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"Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen..." - Evangelische

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»Denn wir wissen nicht,
was wir beten sollen …«
Impulse für Liturgie und Gottesdienst
Band 1
Herausgegeben vom
Liturgiewissenschaftlichen Institut der Vereinigten
Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD)
bei der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig
Christian Lehnert (Hrsg.)
»Denn wir wissen nicht,
was wir beten sollen …«
Über die Kunst des öffentlichen Gebets
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten
sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2014 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
Printed in Germany · H 7707
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist
ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die
Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.
Cover: FRUEHBEETGRAFIK · Thomas Puschmann, Leipzig
Coverbild: © Thomas Puschmann
Innenlayout und Satz: Sabine Ufer, Leipzig
Druck und Binden: CPI books GmbH – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-374-03756-8
www.eva-leipzig.de
Vorwort
Alt ist die Klage, dass uns die Worte fehlen, wenn wir beten sollen. Alt ist das Gefühl, dass in dieser Situation mehr steckt als
Versagen. Wenn der Mensch sich Gott nähert, wird die Sprache
brüchig, dann fehlen ihm die Worte. Paulus hat diese Sprachnot
im Römerbrief reflektiert: »Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt
uns mit unaussprechlichem Seufzen.« (Römer 8, 26) Das Unaussprechliche, das pure Geräusch des »Seufzens« tritt an die Stelle
der klaren Semantik unserer Sprache, denn die bleibt stammelnd
und stumm zurück, wenn es um die Begegnung mit dem Geheimnis Gottes geht.
Im öffentlichen Gebet, etwa im Gottesdienst, wird die Stellung
noch prekärer: Welche Sprache ist angemessen? Wie entkomme
ich als Betender der Versuchung, heimlich die Sprechrichtung
umzukehren und zu predigen? Wie umgehe ich Missbrauch und
Vereinnahmung – auch dort, wo sie sich vor meinem eigenen kritischen Blick verbergen?
Viel ist von einer Krise des Gebetes die Rede. Wir können
heute nicht mehr so tun, als gingen uns Worte wie »Guter Gott«
oder »Barmherziger Vater« leicht und spielend von den Lippen.
Zu oft diente das Gebet fremden Zwecken, wurde es verkehrt zur
Ideologie und verwendet zur Selbstabschottung vor schwieriger
Wirklichkeit. Zu viele eingefahrene, ausgehöhlte Sprachmuster
überdecken die Kraft der Tradition. Zu viele oberflächliche Neuformulierungen folgen nur Moden und reden spirituelle Nöte klein.
Auf diese Situation muss Gebetssprache heute reagieren. In
dem Maße, wie die kulturellen Kontexte und spirituellen Prägungen unserer Gemeinden vielgestaltiger und die Erwartungshori5
zonte an das Gebet diffuser werden, verlieren sich dabei Routinen.
Die »Kunst«, öffentlich zu beten, fordert eine verstärkte Kreativität und Reflexion.
Dem will dieses Buch dienen und Pfarrerinnen und Pfarrern,
Prädikantinnen und Kirchenmusikern, aktiven Gemeindegliedern und Kirchvorstehern, Pädagoginnen, kurz allen, die an den
unterschiedlichsten Orten vor der Aufgabe stehen, laut und mit
anderen zu beten, unterstützende Anregungen geben. Das Buch
versammelt Beiträge aus der Feder von Theologinnen und Schriftstellern, von Lehrenden und von Suchenden, die sich je unterschiedlichen Aspekten des öffentlichen Gebetes zuwenden. Es
geht um Reflexionen und Hilfestellungen in einer schwierigen
Kunst. Die Essays sind aus ganz verschiedenen Blickrichtungen
geschrieben, und es gibt Widersprüche – ja, man kann sich vorstellen, dass manche der Autoren sich miteinander heftig streiten könnten. Diese Spannungen liegen in der Natur der Sache,
der Zwiesprache des Gebets, und in der Anlage dieses Buches.
Es handelt sich nicht um ein Lehrbuch oder eine systematische
Abhandlung, sondern um einen praxisnahen Versuch, Reflexion
und Handlungsvorschläge zu verbinden. Die Beiträge folgen den
zentralen Gattungen des Gebetes im Gottesdienst und weiten den
Blick auf übergreifende Fragen.
Dank sei den Theologen unter den Autoren gesagt, die sich auf
die Form des Essays eingelassen und sich vielfach herausgewagt
haben aus den Routinen der praktisch-theologischen Wissenschaft, Dank auch den Schriftstellern und Germanisten, die sich
bereitwillig auf ein fremdes Feld locken ließen und ihre eigenen
Perspektiven eintrugen.
Christian Lehnert
Leipzig, September 2013
6
Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
Michael Meyer-Blanck
Homo orans.
Was macht der Mensch, wenn er betet –
was macht das Gebet mit dem Menschen? . . . . . . . . . . . . . . . 9
Christian Lehnert
Ins Offene.
