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Manuskript - SWR

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SWR2 Wissen – Manuskriptdienst
Betriebswirtschaft im Krankenhaus – Was hat der Patient davon?
Autor: Horst Gross
Redaktion: Detlef Clas
Regie: Andrea Leclerque
Sendung: Montag, 3. Februar 2014, 8:30 Uhr, SWR2 Wissen
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Dieses Manuskript enthält Textpassagen in [Klammern], die aus Zeitgründen in
der ausgestrahlten Sendung gekürzt wurden.
1
MANUSKRIPT
Cut 1: Patient
Ich muss schon sagen, ich erwarte schon, wenn ich zu einem Arzt gehe, erwarte ich,
dass er eben sich um meine persönlichen Probleme kümmert in diesem Augenblick,
und dass ich dann auch entsprechend betreut werde. Und diese Betreuung war eben
auch nicht da.
Atmo 1 Krankengymnastik
Sprecher
Mit schwerwiegenden Folgen für den Berliner Patienten Peter D1. Mehrfach in der
Woche muss er jetzt zur Krankengymnastik. Sein rechter Fuß ist gelähmt. Das Resultat
einer nachlässigen, medizinischen Versorgung im Krankenhaus. Dabei hat es eher
harmlos angefangen.
Cut 2: Patient
Also ich hab Beschwerden in der Wadenmuskulatur gehabt, mit einer Schwellung.
Sprecher
Dass sich dahinter eine bedrohliche Blutung im Unterschenkel verbarg, hat der Arzt in
der Ersten Hilfe glatt übersehen. Ein wichtiger Nerv im Unterschenkel wurde
abgequetscht. Mit einer schnellen körperlichen Untersuchung hätte sich die Gefahr
erkennen lassen. Stattdessen …
Cut 3: Patient
Der Arzt hat sich nicht groß um mich gekümmert. Weil, er hat am PC gesessen. Außer,
dass er zweimal seine Hände auf meine Wade gelegt hat, hat er am PC gesessen. Da
konnte ich sehen, wie er verschiedene Fälle, die er in seiner Schicht hatte, am PC
bearbeitete.
Sprecher
Die richtige Diagnose kam dann zu spät.
Cut 4: Patient
Die gesundheitlichen Konsequenzen sind die, dass ich momentan eine Lähmung habe.
Ansonsten steht nächstes Jahr eine weitere OP an, um eine Transplantation des
Nerven zu machen.
Sprecher
Aber wer hat nun Schuld an einer solchen medizinischen Panne? Liegt hier ein
individuelles Versagen des Arztes vor oder ist es vielleicht der zunehmende
wirtschaftliche Druck in den Kliniken, der solche Fehler provoziert.
Ansage
Betriebswirtschaft im Krankenhaus –
Was hat der Patient davon?
Eine Sendung von Horst Gross [Aussprache Groß]
1
Name abgeändert.
2
Sprecher
In einem Krankenhaus lustlos und oberflächlich abgefertigt zu werden, ist mittlerweile
keine Seltenheit mehr. Unabhängige Beratungsstellen, wie die Deutsche Gesellschaft
für Patienten und Versicherte2, kurz DGVP, mit Sitz in Augsburg sind Anlaufpunkte für
solche Patientenbeschwerden.
Atmo 2 Beratungszentrum - Candidus am Telefon [zuerst kurz stehen lassen und dann
als Atmo unter dem folgenden Text laufen lassen]
Ja, hier Candidus. Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten. Einen
wunderschönen guten Tag. Welches Problem haben sie denn bitte? … Also ich kann
ihnen in diesem Fall nur raten nicht zum Rechtsanwalt zu gehen, sondern mit den
Medizinern deutlich ins Gespräch gehen. Hart ins Gespräch gehen…
Sprecher
Wolfram-Arnim Candidus, Vorsitzender der DGVP3, lernt bei seinen zahlreichen
Beratungsgesprächen auch die Hintergründe solcher Behandlungsfehler kennen.
Cut 5: Candidus
Ich weiß aus den Gesprächen, die wir mit vielen Patienten haben, dass eben die
Zuwendung immer geringer wird, aufgrund des Zeitdrucks, aufgrund des
Leistungsdrucks, des Personalmangels in der Klinik und der ökonomischen Aspekte,
die dort sind. Und dann wird der Bürger gar nicht mehr oder der Patient individuell mit
seinen Problemen angesehen, sondern wird einfach wie eine Nummer abgewickelt.
Sprecher
Denn zunehmend bestimmen die Zwänge der Krankenhausorganisation den
Behandlungsablauf.
Cut 6: Candidus
Das typische bei den Bürgern, die anrufen, ist, dass die sich gewundert haben, dass sie
so schnell aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Dann noch an einem Freitag
möglicherweise, bei dem sie dann keinen ambulanten Arzt mehr gefunden haben. Ob
sie jemanden zuhause haben, der sie auch betreuen kann, wenn sie entlassen werden,
das interessiert gar nicht bei dem Entlassungsvorgang. Und dann fallen die Leute
letztendlich in ein tiefes Loch in der Versorgung. Das gilt nicht nur medizinisch, sondern
auch für die Haushaltsversorgung.
