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Intelligenz von Menschen und Ethnien: Was ist dran an Sarrazins

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08. Septem ber 2010
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Was ist dran an Sarrazins Thesen?
Die Arbeiten der Entwicklungspsychologen und Begabungsforscher Heiner
Rinderm ann und Detlef Rost wurden zu den wichtigsten Quellen für Thilo Sarrazins
Deutschland-Buch. Jetzt schreiben sie, was an Sarrazins Thesen ihrer Meinung
nach Bestand hat - und was nicht.
07. September 2010 Die deutsche Öffentlichkeit erfährt durch das enorme Echo auf
Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ manche als politisch nicht „korrekt“
angesehene und tatsächlich auch gesellschaftlich heikle Details über das
Zusammenspiel von Intelligenz, W irtschaft, Religion und Demographie. Für viele ist es
schockierend, dass Intelligenz im Kontext von Minderheiten, Vererbung und dem Islam
genannt w ird. Es besteht die Gefahr der Stereotypisierung: Als Folge können
Angehörige der benannten Gruppen unabhängig von ihren individuellen Merkmalen mit
negativen Attributen belegt w erden. Deshalb ist bei diesen Themen besondere Sorgfalt
in Forschung und Begrifflichkeit - politisch w ie ethisch - geboten.
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Sarrazins Bestseller ist gespickt mit Zahlen, Tabellen, deutschen und englischen Zitaten
und Forschungsergebnissen aus den Bereichen Intelligenz, Bildung, W irtschaft, Kultur
und Demographie, die unter dem Gesichtspunkt der Relevanz für Gesellschaft und
Kultur miteinander verknüpft w erden. Sarrazin argumentiert, zumindest w as das
Psychologische angeht, für einen Laien bemerkensw ert differenziert; Korrelation w ird
von Kausalität unterschieden, andere Ansichten w erden zitiert und argumentativ
bew ertet.
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Ramadan in Damaskus: Vierhundert Schätze auf
dem Weg zum Bäcker
Thilo Sarrazin am Montag nach einer Radiodiskussion in Berlin
Stichprobenartig haben w ir im Buch abgedruckte Tabellen mit den jew eiligen Quellen
verglichen und Sarrazins Berechnungen nachgeprüft; nennensw erte Fehler konnten
w ir in diesen Stichproben nicht finden. Obw ohl fachfremd, scheint Sarrazin das, w as er
in psychologischen Fachbüchern gelesen hat, im Wesentlichen verstanden zu haben.
Manche Details hätte man aber präziser und ausführlicher darstellen können.
Ehrung des Mohammed-Karikaturisten: Angela
Merkels Risiko
Unser Großer: Mario Adorf zum Achtzigsten
Die Gebührenreform fordert ihren Preis
Filmfestspiele Venedig: Verfolgt und gejagt
Top-Themen:
Sarrazins Buch ist im Grunde genommen eine Art bürgerlicher Kampfschrift für Stabilität
und Disziplin, Eigenverantw ortung und Leistungsprinzip, Realismus und Pragmatismus,
Erziehung und Fleiß. Gestützt auf unsere Expertise als Psychologen, fokussieren w ir in
unserem Beitrag Sarrazins fünf intelligenz- und bildungsbezogenen Hauptthesen.
Hängt Wohlstand von Intelligenz ab oder Intelligenz von Wohlstand?
Dass kognitive Kompetenzen nicht w enig mit
Zum Thema
nachhaltigem W irtschaftserfolg zu tun haben, stellt die
C ausa Sarrazin: Der
Grundlage der durch die W irtschaftsorganisation OECD
Bundespräsident gerät in
durchgeführten Pisa-Studien dar. Empirische
Bedrängnis
Untersuchungen belegten enge Zusammenhänge
Thilo Sarrazin: Was treibt
diesen Mann?
zw ischen kognitiven Kompetenzen - seien sie durch
Fall Sarrazin: C DU will Druck Intelligenztests oder durch Schulleistungstests
auf Zuwanderer erhöhen
gemessen - und dem Bruttoinlandsprodukt w ie dem
Thilo Sarrazin und die
W irtschaftsw achstum. Unklar ist jedoch der UrsacheIntegrationsdebatte - weitere W irkungs-Zusammenhang: Führt Intelligenz zu
Beiträge
Wohlstand, oder ist es nicht vielmehr umgekehrt, hat
Wohlstand eine bessere Intelligenz zur Folge? Stehen
vielleicht hinter diesem Zusammenhang unbekannte w eitere Faktoren?
