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"Was haben wir der Welt sonst anzubieten?" - Universität Klagenfurt

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derStandard.at-Interview
"Was haben wir der Welt sonst anzubieten?"
07. April 2009 10:25
Soziologe Kellermann warnt vor den Schäden durch Zugangsbeschränkungen am
Hochschulstandort Österreich
Paul Kellermann, Soziologe an der Universität Klagenfurt, steht dem Vorschlag von
Wissenschaftsminister Johannes Hahn, künftig für alle Bachelorstudien flächendeckend
Zugangsbeschränkungen einzuführen, skeptisch gegenüber. Als "Marketing-Instrument", um die
Begehrlichkeit nach einem gewissen Studium zu steigern, würden Zugangsbeschränkungen zwar
tadellos funktionieren. Die Studierende selbst würden sich dann jedoch nur mehr ausbilden lassen,
nicht aber selbstverantwortlich studieren: "Ich will das den Studierenden nicht vorwerfen. Das ist
gewissermaßen System geworden", sagt Kellermann im Gespräch mit derStandard.at.
derStandard.at: Der Wunsch nach einem "freien Hochschulzugang" scheint vielen Studierenden,
glaubt man der Umfrage des Wissenschaftsministeriums, kein Anliegen mehr zu sein. Ist es nicht
selbstverständlich, dass Studierende, die ein Aufnahmeverfahren bestanden haben, auch
Beschränkungen für sinnvoll halten, weil so die Konkurrenz kleiner gehalten wird?
Kellermann: Da stimme ich Ihnen zu, das ist nichts Neues. Als bei uns 1983 an der Universität die
Betriebswirtschaft eingerichtet wurde, kam bei einer Veranstaltung zum Beispiel auch die Frage von
jemandem, der das Fach studieren wollte: "Wie kann man verhindern, dass schlechte Studenten
dieses Fach studieren?" Man wollte damals auch schon die Konkurrenz abwehren, damit die, die sich
für besonders gut halten, alleine ungestört studieren können.
Darüber hinaus ist es natürlich so, dass sich die Leute an alles gewöhnen. Das hat Macciavelli auch
schon gewusst und gemeint: Ein Herrscher muss ganz am Anfang die bösen Taten tun, damit sich die
Leute daran gewöhnen können. Wenn jemand nichts anderes kennengelernt hat, dann kritisiert er
die Zugangsbeschränkungen auch nicht mehr.
derStandard.at: Was halten Sie selbst vom Vorschlag Johannes Hahns, nun Zugangsbeschränkungen
flächendeckend einzuführen?
Kellermann: Ich halte diesen Vorschlag nicht für intelligent. Es gibt Städte, die gerade durch ihre
Universitäten besonders lebenswert sind. Denken Sie zum Beispiel an Tübingen in Deutschland oder
US-Städte wie Boston. Insofern ist das eine Chance für ein kleines Land wie Österreich, durch die
Universitäten auch Leute anziehen zu können. Viele von unseren österreichischen Studierenden, die
zeitweise in einem anderen Land studiert haben, sind anschließend wieder ins Ausland gegangen.
Aber umgekehrt kann es genauso sein.
Wenn viele Studierende wüssten, dass in Österreich viel für Universitäten getan wird und
Studierende hier gerne aufgenommen werden, dann meine ich, könnte man das als wirtschaftlichen
Faktor ausbauen. Das setzt natürlich voraus, dass die Universitäten auch mehr Geld bekommen. Ich
bin überzeugt davon, dass sich diese Investitionen rechnen würden. Was haben wir denn der Welt
sonst anzubieten? Ich meine, man sollte stärker in Zusammenhängen globaler Art denken und sehen,
wo Österreich ausbaufähige Stärken hat.
derStandard.at: Wie wirken sich Zugangsbeschränkungen denn aus?
Kellermann: Als in Deutschland zum Beispiel der Numerus Clausus für Medizin eingeführt wurde, war
das Resultat nicht, dass sich weniger Studierende für das Studium gemeldet hätten. Dafür haben sich
die Falschen gemeldet. Denn diejenigen mit einem sehr guten Abitur-Zeugnis haben teilweise
befürchtet, etwas zu verschenken, wenn sie die Chance nun nicht nutzen würden, obwohl Medizin
vielleicht gar nicht ihrem Interesse entsprach. Eine Fehlsteuerung.
Auch in Harvard gab es so eine ähnliche Entwicklung. In den 1930er Jahren wurde bekanntgegeben,
dass nicht mehr jeder aufgenommen werden kann. Deshalb wurde auch das Studium für
Interessenten begehrenswerter. Umso mehr sich aber bewarben, umso mehr mussten auch
abgelehnt werden. Gleichzeitig stieg daneben das Ansehen. Wenn man will, sind
Zugangsbeschränkungen auch ein Marketing-Instrument.
derStandard.at: Inwiefern können sich durch Zugangsbeschränkungen Nachteile ergeben?
Kellermann: Es gibt eine andere Orientierung der Studierenden am Universitätsangebot. Sie lassen
sich ausbilden und studieren nicht mehr. Sie geben im Grunde genommen die Verantwortung für ihr
eigenes Studium ab, ohne etwas anderes kennengelernt zu haben. Ich will das den Studierenden
nicht vorwerfen, das ist gewissermaßen System geworden. Nach dem Studium wird aber verlangt,
dass sie sich selbstverantwortlich, kreativ und selbstständig organisieren. Wenn sie das nicht können,
weil ihnen während des Studiums alles vorgegeben wird, darf man sich nicht wundern.
Wir haben zwei Mal an einem EU-Projekt teilgenommen mit jeweils 30.000 bis 40.000 Graduierten,
die fünf Jahre nach Studienabschluss über ihre Kompetenzen befragt wurden. Wir haben verglichen,
welche Kompetenzen die Studierenden glauben zu haben und welche sie dann im Arbeitsplatz
gebraucht haben. In allen Ländern kam heraus, dass an wissenschaftlicher Kompetenz ein
Überschuss und bei den sozialen Kompetenzen ein Defizit besteht. Die Studierenden gaben auch an,
dass sie weit mehr Fremdsprachen können, als sie am Arbeitsplatz brauchen. Es werden eher zu viele
Kompetenzen erworben. Man kann das Argument aber auch umdrehen und sagen, dass die
Unternehmen diese Kompetenzen nicht ausreichend zu nützen wissen.
derStandard.at: Wie könnte man die Studienbedingungen sonst verbessern?
Kellermann: Eine Studienorientierungsphase wäre eine Lösung. Dafür hat es auch schon Ideen
gegeben, aber leider ist das durch vereinzelte Regelungen an den Universitäten aufgrund des
Universitäts-Gesetzes 2002 wieder völlig verloren gegangen. Die Studierenden sollten in einem
Semester wissen, was angeboten wird und prüfen können, ob das Studium für sie selbst in Frage
kommt. Wenn die Studierenden ein Semester für sich selbst erproben können, ob das Fach passt
oder nicht, dann werden sie entweder von selbst gehen oder dableiben.
derStandard.at: Wissenschaftsminister Hahn will die Umsetzung der Studieneingangsphase und
Beschränkungen den Universitäten selbst überlassen. Eine Gefahr?
Kellermann: Genauso wie bei Bachelor und Masterstudien gäbe es dann wieder keine Koordination,
sodass jede Universität etwas anderes macht. Ich habe für ein Buch aufgeschlüsselt, wie viele
verschiedene Masterstudien für BWL es in Österreich gibt und wie verschieden diese organisiert sind.
Das ist wirklich ein Chaos, möchte ich fast sagen. Wenn diese Eingangsphase von den Universitäten
selbst erstellt werden darf, passiert genau dasselbe. Da werden unterschiedliche Dinge entwickelt
werden. Meiner Meinung nach müsste das koordiniert werden. Es wäre notwendig, dass sich die
Politik einmal anschaut, was die Forschung dazu gemacht hat, bevor sie eine neue Regelung
implementiert. Keine Novellierungen eines Gesetzes oder gar die Gesetze selbst im Hochschulbereich
sind bisher aufgrund von empirischen Studien entstanden. Es hat auch keine Evaluation des
Universitätsorganisationsgesetzes von 1993 (UOG 93) stattgefunden.
derStandard.at: Welches Interesse könnte hinter den Zugangsbeschränkungen stehen?
Kellermann: Da kann man natürlich nur spekulieren. Minister Hahn geht auf diese Dinge ja auch gar
nicht ein, wenn man ihn fragt. Vielleicht ist es der Mangel an Verwaltungsmöglichkeiten. Früher hat
das Ministerium die Unis koordiniert. Aber vieles konnte das Ministerium nicht überblicken. Die
Leute sind immer wieder zum Minoritenplatz gezogen und haben Geld geholt für die Studierenden.
Aber die Zuständigen haben die Vorgänge nicht alle durchschauen können, deshalb haben sie die
Verantwortung nun an die Universitäten abgegeben: mit beschränkten Mitteln, damit eine
Konkurrenz da ist und neidisch alle auf alle aufpassen. Das Ministerium kann jetzt zusehen, was
passiert. (Teresa Eder/derStandard.at, 07.04.2009)
Autistischer Moneyismus
24. April 2009 14:48
Würden Funktion und Möglichkeit von Geld wirklich verstanden, würde sich öffentliche
Wirtschaftspolitik als "Arbeitsmarktpolitik" nicht auf den Arbeitsmarkt konzentrieren - Von Paul
Kellermann
Ist es nicht erstaunlich, dass die gesellschaftlich wichtigste Funktion und Möglichkeit von Geld
übersehen wird? Mag das für Zeiten wirtschaftlicher Prosperität und aus der beschränkten Sicht von
Konsumenten verständlich sein, so unverständlich ist es in Krisen und aus umfassenderer
Wahrnehmung von Zusammenhängen.
Der wesentlichste Zusammenhang besteht in menschlichen Gesellschaften objektiv - das heißt von
Wollen und Wissen unabhängig - darin: Menschen haben Bedürfnisse, solange sie leben. Bis auf
Hilfsbedürftige haben sie auch Arbeitsvermögen, um verfügbar zu machen, was Bedürfnisse zu stillen
vermag.
Symbol für ein Versprechen
Doch durch das Unverständnis von Geldfunktion und -möglichkeit wird jener zentrale
anthropologische Zusammenhang zum Schaden von Milliarden Menschen getrennt. Menschen, die
ungestillte Bedürfnisse haben, wird gesagt: "Wir haben kein Geld, um Eure Bedürfnisse zu stillen." Als
ob Geld Bedürfnisse unmittelbar stillen könnte. Denselben Menschen, die doch über
Arbeitsvermögen verfügen, wird gesagt: "Wir haben kein Geld, um Euch zu beschäftigen." Wie wenn
nur Geld sinnvolle Arbeit erlaubte.
Die außer Acht gelassene wichtigste Funktion von Geld und zugleich seine hervorragende Möglichkeit
beruhen darauf: So lange Menschen Anlass haben zu glauben, für Geld die erforderlichen Mittel des
Lebens zu erhalten, sind sie auch bereit, für den Empfang von Geld solche Mittel zu erarbeiten. Denn
Geld ist zu verstehen als Symbol für das Versprechen, gegen dieses Geld Leistungen - also Güter und
Dienste - zu liefern. Es ist andererseits Symbol für den entsprechenden Anspruch.
Mit Hilfe von Geld sollten und könnten Versprechen und Anspruch aneinander angeglichen werden,
sofern der Zweck des Einsatzes von Geld das Mittel ist, den Zusammenhang von Bedarf und
Arbeitsvermögen zu sichern. Doch Mittel und Zweck werden vertauscht, mit der Folge, dass weder
existentielle Bedürfnisse gestillt noch vorhandenes Arbeitsvermögen genutzt wird. Ohne Geld, so
wird weithin geglaubt, lasse sich nicht arbeiten, und ohne Geld könnten Bedürfnisse nicht gestillt
werden. Es herrscht der Glaube vor, allein Geld vermöchte etwas, obwohl Geld an sich gar nichts
kann oder tut. In Wahrheit können nur Menschen etwas tun oder unterlassen, indem sie ihr
Verhalten nach ihrem Verständnis von Geld ausrichten. Der Glaube an Geld ist eine Art von Religion,
ist "Moneyismus".
Prozesse erlahmen
Wird Geld als Mittel gesehen und dementsprechend die Wirtschaft - also arbeitsteilige Produktion
und Distribution sowie Konsumtion von Leistungen - organisiert, erhält Geld seinen Wert durch die
Ergebnisse der aufeinander bezogenen Prozesse. Wird dagegen Geld als Zweck und Voraussetzung
aller Anstrengungen gesehen, erlahmen die Prozesse. Die Folgen sind vielfältig und kumulieren in
Not.
Generell resultieren im Fall zu geringer Geldverfügbarkeit Kollapse von kleinen und großen
Arbeitssystemen, im Fall zu großer Verfügbarkeit Defizite an entsprechenden Leistungen. Deflation
ist die Bezeichnung für den ersten Fall, Inflation für den zweiten.
Die relativ beste Wirtschaftspolitik ist - auch in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrisen! -, einen
Ausgleich von Bedarf, Leistungsverfügbarkeit und Geld anzustreben. Das gilt grundsätzlich nicht nur
auf der Makroebene von Gesellschaften - national wie global , sondern auch auf der Mesoebene
der Unternehmen und der Mikroebene der privaten Haushalte.
Global zeigt die Hunger leidende Milliarde der sieben Milliarden Menschen auf der Erde das Negieren
des beschriebenen Zusammenhangs. Doch auf Betriebsebene Geld als Investition zur Erarbeitung von
benötigten Mitteln des Lebens einzusetzen, also effiziente Arbeitssysteme zu organisieren, versteht
Geld als Instrument. Als Beispiel für vordergründiges Denken können dagegen Politik und
Einstellungen gegenüber Asylanten gelten: Ihnen wenig Geld zu unbefriedigendem Leben, doch mehr
für ihre "Verwaltung" auszugeben. Zugleich ideologisch und gesetzlich zu verhindern, dass sie mit
ihrem Arbeitsvermögen dazu beitragen, den Wert des Geldes zu erhalten, macht sie zu ungewollten
Schmarotzern.
Freilich geht es bei Beteiligung an sinnvoller Arbeit keineswegs - wie moneyistisch geirrt wird - nur
um Geld. Sinnvolle Arbeitsbeteiligung erlaubt, anthropologische Bedürfnisse jenseits der
Geldfixierung zu stillen, nämlich Bedürfnisse nach sozialer Einbindung, gegenseitiger Wertschätzung,
individueller und kollektiver Identität, Lebensmut und Lebensfreude.
"Recht auf Arbeit" als "Recht auf Einkommen"
Auch in der vorherrschenden Sicht auf Arbeit werden Mittel und Zweck vertauscht, indem Arbeit
reduziert nur als Erwerbsarbeit verstanden wird: An Arbeit interessiert primär das Einkommen, nicht
jedoch die Erstellung von Leistungen. Dementsprechend bezieht sich beispielsweise der Kampf um
"Arbeitsplätze" und das "Schaffen von Arbeit" nur vorgeblich auf Arbeit, in Wahrheit auf Einkommen.
Das "Recht auf Arbeit" meint für abhängig Beschäftigte nichts anderes als das Recht auf Einkommen.
Denn dass es nicht wirklich um Arbeit geht, lässt leicht der weitverbreitete Wunsch erkennen, dem
Arbeitsplatz rasch zu entkommen - in den "Feierabend", das "wohlverdiente Wochenende", den
"Urlaub", in "Frühpension" oder in "Rente". Erkennbar ist daran Arbeitsunlust oder - wie man früher
sagte - Entfremdung von der Arbeit.
