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Die Kunst der Stunde: Was tun mit Nordkorea? - Konrad-Adenauer

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 LÄNDERBERICHT
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
KOREA
CHRISTIN DIANA BECKER
JANINE LÄPPLE
2. Mai 2013
www.kas.de/korea
Die Kunst der Stunde: Was tun
mit Nordkorea?
www.kas.de
Mit Blick auf das isolierte Nordkorea be-
Handlungen der USA und Südkoreas erklär-
steht eine enorme Herausforderung darin,
te Nordkorea zudem, seinen stillgelegten
das derzeit besonders aggressive Verhal-
Kernreaktor Yongbyon wieder in Betrieb
ten Kim Jong Uns einzuordnen. Dies ist
nehmen zu wollen. Eine weitere Zuspitzung
notwendig, um das Handeln des jungen
der Situation erfolgte durch die Blockade der
Machthabers nachvollziehen und sich, da-
gemeinsamen Sonderwirtschaftszone
rauf aufbauend, mit potenziellen Konflikt-
Kaesong vonseiten Nordkoreas und die Er-
lösungsansätzen auseinandersetzen zu
höhung der Alarmbereitschaft der Streit-
können. Welche Handlungsoptionen blei-
kräfte der USA, Südkoreas und Japans.
ben der internationalen Staatengemein-
Nach den Feierlichkeiten zum 101. Ge-
schaft angesichts der in den letzten Wo-
burtstag des Staatsgründers Kim Il Sung
chen erheblich verschärften Kriegsrheto-
am 15. April nannte Nordkorea schließlich
rik aus Pjöngjang? Ein besonnener Um-
Bedingungen für eventuelle Verhandlungen
gang mit dem gesamten Problemkomplex
mit den USA und Südkorea und wies damit
Nordkorea scheint in jedem Fall das Gebot
die vormals durch Amerika aufgestellten
der Stunde zu sein.
Konditionen für einen Dialog deutlich zurück.
Was bisher geschah
Kim Jong Un: Der Wahnsinnige…
Kim Jong Un, der nach dem Tod seines Vaters Kim Jong Il im Dezember 2011 neuer
Doch was steckt hinter den aktuellen Droh-
„oberster Führer der Partei, des Volkes und
gebärden? Der Größenwahn eines noch un-
der Streitkräfte“ Nordkoreas wurde, weckte
erfahrenen Diktators oder vielmehr eine kla-
in seiner diesjährigen Neujahrsansprache
re Strategie, die konkrete, den eigenen Nut-
Hoffnungen auf bevorstehende Veränderun-
zen maximierende Ziele verfolgt? Was für
gen. In seiner Rede thematisierte er sowohl
Szenarien bezüglich der weiteren Entwick-
Wirtschaftsreformen als auch die Aussicht
lung des Korea-Konflikts sind vor diesem
auf eine Verbesserung der Beziehungen zu
Hintergrund denkbar?
Südkorea. Spätestens mit dem Nukleartest
vom 12. Februar dieses Jahres war aller-
Diese zentralen Fragen lassen sich nur be-
dings jede Zuversicht bezüglich eines Kurs-
antworten, wenn man die internen Struktu-
wechsels verflogen. Infolge des Atomtests
ren des Systems und die spezifische Denk-
verschärfte die UN abermals ihre Sanktio-
weise Kim Jong Uns so gut wie möglich
nen, wodurch eine Spirale nordkoreanischer
nachzuvollziehen versucht. In den deut-
Kriegsrhetorik und entsprechender Gegen-
schen Medien wird Kim Jong Un gern als
reaktionen Amerikas und Südkoreas in Gang
"der Irre"1 oder der "Milchbubi-Diktator"2
gesetzt wurde. Anfang März kündigte Nordkorea schließlich den seit 1953 bestehenden
Nichtangriffspakt mit Südkorea. Beide Staaten befinden sich formal noch immer im
Kriegszustand miteinander. Als Reaktion auf
weitere als Provokationen wahrgenommene
1
"Der Irre aus Nordkorea und sein Säbelrasseln,“
12.03.2013,
http://www.bild.de/politik/ausland/kim-jongun/gaga-oder-gefaehrlich-29464802.bild.html,
letzter Zugriff 25.04.2013.