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Erst bei einer Feinanalyse der Zusammenhänge w ird deutlich, dass insbesondere das
Fähigkeitsniveau der etw a fünf Prozent kognitiv Leistungsfähigsten einer Gesellschaft
besonders relevant ist, w eil diese Personen für technische Innovationen und deren
Adaptation, für die Steuerung in Betrieben und Verw altungen und für die Funktionalität
komplexer Systeme die größte Verantw ortung tragen. Außerdem sind kognitive
Kompetenzen von der Qualität der Erziehung und Bildung abhängig. Intelligenz ist
immer ein in Kausalnetze eingebundener Faktor. Je komplexer ein W irtschaftssystem
ist, desto mehr hängen seine Erfolge von kognitiven Kompetenzen ab.
Daneben sind Bildung und Kompetenzen auch für politische Einstellungen und
Institutionen bedeutsam, für Toleranz, Liberalität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit:
Mehrheitsprinzip und Entscheidungsfindung über Wahlen implizieren, dass die Mehrheit
der W ähler erkennen kann, w as gut für sie und für das Land ist, dass abw eichende
Meinungen toleriert w erden und dass Personen bestimmte demokratische
Werthaltungen teilen. Größere Untersuchungen zur kognitiven Epidemiologie haben
belegt, dass Bildung und Intelligenz, auch unabhängig vom Wohlstand, positiv mit
Gesundheit und Lebenserw artung zusammenhängen. Internationale Unterschiede in
der HIV-Belastung lassen sich beispielsw eise besser durch Unterschiede in Bildung und
Intelligenz erklären als durch Wohlstandsdivergenzen. Intelligentere Personen
verhalten sich dank Einsicht und W issen im Durchschnitt gesünder und verfügen über
eine höhere biopsychische Systemintegrität. Nicht zuletzt ermöglicht Intelligenz über
den Erfolg in Ausbildungssystemen und Beruf, in gesündere Umw elten zu gelangen.
In all diesen W irkprozessen dürfen die vielfach belegten Zusammenhänge mit der
allgemeinen Intelligenz nicht deterministisch interpretiert w erden; eine höhere
Intelligenz erhöht lediglich Wahrscheinlichkeiten für positive Effekte und senkt diese für
Risiken. Die Genese von Intelligenz ist w eniger auf ökonomische Faktoren als auf
kulturell-pädagogische und auf heute im Einzelnen noch unbekannte genetische
Determinanten zurückführbar. Damit steht diese Position einem deterministischen
Sozialkausalmodell entgegen: Nicht äußere, vom Individuum, einer Familie oder einer
Gesellschaft unbeeinflussbare Faktoren, sondern interne, mindestens teilw eise
veränderbare Faktoren, sind entscheidend. Diese gegensätzlichen Denkw eisen sind
vielleicht auch mitverursachend für die Heftigkeit der Diskussion um Sarrazins Buch.
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Ist Intelligenz das Ergebnis von Erb- oder von Umwelteinflüssen?
Zur Erklärung, w arum sich einzelne Personen voneinander unterscheiden, sind
Merkmale der familiären Umw elt von großer Bedeutung: Hinter elterlichen Bildungs- und
Erziehungsmerkmalen, bildungsmaterieller Ausstattung und Quantität w ie Qualität von
Gesprächen der Familienmitglieder untereinander können aber auch unerkannte
genetische Faktoren stehen. Aufgrund vieler Zw illings-, Adoptions- und
Patchw orkfamilienstudien aus unterschiedlichsten Ländern w issen w ir, dass sich
Intelligenzunterschiede von Menschen zu fünfzig bis achtzig Prozent durch genetische
Faktoren aufklären lassen; bei Älteren und unter günstigen Umw eltbedingungen ist der
Einfluss genetischer Faktoren auf die interindividuelle Variabilität kognitiver Leistungen
stärker als bei jüngeren Kindern und unter ungünstigen Umw eltbedingungen. Die von
Sarrazin angeführten Zahlen, die sich auf die Bedeutung der Genetik für
Intelligenzunterschiede beziehen, sind korrekt.