Würden Funktion und Möglichkeit von Geld, würde der Zusammenhang von Bedarf an Mitteln des
Lebens und Arbeitsvermögen wirklich verstanden, würde öffentliche Wirtschaftspolitik als
"Arbeitsmarktpolitik" sich nicht auf den Arbeitsmarkt - der ist ja nur eine Vorstufe des Arbeitssystems
- und dessen Alimentierung konzentrieren, sondern unmittelbar auf die erforderlichen
Arbeitsprozesse, um durch entsprechende Arbeitspolitik Arbeit in befriedigendes Leben zu
integrieren. - Dies unter Berücksichtigung der früher unvorstellbaren Produktivitätssteigerungen in
Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistung anzustreben, verhindert autistischer Moneyismus.
(derStandard.at, 24.4.2009)
Glaube, Wissen und Geld
29. April 2009 14:07
Fiktive Hochrechnung macht fiktive Milliardäre - Von Paul Kellermann
Vieles verstehen wir Menschen nicht, grüblerisch suchen wir nach Erklärungen. Um das
beunruhigende Grübeln zu mildern, wird sowohl fingiert als auch geforscht. Solange Erklärungen
phantasiereich fingiert werden, handelt es sich um Glauben. Werden Erklärungen durch Überlegen,
Beobachten und Erproben gefunden, entstehen Erfahrungen. Werden diese Erfahrungen erinnert
und aufeinander bezogen, handelt es sich um Wissen. Glaube und Wissen bestehen nebeneinander.
Großes Unverständnis besteht bezüglich Geld, weshalb fingiert und geglaubt wird: Solange Fiktionen
etwa über Reichtümer oder Glaube an Warenmärkte - einerlei, ob von Gütern oder Diensten - nicht
bezweifelt werden, handeln die Menschen so, als ob die Fiktionen auf Wissen beruhten.
Geld ist abstrakt...
Durch Arbeit entstehen eigene Erfahrungen und Wissen sowie konkrete Leistungen. Doch Geld ist in
jedem Fall abstrakt, weil es als Symbol zwischen Versprechen von und Anspruch auf Leistungen
vermittelt, also Tauschmittel ist. Als Tauschmittel wandelt Geld Leistungen (Güter und Dienste) in
Waren. Als von eigenem Wert gesehen, kann Geld selbst zur Ware werden, bleibt aber abstrakt. Geld
ist folglich einerseits Mittel, andererseits Ware. Zur Unterscheidung lässt sich von primärem und
sekundärem (secundo, lat., nachfolgend) Geld sprechen.
Einstieg in die Welt sekundären Geldes (z.B. Börse) und Ausstieg aus ihr geschehen immer unter
Verwendung von primärem Geld. Freilich ist es möglich, innerhalb der Finanzwelt - mit sekundärem
Geld - Geschäfte zu machen. Ob aber diese Geschäfte später und generell bei Verkauf der
finanziellen Ware Gewinn bringen können, ist fraglich. Das hängt einerseits davon ab, ob das
erhaltene primäre Geld produktiv, also durch Investitionen zur Effizienzsteigerung der eingesetzten
Mittel verwendet wird und Dividenden gezahlt werden. Andererseits wird der darüber hinaus
gehende fiktive Wert der finanziellen Ware von ihrem Angebot und ihrer Nachfrage bestimmt.
Beides, Angebot und Nachfrage, beruhen auf Erwartungen, also in der Regel auf Glaube und
Hoffnung, seltener auf gesichertem Wissen (z.B. bei insider trading).
Zum Verständnis entscheidend ist, dass die Ausgabe von primärem Geld gegen Waren - also auch
gegen sekundäres Geld - unvermeidbar eine Einnahme von primärem Geld für andere darstellt.
Primäres Geld wird folglich nicht „in der Karibik versenkt", sondern es hat jemand anderes. Ebenso
zahlt mit primärem Geld, wer zu einem fiktiven Kurs sekundäres Geld (oder Derivate) kauft. Wer
sekundäres Geld zu einem hohen oder niedrigen Kurs verkauft, erhält Gewinn oder Verlust von
primärem. Fiktiv ist dann die Hochrechnung von Kursen, die durch Kauf und Verkauf geringer
Teilmengen irgendeiner Art von sekundärem Geld (Devisen, Aktien, Optionen, Derivate etc.)
entstehen, auf deren Gesamtmenge. Fiktive Hochrechnung macht fiktive Milliardäre.
Fiktionen lassen Menschen handeln
Doch auch Fiktionen lassen Menschen handeln, solange diese an sie glauben. Es werden Aktionen
unternommen und damit auch - häufig geliehenes - primäres Geld verausgabt und vereinnahmt, das
durch sekundäres Geld gesichert erscheint. Tatsächlich gesichert ist es allerdings nur in dem Maße, in
dem dadurch konkrete Leistungen entstehen, die auch nachgefragt werden. Nachfrage setzt aber
zweierlei voraus: Bedarf an Leistungen und Verfügbarkeit über primäres Geld. Entstehen Leistungen
nur auf Grund von sekundärem Geld, so fehlt im entsprechenden Ausmaß primäres Geld. Dann kann
zwar Bedarf gegeben sein, aber Nachfrage nicht zustande kommen. Umgedreht erzeugt hohe
Geldverfügbarkeit ohne entsprechenden Bedarf auch keine Nachfrage: „Der Markt bricht zusammen,
die Wirtschaftskrise ist da."
Leistungen, Geldverfügbarkeit und Bedarf müssen einander ungefähr entsprechen, wenn es
Privathaushalten, Betrieben und der Wirtschaft ökonomisch gut gehen soll. Die wirtschaftspolitische
Schlussfolgerung wäre, Leistungsbedarf sowie Leistungsvermögen zu erfassen und mit Hilfe
entsprechender Geldverfügbarkeit zu vermitteln.
Die Preisfrage ist jetzt: Handelt es sich bei den durch Regierungen und Zentralbanken zur Verfügung
gestellten Geldmengen um primäres oder sekundäres Geld? Die Antwort findet sich im Entstehen
oder eben Nicht-Entstehen von Leistungen und der zustande kommenden oder eben nicht zustande
kommenden Nachfrage nach diesen Leistungen. Dauerhaften Wert behält jedenfalls Geld als
(abstraktes) Symbol für Leistungsversprechen und -anspruch nur dann, wenn ihm nachgefragte
(konkrete) Güter und Dienste entsprechen können. (Paul Kellermann, derStandard.at, 29.4.2009)
Ist Arbeit ein "knappes und kostbares Gut"?
06. Mai 2009 14:07
Arbeit als kostbares Gut bezeichnen kann nur jemand, der Arbeit mit der Chance auf Einkommen
verwechselt - Von Paul Kellermann
Zum 1. Mai konnte man Sätze hören und lesen wie: "In der heutigen Krise hingegen könnte Arbeit
zum knappen und kostbaren Gut werden." Das ist eine Phrase, wie sie gedankenleerer kaum mehr
steigerbar ist - Arbeit ist kein "Gut", sondern eine Tätigkeit, die Leistungen (Güter und Dienste) zur
Stillung von Bedürfnissen verfügbar machen soll und muss. Ja, "muss", denn alles, was Menschen zur
Sicherung und Verbesserung ihrer Lebensbedingungen brauchen, muss erarbeitet werden. Das galt
und gilt, so lange es Menschen gab und gibt. Das Spektrum reicht von der täglichen Hausarbeit über
die Versorgungsarbeit in öffentlichen Diensten (Schule, Gesundheit, Sicherheit, Verkehr, Wasser etc.)
bis hin zur Reparaturarbeit menschengemachter Probleme in Gesellschaft und Natur. Allein die
Tatsache, dass im vergangenen Jahrhundert die Erdbevölkerung von weniger als zwei Milliarden
Menschen auf etwa sechs Milliarden anwuchs, verursacht Probleme, wie sie die Menschheit bisher
noch nie erlebt hat. Diesen Problemen wäre allein durch entsprechende Arbeit zu begegnen.
Arbeit als kostbares Gut bezeichnen kann nur jemand, der Arbeit mit der Chance auf Einkommen
verwechselt. Doch auch Einkommen ist kein kostbares Gut, sondern Voraussetzung für das Leben in
einer extrem arbeitsteiligen Gesellschaft, die ihre Leistungen über Geld tauscht.
Es ist schwer zu verstehen, warum Menschen von "Arbeit" sprechen, wenn sie doch Einkommen
meinen. Ist es verkürztes Denken, weil Geld in der Regel nur gegen Arbeitsleistung zu erhalten ist? Ist
es Scham, weil befürchtet wird, sonst als Minderleister angesehen zu werden?
Was knapp geworden ist, ist nicht Arbeit, sondern abhängige Beschäftigung, also "Arbeitsplätze".
Wenn Arbeitsplätze hauptsächlich von Betrieben angeboten werden - "Nur Unternehmen schaffen
Arbeit" (als wenn es nicht seit Jahrhunderten um die Entlastung von notwendiger Arbeit gehen
würde!) -, dann entscheidet die Gewinnkalkulation. Wenn Betriebe zu ihrem Überleben in
Konkurrenz nach Geldgewinn streben, entspricht das unserem System und ist in Ordnung. Nicht in
Ordnung ist jedoch, wenn auch die, die im Staat für das Allgemeinwohl einzutreten hätten, auch nur
betriebswirtschaftlich denken und handeln statt volkswirtschaftlich. Aufgabe der Volkswirtschaft ist
es, die Versorgung der Bevölkerung in jeder Hinsicht sicher zu stellen. Was ist aktuell der Bedarf und
welches Leistungsvermögen steht zur Verfügung? Beides lässt sich mit Hilfe von Geld vermitteln, das
durch die entstehenden Leistungen gedeckt wird.
Wir alle leben real nur von der Versorgung mit erforderlichen konkreten Gütern und Diensten, nicht
vom abstrakten Geld - "Geld kann man nicht essen". Aber aus Sicht des Allgemeinwohls ist Geld ein
hervorragendes Instrument zur wirtschaftlichen Organisation von Produktion, Distribution und
Konsumtion, kein Selbstzweck. Wenn für Geld keine Leistungen gekauft werden können, ist Geld
nichts wert. Gegen Geld, für das konkrete Leistungen verkauft und gekauft werden können,
erarbeiten Menschen, was zur Sicherung und Verbesserung der Bedingungen des Lebens erforderlich
ist. Es geht also in Wirklichkeit um die Erarbeitung der erforderlichen Leistungen, nicht um "Arbeit
schaffen" oder um Arbeit als "knappes und kostbares Gut"!
Beim Geld endet meist das Denken: Moneyismus
13. Mai 2009 12:08
Geld ist Mittel zum Erfolg des Wirtschaftssystems, nicht sein Zweck - Von Paul Kellermann
Nach wie vor wird im Zusammenhang mit der aktuellen Wirtschaftskrise über Staatsverschuldung,
Sparen, Steuern und zu hohe Managementeinkommen (Verdienste?), diskutiert. Das ist eine Art von
Ersatzdiskussion. Es ist keine Diskussion, die die Versorgung der gesamten Bevölkerung im Auge hat,
sondern sich auf einen einzigen - allerdings wichtigen - Aspekt beschränkt: auf Geld. Worauf es
wirklich ankommt, ist die Verfügbarkeit über Güter und Dienste, die Bedürfnisse stillen;
entsprechende Leistungen müssen erarbeitet werden.
Nur für Leute, die vordergründig denken und handeln, ist der Zweck des Arbeitens das Geld. Und
dies, obwohl alle erkannt haben müssten, dass Geld weder essbar noch bewohnbar ist oder Kranke
heilt, Kinder unterrichtet oder sonst irgendetwas tut.
Alle Anstrengungen müssten demnach darauf abzielen, die erforderlichen konkreten Leistungen zur
Stillung von Bedürfnissen verfügbar zu machen. Geld ist dazu ein gutes Organisationsmittel, wird
aber von den meisten Menschen als Zweck ihrer Anstrengungen missverstanden. Freilich ist in einer
Gesellschaft, die ihre Güter und Dienste über Geld tauscht, Geldverfügbarkeit für alle (zumindest als
Grundeinkommen) unabdingbar. Doch beim Denken an Geld nicht weiterdenken zu können, zu
glauben, es komme einzig auf Geld an, ist Moneyismus.
Volkswirtschaftlich kann das Mittel „Geld" nur funktionieren - also den Tausch von Leistungen in der
hocharbeitsteiligen Gesellschaft sichern , wenn es dort verfügbar ist, wo es zum Tausch gebraucht
und auch verwendet wird. Geld, das sich zu einem hohen Anteil bei einer Minderheit von Menschen
bloß ansammelt, erfüllt diese, seine wichtigste, Funktion nicht.
Ablenkungsversuch
Kritik an überhöhten Honorierungen und damit an Geldansammlungen weniger Reicher als Neid zu
diffamieren ist genauso Ablenkungsversuch wie die Argumentation, die Reichen seien ohnehin am
stärksten mit Steuern belastet. Es kommt nicht darauf an, was jemand an Geld relativ nicht mehr
verfügbar hat, sondern auf das, was absolut - also in konkreten Zahlen - zur Verfügung steht: Fünfzig
Prozent Einkommensteuer von acht Millionen Euro abführen zu müssen bedeutet, immer noch über
vier Millionen verfügen zu können.
Ebenso sind rechtfertigende Behauptungen, man bekomme bei geringerer Honorierung keine guten
Leute und die hohen Bezahlungen seien international üblich (auf Wienerisch führt das zu
gegenseitigem "Hochlizitieren"), Versuche, vom Wesentlichen - nämlich der allgemeinen
Versorgungssicherheit - abzulenken.
Die Leistung aller
Es gibt andere Leute - aber vielleicht auch dieselben , die das mit weit weniger Gehalt zustande
bringen, was zustande gebracht werden muss. Als zu unterschiedlich und damit als ungerecht
angesehene Honorierungen demotivieren, führen zu Minderleistungen, so dass der Gesamtschaden
größer ist als die scheinbar einzigartige Leistung des Managements. - Dass diese Art von Leistung vor
der Krise einzigartig schlecht gewesen sein konnte, ist derzeit bisweilen auch zu hören. Im Übrigen
kommt es auf die Leistung aller an, die mitarbeiten, und nicht nur auf das Management.
Beispielsweise entsteht ein Haus konkret arbeitsteilig durch die Bemühungen vieler Menschen, aber
nicht allein durch Bauherrn, Architekt, Bauunternehmer oder gar nur durch das abstrakte Geld. Mit
Geld lässt sich aber das alles koordinieren, solange mit ihm die Leistungen anderer gekauft werden
können.
Wenn sowohl Bedarf an Gütern und Diensten als auch nicht genutzte Produktionskapazitäten
(Erwerbslose, unausgelastete Betriebe etc.) bestehen und beides aus angeblichem Geldmangel oder
durch zu einseitige Geldansammlungen nicht vermittelt wird, ist die Versorgung der Bevölkerung
schlechter als sie sein könnte: Geld wird offensichtlich von den Verantwortlichen nicht als Mittel zur
Organisation und Koordination erkannt, das allein durch die entstehenden Leistungen seinen Wert
erhält, sondern als knapp und von originärem Wert missverstanden.
