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1 • Eine deutsche Sichtweise: „Was sollen wir denn von den

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1
International vergleichende (Schwert-)Klingenforschung
Möglichkeiten und Grenzen
(Stefan Mäder)
Neue Fragestellungen leisten insofern einen wesentlichen Beitrag
zur Forschung, als sie den Blick für bisher vernachlässigte Aspekte eines
Themenkomplexes
schärfen.
Konkret
Kulturgeschichte
geographisch
so
vergleichende
weit
Studien
voneinander
zur
entfernter
Weltgegenden wie Ostasien und Europa wurden bis vor Kurzem in ihren
Konsequenzen für die Geschichte der jeweiligen Kulturräume entweder
kaum beachtet, oder aber mit nicht ganz unvoreingenommener Skepsis
betrachtet.
Bislang
führten
beide
Gepflogenheiten
kaum
zu
einer
objektiven Überprüfung von - häufig als Zufall abgetanen - Analogien
geistesgeschichtlicher und materieller Natur zwischen Ost und West.
Erstere beruhen oft genug nach wie vor auf Vorurteilen und den nicht zu
leugnenden Sprachbarrieren. Zur Veranschaulichung seien hier zwei Zitate
von anerkannten Experten auf ihrem Fachgebiet angeführt, die immer noch
stellvertretend
für
weit
verbreitete
Ansichten
zu
kultur-
und
technikgeschichtlichen Vergleichen zwischen Asien und Europa stehen1:
•
Eine deutsche Sichtweise: „Was sollen wir denn von den Japanern
lernen? Die haben doch in den letzten 150 Jahren alles von uns
abgeschaut.“
•
Eine japanische Sichtweise: „Das Europäische, Chinesische und
Koreanische Material ist so verschieden von unserem einheimischen,
das kann man überhaupt nicht mit dem Japanischen vergleichen.“
Der
Aussagen
Umstand,
mit
dass
dem
beide
Wissenschaftler
Quellenmaterial
aus
dem
zum
Zeitpunkt
jeweils
so
der
ganz
unvergleichbaren Kulturkreis noch nicht in Kontakt gekommen waren,
erhellt
ihren
Stellenwert
für
eine
objektive
internationale
Zusammenarbeit. Mit der allmählichen Öffnung Chinas gegenüber dem
Westen wird der immense Einfluss früher chinesischer Kultur, ihrer
technologischen
1
und
geistesgeschichtlichen
Errungenschaften,
in
Beide Zitate bezogen sich auf vergleichende Arbeiten d. Verf. zur Schmiede- und Oberflächentechnik in Asien
und Europa. Beide Kollegen sind mittlerweile mit den Ergebnissen dieser Forschungen vertraut und haben ihre
anfänglichen Einschätzungen relativiert.
2
Zukunft unser bisher überliefertes Geschichtsverständnis bereichern. Mit
der augenzwinkernden Bemerkung, „as is now well known, China has long
ago discovered everything“ 2 , lag W.R. Tredwell im Licht der jüngeren
Erkenntnisse der Archäologie in China richtiger, als er es sich vor beinahe
100
Jahren
hätte
träumen
lassen.
Trotz
der
Bahn
brechenden
Erkenntnisse der Ur- und Frühgeschichtsforschung in Europa im Verlauf
der letzten Jahrzehnte wird bis heute der Beitrag der Kulturen des
Zweistromlandes, Ägyptens und Persiens zur frühesten Geschichte
Europas am ausführlichsten gewürdigt. Möglichen Einflüssen aus dem
neolithischen bis bronzezeitlichen Ostasien wird dagegen von weiten
Kreisen innerhalb der archäologischen Disziplinen kaum mehr Bedeutung
beigemessen, als dies in den frühen römischen Aufzeichnungen über das
Reich der Mitte der Fall ist. Seit einigen Jahrzehnten bringen die
Untersuchungen zu den verschiedenen sog. Seidenstrassen zwischen Ost
und West neue Erkenntnisse zur materiellen Kultur, zur Kunst- und
Religionsgeschichte, sowie in jüngerer Zeit zu den Lebensumständen der
Bevölkerungen zwischen Ostasien und dem Abendland3.
