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Die Welt ist, was der Fall ist - Andreas Rosenfelder

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D I E N S TAG , 16 . O KT O B E R 2 012
D I E W E LT
FEUILLETON
KOMPAKT
GLOS SE
J A N KÜ V E L E R
Eine echte
Gasbremse
KULTURERBE
EU zeichnet drei
Lutherstädte aus
Die Lutherstädte Eisleben, Mansfeld
und Wittenberg in Sachsen-Anhalt
sind am Montag als „Stätten der
Reformation“ mit dem Europäischen
Kulturerbe-Siegel geehrt worden.
Dazu wurden die Plaketten in Mansfeld an die Bürgermeister der drei
Orte überreicht und die erste Tafel
am Rathaus der Südharzstadt angebracht. Mit dem Kulturerbe-Siegel
zeichnet die EU Standorte aus, die
beispielhaft für die Einigung Europas
sowie für die Ideale und die Geschichte des Kontinents und des
Staatenbundes stehen. Zum Thema
„Stätten der Reformation“ haben in
Deutschland bislang rund 20 Stationen Auszeichnungen erhalten.
D
BERLINER SCHLOSS
URHEBERRECHT
Disney stoppt Aufführung
von Kindertheater
Die Inszenierung des Weihnachtsstücks „Magic Nanny“ durch ein
Laientheater in Jork (Niedersachsen)
ist vom US-Konzern Disney Enterprises untersagt worden. Durch die
Aufführung würden Disneys geistige
Eigentumsrechte verletzt, hieß es zur
Begründung. Um einen drohenden
Rechtsstreit zu vermeiden, habe man
erstmals seit 32 Jahren das Weihnachtstheater für Kinder absagen
müssen, sagte am Montag eine Sprecherin. Der Disney-Konzern verhandelt nach eigenen Angaben derzeit mit der Theaterleitung über eine
einvernehmliche Lösung. „Wir haben
kein Interesse, der Kinderbühne zu
schaden“, hieß es.
DIGITALISIERUNG
Institut stellt historische
Filmaufnahmen ins Netz
Das Deutsche Filminstitut in Frankfurt und die in Wiesbaden ansässige
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
wollen künftig gemeinsam alte Filme
aus der Zeit des Ersten Weltkriegs
digitalisieren und über das Internet
jedem zugänglich machen. Die Stiftung will unter anderem Joe Mays
Klassiker „Heimkehrer“ (1928) und
die Kriegswochenschauen des Filmpioniers Oskar Messter zur Digitalisierung freigeben. Die Zusammenarbeit ist Teil des europäischen Gemeinschaftsprojekts „The European
Film Gateway“ (EFG1914), das bis
2014 insgesamt rund 650 Stunden
Film ins Netz stellen soll.
THEMA
Klassik
Anne-Sophie Mutter
spielt André Previns
neues Konzert
Seite 22
Die Welt ist, was der Fall ist
Absturz als Metapher: Wie Felix Baumgartner die Mondlandung rückgängig machte
AFP/JAY NEMETH
Förderverein zufrieden
mit Spendenaufkommen
Nach Ansicht des Fördervereins
Berliner Schloss wird die notwendige
Spendensumme für die barocken
Fassenden für das Humboldtforum
auf dem Berliner Schlossplatz zusammen kommen. Von den benötigten 80 Millionen Euro seien bereits
23 Millionen Euro in bar gesammelt
worden, sagte Vereins-Geschäftsführer Wilhelm von Boddien. Für
weitere zehn Millionen habe er bereits Zusagen. Allein die Mittelfreigabe des Bundestages für das Projekt
und die Musterfassade hätten zu
höherer Spendenfreudigkeit geführt,
so Boddien. Erfahrungsgemäß gehe
ein Großteil der Spenden erst im
letzten Drittel der Bauphase ein. Das
Humboldtforum soll Mitte 2019 eröffnet werden.