Wie sehr moneyistisches Denken die Köpfe beherrscht, zeigte die jüngste Anhörung von
"Wirtschaftsexperten" im Nationalrat: Sie alle konzentrierten sich auf Geldthemen, obwohl es doch
eigentlich wirtschaftswissenschaftlich um die Versorgungssicherheit der gesamten Bevölkerung geht
und nicht um Geld als Selbst- und Endzweck. (derStandard.at, 13.5.2009)
Fremde Feder: Grundeinkommen
Gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Weg aus der Krise
27. Mai 2009 15:45
Über eine auf Geld und Moral beschränkte Diskussion - Fremde Feder von Paul Kellermann
Seit Jahrzehnten wird in industriell entwickelten Ländern über Geldzahlungen ohne
Arbeitsverpflichtung der Empfänger/innen diskutiert; garantiertes Einkommen, Grundeinkommen,
Bürgergeld oder Grundsicherung genannt. Verwirklicht wurde die in den Diskussionen erhobene
Forderung bestenfalls bruchstückhaft. Vermutlich liegt die Erfolglosigkeit der Forderung daran, dass
sie karitativ-moralisch vorgebracht wurde und einseitig auf Geld setzte.
Mit funktionalen und dem tatsächlichen Leben entsprechenden Gründen mag eher überzeugt
werden, wer auf moralische Argumentation und Geldforderungen allergisch reagiert. Funktionale
Begründung weist auf Zusammenhänge und gegenseitige Abhängigkeiten hin.
Hinsichtlich eines "arbeitslosen Grundeinkommens" ist zuallererst festzustellen, dass arbeitsteilig
hochentwickelte Gesellschaften ihre Ressourcen so wirksam einzusetzen vermochten, dass die
Produktivität je geleisteter Arbeitsstunde in kurzer Zeit vervielfacht wurde. Die Folgen sind, dass
weniger Arbeitsstunden für das gleiche Produkt aufgewendet werden müssen. Aus
Mangelwirtschaften, die durch ein Defizit an verfügbaren gegenüber den erforderlichen Leistungen
charakterisiert sind, wurden so "Überflussgesellschaften". Dass in solchen Systemen mehr angeboten
wird als ohne Kaufaufforderung nachgefragt würde, belegt die massive Werbung in allen Medien und
auf allen Kanälen.
Doch neben der so produktiven Arbeitsteilung in Unternehmen, nach Berufen, Branchen und
Regionen sowie dem Einsatz "intelligenter" Apparate kennzeichnet ein zweites wesentliches
Merkmal die entsprechend entwickelten Länder: Produktion, Distribution und Konsum der
verfügbaren Güter und Dienste werden nahezu ausschließlich durch Geldmittel organisiert. In
solchen Gesellschaften über Geld verfügen zu können, ist daher existentiell unabdingbar.
Überwindung der unbezahlten Arbeit
Nach Überwindung der unbezahlten Arbeit von Sklaven, Leibeigenen sowie Mägden und Knechten
setzte sich mit der industriellen Entwicklung die Lohnarbeit durch. Allgemeiner: Zunehmend war das
für das Leben erforderliche Geld nur gegen Arbeitsleistung zu erwerben. Daher werden noch heute
"Recht auf Arbeit" und "Arbeit schaffen!" verlangt. Dass es aber tatsächlich weder allgemein noch
persönlich um Arbeit an sich geht, zeigen einerseits die langen Listen von ungelösten Problemen in
sozialer und natürlicher Umwelt - "Arbeit gibt es genug!" -, andererseits die "Flucht aus der Arbeit" in
die Freizeit, den Urlaub, die Pension. In Geldgesellschaften kommt es den abhängig Beschäftigten
nicht wirklich auf Arbeitstätigkeit, sondern auf Gelderwerb durch bezahlte Arbeit an.
Doch deshalb Arbeitskraft sparende Produktivität und deren Steigerung zu verhindern würde
bedeuten, statt Maschinen, Automaten und Robotern wieder schwer arbeitende Menschen
einzusetzen, also mehrere Entwicklungsstufen zurückzufallen. In der Tat wurden solche Vor-schläge
beispielsweise zum Straßenbau von einem österreichischen Technik-Professor gemacht.
Funktional argumentiert lässt sich auf folgenden Zusammenhang verweisen: Wenn durch gestiegene
Produktivität weniger zu bezahlende Arbeitskräfte gebraucht werden, steht in der Regel den nicht
mehr Beschäftigten weniger Geld zur Verfügung. So können sie weniger Angebote der gestiegenen
Produktivität nachfragen, folglich müssen die Betriebe ihre Produktion einschränken oder gar
aufgeben.
Ausgleich von Leistungsangebot und -nachfrage
Wer diese Abfolge verhindern will, muss einen Ausgleich von Leistungsangebot und -nachfrage
anstreben, was in einer Geldgesellschaft über Geld machbar ist. Freilich fällt diese Aufgabe weder
den einzelnen Personen noch den Betrieben, sondern dem Staat zu. In Beachtung der allgemeinen
Lebensbedingungen ist es seine Funktion, die volkswirtschaftliche Versorgung der gesamten
Gesellschaft zu sichern. Doch die dafür verantwortlichen Politiker/innen und ihre Berater/innen
denken statt volkswirtschaftlich nur betriebswirtschaftlich. Das heißt: Sie sprechen über Budgets,
Schulden und Sparen statt über die konkret erforderlichen Wirtschaftsleistungen, deren Angebot und
Nachfrage. Um zurück bleibende Nachfrage zu sichern, dient auch ein Grundeinkommen.
Wer behauptet, bei garantiertem Einkommen würden die Menschen nicht mehr arbeiten, verkennt
die Motivation zur Tätigkeit: An jedem Kleinkind lässt sich der Drang nach eigenem Tun und
Mitarbeiten beobachten, weil es ganz natürlich nach Integration in das Leben der Bezugspersonen
strebt. Sobald bei dieser freien Tätigkeit Geld ins Spiel kommt - etwa Bezahlungen für gute
Schulnoten -, ändert sich allmählich das Arbeitsmotiv so weit, dass letztlich nur noch gegen Geld
gearbeitet werden will, also Gelderwerb als Zweck des Arbeitens angesehen wird. - Geradezu grotesk
ist, wenn Menschen sogar in Not meinen, nur mit Geld ihr eigenes Arbeitsvermögen mobilisieren zu
können. Das lässt an jenen französischen König denken, der verbrannte, weil er es nicht als seine,
sondern des Dieners Aufgabe ansah, den Sessel des Herrn aus dem Bereich züngelnder Flammen zu
retten.
Demgegenüber lässt ein funktional eingesetztes Grundeinkommen neben der so erhaltenen
Kaufkraft erwarten: Menschen müssen sich nicht vor finanzieller Verarmung fürchten und beginnen vom Zwang zur Erwerbsarbeit befreit - Interesse an befriedigender und damit produktiverer Arbeit zu
entwickeln "Wir arbeiten gern, wo wir dürfen; ungern, wenn wir müssen". Wer ohne zusätzliches
Einkommen auskommt, schätzt Kontakt, Anerkennung und Selbstachtung in freier Tätigkeit mehr als
Geldgewinn. Wer weitergehende zu bezahlende Ansprüche hat, arbeitet in zusätzlicher
Erwerbsarbeit. Nicht erledigte, aber notwendige Arbeitsleistung wird entsprechend flexibel
honoriert.
Moneyistische Sicht
Doch die moneyistische Sicht auf die aktuelle Krisensituation bewirkt das Gegenteil vom
Erwünschten: Menschen werden nicht wegen gestiegener Produktivität freier und vermögender,
sondern erwerbslos und ärmer, weil Betriebe und Staat meinen, der Krise mit "Sparen" begegnen zu
können. Sparen in diesem Sinn bedeutet, Arbeitskräfte zu entlassen und nicht mehr zu investieren.
Auf diesem Weg werden trotz bestehenden Bedarfs an Gütern und Diensten Produktionsfaktoren
(Arbeitskräfte und Betriebsmittel) nicht genutzt. Um Geld zu sparen, werden die mögliche
Wirtschaftsleistung und das Versorgungsniveau gesenkt. Übersehen wird dabei, dass Geld nur in dem
Maße Kaufkraft hat, in dem es durch verfügbare Leistungen gedeckt ist. Es wird scheinbar an Geld
gespart, in Wahrheit Leistungsvermögen missachtet.
Beschränkt an Geld denken auch die Verfechter/innen des Grundeinkommens. Doch die Bedeutung
von Leben und Arbeit reduziert sich nicht auf Einkommen. Nur Einkommen zu beziehen, ohne in
sinnvolle Zusammenarbeit eingebunden zu sein, kann Menschen auf Dauer nicht zufriedenstellen.
Zwar benötigen sie Geld in Geldgesellschafen, aber ebenso Kontakt und Anerkennung sowie Erfolgsund Glücksempfinden. Diese sozial-anthropologischen Bedürfnisse stillen bei entsprechender
Organisation als sinnvoll empfundene Tätigkeit.
Bloßer Geldbesitz bedeutet nicht, dass ein Land reich ist - das glaubten die Merkantilisten des 17.
Jahrhunderts. Der "Wohlstand der Nationen" (Adam Smith) entsteht durch funktionale Organisation
des qualifizierten Arbeits- und des entwickelten Produktionsvermögens nach gesellschaftlichem
Bedarf. Geld ist dabei ein funktionales Mittel, aber nicht der Zweck des Wirtschaftens. Die
vorherrschende Verwechslung von Mittel und Zweck ist fatal; und erfolglos bleibt die bloß karitativmoralische Forderung nach arbeitslosem Einkommen.
Jedoch die größten, geradezu revolutionären wirtschaftlich-funktionalen Effekte der Einführung eines
allgemeinen Grundeinkommens wären: Die Lohnkosten könnten um die Höhe des
Grundeinkommens gesenkt werden, wodurch Arbeitskosten entsprechend verbilligt würden, Preise
sinken, der Absatz sowie die Exporte steigen und die Erwerbslosigkeit ginge stark zurück. Jene
nationale Regierung, die das Grundeinkommen einführt, könnte nicht nur den finanziellen und
Verwaltungsaufwand für Transfer-Zahlungen aller Art (auch für Kurzarbeit, Stipendien, finanzielle
sonstige Unterstützungen etc.) einsparen, sondern dadurch auch als erste den bisher nicht erkannten
Weg aus der aktuellen Wirtschaftskrise beschritten haben.
Grundeinkommen braucht nicht moralisch gefordert zu werden, es ist gesellschaftlich und
wirtschaftlich funktional.(derStandard.at, 27.5.2009)
Öffentliche Verschuldung und moneyistisches Denken
25. Juni 2009 19:42
Die Strategie für den Schuldenabbau reduziert sich auf finanzielle Maßnahmen, der
Aufrechterhaltung der öffentlichen Versorgung dient sie nicht - Von Paul Kellermann
Das Problem der öffentlichen Verschuldung als Folge der Maßnahmen gegen Finanz- und
Wirtschaftskrisen wird wenig differenziert diskutiert. Vor allem wird nicht beachtet, dass Geld in
jeder Höhe nur Wert besitzt, so lange ihm kaufbare Güter und Dienste entsprechen. Wenn einerseits
weiterer Bedarf an Forschung und Entwicklung, Bildungseinrichtungen, Energiesparmaßnahmen, an
Reparaturen von gesellschaftlichen und natürlichen Schäden, an Sicherheit vor Verbrechen und so
weiter besteht, müsste entsprechend gearbeitet werden; wenn andererseits Arbeitsvermögen von
Arbeitswilligen und Kapazitäten von Unternehmen aller Art dem Bedarf entsprechend nicht genutzt
werden, kann staatlicherseits aufgenommenes Geld nicht voll gedeckt werden, weil die erweiterte
Geldverfügbarkeit nicht einer erweiterten Verfügbarkeit an Leistungen, also Waren, entspricht.
Offenbar wird dies von allen, deren Denken sich auf Geld beschränkt, bewusst oder unbewusst,
hingenommen.
Demzufolge reduziert sich die Strategie für den Schuldenabbau auf finanzielle Maßnahmen, wie
insbesondere
Sparen, was Effizienz und synergetische Effekte bringen soll und kann, aber jedenfalls auch (trotz
ungestillten Bedarfs) die Streichung von Arbeitsplätzen, also eine Erhöhung der Erwerbslosigkeit, und
damit die Minderung an verfügbaren Leistungen bedeutet;
Reduktion von Transferleistungen in Form von Subventionen, Unterstützungen von Familien und
Erwerbslosen, Pensionen etc.
Erhöhung von Gebühren und Steuern;
Verkauf von öffentlichen Einrichtungen und Vermögen;
Entwertung (Inflationierung) der Währung, so dass die Schulden relativ zum stetigen Preisanstieg
aller geldbezogenen Leistungen sinken; sowie
Umschuldungen.
Alle diese und ähnliche Maßnahmen können zwar das staatliche Budget entlasten, aber nicht zur
Aufrechterhaltung - geschweige denn zur Erhöhung - der bisherigen öffentlichen Versorgung
beitragen; das Gegenteil geschieht.
Der allein erfolgreiche Weg zur Bewältigung der Krisen ist, den lediglich an Geld orientierten Pfad zu
verlassen und Geld nicht als Zweck aller Anstrengungen misszuverstehen, sondern als Mittel
einzusetzen. Als Mittel zur Organisation der Produktionsfaktoren - also des gesamtgesellschaftlichen
Arbeitsvermögens , um reale Leistungen zu erbringen, die ausschließlich den Geldwert (die
Kaufkraft) erhalten beziehungsweise schaffen: Wenn im Extremfall für Geld keine Waren zu kaufen
sind, weil sie nicht erzeugt werden, ist Geld nichts wert.
Die zweckmäßige, umfassende Organisation des Arbeitssystems kann nicht von
privatwirtschaftlichen Betrieben bewerkstelligt werden, da sie auf die Sicherung ihrer eigenen
Existenz im Rahmen der gegebenen Konkurrenz achten müssen; sie müssen betriebswirtschaftlich
denken. Die Instanz zur volkswirtschaftlichen Organisation der Arbeit im Sinne der Sicherung und
Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen ist - eigentlich selbstverständlich - der Staat.
Doch die verantwortlichen Politiker/innen denken moneyistisch kaum über Geld, Schulden und
Sparen hinaus; sie bemerken nicht einmal, dass ihnen mit dem System der „Arbeitsmarktverwaltung"
bereits ein ausgebautes Netzwerk zur Organisation erforderlicher Arbeit verfügbar ist. Sie merken es
nicht, weil ihre Sicht beim „Arbeitsmarkt" und dessen „Verwaltung" endet; sie erkennen nicht,
worum es wirklich geht: nämlich um den Arbeitsprozess selbst, seine Organisation und die gesamte
Volkswirtschaft.
Das im Sinne volkswirtschaftlicher Versorgung für eine entsprechende Politik aufgenommene Geld
würde nicht nur durch die entstehenden Leistungen gedeckt, sondern es ermöglichte auch, die
Lebensqualität zu verbessern.