2
Andreas Thewalt, "Schweinchen Kim. Südkoreaner verhöhnen DICKtator," 2013,
2
dargestellt. Dies verstärkt den Eindruck ei-
aus erfolgreich, da sie dem Land dringend
nes gänzlich irrationalen, geradezu verrück-
benötigte Wirtschafts- und Lebensmittelhil-
KOREA
ten Akteurs, der willkürlich mit Drohungen
fen sicherte. Warum also sollte Kim Jong Un
CHRISTIN DIANA BECKER
um sich wirft, ohne deren Konsequenzen zu
diese Taktik nicht fortführen?
JANINE LÄPPLE
bedenken. Oberflächlich betrachtet scheint
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
diese Annahme auch durchaus begründet zu
2. Mai 2013
Die Atombombe als außenpolitische Le-
sein. Die Kriegsrhetorik Kim Jong Uns und
bensversicherung
der über die letzten Jahre andauernde
www.kas.de/korea
Wechsel von Drohgebärden und Zugeständ-
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nissen wirkt unberechenbar und für Außen-
halten Kim Jong Uns spielen darüber hinaus
stehende unverständlich. Besonders ange-
die politischen Rahmenbedingungen der in
sichts der militärischen Unterlegenheit
Asien-Pazifik aktiven Mächte. Diese waren
Nordkoreas gegenüber den USA und Südko-
in den letzten Monaten durch umfassende
rea scheint Kim Jong Un die Stabilität und
Veränderungen gekennzeichnet; Regie-
Sicherheit seines Landes mit den aktuellen
rungswechsel und Wahlen in China, Südko-
Drohungen nur unnötig zu gefährden. Ein
rea, den USA und Japan bilden den Hinter-
Krieg würde – so die einhellige Experten-
grund, vor dem eine weitere Facette der
meinung – innerhalb kürzester Zeit das En-
nordkoreanischen Strategie sichtbar wird.
de Nordkoreas und der Kim-Dynastie nach
sich ziehen, was nicht im Sinne Kim Jong
Eine wichtige Rolle für das derzeitige Ver-
Die Raketentests sowie die harsche Kriegs-
Uns sein kann. Auf den ersten Blick spricht
rhetorik stellen den Versuch dar, die eige-
folglich alles für die Irrationalität des
nen Handlungsspielräume auszutesten. Ins-
Machthabers.
besondere wird dieser Faktor deutlich, wenn
man den Zeitpunkt des dritten Nukleartests
…oder der brillante Stratege?
bedenkt. Dieser fand kurz vor dem Amtsan-
tritt der neuen südkoreanischen Präsidentin
Betrachtet man den langjährigen Konflikt
Park Geun Hye und während des zweiwö-
allerdings aus der Perspektive Kim Jong
chigen chinesischen Neujahrsfests statt. Am
Uns, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Es
selben Tag hielt Präsident Obama zudem
wird deutlich, dass der junge Diktator kei-
seine Rede zur Lage der Nation. Ein solches
neswegs verrückt, sondern sein Verhalten
Timing lässt sich schwer als Zufall abtun,
durch rationale Motive geprägt ist. Entspre-
sondern stellt vielmehr den Versuch dar, die
chendes galt auch für seinen Vater, was mit
Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf
Blick auf die nordkoreanische Außenpolitik
Nordkorea zu lenken. Dies kann als weiteres
der letzten Jahrzehnte deutlich wird: Es
Zeichen für die Rationalität Kim Jong Uns
lässt sich eine Art Konflikt–Entspannung-
gewertet werden.