S E I T E 21
Ein tiefer Sprung für die Menschheit: Felix Baumgartner lässt sich aus einer Höhe von 39.000 Metern zur Erde zurückfallen
D
ANDREAS ROSENFELDER
as Grundprinzip des Fernsehens ist die Langeweile,
wie jeder weiß, der an einem noch sehr frühen
Sonntagabend den Flachbildschirm ans Bett schiebt und Sushi
bestellt. Man zappt durch die „Simpsons“, bleibt willenlos in Reportagen
über japanische Imbissbuden oder die
EEG-Reform hängen und schaltet sich
irgendwann bis zu den skurrilen Spartenkanälen durch, die automatisch auf
den höheren zweistelligen Sendeplätzen
abgespeichert werden. Dort, auf Platz 49,
liegt der Sender Servus TV.
Aus dem Blickwinkel jener gleichschwebenden Aufmerksamkeit, die den
Nebenbeizuschauer auszeichnet, war die
Live-Übertragung des Stratosphärensprungs von Felix Baumgartner nur ein
weiteres Sendeformat zwischen all den
Haifischdokumentationen und Talkrunden, die Leere auf mehr oder weniger
angenehme Art zum Ereignis machen.
Von 17.30 bis 20.07 Uhr sah man das immergleiche Bild eines seltsam in die Länge gezogenen Latexballons, im Hintergrund die gekrümmte Erdoberfläche und
die Dunkelheit des Alls, darin eingeklinkt das Innere jener Druckkapsel, in
der Baumgartner regungslos saß wie in
einem mobilen Bürocontainer mit DinA4-Ausdrucken an der Tür. Was sich in
diesem Standbild veränderte, war nur
die Stoppuhr am oberen Rand – und der
Höhenmesser, der langsam auf die Zahl
von 39.045 Meter emporkletterte.
Man musste schon sehr tief hineinhorchen in die Stille dieser Sendung, ins
abgehackte Knistern des Sprechfunks
zwischen Baumgartner und Bodenkontrolle, man musste das kosmische
Schweigen zwischen den saloppen Sprüchen der Moderatoren entziffern, um zu
erkennen, was sich hier ereignete. Es
war, bis in die Details der Dramaturgie
hinein, eine Wiederholung des ersten
Fernsehereignisses der Menschheitsgeschichte, der Mondlandung vom 20. Juli
1969 – und das, obwohl Baumgartner in
seinem Raumanzug am Ende nicht im
Mondstaub stand, sondern nur im rötlichen Sand der Wüste von New Mexico,
auf der Erde, mit einem gewöhnlichen
Westernzaun im Hintergrund.
Was wir über die Mondlandung wissen, wissen wir fast nur noch aus Überlieferungen. Jeder Roman, jede Fernsehserie, jede Biografie über die Sechzigerjahre berichtet am Rande davon, wo und
wie die Live-Übertragung der Apollo-11Mission verfolgt wurde – zuletzt sogar
Arnold Schwarzenegger, der das Ereignis
in seinem Bett in Los Angeles auf einem
kleinen Schwarzweißfernseher verfolgte,
zusammen mit der ersten Frau seines
Lebens, die sich die Beine rasierte.
Die verrauschten Bilder von der Landung der Mondfähre im Mare Tranquillitatis, dem Meer der Ruhe, brannten sich
nicht nur deshalb ins kulturelle Gedächtnis ein, weil sie ein Testfall für die
neue Technik der Satellitenübertragung
waren – die erste Chance, Ton und Bild
auf allen Erdteilen in Echtzeit zu übertragen. Nein, die Ankunft auf dem toten
Erdtrabanten war auch eine Metapher,
die den psychedelischen Aufbruchsgeist
des Jahres 1969 besser fassbar machte als
jeder Antonioni-Film. Es ging um eine
Landnahme im Nirgendwo, um eine in
den luftleeren Raum verlegte Wiederholung der Entdeckung Amerikas durch
Christoph Kolumbus.
Natürlich war die gespenstische Parallelwelt, die sich im Visier des Helms von
Neil Armstrong spiegelte, unbewohnbar
und lebensfeindlich. Aber sie stand für
das Versprechen, die Grenzen unserer
Welt mit den Mitteln der Wissenschaft
in Zonen zu verschieben, von denen vorher nur mondsüchtige Poeten geträumt
hatten. Jeder zeitlupenhafte Sprung der
Astronauten sandte die Botschaft zur Erde, dass selbst die Gesetze der Schwerkraft nur eine eingeschränkte Herrschaft
über den Menschen besitzen.