Der Höchststand der Eisen- und Stahlverarbeitung kam vom Beginn
der regional abweichend einsetzenden Eisenzeiten bis ins 19. Jahrhundert
an Blankwaffen zutage. Unter diesen wiederum hatte das – aus dem
zweischneidigen Dolch hervorgegangene – Schwert in den meisten
Kulturen von Europa bis Ostasien bereits seit der Bronzezeit nicht nur
unter metallurgischen Gesichtpunkten eine Sonderrolle inne. Es braucht
vor einem Fachpublikum kaum zum x-ten Male wiederholt zu werden, dass
nicht
nur
an
Langschwertklingen
japanische,
sondern
widersprüchliche
auch
mechanische
an
europäische
Anforderungen
gestellt werden mussten. Ihre Bedeutung für die Kulturgeschichte reichte
immer weit über diejenige eines bloßen Tötungsinstruments hinaus. Eine
erste, skizzenhafte alphabetische Aufzählung von Disziplinen, die für eine
umfassende internationale Klingenforschung von Belang sind, erscheint
dennoch angebracht:
Anthropologie:
Untersuchungen
zur
Blankwaffen
an
Knochenfunden;
Veränderungen
2
Wirkungsweise
archäologischen
Untersuchungen
im
von
Knochenbau,
die
zu
auf
Tredwell, W.R.: Chinese Art Motives Interpreted (London 1915), S. 5.
S. zuletzt: Wieczorek, A./ Lind, Chr. (Hrsg.) Ursprünge der Seidenstrasse - Mannheim, Reiss-EngelhornMuseum - Sensationalle Neufunde aus Xinjiang, China. Katalog (Berlin/Mannheim 2007/08).
3
3
regelmäßigen
Umgang
mit
Klingenwaffen
schließen lassen.
Archäologie:
Ausgrabung, Dokumentation, Auswertung und
typologische Gliederung von Funden mit Bezug
zur
Klingenkunde,
unter
Einbeziehung
des
japanischen Begutachtungssystems.
Astronomiegeschichte:
Untersuchungen
zum
epochenübergreifend
(zumindest seit der Bronzezeit in Europa und
Asien)
nachweisbaren
Blankwaffen
und
Bezug
zwischen
Astraldarstellungen
(auf
Klingen, Montierung und Zubehör).
Fechtkunst:
Praktische
sind
die
Rekonstruktionen
Voraussetzung
zur
für
Anwendung
jede
Studie
zu
Blankwaffen mit einem Anspruch an über rein
formale und technologische Erkenntnisse hinaus
reichendes Verständnis.
Geschichtswissenschaften: Auswertung von historischen Quellen zur
Beschaffenheit
und
Anwendung,
sowie
zur
Bedeutung und dem Ansehen des Schwertes in der
jeweiligen Kultur und Epoche.
Japanische Klingenkunde:
Anwendung
Kantei-Systematik
der
und
Anpassung derselben an die Gegebenheiten im
Zusammenhang
europäischer
mit
der
Schwerter
Beschreibung
aus
verschiedenen
Epochen.
Kunstgeschichte:
Montierungen
Einflüssen
stärker
und
verschiedener
unterworfen,
kunstgeschichtliche
Gefäße
Schwertgehänge
und
„Moden“
als
die
Methode
Gehänge
und
deutlich
Klingen.
lässt
sind
sich
somit
Die
auf
auch
nutzbringend für die Ermittlung der Laufzeit
verschiedener Klingentypen anwenden.
Literaturwissenschaft: Philologische Untersuchungen zur Bewaffnung
des Mittelalters liegen recht zahlreich vor und
verschaffen ein gutes Bild vom Ansehen der
Klingen bspw. im mittelalterlichen Skandinavien.
Materialkunde:
Elementanalysen
Lagerstätten
als
können
Ursprung
dazu
für
beitragen,
bestimmte
Klingenstähle zu isolieren. Metallographische
4
Analysen
an
ansonsten
kaum
auswertbaren
Klingen liefern Ergebnisse zu Wärmebehandlung
und konstruktivem Aufbau.