Zyklus identifizieren. Seit den 1980ern folg-
te auf eine Phase der Eskalation in der Re-
Gleiches lässt sich mit Blick auf die nukleare
gel etwa sechs Monate später eine Phase
Aufrüstung Nordkoreas insgesamt feststel-
der Entspannung und des Dialogs, in der
len. Die Atombombe stellt für das Land
Nordkorea gegen Zugeständnisse schließlich
nicht nur ein hervorragendes Druckmittel
Hilfsleistungen erhielt.3 Der stetige Wechsel
dar, um Hilfen zu erpressen, sondern dient
von Drohungen und Gesprächsbereitschaft
auch als exzellente Lebensversicherung.
ist also nicht Folge von Willkür und Unbere-
Kim Jong Un ist sich über die militärische
chenbarkeit, sondern vielmehr die Fortset-
Unterlegenheit in Bezug auf die konventio-
zung einer langjährig praktizierten Strate-
nellen Waffen seines Landes, die veraltet
gie. Diese war in der Vergangenheit durch-
sind und zahlreiche technische Mängel auf-
weisen, durchaus im Klaren. Der Besitz der
http://www.bild.de/politik/ausland/koreakrise/demonstranten-in-suedkorea-verhoehnendiktator-kim-als-schweinchen-30056024.bild.html,
letzter Zugriff 24.04.2013.
3
Victor Cha, zitiert nach Bernhard Bartsch, "Strategie des Jungtyrannen," Frankfurter Rundschau,
15.04.2013.
Atombombe minimiert deshalb aus Sicht
Nordkoreas die Gefahr eines Angriffs vonseiten Amerikas oder Südkoreas erheblich
und sichert somit den Fortbestand des Landes und der Kim-Dynastie. Der Atombombentest im Februar hatte daher auch den
3
Zweck, den Gegnern Nordkoreas erneut die
den werden von der politischen Führung als
nukleare Macht des Landes zu demonstrie-
Reaktion auf eine Gefahr von außen darge-
KOREA
ren und sie so auf Abstand zu halten. Die
stellt, die auch für die schlechte Versor-
CHRISTIN DIANA BECKER
Selbstinszenierung Kim Jong Uns als ver-
gungslage im Land verantwortlich gemacht
JANINE LÄPPLE
rückter, irrationaler Führer folgt derselben
wird. Durch diese Feindbildstrategie soll die
Logik: Ein Land, das über Atombomben ver-
Bevölkerung stärker hinter Kim Jong Un
fügt und an dessen Spitze ein unberechen-
vereint und das bisherige Ausbleiben der
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2. Mai 2013
barer Diktator steht, sollte man mit Vorsicht
versprochenen Wirtschaftsreformen ge-
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handhaben.
rechtfertigt werden.
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Lebensversicherung
gie nicht nur von Kim Jong Un durchdacht
worden ist, sondern auch andere Akteure
Ein weiterer Aspekt, der Kim Jong Uns Ver-
maßgeblichen Einfluss auf die Außen- und
halten erklärt, ist die innenpolitische Situa-
Innenpolitik des Landes nehmen. Insbeson-
tion, mit der der Machthaber sich im Mo-
dere sein angeheirateter Onkel Chang Sung
ment konfrontiert sieht. Er ist jung, uner-
Taek scheint die Geschicke des Landes mit-
fahren und war, anders als sein Großvater,
zubestimmen und dabei genau zu kalkulie-
nicht an Kämpfen für sein Vaterland betei-
ren, was der eigenen Machtsicherung dient.