Die wesentlichste volkswirtschaftliche Funktion von Geld ist, den gesellschaftlichen Bedarf an
Leistungen (an Gütern und Diensten) sowie die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit zu vermitteln;
diesen Prozess zu steuern ist die wirtschaftspolitische Aufgabe der Regierungen. Doch Geld nicht als
Mittel zu erkennen, sondern als von eigenem Wert anzusehen, bedeutet nicht nur, suboptimale
Versorgung, sondern letztlich auch Geldentwertung. (Paul Kellermann, derStandard.at, 26.7.2009)
Pensions- und Milchmädchenrechnungen
03. Juli 2009 16:49
Pensionszahlungen für eine ferne Zukunft zu errechnen, gleicht der Fehlleistung der Schildbürger Gedanken zum "scheiterndem Generationenvertrag" von Paul Kellermann
Anfang Juli dieses Jahres schrieb ein Redakteur in einer Wiener "Qualitätszeitung" zum "scheiternden
Generationenvertrag": "Wenn die heute 20-Jährigen in Pension gehen, dann können sie froh sein,
wenn sie noch eine Volkspension in Höhe von vielleicht 200 Euro bekommen." Er behauptet das - wie
viele andere auch - und provoziert: "Wo sind die Demonstrationen gegen diesen Betrug?" Hätte er
"Geschichte gelernt" (B. Kreisky) und begriffen, könnte er wahrscheinlich weiter als bis zu 2oo Euro
denken.
Geldwertentwicklung und Produktivitätszuwachs verlaufen spätestens seit Beginn industrieller,
forschungsbasierter Arbeit in entgegen gesetzte Richtungen. Allerdings bedeuten
Produktivitätssteigerungen nicht in jedem Fall auch Verbesserung der Lebensverhältnisse.
Fehlentscheidungen, Unfälle, Konflikte, Katastrophen verschlechtern in der Regel die
Lebensumstände.
Der Wert von Geld - d.h. ob und was gekauft werden kann - hängt ausschließlich von seinem
Verhältnis zum jeweils bestehenden Warenangebot ab: Eine bestimmte Geldsumme kann an
verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten viel oder wenig wert sein.
Fehlleistung der Schildbürger
Pensionszahlungen für eine ferne Zukunft zu errechnen gleicht der Fehlleistung der Schildbürger, die
die Stelle, an der sie im See den Schatz versenkten, am Bootsrand markierten.
Zur Orientierung: Das Wachstum der Produktivität im OECD-Raum betrug zwischen 1950 und 1985
pro Jahr (!) durchschnittlich real (!) 3,39 Prozent (A. Kausel, Wiener Staatsdruckerei 1985).
Statt in absoluten Geldeinheiten mit deren heutigem Wert künftige Pensionszahlungen zu errechnen,
wäre es angemessener, von relativen Anteilen am jeweils erzielten Nationalprodukt auszugehen. Das
würde Kaufkraft und damit Märkte stabilisieren („Ökonomische Relativitätstheorie").
Es besteht überhaupt kein Anlass anzunehmen, dass die bisherige starke Steigerung der Produktivität
in naher Zukunft zum Stillstand kommt - computerunterstützte Fertigung und Dienstleistung sind
noch nicht an ihrem Ende angelangt.
Allerdings gefährden nach wie vor künftige Fehlentscheidungen, Unfälle, Konflikte und Katastrophen
die Lebensumstände; aber auch in solchen Fällen hängt von produktiver Tätigkeit ab, was für Geld
gekauft werden kann.
Geld ist immer nur von bedingtem Wert, ist kein Wert an sich. (Paul Kellermann, derStandard.at,
3.7.2009)
Regiert Geld die Welt?
21. Juli 2009 11:41
Für Geld tun die meisten Menschen fast alles, ohne Geld fast nichts - Von Paul Kellermann
Es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten, wie sich in der aktuellen Krise Wirtschaftspolitik verhalten
kann:

Auf Gott oder den Markt oder sonst etwas vertrauen und warten, bis sich alles "von allein
regelt", was sehr lange dauern kann und viel Not mit sich bringt;

Geld unspezifisch zur Verfügung stellen, um Geldmangel zu beheben, was zu spekulativer
Geldverwendung führen kann, da das Geld nicht direkt sinnvoller Realwirtschaft zufließt;
oder

für Kredite an solide Unternehmen sorgen, um das Erarbeiten brauchbarer Güter und
Dienste zu fördern.
Nur die dritte Möglichkeit führt ohne Um- und Irrwege zu wirtschaftlichem Erfolg. Dazu bedarf es
aber des Verständnisses von Geld als Mittel der Organisation von Arbeitsprozessen.
Es ist eine soziale Tatsache, dass nahezu alle Menschen an Geld glauben. Selbst wenn es darum geht,
für sich etwas zu tun, meinen sie häufig, ohne Geld nichts tun zu können, weil "Geld die Welt
regiert".
Doch tatsächlich tut Geld gar nichts, weder regieren noch sonst etwas. Man kann einen Haufen Geld
auf einen Tisch legen und stundenlang beobachten - das Geld rührt sich nicht. Was aber passieren
kann: Es kommt jemand daher und versucht, sich das Geld anzueignen. Warum tut das dieser
Jemand? Weil er glaubt, das Geld eröffne ihm alle Möglichkeiten. Aber das Geld öffnet auch nichts,
es ist bestenfalls Materie, häufig bloß noch ein Zeichen auf dem PC. Aber der Jemand glaubt und
handelt seinem Glauben entsprechend wie die meisten gläubigen Erdbewohner. "Der Glaube
versetzt Berge..."
Der Tauschwert ist vom Gebrauchswert abhängig
Wer will, dass gehandelt wird - Leute aus Politik, Wirtschaft, Kultur -, muss die sozialen Tatsachen
(also auch den Geldglauben) berücksichtigen. Die Aussicht, bezahlt zu werden, lässt Menschen der
Geldgesellschaften handeln. Im Denken an Geld bemerken sie nicht, dass doch erst durch die
Ergebnisse ihrer Arbeit Geld einen Wert erhält. Wenn nichts erarbeitet wird und als Ware angeboten
wird, taugt Geld zu nichts. Je weniger brauchbare Leistungen entstehen, desto weniger kann gegen
Geld eingetauscht werden - der Tauschwert ist, was die alltäglichen Bedürfnisse angeht, von einem
entsprechenden Nutzen abhängig, also vom Gebrauchswert.
Derzeit scheint die Entsprechung von Tauschwert und Gebrauchswert unausgeglichen zu sein: Die
Europäische Zentralbank stellt den Geschäftsbanken zu sehr niedrigen Zinsen viel Geld zur
Verfügung. Aber anstatt dieses Geld an Gebrauchswerte schaffende Unternehmen weiterzugeben,
ziehen die Privatbanken es anscheinend vor, das erhaltene Geld in weitere Geldgeschäfte zu stecken.
So entstehen gleichsam Potemkinsche Dörfer, also Fassaden oder Kulissen ohne Hinterbau.
Schlimmer noch - diese potenziellen Geldwerte (noch sind sie ja nicht durch entstandene Produkte
gedeckt) werden als Grundlage für weitere abgeleitete Finanzprodukte (Derivate), also zu nun bloß
noch virtuellem Geld verwendet. Das Ergebnis ist, dass die Kluft zwischen nominellem Geldvermögen
und realer Wirtschaftsleistung entsprechend größer wird.
Eine neue Blase entsteht
Diese Kluft oder "Blase" war die wesentliche Ursache für die noch bestehende Krise und offenbar
entsteht schon wieder eine neue. Die in dieser Situation aus betrieblicher Sicht erforderlichen
Streichungen von Arbeitsplätzen und die Unterauslastung von Unternehmen verschärfen die Krise,
weil die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge politisch nicht wahrgenommen werden.
Ist es die Absicht der Regierungen und Zentralbanken, die aktuelle Krise zu bewältigen, genügt es
nicht, Geld zur Verfügung zu stellen. Wollen sie wirtschaftlichen Erfolg, darf Geld nicht unkontrolliert
in Finanzprodukte - also in die virtuelle Geldwelt - fließen, sondern in "nachhaltige" Realwirtschaft.
Und die braucht Arbeitskräfte, Investitionsgüter, Forschungs- und Entwicklungsleistungen sowie
produzierende Betriebe, um Mittel gegen zu hohen Energieverbrauch, Umweltverschmutzung,
Armut, Krankheiten, Folgen des demografischen Wandels, Unterentwicklung etc. verfügbar zu
machen.
Würden sich die Regierungs- und Finanzpolitiker persönlich vom Geldglauben befreien, könnten sie
den allgemeinen Geldglauben nutzen: Für Geld tun die meisten Menschen fast alles, ohne Geld fast
nichts. Das ist verständlich, weil alle auf Grund der extremen Arbeitsteilung auf die Leistungen aller
anderen angewiesen sind - sie müssen kaufen, was sie brauchen und nicht selbst erzeugen können.
Aber nur mit Geld, dem Gebrauchswerte entsprechen, kann eine prosperierende Volkswirtschaft
erreicht werden.
Es geht um die Überwindung des Glaubens, Geld regiere, arbeite oder tue sonst irgendetwas. In
Wahrheit können ja nur wir Menschen auf Grund unseres Könnens und Wissens, unserer
Vorstellungen, Überzeugungen oder Orientierungen handeln. Die Bilder, die wir von Geld im Kopf
haben, sind dabei von entscheidender Bedeutung.
Debatte um "Grundeinkommen"
17. September 2009 15:44
Je länger über das "Bürgergeld" diskutiert wird, desto verengter ist der Blick - Von Paul Kellermann
In diesen Tagen finden an vielen Orten in Europa Veranstaltungen zum "Grundeinkommen" statt.
Unter "Grundeinkommen" wird eine staatliche Geldleistung an alle Bürger/innen ohne
Arbeitsverpflichtung in etwa der Höhe einer "Existenzsicherung" verstanden. Sonstige öffentliche
Unterstützungen sollen dafür entfallen, was vor allem die Verwaltung ("Bürokratie") vereinfachen
könnte. Doch, je länger nun schon über dieses "Bürgergeld" - eine bedeutungsgleiche Bezeichnung diskutiert wird, desto verengter ist der Blick - als wenn Geld für ein zufriedenes Leben genügte. Diese
beschränkte Sicht beherrscht das Denken der Verfechter von Grundeinkommen ebenso wie das
anderer "Moneyisten". Moneyisten sind Leute, die in erster Linie an Geld orientiert sind. Doch
Menschen brauchen auch in einer entwickelten Geldgesellschaft mehr: Sie sind auf soziale
Einbindung wie auf den Glauben einer Sinnhaftigkeit ihres Tuns angewiesen.
Vermutlich ist der Hauptgrund für den bisher geringen Erfolg des Vorschlags, ein Grundeinkommen
einzuführen, dass er moralisch begründet wird. Doch, wo vorwiegend Geld, Konkurrenz und Neid das
Denken bestimmen, hat Moral wenig Chancen. Vielmehr müsste funktional argumentiert werden.
"Funktional" heißt, das etwas zur Erfüllung von Zielen und Aufgaben so beiträgt, dass das "System"
funktioniert.
Die betriebliche Produktivität ist stark gestiegen und wird weiter steigen. Entsprechend werden
weniger Arbeitskräfte gebraucht und bezahlt. Dadurch können weniger Waren verkauft werden, was
die Produktion in gleichem Ausmaß sinnlos macht und deshalb eingeschränkt wird. Dies führt zu
weiteren Entlassungen, wodurch das Wirtschaftssystem in Gefahr gerät. Die Versprechungen der
politischen Parteien, "Arbeit zu schaffen", sind in einer solchen Situation hohl: Es geht nicht um
"Arbeit schaffen" - angesichts der bestehenden Probleme in Natur und Gesellschaft gibt es genug
Arbeit. Doch um in einer Geldgesellschaft überleben zu können, geht es vor allem um Einkommen,
das ausreicht, die angebotenen Waren je nach Bedarf auch kaufen beziehungsweise verkaufen zu
können, also das System durch die Tauschfunktion von Geld "funktioniert". Funktionale
Arbeitsorganisation (die selbst viel Arbeit erfordern würde) könnte nicht nur das erforderliche
Einkommen, sondern auch gesellschaftliche Integration und sozialen Zusammenhalt sowie
persönliche Sinnerfüllung vermitteln. Überdies ist daran funktional, dass durch Verringerung der
finanziellen Existenzangst der Arbeitserfolg nicht mehr nur im Einkommen, sondern auch im
konkreten Arbeitsergebnis gesehen wird. Weil durch Arbeitserfolg Menschen zufriedener sind,
entsteht weniger asoziales Verhalten. Das fördert Lebensqualität für alle. (Paul Kellermann,
derStandard.at, 17.9.2009)
Intellektuelle Schwäche oder politische Absicht?
20. November 2009 11:22
Tiefer Kursverfall und starker Anstieg: Ähnlich der Entwicklung der Banken verlief die der Börsen Von Paul Kellermann
Um die seit September 2008 sich verschärfende "Finanzkrise" - also Probleme zu nächst der
Geschäftsbanken, von ihnen auch Privatkunden großzügig vergebenes Geld termingerecht verzinst
zurück zu bekommen - zu mildern, stellten Zentralbanken und Regierungen Geldmengen in bisher
nicht bekannter Höhe zur Verfügung. Die dafür verlangten Zinsen lagen zwischen fast null
(Zentralbanken) und knapp zehn (Regierungen) Prozent. Öffentlich beklagt wurde dann, dass die
Geschäftsbanken das ihnen zugängliche Geld nicht mit üblichem Aufschlag der "Realwirtschaft" - also
Unternehmen, die Güter und Dienstleistungen erzeugen und anbieten - weitergaben. Danach rief
Verwunderung - teilweise Bewunderung, aber auch Erleichterung - hervor, dass einige Banken, die
vor kurzem noch "zusammenzubrechen" drohten, wieder große Gewinne vermelden konnten.
Wie ist das zu erklären und wie das Folgende? Ähnlich der Entwicklung jener Banken verlief die der
Börsen: Zunächst tiefer Kursverfall, dann starker Anstieg. So lag in den letzten 52 Wochen seit
November 2009 der tiefste Wert beispielsweise der Bank "Raiffeisen International" bei 13,00 und der
höchste bei 47,86 Euro; das entspricht einer Steigerung von 268 Prozent.
Wie lassen sich nun diese beiden Entwicklungen erklären? Indem beide Entwicklungen - die der
Banken und die der Börsenkurse - zusammen gesehen werden: Wer billig erhaltenes Geld statt zur
"Ankurbelung der Wirtschaft" in Finanzmärkte investierte, erhöhte dort die Nachfrage, was deren
Kurse steigen ließ. Diese Entwicklung beobachteten andere, setzten ebenfalls billig erhaltenes Geld in
der Finanzwelt ein, was weiteren Kursanstieg bewirkte. Wer anfangs investierte hatte, konnte bei
rechtzeitigem Ausstieg großen Gewinn machen. "Rechtzeitig" kann sich dabei auf längere Dauer etwa März 2009 Einstieg und November 2009 Ausstieg - beziehen, aber ebenso auf "day trading",
also auf täglichen, gar kürzeren Handel, um Kursschwankungen zu nutzen.
Ist es nun intellektuelle Schwäche oder politische Absicht derer, die so vergleichsweise preiswert
Geld zur Verfügung stellten, dass einige "kluge Köpfe" beziehungsweise Spekulanten so reichen
Gewinn machen konnten? Vermutlich gilt beides, beides nicht zum Wohl der gesamten Gesellschaft.
War es eigentlich nicht die Absicht, volkswirtschaftlich bedeutsame Banken und die "Realwirtschaft"
vor Zusammenbrüchen zu schützen? Wenn ja, dann hätte man die Spekulation unterbinden müssen.
