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Es braut sich was zusammen« - Wolfgang Gründinger

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Foto: Pablo Porciuncula / 2011 AFP / Getty Images
Berlin Interview
Proteste in Chile: Seit Juni gehen die Studenten gegen Studiengebühren und für bessere Bildung auf die Straße
»Es braut sich was zusammen«
Überall auf der Welt haben in diesem Sommer junge Leute demonstriert. Der Autor und Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger, Jahrgang 1984, über die Notwendigkeit eines lautstarken Aufstands
der Jugend und die Gründe, warum diese in Deutschland bisher eher leise protestiert hat
Ägypten, Griechenland, Spanien, Israel,
London, Chile – erleben wir gerade einen
weltweiten Aufstand der Jugend?
Weltweit nicht. Wir erleben gerade, wie sich
in einigen Ländern eine Jugendprotestbewegung erhebt. Die ist von Land zu Land anders, und nicht jede wird nur von jungen
Menschen vorangetrieben. Im arabischen
Raum gehen die Menschen gegen Diktaturen
auf die Straße. In Spanien protestieren sie
gegen Jugendarbeitslosigkeit. In Israel wehrt
man sich gegen überteuerte Mieten. Und in
Großbritannien, in London, das waren Krawalle, soziales Chaos und kein politischer
Protest. Von einem weltweiten und einheitlichen Aufstand der Jugend würde ich daher
nicht sprechen.
Vielfach wurde dennoch versucht, den sehr
unterschiedlichen und verschieden motivierten Protesten ein gemeinsames Label
aufzudrücken, nämlich das Label einer Jugend, die ihre Zukunft einfordert.
Dem stimme ich zu. In keinem dieser Länder
sehen die Jugendlichen, dass ihnen ein gutes
Leben gesichert ist. Auch wenn es jeweils
andere Gründe für ihre Proteste gibt: Jeder
14 tip Campus
der Proteste, auch die Krawalle in London,
ist aus einem Gefühl der Chancen– und Perspektivlosigkeit heraus geboren. Das Versprechen, ja, der unbedingte Glaube daran, dass
doch eigentlich alles erreichbar und alles
machbar ist, das gilt für die Jugendlichen einfach nicht. Und dagegen wehren sie sich. Sie
fordern ihr Recht, wenigstens eine Chance zu
»Facebook ist ein krasses
Tool, um Proteste zu
organisieren«
Wolfgang Gründinger
bekommen, ihre Träume wahrmachen zu
können. Und das gilt für die protestierenden
jungen Menschen in Spanien ebenso wie für
die in Israel oder Chile.
Noch eine Gemeinsamkeit lässt sich für die
Proteste feststellen: Es ist die „Generation
Facebook“, die da auf die Straße geht.
Welche Bedeutung hatte und hat das Internet – also soziale Netzwerke, Twitter,
E-Mails – für diese Proteste?
Das Internet, die Vernetzung über soziale
Netzwerke wie Facebook, hat geholfen, das
alles zu beschleunigen. Und natürlich auch, es
zu organisieren. Facebook und E-Mail sind
einfach unheimlich effiziente Organisationstools, die hierarchiefrei funktionieren.
Twitter ist, was das betrifft, überschätzt. Facebook ist fast noch unterschätzt. Über Facebook kann man superschnell Menschen für
spontane Aktionen organisieren und mobilisieren. Auf gleicher Augenhöhe, direkt und
unmittelbar, ist man mit anderen Leuten aus
anderen Ländern verdrahtet: mit Videos, mit
Bildern, mit der persönlichen Vita. Tagesaktuell kommen da private Kommunikationen
zustande: Es kommunizieren Menschen und
nicht nur Namen über Hunderte, Tausende
Kilometer hinweg. Facebook ist ein krasses
Tool, um Proteste zu organisieren.
Haben sich die jungen Menschen also gegenseitig inspiriert?