ligt. Der Übergang von Kim Jong Il zu Kim
Die vielschichtigen Gründe zeigen in jedem
Jong Un war außerdem im Verhältnis zum
Fall deutlich: der junge Machthaber und sei-
vorangegangenen Machtwechsel wenig vor-
ne Vertrauten sind weder verrückt noch un-
bereitet. Aus diesen Gründen steht Kim
bedacht. Nicht umsonst ist Nordkorea seit
Jong Un unter einem großen Legitimations-
60 Jahren fest in den Händen der Kims.
druck sowohl gegenüber dem Volk als auch
Doch welche Szenarien ergeben sich ange-
gegenüber den alten Eliten des Landes, ins-
sichts der aktuellen Konfliktsituation und
besondere im militärischen Bereich. Ein
wie hat die internationale Staatengemein-
starkes Indiz dafür ist in der personellen
schaft auf die Provokationen Nordkoreas
Umstrukturierung des Leitungsstabs zu er-
reagiert?
kennen, die der Diktator im vergangenen
Machtdemonstration als innenpolitische
Jahr vorgenommen hat. Zahlreiche Perso-
Es ist davon auszugehen, dass diese Strate-
Reaktionen der Weltöffentlichkeit
nen in Machtpositionen traten aus gesund-
heitlichen Gründen zurück oder starben
Mit Blick auf die aktuelle Konfliktsituation
überraschend und wurden durch loyale Ge-
besteht die größte Gefahr in einer unbeab-
folgsleute ersetzt. Unter ihnen war auch Ri
sichtigten Kettenreaktion, die in einer krie-
Yong ho, Militärchef und enger Vertrauter
gerischen Auseinandersetzung kulminiert.
von Kim Jong Il. Diese Vorgänge sind ein
Das Gefahrenpotenzial einer Konflikteskala-
klares Zeichen dafür, dass die Herrschaft
tion wurde vor allem in den westlichen Me-
Kim Jong Uns intern nicht von allen Seiten
dien umfassend thematisiert. Insbesondere
akzeptiert wird und dass er keine Mittel
die massive Anhäufung von Drohungen und
scheut, um dies zu ändern. Vor diesem Hin-
die Akzentuierung der nuklearen Schlagkraft
tergrund muss auch die aktuelle Kriegsrhe-
Nordkoreas führten dazu, dass die derzeiti-
torik interpretiert werden. Indem er Un-
ge Krise als außergewöhnlich bedrohlich
beugsamkeit gegenüber dem Ausland de-
wahrgenommen wurde. Dies galt verstärkt,
monstriert und zeigt, dass er gewillt ist, für
nachdem sich die Drohungen aus Pjöngjang
sein Land einzutreten, versucht Kim Jong
in Folge der Aufstockung der amerikani-
Un, seine eigene Machtposition zu stabilisie-
schen Streitmacht im Rahmen der routine-
ren und diese gegenüber den alten Eliten
mäßigen, gemeinsamen jährlichen Manöver
abzusichern.
der USA und Südkoreas massiv verschärf-
ten. Die Kriegsrhetorik richtete sich nicht
Ähnlich verhält es sich mit der Legitimation
nur gegen die USA, sondern auch den
Kim Jong Uns gegenüber dem nordkoreani-
Nachbarn im Süden. Allerdings ist dort auf
schen Volk, das seit Jahrzehnten unter Ar-
die schrillen und teilweise als überzogen
mut und Hungersnot leidet. Die Drohgebär-
wahrgenommenen Töne jenseits des 38.
4
Breitengrades vergleichsweise gelassen re-
sichts seiner desaströsen wirtschaftlichen
agiert worden.
und finanziellen Lage nicht leisten. Mit Blick
auf eine wirtschaftliche Liberalisierung wie-
CHRISTIN DIANA BECKER
Tatsächlich scheint ein Erstschlag Nordkore-
derum, besteht in Pjöngjang die wohl
JANINE LÄPPLE
as unwahrscheinlich. Wie bereits dargelegt,
durchaus berechtigte Sorge, auch im politi-
ist davon auszugehen, dass dem jungen
schen Bereich die Zügel aus der Hand geben
Diktator durchaus bewusst ist, dass ein
zu müssen.