Sprecher
Noch vor einigen Jahren hätte man solche Patienten einfach ein paar Tage später
entlassen. Doch das geht nun nicht mehr. Der Grund ist eine politische Entscheidung,
die weitgehend unbeachtet von der breiten Öffentlichkeit, am 8. Dezember 2003 im
Deutschen Bundestag getroffen wurde.
Atmo 3 Bundestag - Beifall unter Folgetext
2
3
http://www.dgvp.de
http://dgvp.de/2012/cms/upload/Darstellungen_pdf_2012/Lebenslufe/Lebenslauf_Candidus_DGVP_2013.pdf
3
Sprecher
Im Rahmen einer Routinesitzung wurde ein Gesetz durchgewunken, das regelt, wie
Krankenhäuser in Zukunft ihre Kosten abrechnen.
[O-Ton Vollmer als Atmo unter Vortext starten]
Cut 7: Bundestagspräsidentin Vollmer4
… Ich rufe auf die Tagesordnungspunkte 20 A und 20 B. Zweite und dritte Beratung der
eingebrachten Gesetzentwürfe zur Einführung des diagnoseorientierten
Fallpauschalensystems für Krankenhäuser.…
[Im Hintergrund Cut 7 weiter als Atmo laufen lassen.]
Sprecher
Doch das Gesetz, das der damaligen Bundestagspräsidentin Antje Vollmer so schwer
über die Lippen ging, hat es in sich. Der Teufel steckt im Detail. Nicht mehr die Dauer
der Krankenhausbehandlung wird bezahlt. Jetzt gibt es das Geld als Pauschale. Je
schneller und effektiver die "Fälle" abgearbeitet werden, umso besser steht das
Krankenhaus später wirtschaftlich da. Denn ab sofort dürfen auch Gewinne erzielt
werden. Unsere Kliniken sind so unversehens zu Unternehmen geworden. Mit
betriebswirtschaftlichen Methoden werden sie jetzt auf Trapp gebracht.
Ein Ansatz, der zunehmend in die öffentliche Kritik gerät. Mit dem Einzug der
Betriebswirtschaft in unsere Kliniken hätten die sich in seelenlose Patientenfabriken
verwandelt. Für medizinische Pannen, wie die bei dem Berliner Patienten Peter D.
seien letztendlich die Betriebswirte verantwortlich, die zu viel Druck machen. Die
Wirtschaftlichkeit ist so zum Buhmann für Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem
geworden. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Denn die Betriebswirtschaft ist an
sich nichts Negatives.
Nur wenn Arbeitsabläufe optimal organisiert werden, sind sie auch effektiv. Und wie
nützlich die Betriebswirtschaftslehre sein kann, hat sie schon vor 100 Jahren bewiesen.
Als sie in Amerika das Licht der Welt erblickte.
ATMO 4 Musik und ATMO 5 Straßenkulisse New York ca. 1910 [zusammenmischen
und dann unter Folgetext]
Sprecher
Aus der Taufe gehoben wurde die Betriebswirtschaft nämlich in den USA. Genauer
gesagt im Jahr 19085. Das Auto war zwar schon erfunden, aber viel zu teuer. Noch
dominierten Pferdewagen. Da griff der Autokonstrukteur Henry Ford die Ideen eines
wissenschaftlichen Außenseiters auf: Frederick Winslow Taylor6 hatte eine Methode
entwickelt, mit der man die Produktivität in Betrieben um ein Vielfaches steigern kann.
Man muss die Arbeitsabläufe nur anhand wissenschaftlicher Kriterien 7 standardisieren.
Ford war der erste Fabrikant, der sich darauf einließ und tatsächlich: Taylors Konzept
funktionierte. 1908 lief das erste nach den Prinzipien der neuen wissenschaftlichen
4
Bundestagspräsidentin Antje Vollmer im Deutschen Bundestag am 8.12.03. Quelle:
Parlamentsfernsehen-Genehmigung angefragt
5
"1908: Die erste "Blechliesel" geht vom Band - WAS IST WAS." 2012. 6 Sep. 2013
<http://www.wasistwas.de/technik/die-themen/speziallandfahrzeuge/artikel/link//76be71a3f5/article/1908-die-erste-blechliesel-geht-vom-band.html>
6
"Frederick Winslow Taylor – Wikipedia." 2004. 6 Sep. 2013
<http://de.wikipedia.org/wiki/Frederick_Winslow_Taylor>
7
http://wps.pearsoncustom.com/wps/media/objects/2429/2487430/pdfs/taylor.pdf
4
Betriebsführung hergestellte Auto vom Band. Dieses T-Modell war unschlagbar
preiswert. Millionen Amerikaner stiegen vom Pferd aufs Automobil um. Die moderne
Betriebswirtschaft hatte vor einem Millionenpublikum ihre Leistungsfähigkeit bewiesen.
Atmo 4/5 mit Atmo 6 8 Autohupen [kombinieren und kurz hochziehen.]
Überblenden zu ATMO 7 Supermarkt
Sprecher
Und das gilt auch außerhalb der Industrie im Dienstleistungsbereich: Wer heute einen
Supermarkt betritt, erwartet zu Recht volle Regale, erschwingliche Preise und keine
lange Wartezeit an der Kasse. Alles soll wie am Schnürchen funktionieren. Aber ohne
die Betriebswirte, die im Hintergrund die Fäden ziehen, wäre das undenkbar. Taylors
Ideen - Arbeitsteilung, standardisierte Arbeitsabläufe und Qualitätssicherung durch das
Management - haben auch den Dienstleistungsbereich erobert und uns als Kunden viel
Nutzen gebracht.
