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4. Medientreff NRW: Loklafunk-Tagung in Bad Honnef

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„Was wollen die Hörer?“
4. Medientreff NRW: Lokalfunk-Tagung in Bad Honnef
Wie kann der Lokalfunk Bedürfnissen und Interessen seiner Hörer optimal entgegenkommen? Mit dieser Frage beschäftigten sich etwa achtzig LokalfunkProgrammmacher und -verantwortliche am 4. und 5. September im Rahmen
des 4. Medientreff NRW in Bad Honnef. Diskutiert wurden quantitative und qualitative Forschungsansätze, aber auch
Methoden, um unmittelbar mit Hörern
in Kontakt zu kommen.
Der
nordrhein-westfälische
MedienStaatssekretär Dr. Marc Jan Eumann
forderte in seinem Grußwort alle Beteiligten dazu auf, das „wundervolle, einzigartige Lokalradiosystem“ in Nordrhein-Westfalen weiterzuentwickeln. Dafür müssten aber alle nicht nur
an einem Strang, sondern auch in die gleiche
Richtung ziehen. Genau darum bemühten sich die
Teilnehmer des 4. Medientreff NRW zwei Tage
lang. Dass es wichtig ist, dabei auch Hörerinteressen zu berücksichtigen, wurde bei den Debatten im Katholischen-Sozialen Institut (KSI) von
niemandem bestritten. Was aber wollen und erwarten die Hörer eigentlich? Und wie
lässt sich das herausfinden?
Staatssekretär Eumann und auch LfM-Direktor Dr. Jürgen Brautmeier machten
deutlich, es sei wichtig, dass sich der Lokalfunk in einer für viele Medien schwierigen
Zeit des digitalen Umbruchs behaupte. Ursula Wienken, Geschäftsführerin der MedienQualifizierung GmbH, betonte,
Grundvoraussetzung für eine zukunftssichere Entwicklung sei
es, Bedarf und Bedürfnisse zu ermitteln, wobei sich allerdings
Abschaltmotive kaum feststellen ließen. Stefan von der
Bank, Vorsitzender der Veranstaltergemeinschaft von Radio
Erft und Leiter des KSI-MedienkompetenzZentrums, brachte
das Problem schlicht auf die Formel: „Was wollen die Hörer?“
Jenseits der quantitativen Messung von Reichweiten und
Marktanteilen, so wurde beim 4. Medientreff NRW deutlich,
fehlen vor allem qualitative Befunde, aber auch ein Qualitätsmanagement und Leitbilder, an denen sich Redaktionen orientieren können.
Prof. Dr. Vinzenz Wyss erläuterte in seiner Keynote, dass für viele Journalisten das
Publikum ein abstraktes Konstrukt bleibe. Der Medienforscher der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften erklärte, umso wichtiger sei es, Normen und
Standards zu erarbeiten, um eine Vorstellung von
der Rolle der Hörer zu entwickeln. So könne das
Publikum als Bürgerschaft oder Fan-Gemeinde,
als Gruppe mündiger Konsumenten oder auch
Produzent von User-Generated-Content betrachtet
werden. Abhängig von entsprechenden Leitbildern
ließen sich anschließend vor dem Erstellen journalistischer Beiträge sogenannte Aussagewünsche
festlegen. Für das Formulieren von Hörfunknachrichten, so empfahl Wyss, müsse
stets an das vorhandene Wissen von Hörern angeknüpft werden. Darüber hinaus
ermunterte der Journalistik-Experte Redaktionen zu mehr Mut, um Irritationen und
Überraschungen zu schaffen, mit denen die Aufmerksamkeit erhöht werden könne.
Wer außerdem wissen wolle, was sich Hörer wünschen, müsse im Internet Kontaktmöglichkeiten schaffen und Online-Kommentare systematisch auswerten.
Um neue Perspektiven für ein modernes Qualitätsmanagement zu entwickeln, hatten
die Veranstalter des 4. Medientreff NRW zwei Experten aus einer anderen Dienstleistungsbranche nach Bad Honnef eingeladen. Elke Fischer, Qualitätsbeauftragte
des Nürnberger Hotels Schindlerhof, und der Direktor der Kölner Hotels Radisson
Blu, Jürgen Wirtz, skizzierten, was sie unter Markenpflege und Qualitätssicherung
verstehen. Wichtig seien Freundlichkeit und Herzlichkeit sowie ein möglichst persönlicher Umgang mit den Gästen. Es gehe um
Kundenzufriedenheit, Vertrauen und originelle Service-Ideen.
Während Dr. René Grossenbacher, Geschäftsführer der Schweizer Publicom AG,
durchaus Parallelen zur Hörfunk-Branche
erkennen konnte, schränkte Vinzenz Wyss
ein, Hörer seien keine Kunden. Schließlich
wüssten Hotel-Gäste genau, was sie
wünschten, während die Inhalte von Hörfunkprogrammen nicht im Voraus erwartbar
seien. Wer eine Radiomeldung verfolge, der könne anschließend nicht mit deren Inhalt zufrieden sein, wenn es sich beispielsweise um negative Nachrichten handle.
„Hörer wissen aber, wie viel Information und welche Musikfarbe sie wünschen“, gab
Publicom-Geschäftsführer Grossenbacher zu bedenken, der in der Schweiz Rundfunkangebote zertifiziert. Einig waren sich Grossenbacher und Wyss in der Forderung nach mehr qualitativer Medien- und Hörerforschung.