Freilich wären dann die Börsenkurse erheblich niedriger und die Börsen weiter entfernt von einer
erneuten "Blase" , also von luftgefüllten, das heißt von bloß virtuellen Finanzvermögen ... Die
"Arbeitslosigkeit", also Erwerbslosigkeit, wäre freilich dennoch nicht geringer, weil das den
Unternehmen verfügbare Geld generell in produktivere Apparate und Verfahren investiert wird,
wodurch regelmäßig weniger Arbeitskraft gebraucht wird. Was das nun bedeutet und wie politisch
mit intellektueller Stärke vernünftiger gehandelt werden müsste, wäre noch zu diskutieren. (Paul
Kellermann)
Funktionale Grundsicherung
Paul Kellermann, 12. März 2010 13:50
Oder: Die Neidgesellschaft auf der sozialen Hängematte - Von Paul Kellermann
Nach der Milliarden-Stütze des Finanzsystems durch den Staat sei Sparen angesagt, um die
Staatsschulden zurückzuführen. Wenn es nur um die Staatsschulden ginge, wäre Sparen wohl die
richtige Maßnahme. Doch es geht um weit mehr: um die Sicherung und - im guten Fall - die
Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Da die Staatsbürger und auch die Betriebe
als Einzelne in dieser Hinsicht ziemlich ohnmächtig sind - alle paar Jahre ein Wahllokal besuchen zu
dürfen, bedeutet ja nicht wirklich, Macht zu haben -, fällt die Aufgabe dem Staat zu. Aktuell entsteht
in dieser Konstellation ein Spannungsverhältnis zwischen Staatsaufgaben und Staatssparen. Dieses
Spannungsverhältnis sollte Anlass geben zur Überprüfung der Treffsicherheit staatlicher Maßnahmen
und Einrichtungen. Doch, da ist noch mehr zu berücksichtigen - vor allem anderen das Verhältnis von
Wirtschaftsleistung und Geld.
Allein die materiellen Wirtschaftsleistungen - also die laufenden Ergebnisse der Arbeitsprozesse
(diese werden meist falsch pauschal mit "Arbeitsmarkt" bezeichnet) in Form von verfügbaren realen
Gütern und Diensten - sichern bzw. verbessern die Lebensbedingungen. Als Mittel zur Steuerung der
Arbeitsprozesse und der Leistungsverteilung dient in Geldgesellschaften das generelle Medium
"Geld". Wird Geld gespart, bedeutet das nicht nur eine Reduzierung des Steuerungsmittels. Sparen
heißt in Gesellschaften, die ihre Leistungen als Waren über Geld tauschen, gleichzeitig eine
Reduzierung der Möglichkeit des Leistungstausches, sofern das gesparte Geld von anderer Seite nicht
wieder zum Ausgleich verwendet wird. Spart der Staat, spart er letztlich an Gehältern, was durch die
Streichung von Arbeitsplätzen erfolgt. Sparen in gleicher Weise auch die Unternehmen, steigt die
Quote der Erwerbslosigkeit weiter. Ohne Ausgleichszahlungen ist die Folge eine geringere Kaufkraft
nicht nur der Erwerbslosen, also Nachfragerückgang an Märkten.
Nachfrageausfall bedrängt jene Betriebe, die auf Nachfrage ihres Leistungsangebot angewiesen sind,
was wiederum Anlass zu Einsparungen gibt. Doch im Unterschied zu Einsparungen im staatlichen
Bereich führen im Bereich der Privatwirtschaft Einsparungen nicht nur zu Entlassungen, sondern
überdies zu Rationalisierungen und Zusammenbrüchen. Firmenzusammenbrüche verursachen Leid
und Not für viele, bedeuten allerdings gleichzeitig Wandel - Wandel zur Verbesserung oder zur
Verschlechterung gesellschaftlicher Lebensbedingungen.
Weil der Staat über die Macht der Steuerung des Geschehens durch Gesetze, Verordnungen,
Gebühren und eben Steuern, aber auch durch Transferzahlungen und der Gleichem verfügen kann,
bestimmt er - bewusst oder unbewusst - die Richtung des Wandels. Wie diese Macht
wahrgenommen wird, hängt von der Kompetenz der Regierenden und nicht zuletzt von ihrem
Geldverständnis ab. Verstehen sie Geld als etwas, das "von irgendwo herkommen muss", also als
eine absolute Größe, der sogar Aktivität zugeschrieben wird - "Geld regiert die Welt" oder "Geld
arbeitet" -, ist das Ausdruck von besonderer Inkompetenz. Inkompetent ist in diesem Fall, wer nicht
versteht, dass Geld nur Wert hat, wenn es gleichbedeutend mit Kaufkraft ist. Und das ist nur dann
der Fall, wenn Waren - also Güter und Dienste - angeboten werden. Diese Waren entstehen durch
Produktionsmittel, von denen das wichtigste die qualifizierte menschliche Arbeitskraft ist.
Seit Jahrhunderten haben Menschen unter Einsatz ihrer Qualifikation mit steigendem Erfolg die
Effizienz ihres Arbeitseinsatzes auch durch angewandte Technologie erhöhen können, so dass immer
häufiger Waren ohne direkte menschliche Anstrengung durch programmierte Maschinen, also
Automaten, entstehen.
Auch Maschinen sind Waren, die in der Privatwirtschaft als Investitionsgüter zur Rationalisierung das heißt, vor allem zur Einsparung von Löhnen und Gehältern - gekauft werden. Im Erfolgsfall ist der
gewünschte Effekt höhere Produktivität pro zu bezahlender Arbeitsstunde. Offensichtlich ist, dass
sich dadurch das Verhältnis von Warenangebot und Nachfragemöglichkeit verändert, sofern nicht
auch die Nachfrage gewissermaßen "effizienter" wird. Voraussetzung der Nachfrage ist zweierlei:
Bedarf und Geldverfügbarkeit.
Es besteht aktuell nach Finanz- und Wirtschaftskrise kaum noch ein Zweifel daran, dass Bedarf und
Geldverfügbarkeit in der Gesellschaft deutlich unausgeglichen sind. Man sagt, dass ein Prozent der
Bevölkerung 90 Prozent beziehungsweise zehn Prozent schon 99 Prozent des Geldvermögens
besitzen; umgekehrt 90 Prozent mit einem Prozent des Geldvermögens auskommen müssten. Das
trifft sicherlich so nicht zu, weil auch in diesem Fall Geld zu undifferenziert gesehen wird.
Beispielsweise wird hier nicht zwischen Geld als Tauschmittel für Waren auf Märkten und Geld als
Ware, die an Börsen gehandelt wird, unterschieden; beides bildet "Finanzvermögen". Richtig ist aber,
dass Geldverfügbarkeit und Bedarf sehr ungleich gegeben sind. Das wird von Kirchen und anderen
Sozialeinrichtungen moralisch kritisiert und es wird eine Neuverteilung, beispielsweise in Form von
"Reichensteuer" oder von „Grundeinkommen", gefordert. Dagegen stehen andere auf und
verteidigen die Millionengagen von Managern, in dem sie von "Leistungsträgern" und
"Neidgesellschaft" reden, während sie hinsichtlich einer garantierten Mindestverfügbarkeit von Geld
mit den Sprüchen von "sozialer Hängematte" und "anstrengungslosem Wohlstand" polemisieren.
Doch das zeigt ebenso wie die moralische Kritik nichts anderes als jene kognitive Barriere, die durch
Geldgläubigkeit, also durch "Moneyismus", entsteht.
Vielleicht wäre es sinnvoller, funktional zu argumentieren: Wenn gewollt wird, dass Geld im Interesse
aller seinen Wert in Form von Kaufkraft behält, muss für stetige Nachfrage nach dem wachsenden
Angebot von Waren gesorgt werden; ansonsten schwindet das Angebot, weil weitere Waren zu
produzieren nichts verdienen lässt , wenn die produzierten Waren nicht verkauft werden können.
Wenn nichts verdient wird, wird nicht weiter produziert. Ist dieser Fall gegeben, werden weder
bisherige Arbeitskräfte noch andere Produktionsmittel gebraucht und der wirtschaftliche
Zusammenbruch ist nahe. Angebot und Nachfrage sind folglich voneinander abhängig. Das heißt
nichts anderes als die Aufgabe, bei stetig steigender Produktivität die Nachfrage zu stabilisieren. Es
geht also nicht nur um temporäre Wirtschaftskrisen, für deren Milderung J.M. Keynes Vorschläge
gemacht hatte; es geht auch um den Wandel im Arbeits- und Wirtschaftssystem, der sich durch
ständige Produktivitätssteigerungen stetig fortsetzt und sich nach Wirtschaftskrisen durch noch
produktivere Verfahren beschleunigt.
Nochmals - Nachfrage kommt nur zustande, wenn beides gegeben ist: Bedarf und Geldverfügbarkeit.
Doch zurzeit haben viele Menschen - weltweit etwa eine Milliarde - dringenden Bedarf, aber nicht
ausreichende Kaufkraft, während andere über weit mehr Geld verfügen als sie tatsächlich zur Stillung
ihres Bedarfs brauchen. Wenn Interesse an Verhinderung oder Milderung der Folgen wirtschaftlicher
Zusammenbrüche beziehungsweise an der Sicherung oder gar Verbesserung gesellschaftlicher
Lebensbedingungen besteht, ist es funktional, Bedarf und Geldverfügbarkeit aufeinander
abzustimmen. Die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Ziele der Stabilisierung zu erreichen ist
durch einen Ausgleich des Geldvermögens, nicht durch krasse Unterschiede im Besitz von Sach- und
Geldwerten zu erreichen.
Ein den jeweils gegebenen Umständen angepasstes Grundeinkommen für alle ist ein funktionaler
Schritt in diese Richtung. Und überdies befreite diese Garantie die Menschen von Existenzängsten
und Arbeitszwängen, was nicht nur die Lebensqualität wesentlich verbesserte, sondern auch die in
den Menschen angelegte Produktivität sich entfalten ließe. Doch auch das nur unter Bedingungen
einer vernünftigen Arbeitsorganisation, die zugleich soziale Einbindung und subjektive Sinnhaftigkeit
des eigenen Tuns ermöglicht. Die konsequente Einsicht müsste sein: Wirtschaftspolitik ist
Arbeitspolitik ist Gesellschaftspolitik ist Lebenspolitik. (derStandard.at, 12.3.2010)
Dialektik der Moderne
07. Mai 2010 11:53
Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft und Produktivität ihres wirtschaftlichen Handelns sind mit
Unfreiheit und Destruktivität untrennbar verbunden - Von Paul Kellermann
Beim jahrhundertelangen Übergang von der Feudal- zur bürgerlichen Gesellschaft spielten die
Philosophien und Ideologien zu Individualismus und Liberalismus die entscheidenden Rollen. Ihr
gemeinsames Moment kam in der Behauptung zu persönlichem Erfolg und Misserfolg zum Ausdruck:
„Jeder ist seines Glückes Schmied!"
Individuelles Eigentum und persönliche Verantwortung wurden durch Gesetze geregelt, obwohl
Familienerbe und Sippenhaft bis weit in die Neuzeit, in die Moderne, wirken. Selbst die zuvor vom
Adel lediglich als Lehen besessenen Landstriche wurden gesetzlich zu privilegiertem Eigentum und
verweisen darauf, wie stark und scheinbar selbstverständlich sich feudale Strukturen durchgehalten
haben.
Liberalismus, ursprünglich eine Freiheitsbewegung gegen die überkommenen Fesseln des lang
währenden europäischen Mittelalters, wandelte sich in die liberalistische Freiheit, die egozentrisch
sich nicht mehr von der gleichberechtigten Freiheit der Mitbürger begrenzt sah.
Begleitet wurde diese Entwicklung von drei Systemen oder Regimes, die sich immer massiver in die
alltäglichen Auffassungen und Handlungen der Menschen durchsetzten: Zeitmessung, bürokratische
Regeln und Geldgebrauch. Die exemplarischen Theoretiker waren hinsichtlich der Zeit Frederick W.
Taylor mit seiner Lehre vom scientific management, Max Weber durch seine Herausarbeitung der
Rolle der Bürokratie und Milton Friedman, dessen Aufmerksamkeit besonders dem Geld galt.
Alle drei Regimes sind als dialektisch in dem Sinn zu kennzeichnen, dass sie zugleich sowohl effiziente
Rationalisierung der sozialen Beziehungen (insbesondere in Arbeitsorganisation, Handel und
Verwaltung) wesentlich ermöglichten als auch die Abhängigkeit der Menschen von Zeit, Regeln und
Geld in zuvor unbekanntem Ausmaß bewirkten.
Unfreiheit und Destruktivität
Die Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft und die Produktivität ihres wirtschaftlichen Handelns
sind mit ihren Gegenteilen - Unfreiheit und Destruktivität - untrennbar verbunden. Das ihnen
zugrunde liegende treibende Moment ist die sich ungehemmt verbreitende Handlungsorientierung,
jede Art von Vermögen (Kapital) - wie vor allem Produktionsmittel, Arbeitsqualifikation, Finanzmittel,
Beziehungen und Freundschaften - in Gewinnerwartung einzusetzen. Auf dieser Orientierung beruht
die Dynamik des Kapitalismus; Markt, Konkurrenz, Zeit, Regeln und Geld sind in diesem
Gesellschaftssystem nur die Felder oder Gebiete, auf denen und mit denen das kapitalistische
Handlungsprinzip - Verwertung von Kapital jeder Art mit Gewinnabsicht - sich wirkungsvoll
verbreitet. Seine Folgen sind ambivalent oder realdialektisch: sowohl mehr materielle Prosperität als
auch mehr gegenseitige Abhängigkeit; sowohl Potential für weitere Produktivitätssteigerung als auch
für größere Gefährdung von natürlichen und menschlichen Ordnungen.
Lebensbedingungen in Gefahr
Der eigentliche oder objektive Zweck des kollektiven Handelns - nämlich die gemeinsamen
Lebensbedingungen zu sichern und zu verbessern - verschwand nahezu völlig aus den
Handlungsmotiven. Stattdessen dominiert die einseitige Sichtweise aus individuellem Interesses.
Vernunft im Sinne längerfristiger, intersubjektiver Verantwortbarkeit wurde ersetzt durch
technischen Verstand eines aktuell interessant erscheinenden Details.
Die Lebensbedingungen der Menschen auf dem Globus sind in Gefahr durch die inzwischen nicht
wirklich beherrschbare außerordentliche Wirksamkeit technischer Entwicklungen einerseits durch
Herstellungsverfahren - Bhopal, Exxon Valdez, Tschernobyl, Golf von Mexiko als fatale Beispiele -,
durch massive Eingriffe in die Natur wie etwa Rodungen der Urwälder, Verlegung großer Flussläufe,
einseitige Massenviehzucht oder genetische Manipulation; andererseits und nicht zuletzt durch die
bereits verwirklichte Möglichkeit der effizienten Tötung zahlloser Menschen und der Verseuchung
weiter Regionen durch den Einsatz „moderner" Waffen. Gleichzeitig wuchs die Erdbevölkerung von
etwa 1,25 Milliarden Personen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf mehr als sechs Milliarden an
seinem Ende. Je mehr sich all diese Entwicklungen beschleunigten und ausweiteten, desto geringer
wurden die Chancen auf Alternativen. Geldglaube (Moneyismus) und Zeitgeist schränken das Denken
ein, verkehren die Bedeutungen von Prozessen und Strukturen, von Mitteln und Zwecken.
Mitverantwortlich dafür sind entsprechende Erziehung und Verinnerlichung des investitiven
(kapitalistischen) Gedankens zum Verzicht auf die aktuelle Bedürfnisstillung zu Gunsten späterer
Belohnung (deferred gratification pattern).
Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten
Wenn noch vor nicht allzu langer Zeit rhetorisch gefragt wurde „Arbeiten wir, um zu leben, oder
leben wir, um zu arbeiten?", wodurch nachdenkliches Innehalten angeregt werden sollte, so scheint
heute diese Frage eindeutig und wie selbstverständlich beantwortet: Erziehung und Ausbildung,
generell Kindergarten, Schule und Hochschule („Bologna Prozess") sind auf abhängige Beschäftigung
(employability) ausgerichtet, instrumentalisiert; Freizeit und Urlaub sind durch Erwerbsarbeit
definiert und ersetzen Muße ebenso wie Ferien; Zerstörungen und Katastrophen werden von
gewinnorientierten Unternehmern nicht bedauert, sondern als Möglichkeit, am Wiederaufbau zu
verdienen, begrüßt (z. B. Erdbeben und Bauunternehmer 2009 in Italien). Ohne Berücksichtigung von
etwa einer Milliarde Menschen, denen es schlecht geht, werden unfassbare Geldmittel zur
Finanzierung von Projekten aufgewendet, um Theorien zu überprüfen (Teilchenbeschleuniger) oder
Erkundungen im fernen Weltall durchzuführen (Marsexpedition).
Die Dialektik der Moderne ist: Je erfolgreicher Menschen in Vorgänge und Verhältnisse von Natur
und Gesellschaft eingreifen können, desto wirkungsvoller wird ihr Handeln auf Gedeih und Verderb.
Mit dem durch die dominierenden Handlungsorientierungen erlangten Reichtum entwickelten sich
zugleich kollektive Unfreiheit in wachsender gegenseitiger Abhängigkeit, regional und global, und
gesellschaftlicher Gefährdung: durch Ideologien und Terrorismus, durch Verbrauch natürlicher
Ressourcen, durch Katastrophen und Kriege. Mit der in der Moderne weit verbreiteten Vorstellung
von persönlicher Autonomie und individueller Freiheit setzten sich objektiv - also unbeschadet von
Willen und Wissen - in der Realität auch soziale Heteronomie und riskante gegenseitige Abhängigkeit
weltweit durch. (Paul Kellermann, derStandard.at, 7.5.2010)
Sparen, Sparen! Sparen?
17. Mai 2010 10:24
Staaten sollen sparen, lautet derzeit der Tenor. An falschen Faktoren zu sparen ist kontraproduktiv
- Von Paul Kellermann
Zur Zeit wird von allen Seiten "Sparen" verlangt; insbesondere die Staaten sollen sparen, also
weniger Geld ausgeben. Weniger Geld auszugeben ist sinnvoll, wenn an Stellen gespart wird, die
keinen Einfluss auf das Erarbeiten von benötigten Leistungen haben. Doch Sparen ist nicht in jedem
Fall richtig. Das Gegenteil vom erwünschten Effekt wird nämlich dann erreicht, wenn an Faktoren
gespart wird, die einem vorhandenen Bedarf produktiv entsprechen könnten. Wenn also an
Arbeitskräften und Produktionskapazitäten "gespart" wird, die benötigte Dienste und Güter
verfügbar machen könnten, ist das im wahren Sinn "kontraproduktiv". Warum? Weil im Fall der
Staaten allein durch größere Wirtschaftsleistung, die auch verkaufbar ist, Steuern zur Verringerung
der Staatsschulden erreichbar sind. Geld als Kaufkraft hat ja nur dann einen Wert, wenn für dieses
Geld etwas zu kaufen ist, was hergestellt, angeboten und nachgefragt wird. Und nachgefragt werden
kann alles, was den aktuellen Bedürfnissen entspricht, sofern den Kaufinteressierten das
erforderliche Geld verfügbar ist.
Das heißt: Sollen Angebot und Nachfrage zur Belebung der Wirtschaft steigen, werden ein größeres
erarbeitetes Warenangebot und zur Tauschvermittlung eine größere Geldmenge und/oder schnellere
Umlaufgeschwindigkeit des Geldes - zusammengefasst ist das das "Geldprodukt" - gebraucht. Die
häufig gestellte Frage "Und woher soll das Geld kommen?" übersieht, das Geld ja nur etwas wert ist,
wenn es Kaufkraft darstellt und damit ein sehr brauchbares Instrument zum Tausch von Leistungen
ist, die angeboten und nachgefragt werden; nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bevor aber
Leistungen getauscht werden können, müssen sie erarbeitet werden. Das heißt: Geld ist "sekundär"
(lateinisch "nachfolgend"); primär ist das Erarbeiten von Waren, also von angebotenen Gütern oder
Diensten. Aber es gilt auch: Wenn durch die Emission von Geld zur Vermeidung von Staatsbankrotten
das höhere Geldprodukt nicht mehr dem realen Wirtschaftswachstum entspricht, dann kommt es zu
Inflation: Man ist bereit, für eine beschränkt angebotene Ware mehr zu bezahlen. Das dadurch
errechnete nominelle Bruttoinlandsprodukt stimmt nicht mehr mit dem Wachstum an realen
Leistungen überein.
Die wirtschaftspolitische Kunst besteht darin, verfügbare, also auch durch falsches Sparen
brachliegende Potentiale (Erwerbslose, nicht genutzte Kapazitäten) so zu organisieren, dass ein
Ausgleich von Bedarf, Leitungsvermögen und Geldprodukt erreicht wird.
Wenn große Geldmengen für Staatsrettungsaktionen bereitgestellt werden, müsste folglich zum
verlangten und erforderlichen Schuldenabbau vor allem auf reales Wachstum an benötigten
Leistungen, aber auch auf Einsparen von unproduktiven Ausgaben gesetzt werden.
Dagegen Staatsschulden durch gezielte Geldentwertung (Inflation) zu verringern ist
Kaufkraftenteignung und mit Verlust von Planungssicherheit vor allem für Investitionen jeder Art
verbunden. Doch nur Investitionen zur Erhöhung der Produktivität ermöglichen Wachstum von
realen Leistungen und damit letztlich von Steuern. Bloßes Sparen ohne Differenzierung von einerseits
unproduktiven Ausgaben, andererseits von Produktionsfaktoren, die verkaufbare Güter und
Dienstleistungen erstellen könnten, aber eingespart werden, kann Staatsverschuldung nicht
abbauen, weil weniger Geld (Steuern) in die Staatskassen kommt. Eher wird das Gegenteil erreicht:
Das Wirtschaftswachstum verringert sich, die Staatsschulden steigen. (Paul Kellermann,
derStandard.at, 17.5.2010)
Nichts anderes als ein Gutschein
Paul Kellermann, 10. September 2010 12:28
Wer glaubt, dass Geld die Welt regiert, weiß nicht, was Geld ist - Von Paul Kellermann
Viele Leute glauben, "Geld regiert die Welt". Wer das glaubt, weiß nicht, was Geld ist. Viele
"Geldexperten" behaupten, Geld sei ein Mysterium. Auch diese Menschen wissen nicht, was Geld ist.
Aufgrund dieses Unwissens ist es möglich, Milliardenbeträge einer anerkannten Währung der
Regierung eines Staates zur Verfügung zu stellen, um den "Staatsbankrott" abzuwenden. Glaube und
Unwissen - die konstitutiven Komponenten jeder Religion - haben das "Wunder der Rettung"
bewirkt. Warum? Weil Menschen aufgrund ihrer Ansichten handeln, gleichgültig, ob diese zutreffen
oder nicht.
Es ist nun eine wichtige Frage, ob es sinnvoll ist, diese doch offensichtlich funktionierenden
Grundlagen des Handelns mit Geld - Glaube und Unwissen - durch Aufklärung zu beseitigen. Eine
Antwort könnte sein: Wenn die Krise mit Hilfe der Geldreligion, dem "Moneyismus", überwunden ist,
sollte man aufklären, um künftig weniger religiöse als rationale Entscheidungen zu ermöglichen. Wie
ist das zu verstehen?
Die Aufklärung würde einen Wechsel des Bildes bewirken, das die Menschen heute mehrheitlich von
Geld haben, nämlich dass "cash" an und für sich schon wertvoll sei. Dieses Bild ist historisch
entstanden, weil das, was als Geld akzeptiert wurde, mit einer Trägersubstanz verbunden war, die
selbst Gebrauchswert hatte; sie war für sich etwas wert, auch wenn sie nicht als Geld angesehen
worden wäre. Als solche Trägersubstanz hatte sich am überzeugendsten und längsten Gold
durchgesetzt. Das ist auch der Grund, warum noch heute Geldnoten im Zweifel an deren Wert in
Gold getauscht werden.
Durch den nun wohl erkannten Unterschied zwischen beispielsweise Gold und Geld sollte auch
erkennbar werden, was Geld eigentlich ist: nichts anderes als ein Symbol für ein Versprechen von
beziehungsweise für einen Anspruch an Leistungen in Form von Gütern und Diensten. Bezogen auf
das Geldsystem sind diese Leistungen Waren, die gehandelt werden können. Der aufklärende
Wechsel im Geldbild besteht nun darin, Geld nicht mehr unbewusst mit einer ursprünglichen
Trägersubstanz von eigenem Wert gleichzusetzen, sondern zu erkennen, dass Geldnoten nichts
anderes sind als Gutscheine für Waren. Gutscheine symbolisieren Versprechen beziehungsweise
Ansprüche.
Wer mehr Gutscheine ausgibt als er Waren liefern kann, ist objektiv - also egal, ob das jemand weiß
oder nicht - ein Schwindler. Solange aber an die Gutscheine geglaubt wird, weil Menschen für diese
Leistungen erhalten und deshalb für dieses Geld auch ihre Leistungen oder ihr Arbeitsvermögen zu
verkaufen bereit sind, funktioniert das System. Es funktioniert selbst dann, wenn falsche Gutscheine
(Falschgeld) ausgegeben wurden, weil ein Teil der Geldgutscheine gesammelt, "gespart" wird.
Überdies werden für einen Teil dieser ersten, primären Gutscheine (Geldnoten) sekundäre
(abgeleitete) Gutscheine in Form von Aktien oder Anleihen gekauft, weil für diese ein besonderer
Gewinn (Rendite) erwartet wird. Jedenfalls werden für einen großen Teil der Menge an
ausgegebenem Geld keine "realen" Waren auf den Märkten nachgefragt, folglich wird das
Wirtschaftssystem nicht belastet.
Werden aber mehr Gutscheine einzulösen versucht als Waren verfügbar sind, entwickelt sich zuerst
Inflation, dann "galoppierende Geldentwertung" und schließlich der wirtschaftliche Zusammenbruch:
Menschen wollen ihre zunehmend weniger wert werdenden Geldgutscheine los werden und sind
deshalb bereit, für Waren mehr zu bezahlen beziehungsweise mehr zu verlangen.
Vernünftige, "aufgeklärte" Geld- und damit Wirtschafts- sowie Arbeitspolitik müssten folglich darauf
gerichtet sein, die ausgegebenen Geldmengen und deren Umlaufgeschwindigkeit (man kann das
zusammen als "Geldprodukt" bezeichnen) mit dem bestehenden und zusätzlich verfügbar zu
machenden Warenangebot (das "Leistungspotential") in ungefährem Gleichgewicht zu halten. Dies
tatsächlich zustande zubringen, setzt zugleich Wissen (Forschung) und Können (Kompetenz) voraus.
Aber gerade daran scheint es derzeit auf Grund des Moneyismus zu mangeln. (Paul Kellermann,
derStandard.at, 10.9.2010)
Wohlstand und die Berechnung des Wirtschaftswachstums
15. September 2010 17:21
Solange Wirtschaftswachstum am BIP beurteilt wird, sagt das über Zustand und Entwicklung des
Wohlstandes wenig aus - Paul Kellermann
Während der "Wirtschaftskrise" klammert sich die Hoffnung der Allgemeinheit an
"Wirtschaftswachstum". Wie gebannt werden Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP)
verfolgt. Aber auch in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten werden Veränderungen des BIP als
Zeichen für Zunahme oder Abnahme des Wohlstands angesehen. Doch solange Wirtschaftswachstum
am BIP beurteilt wird, sagt das über den Zustand und die Entwicklung des Wohlstandes wenig
Verlässliches aus. Der Grund ist die Definition des BIP: "Das Bruttoinlandsprodukt entspricht der
Gesamtsumme der Bruttoausgaben der Endverbraucher für inländische Leistungen zum Kaufpreis."
Man spricht von Wachstum, wenn das BIP einer folgenden Zeiteinheit (zumeist ein Jahr) im Vergleich
zur entsprechenden vorherigen zugenommen hat. (Das Gegenteil wäre "negatives Wachstum".)
Es steigert das BIP und erweckt den Schein von steigendem Wohlstand,

wenn durch irgendein Ereignis Schäden von Millionen irgendeiner Geldeinheit entstehen,
danach Reparaturarbeiten bezahlt werden und die entsprechenden Summen positiv in die
Berechnungen des BIP eingehen.

wenn Personen, die bisher kaum am Markt beteiligt waren (z. B. Bauern, die sich bisher in
hohem Maße selbst versorgten), ein höheres Einkommen erhalten und dafür Waren kaufen.

wenn ein kleinerer Personenkreis über sehr viel Geld verfügt und dementsprechend weit
überproportional inländische Wirtschaftsleistungen kauft. Dadurch wird zwar ein höheres BIP
errechnet, aber der allgemeine Wohlstand kann sich sogar verschlechtert haben.

wenn zum Beispiel die finanziellen Kosten des Irakkriegs, wie gemeldet wurde, eine Billion
US-Dollar betragen haben, womit vor allem die US-amerikanischen Leistungen für
Kriegsmaterial und Kriegspersonal bezahlt wurden, und diese Zahlungen in die Berechnung
des US-amerikanischen Wirtschaftswachstum eingingen. Entfallen diese Kosten und
Einnahmen für die US-Wirtschaft, weil Söldner und Waffen vom Ausland dazu gekauft
werden oder weil für die USA der Krieg zu Ende geht, stagniert der BIP-Index der USA
entsprechend.
Überdies wird häufig übersehen: Wenn Wirtschaftssysteme bereits ein hohes Niveau des BIP erreicht
haben (wie Industrieländer), kann statistisch die Zuwachsrate nicht so hoch sein wie von
Wirtschaftssystemen, deren BIP von einem niedrigeren Niveau aus berechnet wird (wie bei
Entwicklungsländern), auch wenn der Zuwachs an realen Leistungen pro Kopf der Bevölkerung gleich
ist.
Weil also das BIP lediglich an der Geldausgabe festgestellt wird, macht der Index ungenaue Angaben
über die wirkliche Entwicklung des Wohlstands, was zu falschen Schlüssen und entsprechend zu
falschen Handlungen führt. Um diesen Fehler beheben zu können, haben verschiedene Sozial- und
Wirtschaftswissenschaftler/innen nach angemesseneren Messmethoden gesucht. Ein solcher Weg
führt über Sozialindikatoren, also über Angaben zu den tatsächlichen Versorgungszuständen der
Bevölkerung. Ein aktuelles Beispiel für solche Versuche ist dem Bericht der Stiglitz-Kommission (im
Internet abrufbar) zu entnehmen. (Paul Kellermann, derStandard.at, 16.9.2010)
Moneyismus und der Vorwurf des Insider-Handels
Paul Kellermann, 19. November 2010 13:42
Betreiben kompetente Unternehmensmanager nicht unvermeidbar beim Kauf von Papieren des
eigenen Unternehmens "Insiderhandel"?