Für das Intelligenzw achstum ist dagegen das Bildungssystem (Krippe, Kindergarten,
Schule, Universität) ein entscheidender Faktor. In der Kindheit und Jugend nimmt die
kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen immer w eiter zu, und zw ar
pro Jahr um ca. fünf IQ-Punkte. Rund achtzig Prozent dieses Intelligenzzuw achses
gehen auf das Konto der Schule.
W ie ist man zu dieser Erkenntnis gelangt? Sie ist nicht einfach zu gew innen, w eil in
praktisch allen Schulsystemen das Lebensalter und die Schulbesuchsdauer miteinander
konfundiert sind. Kinder w erden älter, und gleichzeitig gehen sie entsprechend länger
zur Schule. Was ist der dominante W irkfaktor für den Zuw achs an kognitiver
Leistungsfähigkeit? Das Alter? Die Dauer des Schulbesuchs?
Bedingt durch die Stichtagsregelung bei der Einschulung befinden sich in jeder
Schulklasse jüngere und ältere Kinder; die jüngsten und ältesten eines Schuljahrgangs
w eisen eine Lebensaltersdifferenz von bis zu zehn Monaten auf, sieht man einmal von
vorzeitig Eingeschulten oder Sitzengebliebenen ab. Der Vergleich der Testleistungen
solcher Schülergruppen mit unterschiedlicher Beschulungsdauer zum Zeitpunkt ihres
zehnten Geburtstags belegt, dass jeder absolvierte Schulmonat je nach Tests zu einem
Intelligenzzuw achs von etw a 0,2 bis 0,5 IQ-Punkten führt. Das führt zur Erkenntnis,
dass etw a zw anzig Prozent des individuellen Intelligenzzuw achses auf Reifungseffekte
und außerschulischen Anregungen, aber fast achtzig Prozent auf den genossenen
Unterricht zurückführbar sind.
Die Relevanz dieses Befundes im Zusammenhang mit der Förderung kognitiv
benachteiligter Migrantenkinder ist offensichtlich. Unterricht ist aus Sicht der
Psychologie ein besonders intensives, besonders breit und besonders langfristig
angelegtes und damit besonders nachhaltiges kognitives Trainingsprogramm.
Unterrichtserfolg hängt dabei nicht nur von Techniken der Klassenführung und der
Didaktik und damit von Kompetenzen der Lehrkräfte ab, sondern auch von dem, w as
die Schüler mitbringen: Gute Schulen sind auch w egen ihrer guten Schüler gut.
Schw ache und schw ierige Schüler benötigen besonders gut ausgebildete und
engagierte Lehrkräfte.
Variiert Intelligenz in modernen Gesellschaften mit Schichtung?
In einer ständischen oder Kastengesellschaft w ird der Lebenserfolg mit der Geburt
w eitgehend unabhängig von der eigenen Leistung festgelegt. Niedrig geboren, niedrig
gestorben. In offenen Gesellschaften hängt der spätere Status w esentlich auch von
individuellen Kompetenzen ab. In hochentw ickelten Ländern w erden Berufs- und
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Lebenschancen vor allem über Erfolge im Bildungssystem verteilt. Da Intelligenz ein
besonders w ichtiger Faktor für den Schul-, Studien-, Ausbildungs- und Lebenserfolg ist
(daneben spielen natürlich auch Persönlichkeitsmerkmale w ie Motivation, Fleiß,
Arbeitshaltung, Selbstdisziplin und Gew issenhaftigkeit eine Rolle), w ird sich langfristig,
w enn Leistung eher zum Aufstieg und Nichtleistung zum Abstieg führen, eine
Schichtung nach Intelligenz und Persönlichkeit einstellen. Je meritorischer eine
Gesellschaft ist, desto w eniger Ressourcen verbleiben in unteren Schichten, da
intelligentere Personen aufsteigen bzw . aufgestiegen sind und ihre Intelligenz über
Gene und durch ein intellektuell stimulierendes Entw icklungsmilieu zu nennensw ertem
Anteil an ihre Kinder w eitergeben. Studien aus England haben beispielsw eise gezeigt,
dass intelligente Kinder aus der Unterschicht aufsteigen können, w enig intelligente
Kinder aus der Oberschicht steigen aber nahezu nicht ab; es gibt damit eine
Aufstiegsmeritokratie, keine Abstiegsmeritokratie.
