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Engagement – Was nützt mir das? - Kreisjugendring München-Stadt

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Ehrenamt – was bringt‘s?
Foto: sxc.hu
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Jugend und Ehrenamt
Engagement – Was nützt mir das?
Jugendliche, die sich freiwillig in Jugendorganisationen, Initiativen oder
Interessensvertretungen engagieren,
verbringen dort nicht nur ihre freie
Zeit mit Gleichaltrigen, sie lernen
auch etwas. Dies stellt eine Studie
der TU Dortmund und des Deutschen
Jugendinstituts fest, die 2008 veröffentlicht wurde*.
Wenn Jugendliche sich engagieren, dann
fragen sie in der Regel nicht nach dem
persönlichen Nutzen. Sie übernehmen Verantwortung, weil sie als Kinder selbst gute
Erfahrungen mit Organisationen gemacht
haben, weil Freunde oder Verwandte bereits
dort tätig sind oder aus konkretem Sachinteresse. In den Organisationen bewegen sie
sich zum einen in vorgegebenen Strukturen,
machen zum anderen aber immer wieder die
Erfahrung, improvisieren zu müssen und es
mit chaotischen Situationen zu tun zu haben.
Diese „pädagogisch organisierte Anarchie“,
wie Benedikt Sturzenhecker die Diffusität im
Bereich der Jugendarbeit einmal bezeichnet
hat, birgt besondere Lernchancen.
Lernförderliche
Rahmenbedingungen
Aus der Motivations- und Lernforschung
ist bekannt, dass Freiwilligkeit eine wichtige
Voraussetzung für die Motivation zum Lernen
ist. Freiwillig ist sowohl die Aufnahme eines
Engagements, als auch die Art, Intensität und
Dauer der ausgeübten Tätigkeit. Außerdem
spielt die Verantwortungsübernahme in
5|09
Ernstsituationen eine besondere Rolle. Heranwachsenden, die durch die lange Schulphase, den Aufschub von Erwerbstätigkeit und
ökonomischer Selbständigkeit weitgehend
von gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme ferngehalten werden, bietet das
freiwillige Engagement die Möglichkeit,
in einem geschützten Rahmen sukzessiv
Aufgaben und Verantwortung für andere zu
übernehmen.
Wichtig erscheint außerdem das Handeln
in Gruppen und Teams. Die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen und Erwachsenen bedeutet nicht nur das Erleben von
Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft,
sondern motiviert zusätzlich und fördert die
Fähigkeit zur Teamarbeit. In den Organisationen finden Jugendliche Möglichkeiten und
Anregungen, sich selbst zu erproben und zu
erfahren sowie sich mit unterschiedlichen
Lebensentwürfen, Werten und Anschauungen auseinanderzusetzen.
Die Settings des freiwilligen Engagements
bieten zudem Frei- und Gestaltungsspiel-
räume zum Ausprobieren, aber auch zum
Mitbestimmen und Selbst-Organisieren. Für
Lernprozesse besonders wichtig ist dabei,
dass ein enger Zusammenhang zwischen
Lernen und Handeln besteht. Im Sinne von
learning by doing fällt Üben und Handeln
im Ernstfall inhaltlich und zeitlich oft
eng zusammen, was von den Befragten
manchmal als „Sprung ins kalte Wasser“
beschrieben wird. Dies mag zu Turbulenzen
führen, gegenüber den schulischen Anforderungen, die sich ohne unmittelbaren
Handlungsdruck vorrangig auf die Bewältigung intellektuell-kognitiver Aufgaben
beziehen, bietet freiwilliges Engagement für
Heranwachsende aber häufig die erste Gelegenheit und Herausforderung, sich handelnd
zu erfahren und zu bewähren.
Lernförderlich wirken solche Situationen insbesondere dann, wenn sie von
erfahrenen Mitarbeiter/innen begleitet
und unterstützt werden. Es hat sich in den
Interviews gezeigt, dass es für die Bereitschaft Jugendlicher, Verantwortung zu
* Düx, Wiebken/Prein, Gerald/Sass, Erich/Tully, Claus J. (2008): Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter, Wiesbaden
2008 veröffentlicht. Die Buchveröffentlichung enthält die Ergebnisse eines Forschungsprojekts,
welches von 2003 bis 2007 unter dem Titel „Informelle Lernprozesse im Jugendalter in Settings
des freiwilligen Engagements“ durchgeführt wurde. Dazu wurden im Rahmen einer allgemeinen
Bevölkerungsumfrage 1.500 ehemals ehrenamtlich engagierte Erwachsene zwischen 25 und
40 Jahren zu Umfang, Inhalt und Qualität ihrer Kompetenzen sowie zu den Orten des Kompetenzerwerbs telefonisch befragt. Als Kontrollgruppe dienten rund 550 Erwachsene im gleichen
Alter, die in ihrer Jugend nicht ehrenamtlich engagiert waren. Im Rahmen einer qualitativen
Erhebung wurden zudem 74 engagierte Jugendliche im Alter von 15 bis 22 Jahren sowie 13
ehemals engagierte Erwachsene zu ihren Lernerfahrungen in unterschiedlichen Settings des
freiwilligen Engagements interviewt. Dieser Beitrag beruht auf den Ergebnissen der Studie.
Ehrenamt – was bringt‘s?
Kompetenzerwerb und
Persönlichkeitsentwicklung
Fast 70 Prozent der befragten Erwachsenen
geben an, durch ihre freiwillige Tätigkeit „in
hohem“ oder „sehr hohem Umfang“ wichtige Fähigkeiten erworben zu haben. Über
80 Prozent gehen von einem „sehr hohen“
oder „hohen“ Einfluss auf ihr Leben aus.
Insbesondere ihre persönlichen und sozialen
Eigenschaften und Fähigkeiten sehen die
meisten Befragten durch das Engagement
gefördert. Dies trifft besonders stark auf die
Fähigkeit, auf andere Menschen zuzugehen
(71 %) und das eigene Selbstbewusstsein
(64 %) zu. Es folgen mit jeweils über 50
Prozent der Nennungen Toleranz gegenüber
Andersdenkenden, Konfliktfähigkeit, Kompromissbereitschaft, Empathie sowie Umgang
mit Unsicherheit.
