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Man ist, was man trägt

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II THEMA
SAM STA G , 31 . J U LI 2 010
D
Der junge King im T-Shirt
Das war Elvis, wie ihn seine Fans
am liebsten in Erinnerung haben:
der junge Rock ’n’ Roller, hier
bei seiner Stellung für die USArmy in Jahr 1958. Das T-Shirt
ist eng mit der Geschichte des
Rock verbunden, es wurde eine
seiner Ausdrucksformen.
Bild: SN/GETTY IMAGES
Bild: SN/UPI
Einfach genial: Nur wenige
Stunden nach dem nicht gegebenen Tor der Engländer gegen
die Deutschen bei der FußballWM konnte man sich diese Botschaft auf das T-Shirt drucken
lassen: Ein paar Striche, ein
Punkt und der
Spruch „Der
war niemals
drin“ versprachen dem Träger des so verzierten Leibchens
die Aufmerksamkeit seiner
Mitmenschen. Ein Heer an
Kreativen, so scheint es, brütet
Tag und Nacht über möglichen
Motiven und verbrät aktuelle
Ereignisse zu originellen Bildern und Sprüchen.
Bedeutung und Geschichte
des T-Shirts und seines Ausgangsmaterials, der Baumwolle
– alles darüber im Themenschwerpunkt von Ronald und
Elisabeth Escher.
Schönes Wochenende!
Filmgott James Dean
Auch James Dean gehört zum
Mythos des „schnellen Lebens,
heftigen Liebens und jungen
Sterbens“. Er war ein Adonis in
rebellischen Zeiten: Mit schnittigem Sportwagen, der abgewohnten Lederjacke, weißem
Shirt und gelangweiltem Blick.
Marlon Brando, der „Wilde“
In Elia Kazans Verfilmung von
Tennessee Williams „Endstation
Sehnsucht“ wurde Marlon Brando zum Inbegriff des Machos
zwischen Sex und Aggressivität.
Das verschwitzte T-Shirt unterstrich das Animalisch-Arrogante
dieses Antihelden.
Rolling-Stones-Sänger
Mick
Jagger – ein geschichtsträchtiger Moment: „Das Erste, was
einem an ihm auffällt, sind die
Größe seines Mundes und seiner Lippen.“ Pasche entwarf
eines der berühmtesten Rocklogos aller Zeiten, „The Tongue“ (Zunge).
1971 zierte sie das Album „Sticky
Fingers“, und von da an war
kein Halten mehr. Als
die Stones 1995 durch
die Welt tourten und 4,5
Millionen Fans beglückten, gaben diese 70 Millionen Dollar für Fanartikel aus –
75 Prozent davon
kamen
allein
durch T-Shirt-Verkäufe herein.
In den 80erJahren wurde
der Krypto-Sex
des T-Shirts öffentlich: Die
Homo-Szene steckte den
im Fitnessstudio gestylten
Prachtkörper in T-Shirts,
die drei Nummern zu klein
sein mussten, um jedes
Muskelspiel zu zeigen.
Auf der anderen Seite
kam das „Girlie Shirt“, das ebenfalls
so knapp sein musste, dass die Rundungen betont wurden. Noch ein Stück
weiter trieb es der Punk Mitte der 80er-
„Emanzipiertes“ T-Shirt
Brigitte Bardot, Jean Seberg und
Marilyn Monroe waren die ersten
Filmschauspielerinnen, die in die
bislang männlich dominierte
Sphäre des T-Shirts eindrangen
und damit auch eine für viele
Frauen interessante Ausdrucksform von Erotik fanden.
Info: Wer sich erschöpfend über das
kultige Kleidungsstück informieren will,
kann dies mit dem Standardwerk T-Shirt
von Charlotte Brunel, erschienen im Christian
Brandstätter Verlag ( Wien 2002), tun.
Bild: SN/STILLS PRESS
NORBERT LUBLASSER
Man ist,
was man
trägt
Bild: SN/LES ARCHIVES DE 7. ART
Ein Punkt und
ein paar Striche
Bild: SN/WARNER BROS
ZUM Inhalt
ie Geschichte des T-Shirts
ist Teil der Geschichte des
20. Jahrhunderts und hat,
wie so vieles, mit Kriegen
und Kriegern zu tun. Im Jahr
1913 fand eine erste Version des TShirts mit kurzen Ärmeln und
Rundkragen Eingang in die USMarine. Dass man in England bereits um 1850 ein kurzärmeliges Leinenhemd kannte, das Dienstpersonal
zur „Tea Time“ ihrer Herrschaften tragen
durfte (wegen der Teeflecken), und das
man deshalb „Tea Shirt“ nannte, zählen
Historiker eher zum Kreis der Legenden.
Einen ersten Boom erlebte der Vorläufer
des heutigen T-Shirts durch drei Umstände: War dieses noch sehr lang Unterhemd
in prüden Zeiten zunächst zu den „Unaussprechlichen“ gezählt worden, die man keinesfalls zeigen durfte, griffen nun neue Hygienevorstellungen Platz. Zum Zweiten
löste die Baumwolle weitgehend die Wolle
als Ausgangsprodukt ab. Und zum Dritten
war die Erfindung der Cottonmaschine,
die das Rundwirken ermöglichte, ein revolutionärer Schub. 1930 brachte der Unterwäschefabrikant Hanes (später: Fruit of
the Loom) ein T-Shirt auf den Markt, die
US-Army entwickelte 1941 eine neue Version, und mit den siegreichen Soldaten kam
das T-Shirt wie Kaugummi und Nylonstrümpfe nach Europa. Zunächst in strahlendem Weiß.
