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Endlich »was Eigenes« - Einfach machen!

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titelthema.existenzgründung
Mit der Eröffnung einer eigenen Agentur erfüllt sich für viele Expedienten ein
Traum. Drei Reisebürogründer berichten von ihren persönlichen Erfahrungen.
Endlich
»was Eigenes«
B
ritta Meloth strahlt übers ganze
Gesicht. »Jetzt bin ich mein eigener
Chef, das fühlt sich richtig gut an«,
sagt die 47-Jährige und lässt den Blick
durch ihr neues TUI-Reisebüro schweifen,
das vor der Renovierung ein Fotoladen war.
Schon länger sei der Wunsch nach einer eigenen Verkaufsstelle in ihr gereift, sagt sie.
Sieben Jahre lang war sie zuvor als selbstständige Reisemittlerin in einem anderen
Büro tätig. »Ich hatte Lust auf was Neues,
Eigenes und auf neue Herausforderungen.«
Und nachdem sie davon erfahren hatte,
dass eben jenes Ladenlokal in Oppenheim
in Rheinland-Pfalz, in dem sie nun am
1. September ihre Agentur eröffnet, frei
wird, hat sie diese Chance ergriffen.
Der Lebenslauf der gelernten technischen Zeichnerin ist der einer typischen
Quereinsteigerin in die Tourismusbranche. 15 Jahre ist sie mit ihrem Ehemann
im familieneigenen landwirtschaftlichen
Betrieb tätig und zieht gleichzeitig zwei
Kinder groß. »Außer einmal im Jahr zum
Skifahren sind wir nie gereist, wir haben
ja nur gearbeitet«, erinnert sie sich an diese Zeit. Aufgrund der schwierigen Lage im
Agrarsektor entschloss sich das Ehepaar
schließlich, die Äcker zu verpachten und
die Maschinen zu verkaufen.
Und durch einen Zufall stieg sie dann
bei einer Bekannten als Aushilfe in deren
Reisebüro ein. »Toll, dass ich so die Möglichkeit hatte, diesen Beruf kennenzulernen«, sagt sie rückblickend. Der nämlich
machte ihr so viel Spaß, dass sie sich ihm
von Anfang an mit Leidenschaft widmete.
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Die richtige Einstellung, um den Schritt in
die Selbstständigkeit tatsächlich zu wagen.
Geholfen hat ihr, dass sie auch während
ihrer Zeit in der Landwirtschaft immer die
Wirtschaftlichkeit des Betriebs im Blick
behalten musste. »Noch heute müssen wir
ja noch jedes Jahr eine Gewinn- und Verlust-Rechnung fürs Finanzamt machen«,
erläutert sie. Kaufmännischer Überblick?
Das war ihr Alltag. Gespräche mit der
Bankberaterin wegen eines Kredits? »Kein
Problem, wir kennen uns schon viele Jahre«, verrät Meloth. »Mir war von Anfang an
klar, dass eine Neueröffnung viel Arbeit ist,
und ich Geld investieren muss.« Sie habe
»defensiv geplant«, sagt sie: »Damit es keine bösen Überraschungen gibt.«
Au bietet auch persönliches
Coaching an: »Größter Knackpunkt
ist die Finanzierung«, weiß er
Sorgfältige Budgetplanung.