Extreme Unterschiede in der Qualität elterlicher Entw icklungsmilieus stabilisieren eine
solche Schichtung: Für die Vereinigten Staaten konnten Betty Hart und Todd Risley
feststellen, dass dreijährige Kinder aus „Welfare“-Familien von ihren Eltern etw a zehn
Millionen W örter gehört haben, gleichalte Kinder aus „Professional“-Familien von ihren
Eltern aber schon dreißig Millionen W örter. Manche Eltern schienen kaum mit ihren
Kindern zu sprechen. Ausschlaggebend für Intelligenz- und Sprachentw icklung der
Kinder w ar hier nicht so sehr die Schichtzugehörigkeit oder Ethnie, sondern die
Erziehungsqualität und insbesondere das Sprechverhalten der Eltern, w as, und das
darf nicht ausgeschlossen w erden, genetisch mitbeeinflusst ist.
Diese Studie gibt einen Hinw eis, dass und w ie (nicht nur) Migrantenkinder schon früh
und nachhaltig intellektuell gefördert w erden können: Erw achsene sollten mit kleinen
Kindern möglichst viel und variantenreich sprechen und den Kindern möglichst viele
Sprechanlässe geben. Migrantenkinder, bei denen die familiären Verhältnisse dies nicht
zulassen, sollte man möglichst frühzeitig in eine Kinderkrippe aufnehmen, in der, und
das ist sehr w ichtig, eine hohe sprachliche Interaktionsdichte zw ischen Betreuerin und
Kind gew ährleistet ist, w as ausgesprochen kleine Gruppengrößen erfordert, Ähnliches
gilt auch für Kindergärten. Das kostet kurzfristig viel Geld, bringt langfristig aber hohe
volksw irtschaftliche Renditen.
Gibt es einen Zusammenhang von Intelligenz und muslimischer Kultur?
Sarrazins Thesen zum Zusammenhang von Migration, Bildung und Intelligenz sind
besonders umstritten. Vorab ist festzuhalten, dass empirische Studien stets nur
Mittelw erte berichten. Es gibt eine beträchtliche Variabilität innerhalb der Gruppen,
zw ischen verschiedenen Gruppen existieren große Überlappungen.
Mittelw ertsunterschiede führen aber auch zu unterschiedlichen Häufigkeiten schw acher
und günstiger Werte. Für die Praxis kann immer nur das Individuum von Bedeutung
sein.
In der Tat schneiden türkische Immigrantenkinder in Schulleistungs- und
Intelligenzteststudien schw ach ab. Diese Werte korrespondieren mit ähnlichen Werten
in den Herkunftsländern und einer geringeren Bildung Erw achsener sow ie einem
intellektuell w eniger stimulierendem Familienklima. Deshalb sind die Befunde vermutlich
gültig. Die Ergebnismuster sind über die Einw anderungsländer hinw eg recht robust;
dennoch gibt es beachtliche Unterschiede: Türkischstämmige Schüler in den
Niederlanden schneiden besser ab als türkischstämmige Kinder in Deutschland, in
Bayern Migranten besser als in Berlin. Die Leistungen von Schülern, nicht nur von
Immigranten, hängen also sow ohl von Faktoren ab, die die Schüler mitbringen, als auch
von länderspezifischen Besonderheiten (z. B. Qualität des Schulsystems).