Nehmen wir an, es stimmt, dass der OMV-Chef für 632.000,- € Aktien der OMV gekauft und während
der folgenden eineinhalb Jahre keine OMV-Papiere verkauft hat. Ihm wird "Insiderhandel"
vorgeworfen, weil er Strategien seines Unternehmens kannte. Wenn also die Annahmen stimmen, ist
die Anklage ein starker Ausdruck dafür, dass seitens der Ankläger wenig von Aktien - das sind
virtuelle Geldmittel - verstehen, sondern der naiven Geldgläubigkeit, dem Moneyismus, verfallen
sind.
Nach dem "Gesetz von Angebot und Nachfrage" muss ein so umfangreicher Kauf von Aktien den Kurs
positiv beeinflussen, also ihn steigen lassen oder zumindest stützen. Wenn umgedreht diese
Aktienmenge verkauft würde - was ja bisher nicht der Fall gewesen sein soll -, dann wird der Kurs
nach demselben "Gesetz" negativ beeinflusst. Würde unter den angegebenen Bedingungen eine
Bestrafung erfolgen, zeigte dies, dass die Richter dringend finanzwissenschaftlichen
Nachhilfeunterricht bräuchten, um zu lernen, dass Geld in verschiedenen Gestalten besteht: In der
üblichen fungiert es als Tauschmittel von Waren, in der anderen ist es selbst Ware - Aktien und
andere Wertpapiere werden gehandelt, wodurch deren Waren-Charakter definiert ist. Zu bezahlen
ist auch diese "Geldware" mit dem Tauschmittel Geld. Ein Gewinn oder Verlust wird nur dann
realisiert, wenn die Ware Geld gegen das Tauchmittel Geld veräußert wird.
Allerdings wäre der Vorwurf des Insider-Handels eher berechtigt, wenn zwar nicht die im März 2009
erworbenen Aktien, aber zuvor privat gekaufte nach dem Kursanstieg im Auftrag des OMV-Chefs
verkauft worden wären. Da die Papiere nicht unterscheidbar sind, wäre die Angabe, zwar nicht die
besagten Aktien, aber überhaupt OMV-Papiere in der Zwischenzeit verkauft zu haben, eine
Täuschung.
Eine ganz andere Frage ist, ob kompetente Unternehmensmanager nicht unvermeidbar beim Kauf
von Papieren des eigenen Unternehmens "Insiderhandel" betreiben.
Geld und die Welt
Von Vereinfachern und Stückwerkern
Kommentar der anderen | 11. August 2011 17:34
Geld und Partikularinteressen vernebeln die globalen Zusammenhänge - Von Paul Kellermann
Vor einem halben Jahrhundert, als der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Einrichtungen in Europa
begann, konnte man Kritiken hören, die auf zwei aufklärerischen Gedanken fußten: "terrible
simplificateur" und "piecemeal engineering". Der erste Begriff bezeichnet die "schrecklichen
Vereinfacher"; also Leute, die kompliziertere Zusammenhänge nicht sehen wollen oder können. Der
zweite Ausdruck soll die Tätigkeiten charakterisieren, die nur Teile eines Ganzen - "Stückwerke" betreffen, also wiederum größere Zusammenhänge außer Acht lassen.
Es ist bemerkenswert, dass gegenwärtig diese Kritiken am verkürzten Denken und Handeln kaum
mehr zu vernehmen sind. Das ist umso erstaunlicher, als die Zusammenhänge der
Lebensmöglichkeiten auf dem Planeten noch enger geworden sind: nach wie vor sich
beschleunigendes Wachstum der Erdbevölkerung von etwas über eine Milliarde vor hundert Jahren
auf heute fast sieben Milliarden mit weltweiten Konsequenzen; sich multinational verflechtende
Märkte zwischen den Kontinenten; global bedrohliche Waffentechnologie; Klimakatastrophen von
Dürren und gleichzeitigen Überflutungen ganzer Landstriche: Beispiele für zusammenhängende
Entwicklungen, die höchstens jeweils für sich beachtet werden.
Die Vorgänge und Verhältnisse überfordern offensichtlich die gesellschafts- und wirtschaftspolitische
Intelligenz - zumindest derer, die Macht und Einfluss haben. Ist es eigentlich nicht selbstverständlich,
dass Geld keinen Hunger, keinen Durst stillt und auch sonst nichts vermag? Und dennoch wird in
Milliarden Geldeinheiten gerechnet, was beispielsweise die Abwendung des Todes von Millionen
Menschen 2011 am Horn von Afrika kosten würde. So, als ob damit die Besorgung der wirklichen
Mittel zur Rettung der Leben - Wasser, Nahrung, Unterkunft, Sicherheit, Heilung und vor allem
ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte - überhaupt kein Problem darstellte.
Dabei sollte doch leicht einsehbar sein, dass der alles entscheidende, erste Faktor zur Sicherung und
Verbesserung der Lebensverhältnisse - nämlich das menschliche Arbeitsvermögen - grundsätzlich
vorhanden ist, ja, sogar mit dem Wachstum der Erdbevölkerung zunahm. Es kommt also vor allem
auf deren Qualifikation und Organisation an, zu deren Entwicklung Geld in der heutigen Gesellschaft
ein brauchbares Mittel - aber eben nur ein Mittel - ist. Doch die "terribles simplificateurs" sehen in
der Art des "peacemeal engineering" nur ihr arbeitsteilig isoliertes Umfeld und darin ihrer eigenen
Interessen, die zunehmend an Geldbesitz orientiert sind.
Ist es so schwer, die Zusammenhänge von zunehmender Geldorientierung mit der Vernachlässigung
der realen Wirtschaft zu sehen; von repressiver Stoffvermittlung an (Hoch-)Schulen mit der
Unterentwicklung des Denkens; von unbefriedigender Arbeit mit diversen Süchten; oder von
jugendlichen Aufständen in sich mehrenden Ländern mit den als ungerecht und existenzbedrohend
empfundenen Konzentrationen an Macht und Reichtum?
Fatal für alle, letal für viele ist die entstandene Differenz zwischen vertieftem technischem Verstand
in Details und partikulären Interessen einerseits sowie sozial-humaner Vernunft in den
Lebenszusammenhängen und universellen Einsichten andererseits. (Paul Kellermann, DER
STANDARD; Print-Ausgabe, 12.8.2011)
Soziologe Kellermann
"Platz im Gefängnis ist teurer als Studienplatz"
Interview | Lisa Aigner, 18. August 2011 10:16

Foto: uniklu/puch
"Zugangsbeschränkungen für deutsche Studenten stehen im Widerspruch zum Mobiltätsziel des
Bologna-Prozesses", sagt Kellermann.
Über die "provinzielle Sicht" in der Debatte um deutsche Studenten und warum Uni-Schranken zu
Aggressionen führen
"Würde es akzeptiert, wenn steierische Studierende in Kärnten beschränkten Zugang haben
würden?", fragt sich der Soziologe Paul Kellermann im Interview mit derStandard.at. Der Soziologe
kritisiert, dass "nicht der Zusammenhang gesehen wird zwischen den Studierenden, die in hohem
Maße durch Zugangsbeschränkungen ausgewählt werden sollen, und denen, die nicht an die
Universitäten dürfen". Jene, die keinen Zugang zu einem Studium bekommen, würden aggressiv. Dies
zeige sich derzeit auch in Großbritannien.
derStandard.at: An den österreichischen Universitäten studieren seit Jahren sehr viele deutsche
Studierende. In Salzburg haben sich erstmals mehr Deutsche als Österreicher an der Uni angemeldet.
Man hat versucht, diesen Ansturm mit Studiengebühren, Zugangsregeln und Quoten einzudämmen.
Ist das Ihrer Meinung nach überhaupt nötig?
Kellermann: Ob das nötig ist? Das ist sicherlich aus Sicht von Salzburg im Moment - also für 2011 - zu
bejahen. Salzburg, das sehr nah an Deutschland liegt, ist in einer völlig anderen Situation als
beispielsweise Klagenfurt. Da muss man relativieren. Aber auch die Widersprüchlichkeit sollte
gesehen werden: Einerseits wird vom Bologna Prozess her Internationalität verlangt; und die
Universitäten preisen sich selbst, wenn sie viele ausländische Studierende haben. Auf der anderen
Seite verlangen die Universitäten Beschränkungen.
Aber das allerschlimmste ist, dass nicht der Zusammenhang gesehen wird zwischen den
Studierenden, die in hohem Maße durch Zugangsbeschränkungen ausgewählt werden sollen, und
denen, die nicht an die Universitäten dürfen. Was ist deren Alternative? Schon vor Jahren habe ich
gesagt: Ein Platz im Gefängnis ist wesentlich teurer als ein Studienplatz. Gemeint hatte ich damit,
dass eben die frustrierten und enttäuschten Jugendlichen revoltieren. Da brauchen wir bloß nach
Großbritannien zu schauen.
Jeder, der ein bisschen darüber nachdenkt, muss zur Einsicht kommen: Wenn die Studierenden im
Rahmen einer sinnvoll arbeitenden Universität aus eigenem Interesse mitmachen könnten, dann
würden die doch konstruktiv beschäftigt und mit ihrem Erfolg glücklich sein. Dies wird durch die
derzeitige Organisation der Universitäten verhindert: Es wird ausgebildet und geschult, aber das
eigene unmittelbare Interesse am Studium genommen. Die Motivation verlagert sich darauf, später
einen passenden Arbeitsplatz zu bekommen. Wenn die Graduierten kein ausreichendes Einkommen
oder nicht einmal einen Arbeitsplatz bekommen, sind sie natürlich enttäuscht. Die Leute haben
Erwartungen. Die sind mit dem gestiegenen Lebensstandard natürlich auch bei Jugendlichen
gestiegen. Wenn Erwartungen enttäuscht werden, endet das immer in Frustration und Aggression.
Entweder Aggression gegen sich selbst oder nach außen. Das sehen wir derzeit in vielen
europäischen und außereuropäischen Staaten.
derStandard.at: Zurzeit ist in Österreich der Hochschulzugang nicht beschränkt. Trotzdem ist die
Akademikerquote eher gering. Die Probleme liegen doch hier woanders?
Kellermann: Viele sagen das als Argument gegen Zugangsbeschränkungen. Vermutlich haben wir in
Österreich gerade wegen des noch vergleichsweise offenen Hochschulzugangs nicht die britischen,
spanischen, chilenischen, tunesischen oder israelischen Zustände. Und im Übrigen steigt die
Akademikerquote, wie die Statistik zeigt, kontinuierlich.
derStandard.at: Wie würde für Sie eine ideale Lösung für das Problem an den Universitäten
aussehen?
Kellermann: Studieren soll und darf, wer wirklich wissenschaftlich arbeiten will. Und selbst, wenn
man sich die Studien volkswirtschaftlich ansieht: Im OECD-Bericht wird ausgewiesen, dass in
Österreich ein Studienplatz rund 55.000 Euro kostet. Das, was Akademiker dann wieder an den Staat
in Form von Steuern und Sozialabgaben zurückzahlen, ist im Schnitt ungefähr drei Mal so viel. Doch
dieses Ergebnis wird nicht beachtet. Wenn wir also behaupten, dass wir keine anderen Ressourcen
als das Wissen haben, wäre es nur sinnvoll, möglichst vielen Leuten die Chance zu geben,
wissenschaftlich zu arbeiten, das Wissen zu erweitern und anzuwenden. Aber natürlich nicht nur im
Interesse der Wirtschaft.
Der Präsident der Wirtschaftskammer sagte: "Mit dem Bachelor beginnt ein neues Zeitalter
maßgeschneiderter Hochschulstudien - die konkreten Bedürfnisse der Wirtschaft sind dabei der
zentrale Ausgangspunkt." Das ist beschränkt gedacht: Es geht darum, dass wir leben können.
Wirtschaft ist dazu ein ganz wichtiges erforderliches Mittel. Deshalb muss die Wirtschaft
funktionieren. Ansonsten wäre es so, als ob wir sagen würden: Unser Besteck ist zum Essen wichtiger
als das Essen selbst. Ein Studium hat - auch nach dem Gesetz - weitergehenden Sinn.
derStandard.at: Das heißt, Sie fordern die Regierung dazu auf, mehr Geld in die Universitäten zu
investieren?
Kellermann: Das ist wieder verkürzt. Ich fordere die politisch für das Allgemeinwohl
Verantwortlichen dazu auf, längerfristig zu denken und zu erkennen, dass es sehr sinnvoll ist, in
Studien und Forschung zu investieren. Ich wehre mich auch nicht dagegen, Studiengebühren als eine
Art Schutzgebühr einzuführen. Aber diese Gebühr hat nicht die Funktion, die Universitäten zu
finanzieren, sondern die persönliche Überlegung anzuregen, eigene Ressourcen für das eigene
Studium und damit auch für die eigenen Lebenshaltungskosten einzusetzen.
derStandard.at: Wie erklären Sie sich, dass in Österreich in der Diskussion rund um überlaufene
Studien vor allem die Debatte um deutsche Studenten zentral ist?
Kellermann: Das ist damit zu erklären, dass die Universitäten ein Problem haben, europäisch zu
denken. Wenn ein Studierender aus Klagenfurt ein, zwei Semester in Barcelona oder in Berlin
studieren will, dann ist das von der EU gewollt. Hier gibt es jedoch häufig, wie die Schweizer sagen,
einen "Kantönli-Geist": Man urteilt aus provinzieller Sicht. So finden Sie selten die Zahlen der
österreichischen Studierenden an deutschen Universitäten. Wir sind heute eben eine Europäische
Union und nicht mehr Klein-Luxemburg, Klein-Österreich oder sonst was. Würde es akzeptiert, wenn
steierische Studierende in Kärnten beschränkten Zugang haben?
derStandard.at: Das Problem ist aber ein bisschen größer. Es geht nicht darum, dass diese deutschen
Studenten in Österreich ein Auslandssemester machen wollen, sondern darum, dass in Deutschland
der Zugang so streng geregelt ist, dass viele in Österreich studieren müssen, weil sie im eigenen Land
nicht studieren dürfen.
Kellermann: Da beachten Sie die temporären Umstände (Verkürzung der Schulbesuchszeit,
Abschaffung der Wehrpflicht, Anm.) und den Ausbau des Zugangs zu wenig. Die Berliner Regierung
hat erhebliche Zusatzmittel und einzelne Bundesländer haben mehr Studienplätze zur Verfügung
gestellt. Das wird hier einseitig berichtet. Darüber hinaus können sich die Studierenden an mehreren
Universitäten anmelden. Warten wir einmal ab, wie viele tatsächlich kommen. Bei Publizistik- und
Kommunikationswissenschaft wurde noch vor zwei Jahren groß gejammert, wie viele Studierende
kommen. Aber es gab weniger Anmeldungen, als Studienplätze zur Verfügung standen.
derStandard.at: Hier sind die Anmeldungen aus Deutschland aber erst zurückgegangen, als
Zugangsbeschränkungen eingeführt wurden.
Kellermann: Die Ankündigung einer Prüfung hat anscheinend schon genügt, die Interessenten zu
vergraulen. Das steht im Widerspruch zu dem Mobilitätsziel des Bologna-Prozesses.
derStandard.at: Deutsche sind in Österreich nicht unbedingt beliebt. In unserem Forum gehen beim
Thema "deutsche Studenten" die Emotionen hoch. Sie selbst haben die deutsche und die
österreichische Staatsbürgerschaft. Woher kommen Ihrer Meinung nach diese negativen Gefühle?