Schaut man auf den Erwerb konkreter
Kompetenzen, dann zeigt sich, dass die
früher Engagierten in allen Bereichen über
ein breiteres Spektrum an Erfahrungen mit
den erfragten Tätigkeiten und auch über
mehr Kompetenzen als die Nicht-Engagierten
verfügen. Besonders ausgeprägt sind die
Differenzen zwischen den beiden Gruppen
in punkto Teamarbeit und Gremienerfahrung, Lehr- und Trainingstätigkeit und
Leitungskompetenz, aber auch in Sachen
Organisation und Management sowie Präsentation. So haben früher Engagierte verglichen
mit den früher nicht Engagierten mehr als
dreimal so häufig in Gremien und Ausschüssen mitgearbeitet oder Texte geschrieben,
die veröffentlicht wurden und geben etwa
doppelt so oft an, große Veranstaltungen
und Projekte organisiert oder eine Rede vor
vielen Menschen gehalten zu haben. Auch
haben sie signifikant häufiger als NichtEngagierte Leitungsaufgaben übernommen,
andere Personen ausgebildet, unterrichtet
oder trainiert sowie größere Aufgaben im
Team bearbeitet.
Auswirkungen des freiwilligen Engagements auf Lernerfahrungen und Kompetenzgewinne sind den Befunden zufolge aber
deutlich an den Typ der ausgeübten Tätigkeit
sowie an das Tätigkeitsfeld geknüpft und
unterscheiden sich entsprechend. Besonders große Kompetenzgewinne beschreiben
„Funktionäre“ und „Organisatoren“.
Berufliche Orientierung
Ein weiteres Ergebnis verweist auf die
wichtige berufliche Orientierungsfunktion
der Organisationen des Engagements für
Heranwachsende. So berichten in einer Reihe
von Interviews Jugendliche und Erwachsene
von einschneidenden Erfahrungen aus ihrer
freiwilligen Tätigkeit mit Einfluss auf ihre
berufliche Orientierung. Die standardisierte Erhebung lässt erkennen, dass in ihrer
Jugend engagierte Personen in größerem
Ausmaß Sozial-, Erziehungs- oder Gesundheitsberufe ergreifen als die Vergleichsgruppe der früher nicht Engagierten. So sind oder
waren 42 Prozent der ehemals Engagierten
gegenüber 28 Prozent der Nicht-Engagierten
im Gesundheitsbereich, im Bildungswesen
oder im sozialen Bereich tätig bzw. in einer
entsprechenden Ausbildung.
sind es weniger als 40 Prozent. Auch hinsichtlich konkreter Formen gesellschaftlicher
Aktivität zeigt sich eine durchgehende Tendenz zu mehr gesellschaftlicher Beteiligung
der ehemals Engagierten. So geben nur 0,3
Prozent der früher nicht Engagierten an,
ein politisches Amt übernommen zu haben;
bei den Engagierten sind es immerhin vier
Prozent. Mehr als doppelt soviel Engagierte
sind Mitglied in einer Partei oder haben
bereits Eingaben an Politik oder Verwaltung
gemacht. Die tiefere Analyse der Daten zeigt
aber auch, dass die Art des Engagements
einen erheblichen Einfluss auf die spätere
Aus den Interviewaussagen kann geschlossen werden, dass die Engagementerfahrungen
auch in Bewerbungsverfahren eine Rolle spielen. Fast alle Jugendlichen betonen, dass sie
diese in Bewerbungsgesprächen ansprechen
bzw. den Bewerbungsunterlagen in Form von
Nachweisen beilegen würden.
politische Aktivität hat. So sind es auch
hier in erster Linie frühere „Organisatoren“
und „Funktionäre“, die als Erwachsene gesellschaftlich und politisch partizipieren,
während die Engagierten ohne entsprechende
Erfahrung sich hier nicht bedeutend von den
Nicht-Engagierten unterscheiden.
Das Foto wurde der DVD „Blickwinkel“, die der Deutsche Bundesjugendring im Rahmen von
„Projekt P – misch dich ein“ produziert hat, entnommen. Foto: dieprojektoren agentur für
gestaltung und präsentation
übernehmen, wichtig ist, dass erwachsene
Bezugspersonen in den Organisationen sie
begleiten, unterstützen und ernst nehmen,
ihnen verantwortungsvolle Aufgaben und
Eigenständigkeit zutrauen und zumuten
sowie ihre Leistungen anerkennen. Etwa 70
Prozent der befragten Engagierten berichten, dass sie von erfahrenen erwachsenen
Ansprechpartnern unterstützt werden.
17
Gesellschaftliche und
politische Beteiligung
In der Studie finden sich einige deutliche Hinweise auf positive Zusammenhänge
zwischen dem freiwilligen Engagement im
Jugendalter und der späteren gesellschaftlichen und politischen Beteiligung im Erwachsenenalter. So verfügen früher engagierte
Erwachsene häufiger (33 %) über einen sehr
großen Freundes- und Bekanntenkreis als
früher nicht engagierte Personen (23 %).
Immerhin 54 Prozent der befragten 25- bis
40-Jährigen geben an, aktuell (noch oder
wieder) engagiert zu sein, während nur 15
Prozent der ehemals Nicht-Engagierten als
Erwachsene eine freiwillige Tätigkeit aufgenommen haben.
Personen, die in ihrer Jugend freiwillig
engagiert waren, zeigen auch ein stärkeres
Interesse an Politik als Nicht-Engagierte.
Über 50 Prozent dieser Gruppe bekunden ein
starkes Interesse; in der Vergleichsgruppe
Fazit
Freiwilliges Engagement ist ein wichtiges
gesellschaftliches Lernfeld, in dem sich
Kompetenzerwerb, Persönlichkeitsbildung,
biographische Orientierung und gesellschaftliche Solidarität verbinden. Hier können
vielfältige Kenntnisse, Einstellungen und
Fähigkeiten erworben werden, die für eine
eigenständige und sozial verantwortliche
Lebensführung sowie die Beteiligung an
demokratischen Verfahren, aber auch für die
Übernahme von Leitungs- und Managementaufgaben wichtig sind. Die lernförderlichen
Effekte und der Nutzen des Engagements
mögen den Jugendlichen vielleicht erst
im Erwachsenenalter klar werden; dass es
sich hier um ein gesellschaftlich relevantes
Lernfeld handelt, konnte mit der Studie
gezeigt werden.
Erich Sass, TU Dortmund
FK 12 Erziehungswissenschaft und Soziologie
5|09
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Ehrenamt – was bringt‘s?