Welche Nachricht verschickte Servus
TV am Sonntagabend an die Weltgesellschaft? Für welches Versprechen steht
das Projekt Red Bull Stratos, das eben
nicht von der zusammengesparten Nasa
organisiert wurde, sondern vom erfolgreichen Hersteller eines Getränks, das
vor allem dazu dient, in der Kombination mit Wodka die im Nachtleben nötigen Energiereserven freizusetzen?
Auch Felix Baumgartner hat sich mit
seinem Heliumballon weit aus der Sphäre des Irdischen emporgehoben, auch
sein Rekordsprung war ein Beispiel bewundernswerter Weltflucht. Seine Einsamkeit in der Stratosphäre, wo ihn nur
das Headset mit den Nerds vom Überwachungsteam verband, war sogar durch
die aus dem Off eingespielten Zuschauerfragen hindurch spürbar. Um die Welt
zu betrachten, braucht man einen außerweltlichen Standpunkt – diese Einsicht,
die Philosophen und Raumfahrer verbindet, strahlte auch der Rekordspringer
aus, der wie damals das Team um Neil
Armstrong wenig redete.
Trotzdem gibt es einen fast himmelweiten Unterschied zwischen der Apollo-Mission und dem Projekt Stratos. Wo
jene den Mond nur als ersten Schritt zur
Erschließung des Universums betrachtete, ging es Baumgartner um die Gewinnung von Fallhöhe, oder, in der Sprache
der Physik, um potentielle Energie, die
sich in kinetische Energie zurückverwandeln lässt. Ein Nullsummenspiel,
wenn auch mit höchstem Einsatz. „Ganz
schön hoch hier“, so lautete der Satz,
den er im kurzen Augenblick vor dem
Absprung sagte, „ich komme zurück zu
dir, kleine Erde.“
Zeichnet man Felix Baumgartners
Abenteuer als Diagramm auf, so gleicht
es einer Pyramide: Aufstieg, Wendepunkt, Fall. Eigentlich sieht so seit Aristoteles das Handlungsgerüst der Tragödie aus. Doch anders als die Helden der
Antike, die wie Ikarus aus Verblendung
ins Unglück stürzten, hatte Baumgartner
einen Fallschirm im Gepäck. Das Projekt
Stratos war nichts anderes als ein kontrollierter Absturz, eine Katastrophe im
abgesicherten Modus.
Auch das ist eine Zeitmetapher. Man
muss Felix Baumgartner dankbar dafür
sein, dass er sie, stellvertretend für alle,
zur Aufführung gebracht hat.
er Kapitalismus ist ein glitschiges
Ding. Wenn man ihn ohne Umschweife in den Griff kriegen
will, das sah man gerade mal wieder im
Schauspiel Frankfurt, entflutscht er einem garantiert.
Das ist der hochgelobten Sprachartistin Felicia Zeller passiert, in der Uraufführung ihres neuen Stücks „X Freunde“
in Frankfurt. Ihren dramatischen Durchbruch hatte sie vor fünf Jahren mit „Kaspar Häuser Meer“, worin drei Sozialarbeiterinnen um die Wette quasseln und
sich von gegenläufigen Momenten zerreißen lassen: „Vorne wird gebremst,
gleichzeitig Gas gegeben.“ Das klingt
nach der Autoindustrie, die immerhin
dort erfunden, wo Zeller geboren wurde:
in Stuttgart.
Spätestens mit „X Freunde“ erweist
sich Zeller als ihr gelehriger Geselle. Wie
Synergien suchende Autobauer schraubt
sie ein neues Stück auf die alte Karosserie: schon wieder drei munter drauflos
labernde Leute, eine Unternehmensberaterin, ein arbeitsloser Hausmann, ein
Künstler, der an der titelgebenden
Skulpturserie bastelt. Das hat wohl irgendwas mit Facebook zu tun, mit all
den Freunden, die man im sogenannten
echten Leben nicht hat. Der dauergestressten
Unternehmensberaterin
baumelt, während sie auf dem MacBook
tippt und gleichzeitig Sit-ups macht, das
iPhone wie ein Medaillon um den Hals.