Kurz Atmo 7 Supermarkt solo.
Sprecher
Und so fragte man sich: Könnten nicht auch unsere Kliniken von diesen Methoden
profitieren? Schließlich ist die Medizin ja auch eine Art Dienstleistung. Aber Medizin und
Betriebswirtschaft?
Cut 8 – 12: Thielscher
Es ist auch bei den Studierenden so, dass man zunächst einmal auf Ablehnung stößt.
Sprecher
Berichtet der Arzt und Ökonom Professor Christian Thielscher9 von der Hochschule für
Ökonomie & Management10 in Köln. Er versucht Medizinstudenten
betriebswirtschaftliches Denken nahe zu bringen.
Weiter Cut 8:
Ich frage die Studierenden immer als Erstes: Was verstehen sie unter Ökonomie. Und
eine Studentin, die antwortete mal mit somit vor der Brust verschränkten Armen und mit
so einem Abscheu in der Stimme: kaufen, verkaufen, Geld machen. Ich kann auch
verstehen, dass viele ärztliche Kollegen heute eine eher zurückhaltende Meinung der
Ökonomie gegenüber haben, weil die halt gewissermaßen nur den weniger schönen
Teil der Ökonomie in ihrem Alltag erleben.
Sprecher
Dinge wie Stellenstreichungen, Arbeitsverdichtung und Personalmangel. Außerdem
setzt man sich nicht unbedingt freiwillig betriebswirtschaftlichen beziehungsweise
ökonomischen Zwängen aus. Erst wirtschaftlicher Druck, die Angst vor der Pleite,
zwingt einen Betrieb dazu über die eigene Effizienz nachzudenken. Und mit den
Fallpauschalen hat es nun auch unsere Krankenhäuser erwischt. Auch sie müssen jetzt
8
Quelle: Freesound.com
"MEDIZIN UND ÖKONOMIE - Prof. Dr. Thielscher spricht in der ... - FOM." 2011. 6 Sep. 2013
<http://www.fom.de/aktuelles-storage/2009/medizin-und-oekonomie-prof-dr-thielscher-spricht-in-dervortragsreihe-medizin-21.html>
10
"FOM Hochschule | Studium neben dem Beruf." 2002. 6 Sep. 2013 <http://www.fom.de/>
9
5
ökonomisch denken. Betriebswirtschaftliches Handeln ist zuerst einmal ein neutrales
Instrument um Effizienz zu steigern.
[Cut 9: Thielscher
Eine Schere kann ein enorm praktisches Instrument sein. Wenn man sie richtig einsetzt.
Aber sie kann auch ganz gefährlich sein, wenn man sie falsch verwendet. Und so ist es
auch mit diesen ganzen betriebswirtschaftlichen Methoden. Natürlich ist das eine
Horrorvorstellung, dass die Patientenversorgung degradiert wird zu einer
Profitmaximierungsmaschine. Das wäre furchtbar und entspricht im Beispiel dem
schlechten Einsatz einer Schere.]
Sprecher
Aber soll man deshalb Ökonomie im Krankenhaus deshalb gleich ganz verdammen?
Immerhin kann betriebswirtschaftliches Denken dem Patienten auch nutzen. Gezeigt
hat sich das zum Beispiel bei der Einführung der sogenannten Schlüssellochchirurgie.
Statt Wochen müssen die Patienten jetzt nur noch Tage in der Klinik bleiben.
Operationen werden schonender durchgeführt und erfordern weniger Aufwand. Früher
zählten diese Aspekte kaum. Aber mit Einführung der Fallpauschalen bedeutet weniger
Zeit auch mehr Geld. Und genau dieser betriebswirtschaftliche Aspekt, hat der
Schlüssellochchirurgie zum Durchbruch verholfen. Auch wenn es darum geht, Patienten
der Ersten Hilfe nicht nur besser, sondern auch schneller zu versorgen.
Atmo 8 Ambulanz Anfahrt [kurz solo]
Sprecher
Wir sind in der Zentralen Notaufnahme der Asklepios Klinik Hamburg-Altona11...
Atmo 9 Hogan im Schockraum
Sprecher
… Gerade ist ein Notfall eingeliefert worden. Diagnose: Herzinfarkt. Dem Patienten geht
es offensichtlich schlecht. [Kalter Schweiß steht ihm auf der Stirn. Seine Haut ist
unnatürlich blass. Trotz starker Medikamente bleibt sein Brustschmerz quälend.] Der
ernste Blick der Notfallmedizinerin Barbara Hogan verharrt auf dem ÜberwachungsEKG. Jetzt heißt es keine Zeit verlieren.
Der Arzt ist sofort zur Stelle. Die Arbeitsabläufe sind so organisiert, dass nicht die
geringste Verzögerung entsteht.
Kurz Atmo 9 solo
Sprecher
Aber warum ist das eigentlich in der Ersten Hilfe nicht auch der Standard? In vielen
Kliniken lässt man die Patienten stundenlang warten, bis ein Arzt erscheint.