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Einigkeit herrschte bei der von Colleen Sanders (Radio Lippewelle Hamm) moderierten Panel-Diskussion auch darüber, dass Redaktionen Qualitätsstandards und
Regeln für den Umgang mit dem Hörer-Feedback benötigen. Zum Auftakt des zweiten Kongresstages stand die Frage im
Mittelpunkt, mit welchen Methoden
sich Hörfunkredaktionen ein Bild ihrer
Hörer machen können. „Es ist schwer,
den typischen Hörer zu beschreiben.
Den gibt es nämlich nicht“, sagte Tim
Grunert. Der Programmdirektor von
Antenne Thüringen räumte ein, die
Hörerforschung helfe kaum, um den
Erfolg konkreter Serien oder Formate
zu planen. Wichtig seien deshalb direkte Hörerkontakte. Er habe allerdings festgestellt, dass die Mitarbeiter
aus Vertrieb, Technik und Verwaltung oft besser darüber Bescheid wüssten, was die
Hörer in einer bestimmten Region bewege, als die Redaktion.
Inzwischen verfügen die meisten Radioprogramme in Deutschland über ein künstliches Profil ihrer Stammzuhörer. Ingo Tölle, Chefredakteur von Radio Westfalica,
berichtete von Zeiten, in denen eine „Idealfamilie“ in Form großer Pappfiguren in
Studios gestanden habe, um den Moderatoren ihren Ansprechpartner plastisch vor
Augen zu führen. Der Umgang mit solchen Stereotypen aber ist problematisch. Tölle verwies auf
Testpublika und Fokusgruppen, mit denen sich
Zielgruppen differenzierter ermitteln ließen. Außerdem lese er sämtliche E-Mails von Hörern, um
deren Wünschen auf die Spur zu kommen.
Christiane Kremer, Programmdirektorin von
RTL Lëtzebuerg, beschrieb, wie in Luxemburg
qualitative Hörerforschung umgesetzt wird. Dort
füllten zuletzt mehr als 2.000 Internetnutzer einen
Online-Fragebogen aus, um ihre Programmvorlieben zu artikulieren. Bei Antenne Thüringen wurde eigens eine Art Hörerbeirat gegründet, um mit Rezipienten online ins Gespräch zu kommen. Außerdem beteuerte
Programmdirektor Grunert, immer wieder mit Bekannten über konkrete Sendungen
zu sprechen. Zu dieser Art des „Schwiegermutter-Research“ bekannte sich während
der von Claudia Schall (Chefredakteurin Radio Köln) moderierten Panel-Diskussion
auch Radio-Westfalica-Chefredakteur Tölle.
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In der letzten von drei Panel-Gesprächsrunden machte der Programmdirektor von
Radio NRW, Martin Kunze, einen Vorschlag, den er schon im vergangenen Jahr
beim 3. Medientreff NRW unterbreitet hatte: Um möglichst große Schnittmengen unterschiedlicher Hörergruppen zu bilden, müsse stets ein „Interessensausgleich der
Generationen“ angestrebt werden. Konkret gehe es darum, Inhalte so zu präsentieren, dass sich möglichst viele Altersgruppen angesprochen fühlten. Darüber hinaus
plädierte Kunze für konkrete Lebensweltbezüge und eine bessere Vernetzung der
nordrhein-westfälischen Lokalfunkprogramme. Beispielsweise könne eine gemeinsame Recherche zum
Thema
U3-Versorgung
schließlich zu Daten führen, die Radio NRW zusätzlich landesweit aufbereiten könne.
Den großen Wert solcher
Netzwerk-Effekte betonte
auch Dr. Peter Härtl. Der
Geschäftsführer der münsterländischen Service-Gesellschaft MMS, welche die Lokalfunkprogramme in Münster, Steinfurt und Borken vermarktet, forderte darüber
hinaus, der Lokalfunk müsse sich wieder stärker an jüngere Hörer richten.
Auf die Frage von Panel-Moderator Thorsten Kabitz (Chefredakteur Radio RSG), ob
der Lokalfunk vielleicht weiter von den Hörern entfernt sei als es seine geografische
Nähe vermuten lasse, unterstrich der Chefredakteur von Radio Wuppertal, Georg
Rose, seine Redaktion verstehe sich auch als Stifter lokaler Identität und als Dolmetscher zwischen unterschiedlichen sozioökonomischen Hörergruppen. Dr. Horst
Bongardt, Vorstandsmitglied im Verband Lokaler Rundfunk und Vorsitzender der
Veranstaltergemeinschaft von Radio Berg, schränkte ein, dies sei in Flächenkreisen
besonders schwer. Dort klafften die Interessen der Bewohner unterschiedlicher Gemeinden oft weit auseinander. Trotz solcher Probleme sprach sich der Wuppertaler
Chefredakteur Rose dafür aus, mehr Mut bei der Konzentration auf einzelne Themen
zu beweisen: „Das Prinzip Vollsortimenter funktioniert nicht.“
Text: Dr. Matthias Kurp/Alle Fotos: Milena Furman
Der Medientreff NRW wurde gemeinsam vom Katholisch-Sozialen Institut (KSI) und der MedienQualifizierung GmbH veranstaltet, unterstützt von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), Radio NRW sowie den Dachverbänden der Veranstaltergemeinschaften und Betriebsgesellschaften des nordrhein-westfälischen Lokalfunks.
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Seele and Geist
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