Ein Vorgehen, das Gerhard Au, Chef des
Beratungsunternehmens
Touristikfit,
begrüßt. Denn er weiß: »Neugründungen brauchen drei bis fünf Jahre, um den
Break-even, also die Gewinnschwelle, zu
erreichen.« Viele unterschätzten den Finanzierungsplan, so seine Erfahrung, und
müssten deshalb nach drei Jahren wieder
schließen – zu dem Zeitpunkt, an dem in
der Regel die Rückzahlung der Kredite
beginnt. Au, der als Partner des DRV Se-
Repschinski: »Seit dem Start des
Betreibermodells 2011 gab es bei
uns bislang 13 Neugründungen«
»80.000 bis 100.000 Euro Kosten* fürs
erste Geschäftsjahr sollten Gründer einplanen«
Gerhard Au, Touristikfit
*Laufende Kosten für ein Vollreisebüro,
inklusive Erstinvestitionskosten und Personalkosten für Inhaber und einen Mitarbeiter
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xxxx.titelthema
travel.one 31.8.2012
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Foto: leedsn/shutterstock
titelthema.existenzgründung
»Nötig ist ein bisschen Mut, eine gehörige Portion Realismus und eine
Vorstellung, wie das Büro aussehen soll« Britta Meloth, TUI Reisecenter Oppenheim
Jeder hilft, wie er kann: Britta Meloth
streicht, Sohn Michael fräst Schlitze und
Hund Nelly überwacht die Arbeiten
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minare für Existenzgründer hält, rät deshalb zur sorgfältigen Budgetplanung. Wie
viel jemand als Kapital einbringen muss,
hängt von mehreren Faktoren ab. Wie
hoch sind die persönlichen Lebenshaltungskosten? Müssen Möbel angeschafft
und Miete bezahlt werden – oder gibt es
eigene Räumlichkeiten? Eine allgemeingültige Regel existiert nicht. Erstinvestitionen von 20.000 bis 30.000 Euro seien aber
realistisch, so Au. »Es muss einfach Geld
da sein, um speziell in der Gründungsphase Liquidität vorhalten zu können«, sagt
André Repschinski, Leiter Expansion &
Operations Franchise bei TUI Leisure Travel (TLT). Expedienten, die sich mit dem
Franchisesystem selbstständig machen
wollen, gibt er folgende Richtschnur mit
an die Hand: »10.000 Euro sind Minimum,
besser sind 15.000 Euro, toll 20.000 Euro.«
»Es hängt auch davon ab, was man
selbst machen kann«, ergänzt Britta Meloth. Bei der Neugründerin packten Freunde und Familie mit an. »Selbstständigkeit
mit ganz viel Unterstützung« nennt das
die Büro-Inhaberin. Ihr Vater sorgte für
den Anstrich, ihr Mann verlegte den Boden,
Sohn Michael, der eine Ausbildung zum
Elektroniker absolviert, opferte Urlaubstage, um bei Sommerhitze Deckenlampen
einzubauen – und Tochter Mona kochte für
die ganze Familie. Und selbst die künftige
Mitarbeiterin – »eine ganz liebe Kollegin,
mit der ich schon in meinem alten Büro zusammengearbeitet habe« – kam vorbei, um
mit ihr den Pinsel zu schwingen.
Viele eröffnen ein Franchise-Büro.
»Ein bisschen wie bei ‚Einsatz in vier Wänden‘«, war es auch bei Peter Offermanns,
als er sich entschloss, ein Reisebüro zu
eröffnen. »Wir haben alles kernsaniert«,
sagt der Marketing-Kommunikationskaufmann. Da gab es so manche prekäre Situation, erinnert er sich. Aber auch der 25-Jährige konnte auf familiäre Unterstützung
zählen. Bis 1999 leitete seine Mutter nach
dem frühen Tod des Vater in denselben
Räumen im familieneigenen Mietshaus im
nordrhein-westfälischen Herzogenrath ein
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existenzgründung.titelthema
Reisebüro, verkaufte es dann – und startet
nun als Rentnerin »in ihrem Traumberuf«
mit ihrem Sohn noch mal durch. Das Reisebüro, das nach ihrem Rückzug als TUI
Reisecenter geführt wurde, strahlt in den
Farben von Thomas Cook. »Für mich der
ideale Franchise-Partner«, ist Offermanns
überzeugt. »Die Mitarbeiter dort haben uns
sehr geholfen.« Er habe auch Gespräche mit
anderen Anbietern geführt, die Betreuung
bei Thomas Cook sei aber engagierter und
sehr patent gewesen, so sein Empfinden.
Die Unterstützung von Profis ist einer
der Gründe, warum sich die meisten Reisebüro-Existenzgründer für einen Franchisepartner entscheiden. »Wir stellen Möbel,
Drucker, Faxe, Telefone und schicken bei
Störungen eine technische Task Force – das
läuft in der Aufbau- und Ablauforganisation nicht anders, als wenn wir eine TLT-eigene Filiale einrichten«, sagt TLT-Manager
Repschinski. »Die Unterschrift unter dem
Franchisevertrag ist der Startschuss dafür,
dass sich plötzlich ganz viele Menschen
kümmern«, so empfand das Meloth. Man
könne unter das TUI-Mäntelchen schlüpfen
– und habe überall Ansprechpartner. Für
sie war deshalb von Anfang an klar, dass
sie ein Franchisebüro aufmacht. Und auch,
dass es ein TUI Reisecenter wird. »Ich bin
eben eine TUI-Nase«, sagt sie und lacht.