Das Foto ihres Mannes, der vorgeblich
Zwiebeln schmort, aber eigentlich nur
im eigenen Saft, steckt jedenfalls nicht
darin. Am Ende bringt er sich um, weil
sie nie Zeit für ihn hatte. Sie kriegt es
vor lauter Arbeit tagelang nicht mit und
ist dann empört: „Sein Tod kam mir sehr
ungelegen.“ Als sie sich das sagen hört,
merkt sie, dass was falsch läuft in ihrem
Leben. Jetzt geht sie joggen. Alternativ
könnte sie im Porsche ein paar Runden
drehen. Beides stellt man sich ganz angenehm vor, wenn die Strecke so platt
ist wie das Stück.
Noch platter ist nur noch die Inszenierung von Bettina Bruinier. Das Gezappel, Gerenne und Gequietsche der armen Schauspieler ist aber so wenig der
Rede wert, dass man besser beim Text
bleibt und bei der Frage, was da schiefgelaufen ist. Eins ist mal klar: Mit symbolischer Brachialgewalt kommt man
dem selbstausbeuterischen Zeitgeist
nicht bei. Zellers Diagnose ist ja nicht
falsch, wenn auch wenig originell. Nur
bringt einen die reine Denunziation vom
genüsslichen Gipfel der Hochkultur
eben auch nicht weiter. Zellers gehetzte
Poesie ist schon schön – über ihre Figuren schrieb mal wer, wie sie sprächen,
sei wichtiger als was sie sagten. Da konnten die Premierenbanker wohlfeil jubeln;
von diesem Sprachspiel, das den Kitsch
der Konstruktion hinter der Raffinesse
des Rhythmus zu verbergen sucht, haben
sie nichts zu befürchten.
jan.kueveler@welt.de
Ausnahmsweise mal eine Ehrung ohne Chinesen
Köln verabschiedet Kasper König, Direktor des Museum Ludwig, mit einem hinreißenden Heiner-Goebbels-Stück
THOMAS SCHMID
E
s war ein bemerkenswerter, ja
hinreißender Abend, mit dem
Kasper König, der Ende des Monats scheidende Direktor des Museum
Ludwig in Köln, auf großer Bühne geehrt
wurde. Tout Cologne war bei platterndem Regen in die Philharmonie direkt
neben dem Museum gekommen, um König die Reverenz zu erweisen. Rudolf
Hans König, der sich Kasper nennt, ist
ein eigenwilliger, durchsetzungsstarker
Förderer, Finder und Aussteller von
Kunst, eitel gewiss auch, aber von einem
durch und durch zivilen common sense
geprägt, der ihn himmelweit von den
Ego-Knallchargen unterscheidet, die auf
diesem Markt so oft das Sagen haben.
Ein angelsächsischer Schalk sitzt in König, dem 2009 die Ehrendoktorwürde
des Nova Scotia College of Art and Design in Halifax verliehen wurde.
Bemerkenswert war der heitere Abend
nicht der drei Lobreden wegen, die Kasper König gewidmet waren. In keiner
von ihnen nahm die Person des Geehr-
ten Gestalt an, es war nur LaudatorenRoutine. Bemerkenswert war der Abend
auch nicht wegen der Moderation Harald Schmidts. Obgleich diese durchaus
geeignet war, mit ihrem Sarkasmus ein
Abgleiten der Festgemeinde ins Selbsterschauern zu verhindern. Hübsch, wie
Schmidt – in mäßig sitzendem Anzug –
eingangs feststellte, dies sei ausnahmsweise eine Ehrung, bei der der Geehrte
kein Chinese sei.
Bemerkenswert war der Abend schon
eher, weil zu Anfang das Frankfurter Ensemble Modern Heiner Goebbels’ „Eislermaterial“ zur Aufführung brachte, wie
man früher gesagt hätte. Kasper König,
in den 90er-Jahren Rektor der Städelschule in Frankfurt, hatte es sich so gewünscht. Die Eisler-Montage, von 14 Musikern und einem Sänger, dem wunderbar nüchtern und beiläufig singenden Josef Bierbichler, auf die Bühne gebracht,
stammt aus dem Jahr 1998. Den Komponisten Heiner Goebbels treibt seit mehr
als 30 Jahren das Begehren um, Hanns
Eisler aus dem Schrein des sozialistischen Arbeiterkitsches zu befreien und
den Schönberg-Schüler als wahren
Künstler zu rehabilitieren.