Ehrenamtliches Engagement von Kindern und Jugendlichen
Die spitzer-Kinderredaktion
Die stadtweite Münchner Kinderzeitung
„spitzer“ gibt es seit zwei Jahren. Eine
Redaktion aus Kindern und Jugendlichen arbeitet mit journalistischen
Profis zusammen an den vier Ausgaben
im Jahr. Fast alle Inhalte drehen sich
irgendwie um München und regen junge
Münchner/innen an, mitzumachen und
die Stadt zu erkunden. Verteilt wird die
Zeitung über den städtischen Schulverteiler und gelangt auf diese Weise in
alle Klassenzimmer der 2. bis 6. Klassen
der Münchner Schulen.
Das Herzstück der „Zeitung für das junge
München“ ist die Kinderredaktion, die sich
jeden Freitagnachmittag in der Pasinger
Fabrik trifft. Momentan besteht sie aus 20
Mädchen und Jungen zwischen acht und
17 Jahren. Über die festen Termine hinaus
gibt es jedoch viele weitere Termine und
Veranstaltungen, bei denen sich die jungen
Redakteure und Redakteurinnen für ihre Zeitung engagieren und einsetzen. Interviewtermine, mobile Kinderredaktionseinsätze in
der Stadt, Testausflüge, Konzertbesuche etc.
stehen auf dem Programm. Was die Mädchen
und Jungen dazu bewegt, sich verbindlich
und langfristig ehrenamtlich für den „spitzer“ zu engagieren, berichten vier junge
Journalisten aus der Kinderredaktion.
Luca, 12 Jahre
„Ich finde es super in der Kinderredaktion.
Es ist toll Themen zu recherchieren, Artikel
zu schreiben und Sachen zu testen. Einen Test
machen wir in jeder Ausgabe, der heißt Isarinspektor. In der aktuellen Ausgabe haben wir
Picknickwiesen in München unter die Lupe
genommen. Wenn wir Interviews machen,
treffen wir schon auch mal Stars. Das finde
ich natürlich besonders aufregend.“
5|09
Melanie, 14 Jahre
„Vor zwei Jahren hatten wir in der Schule
ein Projekt, bei dem wir reinschnuppern
konnten, wie eigentlich eine Zeitung entsteht. Mir hat das ziemlich gut gefallen,
weil ich selber gern schreibe. Deswegen habe
ich mir die Redaktion mal angeschaut und
komme seitdem jeden Freitag in die Pasinger
Fabrik. Wir haben zwei Räume mit Computern
und großen Tischen, in denen wir uns treffen.
Wir Kinder diskutieren dort über Themen,
die gerade wichtig sind und über wichtige
Ereignisse, über die wir gerne schreiben
würden. Jeder bringt seine eigenen Ideen ein
– und so entsteht dann die nächste Ausgabe.
Natürlich interviewen wir auch Stars oder
andere wichtige Persönlichkeiten. Das finde
ich total toll, weil uns dann nicht mehr viel
von erwachsenen Reportern unterscheidet.
Hier in der Redaktion hilft jeder jedem und
eine super Leiterin haben wir auch. Die
ganzen Ausflüge und Termine, die wir mit
der Gruppe machen, sind immer saulustig,
weil wir uns wirklich gut verstehen. Wir sind
wirklich schon viele Kinder und Jugendliche
in der Redaktion, aber es könnten auch noch
mehr sein!
In der Schule wurde ich schon ein paar Mal
von Mitschülern angesprochen, die unsere
Zeitung lesen. Sie finden den spitzer ein
tolles Projekt!
Ich finde es gut, dass München eine richtige Kinder- und Jugendzeitung hat. Wir selber
wissen am besten, was andere in unserem
Alter interessiert. Hier haben wir endlich mal
das Sagen. Es ist mir sehr wichtig, dass ich
mitreden kann, dass ich meine Meinung sagen
darf und mir auch jemand zuhört! Später
möchte ich gerne Redakteurin werden. Die
Arbeit hier macht mir Spaß und ich will auch
später weiterhin mitreden können.“
Mario, 11 Jahre
„Ich bin erst seit kurzem in der spitzerKinderredaktion. Mir ist es wichtig, dass
Kinder und Jugendliche so informiert werden, dass sie wichtige Dinge erfahren und
verstehen. Außerdem will ich selber meine
Meinung sagen können und andere Leute
kennenlernen, denen es genauso geht. Bisher
konnte ich nichts Blödes an meiner Arbeit
hier entdecken. Ich komme gerne zu den
Redaktionstreffen! Am liebsten schreibe
ich Witze.“
Luis, 8 Jahre
„Warum ich in meiner Freizeit beim spitzer
bin? Ich schreibe unglaublich gerne und es
macht mir großen Spaß, mit anderen Kindern
zusammen für eine Zeitung zu schreiben!
Aber es macht nicht nur Spaß, sondern man
erfährt gleichzeitig viel, was in der Stadt los
ist. Mir gefällt es hier super.“
Die jungen Reporter nehmen ihre ehrenamtliche Arbeit sehr ernst und tragen durch
ihr Engagement einen unabdingbaren Teil
dazu bei, dass der „spitzer“ so ist, wie er
ist.
Die 8. Ausgabe der kostenlosen stadtweiten
Kinderzeitung ist Anfang Juni erschienen
und liegt in der Rathausinformation, den
Stadtbibliotheken und verschiedenen Museen aus.
Neue Redaktionsmitglieder sind immer
herzlich willkommen! Bei Interesse bitte
melden unter Tel. 82 111 00 oder www.spitzer-muenchen.info.
Rebecca Schreiber,
Betreuerin der spitzer-Kinderredaktion,
Kultur & Spielraum e. V.
Ehrenamt – was bringt‘s?
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Ehrenamt und Hauptamtlichkeit in der Jugendverbandsarbeit
Engagement im Spannungsfeld
Das Grundlegendste zuerst: „Sie“ existieren tatsächlich - die Jugendlichen
und jungen Erwachsenen, die sich über
viele Jahre hinweg für ihren Jugendverband engagieren, die bereitwillig
ihren Jahresurlaub für Zeltlager und
freie Abende für Sitzungen opfern und
die von einer „Aufwandsentschädigung
für ehrenamtliche Tätigkeiten“ noch
nie etwas gehört haben.