Als die Krieger heimkehrten, rissen ihre
Söhne das T-Shirt an sich. Gerade weil es
in den 50er-Jahren noch einen Tabubruch
darstellte und als proletarisch galt, sich außerhalb der eigenen vier Wände im T-Shirt
zu zeigen, wurde es für die „Rebellen“ ein
unverzichtbares Accessoire zu Jeans und
Lederjacke.
Nun erreichte das T-Shirt auch die Kultur: Hollywoodstar Marlon Brando trug eines im Kultfilm „Endstation Sehnsucht“
(1951), James Dean in „. . . denn sie wissen
nicht, was sie tun“ (1955), und am Broadway fand das weiße Shirt in „West Side
Story“ Eingang in die Hochkultur. Kein
Wunder, dass das T-Shirt bald die Geschlechtergrenzen überschritt: Brigitte Bardot trug kess eines in
„Babette zieht in den
Krieg“, Jean Seberg in
„Außer Atem“.
Doch das „klassische
Weiße“ wurde bald vom Farbenknall der „Flower Power“Generation in den 60er-Jahren
abgelöst – denn nirgends ließen
sich politische Botschaften besser applizieren als auf diesem
„unbeschriebenem Blatt“. Es
kam die Zeit der Logos: Das
„Peace“-Zeichen, der „Woodstock-Vogel“, die Aufschrift „Make Love
Not War“, das Anti-Atomenergie-Logo,
und natürlich: die Rockmusik. Das T-Shirt
mit Bandnamen, Bandlogo, Musikerbildern, Auftrittsorten und kleinen oder größeren Provokationen, ja Obszönitäten
wurde fast so wichtig wie die Musik selbst.
Das T-Shirt als Symbol individueller Freiheit, als Erkennungszeichen der Fans untereinander – und als neue Einnahmequelle für die Musiker – entstand.
Der Grafiker John Pasche traf 1970 den
Jahre: Fetischismus und Pornografie, zerrissene, ihrer kurzen Ärmel beraubte TShirts, mit Sicherheitsnadeln zusammengeklammert.
Während die Werbefachleute schon
längst entdeckt hatten, dass sich für ihre
auf T-Shirts gedruckten Produkte kostenlose Werbeträger anboten (die Biermarke
„Budweiser“ war die Erste, die dies nutzte), wurde das simple Hemd in künstlerischem Design zum Kultartikel, und schon
gar, als sich Couturiers von Montana bis
Yves Saint-Laurent seiner annahmen.
Während T-Shirts in China für 20 Cent das
Stück erzeugt wurden, legten wahre Modefreaks 125 Euro für ein Shirt mit dem simplen Slogan „J’adore Dior“ ab. Die Auflage
wurde begrenzt, was den Wert natürlich
hob. Und wer wollte nicht lieber ein weißes T-Shirt von Armani um 50 Euro als
zwei Stück um zwei Euro von Fruit of the
Loom?
Selbst die Revolution wurde kommerziell: Millionenfach ging und geht das Porträt des kubanischen Guerillahelden Che
Guevara auf T-Shirts über die Ladentische.
Nicht zuletzt dadurch wurde der Revolutionär zur Ikone.
Immer wieder unterstrichen Rockmusiker ihr Image durch die Wahl bestimmter
T-Shirts: Madonna mit schrillen Outfits ihre „Femme fatale“, Bruce Springsteen mit
seinem braven weißen Ripp den ehrlichen
Kerl. Für Surfer und solche, die es nie werden durften, ist das Tragen des passenden
T-Shirt schon der halbe „Swell“.
Klar, dass auch der Tourismus einstieg:
„I love NY“, 1976 für New York entworfen, wurde zu einer Ikone
Amerikas und auf der ganzen Welt kopiert, unter
Einsetzen der jeweiligen
Stadt.
Dass sich auch Humor
auf dem T-Shirt austoben
kann, beweisen „Verfremdungen“ von Markenslogans und Logos: Da wurde etwa aus „Enjoy
Coke“ ein „Enjoy Cocaine“; aus
McDonald’s wurde „McLenin’s“,
aus „Adidas“ ließ sich „Adihash“
formen, und das edle Lacoste wurde zu „Lakotz“ (mit einem Krokodil, dem speiübel ist).
Ernster nehmen es Sammler: Für sie ist
„Vintage“, das jahrzehntealte, gebrauchte
T-Shirt, das Höchste. Wer zu Internetauktionen geht, der könnte sich mit einem Beatles-T-Shirt – die „Yellow Submarine“-Comicfiguren auf verwaschenem Rosa – um
1000 Dollar eine Freude fürs Leben machen oder wenigstens 500 Dollar für das TShirt der Rolling-Stones-Tournee
1975 hinblättern.
Das ließe sich dann einreihen
in den Kleiderschrank, denn 62
Prozent aller Amerikaner besitzen mehr als zehn T-Shirts, 90
Prozent der 18- bis 20-Jährigen
aber mehr als 30!
Also bitte, anstellen beim Merchandising-Stand: Dann ist man einer von zwei Milliarden, die jährlich ein T-Shirt kaufen.
Die Botschaft ist klar
Julian Lennon ist heute 47 Jahre
alt, aber so alt kann er gar nicht
werden, dass er nicht im Schatten seines Vaters, des Beatle
John, stehen würde. Sein Talent
kann sich mit dem seines Vaters
nicht messen. Aber: Er ist stolz,
ein Lennon zu sein.
Bild: SN/STILLS PRESS
Fortsetzung von Seite I
Stilikone Madonna
Gut und teuer: Wenn eine Madonna ist, greift sie auch nicht
zu billigem Tand. Daher waren
auch Madonnas T-Shirts stets
Ausdruck einer bestimmten Phase ihres künstlerischen oder privaten Lebens. Sie ist ein Original
geblieben.
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Seele and Geist
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