Philosophie:
Untersuchungen zu den der Anwendung von
Waffen zugrunde liegenden weltanschaulichen
Systemen
in
verschiedenen
Kulturen.
Als
Beispiele dienen Auffassungen von kriegerischer
Ethik in China, Japan, Indien und Persien, sowie
entsprechende Kulturphänomene innerhalb des
„christlichen“ Rittertums in Europa.
Praktische
Schmiede-
und
Oberflächentechnik:
Praktische
Rekonstruktionsversuche helfen, das Spektrum
der Fähigkeiten früher Berg- und Hüttenleute,
Schmiede,
Schleifer
und
Polierer
besser
einzuordnen.
Psychologie bis Neurophysiologie: Erhellen grundlegender Prinzipien für
den effektiven Umgang mit dem Schwert auf der
Ebene der Psyche. Untersuchungen zum Potential
intuitiver Wahrnehmung, das sich beim Fechten
immer konkret auswirkt.
Religionswissenschaft: Eng verflochten mit der Philosophie; allerdings
bietet die Erforschung der Rolle des Schwertes
allein im christlichen Kontext schon ausreichend
Stoff für umfangreiche Studien.
Sprachwissenschaft:
Vergleichende
Terminologie
Studien
von
zur
internationalen
Blankwaffen,
zu
ihrer
Etymologie, Ausbreitung etc..
Vergleichende Mythenforschung: Religionswissenschaft im weiteren Sinne.
Untersuchungen zur Bedeutung des Schwertes im
Mythos verschiedener Kulturen.
Freilich gehen die Disziplinen, die oben abrissartig als Grundlage für
eine internationale Klingenkunde aufgeführt sind, in manchen Fällen
nahtlos ineinander über und könnten als Teilbereiche der Historischen
Waffenkunde zusammengefasst werden. Ein Problem ergibt sich dann
allerdings insofern, als allein schon mit der Nennung des Begriffs
„Waffe“, geschweige denn dem der „Waffenkunde“ auf den akademischen
Feldern im deutschsprachigen Raum offenbar kein Blumentopf mehr zu
gewinnen
ist.
Das
gegenwärtige
Ausklammern
eines
wesentlichen
5
Forschungsbereichs nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ grenzt
nach
Aussagen
„Militaristen“
renommierter
Militärhistoriker
gleichzusetzen
sind)
(die
bereits
eben
nicht
an
mit
bewußte
Geschichtsfälschung.
Seit der Frühzeit des Menschen war die Waffentechnologie ein
Bestandteil seiner Kultur, der sich meist schneller und weiter ausbreitete,
als weniger tödliche Errungenschaften. Daran hat sich bis heute so
erschreckend wenig geändert, dass immer noch Hoffnung bestehen muss,
durch gründliche Untersuchungen zur Geschichte und zum Fortbestehen
dieses Teufelskreises, denselben irgendwann einmal durchbrechen zu
können. Ein grundlegender Unterschied zwischen einem nicht allzu fernen
damals und heute besteht in der Auffassung von und dem Umgang mit dieser
Technologie. Der hohe Stellenwert des internationalen Waffenhandels
als
Wirtschaftsfaktor
in
modernen
Gesellschaften
mit
hohen
moralischen und pazifistischen – u. a. christlichen - Ansprüchen spricht in
diesem Kontext eine deutliche Sprache. Wie ihre rapide zurückgehende
Rezeption in der Gegenwart aufzeigt, trägt jedwede historische Forschung
ohne konkrete Bezüge zur Gegenwart nur weiter zu ihrer Isolation und
letztlich zur Schließung der, von einer medial übersättigten Mehrheit als
akademische Elfenbeintürme empfundenen, Fachinstitute bei. An dieser
Stelle nur so viel zu einem Ausgangspunkt für vergleichende Forschungen
zu einem symbolträchtigen High-Tech-Produkt der Vergangenheit.
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