Multimedia-Fan.
Pete Schöne entschied sich ebenfalls sehr
bewusst für seinen Franchisegeber FTI und
eröffnete im März ein Sonnenklar-Büro im
neuen Frankfurter Stadtteil Riedberg. Erst
rund 30 Sonnenklar-Büros gebe es im neuen Design, erzählt der Inhaber – und seine
50 Quadratmeter große Agentur neben der
Eisdiele in dem jungen Viertel mit vielen
Familien gehört dazu. »Reisebüro der Zukunft, das Konzept gefällt mir gut«, sagt der
35-Jährige, der zwölf Jahre im Ausland lebte
und zum Schluss als Group Destination Manager Ostafrika für Thomas Cook tätig war.
»Wir wollen den Kunden was zeigen,
über (Fernseh-)Bildschirm informieren; es
»Egal wie viel Stress herrscht, das Lachen sollte man
nie vergessen« Peter Offermanns, Thomas Cook Reisebüro Herzogenrath
Peter Offermanns eröffnete
sein Reisebüro (Foto oben rechts)
mit seiner Mutter und Mitarbeiterin
Manuela Klein, die im VorgängerBüro am selben Platz und sogar
schon bei seinen Eltern als
Mitarbeiterin angestellt war
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titel.existenzgründung
»Neben der Technik gefällt mir auch die Personalisierung
des Sonnenklar-Konzepts« Pete Schöne, Sonnenklar Reisebüro Pete Schöne
gibt weniger Kataloge als in anderen Büros«, sagt er. Vor allem das klare Bekenntnis für und der Fokus auf die technischen
Möglichkeiten hätten ihn angesprochen
– etwa, dass Reiseangebote über den Sender Sonnenklar TV via Bildschirm ins Büro
flimmern. Nur logisch, dass er schon im
Fernsehstudio in München war und dort in
einem Werbespot agiert, um auf sein Büro
aufmerksam zu machen. Dabei handelt es
sich übrigens um eine Unterstützung für
die Gründer, die auch Moderatoren-Coaching, Werbespots und Auftritte als Reiseexperte im Sender vorsieht. Angesprochen
habe ihn beim Konzept auch die Personalisierung, so Schöne. So grüßt vor der Agentur sein Alter Ego als Riesenabziehbild
auf der Schaufensterscheibe. Der Fernsehspot wurde übrigens schon im Kino in der
Frankfurter Berger Straße ausgestrahlt und
läuft derzeit bei Rhein-Main-TV. Auch bei
Facebook und Youtube wirbt er so.
Viel Arbeit, aber keine Reue.
Würden die »jungen« Gründer im Rückblick
den Schritt noch einmal gehen? »Ich habe
es noch keine Sekunde bereut. Das war ein
tolles Jahr«, sagt Offermanns. Und Schöne
betont: »Wir sind vier Monate am Start und
es läuft super.« Derweil sinniert Britta Meloth in ihrem frisch gestrichenen Pausenraum, mit welchen Accessoires sie ihn noch
aufpeppen kann – und freut sich, dass es
am 1. September losgeht.