Sarrazin w eist auf die genetischen Ausw irkungen der Heirat von Verw andten hin, w as
in muslimischen Gesellschaften w eniger verpönt ist, w ohl aber in christlich-jüdischen
Gesellschaften mit Ausnahme der Adelshäuser. Bei Cousin-Cousinen-Ehen ist im Schnitt
die Intelligenz der Nachkommen um drei IQ-Punkte abgesenkt; hinzu kommt ein
erhöhtes Risiko für Krankheiten. Nach internationalen Statistiken w erden in der Türkei
21 Prozent aller Ehen zw ischen Verw andten geschlossen, in Afghanistan 55 Prozent, in
Pakistan 61 Prozent, im Schnitt der muslimischen Länder 32 Prozent. In Westeuropa
liegt die Häufigkeit unter einem Prozent. Das w ürde, auf ein muslimisches Land
hochgerechnet, etw a eine Beeinträchtigung von maximal ein bis zw ei IQ-Punkten
ergeben. Rechnet man hypothetisch Folgeeffekte auf Kinder über die Erziehung und
Mehrfachverw andtenheiraten hinzu, dann könnten es bis zu drei oder vier IQ-Punkte
sein. Verw andtschaftsehen klären damit nur einen kleineren Anteil der Differenz von im
Mittel 10 bis 20 IQ-Punkten auf.
W ichtiger sind die kulturellen Faktoren, die unter anderem zu diesen
Verw andtenheiraten führen, aber noch entscheidender ist die Wertschätzung des
Denkens. Es ist schw ierig, die W irkung von Weltanschauungen auf die Erziehung, damit
auf Intelligenz und umgekehrt von Intelligenz auf Kultur zu bestimmen. Kritisch sind für
herkömmliche Strömungen des Islams die Traditionen autoritären Ausw endiglernens,
mangelnde Orientierung zum Selberdenken und autoritäre Erziehung in Familien. Hinzu
kommen eine gescheiterte Geschichte der Aufklärung, die geringe Bildung von Frauen
und damit der Mütter, ein generell geringes Bildungsniveau der Eltern, das aufzuholen
ein bis zw ei Generationen dauert. Und schließlich gibt es im Arabischen noch Sprachund Schriftprobleme.
Das alles ist aber nicht festgezurrt, sondern kann verändert w erden. In vielen
muslimischen Ländern ist eine Verbesserung der Bildungssituation beobachtbar: So hat
die Türkei die Schulpflicht von fünf auf acht Jahre hochgesetzt. In Iran gibt es seit jeher
eine aktive Intellektuellen- und Universitätsszene. In den Golfstaaten w erden
Universitäten gegründet, w elche aber hauptsächlich als Ausbildungsschulen, kaum als
lebendige Zentren für geistige Auseinandersetzung und Forschung konzipiert sind. Es
gibt also in vielen muslimisch geprägten Staaten erste, noch nicht ausreichende
Reformen zur Verbesserung von Schule und Unterricht.
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Sinkt die Intelligenz der nachfolgenden Generationen?
Aufgrund abnehmender Kinderzahlen in bildungsorientierten Familien haben
verschiedene Forscher eine Intelligenzabnahme postuliert. Thilo Sarrazin berechnet je
Generation einen zukünftigen Verlust um einen IQ-Punkt, Richard Lynn für fünfzig Jahre
und w eltw eit 1,3 Punkte, und Gerhard Meisenberg geht w eltw eit je Jahrzehnt von 1,3
Punkten aus. Die Zahlen unterscheiden sich aufgrund unterschiedlicher
Modellannahmen. Empirisch beobachtbar w ar im 20. Jahrhundert aber genau der
gegenteilige Effekt, ein Anstieg der Intelligenz pro Dekade um im Schnitt drei bis fünf
IQ-Punkte. Dieser Intelligenzanstieg manifestierte sich stärker in Denkaufgaben, die
logisches Schlussfolgern erfassen, und w eniger in w issensnahen Aufgaben w ie
Wortschatzfragen. Der Intelligenzzuw achs scheint sich in Industrieländern
abgeschw ächt zu haben, in Entw icklungsländern ist der Anstieg seit etw a einer
Generation besonders stark.