Auch Ehrenamtliche, die nur bei vereinzelten Aktionen mit dabei sind, kein Amt
innehaben oder nicht regelmäßig bei den
Treffen auftauchen, sind unverzichtbarer
Bestandteil einer gesunden Jugendverbandsstruktur. Vom viel zitierten Trend
die Verbände selbst: Während bei manchen
selbst örtliche Gruppen von pädagogischen
Mitarbeiter/innen betreut und nach außen
vertreten werden, bestehen bei anderen
sowohl Orts- als auch Kreisebene aus rein
ehrenamtlichen Strukturen und erst auf
übergeordneter Ebene kommen vereinzelt
Hauptamtliche ins Spiel. Insgesamt beschäftigen ca. 35 Prozent der Jugendverbände
und -initiativen im Stadtgebiet München
hauptamtliches Personal.
Die unterschiedlichen Strukturen machen
allgemeingültige Aussagen über die Rolle
der professionellen Mitarbeiter/innen in
Jugendverbänden zunächst schwierig. Es
ist daher notwendig, sich mit der Grundlage
der Jugendverbandsarbeit zu befassen, um
gemeinsames Handeln und Erleben sowie
gemeinsame kulturelle Normen und Regeln.
Wichtig ist die Erkenntnis, dass sich die auf
diese Weise entstehenden Milieus in ihrer
sozialen Zusammensetzung, ihren kulturellen Regeln und Inhalten nur selbst erzeugen
und bestimmen können1. In der Praxis der
Jugendverbände lassen sich die Elemente
dieser Definition leicht wiederfinden: „Die
aus Freunden bestehende Gruppe ist das
Zentrum des gemeinsamen Handelns. Die dort
erfahrene Gemeinschaft hat für die Nutzer
höchsten Stellenwert, noch vor den Inhalten.“ 2 Gerade durch den Milieucharakter
kann die Jugendverbandsarbeit erst Freiraum für Selbstorganisation und informelle
Bildung sein.
Das Foto wurde der DVD „Blickwinkel“, die der Deutsche Bundesjugendring im Rahmen von
„Projekt P – misch dich ein“ produziert hat, entnommen. Foto: dieprojektoren agentur für
gestaltung und präsentation
Freiräume für Ehhrenamtliche
hin zum zeitlich begrenzten freiwilligen
Engagement von Jugendlichen ist jedenfalls
bei beiden Gruppen wenig bis nichts zu bemerken: Kontinuierliches Engagement von
Jugendlichen und jungen Erwachsenen als
Gruppenleiter/in, im Vorstand oder Mitarbeiterkreis eines Jugendverbandes ist nach
wie vor die Regel.
Neben den ehrenamtlich Engagierten
haben ohne Frage auch professionelle Mitarbeiter/innen ihre Daseinsberechtigung in
der Jugendverbandsarbeit: Ob als Jugendpastor, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit,
Mitarbeiter beim Jugendring oder Bildungsreferentin – an vielen Schnittstellen sitzen
Hauptamtliche und schaffen durch ihre
Arbeit den Rahmen für ehrenamtliches Handeln. Sie beraten und informieren, fördern
die Kommunikation und vernetzen, kümmern
sich um Finanzen, Jugendleiter-Ausbildungen und vieles mehr.
Die Rollen von Hauptamtlichen in den Jugendorganisationen sind so verschieden wie
die Herausforderungen für dort beschäftigte
Hauptamtliche herauszuarbeiten.
In diesem Zusammenhang ist der Milieucharakter der Jugendverbandsarbeit
von großer Bedeutung: Ein „Milieu“ ist
gekennzeichnet durch einen gemeinsamen
sozialen Raum, gemeinsam verbrachte Zeit,
1 Nach: Sturzenhecker, Benedikt (2007). Zum
Milieucharakter von Jugendverbandsarbeit. Externe und interne Konsequenzen.
In: Deutsche Jugend – Zeitschrift für die
Jugendarbeit, Ausgabe 3/2007
2 Sturzenhecker, Benedikt (2007). Zum Milieucharakter von Jugendverbandsarbeit.
Externe und interne Konsequenzen. In:
Deutsche Jugend – Zeitschrift für die Jugendarbeit, Ausgabe 3/2007, S. 112
3 Sturzenhecker, Benedikt (2007). Zum Milieucharakter von Jugendverbandsarbeit.
Externe und interne Konsequenzen. In:
Deutsche Jugend – Zeitschrift für die Jugendarbeit, Ausgabe 3/2007, S. 114
Das vom Verband entwickelte System mit
Funktionären, Hauptamtlichen, Gremien etc.
steht dem jugendkulturellen Milieu per se
erst einmal entgegen. Allein anhand dieses
Gegensatzes lässt sich das Spannungsfeld
zwischen Haupt- und Ehrenamt verdeutlichen und es lassen sich Herausforderungen
und Grenzen für die professionelle Arbeit im
Jugendverband ableiten.
So ist es zum einen unbedingt erforderlich,
dass sich hauptamtliche Mitarbeiter/innen
selbst zurücknehmen, um die Übernahme
von Verantwortung durch Ehrenamtliche zu
ermöglichen. In einem Jugendverband, in
dem von der Abrechnung über die Öffentlichkeitsarbeit bis hin zur Vertretung nach
außen alle Aufgaben durch hauptamtliches
Personal übernommen werden, ist der erwähnte Freiraum für Selbstorganisation und
informelle Bildung nicht mehr vorhanden.
Dieser stellt jedoch erst einmal den Reiz der
Jugendverbandsarbeit dar: Im Gegensatz
zur Schule erleben sich die Jugendlichen als
Akteure statt als bloße Adressaten.
Um dies zu ermöglichen, ist auch das
ganzheitliche Erfahren und Miterleben von
Aktionen wichtig: Wer sich für eine Aktion
engagieren möchte, sich aber weder um deren
Ausschreibung, noch um konkrete Vorbereitungen oder die Abrechnung kümmern
muss/darf, dem entgeht einerseits die breite
Aufgabenfülle, andererseits aber auch die
Möglichkeit, selbst in größerem Maße Verantwortung zu übernehmen. Die Möglichkeit
der Partizipation macht hier nur wenig wett:
Wer nur „mitreden“ darf, hat noch lange
nichts selbst entschieden und gestaltet. Die
eigene Selbstwirksamkeit erleben zu können,
ist nach wie vor Existenzgrundlage für einen
gesunden Jugendverband. Die Herausforderung für die Hauptamtlichen liegt hierbei vor
allem darin, zwar unterstützend tätig zu sein,
die jungen Engagierten dabei jedoch nicht
gleichzeitig zu entmündigen oder in eine
pseudo-entscheidende Rolle zu drängen.
5|09
20
Ehrenamt – was bringt‘s?
