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Alles schöner oder was? - Deutsches Ärzteblatt

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V A R I A
FEUILLETON
Die Informationstechnik verändert unser Leben
Alles
schöner
oder
was?
Der computerisierte Hund „sieht“ den Ball und spielt ihn treffsicher in die Hände des Jungen.
D
er Kühlschrank
merkt auf, wenn
die
vorletzte
Milchpackung
entnommen wird, und er bestellt auch gleich Nachschub
im Supermarkt. Die Kaffeemaschine arbeitet auf Zuruf:
„Einen Cappuccino, bitte!“
Der Staubsauger macht sich
als Saubermann ganz allein
auf den Weg durchs traute
Heim. Die Waschmaschine
„denkt“ mit – sie nutzt die
günstigsten Stromtarife. Im
Bekleidungshaus erfasst ein
„Bodyscanner“ die Körpermaße und reicht sie direkt an
die Produktionsfirma weiter.
Dort schneidert man den
perfekten Maßanzug.
Fröhlicher
Medienmix
Fantasien?
Utopien?
Durchaus nicht, wie beim
Kongress „Alltag der Zukunft – Informationstechnik
verändert unser Leben“ im
Paderborner Heinz Nixdorf
MuseumsForum vorgeführt
wurde. Naturwissenschaftler, Techniker, Soziologen
und Futurologen aus Deutschland und den USA beschäftigten sich mit Chancen und
Risiken der „allgegenwärtigen Computerei“. Die Fachleute sind sich einig: In der
Informations- und Kommu-
A-932
Die Informationstechnik
schafft ungeahnte
Möglichkeiten.
Was der Mensch davon
nutzen will, muss er
von Fall zu Fall für sich
selbst entscheiden.
nikationstechnik kommt es
zur Konvergenz, zum Zusammenwachsen von Produkten und Dienstleistungen – im Haus, im Auto, am
Arbeitsplatz. Die Geräte des
täglichen Gebrauchs werden
immer intelligenter. Zudem
werden sie leichter zu bedienen sein. Miteinander vernetzt, organisieren sie ohne
menschliches Zutun sinnvolle, wirtschaftliche Abläufe.
Die Medienvielfalt ist
größer denn je: Zeitung und
Fernsehen, Film und Videoclip, Buch und Internet. Da-
Deutsches Ärzteblatt 97, Heft 14, 7. April 2000
passt. Längst tüfteln die Ingenieure an Geräten, die
ohne
Schreibmaschinentastatur und Maus auskommen. Die neue ComputerGeneration wird gesprochene Sprache verstehen und
interaktiv reagieren. Die
Geräte werden viel kleiner
sein: „Der beste Computer
ist der, den man gar nicht
mehr sieht.“
bei werden die alten Medien
nicht von den neuen verdrängt, sondern in einen
größeren Rahmen gestellt.
Zu erwarten sei kein Medienkannibalismus, sondern
ein fröhlicher Medienmix,
prognostiziert Prof. Norbert
Bolz, Universität Essen.
Man lasse sich weniger „berieseln“, wähle dafür öfter
ein „persönliches“ Programm aus: ob zur Zerstreuung, zum Träumen, zur Information oder Weiterbildung.
Auf den PC, den Personal Computer, folgt der „Personalized Computer“, der
sich den Eigenheiten und
Interessen des Nutzers an-
In die Brille eingebauter
„Intelligenz-Verstärker“:
Mini-Computer, VideoDisplay, Mikrofon und
Kamera
Intelligente
Kleidung
Am Massachusetts Institute of Technology arbeitet
das Team um Prof. Alex P.
Pentland an Miniatur-Computern, die in Textilien eingenäht, in Schuhe und Brillen eingearbeitet sind. „Am
einfachsten erweitern wir
die menschliche Intelligenz,
indem wir die Dinge, die wir
täglich mit uns tragen – Brillen, Armbanduhren, Kleider, Schuhe – mit winzigen
Rechnern,
Bildschirmen,
Kameras und Mikrofonen
ausstatten.“ Pentland zitiert
einen Urahnen, den englischen
Physiker
Robert
Aus der Werkstatt des MIT Media Laboratory in Cambridge,
Massachusetts, stammt dieser mit Sensoren und
einem Sender ausgestattete Schuh – ein zuverlässiges
Hilfsmittel für den Orthopäden.
V A R I A
Hooke, der 1665 im Vorwort
zur Micrographia schrieb:
„In Bezug auf die Sinne
müssen wir deren Schwächen
durch Instrumente ausgleichen, den natürlichen Organen künstliche beigeben . . .