Weiter Atmo 9 Hogan im Schockraum
Sprecher
Barbara Hogan12, Leiterin der Zentralen Notaufnahme, ist dieses Problem seit Jahren
ein Dorn im Auge. Auf der Suche nach einer Lösung hat die Hamburger
Notfallmedizinerin einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen.
11
"Asklepios Klinik Altona." 2006. 6 Sep. 2013 <http://www.asklepios.com/altona/>
6
Cut 10: Hogan
Und das Besondere in unserer Klinik ist, dass hier wir die ersten Organisationsprozesse
aus der Wirtschaft übernommen haben.
Sprecher
Genauer gesagt aus der Automobilindustrie. Ende der achtziger Jahre ging es in
diesem Wirtschaftszweig bergab: Autos wurden immer schlechter und teurer. Toyota
ging schließlich als Gewinner aus der Krise hervor. Die Japaner setzten konsequent auf
Teamarbeit und Qualitätskontrolle. Mit dem von Toyota übernommenen LeanManagement-Konzept hat die Hamburger Notfallmedizinerin lange Wartezeiten in ihrer
Ersten Hilfe den Garaus gemacht.
Cut 11: Hogan
Stellen sie sich vor, sie sind Patient in unserer Notaufnahme und sie müssen plötzlich
nur noch 10 Minuten warten, bis sie sofort den Oberarzt sehen. Bis die Diagnostik
losgeht. Sie haben innerhalb von vier Stunden haben sie eine komplett
durchdiagnostizierte Erkrankung oder Verletzung. Mit entsprechender Therapie,
stationär oder ambulant. Ich sehe es ja hier bei uns. Die Patienten sind zufriedener. Wir
haben weniger Beschwerden, weil wir natürlich die Patienten viel schneller sehen.
Sprecher
Zwei Faktoren13 waren vorher für die quälend langen Wartezeiten verantwortlich: Die
Erste Hilfe hatte keinen eigenen Arzt. Für jeden Patienten musste der zuständige
Mediziner erst herbeitelefoniert werden. Nacht- und Wochenenddienste drückte man
gerne unerfahrenen Kollegen aufs Auge. Denen fehlt aber die entscheidende Routine.
Cut 12: Hogan
Ein junger Arzt wird ja immer an Labordiagnostik, ich sag mal eher 20 Parameter
abnehmen als nur vier. Ein junger Arzt wird sie eher von vorne und hinten und seitlich
Röntgen, als nur eine Aufnahme von vorne zum Beispiel. Ein junger Arzt wird eher ein
CT fahren, als einen Ultraschall machen zu können. Und das sind alles Dinge, die ein
erfahrener Arzt kann. Und deswegen kommt der erfahrene Arzt bei uns an den Beginn
der Prozesskette.
Sprecher
In der Ersten Hilfe ist jetzt rund um die Uhr immer ein mit allen üblichen Notfällen
vertrauter Arzt. Aber, das ist teuer. Zumindest auf den ersten Blick.
Betriebswirtschaftlich betrachtet, sieht es schon anders aus: Ein eigener Notfallarzt in
der Ersten Hilfe verkürzt nicht nur die Wartezeiten, er reduziert auch die Folgekosten in
der Klinik. Die Patienten landen nämlich ohne personalintensive Umwege dort, wo sie
am besten versorgt werden. Außerdem führt eine qualifiziertere Notfallbetreuung auch
zu weniger Behandlungsfehlern. Doch diese Erkenntnisse setzen sich nur langsam
durch. Nicht nur zum Leidwesen des Berliner Patienten Peter D. mit der
Nervenverletzung. Ihm wäre wahrscheinlich durch eine nach dem Lean-Konzept
optimierte Notfallversorgung die Lähmung erspart geblieben.
12
Hogan, Barbara, and Matthias Brachmann. "SWOT-Analyse einer zentralen Notaufnahme mit
Analyse der Erfolgspotentiale." Notfall+ Rettungsmedizin 12.4 (2009): 256-260.
13
Hogan, Barbara, Christoph Rasche, and Andrea Braun von Reinersdorff. "The First View Concept:
introduction of industrial flow techniques into emergency medicine organization." European Journal of
Emergency Medicine 19.3 (2012): 136-139.
7
Cut 13: Hogan
In dem Vergleich von 2008 zu 2010 beispielsweise konnten wir die Wartezeit von im
Schnitt 90 Minuten auf 15 Minuten reduzieren. Das bedeutet natürlich, dass wir nicht
nur die Wartezeit verringert haben, den Gesamtverlauf auch verkürzt haben. Das heißt,
wir können mit der gleichen Anzahl von Ärzten mehr Patienten in unserer zentralen
Notaufnahme versorgen.
Sprecher
Trotzdem: dass sich Kliniken in ihrem Ablauf an der Industrie orientieren, befremdet.
Schließlich geht es um Menschen, nicht um Werkstücke. Die Hamburger
Notfallmedizinerin Barbara Hogan.
Cut 14: Hogan
Die Adaption von Automobilindustrie auf die Gesundheitswirtschaft ist sicherlich eine
schwierige, das kann ich verstehen. Aber der Effekt, der dahinter ist, und dass man bei
Toyota eben in jedem Zwischenschritt guckt, ob ein Fehler passiert ist, damit das
Endprodukt dann gut vom Band geht. Wenn man das überträgt auf die Medizin,
sozusagen ist mein EKG in der richtigen Zeit abgeleitet worden, hat sofort jemand drauf
geguckt und nicht erst am Ende. Wo man dann vielleicht einen Herzinfarkt übersehen
hat. Das ist übertragbar.