Ja, das kann man so sagen. So hat sich zum
Beispiel die spanische Bewegung auf die Proteste im arabischen Raum berufen. Alle konnten sehen, dass man etwas tun kann und dass
es was bewirkt. Es ist dieses „Da steht jemand
Oktober 2011
Interview Berlin
Dass die jungen Leute nicht laut werden,
kann sicher ein Stück weit mit dieser Anpassung und Angst vor Arbeitslosigkeit und
Geldnot erklärt werden. Wir sind ja schon
aufgewachsen mit der Massenarbeitslosigkeit, den niedrigen Löhnen und den schlechten Aussichten für Berufseinsteiger. Viele
junge Leute denken, dass man eh nichts machen kann. Aber, und das sollte man nicht
unterschätzen: Im Kleinen gibt es bereits
sehr viele Proteste hier in Deutschland. Im
Moment ist das noch sehr vereinzelt. Aber
ich glaube schon, dass sich da was zusammenbraut.
In Deutschland sind die jungen Leute bisher
davon nicht inspiriert worden. Zumindest
hat es diesen Sommer keine Proteste gegeben, die man als Jugendaufstand bezeichnen
würde.
Deutschland hat die Krise bisher mit einem
blauen Auge überstanden. Viele Leute sagen,
der Leidensdruck sei noch nicht hoch genug.
Noch funktioniert die Wirtschaft ziemlich gut
im Vergleich zu Italien, Israel, Griechenland.
Und noch haben wir keine so hohe Jugendarbeitslosigkeit wie in Spanien. Auf der anderen Was meinen Sie mit „Proteste im Kleinen“?
Seite muss man aber auch sagen, dass schon Damit meine ich so etwas wie kritischen
viel passiert ist. Nicht so radikal, nicht so groß. Konsum. Leute, die mit weniger als Hartz IV
Aber zum Beispiel die Anti-Atombewegung, auskommen, also viele Studenten. Die kaudie ist zwar keine reine Jugendbewegung, doch fen trotzdem die teureren Biomöhren und
hab en Ö kost rom .
ohne die jungen Leute
Od e r d i e v i e l e n
hätte sie ganz schön
»Wir brauchen mehr
Flashmobs, die sponalt ausgesehen. Und
Wut und Empörung. Wir
tan über Face book
dann hatten wir ja vor
brauchen einen
organisiert werden.
zwei Jahren den groOder die Carrotmobs:
ßen Bildungsstreik.
Aufstand der Jungen«
Da verabredet man
Der Bildungsstreik war
Wolfgang Gründinger
s ic h m it g ro ß e n
ein krasses Zeichen
Gruppen zum Einkauund ein Vorgeschmack
auf das, was uns noch blüht, wenn wir keine fen in einem Laden, der dann mit den EinPolitik des Ausgleichs fahren. Wenn sich nahmen sein Geschäft ökologisch nachhaltig
Deutschland weiter in die soziale Spaltung be- umgestaltet. Das politische Interesse und
gibt, dann wird es auch in Deutschland sozia- auch politische Aktionen der jungen Leute
sind nicht mehr in Parteibüchern oder in
le Proteste geben.
Menschenmassen bei Demos auf der Straße
Trotz einer nach wie vor passablen wirt- messbar.
schaftlichen Situation – ist es nicht dennoch
an der Zeit, dass sich auch die jungen Men- Politisches Engagement außerhalb der Parschen in Deutschland endlich wehren, etwa teien – viele wissen gar nicht, was alles möglich ist.
gegen prekäre Arbeitsverhältnisse?