Eine stärkere genetische Bedingtheit ist w egen der Geschw indigkeit, mit der sich der
Anstieg vollzogen hat, nicht w ahrscheinlich. Für ihn selber dürfte es mehrere Ursachen
geben, die simultan zusammenw irken: die Erhöhung der Schulbesuchsdauer und
Unterrichtsqualität, die zunehmende Verbreitung vorschulischer Förderung in
Kombination mit einer generellen Verbesserung der Ausbildung von Lehrern und
Erzieherinnen; der Rückgang des mechanischen Ausw endiglernens; die Intensivierung
des Lesens und Betonung des kritisch-problemlösenden Reflektierens, insbesondere im
Fach Mathematik.
In Ergänzung dazu ist auch an ein verändertes Erziehungsverhalten vieler Eltern und
an ihr gesteigertes Interesse an einer guten Förderung der Kinder zu denken, w as
insgesamt zu einer „intellektualisierteren“ Erziehung führt. Daneben w urden auch
vielfältige andere Faktoren als mögliche Gründe thematisiert, vor allem bessere
Ernährung (Vitamine, Eiw eiß etc.), aber auch progressiv zunehmende Umw eltEntw icklungsanreize, die Reduktion der Geburtenrate (d. h. mehr Zeit der Eltern für die
Beschäftigung mit ihrem Kind), Exogamie und verbesserte medizinische Versorgung.
Ein kurzes Fazit
Sarrazins Thesen sind, w as die psychologischen Aspekte betrifft, im Großen und
Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar.
Hier und da ließe sich sicher eine abw eichende Gew ichtung vornehmen. Massive
Fehlinterpretationen haben w ir aber nicht gefunden. Sarrazin macht auch Vorschläge
zur Förderung von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern. Seine diesbezüglichen
Anregungen sind vernünftig und unterscheiden sich w enig von denen, die in der
aktuellen bildungspolitischen Diskussion auch von anderen geäußert w erden (z. B.
mehr Krippen; mehr und bessere Kindergärten; intensivierte Sprachförderung;
Ganztagsschulen).
Allerdings w eist das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich keine
extremen Defizite auf, und Ressourcen, die hier investiert w erden sollen, müssten
zunächst außerhalb dieses Systems erw irtschaftet w erden. Auch darf man sich nicht
einer Machbarkeitsillusion hingeben: Es gibt Grenzen der Förderung, letzten Endes
muss immer die betreffende Person selbst lernen und selbst denken. Maßnahmen
müssen psychologisch zielführend, politisch sinnvoll, von w ohlw ollender Verantw ortung
getragen und ethisch legitimierbar sein. Die Frage der Gene ist hier von
nachgeordneter Bedeutung, zudem eine stärkere genetische Verankerung nicht
automatisch Unveränderbarkeit bedeutet.
Heiner Rindermann lehrt Pädagogische und Entwicklungspsychologie an der TU C hemnitz. Er
beschäftigt sich mit Bedingungen und Folgen kognitiver Kompetenzen für Personen und
Gesellschaften. Zuletzt erschien von ihm G. W. Oesterdiekhoff, H. Rindermann (Hrsg.): Kultur
und Kognition, Münster 2008.
Detlef Rost lehrt Pädagogische und Entwicklungspsychologie an der Philipps-Universität
Marburg. Er beschäftigt sich mit Hochbegabungs- und Intelligenzforschung sowie mit
pädagogisch-psychologischer Diagnostik. Zuletzt erschien: Intelligenz: Fakten und Mythen.
Weinheim: Beltz-Verlag, 2009.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
Lesermeinungen zum Beitrag [137]
Beitrag kommentieren
@ Uwe Wagner 08. September 2010, 12:06
Hochgebildet und integriert waren die 9/11-Attentäter! 08. September 2010, 11:10
Die Bewertungen sprechen Bände!!! 08. September 2010, 10:37
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