Tanja Ronge
Kontakte für Existenzgründer
Franchise
DER: Ein ganz neues »Partnerschaftsmodell« für Existenzgründer läuft an;
Detailinformationen per E-Mail bei claudiablum@rewe-touristik.com
FTI: Existenzgründerprogramm mit Coaching bei allen Schritten, inklusive Porträtkampagne und Fernsehauftritten, Informationen in der Expansionsabteilung,
Telefon: 089-25 25-18 10 oder per E-Mail unter tvg.partnermodelle@fti.de
Thomas Cook: Detaillierte Informationen soll es künftig auf folgender Website
geben (geplant ab 1. Oktober): www.thomascook-partnergroup-franchise.de;
persönliche Informationen per E-Mail: albin.loidl@thomascook.de
TUI-Franchise: Seit Anfang 2011 läuft ein Existenzgründungsprogramm, Zielgruppe sind Büroleiter und Touristikfachkräfte »aus der ersten Reihe«, Details unter:
www.tui-franchise.de
Weitere Informationsquellen
Gute Laune beim Reisebüro
Sonnenklar in Frankfurt Riedberg:
Gründer Schöne ist froh, dass er in
Mitarbeiterin Tanja Ulrich eine
kompetente Kraft gefunden hat
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Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie:
www.existenzgruender.de
DRV-Seminare: Am 17. Oktober Existenzgründung als Reisebüro,
am 18. Oktober Existenzgründung als Veranstalter, jeweils von 9.30 bis 17 Uhr;
Kontakt: seminare@drv-service.de
Touristikfit GmbH: Spezialisierung auf Existenzgründungs- und Existenzsicherungsberatung, Marketing- und Vertriebsaktivitäten, Schulungs- sowie Organisationsleistungen im Tourismus, für Events, für die Freizeitwirtschaft und den
Reiseverkehr allgemein; gestaltet die Seminare für den DRV: www.touristikfit.de
31.8.2012 travel.one
Wie unterstützen Sie
Gründer, Herr Höppner?
Das Interview führte Tanja Ronge.
Wie viele Existenzgründer gab es 2011 und
2012 – und wie viele davon sind Reisebüros?
Höppner: Leider gibt es dazu keine Zahlen. Die
Gewerbeanzeigenstatistik für diese Jahre liegt
noch nicht vor. Anhand der Zahl der Reisebüros ließe sich aber ohnehin keine exakte Aussage über das Gründungsklima in der Reisebranche treffen. Denn andere Vertriebsformen
wie der Direktverkauf im Internet oder ReiseTV-Kanäle sind auf dem Vormarsch und führen zur Anpassung von Geschäftsmodellen.
VIEL SONNE,
VIELE STERNE
IM WINTER 2012/13
Wie viele Informationsanfragen
von Gründern gibt es bei der IHK Frankfurt?
Rund 6.000 Gründer nutzen jährlich unser Beratungsangebot. Und rund 1.000 Gründungsaspiranten nehmen an Seminaren, Workshops und Sprechtagen teil und informieren sich über ihre Unternehmenschancen. Das hat sich auch während der Finanzund Wirtschaftskrise nicht nennenswert verändert.
Bei welchem Punkt besteht der größte Beratungsbedarf?
Das wichtigste Thema für Gründer und Jungunternehmer ist die Finanzierung. Öffentliche Fördermittel werden nur selten genutzt. Dabei gibt es je nach Investitionsanlass acht bis 15 unterschiedliche Programme, die in Anspruch genommen werden
können. Vielen sind die finanziellen Förderungen aber schlicht unbekannt. Auch für
das Bankgespräch fehlt vielen hinreichende Erfahrung. Deshalb haben wir die Beratung zum Thema Finanzierung besonders in den Fokus genommen. Das branchenspezifische Know-how ist meist ausgeprägter als die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse. Neben einem Wegweiser für Finanzierungshilfen bieten wir individuelle und
kostenlose Sprechstunden zu Finanzierungsfragen und Fördermitteln an.
Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem bei einer Gründung?
Das Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten. Nur einfach der Beste sein zu wollen,
reicht in der Regel nicht. Leider unterschätzen viele Gründer auch die Kosten in der
Anlaufphase. Dabei können sich Unternehmer in den ersten fünf Jahren von Gründercoaches helfen lassen – und sich dafür einen großen Teil der Kosten erstatten lassen. IHK und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) arbeiten dabei zusammen.
Und auch wenn es mal eng wird, gibt es bei der IHK Unterstützung. Es ist immer sehr
bedauerlich, wenn Gründer zu spät zur Beratung kommen. Läuft erst mal die Insolvenz, dürfen wir aus rechtlichen Gründen nicht mehr helfen.
www.frankfurt-main.ihk.de/existenzgruendung
Michael Höppner (50) ist stellvertretender Geschäftsführer der
Abteilung Finanzplatz, Unternehmensförderung und Starthilfe der
Industrie- und Handelskammer in Frankfurt am Main.
travel.one 31.8.2012
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