Und so wie Augengläser unser Sehvermögen enorm gefördert haben, könnten einst
andere mechanische Hilfsmittel unsere übrigen Sinne
– fürs Hören, Riechen,
Schmecken und Fühlen –
beträchtlich verstärken.“
Auf dieser Linie dann
auch Pentlands Zukunftsvision: „. . . ,dressed to success‘,
könnte eine solche Person
mit einem hervorragenden
Gedächtnis daherkommen,
erstaunlich kenntnisreich,
mit einem Spürsinn ausgestattet und mit einer Kombinationsgabe, die denen eines
Sherlock Holmes kaum
nachstünden. Tragbare In-
telligenz-Verstärker können
das Erinnerungsvermögen
eines Menschen erweitern,
indem sie augenblicklich
Zugang verschaffen zu Büchern, digitalisierten Landkarten, zu Kalendarien und
Datenbanken; drahtlos verbinden sie den Träger ins Internet, ermöglichen E-Mail
und steigern durch verschiedene Sensoren sein Bewusstsein.“
Auch Prof. José L. Encarnação vom Darmstädter
Fraunhofer-Institut sieht die
Zukunft der „Computerei“
längst jenseits des Desktops
als einer Maschine, mit der
man örtlich gebunden arbeitet. „Das Ziel ist, Geräte und
Systeme für jedermann effizient, individuell und in jedem Umfeld bedienbar zu
machen.“ Mensch und Maschine synchronisiert, der
Computer als immer verfügbarer persönlicher Assistent.
Seine Sensoren erkennen die
Situation, in der der Nutzer
gerade agiert – so kann der
Rechner mitplanen und
Handlungsalternativen anbieten.
Mehr Fragen als
Antworten
Schöne neue Welt – und
nirgendwo Schatten? Den
gesellschaftspolitischen Aspekt brachte Prof. Rolf
Kreibich vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und
Technologiebewertung ins
Gespräch: „Wo wollen wir
eigentlich hin?“ Er fragt
weiter: Wie findet der
Mensch seine Identität in einer von Technik ummantelten Gesellschaft, die Berufsund Freizeitebene immer
weiter vermischt? Wo bleibt
das Leitbild der Informationsgesellschaft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung unserer Lebensräume?
Wie ist die Spaltung der Gesellschaft in Informierte
und Uninformierte, also
Gewinner und Verlierer der
technischen Evolution, zu
verhindern? Sind wir auf
dem Weg in eine hedonistische Gesellschaft? Wie
kommen wir mit der unge-
heuren Informationsflut im
Internet zurecht? Und wie
gehen wir mit dem Informationsmüll um, der Tag für
Tag auf uns niedergeht?
Kreibich: Wir müssen Wissen zur Orientierung vermitteln – unermüdlich, immerfort, „vom Kindergarten bis zur Hochschule“.
Der Physiker und Science-Fiction-Autor Karlheinz
Steinmüller wagte beim Pa-
derborner Kongress zur Zukunft der Wissensgesellschaft keine Prognose: „Sie
liegt wohl jenseits unserer
aller Vorstellungskraft.“
Günther Dressler
Das Heinz Nixdorf MuseumsForum im Internet:
www.hnf.de
Bach-Kopf rekonstruiert
Einen besonderen Bei- vorher festgelegten großen
trag zum Bach-Jahr liefert Anzahl von zu messenden
das Institut für Anatomie Punkten untersucht. Dabei
der Universität Leipzig: Die hatte er festgestellt, dass es
Rekonstruktion des Kopfes beim gesunden, normal ervon Johann Sebastian Bach nährten Menschen kaum
wurde in alten Beständen Unterschiede gab. Den
des Anatomischen Instituts Durchschnitt seiner Messerwieder entdeckt und soll im gebnisse gab His an den
April mit anderen Ausstel- Leipziger Bildhauer Carl
lungsstücken aus dem Fun- Seffner weiter, der bereits
dus des Instituts einer viele Porträts von Leipziger
breiteren Öffentlichkeit
Persönlichkeiten geschafzugänglich gemacht
fen hatte. Seffner mowerden.
dellierte nun eine PorDie Rekonträtbüste über dem
struktion des
Abguss des geBachschädels
fundenen Schähat eine interdels. Dabei achessante Getete er sorgsam
schichte: Der
darauf, dass er
1872 aus Badie Weichteilsel nach Leipdicke an den
zig berufene
festgelegten
Anatom WilPunkten genau einhelm His erhielt.
hielt 1894 die
Bei diesen erstAufgabe, die
mals ausGebeine eines
geführten
älteren ManVersuchen
nes zu identifientstand
zieren, die beim
eine Büste,
Die rekonstruierte
Umbau der Johandie mit den BildBachbüste am
niskirche gefunden
nissen
Bachs
worden waren. Nach Anatomischen Institut stark übereinmündlicher Überstimmte. Eine
lieferung handelte es sich Prüfungskommission befand
dabei um die sterblichen denn auch: „Die Annahme,
Überreste des Leipziger dass die in einem eichenen
Thomaskantors Johann Se- Sarg aufgefundenen Gebeibastian Bach.
ne eines älteren Mannes die
His hatte bereits in frühe- Gebeine von Johann Sebaren Arbeiten die Weichteil- stian Bach sind, ist in hodicke am Kopf erwachsener hem Grade wahrscheinLeichen entsprechend einer lich.“
EB
Deutsches Ärzteblatt 97, Heft 14, 7. April 2000
A-933
Foto: Zentrum für Foto und Film an der Universität Leipzig
Fotos: G. Dressler
FEUILLETON
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