Sprecher
Und mit Lean Management14 kann man nicht nur eine Krankenhausambulanz effektiver
gestalten. In Berlin will man gleich eine ganze Klinik nach diesem Konzept
umkrempeln15.
Atmo 10 Krankenhaustreppe Türen
Sprecher
Jörg Gottschalk16, Geschäftsführer der evangelischen Martin Luther Klinik.
Cut 15: Gottschalk
Hier sind wir in der Verwaltung des Martin Luther Krankenhauses. Wo wir auch einen
eigenen Raum, einen festen Raum, für das Lean Management eingerichtet haben. Von
hier aus werden dann halt die Projekte entwickelt und möglichst transparent auch
geführt.
Sprecher
Bisher überließ man die Organisation von Arbeitsabläufen eher dem Zufall. Leerlauf war
keine Seltenheit.
Cut 16: Gottschalk
Früher lagen Patienten drei Wochen hier im Krankenhaus. Nur die hatten auch viel Zeit.
In drei Wochen Liegezeit im Krankenhaus da passierte dann auch mal ein oder zwei
Tage fast nichts. Das sind Dinge, die sie sich heute nicht mehr leisten können. Sie
14
"Lean Management – Wikipedia." 2004. 6 Sep. 2013
<http://de.wikipedia.org/wiki/Lean_Management>
15
"Hospital; Krankenhaus; Lean Management; Organisation; Prozesse ..." 2012. 6 Sep. 2013
<http://joerggottschalk.wordpress.com/tag/hospital-krankenhaus-lean-management-organisationprozesse/>
16
"Jörg Gottschalk | Ökonom." 2012. 6 Sep. 2013 <http://www.joerggottschalk.de/>
8
müssen heute viel mehr darauf achten, dass Leistungen ineinandergreifen. Dass Arbeit
ineinandergreift. Dass sie nicht so viel suchen müssen, die Mitarbeiter. Nicht zu viel
warten müssen. Das sind alles Dinge, die sie heute nicht mehr machen können und die
auch nicht sein müssen.
Sprecher
Die aber in Deutschlands Kliniken immer noch üblich sind. Frustrierend auch für die
Mitarbeiter, die sich bei der Arbeit gegenseitig behindern. Und genau hier setzt das
Lean Management an.
Cut 17: Gottschalk
Also dass viele Dinge nicht gut funktionieren, das wissen die Mitarbeiter am ehesten.
Selbst wenn sie das nicht auf ihre eigene Arbeit beziehen, die sie natürlich in diesem
Rahmen so gut wie möglich machen, merken sie es spätestens bei den Andern. Ich
muss immer auf den Arzt warten. Ich muss immer auf Befunde warten. Ich muss immer
auf irgendetwas warten. Und wenn man diese Plattform schafft, wo sich diese
Beteiligten, dann endlich mal auch treffen, intensiv arbeiten, bekommen die das auch
von dem Andern mit. Warum ist das denn so, dass ich immer auf Befunde warten
muss? Was passiert bei den Anderen?
Sprecher
Im Team werden dann bessere, zeitsparende Arbeitsabläufe entwickelt. Die Akzeptanz
ist natürlich hoch, denn schließlich haben die Mitarbeiter hier ihre eigenen
Problemlösungen entwickelt.
[Doch am Anfang stieß Jörg Gottschalk mit seinem betriebswirtschaftlichen Konzept auf
viel Skepsis. Die Krankenhausmitarbeiter vermuteten getarnte Rationalisierung oder
plumpe Arbeitsverdichtung. Aber genau das will Lean Management eben nicht
Cut 18: Gottschalk
Verdichtung heißt ja: Ich mach dieselbe Arbeit nur viel mehr in der gleichen Zeit. Also
ich erhöhe einfach den Druck. Und was aber möglich ist, ein bisschen schwierig, aber
möglich ist, ist Arbeit wegzunehmen. Und das ist das zentrale Ziel. Nicht den Druck
erhöhen, sondern Arbeit, die völlig unnötig ist, einfach rauszunehmen. Wie viel in
Krankenhäusern noch kopiert wird, doppelt abgelegt wird. Wie oft man Patientenakten
suchen muss, weil die natürlich an vielen Stellen gleichzeitig gebraucht werden. Das
sind alles Zeitfresser sondergleichen. Und das alleine ist nur ein Teil dessen, was wir
sehen in den Organisationen.]
Sprecher
Noch ist die Berliner Klinik ein Modellprojekt. Ob man so mit der Konkurrenz mithalten
kann, bleibt offen. Die radikalere Alternative funktioniert dagegen immer: rabiate
Stellenstreichung, mit Vorliebe in der Krankenpflege. Denn die Pflege fällt dem neuen
Abrechnungssystems als erstes zum Opfer.
Atmo 11 OP-Geräusche und Atmo 12 Computertastatur [kombinieren].
Sprecher
Ärztliche Leistungen werden im Fallpauschalensystem zusätzlich einzeln erfasst. Jeder
Eingriff wird vom Arzt sofort als Zahlencode in den Computer eingegeben. Je mehr
dieser sogenannten Prozedurschlüssel anfallen, umso besser verdient die Klinik. Das
Pflegepersonal dagegen hat nichts zu verschlüsseln.