Soweit das noch möglich ist, gelingt
Goebbels das. Er versteckt in seiner Collage den stampfenden Unfug, der proletarisch sein soll, nicht. Goebbels versucht zu retten, was zu retten ist. Und
das schafft er, indem er den Musikern
expressive Soli gewährt, indem er das
Parteihochschulhafte so elegant wie milde zertrümmert. Indem er den Solitär
Josef Bierbichler glänzen lässt. Indem er
nicht verbirgt, dass der Eisler-Brechtsche Versuch, Musik und Literatur ohne
Qualitätsverlust in die Politik zu treiben,
wenig Gutes hervorgebracht hat.
Und doch hat er Respekt vor und Zuneigung zu der bewegten Vision der beiden, die das geistige Deutschland einmal
bewegt hat und die so dramatisch gescheitert ist, für alle sichtbar spätestens
mit dem schmählichen, aber verdienten
Untergang der DDR. Es war einmal ein
Traum, und er war schön. Brecht hat ihn
in seiner „Kinderhymne“, die eine Alternative zur deutschen Nationalhymne
sein sollte, anrührend in Worte gefasst:
„Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Dass ein
gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land.“ So beginnt „Eislermaterial“ – und natürlich hat sich Harald
Schmidt mit einer selbstverfassten Imitation des Arbeiterliedtons, der nie außerhalb von Bürgerzimmern erklungen
ist, über solche Nostalgie lustig gemacht.
Und doch: Anmut sparet nicht noch
Mühe – das ist einfach schön. Und: wie
ein andres gutes Land – das ist so utopisch gar nicht wie der Traum derer, die
einst die DDR für den besseren deutschen Staat gehalten hatten. „Und nicht
über und nicht unter / Andern Völkern
wolln wir sein / Von der See bis zu den
Alpen / Von der Oder bis zum Rhein“:
Dieses Land gibt es, geformt, gehärtet
und zivil geworden in einem seit mehr
als 60 Jahren im Gang befindlichen
Lern- und Festigungsprozess. Es heißt –
Bundesrepublik Deutschland.
Brecht müsste sich keine Sorgen mehr
machen: Die Völker erbleichen nicht vor
uns, sie reichen uns die Hände. Kein
Zweifel, es blüht – Krise hin, Krise her –
ein gutes Deutschland wie ein andres gutes Land.
Und eben das war vielleicht das Bemerkenswerteste an dem Abend: Er ließ
geradezu das Bedürfnis wachsen, dass eine Kunst, eine Musik, eine Literatur entstünden, die das Lob dieser Republik
singen, die so gut und so verbesserungswürdig ist. Man grämt sich, wenn man
beobachten muss, dass Künstler wie
Goebbels und Bierbichler irgendwie
doch noch ein wenig am Busen der Systemkritik hängen und melancholisch auf
zerplatze Träume blicken. Wie begeistert
wären wir, wenn die beiden – stellvertretend für viele – die Lust packen würde,
wirklich diesseitig zu werden und auf
der Bühne unsere „nivellierte Mittelklassegesellschaft“ (Helmut Schelsky) zum
Tanzen zu bringen. Wir sind doch nicht
dazu verdammt, einem vermurksten
Gestern nachzuweinen und darob die
Wunder und Tragödien der Gegenwart
zu übersehen. Auch Kasper König würde
sich vermutlich freuen, wenn das
Deutschland der Künste es schaffte, diesen toten Winkel zu verlassen.
F E U I L L E T O N - R E D A K T I O N : T E L E F O N : 0 3 0 – 2 5 9 1 7 2 9 1 7 | FA X : 0 3 0 – 2 5 9 1 7 2 9 3 9 | E - M A I L : F E U I L L E T O N @ W E LT. D E | I N T E R N E T : W E LT. D E / K U LT U R
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