Erstschlag gleichsam ein Akt der Selbstzer-
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KOREA
2. Mai 2013
www.kas.de/korea
störung wäre. An einem solchen Konflikt-
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ausgang können Kim und seine Vertrauten
als rationale Akteure, die primär um den
Sollte Nordkorea früher oder später tatsäch-
China als Schlüsselfigur im Konflikt?
eigenen Machterhalt bemüht sind, nicht in-
lich kollabieren, ist eine darauffolgende
teressiert sein.
mögliche Wiedervereinigung mit dem Süden
nur durch ein verstärktes Engagement der
Das Gefahrenpotenzial der gegenwärtigen
internationalen Staatengemeinschaft zu be-
Situation sollte dennoch keinesfalls unter-
wältigen. Derzeit scheint eine solche Lösung
schätzt werden. So ist das ohnehin konflikt-
jedoch in weiter Ferne. Fraglich ist insbe-
geladene Verhältnis zwischen China, Japan,
sondere, ob China dazu bereit wäre, ein En-
Südkorea und Nordkorea durch die aktuelle
de des kommunistischen Nachbarlandes
Krise noch komplexer geworden. In Japan
mitzutragen. Der zu erwartende Flüchtlings-
beispielsweise dürfte sich die Aufrüstung
strom – der, obwohl ein Standardargument
nicht nur, wie offiziell angegeben, gegen die
in entsprechenden Debatten, nie völlig
Bedrohung aus Nordkorea richten, sondern
glaubwürdig begründet - wird häufig als
auch gegen China. Die Beziehungen zwi-
Grund dafür angeführt, dass China einen
schen der drittgrößten und zweitgrößten
Zusammenbruch des kommunistischen
Volkswirtschaft der Welt gelten unter ande-
Nachbarlandes nicht zulassen werde. Zu-
rem aufgrund des Streits um die Senkaku-
dem sei der Wegfall der Pufferzone zwi-
Inseln als äußerst angespannt. Verstärkte
schen China und der Republik Korea, wo
Bemühungen um eine Entspannung der La-
noch immer US-amerikanische Streitkräfte
ge werden durch die regionalen Konflikte
stationiert sind, ein wesentlicher Grund für
erschwert, wären aber ein weiteres Gebot
die chinesische Zurückhaltung.
der Stunde.
In der Tat ist anzunehmen, dass eine Aus-
Das Dilemma der Diktatur
dehnung des Einflusses Washingtons auf
den nördlichen Teil der Halbinsel nicht im
Doch selbst wenn es zu einer neuerlichen
Interesse Pekings liegt. Vor diesem Hinter-
Entspannungsphase kommen sollte, wäre
grund wird deutlich, wie wichtig es auch mit
damit der Konflikt-Entspannung-Zyklus auf
Blick auf den aktuellen Konflikt ist, das Ver-
der koreanischen Halbinsel längst nicht un-
hältnis zwischen China und den USA zu ver-
terbrochen. Eine dauerhafte Konfliktlösung
bessern und der Volksrepublik glaubhaft zu
kann es letztlich nicht geben, solange eine
vermitteln, dass ihre Sicherheit nicht ge-
menschenverachtende Diktatur fortbesteht,
fährdet ist. Dies ist zwar keine Garantie da-
die internationale Verhaltensregeln konse-
für, dass China sein Druckmittelspektrum
quent missachtet. In der Tat ist es auch
gegenüber Nordkorea tatsächlich nutzt,
nicht wahrscheinlich, dass sich der „Zombie-
könnte die Chancen dafür aber erhöhen.
4
Staat“ , der einzelne lebenswichtige Funkti-
Insbesondere aufgrund der massiven Ab-
onen längst nicht mehr erfüllt, dauerhaft am
hängigkeit Nordkoreas von Öllieferungen und
Leben halten kann. Eine weitere Abriege-
Hilfsleistungen aus China hat Peking
lung nach außen kann sich das Land ange-
durchaus die Möglichkeit, Einfluss auszu-
üben. Inwiefern China bereit ist, diese Mög-
4
Hanns W. Maull, "Ein Zombie-Staat bedroht die
Welt. Internationale Handlungsoptionen gegenüber Nordkorea," Zeitschrift für Internationale Politik, Nr. 1 (2011), S. 100-108.
lichkeit zu nutzen, bleibt jedoch abzuwarten.