9
Cut 19: Isfort
Also die grundlegende Wirkung der Ökonomisierung im Krankenhaus liegt eigentlich
darin, dass wir durch das neue Abrechnungssystem eindeutig gekennzeichnet haben,
wer bringt Erlöse: Das ist die Medizin und auf der anderen Seite, wer bringt die Kosten?
Das sind Pflege als größte Berufsgruppe und auch die Therapieberufe, Physiotherapie,
Ergotherapie, Logopädie. Sie werden eher zur Kostenseite gerechnet.
Sprecher
Erklärt der Pflegewissenschaftler Professor Michael Isfort17 vom Deutschen Institut für
angewandte Pflegeforschung in Köln18. Dieses wirtschaftliche Kalkül führt zu einer
enormen Arbeitsbelastung in der Krankenpflege.
Cut 20: Isfort
Im internationalen Vergleich kann man ganz klar sagen liegt Deutschland mittlerweile
an der Spitze der Belastung. Das heißt, wir haben auf einer normalen Station pro
Pflegekraft in der Schicht ungefähr zehn Patienten zu versorgen. In anderen Ländern, in
Norwegen, sind es vier oder in der Schweiz sind es zum Beispiel sechs Patienten.
Sprecher
Aber, ab wann wird es mit diesen Personaleinsparungen für den Patienten gefährlich?
Eine heikle Frage, denn in deutschen Kliniken gibt es keine verbindlichen
Personalschlüssel, weder für Krankenstationen noch für Intensivabteilungen. Der
Gesetzgeber vertraut hier ganz auf die Vernunft der Betriebswirtschaftler in den
Kliniken. Doch genau dieses blinde Vertrauen wird von der Pflegewissenschaft kritisiert.
Cut 21: Isfort
Wir haben im letzten Jahr eine Studie auf Intensivstationen in Deutschland durchgeführt
und haben dort die Leitungskräfte, also die, die auch für die Qualität der Pflege
zuständig sind, die haben wir befragt, wie ist das und was ist bei euch vorgekommen in
diesem Jahr an kritischen Zwischenfällen....
Sprecher
Im Pflegethermometer 201219 sind die Resultate dieser bundesweiten Befragung
zusammengefasst.
Weiter Cut 21: Isfort
… Und dort haben wir gesehen, dass also eindeutig überall dort, wo eine schlechtere
Personalausstattung ist, die Risiken höher waren. Und es waren ganz wichtige Dinge
zum Beispiel, dass sich Patienten selber venöse Zugänge gezogen haben. Auch dass
Patienten aus dem Bett gestürzt sind. Das konnten wir auch nachweisen, dass das dort
überall deutlich schlechter ist, wo man eben weniger Personal in den Schichten einsetzt
und weniger Personal zur Verfügung hat. Also wir gehen ganz klar davon aus, dass wir
erhöhte Patientensicherheitsprobleme in Deutschland mittlerweile haben. Und, dass die
auch nicht mehr weggeredet werden können, sondern, dass man da tätig werden muss.
17
"Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V.: Aktuelles." 2005. 6 Sep. 2013
<http://www.dip.de/>
18
"Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V.: Prof. Dr ..." 2009. 6 Sep. 2013
<http://www.dip.de/personen/vorstand/dr-michael-isfort/>
19
"(dip): Pflegethermometer 2012 online - Katholischer Pflegeverband ..." 2013. 7 Sep. 2013
<http://www.kathpflegeverband.de/aktuelles/positionen/detailseite/browse/17/article/deutsches-institutfuer-pflegeforschung-dip-pflegethermometer-2012online.html?tx_ttnews%5BbackPid%5D=32&cHash=d9c01eb9875694da0b5f86fc96e9762e>
10
Atmo 13 Intensivstation mit Atmo 14 Beatmungsgerät kombinieren.
[Unter Cut Isfort starten, kurz Solo und dann unter folgenden Text auslaufen
lassen.]
Sprecher
Verbindliche Personalschlüssel für die Pflege wären eine Lösung. Doch noch zögert die
Politik. Der öffentliche Druck ist zu gering. Aber das muss nicht so bleiben, wie das
Beispiel Großbritannien zeigt. Dort berichten Angehörige 20 bereits im Fernsehen über
unglaubliche Zustände in den Krankenhäusern als Folge des Personalmangels.
Cut 22: britische Angehörige in BBC
After the first few days she stayed in that hospital I was to frightened to leave her
because of what I saw. There were patients walking around half undressed. Drinking
out of flower vases because they could not get fluids. Pain relief was a huge problem
even for my mother. Things I saw in that hospital will withhold me forever. [This should
never happen to us. Why has it taken so long for this to come out. We were telling
people fourteen month ago that this was going on. They could have saved so many
more people.]
Zitator [über Cut 22 legen]
Ich hatte einfach Angst meine Mutter alleine im Krankenhaus zu lassen. Da liefen halb
nackte Patienten herum und tranken die Blumenvasen leer, weil sie nicht genügend
Flüssigkeit bekommen hatten. Schmerztherapie wurde verweigert, auch bei meiner
Mutter. Was ich da gesehen habe, werde ich mein Leben lang nicht vergessen können.