Zum anderen muss es auch Aufgabe des
Hauptamtes sein, die Jugendmilieus vor
Eingriffen von außen so gut als möglich zu
bewahren. „So kann man weder die soziale Zusammensetzung fremdbestimmen noch ihre
sozialen Gesellungsweisen oder Inhalte von
außen vorgeben“, ohne durch diese Funktionalisierung die fragilen Milieus zu zerstören. Gerade die „selbstgewählten Freundeskreise und selbstbestimmten Themen“
eines Milieus machen die Attraktivität eines
Jugendverbandes aus. Wenn man versucht,
„den Jugendlichen (…) die Teilnehmenden,
Themen und Umgangsweisen vorzuschreiben
und diese ihnen aber nicht passen, entsteht
schnell die Gefahr, dass die Jugendlichen den
Verband verlassen, (…) [was ihn] in seiner
Existenz gefährden“ würde3.
Gegenüber Erwachsenenverband, Staat und
Politik ergibt sich aus dieser Beobachtung die
Forderung, auf Pädagogisierung zu verzichten,
die in ihrer Intention, auf inhaltlicher Ebene
in die Selbstorganisation der Jugendlichen
einzugreifen, äußert kritisch gesehen werden
muss: Jugendverbandsarbeit ist an sich wertvoll und erfüllt ihren Auftrag als außerschulische Bildungsinstitution - auch ohne zusätzlich mit Schulen zu kooperieren, Migranten
zu integrieren oder Präventionsprogramme
umzusetzen, wie es immer wieder von Politik
und Zuschussgebern gefordert wird.
Diesen Standpunkt immer wieder zu verdeutlichen, Anerkennung für die engagierten
Jugendlichen einzufordern und auch selbst
weiterzugeben, durch Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit dafür Sorge zu tragen,
dass nach außen transportiert wird, was
innerhalb des Jugendverbandes geleistet
wird, ist Aufgabe der an den Schnittstellen
zu Politik, Erwachsenen- und Landesverbänden, Kirchen etc. sitzenden hauptamtlichen
Mitarbeiter/innen in Jugendverbänden und
Jugendringen.
Cornelia Haberstumpf
Abteilung Jugendarbeit, KJR
Corporate Social Responsibility
Der Gesellschaft etwas zurückgeben
Unter Corporate Social Responsibility,
kurz CSR genannt, versteht man die
soziale und ökologische Selbstverpflichtung von Unternehmen in ihrer
gesamten Unternehmenstätigkeit. Es
ist ein Konzept unternehmerischer
Verantwortung, das die Idee der Nachhaltigkeit aufnimmt und die drei Säulen Ökonomie, Ökologie und Soziales
mit konkretem unternehmerischem
Handeln verbindet. CSR-Aktivitäten gehen über gesetzliche Verpflichtungen
hinaus, d.h. sie sind freiwillig.
Die Säule „Soziales“ beinhaltet, „etwas für
die Gesellschaft tun – etwas zurückgeben
– Unterstützung von sozialen Einrichtungen
im Umfeld des Firmensitzes“. Das wird z.B.
umgesetzt, indem Unternehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für soziale Aktionen
von der Arbeitszeit freistellen. Und das
brachte den KJR mit Intel zusammen.
Das Unternehmen Intel feierte im letzten
Jahr seinen 40. Geburtstag und nahm dies
zum Anlass, eine außergewöhnliche soziale
Aktion zu initiieren. Die Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter sollten weltweit an allen
Standorten des Unternehmens eine Million
Stunden ehrenamtlicher Arbeit leisten, davon entfielen auf Intel Deutschland 5.000
Stunden. Und da ein Standort in Deutschland
Feldkirchen bei München ist, kam der KJR
München-Stadt in den Genuss der fleißigen
sozialen Helferinnen und Helfer: 14 Einsätze
(von Gartenumgestaltungen über Streichaktionen bis hin zu Bewerbungstrainings)
in unseren Einrichtungen trugen mit dazu
bei, das Ziel 5.000 Stunden zu erreichen
und ergaben gleichzeitig eine Geldspende
für den KJR – denn die bei uns geleisteten
Arbeitsstunden wurden erfreulicherweise
auch noch versilbert!
Wir freuen uns sehr, dass Intel sich auch
in diesem Jahr weiter bei uns engagieren
möchte. Der erste Arbeitseinsatz fand bereits
statt – die Personalmanagement-Abteilung
(11 Frauen und 1 Mann) mit Frontfrau Claudia
Hansen zeigte am 23. Juni, dass auch äußerst
5|09
Großer Einsatz der der Intel-Mitarbeiter/innen
widrige Wetterumstände - der Himmel hatte
seine Schleusen weit geöffnet - der guten
Laune und dem sozialen Engagement nichts
anhaben können. Das Ergebnis: ein wieder
begehbares und gepflegtes Biotop sowie 22
gesäuberte, abgeschliffene und grundierte
Lamellenfensterläden (= eine Hausseite),
zum Farbanstrich reichte die Zeit nicht mehr.
Aber wir sind guter Dinge, dass weitere IntelTeams durch Claudia Hansen motiviert werden und die Arbeit zu Ende bringen möchten
– denn es gibt noch drei Seiten des Hauses
mit vielen Fenstern und Fensterläden!
Claudia Hansen erzählte, dass ihr Team sich
schon im letzten Jahr tatkräftig beim KJR
eingebracht hat. Bei Bewerbungstrainings
und Planspielen waren sie als Berater/innen
im Einsatz. Es war für alle eine interessante
Erfahrung, erstaunlich war bei vielen Jugendlichen die Selbsteinschätzung, d.h. die in
starkem Widerspruch zum angestrebten Beruf
mit den notwendigen Einstiegsqualifikationen stehenden nicht so guten Schulnoten.
Die Lehrkräfte, die den Intel-Berater/innen
diese Einschätzung auch bestätigten, versuchten dann im Anschluss an das Training,
den Teilnehmenden diese Eindrücke zu vermitteln und auf notwendige Veränderungen
hinzuweisen.
Die interne Kommunikation in Sachen CSR
läuft bei Intel über verschiedene Kanäle. Der
Koordinator Daniel Zitek versorgt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig per
Rundmail mit neuesten Informationen über
Einsatzmöglichkeiten und durchgeführte
Aktionen. Ausführliche Auskünfte zu diesem
Themenbereich gibt auch eine eigene Seite im
Intranet. Und ein in der Kantine installierter
großer Monitor berichtet kurz und knapp in
Bild und Ton über erfolgreiche Freiwilligeneinsätze, um neue Teams für Aktionen zu
motivieren und die im Einsatz Gewesenen
zu würdigen.