5
Als sicher gilt, dass Peking aus rationalen
der in der Sanktionsforschung bekannte
Gründen ein ernsthaftes Interesse an einem
Rally-around-the-flag-Effekt5 auch mit Blick
KOREA
atomwaffenfreien Nordkorea und einer Ent-
auf Nordkorea eine potenzielle Gefahr. Die-
CHRISTIN DIANA BECKER
spannung der Lage besitzt. China scheint im
sem Effekt zufolge stärken Sanktionen die
JANINE LÄPPLE
derzeitigen Konflikt am meisten zu verlieren
interne ideologische Kohäsionskraft des be-
zu haben. Schließlich will die politische Füh-
troffenen Staates, indem sie eine Solidari-
rung vermeiden, dass das Atomprogramm
sierungsbewegung mit der jeweiligen politi-
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2. Mai 2013
Nordkoreas eine Kettenreaktion in der Regi-
schen Führungsriege in Gang setzen. Die
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on auslöst und sich auch andere Staaten
Maßnahmen laufen damit dem intendierten
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wie beispielsweise Taiwan und Japan dazu
Ziel der Senderstaaten zuwider. Aus huma-
veranlasst sehen, nachzurüsten. In der re-
nitärer Sicht ist zu konstatieren, dass die
gierenden Saenuri-Partei Südkoreas wurden
UN-Sanktionen vorrangig auf die nordkore-
im Zusammenhang mit den jüngsten Ausei-
anischen Eliten abzielen und versucht wur-
nandersetzungen bereits Stimmen laut, die
de, humanitäre Schäden zu minimieren. Ei-
eine nukleare Aufrüstung des Landes forder-
ne Evaluierung des Erfolgs bzw. Misserfolgs
ten. Dies dürfte dem Interesse Chinas dia-
bisheriger Sanktionen ist jedoch letztlich
metral entgegenlaufen. Gleiches gilt für eine
aufgrund der schlechten Datenlage äußerst
potenzielle militärische Auseinandersetzung
schwierig. Gleiches gilt für die gemeinsam
in Folge einer Eskalation des Korea-
stattfindenden Militärübungen von Südkorea
Konfliktes. Dadurch würde der wirtschaftli-
und den USA. Angesichts der jedes Mal in
che Modernisierungsprozess in China mit
Folge der Übungen verschärften Sicher-
hoher Wahrscheinlichkeit verlangsamt wer-
heitssituation wäre zumindest eine umfas-
den.
sendere Analyse des Kosten-Nutzen-
Verhältnisses notwendig. Ob die Wahrneh-
Die Führung in Peking ist sich aus den be-
mung einer anhaltenden externen Bedro-
schriebenen Gründen der Wichtigkeit einer
hung in Nordkorea dadurch reduziert wer-
Entspannung der aktuellen Situation be-
den kann, ist allerdings fraglich.
