
verdient. Man muss aber auch die persönlichen Notwendigkeiten eines Menschen berücksichtigen.
Was braucht er zum Leben? Das auszugleichen ist Aufgabe der Solidargemeinschaft.“ (Stern, 7.3.12)
Das „aber“ ist schon interessant: Tariflöhne sind also definitiv nicht dafür da, dem Arbeitenden sein
Leben zu finanzieren, womöglich sogar noch seiner Familie. Wie passgenau die Tarifpolitik der Ge­
werkschaft ist, das hat die Unternehmensgewinne zum Maßstab, nicht den Lebensbedarf ihrer Mitglie­
der. Wie viel Geld einer zum Leben braucht, diese Frage geht also laut Kannegießer den Unternehmer
gar nichts an. Die Tatsache, dass ganz viele Löhne fürs Leben nicht reichen, gibt der Unternehmerprä ­
sident freundlich und gelassen als „Aufgabe der Solidargemeinschaft“ an den Sozialstaat weiter.
Vor zwei, drei Jahren war es noch ein kleiner Skandal, dass viele Arbeitsplätze ihren Besitzer nicht
mehr ernähren. Für den Gesamtmetall-Chef ist das nun eine Selbstverständlichkeit; er hat jedenfalls
kein Problem damit, dass in Deutschland jede Menge Hungerlöhne gezahlt werden.
*
Und woher weiß man, was jeder Arbeiter für seine Leistung genau verdient? Wie geht Lohngerechtig ­
keit im modernen Deutschland? Gegenüber der Augsburger Allgemeinen Zeitung wiederholte Kanne­
gießer seinen Leib- und Magenspruch, dass die Löhne für die Unternehmen „finanzierbar“ bleiben
müssen, je nach Markterfolg. Das genaue Entsprechungsverhältnis von Lohn und individueller Leis ­
tung ergibt sich dann ganz einfach aus dem Tarifsystem:
„Aus Sicht der Arbeitnehmer müssen Löhne je nach Leistung und Anforderungen sorgsam gestaffelt
werden. Nur so werden Löhne als angemessen empfunden. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind,
kann man von einem gerechten Lohn sprechen.“
Das ist konsequent: Von der Lohnhöhe ist hier überhaupt nicht die Rede. Wichtig ist nur, ob der Lohn
als gerecht empfunden wird. Gerechtigkeit stellt sich ein, wenn die Löhne „sorgsam gestaffelt“ wer­
den. Der Arbeiter muss also nur das Gefühl haben, dass andere nicht bevorzugt werden und er selbst
GegenStandpunkt Analyse im Radio vom 2. Juli 2012
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nicht benachteiligt wird. Wenn die Belegschaft und der Betriebsrat sich mit solchen Vergleichen be­
schäftigen, kann das Unternehmen gut damit leben.
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Seele and Geist
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