Claudia Hansen kennt das „Volounteering“
(= Freiwilligenarbeit) schon aus ihrer IntelZeit vor zwei Jahren in Amerika. Sie war
noch keine Woche dort, schon lief die erste
soziale Aktion. In Amerika ist „communitywork“ ein selbstverständlicher Bestandteil
der Unternehmenstätigkeit und wird sehr
gefördert. Claudia Hansen findet es gut, dass
CSR in Deutschland immer mehr Beachtung
findet und dass ihr Arbeitgeber ihr diese
Möglichkeit auch bietet. Sie und ihr Team
werden auf jeden Fall weiter auf sozialen
Pfaden wandeln! Herzlichen Dank!
Frauke Gnadl, Projektleitung Fundraising, KJR
Ehrenamt – was bringt‘s?
21
Freiwilliges Engagement und Ehrenamt bei Jugendlichen
Aktive Jugend
Beim 1. Freiwilligen-Survey, der ersten
deutschen repräsentativen Studie zum freiwilligen Engagement1), und der Nachfolgestudie von 20042), wurde nicht alles an freiwilliger Tätigkeit miteinbezogen, sondern nur
der Teil, der in der jeweiligen Gruppierung
nach eigener Angabe auch Aufgaben und
Arbeiten übernommen hat, die man freiwillig
oder ehrenamtlich (außerhalb der Erwerbsarbeit und außerhalb der Familie) ausübt.
Ein reines „Mitmachen“ ohne Engagement
fällt nicht unter den Begriff „freiwilliges
Engagement“. So übt. z.B. eine Person, die
im Verein Sport macht oder sich an einer
Freizeitgruppe beteiligt, eine „Gemeinschaftsaktivität“ aus und fällt erst dann
unter den Begriff „freiwilliges Engagement“,
wenn bspw. eine Trainerfunktion ausgeübt
wird. (Gensicke u.a., S. 41)
Wie hoch ist die EngagementQuote in Deutschland?
Insgesamt war 1999 jeder dritte Bundesbürger (34 %) nach eigenen Angaben „in
irgendeiner Form ehrenamtlich bzw. freiwillig engagiert – und zwar in dem Sinne, dass
man in Vereinen, Initiativen, Projekten,
Selbsthilfegruppen oder Einrichtungen aktiv
mitmacht und dort unbezahlt oder gegen
geringe Aufwandsentschädigung freiwillig
übernommene Aufgaben oder Arbeiten ausübt“ (BMFSFJ, 2000, S. 18).
Diese Engagement-Quote, also der Anteil
von freiwillig Engagierten an der Bevölkerung ab 14 Jahren, ist zwischen 1999 und
2004 um 2 Prozentpunkte von 34 % auf 36 %
gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist das Engagementpotenzial, also die Bereitschaft von
Nicht-Engagierten, sich künftig freiwillig zu
engagieren, um 6 Prozentpunkte von 26 %
auf 32 % gestiegen.
Freiwilliges Engagement von
Jugendlichen im Zeitvergleich
Das freiwillige Engagement von Jugendlichen ist u.a. insofern von Bedeutung, als
engagierte Erwachsene häufig schon als
Jugendliche aktiv waren. Und die Kinder und
Jugendlichen von heute sind die Erwachsenen von morgen, die Gesellschaft und Politik
dann aktiv (mit-)gestalten.
Das Foto wurde der DVD „Blickwinkel“, die der Deutsche Bundesjugendring im Rahmen
von „Projekt P – misch dich ein“ produziert hat, entnommen. Foto: dieprojektoren
agentur für gestaltung und präsentation
Freiwilliges Engagement und Ehrenamt haben in Deutschland eine lange
Tradition. Was meint nun aber „freiwilliges Engagement“ und „Ehrenamt“? Es gab und gibt eine Vielzahl
von Begriffen im Feld des freiwilligen
Engagements: Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, Selbsthilfe und vielfältige Formen bürgerschaftlichen Engagements
in Vereinen, Verbänden und diversen
Gruppen.
Über alle Altersgruppen ist das freiwillige
Engagement zwischen 1999 und 2004 von
34 % auf 36 % gestiegen; an einer Gemeinschaftsaktivität (ohne sich freiwillig zu engagieren, also ohne eine Arbeit oder Aufgabe
zu übernehmen) nahmen 1999 32 % teil; 2004
waren es 34 %.
Der Anteil der aktiven 14- bis 24-Jährigen
(also Gemeinschaftsaktivität mit und ohne
freiwilligem Engagement) ist zwischen 1999
und 2004 leicht gestiegen. Der Anteil der
freiwillig engagierten Jugendlichen lag
2004 bei 36 %; 1999 waren es 37 %, also ein
Rückgang um 1 %.
Deutlich zugenommen hat der Teil der
Jugendlichen, die im Rahmen ihres freiwilligen Engagements (nicht nur eine, sondern)
zwei Tätigkeiten ausüben. Relativ groß und
zwischen 1999 und 2004 gestiegen ist das
Engagementpotential, also die Bereitschaft
von Jugendlichen, sich künftig zu engagieren: dieses Potenzial ist zwischen 1999 und
2004 bei der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen
von 40 % auf 43 % gestiegen. Entsprechend
ist der Teil der Jugendlichen, die sich weder
engagieren, noch sich engagieren wollen, von
23 % auf 21 % gesunken. (Zum Vergleich: der
Anteil der Senioren (60 Jahre und älter), die
sich nicht engagieren und das auch nicht wollen, lag 1999 bei 61 % und 2004 bei 51 %.
Insgesamt also bestätigt sich nach den
Daten der zweiten Freiwilligen-Surveys das
Bild einer aktiven Jugend mit stabil hoher
Neigung zum Engagement (Gensicke u.a.,
S. 185)
Nicht weiter überraschend zeigt sich in
beiden Studien (1999 und 2004) „Sport und
Bewegung“ als Bereich mit dem stärksten Engagement, gefolgt von Schule und an dritter
Stelle „Religion und Kirche“.
Der zentrale Erklärungsfaktor für das
Engagement von Jugendlichen ist der Bil-
dungshintergrund: je anspruchsvoller der
Bildungshintergrund, desto höher die Neigung zum Engagement. Dies konstituiert jene
Mittelschichts-Orientierung der Jugendverbände, über die schon oft diskutiert wurde. Es
bleibt eine Aufgabe für die Jugendverbände,
Modelle und Strategien zu entwickeln, auch
Jugendliche aus bildungsfernen Schichten
anzusprechen, für das Engagement zu interessieren und in den Verband einzubinden.