wusst. Diese Auffassung teilt China grund-
sätzlich mit den USA, weshalb die Volksre-
Das Dilemma der internationalen Staaten-
publik einer Verschärfung der UN-
gemeinschaft
Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt
hat. Die wachsende Kritik aus Peking und
Unstrittig ist, dass eine gewaltfreie Konflikt-
die Unterstützung schärferer Sanktionen im
entschärfung auf der koreanischen Halbinsel
UN-Sicherheitsrat wecken den Anschein,
derzeit nur durch eine Rückkehr der Partei-
dass das Land zunehmend die Geduld mit
en an einen gemeinsamen Verhandlungs-
dem Nachbarn verliert. Allerdings müsste
tisch erzielt werden kann. Dabei scheinen
die Rhetorik auch von konkreten Handlun-
die Sechs-Parteien-Gespräche aufgrund der
gen begleitet werden, um von einem tat-
Einbeziehung der Mächte China, USA, Süd-
sächlichen Verhaltenswandel sprechen zu
korea, Nordkorea, Japan und Russland das
können. Ungeachtet dessen hat die interna-
derzeit geeignetste – weil einzig verfügbare
tionale Staatengemeinschaft das Verhalten
– Format zu sein, auch wenn die in diesem
Chinas als Signal der Kooperationsbereit-
Rahmen stattgefundenen Verhandlungen
schaft gewertet und durchaus positiv aufge-
bislang nicht von Erfolg gekrönt waren. Ge-
nommen.
genseitige sicherheitspolitische Garantien
könnten theoretisch die Lage entspannen.
Der Nordkoreaexperte Rüdiger Frank von
der Universität Wien stellt sogar die These
Alte Strategien überdenken
auf, dass Kim Jong Un die versprochenen
Wirtschaftsreformen einleiten könnte, wenn
tatsächlich hilfreich sind, um den Konflikt zu
Allerdings ist zu hinterfragen, ob Sanktionen
lösen oder zumindest zu entschärfen. So ist
5
Johannes Gerschewski, "Sanktionen gegen Nordkorea: Effektives Instrument oder reine Schaupoli-
tik?," Japan aktuell, Nr. 6 (2007), S. 37-52, hier
S. 41.
6
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
genug dafür sieht.6 Solche WirtschaftsreKOREA
formen seien nötig, damit das statische
CHRISTIN DIANA BECKER
System eine Dynamik entfalten und es im
JANINE LÄPPLE
besten Falle zu einer partiellen Öffnung des
Landes kommen könne. Die Geschichte
2. Mai 2013
er sich außen- wie innenpolitisch gefestigt
lehrt jedoch, dass es mindestens genauso
wahrscheinlich ist, dass Kim Jong Un auch
www.kas.de/korea
weiterhin Hilfsleistungen erpresst und inter-
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nationale Vereinbarungen missachtet.
Die formale Zusage in gemeinsamen Verhandlungen ist längst keine Garantie für eine tatsächliche Umsetzung der Zugeständnisse. Das Dilemma der internationalen
Staatengemeinschaft besteht jedoch darin,
dass sich ihr momentan keine wirklichen
Handlungsalternativen bieten, wenn eine
friedliche Entwicklung auf der koreanischen
Halbinsel gewährleistet werden soll.
Herausforderungen für die USA
Allerdings stehen die Chancen derzeit selbst
für einen ohnehin unsicheren Entspannungsansatz schlecht. Gegen diesen sprechen vor allem die diametral entgegengesetzten Ziele Nordkoreas und der USA:
Während Kim Jong Un darauf besteht, dass
die Diktatur als Atommacht anerkannt wird,
sehen die USA die nukleare Abrüstung
Nordkoreas als Voraussetzung für weitere
Verhandlungen. Die USA stehen deshalb vor
einer besonderen Herausforderung, da sie
sich der Außenwirkung eines Einlenkens im
Falle Nordkoreas mit Blick auf die atomare
Aufrüstung im Iran durchaus bewusst sind.
Auf der anderen Seite will man in Washington eine Eskalation auf der koreanischen
Halbinsel verhindern. Tatsächlich sind die
Folgewirkungen eines ausbrechenden Krieges schwer absehbar. Will die internationale
Staatengemeinschaft einen solchen Krieg
jedoch vermeiden, führt an einem Dialog
kein Weg vorbei. Dabei sollte die Sicherheitsdimension auf der koreanischen Halbinsel ebenso Berücksichtigung finden wie
humanitäre Aspekte.
6
Rüdiger Frank, "Jung ambitioniert, risikofreudig,"
Sächsische Zeitung, 10.04.2013.
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