Kellermann: Die Streitereien gibt es abstrakt, eher nicht konkret. An den Universitäten gibt es viele
"internationale" Freundschaften. Allerdings kann die Häufung eines Vorkommnisses gegenteilige
Wirkungen haben. Nehmen wir an, wir haben früher einen einzelnen Schwarzen in Wien gesehen,
dann waren wir erstaunt, vielleicht sogar erfreut. Wenn es dann aber sehr viele Schwarze sind,
entstehen Ängste und damit Ablehnungen. Wenn im Forum Pöbeleien stattfinden, bedeutet das,
dass die Leute, die pöbeln, noch wenig oder keine Erfahrungen außerhalb ihrer Provinz gemacht
haben oder noch nie auf andere angewiesen waren. Auch das ist beschränktes Denken. Das will ich
nicht den einzelnen Leuten vorwerfen. In unserer Gesellschaft wird ja gelehrt, dass jeder seines
Glückes Schmied ist. Jeder muss also sehen, wo er bleibt. Wenn die Leute Sorge haben, dass sie nicht
mehr zurecht kommen, verstehe ich sehr wohl, dass sie aggressiv werden. Das führt wieder zu dem
zurück, was ich vorher gesagt habe.
derStandard.at: Wie könnte man mit den Plünderungen in Großbritannien und den Protesten in
Spanien umgehen? Gibt es da eine Lösung oder hat man hier schon verloren?
Kellermann: Mittelfristig kann man nur erfolgreich sein, wenn Cameron nicht bloß auf Gewalt gegen
das asoziale Handeln setzte, sondern auch eine konstruktive Vision zu entwickeln und zu
verwirklichen versuchte. In Großbritannien sind die Studiengebühren sehr hoch, viele werden von
Anfang an ausgeschlossen. Und in Spanien ist fast die Hälfte der Graduierten vom Arbeitsprozess
ausgeschlossen. Und wie gesagt: Wer sich ausgeschlossen fühlt, wird aggressiv. Es gilt die Einsicht,
dass wir lebenswerte Verhältnisse nur verwirklichen können, wenn möglichst viele Leute einen
Zugang zu dem haben, was gesellschaftlich wichtig ist. Ein Studium sollte - neben der Aneignung
professioneller Kompetenz - auch dem dienen. (Lisa Aigner, derStandard.at, 18.8.2011)
Wirtschaftswandel
"Reale Wirtschaftswelt" versus "virtuelle Finanzwelt"
Leser-Kommentar | 04. September 2011 20:37
Die Bedeutung von Geld hat sich verändert und mit ihr nicht nur der Geldgebrauch, sondern auch
die Formen von Geldvermögen. Dieser Wandel sollte auch bei Prognosen zur wirtschaftlichen
Entwicklung stärker berücksichtigt werden
Verfolgt man die Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung, die auf Berechnungen des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) beruhen, erstaunt bisweilen die geringe Treffsicherheit. Offensichtlich
ermöglichen die den Prognosen zugrundeliegenden Annahmen nichts Genaueres. Als Erklärung
bietet sich die Vermutung an, dass sowohl das Maß (BIP) als auch dessen Grundannahmen nicht
stetig, dem Wandel der realen Rahmenbedingungen entsprechend, überprüft werden.
"Das BIP entspricht der Gesamtsumme der Bruttoausgaben der Endverbraucher für inländische
Leistungen zum Kaufpreis." Das bedeutet, wirtschaftliche Entwicklung wird am Geldgebrauch
berechnet. Doch gewandelt hat sich die Bedeutung von Geld und mit ihr veränderten sich nicht nur
der Geldgebrauch, sondern auch die Formen von Geldvermögen.
BIP-Berechnung
Zur Bedeutung und zum Gebrauch von Geld: Je mehr Leistungen, die zuvor unbezahlt erbracht
wurden, mit Geld entlohnt werden, desto mehr ergibt logischerweise die BIP-Berechnung. Man kann
sich das am Schwinden der Selbstversorgung in Landwirtschaft und Haushalt verdeutlichen,
andererseits am stark gewachsenen Angebot von Waren und deren Nachfrage: Wir gebrauchen
zunehmend Güter und Dienste, die wir kaufen müssen; entsprechend müssen wir über Geld
verfügen, also eigene Leistungen verkaufen können. So ist es eigentlich überhaupt nicht erstaunlich
(was aber in den Medien als besonders bemerkenswert berichtet wird), wenn frühere
osteuropäische - oder allgemeiner - sich industriell entwickelnde Länder nach Wechsel ihrer
wirtschaftspolitischen System am BIP gemessenes Wachstum haben; wiederum logischerweise
haben sie auch - trotz größerer Armut - höhere Wachstumsraten als die bereits in der
Geldverwendung weiter entwickelten Länder.
Als eine Erklärung für Inflation gilt, dass die gegenüber dem Warenangebot größere Geldmenge
erhöhte Nachfrage bewirkt, also nach dem "Gesetz von Angebot und Nachfrage" höhere Preise
verlangt und bezahlt werden können, sofern Bedarf besteht. Nun ist die Geldmenge zur
"Bekämpfung" der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2007 durch die Notenbanken weltweit
erheblich ausgeweitet worden, ohne dass dementsprechend mehr produziert wurde und dennoch
blieb die Inflation im Vergleich zu früheren Zeiten - bisher - gering.
Geld wurde "gehortet"
Gründe für diese scheinbaren Unvereinbarkeiten können im Wandel des Geldgebrauchs gefunden
werden. Ein erster Grund dürfte darin liegen, dass Geld in beträchtlichem Ausmaß "gehortet", also
die Nachfrage - bisher - nicht erhöht wurde. Nach Pressemeldungen verfügten etwa Unternehmen in
den USA im Dezember 2007 über 610,1 Milliarden US-Dollar an "cash", aber im Juli 2011 über 964,0.
(Deutsche Unternehmen verfügten im 2. Quartal 07 über 65,4 Milliarden Euro und im 4. Quartal 2010
über 121,5; österreichische in derselben Zeitspanne 6,3 bzw. 9,0 Milliarden Euro.) Ebenso soll der
Schuldendienst der US-Privathaushalte, gemessen am verfügbaren Einkommen, im selben Zeitraum
von über 13,5 Prozent um mehr als zwei Prozentpunkte gesunken sein. Das heißt, es wurde mehr
gespart und weniger nachgefragt.
Das vermehrte Geld floss in die Finanzwelt
Gespart wurde aber auch in den öffentlichen Haushalten, so dass den "abgebauten" Arbeitskräften
weniger Kaufkraft blieb. Und das den verschuldeten Ländern zur Verfügung gestellte Geld wurde
dazu verwendet, fällig gewordene Kredite zu "bedienen", womit ein zweiter wesentlicher Grund für
bisher ausgebliebene stärkere Inflation erkennbar wird: Das vermehrte Geld fließt in die Finanzwelt.
Das bedeutet: Der Geldgebrauch wurde einerseits in der "realen Wirtschaftswelt" eingeschränkt,
weitete sich andererseits in der "virtuellen Finanzwelt" rapide aus.
Diese Phänomene des Wandels müssten bei Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung stärker
berücksichtigt werden - der Entzug von Geld durch Sparen einerseits und für den Gebrauch von Geld
zum spekulativen Handel in Finanzwerten (Währungen, Aktien, Derivate etc.) andererseits.
Wie brisant dieser Wandel ist, erschließt sich beim Nachdenken über Antworten auf eine
exemplarische Frage: Was macht die Volksrepublik China mit den angesparten Billionen von USDollar, von anderen Währungen und Staatsanleihen? Bei diesem Nachdenken kann einem der Atem
stocken. (Leser-Kommentar, Paul Kellermann, derStandard.at, 5.9.2011)
Griechenland: Undifferenziertes Sparen garantiert den
wirtschaftlichen Niedergang
Leser-Kommentar | Paul Kellermann, 25. Oktober 2011 16:14
Sicher, Schulden sollten beglichen werden, aber nicht zu Lasten produktiver Arbeit, die allein den
Wert des Geldes zu sichern ermöglicht
„Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt und deshalb müssen wir sparen!" (Angela Merkel,
deutsche Bundeskanzlerin) Ist es nicht erstaunlich, dass sowohl den verantwortlichen Politikern als
auch den Ton angebenden Wirtschaftswissenschaftlern die volkswirtschaftliche Bedeutung von Geld
offensichtlich unbekannt ist? Selbst der rapide wirtschaftliche Absturz Griechenlands scheint nicht
gelehrt zu haben, dass undifferenziertes Sparen genau das Gegenteil vom Angezielten bewirkt.
Eigentlich sollte doch klar sein, dass Geld nur dann Wert hat, wenn es dafür etwas zu kaufen gibt.
Und kaufen können wir das, was wir täglich brauchen, nur dann, wenn es erarbeitet wurde. Doch
weder das massenweise Entlassen von Arbeitskräften, um zu sparen, noch die gegen dieses Sparen
protestierenden Streiks lassen Brauchbares erarbeiten.
Geld bedingt produktive Arbeit
Weil anscheinend beim Denken an Geld das Denken aufhört - das ist Folge der Geldgläubigkeit, des
„Moneyismus" -, wird vergessen, was Geld seinen Wert gibt: Güter und Dienste, also Leistungen, die
für Geld zu kaufen sind. Folglich müsste zu allererst an die Bereitstellung/Erarbeitung von kaufbaren
Leistungen gedacht werden und dann an Geld als Mittel zur Bereitstellung von Leistungen. Doch im
Vordergrund stehen die Geld-Schulden, die beglichen werden sollen. Sicher, Schulden sollten
beglichen werden, aber nicht zu Lasten produktiver Arbeit, die allein den Bedarf an Leistungen zu
decken und den Wert des Geldes zu sichern ermöglicht.
Die fälligen Kredite mit wiederum nur geliehenem Geld zu bedienen, hat zwei bedeutsame Folgen:
Das Geld steht dem Staat nicht zur Organisation der wirtschaftlichen Kräfte zur Verfügung und die
Gläubiger (Pensionskassen, Versicherungen, Banken etc.) wollen und müssen das zurückerhaltene
Geld wieder in Finanzwerten anlegen, da sie ja selbst weder Konsum- noch Investitionsgüter
produzieren. Also bieten sie das zurückerhaltene Geld am besten - wegen des gestiegenen Risikos zu
höheren Zinssätzen - den „Griechen" wieder an ... eine Spirale nach unten! Die Lehre:
Undifferenziertes Sparen garantiert den wirtschaftlichen Niedergang. (Leser-Kommentar, Paul
Kellermann, derStandard.at, 25.10.2011)
Schulden versus Investitionen
Gastkommentar | 22. Dezember 2011 09:14
-------------------------------------------------------------------------------"Schulden" müssen nicht immer "miese Schulden" bedeuten, sondern können auch sinnvolle
Investitionen gewesen sein - Von Paul Kellermann
Es ist erstaunlich, wie wenig differenziert, stark verkürzt und ohne gegebene Zusammenhänge zu
beachten derzeit über Schulden diskutiert wird. Als wenn Schulden jeder Art schlecht wären. Wer
falsch denkt, kann nur zufällig richtig handeln.
Freilich ist verständlich, dass es allen Schuldnern lieber wäre, frei von Zahlungen für Zinsen und
Rückerstattung zu sein - der Gewinn aus profitablen Investitionen wäre größer. Und auf das Ergebnis
der folgenden Überlegung kommt es ja letztlich an: Ist das Leihen des Geldes von Vor- oder Nachteil?
Die Frage ist verhältnismäßig leicht mit der klärenden Gegenfrage zu beantworten: Wofür wurde
oder wird das geliehene Geld verwendet? Die grundsätzliche Kalkulation ist für die Geldverleiher
dieselbe: Lohnt sich das Geschäft? Die hierzu gehörende Gegenfrage ist: Wie hoch sind die Zinsen
und wie sicher wird das Geld zurückgezahlt?
Wann ist es "sinnvoll", Schulden zu machen?
Ein erster wesentlicher Zusammenhang ist folglich, dass den Schulden der einen Seite die Guthaben
der anderen gegenüberstehen. Eine so genannte Win-Win-Situation ist gegeben, wenn die
Verwendung des geliehenen Geldes mehr erbringt als der Schuldendienst kostet - beide Seiten
erreichten, was sie anstrebten. Wann ergibt sich ein solcher optimaler Fall? Wenn der Kredit sinnvoll
investiert wurde.
Sinnvoll ist das Bauspardarlehen für Privathaushalte, wenn das Wohnen im eigenen Haus nicht nur
Immobilienbesitz bedeutet, sondern auch weniger Kosten für den Schuldendienst zu haben als die
Miete ausmachen würde. Sinnvoll für Unternehmen ist, Geld für die Anschaffung von
Produktionsmitteln zu leihen, die ein besseres Betriebsergebnis zu erarbeiten ermöglichen. Sinnvoll
ist das "Schuldenmachen" von Gebietskörperschaften, wenn dadurch die Infrastruktur - also die
allgemeine Versorgung mit Strom, Wasser, Straßen, Rechtsprechung, Volksgesundheit oder auch
Schulbildung und anderem - gesichert oder verbessert wird.
Geld, das von den Notenbanken zur Verfügung gestellt wird, erhält ja erst dann seinen Wert, wenn
Leistungen entstehen, die für dieses Geld zu kaufen sind. Ist für ein bestimmtes Geld nichts zu
kaufen, ist es nichts wert. Hat man das einmal verstanden, wird erkannt, dass Geld zuallererst ein
Mittel ist, mit dem sich produktive Arbeit organisieren lässt. Der einfache Grund dafür ist, dass man
in einer Geldgesellschaft, in der fast alles Lebensnotwendige bezahlt werden muss, auch über Geld
verfügen können muss. Und um Geld zu bekommen, muss die große Mehrheit der Bevölkerung durch
Verkauf eigener Leistungen zu Geld kommen, das heißt in der Regel, sie muss erwerbstätig sein. Mit
Geld kann also erreicht werden, dass erarbeitet wird, was gebraucht wird. Weil aber die
Notwendigkeit, über Geld verfügen zu können, mehr oder weniger alle anderen Erfordernisse in den
Hintergrund treten lässt, wird dem Geld so große Bedeutung zugeschrieben, dass es als Ziel oder
Zweck aller Anstrengungen angesehen wird und an die "die Macht des Geldes" geglaubt wird. Dieser
"Moneyismus", diese Geldgläubigkeit, beherrscht das Denken und lässt übersehen, was wirklich
lebenswichtig ist: "Wenn der letzte Baum gefällt ist, und der letzte Fisch gefangen, werdet ihr
feststellen, dass man Geld nicht essen kann." (Xokonoschtletl, Azteke)
Tauschwert - Gebrauchswert
Anders und in Begriffen ausgedrückt, die schon vor über 2000 Jahren (Aristoteles) die
Zusammenhänge klar machten: Tauschwert - also ein Preis - kann nur erzielt werden, wenn ihm ein
Gebrauchswert - also erwarteter Nutzen - entspricht. Die Konsequenz wäre, immer zu differenzieren:
Was ermöglichen die Darlehen an Gewinn und was entspricht diesem Kriterium nicht? Was
entspricht, sollte man "Investition" nennen, was nicht entspricht aber "Schulden". Quintessenz: Im
Interesse von Sicherung und Verbesserung der Lebensbedingungen gilt es zu investieren, aber
Schulden zu vermeiden. (Paul Kellermann, derStandard.at, 22.12.2011)
Autor
o.Univ.-Prof. Dr.oec.publ. Dipl.-Soziol. Paul Kellermann, Institut für Soziologie, Fakultät für
Wirtschaftswissenschaften Alpen-Adria-Universität
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Seele and Geist
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