Die Lern- und Bildungsmöglichkeiten im
freiwilligen Engagement sind sehr ausgeprägt und deutlich anders als im formalen
Bildungsbereich 3 ). Es wäre schade, einen
großen Teil der Jugendlichen nicht dafür
zu gewinnen.
Elly Geiger
Referentin für Grundsatzfragen, KJR
1 Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend: Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der
Repräsentativerhebung 1999 zu Ehrenamt,
Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem
Engagement. – Stuttgart-Berlin, Köln:
Kohlhammer 2000, Bände 1-3 sowie
2 die Anschlussstudie: Gensicke, Th./Picot, S./Geiss, S.: freiwilliges Engagement
in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse
der repräsentativen Trenderhebung zu
Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement. Im Auftrag und
herausgegeben vom Bundesministerium
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,
VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006.
3 Düx, W./Prein, G./Sass, E./Tully, C.J.: Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement.
Eine empirische Studie zum informellen
Lernen im Jugendalter. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008
5|09
22
Ehrenamt – was bringt‘s?
Partizipation in der offene Jugendarbeit
„Kein Wunschkonzert“
Partizipation ist gut und wichtig – nur
wie wird sie sinnvoll gestaltet? Einen Jugendrat gibt es im Jugendtreff
Au in der Nähe des Mariahilfplatzes
schon lange. Die Erfahrungen damit
waren zwiegespalten. Oft gestaltete
sich die Arbeit schwierig, das Engagement ließ zu wünschen übrig, für viele
Jugendliche war es eher Pflicht als
Begeisterung.
Seit 2008 geht das Team des JT Au einen
neuen Weg für die Mitbestimmung der Jugendlichen im Haus. Statt Vertreterinnen
und Vertreter für den Jugendrat in der
Hausversammlung zu wählen, können sich
die Jugendlichen nun freiwillig melden. „Das
war für uns ein Experiment“, sagt Nicole Syr,
und gegessen. „Wir wollen den Jugendrat für
alle attraktiv gestalten, es soll nicht eine
reine Pflichtaufgabe sein“, erklärt Syr.
Auch wird zu jedem Treffen vorher schriftlich eingeladen, damit es niemand vergisst.
Zudem gibt es jedes Mal ein Hauptthema, das
den Leitfaden bildet.
Die Ergebnisse helfen den Jugendlichen
wie den Pädagoginnen und Pädagogen gleichermaßen. Die Anregungen, Verbesserungstipps und Ideen des Jugendrats haben das
Haus schon jetzt verändert. So haben die
Jugendlichen die jetzige Regelung für die
Internetnutzung – kostenlos, aber nach Anmeldung und auf eine halbe Stunde begrenzt
– selbst vorgeschlagen. Das Wichtigste an
dieser neuen Regelung: sie funktioniert. Und
die Jugendlichen gehen sorgsamer mit den
Seit wann seid ihr Jugendsprecher/innen?
Regina: Seit letztem Jahr.
Michi: Ich bin’s seit etwa einem dreiviertel Jahr.
Wie lange macht man so was?
(Alle drei zucken mit den Schultern) Keine Ahnung?!
Meinst du, wie oft wir uns treffen?
Ich meine, wie lange ist die Amtszeit, für die ihr
gewählt wurdet? Ihr wurdet doch gewählt, oder?
Regina: Nein, wir haben uns selber dazu entschieden.
Franzi: Man meldet sich einfach. Und wir wollten’s
halt machen.
Das Foto wurde der DVD „Blickwinkel“, die der Deutsche Bundesjugendring im Rahmen von „Projekt P – misch
dich ein“ produziert hat, entnommen. Foto: dieprojektoren agentur für gestaltung und präsentation
Ihr seid also ganz freiwillig Jugendsprecher
geworden?
Alle: Ja klar!
Und warum?
Regina: Damit wir mehr mitbestimmen können bei
den Ausflügen und Aktionen und was hier im Haus
gemacht wird.
Franzi: Wir sind öfters hier und es macht uns einfach
Spaß hier.
Was heißt „öfters“?
Regina: Wir sind fast täglich hier!
Sind die anderen Jugendsprecher auch Leute, die
sehr häufig hier sind?
Alle: Ja, fast alle.
Michi, warum bist du dabei?
Michi: Um Verbesserungsvorschläge einzubringen und
zur Verbesserung im Haus beizutragen.
Hattest du einen bestimmten Vorschlag, als du
Jugendsprecher wurdest?
Michi: Ja, ich wollte, dass wir fürs Internet nicht mehr
bezahlen müssen. Früher hat das was gekostet.
Erzieherin und eine von drei pädagogischen
Mitarbeiter/innen in der Au. Heute, nach
mehr als einem Jahr, steht der Erfolg des
Konzepts außer Frage. „Wir wurden selbst
positiv überrascht.“
Positiv war zunächst schon, dass sich
viele Besucherinnen und Besucher freiwillig
meldeten. Es durfte jede und jeder Jugendsprecher/in werden, das Team achtete jedoch
darauf, dass alle Altersgruppen und beide
Geschlechter angemessen vertreten sind.
Inzwischen gibt es noch weitere Interessenten, die jedoch erst im nächsten Turnus
berücksichtigt werden können.
Alle drei Monate trifft sich der Jugendrat
zu einer Sitzung, wobei das Team des JT Au
großen Wert auf einen angenehmen Rahmen
legt. Dazu gehört, sich außerhalb der Öffnungszeit zu treffen, um in Ruhe arbeiten zu
können. Davor wird meist gemeinsam gekocht
5|09
Die 16-jährigen Mädchen Franzi und Regina
und der 18-jährige Michi sind Jugendsprecher/innen im Jugendtreff Au. Gemeinsam mit
neun weiteren Jugendlichen bilden sie den
Jugendrat des Hauses. Gecko Wagner sprach mit
ihnen über ihre Möglichkeiten der Mitbestimmung, die Grenzen und offene Wünsche.
Geräten um. Seit der letzten Sitzung im März
wurden auch schon andere Vorschläge umgesetzt, so wurde eine neue Wii-Spielkonsole
angeschafft, es gibt mehr Essensangebote
und die Jungs haben auf der Toilette nun
auch wieder einen Spiegel. Was seit dem
letzten Treffen verändert werden konnte
und was nicht, wird stets am Anfang jeder
Sitzung berichtet.