[Das alles hätte niemals passieren dürfen. Warum hat es so lange gedauert, bis sie jetzt
etwas unternommen haben. So viele Patienten hätte man noch retten können.]
Sprecher
Das britische Gesundheitssystem muss wegen einer anstehenden Teilprivatisierung
massiv Personal einsparen. Mit schlimmen Konsequenzen, wie eine aktuelle Studie
zeigt: Etwa 1500 Patienten21 sterben jährlich aufgrund mangelhafter pflegerischer
Betreuung. Erst jetzt, im Frühjahr 2013, wird das auch zum politischen Skandal.
[Premierminister Cameron musste vor dem Parlament Farbe bekennen.
Cut 23: Cameron22
So I like to go further as prime minister and apologize to the families of all those how
suffered for the way the system allowed this horrific abuse to go unchecked and
unchallenged for so long. On behave of the government and indeed our country I am
truly sorry.
Zitator [über Cut 23 legen]
Als Premierminister muss ich mich bei den Familien entschuldigen, für das, was unser
Gesundheitssystem zugelassen hat. Für diese furchtbaren Misshandlungen, die erst so
spät bemerkt wurden. Im Namen der Regierung und im Namen unseres Landes kann
ich nur sagen: Es tut mir unendlich leid.]
20
Campaigner Julie Bailey - http---news.bbc.co.uk-2-hi-health-7948566.stm
http://www.nhs.uk/nhsengland/bruce-keogh-review/Pages/Overview.aspx
22
BBC Übertragung aus Parlament, YouTube
21
11
Sprecher
Krasse Zustände als Folge einer aus dem Ruder gelaufenen Ökonomisierung. Werden
wir in Deutschland demnächst Ähnliches erleben? Der Pflegewissenschaftler Michael
Isfort:
Cut 24: Isfort
Nein, solche Zustände glaube ich, sind nicht möglich. So was würde auffallen. Da
glaube ich kann man Entwarnung geben. Man darf auch keine Panik machen und jetzt
sagen: Um Gottes willen ich darf nie wieder in ein deutsches Krankenhaus. Nur unsere
Beobachtung ist eben, dass es wirklich besser ginge, dass es auch besser möglich
wäre und dass dort im Moment nicht das angeboten wird, was man machen könnte.
Sprecher
Schuld daran ist allerdings nicht die Ökonomie, sondern die Politik. Sie bestimmt in
Deutschland die Höhe der Fallpauschalen und damit die wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen. Für die konkreten Folgen der Pauschalen auf die Krankenpflege
hat man sich bisher allerdings kaum interessiert. Bernhard Braun, Spezialist für
medizinische Versorgungsforschung an der Universität Bremen findet, dass es in
Deutschland zu dem Thema keine vernünftige Diskussion gibt,...
Cut 25: Braun
Weil es in Deutschland unter anderem dazu auch keine halbwegs seriöse Forschung
gibt. Ab wann wird es eigentlich kritisch, bei welcher Menge von Patienten pro
Pflegekraft wird es wirklich kritisch. Sondern im Gegenteil es gibt den Abbau von zig
Tausend Arbeitsstellen für Pflegekräfte, ohne eigentlich darüber nachzudenken: Hat
das jetzt möglicherweise Folgen. Oder wenn man nachgedacht hat, dann hat man es
nicht untersucht. Sondern hat, weil dieser Abbau quasi auch ein politisches Ziel war, es
so weiterlaufen lassen.
Sprecher
Die Betriebswirte in den Klinikleitungen werden also mit Fragestellungen alleine
gelassen, die sie eigentlich überfordern.
Cut 26: Braun
Da fängt dann das Problem an, und zwar deswegen, weil es im Ausland, wo eben
neben den Betriebswirten für die Qualität auch Gesundheitswissenschaftler und
Versorgungsforscher verantwortlich sind. Im Ausland gibt es diese Untersuchungen.
Und die weisen eindeutig nach, mit einer einzigen Ausnahme unter 40 großen Studien,
die seit 2000 dazu gemacht worden sind. Die weisen nach, dass das Überschreiten
einer bestimmten Menge von Patienten pro Pflegekraft und pro Arzt zu massiv
unerwünschten Ergebnissen führt: vom Tod bis zu Infektionen und weiteren Dingen.
Atmo 15 Hausarztpraxis [unter Sprechertext legen]
Sprecher
Und so fällt die Bilanz nach zehn Jahren Fallpauschalen und Betriebswirtschaft in
Deutschlands Krankenhäusern zwiespältig aus. Vieles läuft besser, schneller und
effizienter. Einiges aber fällt offenbar auch aus dem Rahmen. Am intensivsten spüren
das die Hausärzte. Sie sind es, die Patienten in die Klinik einweisen und die Nachsorge
betreuen.
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Atmo 15 kurz solo Arztpraxis und weiter unter Cut 27 und 28]
Cut 27: Papen
Mein Name ist Andrea von Papen. Ich bin Allgemeinärztin. Übersetzt heißt das
Hausärztin in Berlin Wilmersdorf.
Sprecher
Auch die Berliner Ärztin bemängelt, dass ihre Patienten im Krankenhaus zunehmend
oberflächlich behandelt werden. Ein typischer Fall aus ihrer Praxis. Bei einer Patientin
wurde ein wichtiger Blutwert einfach ignoriert.