Ja, wir brauchen mehr Empörung und auch Das stimmt. Eigentlich müsste man Aktivismehr Wut. Es ist ja auch immer noch meine mus als Unterrichtsfach einführen. Man müssForderung und These zugleich, dass wir ei- te Leute vor die Schüler stellen, die was auf
nen Aufstand der Jungen brauchen. Und die Beine gestellt haben, zum Beispiel die von
zwar nicht gegen die Alten, niemand möch- Initiativen wie arbeiterkind.de oder Teach
te ja der alten Omi ihre Rente nehmen. Son- First. Leute, die eine Stiftung gegründet haben
dern gegen das System. Vielleicht nicht ge- oder ein soziales Unternehmen. Die agieren
gen den Kapitalismus an sich, eher gegen die zwar nicht auf der Straße, aber sie machen auf
Art und Weise, wie dieser Kapitalismus und Missstände aufmerksam. Man könnte es als
dieser Staat momentan funktionieren. Dieses indirekten Protest bezeichnen, aber es ist
System produziert Ungerechtigkeit. So müss- schlicht konkrete Veränderung.
te doch die Rente ein ganz großes AufregerThema sein, gerade für die junge Generation. Sie haben mal gesagt, dass es dennoch auch
Wir zahlen ein, aber ob wir später eine Ren- Mutige braucht, die den Marsch durch die
te haben, von der wir leben können, ist mehr Parteien antreten.
Ja, wir brauchen auch die, die in eine Partei
als unsicher.
eintreten. Ich kann mir im Moment kein poSind die jungen Leute zu angepasst? Lieber litisches System außer der parlamentariakzeptieren sie ein prekäres Arbeitsverhält- schen Demokratie vorstellen. Aber die Parnis und einen ungerechten Generationenver- teien müssen lebendiger werden, und das
trag, als auf die Straße zu gehen. Vielleicht, geht nur von innen heraus. Deswegen brauweil die meisten hoffen, wenn sie still und chen wir Leute, die den Marsch durch die
angepasst sind, bekommen sie irgendwann Institutionen durchziehen und mit diesem
einen gut bezahlten, unbefristeten Job, mit trostlosen Politiker-Haufen mal aufräumen.
1
Interview: Katharina Wagner
dem sie ihre Rente sichern können?
Oktober 2011
Zur Person
Foto: wikimedia commons
auf, und das machen wir jetzt auch!“. Das hat
sich über das Internet, über soziale Netzwerke schnell verbreitet.
Sprecher der Jugend
Wolfgang Gründinger wurde 1984 in
Tirschenreuth in Bayern als Sohn einer alleinerziehenden Gemüsehändlerin geboren. An der Uni Regensburg studierte er Politik- und Sozialwissenschaften, seinen Master machte er an der Humboldt Universität in
Sozialwissenschaften, Schwerpunkt
Vergleichende Demokratieforschung.
2009 erschien sein Buch „Aufstand
der Jungen. Wie wir den Krieg der
Generationen vermeiden können“, in
dem er einen neuen Generationenvertrag fordert. Im Mai 2009 schrieb
er einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, der in
„ZEIT Campus“ veröffentlicht wurde
und in dem er sie aufforderte, die
Generation, der er angehört, und ihr
Recht auf Zukunft in der Politik wieder zu berücksichtigen. Ernst Ulrich
von Weizsäcker nannte ihn den „Anwalt der Jugend“; seine Website ist
mit „Weil Zukunft eine Lobby
braucht!“ betitelt; in Interviews sagt
er Sätze wie „Die Jugend ist nicht
politikverdrossen, die Politik ist jugendverdrossen“.
Wolfgang Gründinger ist Sprecher
der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, Mitglied im Think
Tank 30 des Club of Rome, Mitglied
im Gesprächskreis Junge Soziale Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
und Mitglied im Beirat der Deutschen Umweltstiftung. Schon 1999
hatte er beim Klimagipfel in Bonn
teilgenommen, 2010 war er bei Protesten während des Weltklimagipfels
in Cancún unter denen, die von der
Polizei wegen zivilen Ungehorsams
abtransportiert wurden.
2 www.wolfgang-gruendinger.de
2 WOLFGANG GRÜNDINGER:
„AUFSTAND DER JUNGEN. WIE
WIR DEN KRIEG DER GENERATIONEN VERMEIDEN KÖNNEN“
C.H. Beck Verlag, 240 Seiten,
12,95 €
tip Campus 15
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Seele and Geist
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