Dennoch ist der Jugendrat kein Wunschkonzert, sagt Syr. Denn nicht nur das Budget
des Hauses setzt dem Ideenreichtum der Jugendlichen Grenzen. Auch die Arbeitszeiten
des Teams sind begrenzt. „So schön es für
unsere Jugendlichen wäre, auch sonntags
zu öffnen – das können wir nur einmal im
Monat leisten.“
Gecko Wagner
Und wie habt ihr es dann geregelt?
Michi: Jetzt kostet es nichts mehr, aber wir müssen
uns anmelden, also unseren Namen auf eine Liste
eintragen. Damit aber niemand den ganzen Tag dran
sitzt, ist die Zeit auf eine halbe Stunde begrenzt.
Was für Vorschläge hattet ihr außerdem?
Regina: Die Couchen im Fernsehzimmer. Die waren
schon mehr oder weniger kaputt und wir wollten neue
haben. Das haben wir auch durchsetzen können.
Michi: Auch die Computer waren immer wieder
kaputt…
Warum?
Regina: Weil einige Leute nicht so darauf aufgepasst
haben.
Michi: Jetzt, wo man seinen Namen in die Liste
eintragen muss, achtet man auch mehr darauf, dass
alles ganz bleibt.
Ehrenamt – was bringt‘s?
23
Interview
Ein Swimmingpool wär’ endcool!
Kennt ihr die anderen Jugendsprecher/innen schon länger?
Michi: Ja.
Franzi: Wir sind meist ohnehin zusammen,
wenn wir hier im Haus sind.
Sind das eure Freunde?
Alle: Ja, schon.
Wenn ihr euch zum Jugendrat trefft – sind
dann auch alle da?
Regina: Meistens ja, da kommen alle.
Regina (li.) und Franzi sind Jugendsprecherinnen im JT Au
Wie oft trefft ihr euch im Jugendrat?
Regina: Alle zwei bis drei Monate …
Ist das eine richtige Sitzung? Was passiert
dabei?
Regina: Wir treffen uns nach den normalen
Öffnungszeiten, wenn das Haus eigentlich
schon zu hat. Dann besprechen wir, was es zu
besprechen gibt.
Wann war das letzte Treffen?
Regina: Im März, das nächste Treffen steht
jetzt im Juni an.
Was waren dabei die Themen?
Regina: Wir wollten mehr Ausflüge machen,
zum Beispiel mal zum Go-Cart-Fahren.
Franzi: Außerdem wollten wir eine neue Wii
und neue Sofas.
Franzi: Und neue Stühle im Computerraum
– was wir auch durchsetzen konnten.
Wo müsst ihr diese Wünsche durchsetzen?
Franzi: Bei den Betreuern hier. Das hängt auch
davon ab, ob genug Geld da ist.
Wie stellt man’s an, um bei denen was
durchzusetzen?
Regina: Wir machen Vorschläge und dann
schauen sie, ob sie’s verwirklichen können.
Ihr habt eine neue Internetregelung, neue
Sofas und neue Stühle – machen die Pädagog/innen also alles, was ihr wollt?
Regina: Das meiste schon.
Michi: Wenn es nicht zu kostspielig ist.
Die Grenze wird durch das Geld festgesetzt?
Franzi: Ja, genau.
Hattet ihr Wünsche, die nicht erfüllbar
waren?
Regina: Der große neue Fernseher fürs Fernsehzimmer war leider nicht drin.
Steht er noch auf der Wunschliste?
Michi: Ja, sowieso!
Habt ihr schon Ideen für euer nächstes
Treffen?
Regina: Auf jeden Fall wieder Ausflüge, die wir
machen wollen.
Franzi: Und die Übernachtungsaktion, die wir
vorhaben. Also dass die Jugendlichen hier im
Haus übernachten.
Warum? Ihr habt doch alle ein Bett zu
Hause …
Regina: Aber zusammen ist es viel lustiger!
Franzi: Dann gibt’s keine Zeit, wann man nach
Hause muss. Oft muss man ja gehen, wenn’s
gerade Spaß macht.
Regina: Zu Hause können außerdem nicht alle
Freunde übernachten!
Habt ihr das schon mal gemacht?
Regina: Es wurde früher schon mal gemacht,
aber seit wir hier sind noch nicht.
Und welche Ausflüge wünscht ihr euch?
Regina: In den Ferien machen wir immer Ausflüge, zum Beispiel zum Go-Cart-Fahren.
Franzi: Oder nächsten Samstag, da sind wir
beim Rafting.
Michi: Beim Snowboarden waren wir auch
schon einmal.
Regina: Ich würde gerne mal schwimmen
gehen…
Franzi: … am See wär’s echt cool!
Foto: Gecko Wagner
Wollt ihr als Jugendsprecher/innen weitermachen oder habt ihr schon genug davon?
Alle: Wir machen weiter, auf jeden Fall.
Gibt es etwas, was euch im Jugendrat mal
richtig genervt hat?
(Alle überlegen)
Franzi: Nee, bis jetzt noch nix.
Ihr habt gesagt, ihr seid fast jeden Tag
da – ist der Jugendtreff so was wie euer
Hobby?
Regina: Es ist Freunde treffen und Freizeit
haben.
Franzi: Hier kann man viel machen.
Regina: Und hier wird einem nie langweilig.
Wisst ihr noch, wie ihr hierhergekommen
seid?
Michi: Ich bin für ein Quali-Training zum ersten
Mal hier gewesen.
Franzi: Ich war erst in einem anderen Jugendtreff und hab darüber das hier kennengelernt.
Regina: Und ich bin durch Franzi hergekommen.
Was gefällt euch hier?
Franzi: Hier ist viel Platz, man hat viel Auswahl, zum Beispiel Kicker, Tennis, Billard oder
das Tac-Spiel, ein Brettspiel.
Regina: Das ist super.
Franzi: Eine Aktion hier ist auch das gemeinsame Kochen am Freitag.
Michi: Es ist in der Nähe von mir und die Erzieher sind cool drauf.
Franzi: Ich find die Leute hier auch klasse.
Habt ihr irgendeinen großen, offenen
Wunsch?
Michi: Ein Schwimmbad!
Regina: Ein Swimmingpool im Garten wäre
endcool!
Also, es fehlt nur noch ein Pool, dann ist
hier alles perfekt?
Alle: Genau.
Michi: Und der große Fernseher…
Und was wäre wichtiger?
Alle: Swimmingpool!
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