Über Poesie und Gebet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Ulrich Schacht
Das Gebet der Sklaven, das Gebet des Freien.
Über fünf Sätze von Léon Bloy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Gottesanreden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
Alexander Deeg
Das Kollektengebet.
Ein Plädoyer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
Alexander Deeg
Zur Sprachgestalt des Kollektengebets . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
Zwei Kollektengebete Martin Luthers . . . . . . . 52
Kollekten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
7
Anne Gidion / Thomas Hirsch-Hüffell
Wenn wir stockender sprächen …
Überlegungen zur Sprache der Fürbitten im Gottesdienst . . . 54
Fürbitten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Dirk Pilz
Beichten.
Der Einbruch des Schweigens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
Ein Beichtgebet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
Stille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
Norbert Hummelt
Silence . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Johann Hinrich Claussen
Die Haltung des Gebets . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Jochen Arnold
Sprechrichtungen im Gottesdienst.
Wie Verkündigung und Gebet in ein Intervall kommen . . . . . . 84
Hermann Kurzke
Schweigen, Sprechen, Beten, Dichten, Singen . . . . . . . . . . . . 93
Fulbert Steffensky
Segen.
Skizzen zu einer Geste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
Die Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
8
Michael Meyer-Blanck
Homo orans
Was macht der Mensch, wenn er betet –
was macht das Gebet mit dem Menschen?
Definitionen
Mit einer allgemeinen und etwas spröden Definition will ich mich
dem Thema nähern: Das Gebet ist ein Gespräch, in dem ein Gegenüber vorausgesetzt und zugleich inszenatorisch gesetzt wird. Dabei
ist dieser Partner zwar nicht nachweisbar anwesend, aber von größter Bedeutung für das Empfinden, Selbstverständnis und Handeln
des Sprechenden.
Das Gebet ist eine Redeform, die den Menschen aller Zeiten
und Orte zukommt. Sie hängt ursächlich mit unserem Zeit- und
Raumbewusstsein zusammen: In jedem denkenden Moment
orientieren wir uns durch die Zuordnung eines zeitlichen und
räumlichen »Vor«, »Nach« und »Neben«. Im Schaffen und Wirken,
aber auch im Genießen folgen wir der Logik von Ausdehnung und
Begrenzung. Im Gebet aber thematisiert der Mensch diese Begrenzung und transzendiert sie. Er vergewissert sich des Ganzen,
des Umgreifenden, des Universums, des Seins des Daseins.
Etwas weniger umfassend, aber zumindest für die christliche
Tradition zutreffend kann man sagen: Das Gebet ist ein Gespräch
mit Gott. Genauer: Durch das Gebet treten wir in Beziehung mit
Gott, der selbst Beziehung ist – Beziehung zur Welt, zur Zeit, Be9
ziehung zur Geschichte und zum Menschen. Speziell christlich
formuliert: Gott tritt nicht nur in Beziehung, sondern Gott selbst
ist Beziehung. Das erweist sich in der biblischen Rede von der
Schöpfung des Menschen (1 Mose 1,26 f.), von der Menschwerdung Gottes (Joh 1,14) und von der Geistbegabung des Menschen
in Christus (Röm 8,1.14).
Die Kirche der ersten Jahrhunderte hat diesen Zusammenhang
von Gott, Mensch und Geschichte in der Trinitätslehre zu erfassen
gesucht, die wir in konzentrierter Form im Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel aus dem Jahre 381 vorliegen haben. Bei allen
Spitzfindigkeiten bleibt der eine Grundgedanke der Trinitätslehre
für das Christentum zentral: Gott ist kein Prinzip und kein Despot,
sondern Gott ist Geschichte und Beziehung. Er ist nicht jenseitig
wie er nicht diesseitig ist – Gott ist im Diesseits jenseitig und im
Jenseits unser Sein. Er ist keine Person, aber er ist auch nicht
weniger als eine Person. Kurz: Er ist transzendent. Die mittelalterliche Theologie hat deutlich gemacht, dass diese Zusammenhänge
stets auf dreifache Weise gedacht werden müssen: Gott ist uns ein
Gegenüber analog zu anderen Partnern (via analogiae); Gott ist
aber zugleich in völlig anderer Weise unser Partner, als das bei
Menschen der Fall ist, weil wir ihn nicht vorstellen oder gar beeinflussen können (via negativa) – und er übertrifft noch einmal
kategorial alles das, was wir auf dem Wege der positiven und der
negativen Analogie denken können, weil er nicht das Geschöpf
unserer Analogien ist, sondern der Schöpfer unseres Denkens in
Analogien (via eminentiae).
Hat man sich diese Denkwege der Christenheit klar gemacht,
dann kann man sagen: Das christliche Gebet ist das Gespräch mit
Gott durch und mit Jesus im Heiligen Geist, durch das wir unserer
Beziehung zu dem uns schaffenden, befreienden und heiligenden
Gott gewiss werden.
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Seele and Geist
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