Cut 28: Papen
Also ich hab da zum Beispiel eine Patientin mal eingewiesen, eine ältere Dame in den
siebziger Jahren. Und die hatte einfach Luftnot. Die hatte eine bekannte
Herzinsuffizienz. Und das war ziemlich akut. Dort wurde sie hoch dosiert mit Diuretikum
entwässert. Es wurde bei der Aufnahme ein HB gemacht von neun. Also es ist eine
Blutarmut wie man übersetzt sagt. Da wurde aber gar nicht drauf eingegangen. Es
wurde einfach übergangen. Und mit der Konsequenz, dass sie ein paar Tage später
erneut eingewiesen wurde und deutlich länger auch bleiben musste.
Sprecher
Aber warum hat die Klinik die Begleiterkrankung der Frau ignoriert? Der Hausärztin
drängt sich da ein unschöner Verdacht auf.
Cut 29: Papen
Wenn ich jetzt ganz böse bin, würde ich denken: Das eine älterer Patientin mit einer
Herzinsuffizienz und Luftnot sozusagen "eine schnelle Nummer” ist. Man gibt ihr ein
paar Tage ein bisschen Diuretikum, das sie entwässert. Dann ist die Lunge wieder frei.
Sie kriegt gut Luft. Und dann geht sie auch schnell wieder nach Hause. Weil ich denke
es bringt nicht so wahnsinnig viel Geld, wenn man da jetzt länger schaut und die
Liegedauer verlängert ist.
Sprecher
[Und auch dem persönlichen Klima im Krankenhaus ist die all zu flotte Ökonomisierung
nicht gut bekommen.
Cut 30: Papen
Aber insgesamt ist die Situation in den Kliniken stressiger. Man merkt einfach eine
gewisse Unruhe, so erzählen die Patienten. Es muss alles schnell gehen. Zackzack.
Und das Personal ist ungeduldiger und nicht so freundlich scheint's. Also ich hab schon
den Eindruck, dass die Patienten früher umhegter waren, sage ich einfach mal. Und
auch zufriedener.]
Sprecher
Dass wirtschaftlicher Druck im Krankenhaus problematisch sein kann, das war schon
bei der Einführung der Fallpauschalen diskutiert worden. Aber schließlich gibt es ja
noch die Verantwortung des Arztes. Der ist in seinem Handeln nur dem Wohl des
Patienten verpflichtet. Die Krankenhausärzte würden übereifrige Geschäftsführer schon
in die Schranken weisen. Ein frommer Wunsch, findet der Freiburger Professor für Ethik
der Medizin, Giovanni Maio.
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Cut 31: Maio
Also Geschäftsführer machen keine Vorschriften, aber sie bestrafen eben die Ärzte, die
nicht gute Zahlen am Ende haben. Also überlegen die Ärzte dann, was können sie
machen, damit die Zahlen besser werden. Und ich finde, dass das gefährlich ist. Ich
finde die Ärzte müssen ihren sozialen Auftrag wahrnehmen und Patienten behandeln.
Und dabei natürlich mit einem Aufwand behandeln, der nicht über Gebühr ist. Aber sie
dürfen in ihren Therapieentscheidungen sich nicht leiten lassen, von der Überlegung, ob
ich die Zielvereinbarung erreichen werde oder nicht.
Sprecher
Maio sieht sogar einen direkten Gegensatz zwischen einem verantwortungsvollen
ärztlichen Handeln und dem Anspruch, den die Wirtschaftlichkeit durch die von der
Politik vorgegebenen Rahmenbedingungen an unsere Krankenhausärzte stellen muss.
Cut 32: Maio
Aber wir haben zugleich natürlich ein System, das einseitig auf das handwerklich
Technische setzt und nur die Ärzte belohnt, die schnelle Entscheidungen fällen und die
im Grunde eine Fallzahlsteigerung erwirken können. Und die Ärzte, die sehr
gewissenhaft sind. Die noch mal überlegen. Die viel investieren in eine
Entscheidungsfindung mit dem Patienten, diese Ärzte, die werden heute eher bestraft.
Sprecher
Und so steht die Medizin heute, zehn Jahre nach Einführung der Fallpauschalen an
einem Scheideweg. Gelingt es die gefährlichen Tendenzen durch Einsparungen zu
stoppen? Und fällt dann die betriebswirtschaftliche Bilanz noch positiv aus, weil sie uns
eine bessere und leistungsfähigere Medizin gebracht hat? Oder siegt am Ende der
Kommerz und immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen in unsere
Krankenhausmedizin. Giovanni Maio, der Freiburger Medizinethiker, sieht hier die
Politik in der Pflicht.
Cut 33: Maio
Wenn wir nicht der Medizin vertrauen könnten, wären wir im Grunde in einer
ausweglosen Situation. Weil wir von heute auf morgen, plötzlich angewiesen sein
könnten auf die Hilfe einer anderen Person. Und wenn wir dieser Person, auf deren
Hilfe wir angewiesen wären, nicht blind vertrauen könnetn. Dann wären wir in einer
nicht beneidenswerten Lage. Daher ist das ein öffentliches Gut, dass die Medizin eine
vertrauenswürdige Disziplin bleibt.
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Seele and Geist
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